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Peter Chemnitz Ach los, scheiß der Hund drauf!
Ach los, scheiß der Hund drauf!
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Peter Chemnitz Ach los, scheiß der Hund drauf!

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Für ihn, der im Krieg gekämpft hatte, war mein Verhalten ein grober Verstoß gegen Freundschaft und Kollegialität. Für ihn musste man ein gegebenes Wort halten. Und Helmut Sorge hat nie wieder ein Wort mit mir gewechselt. Es herrschte fortan tiefe Feindschaft, wofür ich Verständnis habe. Es gab damals eine harte Konkurrenz zwischen „Spiegel“ und „stern“ und er wusste nicht, wie er seinen Leuten erklären sollte, dass ihm ein Besuch der Absturzstelle verwehrt geblieben ist, während der „stern“ mit zwei Leuten vor Ort gewesen war.

Helmut Sorge war wirklich am Boden zerstört. Er hat dann im „Spiegel“ eine verlogene Geschichte veröffentlicht, wie er sich mit dem Hundeschlitten zur Absturzstelle durchgekämpft hat. Die war vielleicht sogar spannender als meine, nur dass sie eben nicht der Wahrheit entsprach. Sorge hatte sich lediglich bei den Eskimos einen Schlitten und Hunde gemietet und sich fotografieren lassen. Auf das getürkte Material fiel auch der „DDR-Augenzeuge“, eine Dokumentarfilmreihe, herein, der in seinem Bericht über den Absturz eines US-Bombers in der Polarsternbucht als Fremdmaterial den Zeitungsausschnitt „Mit Hundeschlitten auf der Spur nach den Wasserstoffbomben“ einbaute.

Aber ich saß wirklich in diesem Helikopter und flog zur Unfallstelle. Und es hat sich gelohnt. In der totalen Dunkelheit Grönlands sahen wir plötzlich eine schier unglaubliche Szenerie. Die Amerikaner hatten Leitungen verlegt und große Kerosinlampen leuchteten die gesamte Fläche aus, auf der das Flugzeug explodiert war. Eine Anzahl von Männern war dabei, mit einer Art von Staubsaugern die herumliegenden Trümmerstückchen aufzusammeln. Die Bruchstücke waren bis zu zwei Meter tief in das Eis eingeschmolzen. Ich sah mir das an und war sehr froh, zu den wenigen Leuten zu gehören, die das zu sehen bekamen. Nach 20 Minuten wurden wir wieder zurückgeflogen. Jetzt hieß es, das Material so schnell wie möglich in die Redaktionen zu bringen.

Unmittelbar nach der Landung unseres Helikopters erfuhren wir, dass eine halbe Stunde später eine Maschine nach Kopenhagen fliegt. Diese könne aber nur Material mitnehmen. Diese Chance nutzten natürlich die Fotografen. Die Bilder waren viel wichtiger als die Geschichten. Die hätte man in Hamburg auch aus Agenturmaterial machen können, wobei es aber für eine Zeitschrift schöner ist, schreiben zu können, die eigenen Leute sind dabei gewesen. Fred Ihrt gab jedenfalls seine Filme mit einigen schnell geschrieben Notizen ab. Mir riet er, alles in Bewegung zu setzen, damit ich meine Geschichte schnell nach Hamburg kabeln könne. Satellitenverbindungen gab es ja damals noch keine, nur eine Telefonverbindung nach Labrador in Kanada. Es meldete sich ganz leise eine Dame, die mich auf meinen Wunsch, mit Hamburg in Germany zu sprechen, erst einmal mit New York verband. Von dort landete das Gespräch in einer Zentrale in Frankfurt am Main und wurde schließlich in die „stern“-Redaktion nach Hamburg umgeleitet. Ich schrie der Sekretärin meine Geschichte durch und war anschließend völlig glücklich. Und dann kam ein Eissturm, der uns für Tage in die Baracken verbannte.

Abenteuerlich war auch die Rückreise nach Europa. Nach dem Ende des Eissturms wurde uns angeboten, mit einer Maschine der US-Air Force in die USA zu fliegen. Einige der Journalisten wollten lieber auf einen Flieger nach Kopenhagen warten, aber ich kletterte mit Fred Ihrt und weiteren Reportern über eine Steigleiter in den achtstrahligen Boeing-Militärtransporter. Da man uns die Arktiskleidung wieder abgenommen hatte, fror ich prompt mit den Händen an der eisigen Leiter an und riss mir Hautfetzen ab. In der Maschine war es genauso kalt wie draußen, da die Ladeklappen offenstanden. Ich erlebte das, was ich bis dahin nur aus Landser-Heften über den Russlandfeldzug und Stalingrad gelesen hatte: 20 Journalisten kauerten sich ganz eng zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen. Schließlich war alles verladen, die Klappen gingen zu und die Maschine startete. Gleichzeitig fuhr die Heizung hoch und innerhalb weniger Minuten wurde es kochend heiß. Bis auf einen Schützenpanzer war der ganze Frachtraum leer. Wir saßen an den Wänden auf Bänken wie in den Filmen die Fallschirmjäger, bevor sie an die Luke geführt werden, um rauszuspringen. Eine Toilette gab es nicht, nur ganz hinten ein paar Rohre zum Reinpinkeln.

Nach einer Zwischenlandung in Neufundland, wo wir an Bord blieben, landeten wir auf einem Luftwaffenstützpunkt in Newark im Bundesstaat New Jersey, etwa 30 Kilometer südlich der Stadt New York. Bis dahin hatte ich über Passangelegenheiten nicht nachgedacht, jetzt aber wurde das zu einem Problem. Fred Ihrt hatte einen Pass mit amerikanischem Visum, ich einen Pass ohne amerikanisches Visum. Mir wurde mitgeteilt, ich dürfte gar nicht hier sein. Geduldig fing ich an, den Behörden zu erklären, dass ich von der US Base Thule käme, Journalist sei, über den Bomberabsturz geschrieben hätte und nur nach Europa zurückwolle.

Tja, hieß es, man müsse mich sofort zum internationalen Flughafen bringen und die bundesdeutsche Botschaft informieren: Ich würde abgeschoben. Das war ein Erlebnis. Bis dahin war mein Bild von den Amerikanern als Befreier 1945 positiv geprägt gewesen, durch diese Aktion hat es sich verändert. Nicht, dass ich schlecht behandelt wurde, aber ich wurde abgeschoben. Seitdem weiß ich, dass die amerikanische Bürokratie jede andere Bürokratie in der Welt übertrifft. Man brachte mich mit einem Miliärfahrzeug zum internationalen Flughafen. Dort empfing mich der deutsche Presseattaché mit der Frage: „Was haben Sie denn gemacht?“ Dann wurde ich in die nächste Lufthansa-Maschine nach Europa gesetzt. Als ich wieder in der „stern“-Redaktion erschien, war unser Beitrag, mehrere Seiten lang und mit vielen Fotos versehen, längst erschienen. Und, was damals äußerst wichtig war, eine Woche früher als die Geschichte im „Spiegel“.

Übrigens habe ich lange geglaubt, dass die vier Wasserstoffbomben noch immer im Meer schlummern, wie uns damals die amerikanischen Militärs versichert haben. Gewundert hatte mich nur, dass die amerikanischen Soldaten und die dänischen Spezialisten, die da mehrfach zur Absturzstelle geflogen worden waren, ziemlich unzeitgemäß verstarben. Es musste also doch sehr gefährlich gewesen sein. Im Internet kann man jetzt nachlesen, dass die Amerikaner 57 Millionen Liter radioaktiv verseuchten Schnee in versiegelten Spezialcontainern abtransportiert haben. Und aus einem in US-Archiven entdeckten Schreiben von General Edward B. Giller an die US-Atomenergiekommission ist die Rede davon, dass das Flugzeugwrack und drei der Bomben beziehungsweise Bruchstücke von ihnen gefunden wurden. Was aus der vierten Wasserstoffbombe – jener mit der Nummer 78252 – wurde, darüber gehen die Meinungen auseinander. Im August 2000 berichtete die dänische Zeitung „Jyllands Posten“, diese Bombe würde noch immer im Meer liegen. Prompt dementierte das ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, alle vier Bomben seien durch das Feuer zerstört worden. Uns wurde damals gesagt, sie seien alle mit dem Wrack versunken.

Die Rache des

Bundespräsidenten Lübke

„Allah, das ist Deutschland“ – unter dieser Schlagzeile berichtete der „stern“ über die letzte Auslandsreise des Bundespräsidenten Heinrich Lübke 1968. Mit dem bundesdeutschen Staatsoberhaupt waren auch Fotograf Fred Ihrt und ich unterwegs, mit dem klaren Auftrag festzuhalten, wie Lübke Gastgeber und Protokoll zur Verzweiflung bringen würde. Und davon sollte es auch diesmal wieder genug geben.

Während seiner Amtszeit war der Sauerländer Heinrich Lübke ununterbrochen Gegenstand der kabarettistischen Belustigung. Es ging so weit, dass die Münchner Lach- und Schießgesellschaft mit Dieter Hildebrand nicht mehr im Fernsehen auftreten durfte, weil der Bayerische Rundfunk befürchtete, dass der Bundespräsident in diesen Sendungen beleidigt würde. Und je mehr Lübke in Deutschland Hohn und Spott ausgesetzt war, desto mehr schien er ins Ausland zu flüchten.

Trotzdem frage ich mich heute noch, warum haben wir Heinrich Lübke, Präsident der Bundesrepublik Deutschland, so unbarmherzig verfolgt? Er hatte uns Journalisten nichts getan. Er hatte auch dem deutschen Volk nie etwas Böses angetan. Und bei den Staatsbesuchen im Ausland, von denen es eine ganze Menge gab, ist er ausgesprochen gut angekommen. Jedenfalls haben mir Afrikaner oft gesagt, was für ein sympathischer Mann doch dieser ältere Herr mit den weißen Haaren sei. Andererseits wussten wir Journalisten, dass bei seinen Reden immer etwas Seltsames passierte.

Die Kampagne der deutschen Medien gegen Lübke ging bereits mit seiner Wahl zum Bundespräsidenten 1959 los. Er war bis dahin für Landwirtschaft und Ernährung zuständig und galt als einer der einfältigsten Minister in der Regierung. Bundespräsidentenkandidat wurde er nur, weil Konrad Adenauer, der eigentlich für diesen Posten vorgesehen war, sich plötzlich weigerte. Adenauer war klar geworden, wie nutzlos und politisch unbedeutend dieses Amt war.

Die CDU, die Lübke loswerden wollte, sagte, gut, dann wird er also Präsidentschaftskandidat. Ich kann mich noch an Zeitungsüberschriften erinnern: „Ausgerechnet Lübke!“ Es herrschte unter den Kollegen eine allgemeine Fassungslosigkeit, wie man auf die Idee kommen konnte, ausgerechnet diesen Menschen zu nominieren. Zumal Lübke gegen den populären Intellektuellen Carlo Schmitt antrat, den die SPD präsentierte – damals gab es tatsächlich noch richtig spannende Wahlen.

Was Lübke in den Augen vieler, auch in meinen, verdächtig machte, war, dass er Sauerländer und überdies in einer einklassigen Dorfschule großgeworden war. Sauerländer gelten im Westen als Hinterwäldler. Jeder Westfale erkennt den Sauerländer an seiner Sprache. Er kann nicht einfach „sch“ sagen, sondern spricht beispielsweise Schule als „Sch-chule“ aus. Die größte Stadt des Sauerlandes ist Meschede, da sagt der Sauerländer „Mesch-chede“, die Maschine ist die „Masch-chine“. Es kommt dann noch dazu, dass er kein „G“ wie Gustav sagt, sondern wie ein Holländer spricht: Er geht nicht, sondern er cheht.Letztlich wurde aber Lübke gewählt, weil die Koalitionsparteien CDU, FDP und der damals in der Regierung vertretene Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) eine Mehrheit hatten. Und er wurde 1964 sogar noch einmal wiedergewählt. Dagegen wehrte sich der Leiter des Präsidialbüros. Er sprach etwas aus, was wir in den Redaktionen auch schon diskutiert und geahnt hatten: Heinrich Lübke war schwer krank. Er litt unter Sprechstörungen und Gedächtnisverlust. Aber das wollte niemand hören. Der Büroleiter wurde als Botschafter nach Rom abgeschoben und Lübke sogar von der SPD gewählt. Zuvor hatte es ein legendäres Gespräch zwischen ihm und dem alten Kommunisten Herbert Wehner gegeben, dessen Inhalt eine Frage war: „Wenn wir jetzt mit in die Regierung einsteigen, werden Sie als Bundespräsident doch nichts dagegen haben?“ Natürlich hatte Lübke „nichts dachegen“. So liefen die Spiele in der Bonner Republik.

Lübke hat in seiner Amtszeit reihenweise Staatsbesuche gemacht. Er war beinahe ununterbrochen auf fernsten Kontinenten unterwegs und hat von den Philippinen bis Tschad jedes unabhängige Land besucht. Als ich 1966 zum „stern“ kam, waren seine Sprechweisheiten schon legendär. So nannte er beispielsweise bei einer Japanreise die Millionenstadt Osaka mehrfach in öffentlichen Reden Okasa. So hieß aber ein sehr populäres Potenzmittel. Die Frau des Staatsspräsidenten von Madagaskar, Justine Tsiranana, sprach er mit Frau Tananarive an. So hieß die Hauptstadt. In Liberia begann er 1962 seine Begrüßungsansprache mit den Worten: „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger.“ Das ist alles bezeugt. „Neger“ war damals noch kein Schimpfwort, aber Lübke hat schon einen Unterschied zwischen Negern und anderen Menschen gemacht.

Ich selbst erlebte Lübke beim Abschiedsempfang in Tunesien. Protokollgemäß hatte diesen die deutsche Botschaft organisiert. Eine tunesische Kapelle intonierte zu Ehren des hohen Gastes das Deutschlandlied. Die arabische Instrumentierung gab der ehrwürdigen Melodie Haydns einen orientalisch-melancholischen Klang und die Gäste des Staatsbanketts im „Hotel Tunis“ blickten gerührt auf den netten weißhaarigen Präsidenten jenes Landes, das eine so schöne Nationalhymne hat. Bundespräsident Lübke aber blickte nicht gerührt, sondern böse. Plötzlich drehte er sich zu seinem Dolmetscher um: „Sagen Sie ihm, dass die Musik schlecht ist.“ Dabei deutete er mit dem Daumen zu Tunesiens Präsidenten Burgiba. Dolmetscher Nikolaus Merten zog ein weißes Tüchlein aus der Frackweste, tupfte sich die Schweißperlen von der Stirn, straffte sich und wandte sich strahlend an Burgiba, der sich herüberneigte, weil er glaubte, Lübke hätte etwas Wichtiges gesagt: „Herr Präsident Lübke bemerkt zu Recht, dass die unterschiedliche Interpretation einer Hymne sehr reizvoll sein kann und dass ...“

„Sagen Sie ihm, die Musik spielt falsch.“ Bundespräsident Heinrich Lübke hat reihenweise Staatsbesuche absolviert. Mir gab er nur zögernd die Hand.


„Sagen Sie ihm, die Musik spielt falsch.“

„... Jawohl, also dass eine arabische Kapelle eine europäische Hymne ganz anders spielt, als es etwa eine deutsche Kapelle tun würde ...“

„Was erklären Sie eigentlich dauernd? Sagen Sie ihm, dass die Musik schlecht ist.“

Während er übersetzte, schrieb Dolmetscher Merten hektisch einen Zettel und reichte diesen dem ihm gegenüberstehenden Protokollchef: „Bitte sofort die Tafel auflösen.“ Der wusste, wie er auf den Hilferuf zu reagieren hatte. Schlimmeres war zu verhindern. Hans Schwarzmann setzte sein charmantestes Lächeln auf und sagte: „Herr Präsident, meine Damen und Herren, wir bedanken uns herzlich. Es war sehr angenehm in Tunesien.“

Es war immer wieder der Dolmetscher, der Aussagen von Lübke geradebiegen musste. Mitunter griff auch Wilhelmina Lübke ein, zehn Jahre älter als ihr Mann, ihm geistig weit überlegen und gut in Fremdsprachen. Sie schnitt kurzerhand dem Dolmetscher das Wort ab und übersetzte an seiner Stelle. So verhinderte sie gleich zu Beginn des Staatsbesuchs in Tunesien einen Fauxpas. Der Mercedes 600 mit dem Ehepaar Lübke, dem tunesischen Präsidenten Habib Burgiba und dem Dolmetscher rollte samt Ehreneskorte vom Flughafen Karthago zur Hauptstadt Tunis. Der Weg führte am Gefängnis vorbei, in dem die Franzosen den Freiheitskämpfer Burgiba 1935 bis 1937 eingekerkert hatten.

„Da drinnen habe ich in den 30er Jahren lange genug gesessen.“

„Verhaftet?“

„Ja.“

„Dann wird er es verdient haben.“

Hier griff der Dolmetscher ein und übersetzte:

„Das war wohl eine schwere menschliche Prüfung für Sie, Herr Präsident.“

Daraufhin hat sich dann Wilhelmina Lübke eingeschaltet: „Heinrich, lass das jetzt. Wir können hinterher darüber reden.“

Als ihm der Präsident später in seinem Arbeitszimmer stolz Fotokopien jener Steckbriefe zeigte, mit denen die Franzosen in den 30er Jahren die tunesischen Freiheitskämpfer gesucht hatten, war auf einer Burgiba zu sehen. Dieser wurde wegen Landfriedensbruchs, Anstiftung zum Aufruhr und zum Rassenhass gesucht. Lübke, am Abend zuvor in Burgibas Bankettrede als „soldat de la liberté“ (Kämpfer für die Freiheit) gefeiert, fand in den Porträts der tunesischen Nationalhelden einen völlig neuen Aspekt: „Die sehen ja aus, als wenn man sie aus dem Keller gezogen hätte.“

Der Kerl hat sich mit seinen 74 Jahren aufgeführt wie ein störrisches Kind. Er wollte immer seine Meinung zum Ausdruck bringen. Mehrfach forderte er Schwarze auf, sich regelmäßig zu „wasch-chen“. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass er die dunkle Hautfarbe darauf zurückführte, dass da irgendwie zu wenig Seifenweißer zugeführt worden war. Das Protokoll hat verzweifelt versucht, ihn irgendwie zu leiten. Er bekam Sprechzettel mit ganz großer Schrift. Er konnte auch schlecht sehen. Aber er ist dann immer vom Manuskript abgewichen.

Beim Ehrenempfang für das Diplomatische Korps in Tunis riet er dem Botschafter der Wüsten-Republik Niger mit vorgehaltenem Zeigefinger: „Sie habe ja in Ihrem Lande so wenig Wasser. Da müssen Sie mal in den Flussläufen bohren.“ Während sich der Bundespräsident dem nächsten Diplomaten zuwandte, flüsterte der Niger-Botschafter dem neben ihm stehenden schwedischen Vertreter zu: „Allah, ca c’est l’Allemagne! – Allah, das ist Deutschland!“

Einer anderen Episode verdanke ich meine langjährige Freundschaft mit dem Präsidenten Togos, Etienne Guassingbe Eyadema. Ich hatte ihn bei einer Recherche kennengelernt, wir waren fast gleichaltrig und einander sofort sympathisch. Gegen Eyadema führte Heinrich Lübke einen privaten Rachefeldzug. Er hielt den 31-jährigen General für den Mörder seines Freundes Sylvanus Olympio. Dieser war als erster Staatschef Afrikas einem Putsch seiner Soldaten zum Opfer gefallen.

Olympio hatte etwas, was Lübke sehr angenehm empfunden hatte: Er sprach nicht nur ausgezeichnet Portugiesisch, Französisch, Englisch und Ewe, sondern auch Deutsch. Das brachte ihm die tiefe Freundschaft Heinrich Lübkes ein, der sich mit diesem Staatsmann wie mit kaum einem anderen Auslandsgast mühelos verständigen konnte. Als dieser Mann am 13. Januar 1963 vor der amerikanischen Botschaft getötet wurde, sann Lübke auf Rache. Den Initiatoren des Putsches sollte kein Deutscher mehr freundschaftlich die Hand drücken. Als dann Anfang 1966 der Staatsbesuch in Togo anstand, dachte sich der Bundespräsident etwas ganz Besonderes aus, um dem damaligen Oberbefehlshaber der Armee, Eyadema, nicht die Hand geben zu müssen. Auf dem Flug von Nigeria in die ehemalige deutsche Kolonie ließ er sich einen Verband um den rechten Unterarm legen und verkündete, sich diesen verstaucht zu haben. Man nahm ihm das auch ab und bei der offiziellen Begrüßung gab es nur ein gegenseitiges Kopfnicken. Enttäuscht waren einige Veteranen der früheren deutschen Schutztruppe, die dem deutschen Präsidenten gern die Hand gedrückt hätten.

Problematischer wurde es bei der großen Feier im Hafen, den die Deutschen bauten. Einige der Gäste, die nahe bei Lübke standen, begannen seine linke Hand zu drücken. Die war ja nicht verbunden. Auch Staatspräsident Nicolas Grunitzky gab Lübke die linke Hand und dann kamen alle Minister, und dann kam Eyadema. Da drehte sich Lübke um und steckte die linke Hand in die Jackentasche.

Die Togolesen empfanden das als anmaßend und beleidigend, schwiegen aber. Zwei Jahre später sollte Eyadema, der inzwischen Grunitzky gestürzt hatte und selbst Präsident geworden war, Deutschland besuchen. Noch immer war Heinrich Lübke Bundespräsident und sann auf Rache. Das hatte übrigens auch während eines Neujahrsempfangs der Botschafter des südafrikanischen Königreichs Lesotho, Kotsokoane, zu spüren bekommen, wie der „Spiegel“ damals genüsslich berichtete. „Mein alter Freund Olympio ist von Ihrem Präsidenten ums Leben gebracht worden.“ Der Botschafter zeigte sich fassungslos: „Nein, nein, das kann nicht sein. Mein Präsident lebt noch.“ Lübke korrigierte, er meine den Vorgänger. „Mein Präsident hat noch keinen Vorgänger, wir sind doch erst vor eineinhalb Jahren unabhängig geworden.“ Lübke soll den Einwand abgewiesen haben: „Ach was, das sind doch alles nur Ausflüchte.“

Vor Eyademas Staatsbesuch in der Bundesrepublik hatte ich ihm beim Bier die Sache mit der verbundenen Hand erzählt. Er konnte sich erinnern, dass ihm das aufgefallen war, aber was der Grund war, wusste er bis dahin nicht. Jetzt hielt er sich den Bauch vor Lachen. Dann heckten wir eine schöne Geschichte für den „stern“ aus. Wir waren ja dicke Freunde und jedes Mal, wenn ich in der Hauptstadt Lomé war, sei es auch nur für einen Tag, gingen wir ins Bayerische Bierhaus zum Essen. Bei offiziellen Terminen lud er mich mehrfach in den Präsidentenpalast ein. Es gibt Fotos, wie ich stramm im weißen Anzug neben ihm stehe, während ein ausländischer Botschafter seine Akkreditierung überreicht. Speziell erinnere ich mich an einen indischen Diplomaten. Der muss den Eindruck bekommen haben, in Togo gibt es wieder einen deutschen Gouverneur.

Im „stern“ erschien dann die Story „Der Streit um Lübkes Hand“. Und wie abgesprochen ließ die togolesische Regierung als Reaktion darauf dem Auswärtigen Amt mitteilen, dass ein Abbruch der diplomatischen Beziehungen unvermeidlich sei, falls Lübke Präsident Eyadema noch einmal so brüskieren sollte.

Diese Drohung kam an. Als am 7. Mai 1968 Präsident Eyadema in Bonn eintraf, wurde er am Eingang der Villa Hammerschmidt von Bundespräsident Lübke mit Handschlag begrüßt. Nach dem Essen zu Ehren des Gastes wurde dieser demonstrativ zu einer zweiten, privaten Aussprache unter vier Augen für den kommenden Tag eingeladen – eine Ehre, die bis dahin noch keinem afrikanischen Bonn-Besucher widerfahren war. Eyadema sagte mir anschließend: „Der Artikel im ‚stern‘ hat die Luft gereinigt. Die deutsch-togolesischen Beziehungen sind jetzt besser als je zuvor.“

Wie kamen wir Journalisten nun an diese vielen kleinen Anekdoten beispielsweise aus Tunesien heran? Natürlich saßen wir nicht mit Lübke und dem tunesischen Präsidenten im Auto. Aber zumindest zwei aus der Journaille, Peter Koch vom „Spiegel“ und ich vom „stern“, saßen abends mit den Leuten vom Protokoll, vom Auswärtigen Amt und Außenminister Willy Brandt, dessen Kampfname „Weinbrand-Willy“ war, in der Hotelbar. Und dort erzählten alle völlig entnervt, was sich im Laufe des Tages so alles abgespielt hatte. Für alle Beteiligten war klar, dass über diese Peinlichkeiten nicht berichtet werden würde. Wir wollten auch Brandt nicht in Schwierigkeiten bringen, denn für vieles hätte allein er die Quelle sein können.

Als ich aber in Hamburg in der Redaktion saß und meine Geschichte schrieb, flossen mir diese Anekdoten automatisch in den Text. Und ich fand sie gut, als ich am Ende alles las. Mir war klar, dass das mein Chefredakteur toll finden würde. So war es auch. Kurz vor dem Druck klingelte plötzlich mein Telefon. Peter Koch vom „Spiegel“ war dran – es musste also Verräter bei uns gegeben haben – und beschimpfte mich heftig: „Du Sau, du hast die Sachen doch geschrieben. Jetzt bleibt mir gar nichts anderes übrig, als auch alles auszupacken.“ Er bezeichnete mich noch als einen außerordentlich unmoralischen Menschen. Mit Koch sollte sich auch nie wieder ein kollegiales Verhältnis einstellen, was später für mich tragische Folgen hatte. Denn Peter Koch war ausgerechnet zu einem Zeitpunkt Chefredakteur des „stern“ geworden, als ich einen Job suchte. Koch ist dann selbst ein Opfer der gefälschten Hitlertagebücher geworden. Von ihm stammt das berühmte Zitat, dass die Geschichte des Dritten Reiches in großen Teilen neu geschrieben werden müsse. Er starb schon 1989, gerade mal 50 Jahre alt.

Der Tunesienbesuch war die letzte Auslandsreise Lübkes. Im Oktober 1968 kündigte er aus Krankheitsgründen seinen Amtsverzicht zum 30. Juni 1969 an. Das war ein paar Monate vor dem offiziellen Ende der Amtszeit. Uns Journalisten blieb nicht einmal dieses Triumphgefühl, wie es die Kollegen der „BILD“ genießen konnten, als sie Bundespräsident Christian Wulff zur Strecke gebracht hatten. Lübke tauchte einfach unter. Die erste Nachricht, die man wieder von ihm hörte, war die seines Todes. Er wurde auf dem Dorffriedhof von Enkhausen im Sauerland begraben. Heute ist die Erinnerung an ihn vergangen, aber er hat zehn Jahre die Bundesrepublik erheitert.

Randy fehlt auf der Liste –

Wie der BND und der MI6 um

Teilzeitspione werben

Der Job von Journalisten ist es, neugierig zu sein, zu recherchieren, Fragen zu stellen. Schon deswegen sind Menschen, die Derartiges tun, für jegliche Geheimdienste der Welt interessant. Potenziert wird das, wenn sie als Reporter durch die Welt jetten und sich gar mit fremden Präsidenten und Diktatoren treffen. So wurde auch ich eines Tages von einem Kollegen angesprochen. Es war zu Zeiten meiner Tätigkeit beim „Rheinischen Merkur“ in Köln, wo man sehr förmlich miteinander umging: „Herr Braumann, Sie sind doch häufiger in Afrika. Ich habe da gewisse Kontakte zum Bundesnachrichtendienst, die würden gern mit Ihnen zusammenarbeiten. Hätten Sie etwas dagegen, wenn einer der Herren mit Ihnen demnächst Kontakt aufnimmt?“

„Ja, darf er“, meinte ich großzügig. Einen richtigen deutschen Schlapphut wollte ich schon immer einmal kennenlernen.

Es meldete sich tatsächlich ein BND-Mitarbeiter und wir trafen uns in der Redaktion. Das Erste, was mir auffiel, war dessen seltsame Kleidung. Die war überhaupt nicht elegant, sondern eher schäbig. „Die müssen eine Kleiderordnung haben, nach der man besonders durchschnittlich aussehen sollte, um als Agent dieses Dienstes in der Öffentlichkeit zu erscheinen“, dachte ich mir. Überdies schien dieser Agent ein durch und durch spießiger Mensch zu sein. Noch dazu stellte er sich auf eine amateurhafte Weise vor: „Schmidt.“ Einige Minuten später erzählte er, er heiße eigentlich Lehmann. Aber beim Geheimdienst sei es so, dass man bei Kontakten außerhalb unter einem Tarnnamen auftrete.

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