Книга Ach los, scheiß der Hund drauf! читать онлайн бесплатно, автор Peter Chemnitz – Fictionbook, cтраница 5
Peter Chemnitz Ach los, scheiß der Hund drauf!
Ach los, scheiß der Hund drauf!
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Peter Chemnitz Ach los, scheiß der Hund drauf!

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Irgendwie kam ich mir veralbert vor. Dieser Schmidt-Lehmann entsprach so gar nicht meinen Vorstellungen von einem Geheimdienst. Das waren offenbar Amateure. „Nein, mit denen möchte ich nichts zu tun haben“, beschloss ich innerlich. Trotzdem ließ ich mich auf ein weiteres Treffen eine Woche später ein. Mein Agent wurde diesmal von einem Kollegen begleitet, der zog die gleiche Nummer ab: Er heiße eigentlich Meier, trete aber heute unter dem Namen Fleischer auf. Das reichte mir. Ich sagte den beiden Herren ab.

Ein paar Jahre später, ich war inzwischen Redakteur beim „stern“ in Hamburg, wurde der BND erneut vorstellig. Diesmal in Form eines Mannes, den ich vom „Rheinischen Merkur“ her kannte und von dem ich wusste, dass er ein Resident war, also ein festangesiedelter Agent des Bundesnachrichtendienstes. In Hamburg trat er als freier Journalist auf. „Herr Braumann, vielleicht wird es ja diesmal etwas mit uns. Sie sind jetzt für den „stern“ tätig und kommen viel mehr in der Welt herum und können uns viel mehr liefern, wie sieht es mit einer Zusammenarbeit aus?“, fragte er mich. Ich willigte erneut in ein Gespräch ein. Wir trafen uns in der Wohnung des Residenten.

„Wie sieht das eigentlich finanziell aus, wenn ich Ihnen Informationen verschaffe?“, fragte ich gleich. Schließlich war das eine Sache, die nichts mit Moral zu tun hatte, sondern allein mit Geld. Der Agent eierte rum. Gewiss, sie würden mich natürlich bezahlen, aber eine konkrete Summe könne er nicht nennen. Und wieder war das Auftreten eines BND-Mitarbeiters ausgesprochen amateurhaft. Dazu kam, dass ich inzwischen wusste, dass der westdeutsche Geheimdienst von alten Nazis und SS-Leuten aufgebaut worden war und Hunderte hier noch ihre Arbeit versahen. Der Verein sagte mir überhaupt nicht zu und ich verneinte endgültig.

Wie richtig ich gehandelt hatte, zeigte sich ein paar Jahre später. In der Bundesrepublik hatten sich die politischen Vorzeichen geändert. Willy Brandt und Walter Scheel hatten zum großen Entsetzen von Bundeskanzler Kiesinger eine rot-gelbe Koalition gebildet. 1969 wurde Horst Ehmke Kanzleramtsminister und versprach in der Öffentlichkeit, mit eisernem Besen in den Ministerien und speziell in dem ihm unterstehenden Bundesnachrichtendienst zu kehren. Und das tat er. Der Dienst wurde neu organisiert und zahlreiche Leute wurden entlassen. Es geschah aber auch etwas, was Geheimdienste eigentlich nie machen: Es wurden Geheimnisse preisgegeben. So bekam Ehmke beispielsweise die Liste mit den Namen aller westdeutschen Journalisten, die für den BND arbeiteten. Der SPD-Mann war eng mit Manfred Bissinger befreundet, dem damaligen stellvertretenden Chefredakteur des „stern“. Dem sagte er eines Abends in gemütlicher Runde: „Da sind ja etliche aus deiner Redaktion für den BND tätig.“ Bissinger, der Revolutionär und führende Linke in der Redaktion, wurde sofort hellhörig. Das würde ihn schon sehr interessieren, wer da auf der Liste stünde. Und Minister Ehmke hat den Geheimnisverrat fortgesetzt und erzählt, wer von den „Gruner + Jahr“-Journalisten beim BND unter Vertrag stand. Darunter befand sich unter anderem ein Mann namens Steinmeier, der als Korrespondent für „stern“ und „Die Zeit“ in Moskau saß. Der bekam sage und schreibe 10.000 DM monatlich vom Bundesnachrichtendienst. Steinmeier kannte ich. Das war ein älterer Herr, kriegsversehrt, mit einem Holzbein. Wenn der dem BND so viel wert war, dachte ich mir, musste er ja heftig Informationen geliefert haben. Aber dies aus einem Land, dessen Geheimdienst in einer ganz anderen Liga spielte als der deutsche? Irgendwie bot sich die Vorstellung an, dass da jemand auf zwei Schultern getragen wurde.

Es gab eine herrliche Szene, als Manfred Bissinger zu mir ins Redaktionszimmer kam. Er legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: „Gratuliere, das hätte ich nicht gedacht, dass du nicht dabei bist. Du stehst nicht auf der Liste.“ – „Welche Liste?“, fragte ich erstaunt. „Auf der BND-Liste.“ Weil ich diesen Hype um Willy Brandt nicht mitmachte, galt ich als Faschist und ein solcher musste in den Augen Bissingers natürlich auch für den BND arbeiten. Nun räumte er ein, sich getäuscht zu haben.

Ich verzieh Bissinger und arbeitete weiter an meinem Bericht für den MI6, den britischen Auslandsgeheimdienst. Denn natürlich hatte ich den Verlockungen nicht widerstehen können. Das hing mit dem charmanten Geschäftsmann Anthony Divall zusammen. Kennengelernt hatte ich ihn während des Biafra-Kriegs. Als dieser begann, war Biafra noch von keinem unabhängigen afrikanischen Land anerkannt worden. Deswegen war es kompliziert, hinzukommen. Die Hilfsflugzeuge, die von Lissabon aus flogen, mussten entweder auf damals portugiesischem oder spanischem Gebiet zwischenlanden, also entweder auf Sao Tomé oder Fernando Po vor der afrikanischen Westküste. Erst im Laufe des Jahres 1967 verbesserte sich die Situation, weil die Elfenbeinküste diplomatische Beziehungen mit Biafra aufnahm und nun dort Station gemacht werden konnte.

Bei den Reisen nach Biafra übernachtete ich häufig im Hotel „Tivoli“ in Lissabon. Zur Übernachtung gehörte stets ein abendlicher Barbesuch, denn zu dieser Zeit war ich ein großer Anhänger des Barlebens. Es war für mich völlig unvorstellbar, in einem großen Hotel ins Bett zu gehen, ohne zuvor an der Bar gewesen zu sein. Auch war das für die Kontaktpflege wichtig. Schließlich war es nicht selbstverständlich, dass Reporter von einer der von Hilfsorganisationen gecharterten Maschinen mitgenommen wurden. Aber ich hatte enge Kontake zur katholischen Caritas Internationalis, die einen Großteil der Flüge nach Biafra bezahlte, weil dort vor allem Katholiken lebten. An der „Tivoli“-Bar lernte ich eines Abends den Engländer Anthony Divall kennen und bald auch schätzen. Für die nächsten 30 Jahre zählte er zu meinen besten Freunden.

Tony war Unternehmer und hatte ein eigenes Flugzeug, mit dem er Hilfsflüge in die Kriegsgebiete der ganzen Welt organisierte. Er hatte die Luftbrücke des eingetragenen Vereins „Fördergesellschaft Afrika“ nach Biafra organisiert sowie Flüge in den Südsudan, wo animistische und christliche Schwarze gegen die Vorherrschaft der mohammedanischen Nordsudanesen rebellierten. Und natürlich flog er auch Waffen nach Biafra. „Wir sind nicht auf Milchpulver-Transporte spezialisiert“, sagte er einmal. Ich selbst bin mit ihm mehrere Male nach Afrika geflogen.

Vor allem aber hatte Anthony Divall eine interessante Geschichte. Als 18-jähriger Royal-Marine war er nach Deutschland gekommen und hatte uns befreit. Als seine Einheit auf den Elbwiesen bei Lauenburg erfuhr, dass der Krieg zu Ende sei, wollte er in Deutschland bleiben und meldete sich zum militärischen Geheimdienst, dem Military Intelligence Service, Section 6 (MI6). Er wurde nach Berlin versetzt und arbeitete dort in den ersten zwei, drei Nachkriegsjahren. Dann aber machten die Briten die für sie schreckliche Entdeckung, dass der Berliner Büroleiter ein Doppelagent war und sie lösten das Büro komplett auf. Fortan war Anthony Divall als freiberuflicher Waffenhändler tätig und wurde vom MI6 immer dann eingesetzt, wenn Großbritannien irgendwelche Bewegungen mit Waffen unterstützen wollte, das aber nicht bekannt werden sollte.

Irgendwann fragte mich Tony, ob ich mir vorstellen könnte, ihm hin und wieder Informationen zu liefern. Er spielte gleich mit offenen Karten: „Ich bin eine Art Relaisstation für den MI6 und du, Randy, bist häufig in afrikanischen und arabischen Ländern unterwegs. Und was da passiert, interessiert uns Engländer sehr.“ Nun war mir Divall sympathisch und irgendwie auch der britische Geheimdienst. Ich wusste einiges aus Kriminalromanen und auch James Bond war schon erfunden. Das Ganze erschien mir seriös.

Ich lieferte Tony also die ersten Informationen und die waren offenbar gut, denn nach einiger Zeit wurde mir mitgeteilt, dass mich ein Geheimdienstmitarbeiter aus London kennenlernen möchte. Es war ein gewisser Donald, er kam nach Hamburg und ich habe mit ihm die Reeperbahn besucht. Der Brite war hin und weg. Hamburg war damals meines Wissens die einzige Stadt der Welt, wo auf der Bühne echter Sex gezeigt wurde. Das war eine Attraktion weltweit und das wollte man sehen. Donald kam bald öfters nach Hamburg und bat mich stets, mit ihm die Reeperbahn zu besuchen. Auch ich freute mich auf seine Besuche, denn er brachte immer einen Briefumschlag mit meinem Agentenlohn mit. Das war für mich sehr schönes privates Geld, über das ich mit meiner Familie nicht redete, das für mich privat zur Verfügung stand. Unter anderem auch für den einen oder anderen Besuch der Reeperbahn.

Die Zusammenarbeit mit dem MI6 lief sehr sauber und professionell ab. Die Geschichte endete erst Jahre später mit dem Falklandkrieg 1982. Ich arbeitete für das Reportagemagazin „Geo“, als die Briten zu mir mit einem sehr gut durchdachten Vorschlag kamen. Man habe gewisse Kontakte zu meinem Chefredakteur und es gebe die Möglichkeit, dass dieser mir vorschlage, eine mehrwöchige Reportagereise durch Patagonien zu machen. Dabei sollte ich die Küste entlangfahren und mir alles notieren, was mir an argentinischen Artillerie- und Raketenstellungen auffalle. Nun war aber auch in Deutschland bekannt, wie die Stimmung in Argentinien war und dass die dort regierende Militärjunta Jagd auf Spione machte. Einige waren schon geschnappt und zu Gefängnisstrafen von bis zu 30 Jahren verurteilt wurden. Dass ich mich einem solchen Risiko aussetzen sollte, behagte mir gar nicht. Das war mir wirklich zu gefährlich und ich beschloss, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, die Zusammenarbeit mit dem MI6 zu beenden. Die waren einverstanden. „Okay. Wir verstehen das. Sache erledigt. Mund halten.“ Es wurde ein Schlussstrich gezogen und es galt für beide Seiten das Schweigegebot. Wir trennten uns als Freunde. In summa waren unsere 15 Jahre Zusammenarbeit davon geprägt, dass beide Seiten profitierten. Ich jedenfalls kann mich nicht beklagen.

Blumen für Leni

Beim Comeback der Filmregisseurin Leni Riefenstahl (1902-2003) als weltweit beachtete und anerkannte Fotografin hat der „stern“ eine große Rolle gespielt. 1975 erschien eine Fotostrecke, die als „beste fotografische Leistung des Jahres“ mit der Goldmedaille des Art-Directors-Club Deutschland ausgezeichnet wurde. Bereits 1969 war im „stern“ die Fotostrecke „Leni Riefenstahl fotografiert die Nuba – Was noch nie ein Weißer sah“ veröffentlicht. Die Aufnahmen, die Leni Riefenstahl im Südsudan gemacht hatte, waren wirklich hervorragend.

Es war unser Art-Director Rolf Gillhausen, der auf die Fotos gestoßen war. Der Mann war ein richtiger Bildkünstler, wie es sie heute nicht mehr gibt. Er kannte weltweit die großen Fotografen und wusste genau, was in anderen Blättern erschienen war. Als Fotograf war er der erste westliche Journalist, der China besucht und eine Geschichte unter der Schlagzeile „Die blauen Ameisen“ im „stern“ geschrieben hatte, weil alle Chinesen blau gekleidet waren. 1956 fotografierte er beim Aufstand in Ungarn, wie die aufgebrachte Bevölkerung Jagd auf Mitarbeiter der ungarischen Staatssicherheit machte und diese kurzerhand aufknüpfte. Als ich zum „stern“ kam, war er Fotochef und sein Wort galt bei Chefredakteur Henri Nannen.

Als Nannen von Gillhausen die Riefenstahl-Fotos über die Nuba vorgelegt bekam, war er beeindruckt. Nannen war ohnehin Riefenstahl-Fan. Immerhin hatte er als Sprecher in ihrem berühmten Olympiafilm von 1936 mitgewirkt. Der Nächste, der die Fotos vorgelegt bekam, war ich. Nannen wusste, dass ich zu jener Handvoll Kollegen zählte, die ganz schnell eine lange Geschichte schreiben konnten, auch als Ghostwriter. Das war auch bei Swetlana Allilujewa so gewesen, der Tochter Stalins, die sich 1967 in den Westen abgesetzt hatte. In einer Nacht musste ich damals die erste Folge ihrer Memoiren, die der Verlag für viel Geld gekauft hatte, in „stern“-Deutsch umschreiben.

Wahrscheinlich spielte auch eine Rolle, dass ich den Südsudan kannte. Nannen schwärmte mir jedenfalls von den „sensationellen Fotos“ vor, die Gillhausen bei Leni Riefenstahl entdeckt hatte.

„Randy, das sind wunderbar ästhetische Aufnahmen nackter Naturmenschen, daraus müssen wir unbedingt eine Fotogeschichte machen. Ich möchte diese gern in der Weihnachtsausgabe unseren Lesern präsentieren. Das aber bedeutet, wir benötigen den Text dazu bis morgen früh. Frau Riefenstahl ist schon in Hamburg und wählt gemeinsam mit Gillhausen die Bilder aus. Meinen Sie, dass Sie noch heute zu ihr ins Hotel gehen könnten? Sie lassen sich von ihr erzählen, wie es in Afrika war, wie die Bilder entstanden sind und legen ihr dann morgen die Geschichte vor.“

„Gut, wo ist sie untergebracht?“ – „Im Hotel ‚Berliner Tor‘.“

Dort fuhr ich hin und erkundigte mich nach Riefenstahl. Die sei in ihrer Suite, hieß es. Wie ich später in ihren Memoiren las, befand sie sich damals in einer Phase der völligen Armut. Die Tatsache, vom „stern“ nach Hamburg eingeladen zu sein, hat sie offensichtlich sehr genossen. Ich klopfte also an die Tür und sagte, wer ich war. Und dass ich die Geschichte für den „stern“ schreiben würde.

„Ich lege Ihnen den Text morgen zum Frühstück vor und Sie sagen, ob er in Ordnung ist. Und dann drucken wir ihn.“

„Ach, junger Mann, das geht doch gar nicht. Es ist doch jetzt schon später Abend.“

Ich redete mit Engelszungen auf die Frau ein: „Lassen Sie es uns doch versuchen, Frau Riefenstahl. Wir setzen uns zwei Stunden zusammen, Sie erzählen mir von ihren Eindrücken, ich fahre dann nach Hause und versuche, die Geschichte bis morgen früh rund zu bekommen. Ich komme acht Uhr zum Frühstück ins Hotel. Sie lesen das und dann sind wir durch.“

Leni Riefenstahl ließ sich überreden und erzählte: Als sie sich auf die Suche nach den Nuba machte, war sie, Jahrgang 1902, schon knapp 60 Jahre alt. In Deutschland war sie seit Kriegsende wegen ihrer in der Nazi-Zeit entstandenen Filme und ihrer Nähe zum Führer verfemt, in Afrika entdeckte sie bei den sudanesischen Ureinwohnern plötzlich eine ganz neue Welt. Übrigens war es wiederum ein Foto im „stern“, das für sie die Initialzündung auslöste: das Bild eines muskulösen, mit weißer Asche bestäubten Nuba-Ringkämpfers. Mir erzählte sie sehr bildhaft, wie sie über die Berge geklettert war, diese Menschen kennengelernt und ihr Vertrauen gewonnen hatte.

Ich fand diese Schilderungen spannend. Daraus eine Geschichte zu schreiben, das schien mir überhaupt kein Problem zu sein. Auf jeden Fall, sagte ich mir, würde das einfacher als seinerzeit, als mir Nannen 200 Seiten Erinnerungen von Swetlana Stalin in die Hand drückte. Diese Erinnerungen musste ich erstmal komplett überfliegen, bevor ich etwas schreiben konnte. Leni Riefenstahl erzählte dagegen in Sprachbildern, die genauso beeindruckend waren wie ihre Fotos. Gegen Mitternacht verabschiedeten wir uns.

Einen schönen Einstieg glaubte ich schon gefunden zu haben: „Ich hatte zwei Stunden anstrengenden Aufstieg hinter mir, bog um eine Ecke und dann sah ich ihn: einen wunderschönen Mann, vielleicht 20 Jahre alt, und er war nackt.“ In diesem Stil habe ich, um den Leser in die Geschichte hineinzuziehen – es wäre ja kein schlechter Einstieg gewesen – geschrieben. Und es gab auch seriöse Teile. Es ging nicht nur um die Nacktheit, denn auch in anderen Teilen Afrikas läuft man nackt herum.

Optimistisch fuhr ich heim und schrieb die Geschichte auf. Erst im Nachhinein begriff ich, dass es ein Fehler war, die ganze Geschichte so boulevardesk anzufangen. Am nächsten Morgen bin ich frohgemut und zufrieden mit meinem Text pünktlich acht Uhr im Hotel erschienen. Ich hatte die ganze Nacht gearbeitet, war strikt trocken, hatte keinen Schluck Alkohol getrunken, dafür aber ganz viel Kaffee. Ich war high und dachte, sie liest das und dann wird das gedruckt.

Leni Riefenstahl nahm sich die Blätter und begann zu lesen: „Ich ging um die Ecke und da stand er. Er war 20 Jahre und nackt.“ Und da hörte ich ihren Aufschrei.

„Nein! Das ertrage ich nicht! Ich denke, ich bin mit einem seriösen Blatt zusammen und dann diese Diktion und diese Art der Darstellung! Das ist völlig unmöglich. So kann das nicht veröffentlich werden.“ Sie kreischte, weinte echte Tränen, warf mir den 25.000-DM-Scheck Nannens vor die Füße und schrie, sie habe sich noch nie so in einem Menschen getäuscht wie in mir.

Sie war völlig außer sich und weigerte sich, mehr als den ersten Absatz zu lesen. Sie gab mir zu verstehen, dass sie mit mir nichts mehr zu tun haben wollte. Sie dachte, das geht so weiter. In ihren Memoiren schrieb sie später, der Text „war nicht schlecht, im Gegenteil, er war journalistisch glänzend geschrieben, aber was da stand war zu sensationell und meinen Empfindungen diametral entgegengesetzt“.

„Tja“, habe ich gesagt, „Frau Riefenstahl, dann fahre ich jetzt zurück in die Redaktion und sage Herrn Nannen, dass das mit der Geschichte nichts wird oder Nannen muss eine andere Lösung finden.

Ich sagte „Adieu“ und setzte mich in ein Taxi, fuhr in die Redaktion und ließ mich beim Chefredakteur anmelden.

„Herr Nannen, hier ist mein Text, aber ich kann Ihnen gleich sagen, Leni hat ihn abgelehnt. Sie hat sogar mehrfach aufgeschrien und sie hat geweint. Ich will mit der nichts mehr zu tun haben. Wenn Sie noch mal mit ihr verhandeln wollen, dann müssen Sie jemand anderen hinschicken. Die Frau macht mich fertig. Ich habe mich wirklich bemüht und die hat geschrien und geweint.“ Mit dieser hysterischen Ziege will ich nichts mehr zu tun haben.

Nannen sah mich nachdenklich und seltsam an.

„Randy, kennen Sie denn nicht Leni Riefenstahl? Haben Sie noch nie etwas über sie gelesen? Leni weint und schreit immer. Auch wenn sie verliebt ist, weint und schreit sie erstmal. Das macht sie doch immer so, wenn sie ihren Willen durchsetzen will. Deshalb hatte schon Goebbels Angst vor ihr.“ Nannen wusste, wovon er redete: In Lenis weltweit verfilmten und mit Ehrungen überhäuften Olympia-Film hatte er mitgespielt. Denn groß, blond und blauäugig entsprach er dem Riefenstahl´schen Männlichkeits-Ideal. Er erklärte mir, wie die Sache „ganz leicht“ zu retten sei: mit einem gewaltigen Blumenstrauß, einem formvollendeten Handkuss und dann aber mit bestimmtem Auftreten.

„Fahren Sie ins Hotel, nehmen Sie Leni und kommen mit ihr in die Redaktion zurück. Wir werden dann alles klären.“

Ich fuhr also wieder ins Hotel, überreichte den Blumenstrauß und verhielt mich wie geheißen nach Art des Herrenmenschen. Leni Riefenstahl schrie auf: „Nein, das ist ja wunderschön! Aber trotzdem, Ihr Text ist unmöglich, der kann nicht veröffentlicht werden.“

„Frau Riefenstahl, ich habe mit Herrn Nannen darüber gesprochen. Wir können jederzeit ändern. Wir haben noch ein paar mehr Stunden Zeit, als er ursprünglich gesagt hat. Ich möchte Sie bitten, mit mir in die Redaktion zu kommen, da können wir über alles sprechen.“

Sie war tatsächlich einverstanden und wir fuhren zusammen in die Redaktion. Nannen, der den Text inzwischen gelesen hatte, redete gleich los: „Aber Leni, das ist der erste Absatz. Wir können ändern und auch ganz anders in die Geschichte einsteigen. Sie haben das letzte Wort hier. Sie entscheiden, wie wir publizieren.“

Das schmeichelte ihr und sie war einverstanden. In ihren Memoiren schildert sie die Szene. Sie schreibt, sie hätte sich an die Schreibmaschine gesetzt und geändert. Ich habe das so in Erinnerung, dass ich an der Schreibmaschine saß und neben mir Leni Riefenstahl. Gemeinsam gingen wir alles Zeile für Zeile durch. Und sicher hat sie den einen oder anderen Satz geändert, aber im Wesentlichen ist die Geschichte so geblieben, wie ich sie geschrieben hatte. Quasi in letzter Minute war alles fertig und der Text ging nach Gütersloh, wo der „stern“ gedruckt wurde.

Der Beitrag erschien wie von Nannen gewünscht in der Weihnachtsausgabe und hat international hohe Wellen geschlagen. Nach der Veröffentlichung der Story war Leni wieder im Geschäft – ich gebe allerdings zu, wegen der Fotos und nicht wegen des Textes. Aber der gehörte eben dazu.

Auch die Kollegen, die in Oppostion zu Nannen standen und es als Skandal empfanden, Riefenstahl ins Blatt zu rücken, verstummten vorübergehend. Die Fotos waren einfach zu gut.

Leni Riefenstahl und ich hatten uns an diesem Nachmittag freundlich mit Küsschen links und rechts verabschiedet. Leider sollte ich sie nie wiedersehen, aber faszinierend war diese Frau durchaus. Freunde wären wir gewiss nicht geworden, das war klar. Sie war nicht meine Frau und ich nicht ihr Kerl. Die Chemie passte nicht. Ich war ihr ein bisschen zu grob und sie mir zu zickig.

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