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Maria Spotlight Bennet Gargoyles
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Diese verdammte eigensinnige Göre, raste es mit wütender Kraft durch Ashs Gedanken. Warum musste er für Freyas Sünden büßen? Nur weil er der Jüngste von drei Kindern war? Und warum zum Teufel konnte Freya sich nicht fügen? Vielmehr noch, warum konnte Vater sie nicht endlich in Ruhe lassen und akzeptieren, dass sie Westminster nicht mochte? Das alles rauschte durch seinen Kopf wie ein Formel 1 Pilot über die Rennstrecke. Die St. Paul’s Cathedral gehörte zu ihren Schlupflöchern, zu ihren sicheren Unterkünften. Unterhalb dieser Mauern war sie sicher. Freya war kein kleines Kind mehr, sie konnte gut auf sich selbst aufpassen. Ash hatte ihr sogar ein paar Tricks im Kampf gezeigt, natürlich nur für den Notfall und der war bisher noch nie eingetreten. Wenn sie also innerhalb der Sicherheitszone blieb, konnte ihr nichts passieren. Anders als bei ihm. Er hatte Westminster auf Befehl seines Vaters verlassen müssen und befand sich außerhalb der Schutzlinie. Der Weg zwischen St. Paul und Westminster war nicht allzu weit, für ein geflügeltes Wesen nur ein Katzensprung. Trotzdem konnte er dem Feind begegnen. Er wusste nicht, ob die Pearce Wächter ausgesandt hatten oder nicht. Niemand wusste das, es war ein Katz und Maus Spiel. Es ging darum, den Feind zu dezimieren und das gegnerische Terrain zu fordern. Wo und wann Vergeltungsschläge eintrafen, konnte keiner der Klans voraussehen. Zwar hatten die Grimm und die Pearce unterhalb vieler berühmter Denkmäler ihr unterirdisches Reich erschaffen, aber den Weg von einem Stützpunkt zum Nächsten mussten sie über Tage zurücklegen. Ihre einzelnen Posten waren über Funksysteme, Satelliten und zahlreichen Monitoren miteinander verbunden. Überwachungskameras an den wichtigsten Stellen halfen den Klans dabei, den Feind im richtigen Moment kommen zu sehen. Leider gelang ihnen das nicht immer. Es gab Momente, da waren die Schwachstellen der Techniken vom Gegner ausgenutzt worden. So wie damals, in der einen Nacht, an der Seven Sisters Underground Station, als …
Nein! Ash verdrängte diesen finsteren Gedanken rasch. Er sperrte ihn zu den anderen Monstern in die Kiste. Nicht genug, dass die Grimm und die Pearce sich seit mehr als zweihundert Jahren bekämpften und ihre Gefechte hauptsächlich auf den Straßen Londons austrugen, was der Stadt dazu verholfen hatte, als verflucht zu gelten, denn in regelmäßigen Abständen wurde jemand aus dem Nichts heraus umgestoßen wie ein Kegel auf der Bowlingbahn, verfing sich in einem der Flügel eines Gargoyles und wurde mitgezerrt, oder ihm fiel ein herabfallender Backstein auf den Kopf, weil die Kämpfenden wieder Eigentum beschädigt hatten. Ash hatte immer noch das Problem mit seiner Schwester an der Backe und es würde eines bleiben, wenn Freya nicht endlich lernte, zu gehorchen oder sein Vater seine Haltung überdachte. In dem Fall konnte Ash warten, bis er schwarz wurde. Geplagt von seinen Gedanken legte der Wächter einen Zahn zu und betete, von keinem

Alex hatte sich vor dem aufkommenden Gewitter in die St. Paul’s Cathedral geflüchtet. Kurz zuvor hatte auch Freya ihren nächtlichen Flug oberhalb der Kuppel beendet und sich ins Innere begeben. Sie saß auf der Brüstung, der die große Hauptorgel einschloss und ließ ihre Füße nach unten baumeln. Das fahle Licht der gedimmten Leuchten zu den Wänden verwandelte das gesamte Interieur in eine kuschelige Atmosphäre. Freyas Augen waren nach unten auf das mittlere Schiff der Kirche gerichtet, wo sich lange Holzbänke in akkurat bemessenen Abständen hintereinander aufreihten. Dann wandte sich ihr Blick nach oben, zur Deckenmalerei hin. Sie hätte dieses Gemälde die ganze Nacht lang angucken können, wäre sie nicht vom Geräusch einer sich öffnenden Tür abgelenkt worden. Die Angeln des Vordereingangs gingen mit ihrem typischen Knarzen auf. Ein Geräusch, das sie nur zu gut kannte. Allerdings war es später Abend und sie hatte nicht damit gerechnet, dass noch jemand vorbeikommen würde. Warum schloss man die Türen denn nachts nie ab? Weil es eine Kirche ist, du blöde Kuh, und Gott immer für die Menschen erreichbar sein muss, dachte sie bei sich. Es erinnerte sie an diesen Flyer für die Servicehotline eines Internetkonzerns. Wir sind täglich 24h für Sie erreichbar. Es brachte sie zum Schmunzeln, denn sie stellte sich Gott wie einen Telefonisten vor, der sich die Sorgen der Menschen anhörte und dementsprechende Maßnahmen einleitete. Oder auch nicht, wenn es nicht nötig war und man einfach nur ein freundliches Vielen Dank für Ihren Anruf zurückbekam. Als Freya dann die Schritte vernahm, die sich nach vorne in ihre Richtung bewegten, kletterte sie von der Brüstung runter. Sie war im Begriff, das Orgelpodium zu verlassen, aber ihre Augen erhaschten aus den Winkeln heraus einen jungen Mann. Freya hatte schon so viele Menschen kommen und gehen sehen. Manchmal tat sie nichts anderes, als stundenlang an einem sicheren Ort in der Kathedrale zu verweilen und die Sterblichen zu beobachten. Sie scheute weder ihre Nähe, noch hatte sie Angst, mit ihnen in Berührung zu kommen. Ihre Augen hatten schon alles gesehen, Menschen, die schlank waren, die korpulent waren. Menschen, die alt und gebrechlich waren oder eben noch sehr rüstig und sportlich wirkten. Sie nahm sie zur Kenntnis und manchmal spann sie sich ihre eigenen Gedanken zu ihnen. Aber noch nie hatte ihr Herz dabei einen solchen Tanz aufgeführt wie gerade eben. Der Mann, der dort unten durch den mittleren Gang lief und sich akribisch umblickte, als suche er etwas Bestimmtes, war von einer unvergleichlichen Magie umgeben, wie Freya sie nie gesehen hatte. Sie konnte nicht aufhören, ihn anzustarren und bemerkte nicht, dass sich ihre Flügel wieder öffneten, als wollten sie sie zu dem geheimnisvollen Fremden tragen. Der junge Mann stand jetzt ganz nah unterhalb der Orgel. Noch war sein Blick auf den unteren Teil der Kirche gerichtet, was Freya die Chance einräumte, ihn genauer zu beobachten. Er hatte weizenblondes Haar, das ihm bis zur Hälfte seines Nackens reichte, was ihr sehr gefiel. Und sein Gesicht, es war von einer immensen Stärke gezeichnet. Einer Willenskraft, die es vermochte, Mauern einzureißen. Freya war gepackt von diesem Mann. Sie ließ es zu, sich völlig in seiner Aura zu verlieren, denn diese hatte sich ungeahnt in ihrer Gegenwart weit geöffnet. Sie spürte die Narben auf seinem Herzen und dass das Leben nicht immer gut zu ihm war. Sie fühlte … herrje, konnte das denn möglich sein? Nach so vielen Jahren, in denen sie nun schon die Menschen beobachtete, dass sie zu diesem einen eine besondere Verbindung hatte? Eine Bindung, welche sie selbst nicht verstand, die sie aber neugierig machte. Ihre Trance wurde jäh unterbrochen, als die Seitentür mit einem durch die Gänge hallenden Krachen aufflog und nicht nur sie, sondern auch den jungen Mann aufschrecken ließ.
„Wusste ich doch, dass du hier bist.“ Ash hatte Freya gefunden. Seine violetten Augen glühten bedrohlich, seine Flügel zitterten vor Wut. Er stapfte auf sie zu und packte sie grob am Handgelenk.
„Du kommst jetzt augenblicklich mit mir, Freya. Und ich schwöre dir, wenn …“
„HEY“, schrie es von unten herauf zu ihnen.
Alex hatte den Mut gefunden, sich bemerkbar zu machen. Er sah hinauf zu den Gargoyles. Sein Blick küsste den von Freya. In diesem Moment stand die Welt der Gargoyles kopf. Seit Anbeginn ihrer Zeit hatten sie mit ihrem Fluch, nie gesehen werden zu können, lernen müssen umzugehen und ihn zu akzeptieren. Sie waren einst als große Kunst erschaffen worden, um von den Menschen bewundert zu werden. Und jetzt gab es einen, der sie sehen konnte. Alex sah die Engel mit den Teufelsflügeln.
Viktor
Da war dieses grüne Licht gewesen, das ihn umhüllte wie eine toxische Wolke. Und ein unbekanntes Gefühl floss so plötzlich durch sein Inneres, als hätte man ein Feuer entfacht und Öl hineingegossen. Ein rhythmisches Hämmern wummerte in seinem Inneren, BA-DUM, BA-DUM. Er, den der Künstler George Steam Viktor genannt hatte, spürte Leben in seiner Brust. Er wurde befreit von seiner steinernen Hülle, die sich abpellte wie die Haut eines Basilisken. Viktor war orientierungslos, alles, was er sah, war dieses grüne Licht. Instinktiv öffneten sich seine Flügel und hoben ihn in die Luft. Seine Augen suchten nach einem Fluchtpunkt und fanden ihn. Purpurnes Licht traf seine Netzhaut und blendete ihn. Er war von einem grünen Inferno in ein rotes Meer geflogen. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis seine Augen sich auch an diese Farbe gewöhnten und seine Sicht zurückkehrte. Er erblickte seltsame Gebilde, die dicht aneinandergereiht die Kulisse zierten. Und zwischendrin sah er Gewächse aus dem Erdreich ragen wie grüne Finger. Figuren aus Fleisch und Blut, deren Münder auf und zu gingen und dadurch eine hohe Geräuschkulisse erzeugten, tummelten sich unter seinen Füßen. Sie wirkten wie ein Strom aus Ameisen. Wie betäubt durch die vielen Eindrücke, die mit eiserner Wucht auf ihn einschlugen, bemerkte der Gargoyle nicht, dass er Gesellschaft bekommen hatte. Jemand berührte seine Hand, er drehte sich hoch oben in der Luft um und blickte in die gütigsten Augen, die er je zu Gesicht bekäme. Lavendia war ihm gefolgt und hatte ihn gefunden. Sie wirkte hilflos, verängstigt, obwohl sie wusste, dass Viktor wie sie war. Viktors Finger vergruben sich in ihre. Wie Todesengel folgten sie dem Sonnenaufgang, der sie mit seinem Lichtspiel aus roten, goldenen und violetten Strahlen weg von dem Tumult der Stadt führte. Ihr Weg brachte sie auf eine weite Wiese, wo erst kürzlich jemand das Gras mit einer Sense geschnitten hatte, denn die Luft war noch erfüllt vom Geruch der abgetrennten Grashalme. Für Lavendia hatte es nie einen schöneren Duft gegeben, doch er würde aus ihrem Gedächtnis verschwinden, da die Gargoyles zu der Zeit noch keine Ahnung hatten, welches düstere Zeitalter ihres werden würde. Viktor blickte nochmals in Lavendias Augen, in denen er sich komplett verlor. Sie waren von einem mystischen Violett, umrandet von einem tiefschwarzen Kreis. Nicht einmal der Himmel brachte mit seiner Tag und Nachtgleiche einen solchen Farbton zustande. Das Pochen in seiner Brust wurde stärker, aber es fiel ihm schwer, das Gefühl zu deuten. Prinzipiell gesehen waren sie beide nach ihrer Erweckung durch den Fluch der Hexe wie neugeborene Säuglinge, betrachtete man die Umstände, dass sie die Welt mit ihren Gebräuchen, Formen und Farben, ihrem Wissen, ihren Gerüchen und alledem erst kennen und verstehen lernen mussten. Desto erleichtert waren beide, dass sie einander hatten. Sie waren keine einsamen Löwen in der Prärie, sie waren zwei ausgeklügelte Wölfe. Ein Herdentier, dessen Stärke das Rudel ist. Und wie auch der Wolf seine Kameraden selbst in der finstersten Nacht findet, bemerkten die beiden Gargoyles ein ihnen bekanntes Geräusch; es war das Auf und Abschlagen von Flügeln, das sich über ihren Köpfen bildete. Zwei weitere ihrer Gattung hatten in ihren Kreis gefunden und gesellten sich hinzu. Es waren Orgun und Augustine. Von ihren tristen, steinernen Hüllen befreit, gaben Orgun und seine Gefährtin Augustine ein ebenso prächtiges Gemälde ab wie die beiden anderen Gargoyles. Orguns tiefseeblaue Augen waren mit einer kalten Strenge auf Viktor gerichtet. Er musterte ihn, seine Körperhaltung blieb indes gelassen. Seine schmalen Lippen verzogen sich hernach zu einem beruhigten Lächeln.
„Wir sind gleich“, bemerkte er.
„Sind wir eben nicht“, höhnte Viktor in einem schon fast verächtlichen Tonfall. Er streckte seine Hand aus und deutete mit dem Zeigefinger auf Orguns Flügel.
„Deine Flügel haben andere Merkmale als die unseren.“
Es stimmte, Orguns und Augustines Flugwerk wies ein paar Unterschiede zu den der beiden anderen auf. So war der Knochen, der am obersten Punkt der Flügel herausragte bei Viktor und seiner Begleiterin nach hinten gekrümmt, während die von Orgun und seiner Partnerin jeweils zu den Seiten rechts oder links zeigten. Zudem waren diese nicht mottenzerfressen und von einem weit kleineren Adernetzwerk geprägt.
„Trotz allem teilen wir ein gemeinsames Schicksal“, merkte Orgun etwas gekränkt an, „wir sollten uns nicht an Kleinigkeiten festmachen. Ich würde vorschlagen, wir suchen uns fürs Erste ein sicheres Versteck.“
Sie einigten sich darauf, gen Westen zu fliegen. Schon bald hatten sie andere ihresgleichen gefunden und der ursprüngliche Kreis der Gargoyles war wieder vereint. Sie erkannten die Unterschiede in ihrer Spezies und teilten sich fortan in zwei Gruppen auf, die Grimm und die Pearce. Da Orgun und Viktor solch schillernde Persönlichkeiten waren, überließ man ihnen die Rädelsführung. So formten die beiden Anführer ihre Klans nach ihren Wünschen. Sie hielten sich abseits der Menschenwelt, noch. Denn die glitzernden Lichter, die prächtigen Farben und die vielen Gerüche hatten ihren unsichtbaren Zauber auf die Welt der geflügelten Wesen geworfen und ihre Existenz unter ihnen schon bald zurückgefordert. Ein schwerer Fehler.
Das Spiel möge beginnen
„Was zum Teufel war das gerade eben?“
Ash brüllte seinen Unmut seiner Schwester hinterher, die vor Aufregung zitternd in ihr Zimmer stürmte und sich in beruhigenden Kreisbewegungen die Schläfen massierte. Ihr Bruder hatte sie grob bei ihren Flügeln gepackt, sie aus St. Paul’s herausgezerrt, seine Hand wie eine Handschelle um ihre geschnallt und war im Eilflug nach Westminster ohne Zwischenvorfall zurückgekehrt. Sie hatte keinen Widerstand geleistet, ohnehin zog Ash eine geistlose Hülle hinter sich her, denn Freyas Gedanken hingen noch bei dem jungen Mann aus der Kirche, der die Gargoyles gesehen hatte. In der Realität angekommen, schnellte ihr Geist wie ein Geschoss zurück in ihren Körper und war mit der Tatsache völlig überfordert. Ihr Kopf schmerzte, ihr Puls raste wie ein Schnellzug durch einen Tunnel und ihre Schläfen pochten mit diesem dumpfen, unangenehmen Hämmern.
„FREYA“, schrie Ash, seine Stimme war eine Mischung aus schriller Angst und tobender Wut. Er knallte die Tür hinter sich zu, es kümmerte ihn nicht, ob es Aufsehen erregte, dafür war sein Nervenkostüm zu angeschlagen. Durch sein Brüllen holte er Freya ins Diesseits zurück.
„Ich habe dich gefragt, was da eben passiert ist?“
„Woher soll ich das wissen?“, verteidigte sie sich, aber ihre Stimme klang kleinlaut.
„Dieser Mensch hat uns gesehen, das ist dir hoffentlich bewusst. Und wir hatten beide unsere Flügel ausgebreitet. Das ist doch nicht möglich, das ist nicht möglich“, sagte er mehr zu sich selbst und donnerte mit seiner Faust auf das Tischchen vor ihm.
„Ash beruhige dich, es bringt überhaupt nichts, wenn du so aus der Haut fährst. Wenn wir die Sache klären wollen, sollten wir einen kühlen und vor allem pragmatischen Kopf behalten.“
„Du klärst hier überhaupt nichts, Fräulein, nur deinetwegen sind wir überhaupt in dieses Schlamassel geraten.“
„Wie hab ich das wieder zu verstehen?“, Freya verzog ihr Gesicht zu einer gereizten Maske.
„Das heißt, liebe Schwester, dass du von nun an Hausarrest hast“, Ash schritt näher auf Freya zu. Der seidene Faden, an dem sein letztes bisschen Geduld für seine Schwester gehangen hatte, war gerissen und war in einen tiefen Abgrund aus Wut, Enttäuschung und Verärgerung gefallen.
„Für wen hältst du dich, dass du mir so etwas aufbürdest?“
„Ich bin dein Bruder, Herr Gott, und ich bin für dich verantwortlich.“
„NEIN!“
„Nein?“, wiederholte er stutzig. Ein gefährliches Flimmern huschte über seine Augen.
„Ash, denkst du, ich wüsste nicht Bescheid, dass Vater dich zu meinem Aufpasser degradiert hat? Was in St. Paul’s passiert ist war ein Zeichen. Vermutlich hat es was mit der Prophezeiung zu tun.“
„Eine unvollständige Legende, Freya“, redete Ash Freyas Gedanken klein. „Höchstwahrscheinlich etwas, das nicht existiert. Es wurden Seiten aus dem Buch gerissen, Schwester, und Jahrhunderte lang haben beide Klans versucht, die fehlenden Stücke zu finden und sind gescheitert. Und dann kam der atomare Krieg, vermutlich sind die restlichen Teile dadurch vernichtet worden.“
„Und was, wenn nicht?“, warf Freya auffordernd ein. Die Frau mit den Teufelsflügeln auf ihrem Rücken hatte in jenem Moment, in dem sie Alex Lane sah, eine tiefe Verbindung zu ihm gespürt. Sie war von ihm angezogen worden wie die Motte vom Licht und sie empfand, dass es damit mehr auf sich haben musste, als ihr Bruder ihr weiszumachen versuchte. Ash ging erneut auf seine Schwester zu, sein Unmut war etwas abgeklungen, brodelte aber noch unter seiner Schale. Er legte mit leichtem Nachdruck seine Hände um ihre Schultern.
„Freya, unsere Spezies wird die Quelle von Samhain nie finden. Das müssen wir akzeptieren. Es sind schon zu viele Jahrhunderte vergangen, in denen sich diesbezüglich nichts getan hat. Diese Legende ist wertlos und setzt nur Staub im Bücherregal an. Was deine nächtlichen Wanderungen betrifft, ich werde dich nicht maßregeln und an die Leine nehmen wie unser Vater es gerne hätte. Aber ich appelliere an deine Vernunft. Dort draußen tobt ein Krieg, bitte werde nicht auch noch du eines seiner Opfer. Bleib hier, in Sicherheit und beuge dich den Wünschen unseres Vaters. Ich bitte dich als dein Bruder, denn an meinen Händen klebt schon zu viel Blut.“
Ash drückte Freya einen sanften Kuss auf die Stirn. Er überragte seine Schwester um einige Zentimeter, obwohl er jünger als sie war. Er ließ sie in ihrem riesigen Zimmer zurück. Ein Außenstehender hätte nicht verstehen können, weshalb Freya von hier flüchtete. Sie hatte alles, was man sich wünschen konnte. Ein großes Bett, schicke Kleidung, die ordentlich sortiert im begehbaren Schrank hingen, eine Kommode mit mehreren Spiegeln, in denen sie ihr perfektes Äußeres pflegen konnte, Luxus ohne Ende. Aber in ihrem Herzen war Freya nicht glücklich. Das Materielle sollte nur einen trügerischen Schein wahren. Ashs Worte rasten durch ihren Kopf, blieben an den sensiblen Bereichen in puncto Hinweise und Wahrheitsfindung hängen und legten dort einen Schalter um. Ein fehlendes Stück, eine Prophezeiung, die bis jetzt ins Leere geführt hat. Sie wies auf einen Schlüssel hin. Was, wenn dieser Mann der Schlüssel war oder ihn gar besaß? Freya hatte ihrem Bruder zwar tief in die Augen geblickt, als dieser sie zur Vernunft hatte treiben wollen, aber ihr Inneres hatte sich in dem Moment in zwei Hälften geteilt. Die eine Seite, die dem fürsorgenden Bruder eine verständnisvolle Mimik vorgaukelte, und die andere, welche schon einen Plan ausheckte, der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Und Freya wollte Antworten.

Alex kam schwitzend und keuchend auf seinem Zimmer an. Er hechelte wie ein Hund, dessen Herr ihn unbarmherzig getrieben hatte. Spielte sein Verstand ihm einen üblen Streich? Oder war es real, was er zuvor in der St. Paul’s Cathedral erlebt hatte? Oder doch nur einer von diesen beängstigend real wirkenden Tagträumen? Aber er tagträumte nie, war mit seinem Herz und seinem Verstand immer im Hier und Jetzt. Was könnte dann Schuld an diesem Albtraum gewesen sein? Ihm kam ein schlimmer Gedanke. Konnten es die Auswirkungen seiner letzten Ausschweife auf der Studentenparty gewesen sein? Aber er hatte den Joint doch abgelehnt, und das, obwohl Terry den verführerisch rauchenden Glimmstängel immer wieder unter Alex Nase gehalten hatte und ihm sagte „Alter, nur einen Zug und du wirst dich fühlen wie ein König.“
„Nein, Mann, echt nicht!“
„Dein Pech. Du verpasst was, nicht ich.“
Scheiße! Aber der Rauch war ihm passiv in die Nase gestiegen und davon war ihm schon fast schlecht geworden. Alex gehörte nicht zu denen, die während ihrer Schulzeit und auch noch danach mit Drogen experimentierten. Er hatte den Tod in Form einer winzigen Pille niemals angerührt, weder auf der Highschool noch auf dem College und schon recht nicht auf der Uni. Vor Jahren hatte er bei einer Feier über die Stränge geschlagen und es war ihm eine Lehre gewesen. Nach Dutzenden Drinks hatte das Mädchen, welches er eigentlich nicht leiden mochte, verdammt sexy ausgesehen und Alex war mit ihr im Bett gelandet. Als er am nächsten Morgen neben der Bratze aufgewacht war, hätte er sich am liebsten seinen Arm, auf dem sie ihren fettigen und nach Qualm stinkenden Schädel abgelegt hatte, abgebissen. Seitdem hatte er sich geschworen, die Finger von allem Bewusstseinsverändernden zu lassen. Und nun war er in diese äußerst seltsame Begegnung mit diesen, nennen wir sie mal Wesen verwickelt. Er hatte nicht geträumt, so etwas konnte man nicht träumen. Seine Augen hatten bei vollen Bewusstsein und klarem Verstand ihre Flügel gesehen. Er versuchte sich einzureden, es wäre nur ein Streich. Irgendwelche Kids, die einen auf Cosplay machten. Nur, dass zurzeit keine Kostümfestivals stattfanden und, was noch viel wichtiger war, die Flügel der beiden Kreaturen hatten verdammt echt ausgesehen. Alex Stirn war mit kaltem Schweiß bedeckt, sein Haaransatz war feucht, als hätte er ihn nach dem Duschen lediglich kurz durchgeföhnt. Nachdem die beiden Wesen verschwunden waren, hatte auch er seine Beine in die Hand genommen und war den gesamten Weg zu seiner Wohnung zurück gehechtet. In seinem Nacken hatte die blanke Furcht gesessen und ihn angetrieben. Im Wohnheim angekommen, hatte er hektisch seinen Schlüssel hervorgezogen und war förmlich mit der Tür in sein Zimmer gefallen; hatte keine Zeit gehabt, den Lichtschalter anzumachen. Und so war sein Zimmer nun dunkel, die Schwärze lag auf den Wänden, dem Boden, der Decke und nagte zusätzlich an seiner Seele. Er fühlte sich wie ein verängstigtes Kind, das seine erste Begegnung mit etwas Paranormalem hatte. Ihm fiel ein Sprichwort seines Großvaters ein, je größer die Dunkelheit, umso heller das Licht. Dunkelheit wird von Licht geschlagen, Furcht lässt sich damit zurückdrängen. Alex tastete nach dem Kabel der Tischlampe, seine Finger zogen sich hinauf bis zum Schalter und legten den Knopf um. Ein sanfter, kleiner Lichtschein erglänzte in der Dunkelheit und vertrieb zumindest stückweit die Angst, seine Panik und die Dämonen in seinem Kopf. Aber Dämonen sind hinterhältige Wesen, die sich nicht so leicht durch ein mickriges Leuchten verjagen lassen. Deshalb stürzte Alex‘ Gedankenwelt schon bald darauf wieder ins Chaos. Zum ersten Mal wünschte er sich zurück in seine Heimat, wünschte sich zurück in das Drecknest seiner Mutter. Herr Gott, er hätte momentan sogar seinen kriminellen Bruder vorgezogen als die Scheiße, in die er geraten war. Alex ließ sich auf sein Bett fallen und ringelte sich ein wie ein Igel, der Besuch von einem Raubtier bekommen hat. Das Medaillon um seinen Hals, das Schmuckstück, welches er sein Erbe nannte, rutschte zur Seite hinweg und er griff danach. Während seine Finger manisch über die Oberfläche glitten (er hatte in diesem Moment etwas von Gollum, der den einen Ring immerzu streichelt und ihm zuflüstert), plagten ihn düstere Gedanken. Bis zwischen all die Pein plötzlich und unerwartet die Erlösung eintrat. Sein Unterbewusstsein rief ihm die seemannsblauen Augen ins Gedächtnis, hinter denen so viel Anmut verborgen lag. Der Schrecken hatte auch etwas Schönes mit sich gebracht, denn nicht nur Freya war von Alex‘ Erscheinung wie betäubt gewesen. Wer sie wohl sein mochte? Dieser wunderschöne Engel mit den Dämonenflügeln. Und obwohl er bis dato noch nie taggeträumt hatte, flüchtete er sich nun in eine andere Welt. Und in dieser Eingebung legte diese furchteinflößende und doch so anziehende Persönlichkeit, die er dort oben auf der Brüstung hatte stehen sehen, ihre Flügel um seinen Leib und wog ihn darin wie einen Säugling. Er vernahm eine Stimme, sie klang zu fern, um ihre Botschaft genau zu deuten. Am Ende hörte er das Wort Herz heraus. Und die Dämonen verwandelten sich in harmlose Schatten.
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