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Albrecht Breitschuh Zobel
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Endlich an Land gönnten sie sich in Kent eine Übernachtung in einer halbwegs bezahlbaren Unterkunft. Die folgenden Tage verbrachten die Jungs aus Bad Zwischenahn in der Hauptstadt. Zwei Fußballreisende, denen es um mehr als nur Fußball ging. Sie wollten das „Swinging London“ kennenlernen, ein bisschen was vom revolutionären Aroma aufnehmen, das die Musik dieser Zeit verströmte. Mit 14 hatte Rainer einen Kofferplattenspieler bekommen, von Philipps, der Kofferdeckel diente zugleich als Lautsprecher. Die erste Platte war ein Geschenk seiner Schwester Karla: „Wir wollen niemals auseinander gehen“, versprach Heidi Brühl. Die zweite kam von seinen Eltern, „Der lachende Vagabund“, damals ein echter Hit: „Was ich erlebt hab’, kann nur ich erleben. Ich bin ein Vagabund. Selbst für die Fürsten soll es grauen Alltag geben, aber meine Welt ist bunt“, sang Fred Bertelmann. Rainer mochte diese Musik, der Text passte ja auch zu ihrer Reise, aber sein Geschmack hatte sich geändert, inzwischen hörte er nahezu alles, was aus England kam. Die 60er waren die große Zeit des Mersey-Beats, Bands wie die Seachers, Gerry & The Pacemakers und natürlich die Beatles gaben den Ton an. Die für viele seiner Altersgenossen wichtige musikalische Standortfrage „Beatles oder Stones?“ hatte er längst geklärt – er verehrte beide!
Mit seinem Freund Gerhard tauchte er, so tief es ging, in eine Stadt ein, die Mick Jagger nur zwei Jahre später so verschlafen fand, dass hier kein Platz sei für einen „Street Fighting Man“. Sie hingen mit den Hippies und Gammlern am „Piccadilly Circus“ rum, klapperten die Plattenläden auf der „Carnaby Street“ ab und deckten sich auch modisch mit dem Nötigsten ein. Rainer hatte es auf einen britischen Parka abgesehen, den es angeblich nur auf der „Carnaby Street“ zu kaufen gab. Seine Freunde liefen fast alle mit Jeans und Parka durch die Gegend, es kam also auf den feinen Unterschied an. Etwa einen „Union Jack“ auf dem Ärmel. Dass das „Swinging London“ weit mehr war als eine aufregende Erzählung, dämmerte den beiden, als sie nach zwei Tagen in der Hauptstadt in einem Band-Bus von London nach Sheffield fuhren. Sie hatten die Musiker in einem Club kennengelernt und das Angebot zur Weiterreise gerne angenommen.
In Sheffield traf die deutsche Nationalmannschaft zunächst auf die Schweiz, ganz in der Nähe, in Derbyshire, hatte sie Quartier bezogen und dort hoffte Rainer, an Karten zu kommen. Ohne seinen Besuch angekündigt zu haben, stand der künftige Jugend-Nationalspieler auf der Matte und trug seinen Wunsch vor. Da Udo Lattek und Dettmar Cramer, die beiden Assistenten von Bundestrainer Helmut Schön, mit dem Namen Zobel etwas anfangen konnten, kam er ohne Probleme an die Tickets. Auch für die nächsten Spiele deckten sie sich ein. Rainer und sein Freund Gerhard sahen ein 5:0 gegen die Schweiz im Hillsborough-Stadion, dann ein müdes 0:0 gegen Argentinien in Birmingham und schließlich das entscheidende Gruppenspiel gegen Spanien, wieder in Birmingham.
Bei einer Niederlage wäre die DFB-Auswahl früher als die beiden Groundhopper aus Bad Zwischenahn zu Hause gewesen, ein keineswegs unrealistisches Szenario. Der Gegner war immerhin amtierender Europameister und behauptete von sich, die stärkste spanische Mannschaft aller Zeiten zu sein. Beide Teams lieferten sich ein außergewöhnliches Spiel: „Der Villa Park krachte nur so vor Applaus von der ersten bis zur letzten Minute“, schrieb der „Daily Telegraph“. „Das Spiel war ein reichlich verdienter Triumph für Deutschland und ein totaler Sieg für das Fußballspiel.“ Nachdem die Spanier 1:0 in Führung gegangen waren, traf Lothar Emmerich kurz vor der Halbzeit zum Ausgleich. Durch ein „Wundertor“, so die seitdem mehr oder weniger amtliche Bezeichnung: „Ich habe nicht einfach draufgeknallt, sondern instinktiv die Lage gepeilt und den richtigen Winkel gewählt“, sagte der Stürmer von Borussia Dortmund hinterher. Wer wollte, konnte ihm das glauben. Wahrscheinlich war aber auch ein bisschen Glück im Spiel, als Emmerich in der 39. Minute den Ball praktisch von der Torauslinie in den Winkel hämmerte: „Oh, what a goal by Emmerick“, war der BBC-Reporter schwer von den Socken und auch auf der Tribüne hinter dem Tor musste sich ein jubelnder Rainer Zobel bei seinem neben ihm stehenden Freund vergewissern, ob der gerade eben dasselbe gesehen hatte wie er. Uwe Seelers 2:1 in der 84. Minute brachte die deutsche Mannschaft ins Viertelfinale.
Nach dem Abpfiff feierten Rainer und Gerhard mit anderen deutschen Fans auf dem Bahnhof in Birmingham, tranken dem Anlass entsprechende Mengen Bier, bis sie irgendwann feststellten, dass sie nicht nur müde waren, sondern auch den letzten Zug zurück nach Sheffield verpasst hatten. Sie entdeckten auf einem Abstellgleis einen geöffneten Waggon, legten sich dort hinein und schliefen ihren Rausch aus. Allemal bequemer, als auf den harten Bahnhofsbänken zu übernachten.
Als sie wieder aufwachten, war es schon hell und der Zug fuhr in den Bahnhof von Coventry ein. Dort standen sie nun, wieder nüchtern, aber ohne ihr Reisegepäck. Das hatten sie in der Jugendherberge in Sheffield zurückgelassen. Eine möglichst schnelle Rückkehr war aber noch aus einem weiteren Grund geboten: in Sheffield traf die deutsche Nationalmannschaft in zwei Tagen auf Uruguay. Karten für das Spiel hatten sie bereits, aber sie wollten auch erleben, wie die Spannung in der Stadt vor diesem wichtigen Spiel stieg. Viertelfinale, so langsam ging das Turnier in seine entscheidende Phase. Das Feld wurde kleiner, ihr finanzieller Spielraum allerdings auch. Bis zum Endspiel würden sie es kaum noch schaffen.
Auch der kleine, rot-grün karierte Puppenkoffer seiner jüngeren Schwester Dagmar, den die beiden in den Wochen vor ihrer Tour bis zum Rand mit Zwei-Pfennig-Stücken gefüllt hatten, hatte deutlich an Gewicht verloren. Die Sache war zwar illegal, aber mindestens ebenso verlockend. Irgendjemand hatte Rainer vor Beginn ihrer Reise den sachdienlichen Hinweis gegeben, dass sich die deutschen Zwei-Pfennig-Stücke nicht von den Sixpence-Münzen unterschieden und in die britischen Snack-Automaten passten. Der Kurs für ein Sixpence lag bei etwa 30 Pfennig, auf dieser Basis ließ sich der Preis für Fish & Chips, Cola und andere Grundnahrungsmittel schon einmal erheblich drücken. Aber auch diese Quelle war inzwischen nahezu ausgetrocknet und nach dem 4:0 gegen Uruguay im Viertelfinale waren ihre Reserven aufgebraucht. Die Reisekasse war leer, der sportliche Erfolg der deutschen Nationalmannschaft überstieg die finanziellen Möglichkeiten der beiden Freunde aus Bad Zwischenahn. Schweren Herzens machten sich Rainer und Gerhard noch vor dem Halbfinale gegen die UdSSR auf den Heimweg.
Dass die unfreiwillige und vorzeitige Heimreise auch ihr Gutes hatte, wurde den beiden erst nach dem Abpfiff des Finales bewusst. In diesen bitteren Stunden waren sie zu Hause im Kreise der Familie und unter Freunden besser aufgehoben. Fußball-Deutschland stand unter Schock. Der „kicker“ wollte sogar 1.000 Mark Belohnung für ein Foto bezahlen, auf dem klar zu sehen war, dass der Ball die Linie überschritten hatte: „Um den Verdacht einer Montage auszuschließen, muß mit der Aufnahme auch der Negativfilm eingereicht werden. Falls mehrere Fotos eingehen, entscheidet der Zeitpunkt der Absendung (Poststempel). Es geht uns nur um die Wahrheit, gleichgültig wie sie lautet. Denn auch eine bittere Wahrheit wäre immer noch besser als das nagende Gefühl, Unrecht erlitten zu haben. Tausend Mark Belohnung – wir würden sie gerne bezahlen.“
Fünf Jahre später, 1971, sollte Rainer Zobel in seinem ersten großen Finale ein Schuss gelingen, der den von Sir Geoffrey Hurst zum berühmten „Wembley-Tor“ noch in den Schatten stellte. Er brachte es damit sogar bis in die Wochenschau der Kinos. Nach mehreren Zeitlupen bemerkte der Kommentator in Anspielung auf das WM-Finale von 1966: „Diesmal war er wirklich drin.“
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Dem wachen und unbestechlichen Auge des DFB-Trainers war nichts entgangen: „Bei einigen wurde im Laufe des Lehrgangs das Nachlassen der Kondition sehr deutlich“, zog Udo Lattek keineswegs begeistert Bilanz und gab dem Nachwuchs gymnastische und balltechnische Hausaufgaben mit auf den Heimweg. Ein paar Dauerläufe würden auch nicht schaden. Seine Kontrollmöglichkeiten waren begrenzt: Lattek sah die Spieler nur alle zwei, drei Monate bei den Lehrgängen, Kontakt zu den Vereinstrainern gab es kaum. Dem Coach der deutschen U19 und der Amateurnationalmannschaft blieb nichts anderes übrig, als an die Eigeninitiative seiner Leute zu appellieren: „Eine Viertelstunde Zeit vor dem Büro morgens hat jedermann. Wälder und Wiesen gibt es auch überall.“
Auch Rainer Zobel durfte sich angesprochen fühlen. Er hatte im März 1967 eine Einladung zu einem Sichtungslehrgang in die Sportschule Duisburg-Wedau erhalten, ein Lehrgang, der sich zu großen Teilen aus Jugendnationalspielern zusammensetzte. Einen Monat vorher hatte er beim 0:1 gegen England sein Debüt gegeben. Lattek hielt eine Menge von Zobel und traute ihm den Sprung in die Nationalmannschaft der Amateure zu. Mit der ging es um nicht weniger als die Qualifikation für die Olympischen Spiele nächstes Jahr in Mexiko. Obwohl Lattek ihn für hochveranlagt hielt, richtig schlau wurde er aus dem 18-jährigen Talent vom SC Uelzen nicht: „Immer, wenn Du zu Lehrgängen kommst, habe ich den Eindruck, Du hast alles verlernt. Und nach ein paar Tagen bist Du wieder ganz der Alte.“
Zobel ahnte, worauf sein Trainer hinauswollte, behielt die ganze Wahrheit aber erst einmal für sich. Ein guter Teil dieser Wahrheit hing mit seinem Lebenswandel zusammen. Zwar hatte die Begeisterung für den Fußball kaum nachgelassen, andere Leidenschaften ließen sich aber nicht dauerhaft unterdrücken. Die für Musik zum Beispiel. An den Wochenenden machte er sich mit seinen Freunden oft auf den Weg nach Hamburg und tauchte in eine Clubszene ein, die fast noch aufregender war als die des „Swinging London“. Oft quetschten sie sich mit sechs Leuten in seinen klapprigen VW Käfer und tuckerten die knapp einhundert Kilometer über die Autobahn bis nach Hamburg. Manchmal nahmen sie auch die Bahn. Die bot zwar mehr Platz, hatte aber den Nachteil, dass sie frühmorgens völlig abgekämpft am Hauptbahnhof hingen und darauf warteten, dass endlich der erste Zug nach Uelzen ablegte. Kleine Unannehmlichkeiten, die die Freunde aber gerne in Kauf nahmen, denn die Ausflüge in die Millionenstadt lohnten sich immer.
Erste Adresse unter den zahlreichen Musikklubs war der „Starclub“ auf der „Großen Freiheit“. Wer hier auftrat, gehörte bereits zu den Großen oder war an den Türstehern der „Hall of Fame“ schon so gut wie vorbei: Chuck Berry, Little Richard, Jimmy Hendrix, Ray Charles oder Eric Clapton. Mit Ausnahme der Rolling Stones spielte hier alles, was in den 60er Jahren Rang und Namen hatte. Die Beatles waren in ihrer Anfangszeit in den Clubs an der Reeperbahn Stammgäste. John Lennon sagte, er sei musikalisch in Hamburg aufgewachsen. Zobel haderte lange mit sich, dass er sie verpasste. Als Paul, John, George und Ringo im „Kaiserkeller“ spielten, hing er mit seinen Freunden wie gewöhnlich nebenan im „Starclub“ ab. Das Angebot war einfach zu groß. Gehe nach Hamburg, und du wirst berühmt, hieß es unter Rockmusikern.
An den Wochenenden, die er in Uelzen verbrachte, landete Zobel zuverlässig in der „Tenne“. Eine Kellerkneipe ohne Fenster, eng, düster und stickig, aber was machte das schon, hier ging man nicht hin, um frische Luft zu schnappen. Die „Tenne“ war erste Anlaufstation der Jugend von Uelzen und Umgebung, umso erstaunter war Zobel, als er in diesem verqualmten Schuppen auf seinen Trainer traf. Das war doch mal ein Überraschungsgast! Richard Hornburg trainierte die erste Herrenmannschaft, für die Rainer bereits in der Verbandsliga Ost auf dem Platz stand, obwohl er noch A-Jugendlicher war.
„Was machst Du denn hier?“, wollte Hornburg wissen. Es war bereits weit nach Mitternacht und ganz offensichtlich, dass er sich eine etwas seriösere Vorbereitung auf das bevorstehende Spiel gewünscht hätte: „Du gehst jetzt sofort nach Hause!“ Zobel mochte seinen Trainer nicht besonders. Hornburg war ein vom Ehrgeiz getriebener Schleifer und Choleriker, ihm machte es nichts aus, Spieler beim ersten Fehler vom Platz zu holen, selbst wenn er sie kurz zuvor eingewechselt hatte. Beim Lokalrivalen Teutonia durfte er sich nicht mehr blicken lassen. Nachdem er wiederholt und gegen alle Absprachen Personal abgeworben hatte, wurde gegen ihn ein Platzverbot verhängt. Sein ruppiger Ton ging Rainer gegen den Strich, beim Fußball und auch hier, in seinem Stammlokal: „Und was ist, wenn ich nicht gehe?“ „Dann stelle ich Dich morgen nicht auf.“ Zobel entschied sich fürs Bleiben. „Wenn Sie mich deswegen aus der Mannschaft werfen, spiele ich eben überhaupt nicht mehr.“ Damit war das kurze Gespräch beendet und der Jugend-Nationalspieler zog fortan mit der Zweiten über die Dörfer.
Beim DFB ahnte niemand etwas von dieser Entwicklung. Wer in den Auswahlmannschaften spielte, stand nicht unter Dauerbeobachtung, es war auch nicht ungewöhnlich, dass die Nominierten aus der Provinz kamen. Spieler und Trainer trafen sich auf den einwöchigen Lehrgängen, nur die waren für die Zusammenstellung der Mannschaft entscheidend. Wer keine Einladung erhielt, konnte zu Hause so gut sein wie er wollte – er hatte kaum Chancen, sich zu empfehlen. Eigentlich spielte Zobel unterm Radar, sonst wäre er beim DFB die Treppe heruntergeflogen. Ein künftiger Amateurnationalspieler, der sein Land bei den Sommerspielen in Mexiko vertreten sollte und in der Kreisliga kickte? Udo Lattek hegte viel Sympathie für den olympischen Amateurgedanken, aber damit durfte er seinem Trainer nicht kommen.
Allzu lange ließ sich der sportliche Abstieg jedoch nicht mehr verheimlichen, Zobel wusste das. Genauso war ihm klar, dass er dann aus den DFB-Auswahlmannschaften fliegen würde. Schade, aber nicht zu ändern. Er hatte nicht vor, sich bei seinem Trainer zu entschuldigen, um wieder in Gnaden aufgenommen zu werden. Ein großes Ding schwirrte ihm allerdings noch durch den Kopf. Auf dem Weg zu den Olympischen Spielen hatte der Deutsche Fußball-Bund eine drei Wochen lange Asientour geplant, und auf die war Rainer scharf. Burma, Thailand, Malaysia, Hongkong, die Philippinen und Japan sollten die Stationen sein. Das klang nicht nur nach großem Abenteuer, das war bestimmt auch eines und die Gelegenheit, diese Länder einmal zu besuchen, würde wahrscheinlich nie wieder kommen. Wenn er bei dieser Reise mit an Bord sein würde, hätte ihm der Fußball mehr gegeben als er je zu hoffen wagte. Dafür war er bereit, sich noch einmal so richtig ins Zeug zu legen.
Gelegenheit dazu bot ein UEFA-Jugendturnier im Sommer in der Türkei. „Von Rechtsaußen Rainer Zobel ging im Angriff die größte Gefahr aus“, bilanzierte der „kicker“ hinterher. Es war wie immer: Wenn es darauf ankam, machte er seine besten Spiele. Während sich andere, vielleicht auch talentiertere Spieler im Wettkampf unter Wert verkauften, rief der Ernstfall bei Zobel geradezu Glücksgefühle hervor. Druck, Aufregung oder Versagensängste waren ihm vollkommen fremd. Udo Lattek zeigte sich einmal mehr tief beeindruckt von seinem Schützling und berief ihn in die Amateur-Nationalmannschaft. Zwar scheiterte die Auswahl im Herbst in der Qualifikation für Mexiko, die Asientour zum Jahresende blieb davon jedoch unberührt. Sie hatte ohnehin überwiegend sportpolitische Bedeutung und war nicht nur vom DFB, sondern auch vom Auswärtigen Amt vorbereitet worden. Die Spieler sollten mit ihrem Auftreten dazu beitragen, das Ansehen der Bundesrepublik Deutschland zu mehren, lautete der offizielle Auftrag. Sportlicher Erfolg war zwar wichtig, aber so moderat zu gestalten, dass er die Gastgeber nicht brüskierte. Bei einem Kegelabend wurde die Mannschaft vom späteren Innen- und Außenminister Hans-Dietrich Genscher verabschiedet.
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Die DFB-Delegation hielt sich an die diplomatischen Vorgaben. Von den fünf Siegen fiel allein der gegen die Philippinen mit 4:0 etwas deftiger aus, das torlose Unentschieden zum Auftakt gegen Burma war den Strapazen einer in jeder Hinsicht außergewöhnlich Reise geschuldet. Der Flug dauerte mit mehreren Zwischenstopps gut 24 Stunden. Als die Spieler völlig übermüdet in der Hauptstadt Rangoon eintrafen, war es weit nach Mitternacht, wer konnte, fand noch ein paar Stunden Schlaf. Am nächsten Morgen stand schon der Besuch beim Botschafter auf dem Programm.
Zobel hatte zumindest während des Fluges keinen Grund zu klagen. Er war der jüngste Passagier an Bord der Boeing 707 und durfte deshalb, wie bei Lufthansa-Flügen zu dieser Zeit üblich, im Cockpit sitzen. Was für ein Auftakt! Es folgten drei Wochen, in denen er und die gesamte Mannschaft aus dem Staunen gar nicht mehr rauskamen, eine Reise in eine für alle Beteiligten völlig fremde und fast schon märchenhafte Welt. Mit Gold überzogene Tempel in Burma, die Dschungel Malaysias, das Lichtermeer Honkongs bei Nacht, das chinesische Viertel in Bangkok, Essen mit Stäbchen und nicht zuletzt extreme Luftfeuchtigkeit und Temperaturen von mehr als 30 Grad.
Torjäger Dieter Zettelmaier vom 1. FC Bamberg, den der „kicker“ exklusiv als Reisereporter verpflichtet hatte, schwärmte über die Silvesterfeier in Rangoon: „Um 21 Uhr 30 begann der Neujahrsball im Freien. Ein beleuchteter Springbrunnen in der Mitte des Platzes zauberte eine festliche Stimmung herbei. Die vielen hübschen jungen Mädchen taten ihr übrigens dazu. Leider tanzten sie nicht mit uns, von einigen Ausnahmen einmal abgesehen.“ Zettelmaier berichtete über Zehn-Gänge-Menüs, die nicht satt machten, weil kaum einer mit den Stäbchen umgehen konnte, wunderte sich über die „wilde Fahrerei“ in den Straßen Bangkoks, die nur ganz selten zu Unfällen führte, und teilte den Lesern mit, dass der Wattenscheider Verteidiger Mietz am Flughafen in Hongkong Probleme mit dem Sicherheitspersonal hatte, weil er in einem Souvenirladen ein Schwert erstanden hatte: „Letzten Endes konnte er die Beamten doch überzeugen, daß er mit friedlichen Absichten gekommen war und niemandem etwas tun wolle. Großes Gelächter unserseits begleitete seine Ausführungen, während der Flughafenbeamte todernst blieb.“
Jeden Tag neue Erlebnisse und neue Eindrücke, alle drei Tage ein Spiel, Ruhepausen immer dann, wenn sie sich gerade anboten. Am Flughafen von Kalkutta schlief Zobel stehend an einem Geländer ein. Die Spieler lernten die Randzonen körperlicher Belastbarkeit kennen und waren trotzdem wach genug, um nicht nur ordentlich Fußball zu spielen, sondern all die Schönheiten und Sehenswürdigkeiten aufzunehmen, die sich ihnen im Überfluss aufdrängten: „Wir wurden in diesen Wochen eine verschworene Gemeinschaft“, bilanzierte Udo Lattek. Man sei auf konditionell und technisch starke Gegner getroffen, denen jedoch der Zug zum Tor gefehlt habe.
Solche Feinheiten waren Zobel gar nicht aufgefallen, aber als die DFB-Delegation am 15. Januar 1968 wieder in Frankfurt landete, wusste er, dass es keinen besseren Zeitpunkt gab, um sich vom größeren Fußball zu verabschieden. Diese drei Wochen würde er nie vergessen! Das anschließende Gespräche mit seinem Trainer allerdings auch nicht. Udo Lattek fiel aus allen Wolken, als ihm einer seiner Lieblingsschüler mitteilte, dass er inzwischen über die Dorfplätze jagte und auch keine größeren Ambitionen zeigte, an diesem Zustand etwas zu ändern. Zobel meinte es aber ernst: „Ich höre auf.“ Lattek meinte es ebenfalls ernst: „Kommt überhaupt nicht in Frage.“ Sein Trainer wollte unter allen Umständen verhindern, dass ein solches Ausnahmetalent in der Kreisliga versauerte. „Da musst Du raus, nächste Saison spielst Du Bundesliga.“ Jetzt musste sich Zobel räuspern. Bundesliga? Wie sollte das denn funktionieren? Wenn sich während der Asienreise nichts Entscheidendes geändert hatte, standen die Vereine bei ihm nicht gerade Schlange. Aber Lattek hatte ohne Zobels Wissen seine Kontakte spielen lassen und schon ein paar Dinge eingefädelt. Er verabschiedete sich kurz, um zu telefonieren. Als er zurückkam, teilte er Zobel mit: „ Alles klar! Du spielst nächste Saison bei Hannover 96.“
Auch wenn das genau das Gegenteil von dem war, was ihm am Anfang des Gesprächs noch vorgeschwebt hatte, sah Zobel ein, dass Widerstand zwecklos war. Er würde doch bei 96 nie zum Einsatz kommen, bemerkte er noch, aber auch dieser Einwand prallte an Lattek ab: „Die haben mit Dir 22 Spieler, und davon 12 Blinde. Du spielst also immer.“ Eine bestechend einfache Rechnung. Als er zwei Jahre später Hannover 96 verließ und zum FC Bayern wechselte, musste Zobel feststellen: Zumindest was seine Einsätze betraf, hatte der Trainer recht behalten.
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Viel zu verhandeln gab es nicht. Hannovers Ligaobmann Rudi Franz war zu den Zobels nach Stade gefahren, der Vater war mal wieder versetzt worden und Rainer hatte erneut die Schule wechseln müssen. 1.200 Mark Grundgehalt pro Monat, Prämien extra: der übliche Ausbildungsvertrag, den konnte man unterschreiben oder es bleiben lassen. Änderungen waren nicht mehr vorgesehen. Otto Zobel stellte dennoch eine Bedingung, bevor er für seinen noch nicht volljährigen Sohn unterzeichnete: Er sollte in Hannover weiter zur Schule gehen dürfen. Keine Schule, kein Vertrag! Ein Jahr hatte Rainer noch bis zum Abitur, und das war dem Vater viel wichtiger als der Fußball, von dem er ohnehin nur schwer einschätzen konnte, ob und vor allem wie lange damit Geld zu verdienen war. Rudi Franz fand das sehr vernünftig, gab Otto Zobel die mündliche Zusage, dann folgte die Unterschrift. Sein Sohn war nun Vertragsamateur und verdiente mit dem Fußball seinen Lebensunterhalt. Allerdings auf so kleiner Flamme, dass er weiter in der Amateurnationalmannschaft spielen durfte.
Die erste Unterkunft in Hannover hatte ihm sein neuer Arbeitgeber besorgt. Sie lag in der Yorckstraße, ganz in der Nähe der Trainingsplätze am Stadion. Eine Gründerzeitvilla, in der auch seine Mannschaftskameraden Peter Loof, Klaus Brune und Klaus Plischke untergebracht waren. Betreutes Wohnen für junge Fußballspieler, für jeden ein eigenes Zimmer, Bad und Küche gemeinsam. Der Verein hatte die vier in die Obhut eines älteren Ehepaars gegeben, das sich auch um die Wäsche und das Frühstück kümmerte, selbst in den noch verbliebenen Zimmern lebte und deshalb mitbekam, wenn die Untermieter erst zu vorgerückter Stunde heimkehrten. Dass sie dieses Wissen nicht für sich behielten, war Teil eines ungeschriebenen Abkommens, von dem alle etwas hatten: Hannover 96 zuverlässige Informanten, das Ehepaar pünktlich bezahlte Mieten und die Spieler das gute Gefühl, die ersten Schritte ins Berufsleben nicht ganz alleine gehen zu müssen.
Zobels Einstellung zum Fußball änderte sich durch den Vereinswechsel nicht grundlegend. Künftig mit den Großen der Branche auf einer Bühne zu stehen, war eine schöne Bestätigung seines Talents, aber von der Erfüllung eines Kindheitstraums konnte keine Rede sein. Seine Welt würde auch nicht aus den Fugen geraten, wenn sich die neue Liga als eine oder gleich mehrere Nummern zu groß erweisen sollte. Es gab noch ein Leben außerhalb des Profifußballs und das stellte ihn vor ganz andere, ebenso wenig geplante Herausforderungen: Zobel war Vater geworden, mit 19 Jahren ein ziemlich junger.
Die Begeisterung darüber hielt sich bei den Eltern seiner Jugendfreundin in Grenzen. Die ebenso junge Mutter war das, was man ohne groß zu übertreiben eine sehr gute Partie nennen durfte. Ausgesprochen hübsch, dazu noch aus bestem Hause. Ihr Vater, gebürtiger Münchener, arbeitete als Chefarzt am Krankenhaus in Uelzen und war als Vorsitzender der Deutschen Röntgenologen eine auf seinem Fachgebiet international gefragte und anerkannte Persönlichkeit. Geldfragen spielten in dieser Familie eine deutlich geringere Rolle als solche des Stils und der Etikette. Und die Frage, ob es sich bei Rainer um ihr Idealbild eines Schwiegersohns handelte, war noch lange nicht abschließend geklärt, da hatten die beiden jungen Leute auf ihre Art schon bei der Antwort geholfen.
Dass die Geburt unmittelbar bevorstand, erfuhr Rainer auf dem Frankfurter Flughafen, er war gerade mit der Amateurnationalmannschaft von einer Islandreise zurückgekehrt. Tags darauf sollte das Training bei Hannover 96 beginnen. Ohne bei seinem neuen Verein eine Nachricht zu hinterlassen, nahm er das nächste Flugzeug nach München, wo seine Freundin auf der Geburtsstation eines Krankenhauses lag. Sie in den Arm zu nehmen und seinen Sohn Holger im Leben zu begrüßen, war jetzt wichtiger als alles andere auf der Welt, wichtiger sogar als die ersten Übungseinheiten der neuen Saison.