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Albrecht Breitschuh Zobel
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Als Zobel drei Tage später wieder in Hannover eintraf, erhielt er neben ein paar mündlichen Glückwünschen auch eine schriftliche Abmahnung. Er überflog das Blatt Papier, ein bisschen Interesse zu simulieren konnte nicht schaden, versprach, dass so etwas nicht wieder vorkommen würde, zog sich dann um und nahm als junger Vater das Training auf.
Bei Hannover 96 wollten sie in der Saison 1968/69 größere Räder drehen. Von den letzten beiden Jahren hatten sich alle deutlich mehr erwartet. Ein neunter und ein zehnter Platz waren bei so namhaften und teuren Einkäufen wie den beiden Nationalspielern Josip Skoblar oder Jupp Heynckes zu wenig, um den auslaufenden Vertrag mit dem Trainer zu verlängern. Horst Buhtz musste gehen, für ihn kam Zlatko Cajkovski, von allen nur „Tschik“ genannt. Einer der wenigen Stars der Branche, für den 96 tief in die Tasche griff. Von 20.000 Mark monatlich war die Rede, plus Prämien, in diesen Gehaltsregionen bewegte sich außer dem früheren jugoslawischen Nationalspieler nur Österreichs Meistertrainer Max Merkel.
Aber „Tschik“ hatte bereits bewiesen, dass er sein Geld wert war: Bevor er bei 96 unterschrieb, hatte er fünf Jahre lang Bayern München trainiert, aus Maier, Beckenbauer und Müller Nationalspieler gemacht, 1967 den Europapokal der Pokalsieger nach München geholt und war zweimal DFB-Pokalsieger geworden. Von ähnlichen Erfolgen träumten sie auch in Hannover. Cajkovski war jedenfalls nicht gekommen, um wie sein Vorgänger im Mittelfeld zu versauern. Ihm schwebte ein Platz unter den ersten Vieren vor. Auch der „kicker“ zählte seine Mannschaft zum Kreis der Titelkandidaten, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass keines der „drei Asse“ ausfällt. Gemeint waren die Stürmer Skoblar und Heynckes sowie der Mittelfeldspieler Hans Siemensmeyer, der zu diesem Zeitpunkt bereits dreimal für die A-Nationalmannschaft aufgelaufen war.
Die Vorfreude auf die neue Saison war riesig, die Stadt galt als traditionell fußballverrückt. 1963, bei der Gründung der Bundesliga, hatte 96 noch gegenüber dem ungeliebten Rivalen Eintracht Braunschweig den Kürzeren gezogen, als Hannover dann mit einem Jahr Verzögerung im Oberhaus ankam, gab es kein Halten mehr. Die Mannschaft beendete die Spielzeit auf einem nicht für möglich gehaltenen fünften Platz und die über 40.000, die die Heimspiele im Durchschnitt besuchten, bedeuteten Platz eins in der Zuschauertabelle. An die Begeisterung dieser noch nicht so lange zurückliegenden Saison wollte der Verein unter Cajkovski wieder anknüpfen.
Zobel wusste, welcher Ruf diesem Trainer vorauseilte. Und er war nach der ersten Begegnung schwer beeindruckt. Klein und dick, wie er nun einmal war, erinnerte „Tschik“ nicht auf Anhieb an einen früheren Weltklassespieler, aber sobald er den Ball am Fuß hatte, war er eine Sensation. Cajkovski hatte Tricks drauf, die ihm kaum einer nachmachte und wer es trotzdem versuchte, stolperte dabei oft über die eigenen Beine. Jeder Pass, jede Flanke kam präzise dort an, wo er sie hinhaben wollte, und wenn „Tschik“ einen Ball stoppte, war es so, als hätte ein Magnet ein Stück Eisen angezogen. Wäre dieser wirklich voluminöse Ranzen nicht gewesen, der seine Trainingsjacke bis zum Äußersten spannte, hätte er eigentlich selber für die 96er auflaufen müssen.
Das Training ohne Ball fand Zobel nicht annähernd so beeindruckend, was Cajkovski da zu bieten hatte, kannte er auch von früher. Er musste viel laufen, an manchen Tagen standen Intervalle von 10 mal 200 Meter in vollem Tempo auf dem Programm, gefolgt von ein paar Dehnübungen, dann wurde gespielt. Oft acht gegen acht, meistens nur in einer Hälfte, jeder bekam einen Mann zugeordnet, an dem er sich aufreiben konnte. Taktische Dinge spielten kaum eine Rolle. Sonderlich originell war das nicht. Der wesentliche Unterschied zum SC Uelzen bestand darin, dass bei Hannover 96 nahezu täglich trainiert wurde. Montags und mittwochs einmal, dienstags und donnerstags zweimal, am Freitag das Abschlusstraining, samstags das Spiel, am Sonntag war frei. Seinen neuen Alltag beschrieb Zobel ein paar Jahre später in einem Interview so: „Ich bin spät aufgestanden und habe aufs Mittagessen gewartet. Dann habe ich aufs Training gewartet und dann aufs Abendessen und dann bin ich ins Bett.“
Vor Heimspielen übernachtete die Mannschaft in einem Gasthof am „Blauen See“ im Vorort Garbsen, ein beliebtes Ausflugsziel auch für die Zuhälter vom Steintorviertel, die ihre Wohnwagen dort aufstellten und sich von ihren kräftezehrenden Nachtschichten erholten. Wie die meisten Hannoveraner nahmen auch sie regen Anteil am Schicksal von 96, mit der Zeit entwickelte sich so etwas wie ein freundschaftliches Verhältnis. Man kam sich näher, unterhielt sich über das kommende Spiel und wenn Zobel unter der Woche mit seiner Familie oder Freunden durch die Stadt ging, ließ es sich kaum vermeiden, dass er von der einen oder anderen Rotlichtgröße gegrüßt wurde. Man konnte sich seine Fans nicht aussuchen und die hier gehörten zu den wenigen, die ihn als Profi von Hannover 96 erkannten. Wie die meisten seiner Mannschaftskameraden konnte Zobel ein unauffälliges Leben führen. Zwar eines mit Autogrammkarte, aber die Nachfrage hielt sich in Grenzen. Das Bild war ihm ohnehin etwas unangenehm. Am Tag vor dem Fototermin waren ihm noch die Weisheitszähne gezogen worden, richtig glücklich blickte er jedenfalls nicht in die Kamera.
Vielleicht ließ „Tschik“ nicht nach den letzten Erkenntnissen der Sportwissenschaft trainieren, in der Mannschaftsführung machte ihm aber keiner etwas vor. Die Spieler schätzten ihn, das Betriebsklima war familiär. Wann immer sich die Gelegenheit bot, gingen sie zusammen essen, meistens zum Jugoslawen, ab und zu kochte auch Cajkovskis Frau. In geselligen Runden brachte er seine Umgebung zum Lachen, vor allem, wenn er sich mit seiner abenteuerlichen Grammatik verständlich machen wollte. „Ein fröhlicher Trainer, eine fröhliche Mannschaft“, lüftete „Tschik“ einmal sein Erfolgsgeheimnis. Nicht zuletzt als Talentförderer hatte er sich einen Ruf gemacht. Er konnte mit jungen Leuten umgehen, und genau so einen Mann brauchten sie jetzt bei Hannover 96. Anders als in den Jahren zuvor hatte der Verein nur für kleines Geld eingekauft, darunter die Vertragsamateure Peter Loof und Rainer Zobel. Im Angriff waren zwei der drei Plätze an Jupp Heynckes und Josip Skoblar vergeben, gesucht wurde noch ein Rechtsaußen.
Cajkovski hatte auf dieser Position einige Kandidaten ausprobiert, so richtig überzeugen konnte ihn keiner. Beim Inter-Toto-Runden Spiel gegen den Schweizer Verein AC Bellinzona bekam der Neuling aus Uelzen seine Chance. Vielleicht nicht seine Lieblingsposition, aber das war nur zweitrangig, passte sie doch wunderbar zu Zobels oberstem Prinzip: Wo auch immer der Trainer dich aufstellt, sei so gut, dass die Mannschaft dich braucht, dass du unverzichtbar bist. Seine Vielseitigkeit zahlte sich aus. 96 gewann das Spiel locker mit 4:0, die Frage nach dem dritten Mann im Sturm war geklärt und die Fachpresse beeindruckt: „Rainer Zobel, der Amateur-Nationalspieler, ist der kommende Rechtsaußen bei Hannover 96. Von allen Möglichkeiten, die Tschik Cajkovski auf dieser Position ausprobierte, spielte er am wirkungsvollsten.“ Seinem Bundesligadebüt in ein paar Tagen stand nichts mehr im Wege.
Rechtzeitig vor Saisonbeginn hatte sich der Deutsche Fußball-Bund mit ARD und ZDF auf einen neuen Vertrag geeinigt. Der alte war ausgelaufen und es gab Vereine, denen die Fernsehbilder überhaupt nicht passten, Bayern München gehörte dazu. Deren Präsident Wilhelm Neudecker war davon überzeugt, dass die „Sportschau“ um 17:45 Uhr die Leute aus den Stadien treibe und die Einnahmeverluste weit höher seien als die gerade einmal 2.300 Mark Entschädigung pro Verein und Heimspiel. Tatsächlich strömten die Fans nicht mehr so zahlreich zu den Bundesligaspielen wie noch in den ersten Jahren. Ob es an den Fernsehbildern bereits eine halbe Stunde nach dem Abpfiff lag, darüber wurde gestritten. Am Ende entschied wie so oft das Geld, man einigte sich kurz vor Anstoß der Saison 68/69. Die ARD durfte samstags ab 18 Uhr eine halbe Stunde berichten, dem ZDF wurden ab 21 Uhr drei bis vier Bundesligaspiele zugestanden, ebenfalls in einer Gesamtlänge von maximal 30 Minuten. Die beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten zahlten dafür 1,68 Millionen Mark pro Saison, fast doppelt so viel wie bisher.
„Der Fernsehkrieg ist aus“, freute sich der „kicker“, dessen Kommentator Richard Becker seine Vorbehalte gegenüber diesem Medium aber nicht verbergen konnte: „Der Bildschirm ist ein Kind unserer Zeit. Aber ich habe etwas gegen die Mini-Ausschnitte, die dem unbedarften Betrachter das Gefühl suggerieren wollen, er könne nun mitreden und wisse alles. Diese drei oder vier Minuten pro Spiel, gespickt mit Toren und den sogenannten Höhepunkten, verfälschen den Fußball. Mit diesen Ausschnitten läßt sich alles beweisen, aber sie interpretieren den Fußball keineswegs so, wie er wirklich ist. Darin sehe ich die große Gefahr.“
Zobel sah es weniger verbissen und freute sich auf seinen ersten Auftritt in der Bundesliga, seine Mannschaft musste bei Werder Bremen antreten. Dass er im Weserstadion zur Startelf zählen würde, hatte ihm sein Trainer schon ein paar Tage vorher gesteckt. Obwohl er nicht die geringste Spur von Nervosität zeigte, forderte ihn sein Trainer am Spieltag auf, gleich nach dem Frühstück eine Art Zaubertrank zu sich zu nehmen. „Um die Nerven zu beruhigen“, so Cajkovskis fürsorgliche Begründung. Ansonsten war Flüssigkeitsaufnahme verpönt, bei Hannover 96 genauso wie bei jedem anderen Verein in der Bundesliga. Die Spieler sollten mit so wenig Wasser wie möglich auskommen, empfahl die Ernährungswissenschaft. Später bei Bayern München gab es beim Abendessen für jeden eine kleine Flasche Mineralwasser. Wer mehr wollte, ließ sich besser nicht erwischen. Beim Bier waren die Vorschriften weniger streng. „Fritz Walter ist auch ohne Wasser ausgekommen“, war so ein Spruch, den Zobel immer wieder hörte und dann entgegnete: „Der sah ja auch aus wie eine ausgetrocknete Zitrone.“
Beeindrucken konnte er seine Trainer damit nicht. Das Gebräu, das er vor seinem ersten Bundesligaspiel zu sich nehmen sollte, hieß in der Mannschaft Ochsenblut. Es sollte vor allem jüngeren Spielern Beine machen und der Name deutete mehr als nur an, dass es um die Mobilisierung der allerletzten Reserven ging. „Tschiks“ Zaubertrank bestand aus rohem Eigelb, Traubenzucker und einem ordentlichen Quantum Rotwein. Alles in einen Mixer, ordentlich schütteln – und dann runter damit. Das erste Glas hätte ihm schon fast die Schuhe ausgezogen, aber „Tschik“ wollte auf Nummer sicher gehen, schenkte nach und befahl, auch das zweite Glas Ochsenblut zu leeren. Gegen Mittag war Zobel wieder soweit in Schuss, dass er den Ausführungen seines Trainers bei der Mannschaftsbesprechung halbwegs folgen konnte: „Zobel“, hatte Cajkovski auf ihn eingeredet, ohne sich um Nebensächlichkeiten wie Satzbau oder Grammatik zu kümmern, „Sie müssen so laufen, dass diese laufen hinter Sie. Und nicht Sie hinter diese.“
Er hielt sich daran, trotzdem verlor Hannover 96 die Auftaktpartie mit 2:3. Cajkovski ärgerte sich über das Ergebnis, seinem Neuling aber zollte er großes Lob: „Bester Mann war für mich Zobel!“, teilte er den ebenfalls beeindruckten Reportern mit. Die „Hannoversche Allgemeine“ schrieb: „Von den drei Amateuren, denen Cajkovski eine Chance gab, schnitt der schmächtige Zobel am besten ab. Er hatte Witz und bewies auch mit dem Ball umzugehen.“ Zobel gehörte zu den wenigen Spielern, die die 30.000 Zuschauer daran erinnerten, warum sie ins Weserstadion gekommen waren: „Werder hat teilweise Rugby gespielt“, schimpfte Cajkovski, aber auch seiner Mannschaft wurde „Fußball nach Catchermanier“ attestiert: „Sie stürzten wie die Habichte auf den Gegner. Blinder Eifer schadet nur.“
Nach sechs Spielen wartete Hannover 96 immer noch auf den ersten Sieg und stand auf dem vorletzten Tabellenplatz. Dann schien mit Alemannia Aachen genau der richtige Gegner zu kommen, um den eigenen Anhang zu versöhnen. Die Niedersachsen spielten in der ersten Halbzeit einen berauschenden Fußball und hätten locker 8:0 führen können, begnügten sich aber mit einem 4:0. Im zweiten Durchgang bauten sie dann stark ab, sodass trotz eines 5:2-Siegs kaum einer zufrieden nach Hause ging. Irgendwie steckte der Wurm drin, die Saison kam nicht so richtig ins Rollen. Nach einer 1:2-Heimniederlage gegen Eintracht Frankfurt schwoll der Volkszorn so richtig an. Einige hundert der nur noch 18.000 Zuschauer hatten sich vor dem Stadion versammelt, weil sie mit dem Trainer ein paar ernste Worte wechseln wollten. Cajkovski hatte keinen Gesprächsbedarf und wurde auf Umwegen aus dem Stadion gebracht.
Das 1:0 gegen den späteren Meister Bayern München brachte immerhin einen versöhnlichen Abschluss der Vorrunde, aber die 96er schafften es auch in der Rückrunde nicht, sich von den Abstiegsrängen abzusetzen. Drei Spieltage vor Schluss standen sie auf Platz 11, nur zwei Punkte vor dem Tabellenletzten, dem Titelverteidiger und späteren Absteiger 1. FC Nürnberg. Ansehnlicher Fußball war unter diesen Bedingungen längst nicht mehr gefragt, nach einem 1:1 bei Schalke 04 bemerkte deren Trainer Rudi Gutendorf: „Eine solche Catchertruppe wie Hannover 96 habe ich noch nie gesehen.“ Und sein begnadeter Rechtsaußen Reinhard „Stan“ Libuda stöhnte: „Junge, Junge, was für Treter. Das hatte mit Fußball nun wirklich nichts mehr zu tun.“
Einen Spitzenplatz hatte „Tschik“ mit seiner Mannschaft angestrebt, am Ende einer enttäuschenden Saison waren alle froh, den Klassenerhalt gesichert zu haben. Zu den wenigen erfreulichen Erscheinungen zählte Rainer Zobel. Wie von seinem DFB-Trainer Udo Lattek vorhergesagt, eroberte er sich einen Stammplatz, stand in 33 von 34 Spielen in der Startelf und schoss auch vier Tore. Sein Trainer hielt ihn jetzt für so stabil, dass er Zobel künftig ohne seine Ration Ochsenblut aufs Feld schickte.
Von einem rundum gelungenen ersten Jahr konnte trotzdem nicht die Rede sein. Seine Schulkarriere lag auf Eis, der Verein fühlte sich an die mündlich gegebene Zusage nicht mehr gebunden, ein regelmäßiger Unterrichtsbesuch ließ sich angeblich nicht mit den Anforderungen an einen Bundesligaspieler verbinden. Seinem Vater machte das mehr zu schaffen als ihm selbst. Otto Zobel ärgerte sich über seine Gutgläubigkeit, er hätte sich die Zusage schriftlich geben lassen sollen und alles hätte seine Ordnung gehabt. So dachte ein Staatsdiener. Es war schon ein dubioses Milieu, in das sein Sohn da hineingeraten war.
9
Josip Skoblar war ein Typ nach Zobels Geschmack. Was für ein Fußballer! Einen besseren hatte er noch nicht gesehen. Beim 4:1 in Hamburg, einem der wenigen wirklich guten Spiele der abgelaufenen Saison, hatte der Kroate den Ball mit dem Rücken zum Tor angenommen, sich kurz gedreht und dann in den Winkel geschossen. Aus über 20 Metern! Zobel stand mit offenem Mund auf dem Platz, dieses Tor würde er nie vergessen. Bei jedem anderen hätte er von Glück oder Zufall gesprochen, nicht aber bei Skoblar, einem Weltklassespieler mit entsprechendem Repertoire. Der konnte so etwas.
Und er konnte noch viel mehr. Von ihm lernte Zobel auch, sich gegen die einschlägigen Raubeine der Liga zur Wehr zu setzen. Verteidiger wie Otto Rehhagel und Uwe Klimaschewski vom 1. FC Kaiserslautern oder die Bremer Sepp Piontek und Horst-Dieter Höttges waren für ihre von hinten angesetzte Grätsche zu Recht gefürchtet. Zwar ließ es sich bei diesen Attacken nie ganz vermeiden, dass sie gelegentlich auch den Ball trafen, aber in erster Linie sollten die Knochen der gegnerischen Stürmer etwas davon haben. Rechtzeitiges Hochspringen war die Lösung, klärte Skoblar Zobel auf, auch wenn es vielleicht ein bisschen feige aussehen würde: „Ein Spieler auf dem Arsch ist langsam, bleib also oben“, ermahnte er den Neuling. Fast noch wichtiger als das Hochspringen war die Landung, denn vom zweiten Teil der Lektion hing ab, ob sich die Haudegen danach anderer Mittel bedienten: „Wenn Du wieder auf den Boden kommst, achte darauf, dass Du die Hände der Verteidiger triffst. Wenn Dir das gelingt, hast Du für den Rest des Spiels Ruhe.“ Ganz Hartnäckige müsse man darauf hinweisen, beim nächsten Mal in ihrem Gesicht zu landen. Solche Fälle seien aber selten, beruhigte ihn Skoblar.
Auch von seinem zweiten Sturmpartner schaute sich Zobel einiges ab, er lernte überhaupt mehr vom Beobachten seiner neuen Kollegen als vom Training. Jupp Heynckes war sehr torgefährlich und antrittsschnell, seine direkte Art zu spielen beeindruckte den Neuling. Wäre da nur nicht diese Verbissenheit gewesen, Heynckes war ihm eine Spur zu ehrgeizig. Gut drei Jahre älter als Zobel war er für eine fast schon anstößig hohe Ablösesumme von 275.000 Mark aus Mönchengladbach nach Hannover gewechselt und davon überzeugt, dass Fußball auf hohem Niveau vor allem eines bedeutete: jeden Tag und in jedem Training hart an sich zu arbeiten. Ganz falsch konnte er damit nicht liegen, immerhin hatte ihn diese Berufsauffassung bis in die Nationalmannschaft gebracht. Aber taugte der als Vorbild?
Josip Skoblar kam seinem Ideal schon deutlich näher. Er war ebenfalls Nationalspieler, sah die Dinge aber ein bisschen entspannter und ließ den Fußballgott ab und zu auch mal einen guten Mann sein. Wie Heynckes trainierte auch sein Sturmpartner nach eigenen Prinzipien, eines war, dass seine Klasse nicht davon abhing, beim Intervallsprint ganz vorne mit dabei zu sein. Wann immer er es für richtig hielt, schaltete er im Training einen Gang zurück. Zobel fand diese Einstellung durchaus mannschaftsdienlich, denn ein Josip Skoblar mit müden Beinen nützte niemandem etwas. Er konnte sich bei Hannover 96 einiges erlauben, war aber trotzdem ein Star ohne Allüren, ohne das übliche Gehabe. Auch das gefiel Zobel.
Einmal brachte Skoblar ihn allerdings schwer in Bedrängnis. Der Jugoslawe hatte mal wieder genug vom Lauftraining gehabt und wollte sich für heute vom Dienst verabschieden: „Komm Rainer, wir fahren.“ Zobel traute seinen Ohren nicht. Für solche Eskapaden war er noch nicht lang genug bei 96, er gehörte zu denen, die sich bei der Massage nach dem Training ganz hinten anstellen mussten. „Ich kann hier nicht so einfach weg, ich muss mitlaufen“, antwortete er. Skoblar sah das anders: „Trainer“, rief er „Tschik“ zu, „ich mache Schluss für heute.“ Dann zeigt er auf Zobel: „Und der Junge hier ist auch genug gelaufen.“ Cajkovski nickte den beiden zu, wenig später saßen sie frisch geduscht in Skoblars Citroen DS und fuhren dorthin, wo größtmögliche Aufmerksamkeit garantiert war: ins Café Kröpcke. Zentraler ging es in Hannover nicht. Dass so etwas nicht zur Regel werden durfte, war ihm schon klar, trotzdem war er stolz, sich mit dem unumstrittenen Star der Mannschaft an einem so prominenten Ort zeigen zu dürfen.
In seiner zweiten Saison musste Zobel seinen Platz im Sturm räumen, der Verein hatte mit Zvezdan Cebinac einen weiteren Jugoslawen verpflichtet. Der Rechtsaußen war 1968 mit dem 1. FC Nürnberg Meister geworden und ein Jahr später als Absteiger zu den Niedersachsen gewechselt. Das sollte ihm erst einmal einer nachmachen. Noch ungewöhnlicher war aber eine andere Geschichte, die Cebinac während seiner gesamten Karriere begleitete: Angeblich hatte er 1965 erfolgreich ein Probetraining beim 1. FC Köln absolviert, allerdings nicht für sich, sondern für seinen weniger talentierten Zwillingsbruder. Srdan Cebinac konnte die ersten Eindrücke von ihm oder seinem Bruder jedenfalls nie bestätigen und kam nur auf drei Spiele für die Kölner. Bei Hannover 96 war man sich aber sicher, den Richtigen verpflichtet zu haben und hoffte auf eine deutlich bessere Platzierung als im Vorjahr.
Zobel wechselte ins defensive Mittelfeld; wo er spielte, war und blieb für ihn zweitrangig. Im Rampenlicht durften gerne andere stehen. Ansonsten änderte sich nicht viel: Die für viel Geld eingekauften Stars blieben unter den Erwartungen. Die Niedersachsen starteten gut in die neue Saison und standen nach sieben Spieltagen mit 10:4-Zählern ziemlich weit vorne, dann brach die Mannschaft zusammen. Bis zur Winterpause holte sie nur noch drei Punkte und beendete die Hinrunde auf Platz 16, Cajkovski musste gehen. Er verabschiedete sich mit einem 0:5 in Mönchengladbach: „Hannover war doch gar nicht in der Lage, mitzuhalten“, urteilte Günter Netzer, andere sprachen von einem „Offenbarungseid“.
Neben Cajkovski verließ auch Josip Skoblar den Verein, er wechselte zu Olympique Marseille und zeigte sich dort deutlich treffsicherer. Er schoss in der folgenden Saison 44 Tore und stellte damit einen immer noch gültigen Saisonrekord in der ersten französischen Liga auf. In Hannover aber waren viele froh, ihn und den Trainer los zu sein: „Der Jugo-Spuk hat ein Ende“, titelte der Boulevard, jetzt ging es nur noch darum, den Abstieg zu vermeiden.
Tschiks Nachfolger hieß Hans Pilz, er hatte zuvor 1860 München trainiert und galt als ganz harter Knochen. Gesellige Kochabende und Restaurantbesuche waren vorerst nicht zu erwarten, auch war nicht mehr von einem fröhlichen Trainer und einer fröhlicher Mannschaft die Rede. Pilz hatte als Fallschirmspringer und Oberleutnant bereits eine militärische Laufbahn hinter sich und war es gewohnt, dass seine Anweisungen befolgt wurden. Der Ton wurde dem Tabellenstand angepasst und spürbar rauer: „Die Spieler haben so etwas wie Ausgangssperre und stehen unter ständiger Beobachtung“, stellte er zum Einstand klar. Mit Disziplin, Harmonie und Einsatz wollte er den Klassenerhalt erreichen, auch das Auftreten außerhalb des Platzes war ihm wichtig: „Unrasiert kommt mir keiner mehr zum Training“, mahnte er seine Spieler.
Immerhin mussten sie nicht zum Friseur, Zobel durfte seine Haare weiter etwas länger tragen, ohne seinen Trainer allerdings mit den in Mode gekommenen Mähnen der 68er-Avantgarde zu provozieren. Auch mit politischem Engagement hielt er sich wie die allermeisten Profis zurück. In der Bundesliga fielen die Frisuren zwar dem Zeitgeist entsprechend etwas üppiger aus, größere Gefahren drohten aus diesem Milieu aber nicht. Mochten die Wände der Republik manchmal wackeln, das Haus des Deutschen Fußball-Bundes stand auf solidem Fundament und war so schnell nicht zum Einsturz zu bringen.
Ganz unpolitisch war Zobel aber nicht. Im Sommer 1969 kündigten die Hannoverschen Verkehrsbetriebe „Üstra“ eine saftige Fahrpreiserhöhung an, darauf regte sich in der gesamten Stadt Protest, aus dem die „Aktion Roter Punkt“ entstand. Den klebten sich Autofahrer an ihre Scheibe und zeigten damit an, dass sie Passanten kostenlos mitnahmen. Von heute auf morgen verlor die „Üstra“ mehr als die Hälfte ihrer Kundschaft, der Kampf um die begehrten Sitzplätze in Bus und Bahn war bis auf Weiteres ausgesetzt. Zobel beteiligte sich an der Aktion und hatte auf dem Weg zum Training und zurück regelmäßig wildfremde Menschen mit an Bord seines BMW 1602. Nach wochenlangen Protesten, Demonstrationen und Sitzblockaden, bei denen es auch zu Ausschreitungen und Festnahmen kam, nahm die „Üstra“ die Fahrpreiserhöhung zurück und Zobel konnte sich wieder den Regeln unterwerfen, die der Fußballbetrieb diktierte.
Mit einem roten Punkt war der Abstiegskampf jedenfalls nicht zu bestehen und die Spieler verstanden schnell, dass der neue Trainer Engagement vor allem dann zu schätzen wusste, wenn es sich auf dem Fußballplatz zeigte. Die Profis erschienen pünktlich und gepflegt zu den täglichen Einheiten, sie hängten sich mächtig rein. Nach ein paar Wochen konnte Pilz erste Fortschritte erkennen: „Hannover steigt nie ab. Die Burschen trainieren so hart, dass ihnen das Blut aus den Stiefeln läuft.“
Drei Spieltage vor Schluss sah es aber noch ziemlich düster aus. 96 war bei den Bayern mit 2:7 schwer unter die Räder gekommen, hatte nur noch einen Punkt Vorsprung auf die Abstiegsränge. Dann kam Borussia Mönchengladbach, gegen den Tabellenführer waren sie in der Hinrunde bekanntlich ebenfalls kläglich eingegangen. Bei halbwegs erfreulichem Saisonverlauf eigentlich ein Kassenschlager, aber die Mannschaft hatte ihr Publikum mittlerweile so nachhaltig vergrault, dass das Niedersachsenstadion mit 30.000 Zuschauern nicht einmal mehr zur Hälfte gefüllt war. Die machten jedoch einen Lärm für 60.000 und trugen so dazu bei, dass die Heimelf ein 1:0 über die Zeit rettete. Hannover 96 hatte an diesem Tag gleich doppeltes Glück, denn zeitgleich verlor 1860 München gegen Werder Bremen, der Abstand zu den letzten beiden Plätzen war wieder gewachsen. Eine Woche später war nach einem 3:3 in Frankfurt der Klassenerhalt unter Dach und Fach. Die Mannschaft schenkte Hans Pilz „als Dank für die großartige Trainerleistung“ ein Autoradio. Seine Mission war damit erfolgreich beendet.