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Annette Bopp Die Mistel
Die Mistel
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Annette Bopp Die Mistel

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Warum gibt es so wenig Fortschritt in der Behandlung von Krebs?

JS: Weil das Wesen der Krankheit, die Isolation, der Egoismus in unserer Zeit noch nicht bearbeitet ist. Ich denke, daß Krankheiten, die geradezu epidemisch auftreten, einen gesellschaftlichen Sinn haben – Pocken, Kinderlähmung, sogar die Pest. Weil sie die Verhaltensweisen der Menschen verändern, und weil die Menschen etwas lernen, was sie ohne diese Not nicht gelernt hätten. Die mit diesen Seuchen verbundenen Lektionen haben wir offensichtlich gelernt. Die Bedingungen haben sich so geändert, daß diese Epidemien nicht mehr auftreten können, aber auch nicht mehr auftreten müssen. Statt dessen »brauchen« wir offenbar andere: AIDS, BSE, Vogelgrippe – um nur einige Beispiele zu nennen. Und Krebs, der früher vergleichsweise selten vorkam, ist nahezu zu einer Volkskrankheit geworden.

Welche Lektionen sind es denn, die wir durch die Krankheit Krebs lernen müssen?

JS: Wir müssen lernen, frei zu werden und uns dabei gleichzeitig für das Ganze zu interessieren, nicht nur für uns selbst. Freisein, die menschliche Freiheit als höchstes Gut, ist das zentrale Thema unserer Kulturepoche. Die Individualisierung als Ausdruck dieser Freiheit ist notwendig, um in unserer Zeit ein wirklich selbst bestimmender Mensch zu werden. Sie ist eine Voraussetzung für menschliche Reife und als solche durchaus positiv. Diese Individualisierung kann und darf man nicht in Frage stellen! Aber sie ist nur dann gesund und entwickelt sich nur dann in die richtige Richtung, wenn sie die Verbindung zum großen Ganzen, die Wechselbeziehung zur sozialen Gemeinschaft nicht verliert. In der Krebskrankheit ziehe ich mich unbewußt seelisch und geistig mit den integrierenden und differenzierenden Kräften aus dem Körper zurück. Die Aufgabe wäre, mich bewußt mehr der Welt zuzuwenden als meinem Körper und meinen egoistisch geprägten Belangen. In diesem Sinn zeigt uns Krebs im Zerrbild der Krankheit, worauf es ankommt: vom Leiblichen und somit auch vom Egoismus unabhängiger zu werden. Solange wir unserem Körper die meiste Aufmerksamkeit schenken und ständig auf ihn orientiert sind, bleiben wir unfrei. Wir können uns nur weiterentwickeln, wenn seelische Entwicklung und Sozialkompetenz unsere Ziele werden. Sie machen uns auch von unserem momentanen körperlichen Zustand unabhängiger. In dem Maße, wie es uns gelingt, uns von der »Herrschaft des Körpers« zu befreien, überwinden wir auch den Egoismus. Letztlich ist es auch die Aufgabe, durch mehr Geistesleben den Materialismus, dem wir viel zu verdanken haben, der unser Leben heute aber zu einseitig bestimmt, kulturell zu verwandeln. Materialismus muß es geben, wie es auch den Körper geben muß. Aber da der Mensch mehr ist als sein Körper, muß er, um frei zu werden, erst zu sich selbst, zu seinem geistigen Kern kommen. Dann kann er auch dem Materialismus und Egoismus die Dominanz nehmen. Auf diese Menschheitsaufgabe weist uns Krebs hin.

Die Mistel für Körper, Geist und Seele

Die Mistel hat spürbare Auswirkungen auf allen drei Ebenen: körperlich, seelisch und geistig. Sie kann sowohl dazu beitragen, die Integrationskraft des Körpers zu stärken als auch die eigene Identität zu finden. Die körperlichen Auswirkungen sind mit klassischen Meßmethoden gut zu erfassen. Etwas schwieriger ist es hingegen, die Effekte auf der seelisch-geistigen Ebene darzustellen – sie sind nicht in Kilos oder Zentimetern, Litern oder Tagen, Wochen oder Monaten zu messen. Die Antwort ist immer subjektiv und heißt in der Regel: Ich fühle mich besser, ich habe wieder mehr Kraft und weniger Angst, ich friere nicht mehr so, ich nehme wieder zu, es geht mir gut. Alles – das Meßbare und das Empfundene – ist gleich viel wert.

Die Wirkung im Körper

Mistelextrakt besteht aus einer Vielzahl verschiedener Inhaltsstoffe. Welcher davon für die beobachteten Wirkungen verantwortlich ist, auf welche Weise er wirkt und welche Wechselwirkungen die verschiedenen Anteile miteinander haben, ist bis heute nicht eindeutig geklärt und nach wie vor Gegenstand experimenteller Forschung.

Folgende Wirkungen von Mistelextrakt auf den Organismus sind inzwischen wissenschaftlich belegt und anerkannt:

→Die Mistel kann den »programmierten Zelltod« (Apoptose) in der Zelle wieder anregen. Diese Fähigkeit ist die Basis für die Regenerationskraft des Organismus und somit für seine Gesundheit. Grundsätzlich gibt es zweierlei Arten von Zelluntergang: zum einen die Nekrose, wobei Zellen unwiderruflich absterben und auch nicht neu entstehen. Und zum anderen eben die Apoptose, die aus Tod und Auferstehung gleichzeitig besteht: Eine Zelle stirbt, um eine andere nachrücken zu lassen. Etwas Altes geht zugrunde, damit Neues entstehen kann – der ewige Kreislauf des Lebendigen, eine Gesetzmäßigkeit, ohne die kein Leben denkbar ist. Die Fähigkeit zur Apoptose ist also eine Voraussetzung dafür, daß Gewebe und Organe gesund sind und ihre Aufgaben erfüllen können. Bei einer Krebserkrankung ist den Zellen diese Fähigkeit verlorengegangen – sie können nicht mehr sterben. Sie wuchern wie verrückt vor sich hin. Daß die Mistel dazu beitragen kann, diese Fähigkeit zur Apoptose wieder anzuregen, ist deshalb eine besonders erwünschte und wichtige Wirkung.

→Mistelextrakt stimuliert das körpereigene Immunsystem. Durch die Krebserkrankung zahlenmäßig verringerte Immunzellen vermehren sich wieder. Außerdem erhöht sich die Aktivität dieser Zellen.

→Die Mistel bewirkt eine entzündliche Reaktion und leichtes Fieber. Dabei wird der gesamte Organismus angenehm durchwärmt. Tumorkranke haben ja meist eine eher niedrige Körpertemperatur und sind oft nicht mehr in der Lage zu fiebern. Diese Fähigkeit wird durch die Mistel gefördert. Gut durchwärmt zu sein, ist auch eine wichtige Voraussetzung für alle Lebensvorgänge und für ein funktionierendes Immunsystem.

→Mistelextrakt schützt die Erbsubstanz (DNA) der gesunden Zellen vor den schädlichen Einwirkungen, zum Beispiel von Zellgiften (Zytostatika). Chemotherapie und Bestrahlung werden somit besser verträglich und richten unter den gesunden Zellen weniger Schaden an. Dieser Effekt wurde nur beim Mistelgesamtextrakt beobachtet, nicht bei der Gabe von isoliertem Mistellektin oder von Viscotoxinen. Über welchen Mechanismus dieser Schutzeffekt zustande kommt, ist noch offen.

Unklar ist ebenso, wie wichtig das Zusammenspiel der verschiedenen Inhaltsstoffe ist. Teilweise lassen sich die Wirkungen bei den einzelnen Substanzen nachweisen, teilweise nicht, teilweise wirkt nur der Gesamtextrakt, nicht aber die Einzelsubstanz. Die Forschung konzentriert sich zwar heute vielfach auf die Mistellektine, es ist aber mittlerweile erwiesen, daß auch lektinarme Mistelextrakte (z. B. aus der Kiefernmistel) diese Wirkungen zeigen. Unstrittig ist, daß die isolierten Inhaltsstoffe einseitiger und nicht so umfassend wirken wie der Gesamtextrakt.

Viele Krebskranke finden mit der Misteltherapie einen neuen Zugang zu ihrem Körper. Sie lernen, besser auf ihn zu hören, seine Zeichen wahrzunehmen, ihn zu beachten. Das ist um so wichtiger, als Operation, Bestrahlung und Chemotherapie das Gefühl für den eigenen Körper nachhaltig stören.

Die Wirkung auf Seele und Geist

Die Polarität auf der zellulären Ebene läßt sich auch auf das Seelisch-Geistige übertragen. Auf der zellulären Ebene wirkt die Mistel einerseits giftig, andererseits stimuliert sie das Immunsystem. Auf die Psyche übertragen kann die Giftwirkung mobilisieren und herausfordern: »Wach auf! Schau hin, was da mit dir passiert!« Sie weckt die Lebensgeister, befreit aus Lethargie und Gleichgültigkeit. Die immunmodulierende Wirkung dagegen entspricht auf der seelischen Ebene eher einer wärmenden, umhüllenden Komponente. Schon allein die Steigerung der Körpertemperatur im Sinne eines leichten Fiebers zeigt diese Durchwärmung an, die bis in die Seele hineinreichen kann. Krebskranke haben vor Ausbruch oder Entdeckung der Krankheit oft keine normale Temperaturregulation mehr. Das heißt, ihre Körpertemperatur schwankt nicht – wie sonst üblich und gesund – im Tagesverlauf, ihr innerer Thermostat steht vorwiegend auf »kalt«. Auch sind sie oft nicht in der Lage, bei einem Infekt zu fiebern. Die Mistel kann den Regler wieder auf »warm« stellen.

»Die Mistel trägt dazu bei, den Menschen in eine gewisse Autonomie von seiner Krankheit zu bringen, ihm Abstand zu verschaffen – auf der zellulären Ebene ebenso wie auf der geistigen«, sagt Prof. Dr. Volker Fintelmann, der als Arzt über eine mehr als 35jährige Erfahrung mit Mistelpräparaten verfügt. Die Mistel, so Fintelmann, kann bewirken, daß die Krankheit in gewissem Maß als »Partner« gesehen wird, mit dem man sich auseinandersetzen muß, und nicht als Gegner, den es niederzuknüppeln gilt. Zum Vergleich erinnert er an eine Szene aus »Der kleine Prinz« von Antoine de Saint-Exupéry. Darin begegnet der kleine Prinz dem Fuchs und wird von ihm aufgefordert, ihn zu zähmen. Der kleine Prinz kann damit nichts anfangen, er weiß nicht, was er tun soll – was bedeutet »zähmen«? Schließlich erklärt ihm der Fuchs: Zähmen bedeutet, sich vertraut machen.

Genau darum geht es bei einer Krebserkrankung. Es gilt, sich mit ihr vertraut zu machen, sie zu zähmen. Sie anzuschauen und herauszufinden: Was will sie von mir? Warum kommt sie gerade jetzt? Und: Was lasse ich wachsen anstelle eines neuen Tumors oder anstelle von Metastasen?

Dabei werden Fragen aufgeworfen wie: Wer bin ich? Was will ich – vom Leben, vom Partner, von Freunden, im Beruf ? Welche Wünsche habe ich mir nie erfüllt? Wo bin ich mir selbst und anderen gegenüber nicht wahrhaftig? Wo handle ich anders, als ich denke und fühle? Wo verleugne ich mich selbst?

Die Ohnmacht überwinden | Sich diesen Fragen zu stellen, kann weitreichende Konsequenzen haben und ist nicht selten äußerst schmerzlich: kein Theater mehr spielen, nicht über die Erwartungen anderer nachdenken, sondern die eigenen Werte in den Vordergrund stellen und akzeptieren. Es bedeutet auch, herauszufinden aus der Opferrolle, in die die Krankheit so verführerisch schnell und leicht drängt. Die Ohnmacht zu überwinden, die der Schock der Diagnose bedeutet. Das Selbstmitleid zu beenden, das Gefühl des Ausgeliefertseins an ein Schicksal, in dem sich vermeintlich die ganze Welt gegen die eigene Person verschworen hat. Handlungsunfähig zu sein oder sich als handlungsunfähig zu betrachten, ist der größte Streß, dem ein Mensch ausgesetzt sein kann. Ein Streß, der die Krankheit höchstens verschlimmert, aber nie zurückdrängt. Deshalb ist es so wichtig, sich aus dieser Ohnmacht zu befreien.

Es gilt, eigene Möglichkeiten und Wege in der Krankheitsbewältigung zu erkennen, wieder selbstbestimmt und handlungsfähig zu werden; Mittel zu finden, die die herkömmlichen Methoden – Operation, Chemo-/Hormontherapie, Bestrahlung – ergänzen. Eines dieser Mittel ist die Mistel. Sie kann helfen eine seelische Erstarrung aufzulösen, die innere Wärme zu schüren und zu erhalten, seelische Verletzungen zu heilen und Wunden vernarben zu lassen. Und nicht zuletzt kann sie dabei helfen, Frieden zu schließen mit der Krankheit.

»Die Mistel wirkt entängstigend«, so Volker Fintelmann. Deshalb ist es auch so sinnvoll, sie schon vor einer Operation einzusetzen. Fast immer gibt es eine bis zwei Wochen Spielraum, in denen eine Krebsbehandlung mit Mistelpräparaten beginnen kann. In dieser Zeit besteht auch die Möglichkeit, sich eingehend mit den Operationsmöglichkeiten näher zu befassen, deren Konsequenzen zum Beispiel bei Brustkrebs für die betroffenen Frauen sehr einschneidend sein können.

Die Misteltherapie vermag eine Krebserkrankung nicht unbedingt dauerhaft aufzuhalten, wohl aber dazu beizutragen, daß der noch zu vollendende Weg in Würde gegangen werden kann. Daß Frieden einkehrt, wo Verzweiflung war, und daß Abschied genommen werden kann, in Ruhe und Übereinstimmung mit sich selbst.

Innere Stärke entwickeln | »Krebs entsteht häufig dann, wenn das Leben keinen Sinn mehr zu machen scheint«, sagt Volker Fintelmann. Oft macht Krebs auf drastische Weise einen Zustand deutlich, der im Inneren schon jahrelang bestand, aber stets verleugnet wurde. Bei vielen Krebskranken wurde die seelische und menschliche Integrität jahrelang nachhaltig verletzt – durch Kränkungen und Entwertungen, durch Unterdrücken von Kreativität, durch ständige Aufopferung für andere, durch ungeliebte Berufe, durch Liebesentzug und Nichtachtung, durch Entfremdung vom eigenen Selbst.

Vielen Krebskranken war das vor der Diagnose nicht oder nur unterschwellig bewußt. Sie glaubten, zufrieden und ausgeglichen zu sein – in Wahrheit waren sie es keineswegs. Sie hatten nur lange genug trainiert, sich in den Kulissen, die sie um sich herum aufgebaut hatten, einzurichten, mit ihnen zu leben. Diese Kulissen bildeten eine schützende Szenerie, die sie davor bewahrte, die lange und tief verdrängten Wünsche und Sehnsüchte zu erkennen, zuzulassen und danach zu handeln.

Die Misteltherapie kann dazu beitragen, diese verschütteten Wahrheiten ans Licht zu holen, sich ihnen zu stellen, die Kreativität in sich selbst auszugraben und zu entfalten. Denn gerade ein lang anhaltender Mangel an schöpferischer Entfaltung kann Krebs fördern. Nicht ohne Grund äußern viele Krebskranke den Wunsch, kreativ zu werden. Sie beginnen zu malen, zu photographieren, zu schreiben, zu musizieren, mit Ton, Holz oder Stein zu arbeiten, Stoffe zu bedrucken, zu nähen, Kleider zu entwerfen und was es an kreativen Tätigkeiten noch so gibt.

Wer sich auf eine solche kreative Auseinandersetzung mit der Krankheit und mit den eigenen Ressourcen einläßt, wird auch Antworten auf Fragen finden wie: Wo will ich noch hin in meinem Leben? Was sind meine Ziele? Worin sehe ich einen Sinn? Und auf diese Weise in und mit der Krankheit gesunden.

2.

Eine heilkräftige Pflanze mit langer Tradition

Um die Mistel ranken sich vielerlei Mythen. Der Glaube an ihre Zauberkraft reicht bis in die Antike zurück. So verhilft in der »Aeneis«, dem berühmten Heldenepos des altrömischen Dichters Vergil [70 –19 v. Chr.], ein Mistelzweig Aeneas, dem letzten Sohn der untergegangenen Stadt Troja, sich Zugang zur Unterwelt zu verschaffen, um seinen verstorbenen Vater wiederzusehen:

»Als Aeneas bei der kumäischen Sibylle nach dem Weg fragt, weist diese ihn an, zunächst einen Zweig zu suchen, dessen Laub hoch oben im Geäst golden leuchtet wie die Mistel im finsteren winterlichen Wald. Ohne diesen Zweig – so die weise Frau – könne er wohl den Weg hinab antreten, doch erst dessen Besitz sichere ihm auch wieder den Weg hinauf, aus der Unterwelt zurück in die Welt des Lebens und des Lichtes. Von zwei plötzlich auftauchenden Tauben geführt, findet Aeneas auf einer Eiche den Zweig, dessen Blätter im Wind klirren und wie jene der Mistel golden blinken. Er trägt den Zweig zur Sibylle, und gemeinsam begeben sie sich auf die gefahrvolle, Aeneas’ ganzen Mut fordernde Reise in die Unterwelt. Als die Reisenden an den breiten Strom gelangen, der in der Unterwelt das Reich der Unbestatteten vom Reich der Begrabenen trennt, zürnt der dort tätige Fährmann heftig. Er brüllt Aeneas an und weigert sich zunächst, ihn an das andere Ufer zu fahren, da er ein Lebender sei. Da jedoch holt die Sibylle unter ihrem Gewand den mitgeführten goldenen Zweig hervor, und dessen lang gemißter Anblick erweicht und beglückt den Fährmann so sehr, daß er, ohne zu zögern, seinen Kahn freimacht und die Wanderer an das jenseitige Ufer des Stromes übersetzt. Aeneas und die Sibylle gelangen schließlich an eine Gabelung des Weges, von wo der linke Pfad hinab in die Hölle, der rechte aber in das Reich der Seligen, das Elysium, führt. Den rechten Weg weiterschreitend, kommen sie bald darauf an das ersehnte Ziel, und ganz vorn an die Schwelle des Tores, das den Weg in das Reich der Seligen freigibt, heftet Aeneas auf Geheiß der Sibylle den goldenen Zweig. Dieser Zweig ist das Opfer, das er der in die Unterwelt gebannten Göttin Proserpina darbringt. Nun darf Aeneas das Elysium betreten und dort voller Glück seinen seligen Vater Anchises in die Arme schließen. Anchises belehrt seinen Sohn ausführlich über das Wesen des Menschen, über dessen Schicksal und die himmlischen Gesetze seines Werdens. Reich beschenkt nimmt Aeneas Abschied und begibt sich wieder hinauf in die Erdenwelt, wo seine Gefährten ihn erwarten, um zu neuen, herrlichen Taten aufzubrechen.« 3

Vom Mordwerkzeug zum Amulett

Im frühen Mittelalter spielt die Mistel in der »Edda«, einer Sage isländischen Ursprungs, eine zentrale Rolle. Darin wird ein Mistelzweig zum Mordwerkzeug:

»Baldur ist der lichte Gott des Asenvolkes, und ihn träumt, daß sein Tod bevorstehe. Voller Sorge nimmt Frigg, seine Mutter, darauf alle Wesen der Welt in Eid, dem Baldur kein Leid zuzufügen. Die Asen feiern auf diese gute Nachricht hin ein ausgelassenes Fest. Sie versuchen, Baldur zu schlagen und zu treffen, doch kein Hieb, keine Waffe vermag ihrem Liebling zu schaden. Das ergrimmt den Loki, den listigen Bruder des Baldur. Er verkleidet sich als altes Weib und erschleicht von Frigg das Geheimnis, daß ein Wesen ausgenommen blieb vom bindenden Eid. Die Mistel, die westlich von Walhall auf einem Baume wächst, erschien der Baldur-Mutter zu jung für diese Pflicht. Ohne Zögern macht sich Loki auf den Weg, reißt den Mistelzweig aus dem Baum und begibt sich zurück zum Fest der Asen. Dort steht, ein wenig abseits, der blinde Hödur. Er nimmt nicht teil am bunten und fröhlichen Treiben, weil er nicht sieht, wohin zu zielen, und nichts hat, womit zu werfen. Loki bedrängt ihn, sich auch in das ausgelassene Treiben zu mischen, und mahnt ihn, dem Baldur die gebührende Ehre zu erweisen. Er, Loki, werde ihm eine Waffe reichen und die Richtung weisen, in die er zu zielen habe. Spricht’s, drückt Hödur den Mistelzweig in die Rechte, lenkt den Arm des Blinden in die Richtung, wo Baldur steht und heißt ihn werfen. Hödur folgt, und augenblicklich fällt Baldur, tödlich getroffen, um.«4

Im späten Mittelalter vereinnahmte die christliche Mythologie die Mistel, welcher der (Aber-)Glaube magische Kräfte nachsagte. Schmuckstücke aus Mistelholz fanden Eingang in die christlichen Bräuche: Amulette, Brustkreuze, Rosenkränze wurden aus Mistelholz geschnitzt. Vielerorts wurden Mistelzweige am Palmsonntag unter die Weidenkätzchen gebunden und von Priestern geweiht.

Zaubertrank und Fruchtbarkeitssymbol

Druiden, keltische Priester mit dem Vorrecht auf Ausübung der Heilkunde, verehrten die Mistel, insbesondere die auf Eichen wachsende, als »omnia sanans«, die »alles Heilende«. Sie schnitten Eichenmistelzweige am sechsten Tag nach Neumond mit goldenen Sicheln und brauten daraus kräftigende und heilsame Tinkturen und Tränke. Dieser Mistelkult findet in den »Asterix«-Geschichten mit der Figur des Miraculix und seinem Zaubertrank, der den Galliern übermenschliche Kräfte verleiht, seinen Niederschlag. »Drudenfuß«, »Hexenbesen« und »Donnerbesen« sind alte Bezeichnungen für die Mistel – und deutliche Hinweise auf die geheimnisvollen, magischen Eigenschaften, die ihr zugeschrieben wurden. Auch heute noch hängen in vielen Wohnungen um die Weihnachtszeit Misteln über dem Türrahmen. Sie sollen Gesundheit, Fruchtbarkeit und Wohlergehen im neuen Jahr sichern. Wenn sich ein Paar darunter küßt, sei ihm ein reicher Kindersegen sicher, heißt es.

In der Volksmedizin galt die Mistel als heilsam bei Menstruationsstörungen, Epilepsie und Bluthochdruck. Ihre krebsbekämpfenden Eigenschaften wurden erst Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt.

Heilpflanze gegen Krebs

Als Heilpflanze in der Krebstherapie wurde die Mistel vom Begründer der anthroposophischen Geisteswissenschaft, dem Philosophen und Wissenschaftler Dr. Rudolf Steiner [1861–1925] entdeckt. Er äußerte sich Ende 1916 erstmals zu den Möglichkeiten einer Behandlung von Krebs mit Mistelextrakten. Die Ärztin Dr. Ita Wegman [1876–1943] griff seine Anregungen auf und entwickelte 1917 gemeinsam mit einem Zürcher Apotheker das erste Mistelpräparat Iscar, das 1926 in Iscador umbenannt wurde. Bis zu seinem Tod gab Rudolf Steiner zahlreiche Empfehlungen und Anregungen zur Misteltherapie, auf die sich anthroposophische Ärzte heute noch beziehen.

Daß Steiner gerade die Mistel als Heilmittel gegen Krebs empfahl, geht auf Parallelen zurück, die er zwischen dieser Pflanze und dem Wesen der Krankheit sah. Bei der Mistel »ist die wirksame Natur irrsinnig geworden, sie macht alles zur Unzeit«, sagte er am 2. April 1920 im 13. Vortrag zu Geisteswissenschaft und Medizin und riet: »Das ist gerade dasjenige, was man (…) benützen muß, wenn auf der anderen Seite der menschliche Organismus physisch irrsinnig wird, und das wird er ja zum Beispiel gerade in der Karzinombildung.«

Bösartige Tumore sind nach anthroposophischer Auffassung Fehlbildungen, die zur falschen Zeit im falschen Maß am falschen Ort im menschlichen Körper wachsen. Ebenso ist die Mistel eine Pflanze, die – gemessen an den üblichen Gesetzmäßigkeiten der Botanik – am falschen Ort wächst, nämlich auf Bäumen, nicht in der Erde, und zur falschen Zeit blüht und fruchtet, nämlich im Winter, nicht in der warmen Jahreszeit. Sie ernährt sich nicht selbst, sondern bezieht einen Großteil ihrer Nährstoffe von dem Baum, auf dem sie wächst. Auch ein Tumor ernährt sich von dem Körper, in dem er sich gebildet hat. Die Mistel spiegelt also gewissermaßen das Krebsgeschehen im Pflanzenreich.

Andererseits, so Steiner, ist die Mistel eine Art Gegenbild zum Krebsgeschehen. All das, was die normalen Gestaltungskräfte im Organismus wollen, will sie nicht – und umgekehrt will sie all das, was diese Kräfte überhaupt nicht interessiert. Konkret:

→Normalerweise bilden Pflanzen Wurzeln, um sich damit in der Erde zu verankern, und diese Wurzeln haben meist die Tendenz, relativ schnell abzusterben. Die Mistel dagegen bildet keine Wurzeln, sondern einen Senker, den sie in das junge Holz des Wirtsbaumes einsinken läßt und mit dem sie sich im Baum festhält. Dieser Senker bleibt jahrelang grün und hat keinerlei Tendenz, abzusterben.

→Jede Pflanze ist bemüht, eine möglichst große Blattoberfläche auszubilden und diese auf der Oberseite für die Aufnahme von Licht beziehungsweise an der Unterseite für die Abgabe von Kohlendioxid zu optimieren. Die Mistel dagegen läßt jährlich an jedem Zweig gerade mal zwei kleine, schmale Blättchen wachsen und gibt sich gar nicht erst die Mühe, zweierlei Schichten zu bilden – die Blätter sind oben und unten gleich.

Diese »Antitendenz« sowie ihre zeitlich und räumlich hochgradig organisierte Struktur prädestinieren die Mistel dazu, dem chaotisch wachsenden Tumor einen Kontrapunkt entgegenzusetzen. Zum Arzneimittel aufbereitet, stellt sie dem Organismus Kräfte zur Verfügung, die diesem verlorengegangen sind, was das Tumorwachstum überhaupt erst ermöglicht hat.

3.

Botanische Merkmale der Mistel

Es gibt rund 1400 Pflanzen, die im weitesten Sinn als Mistel bezeichnet werden. Gemeinsam ist allen, daß sie nicht in der Erde, sondern auf Bäumen wachsen. Nur aus einer von ihnen – der Weißbeerigen Mistel (Viscum album) – werden die Medikamente hergestellt, die heute gegen Krebs eingesetzt werden. Sie wächst in Europa in drei Unterarten (subspezies = ssp.): auf Laubbäumen (Viscum album ssp. album), auf Kiefern (Viscum album ssp. austriacum) undauf Tannen (Viscum album ssp. abietis). Die Laubbaummistel bevorzugt Apfelbaum und Pappel, sie wächst aber auch auf Ahorn, Birke, Linde, Robinie, Weide, Weißdorn und Mandel. Auf Eiche, Esche, Ulme, Nuß-und Birnbaum, Hasel, Rose und Platane gedeiht sie nur selten. Auf Buchen wachsen Misteln überhaupt nicht. Warum, hat bisher noch niemand herausgefunden.

Die Weißbeerige Mistel kommt in ganz Europa vor, aber auch in Nordafrika, im vorderen Orient, in Zentralasien und Japan. Sie gedeiht überall, wo es feucht und hell genug ist. Extremen Frost übersteht sie nicht, deshalb wächst sie in Nordeuropa nur vereinzelt. Im Süden beschränken starke Sonneneinstrahlung und Trokkenheit ihr Vorkommen. Die seltenen Eichenmisteln wachsenvor allem in Frankreich, wo sie günstige Bedingungen vorfinden.

Die deutsche Bezeichnung »Mistel« geht zurück auf einen altgermanischen Wortstamm, der zum Beispiel in der altnordischen Dichtung »Edda« als »Mistilteinn« (Mistelzweig) erscheint.

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