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Maria Spotlight Bennet Gargoyles
Gargoyles
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Maria Spotlight Bennet Gargoyles

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„Weshalb es umso wichtiger ist, dass wir den Krieg mit den Pearce beenden, indem wir sie vollständig vernichten. Nur so erlangen wir unsere Macht zurück und London wird dann uns gehören“, schmetterte Dean Ash entgegen.

Sein Bruder hatte bei seinem Rang leicht Reden. Als Wächter oblag die Aufgabe, den Vorderrungen des Rates nachzukommen, natürlich bei Ash und all den anderen, die diese Position innehatten. Und wie viele hatte er bereits durch den gegnerischen Klan verloren? Wie vielen hatte er schon beim Sterben zusehen müssen? Nicht zuletzt Elaine … er sah plötzlich ihr mit Blut verschmiertes Gesicht vor seinem geistigen Auge. Sah, wie der letzte Lebenshauch sie verließ und sie in seinen Armen starb. Die Frau, die er so sehr geliebt hatte. Und als er den Kummer hinunterschluckte, spürte er stattdessen etwas anderes in sich, blanker Zorn.

„Der Rat hält sich wie immer aus allem fein heraus, was Dean! Ihr könnt nur Befehle erteilen. Ihr, die ihr dort oben sitzt und spöttisch auf uns Wächter herabblickt. Aber keiner von euch hat eine Ahnung, was es bedeutet, tagtäglich sein Leben außerhalb der Sicherheitszone geben zu müssen."

DAS REICHT!“, donnerte Viktors Stimme und erzeugte ein Echo, das Gehorsamkeit aber keine Rebellion verlangte.

„Hüte deine Zunge, mein Junge. Ein jeder hier im Rat hat schon mal als Wächter gedient. Wir wissen, was für Aufgaben wir euch aufbürden und wir wissen ebenso, welche Verluste wir dabei in Kauf nehmen müssen. Es ist eine Ehre, als Wächter dienen zu dürfen. Wenn du eines Tages hier oben sitzen willst, dann solltest du härter trainieren und endlich deiner Pflicht nachkommen.“ Viktor lehnte sich zurück, seine kaltherzigen Augen waren weiterhin auf seinen Sohn gerichtet. „Bring uns Dereks Kopf, und wenn du es vermagst, dann bringst du Orguns Kopf gleich mit.“

Viktor schlug auf das Pult vor ihm, die Sitzung war beendet. Alle anwesenden Gargoyles enthüllten ihre Flügel und rauschten von ihren Sitzen hoch. Ash hörte das Schlagen ihrer Flügel, das wie ein Schwarm von Fledermäusen in einer untergehenden Sonne klang. Viktor hatte gesprochen und ihr blinder Gehorsam war das Fundament auf dem der Thron des Anführers stand. Noch nie hatte jemand gewagt, Viktors Befehle infrage zu stellen, Bedenken zu äußern oder gar zu rebellieren. In Ashs Augen waren diese Ratsmitglieder allesamt dekadente Säcke, die sich nur an ihren Reichtümern laben konnten und hofften, dass die Ratssitzungen nicht allzu lange dauerten. Die geflügelten Bestien flogen einer nach dem anderen an Ash vorbei und verließen den Saal. Im letzten Rauschen, das der Wächter an sich vorbeiziehen spürte, streifte ihn seines Vaters Verachtung und die Gleichgültigkeit seines Bruders. Ash blieb alleine zurück. Sein Blick war auf den Boden gerichtet, auf das Gemälde in der Mitte. Das hätte er nicht sagen dürfen, verdammt, wieso konnte er sein vorlautes Mundwerk nicht halten? Sein Vater hatte so vieles für die Grimm getan. Aber auch ihm war es nie gelungen, Orgun zu vernichten. Er hatte ihm im Kampf ein Auge ausgeschlagen, aber seinen Kopf hatte Viktor nie als Trophäe mit nach Hause bringen können. Wieso also verlangte er es jetzt von Ash, wenn er wusste, mit welchen Waffen Orgun zu kämpfen pflegte? Der Wächter ließ den Ratsaal hinter sich. Er ging in die Bibliothek, wohin er sich gerne flüchtete, wenn er alleine sein wollte, denn in diesen Teil ihres unterirdischen Reiches kamen nur die wenigsten und jene, die überhaupt antanzten, schenkten ihm keine Beachtung, worauf er abzielte. Zwischen zwei Meter hohen dunklen Eichenschränken, die außer etlichen Schriftstücken der Zeit noch zentimeterdicken Staub beinhalteten, verkroch er sich; er fühlte sich bei dem schummrigen Licht an den Wänden wohl und dem Geruch des in Leder gebundenen Papiers. Ein Schriftstück hatte es Ash schon in seiner Kindheit angetan. Die Geschichte der Gargoyles. Der Legende nach waren die Gargoyles verflucht worden, niemals von einem Menschen gesehen werden zu können. Stellenweise war Ash dankbar dafür, immerhin war er so was wie ein Engel, nur mit den Flügeln eines Teufels. Auch das war ein Teil ihres Fluchs. Ash ging zu dem Buch, welches er immerzu aufschlug, wenn er nach hier unten kam. Es lag ordentlich wie immer aber geschlossen auf dem kleinen Altar in der Mitte des Raumes und bildete quasi eine Art Heiligtum, das die Augen beim Hereingehen auf sich lenkte, während die anderen Bücher aus Frust, nicht beachtet zu werden, vor sich hinseufzten. Seine Finger blätterten zu der Seite, an der die Geschichte der Grimm und der Pearce aufgeschrieben worden war. Wie hatte es nur so weit kommen können? Immerhin waren sie vom selben Schlag. Warum also Krieg führen? Wegen Habsucht? Hätte Viktor lieber seine Schätze hergegeben, dann würde Ashs Mutter Lavendia noch leben und keiner müsste leiden. Wieder spürte der Gargoyle Zorn in seiner Brust. Nur ein einziges Mal möchte er von seinem Vater gelobt werden. Möchte anerkannt werden für seine Taten. Er opferte viel, um den Klan der Grimm vor feindlichen Angriffen zu schützen. Ja, und sogar Derek, er kannte diesen Bastard seit seiner Kindheit, hatte viele Stunden mit ihm verbracht. Derek war älter als Ash, er hatte ihm vieles beigebracht, weshalb es den beiden wohl schwer viel, sich gegenseitig zu töten. Und Orgun, er hatte mit Viktor gelacht, hatte Brot und Wein mit ihm geteilt. Doch dann waren aus Freunden plötzlich Feinde geworden. Was als gemeinsames Schicksal begonnen hatte, war durch das Streben nach mehr Reichtum geopfert worden wie ein Lamm in einem heidnischen Ritual. Mehr als zweihundert Jahre waren seit der Ermordung seiner Mutter vergangen und Ash konnte nur auf ein Leben in Dunkelheit zurückblicken. Krieg und Zerstörung begleiteten ihn seither wie zwei Wachhunde und würden ihn immer daran erinnern, welchen Rang er innerhalb des Klans hatte. Er und Derek waren in ihrer Jugend beide zu Wächtern ausgebildet worden. Der einstige Grundgedanke hinter diesem Posten war simpel gewesen. Als Wächter hatte man dafür zu sorgen, dass die Menschen den Gebieten der Gargoyles nicht zu nahe kamen. Die erste Legion an Wächtern hatte goldene Rüstungen getragen, die von dunkelblauen Ornamenten gekrönt waren. Ihre Helme mit den schmalen Sehschlitzen boten schon damals optimalen Schutz für den sensiblen Kopfbereich. Diese Rüstungen verrotteten inzwischen in den Kellergewölben des Grimmklans. Ihre Kampftechniken hatten sich ebenfalls weiterentwickelt. Zumeist bewaffnet bis an die Zähne, kämpften die Wächter inzwischen nicht mehr dafür, von den Menschen in Ruhe gelassen zu werden, sondern sorgten dafür, dass die Zahl des gegnerischen Klans immer weiter schrumpfte. Es war eine Blutfehde, deren Schrecken nicht enden wollte und die indessen viele Gesichter angenommen hatte. Ashs sowie Dereks Aufgabe lag demnach darin, Ausschau nach dem Feind zu halten, ihn kalt zu machen und weitere Gebiete Londons zurückzufordern. Denn nach Lavendias Tod hatten die beiden Klans sich innerhalb der Stadt in alle Richtungen verteilt. Manche Verstecke waren bekannt, wiederum andere galt es noch zu entdecken. Das war der Punkt, an dem die Wächter ins Spiel kamen, denn der Krieg zwischen den Grimm und den Pearce war auch ein Territorialkrieg. Erst letzten Monat hatten Ash und sein Team einen kleinen, stillgelegten U-Bahn Schacht von den Pearce befreien können. Doch vier Wochen zuvor hatten sie ihren Außenposten unterhalb des Museums of Art verloren. Und vor neun Jahren da war es geschehen. Ash spürte wieder die Kälte in seinem Herzen aufkommen, den Kummer, der ihn drohte zu zerbrechen. Elaine. Jeder Buchstabe in ihrem Namen schmerzte ihn so sehr. Er hatte sie geliebt, doch dann war sie in seinen Armen gestorben. Der Trupp der Wächter hatte den Pearce eine Falle gestellt, die sich gegen sie gewandt hatte. Und wieder sah Ash ihren sterbenden Körper vor seinem geistigen Auge. Er blätterte schnell weiter, um sich abzulenken und kam zu den beiden fehlenden Seiten. Jemand klappte ihm das Buch vor der Nase zu; es war Dean.

„Was machst du hier?“, keifte ihn sein Bruder wie ein tollwütiger Hund an.

„Ich lese“, antwortete Ash ihm ruhig. Er wusste, dass Dean manchmal hitzköpfig war. Als sie noch Kinder waren, hatte Ash seinen Bruder in fast jedem Kampf geschlagen. Dean hasste ihn dafür, dass er, als sein ältester Bruder, von Ash übertroffen worden war. Aber Deans Fähigkeiten beliefen sich auf etwas anderes. Daher war er in noch jungen Jahren als oberster Schriftführer in den Rat berufen worden. Normalerweise oblag dieser Posten nur den Ältesten. Aber Viktor hatte es so gewollt.

„Was willst du, Dean?“

„Vater schickt mich, dich zu holen. Du weißt es ist Essenszeit.“

Unter den Kathedralen der Westminster Abbey Church hatten sie ihr Zuhause. Dort unten hatte sich das Volk der Grimm eine wahre Stadt erbaut. In der großen Halle saßen sie am Abend zusammen und teilten die Speisen miteinander. Ash folgte Dean den Flur entlang, der zum Saal führte. Fackeln tanzten an den Wänden, ihr warmes Licht brach sich an den Stellen, wo sie keine Chance gegen die Finsternis hatten. Ganz vorne saß Viktor als Klanoberhaupt und trank Wein aus einem verzinkten Becher. Er unterhielt sich mit Vlad, einem der Ältesten. Vlad sah furchteinflößend aus, mit seinem kreisrunden Gesicht wie das eines Kürbis, in dem kreisrunde, aber hohle Augen lagen. Sie waren immerzu rot umrandet, es lag vermutlich an seinem zu hohen Weinkonsum. Ash verglich ihn gerne mit einem aufgedunsenen Zombie, der zu lange im Wasser gelegen hatte. Der Wächter lief durch die Reihen, als er plötzlich festgehalten wurde.

„Hi Ash“, piepste Jessica ihm zu und berührte ungeniert seine Hand.

„Hallo Jessica“, seufzte Ash leicht genervt. Er hatte nichts gegen sie, eigentlich mochte er sie, auch wenn sie ihm zuweilen zu sehr auf den Leim rückte. Sie war seine Nervensäge und ja, Jessicas Aussehen war nicht von schlechten Eltern. Ihr platinblondes, langes Haar fiel ihr in glatten Strähnen vom Kopf. Sie hatte eine liebliche Art, konnte aber schlagartig zum Biest werden, wenn man sie reizte. Und, das musste Ash zugeben, ihre Brüste hingen wie süße, reife Äpfel von ihrem Körper und sie gewährte durch das Tragen von körperbetonten Shirts gerne einen Blick darauf. Aber heute war dem Wächter nicht zum Flirten zumute. Erstens lag ihm die Rüge seines Vaters noch bitter auf, zweitens hatte er ein schlechtes Gewissen Elaine gegenüber, denn sein Herz wollte sie nicht vergessen. Und drittens war ihm unwohl bei dem Gedanken, dass Jessica sich nur seinetwegen zur Ausbildung als Wächterin gemeldet hatte.

„Na, wo hast du dich heute rumgetrieben?“, fragte sie ihn und holte ihn damit aus seiner Gedankenspule.

„Ich …“, setzte er an zu antworten, wurde aber schon im nächsten Augenblick von Dean gepackt und weiter nach vorne geschliffen.

„Wir reden später, okay?“, rief er Jessica noch rüber, aber er sah nicht mehr, wie sie ihren Daumen zum Zeichen ihres Einverständnisses hob.

Viktor stellte seinen Becher ab und entließ Vlad mit einer Handbewegung aus ihrem Gespräch. Dieser stand auf und verschwand.

„Setzt euch“, wies Viktor seine Söhne an.

Ash nahm an seinem rechtmäßigen Sitz Platz, während Dean sich direkt neben seinen Vater gesellte. Zwischen Viktor und Ash war ein Sitzplatz frei.

„Wo ist eure Schwester?“, zischte das Klanoberhaupt ungehalten hervor.

Zwischen all der Aufregung hatte Ash nicht bemerkt, dass seine ältere Schwester Freya nicht anwesend war.

„Du kennst doch Freya, Vater, in ihr lebt eben der Geist unserer Mutter“, versuchte Dean seinen Vater zu beruhigen, der seinerseits die Frage weniger an seinen ältesten Sohn, sondern vielmehr an Ash gerichtet hatte. Wieder war der Wächtergargoyle den anmaßenden Blicken seines Erzeugers ausgeliefert.

„Ich habe keine Ahnung, wo sie sein könnte“, gab Ash ermüdet zur Antwort.

„Na, dann such sie gefälligst! Es ist schon spät, sie sollte längst zurück sein. Bestimmt ist sie bei einer unserer sicheren Plätze. Am besten fliegst du rüber zur St. Paul’s Cathedral und siehst nach, ob sie sich dort aufhält.“

Ash war wütend. Er hatte nicht einmal die Chance bekommen, sich ordentlich hinzusetzen und nach einem harten Tag etwas zwischen die Zähne zu kriegen. Jetzt musste er auch noch nach seiner abenteuerlustigen Schwester suchen gehen. Er stand auf, sein Stuhl quietschte mit dem missgünstigen Ton, den er beabsichtigt hatte zu erzeugen, über den Boden. Viktors Haltung hatte ihm zu verstehen gegeben, wo sein Platz war und was verdammt noch eins seine Aufgabe war. Erneut den Babysitter für seine Schwester zu spielen.


Der Fluch der Hexe

Tabitha und Abigail Lane waren zwei Schwestern, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Sie lebten gemeinsam im Haus ihrer verstorbenen Mutter in einem Ort, den man Salem nannte. Salem, im schönen amerikanischen Staate Massachusetts, sollte später in die Geschichtsbücher als der Platz eingehen, wo die meisten Hexenprozesse stattfanden und man zahlreiche Frauen der Hexerei bezichtigte, sie verurteilte und sie schließlich bei lebendigem Leib auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Salem würde später zum Geburtsort der Hexenverfolgung ernannt werden. Was im Jahre 1602 in dem Örtchen noch keiner ahnte, es gab tatsächlich zwei Hexen unter der Bevölkerung. Abigail stand für das Gute, sie war eine Augenweide für jeden Mann, hatte goldblondes Haar und strahlend blaue Augen und jede der einheimischen Frauen beneidete sie. Tabitha stand ihrer Schwester in Sachen Schönheit in nichts nach. Ihr Kopf war von rabenschwarzem Haar bedeckt und und in ihren Augenhöhlen funkelten tiefgrüne Smaragde, aber in ihrem Herzen herrschte eine arktische Kälte. Mit ihrer düsteren Aura konnte sie Menschen schon fast töten. Abigail liebte lange Spaziergänge an der freien Natur, ihre Schwester ging oft nur nach draußen, wenn es blitzte und donnerte, dass man meinen konnte, die Hölle hätte sich aufgetan. Ja, sie hatten nichts gemeinsam, bis auf eine Kleinigkeit. Sie waren beides Hexen. Abigail diente dem Guten, sie benutzte ausschließlich weiße Magie. Trotz dass viele sie um ihr blendendes Aussehen beneideten, schenkte sie den Menschen immer ein fröhliches Lächeln. Sie pflanzte Hoffnung in die Herzen, deren Böden schon erkaltet waren. Tabitha wurde gemieden wie die Pest, die Dorfbewohner verachteten sie, und die Geschichten, die man sich über sie erzählte, flößten Kindern das nackte Grauen ein. Wie der Zufall es so wollte, hatten sie beide ein Auge auf denselben Mann geworfen. George Steam war als Künstler in Salem bekannt. Ein eher hagerer, unscheinbarer Mann, dessen Gesicht von einer Sehhilfe geziert war. Er war Bildhauer und hatte den Leidensweg Christi für die lokale Kirche in Stein gemeißelt. George war ein Freigeist. Er hatte nicht viel übrig für die Welt außerhalb seiner Werkstatt. Doch Abigails unüberwindbarer Charme ließ selbst ihn dahinschmelzen. Wäre da nicht ein kleiner Teufel namens Tabitha gewesen. George wusste, dass es falsch war, Gefühle für zwei Frauen zu hegen und so suchte er Trost in weiterer Arbeit. Er werkelte Tag und Nacht an großen Steinblöcken, bearbeitete sie mit Hammer und Meißel. Trotz der schweißtreibenden Arbeit ließen ihm seine Gedanken um die beiden Frauen keine Ruhe. So floss der Schmerz, den er über seine missliche Lage empfand, in seine Kunst mit ein. Bewaffnet mit seinem Werkzeug formte er massive Skulpturen aus dem Gestein. Sie hatten Flügel, die zunächst wie die eines Engels aussahen, und liebliche Gesichter dazu und er nannte sie Gargoyles. An einem Juninachmittag lud George Abigail in seine Werkstatt ein. Die gute Hexe hatte ihre Gefühle für den Bildhauer vor ihrer eifersüchtigen Schwester geheim gehalten. Sie ahnte aber nicht, dass Tabitha sich bereits mehrere Male mit George getroffen und er ihr heimlich den Hof gemacht hatte. In der Blase ihrer Illusion gefangen, führte George seine Angebetete an diesem Nachmittag zu seinem Schaffensort und präsentierte ihr stolz sein neuestes Werk. Zwölf Steinfiguren, so hoch und breit wie Menschen selbst, reihten sich vor Abigails Augen auf und ließen sie in einen Status des Staunens verfallen.

„Und wie gefallen sie dir?“, fragte George seine heimliche Liebe.

Abigail lief an den Skulpturen vorbei. Ihre zarten Hände berührten das Material, schlagartig spürte sie die hingebungsvolle Liebe und die Leidenschaft, mit der sie gefertigt worden waren.

„Oh George, sie sind einfach wunderschön. Ich kann mich nicht daran entsinnen, je etwas so Prächtiges erblickt zu haben.“

Jede der Figuren war in ihrer Machart anders und somit einzigartig. Ein Detail verband sie jedoch, ihre engelsgleichen Flügel auf ihren Rücken. Ein Merkmal, das hervorstach, das sie von anderen Skulpturen anderer Künstler massiv unterschied und sie zu etwas Besonderem machte. Ihre Gesichter waren von George mit perfekter Präzision bearbeitet worden, man bekam in ihrer Nähe das Gefühl, als stünde man vor einem Gott, der von purem Licht umgeben war.

„Ich habe ihnen sogar Namen gegeben“, sagte George und lief auf die beiden vordersten Figuren zu, die offenkundig männlichen Geschlechtes waren, „diese beiden hier heißen Viktor und Orgun“, meinte er stolz und seine Brust hob sich dabei.

„Und diese beiden Schönheiten“, führte er fort und deutete auf die weiblichen Figuren, die hinter Viktor und Orgun standen, „habe ich Lavendia und Augustine getauft.“

Abby ließ den Moment auf sich wirken.

„George, deine Kunst ist so inspirierend, doch ich fürchte, in Salem wird niemand von ihnen Notiz nehmen. Schlimmer noch, vielleicht werden die Leute dich für einen Ketzer halten und dich töten“, in Abigails Stimme lag Furcht. Sie wollte George um keinen Preis verlieren, ebenso wenig wie er sie.

„Was schlägst du also vor?“, fragte der Künstler.

„Wir müssen sie aus Salem herausschaffen. Hier ist nicht der richtige Ort für deine Kunst. Glaub es mir oder nicht, ich habe das Gefühl, dass es in Salem schon bald zu Unruhen kommen wird. London ist eine große Stadt mit vielen gebildeten Leuten. Ich kenne dort jemanden, der eventuell Interesse an deinen Skulpturen haben könnte. Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass sie die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.“

„Oh Abigail“, jauchzte George, ging zu ihr rüber und legte seine rauen Handwerkerhände um ihre zarten Elfenfinger, „du bist so gut zu mir, wie habe ich das nur verdient? Dein Plan klingt durchaus gut, aber er würde eine Unsumme an Geld verschlingen, das ich leider nicht habe.“

„Überlass das nur mir, Liebster“, fügte sie schlussendlich hinzu, ehe die beiden einander küssten und Abschied nahmen. Abigail wies George an, niemandem sonst von seinen Gargoyles zu berichten. Mithilfe von loyalen Freunden schaffte Abigail die Skulpturen über Nacht aus Georges Werkstatt und buchte ein Schiff nach London zur Überfahrt. Die Gargoyles als Fracht verladen, setzten George und Abigail am Morgen des 26. Junis im Jahre 1602 Segel nach London. Niemand der Besatzung ahnte, dass sie einen blinden Passagier bei sich hatten, der dem liebenden Paar ihr Glück rauben und an die Krähen verfüttern würde.

Drei Tage dauerte die Überfahrt. Eine Zeit, in der George und Abigail von wohligem Glück begleitet waren. Nicht zuletzt, weil die gute Hexe ein kleines Geheimnis unter ihrem Herzen trug, welches sie dem Künstler nach ihrer Ankunft in der Stadt mitteilen wollte. Londons Hafen stank nach Fisch, der salzigen Seeluft und dem fauligen Atem der Menschen. Als Abigail und George ihre Kajüte verließen, drang wildes, ungehobeltes Pöbeln der Seemannsleute an ihre Ohren. Die Möwen zogen hoch oben in der Luft ihre Kreise, erfüllten sie mit ihrem Kreischen, das wie ein Sägeblatt über Stein geschliffen klang. Sie tummelten sich auf den Balken der vielen Anlagebrücken und spekulierten darauf, dass ein unvorsichtiger Seemann irgendwo einen Fisch fallen ließ. Die raue Anlegestelle lag schon bald hinter George und Abigail, die sich in Richtung Stadt aufmachten. Die gute Hexe hatte dem Direktor des Museums of Art geschrieben und ihn um ein Treffen gebeten. Sie hatte Georges Kunst in den höchsten Tönen gelobt. Ihm selbst erschien seine Situation noch zu surreal, etwas, das nicht von Menschenhand, sondern von Magie gelenkt wurde. Am erwählten Treffpunkt luden die Arbeiter Georges Skulpturen von den Wägen und trugen sie ins Innere des Gebäudes. Es ging für die Gargoyles tief hinab in das Kellergewölbe. Versteckt unter Linondecken stellten die Arbeiter, die beim Verladen ziemlich ins Schwitzen gekommen waren, die Figuren schließlich eine nach der anderen ab. Der Direktor war schon vor Ort. Georges Augenblick war gekommen, er enthüllte seine Kunstwerke. Der Direktor, ein dickbäuchiger Mann namens Andrew Powell, der ein Monokel trug und eine Vorliebe für Spitzbärte hatte, betrachtete die Gargoyles mit hochgezogenen Brauen. Das Kellergewölbe war gut beleuchtet, sodass er die Darbietung problemlos sehen und beurteilen konnte. Georges Herz schlug ihm bis zum Hals. Er wusste nicht, wie er Mister Powells Gesichtsausdruck und sein gelegentliches Grunzen zu interpretieren hatte. Hoffentlich war die Fahrt nicht vergebens gewesen.

„Nun, Mister Steam“, begann der Direktor und schürzte seine Lippen, „ich wünschte, wir hätten uns früher kennengelernt. Ihre Skulpturen sind außergewöhnlich und ihre Machart deutet auf Brillanz hin. Ich darf Ihnen also gratulieren, George. Mit meiner Hilfe werden Sie bald zu einem der bekanntesten Künstler in ganz London aufsteigen. Ihre, wie nennen Sie sie noch gleich, Gargoyles, diese Figuren werden schon bald sämtliche Kirchen der Stadt zieren, oh was rede ich da, der ganzen Welt.“

Georges Knie wurden weich. „Danke, Mister Powell, das bedeutet mir sehr viel.“

Der Direktor schüttelte George kräftig die Hand. „George, laufen Sie mir ja nicht weg, mein lieber Junge. Ich sehe Sie dann morgen früh wieder und werde dann alles Weitere mit Ihnen besprechen. Ich möchte nicht zu voreilig sein, George, aber bei Ihrem Talent würde es mich nicht wundern, wenn das Königshaus Sie schon bald engagiert.“

Dem Schein der vielen Fackeln folgend, verließ Mister Powell George und Abigail. Seit ihrem Aufbruch aus dem Hafen hatten die beiden endlich wieder einen Moment für sich.

„Meine liebste Abby“, schwärmte George“, nur dir habe ich das zu verdanken.“

„Doch nur dir gebührt der Ruhm. Der Direktor hat recht, du hast so viel Talent, George, du darfst es nicht an einem so kümmerlichen Ort wie Salem lassen.“

Sie trat näher an ihn heran. „Mein Liebster, da gibt es etwas, dass ich dir noch sagen möchte. Ich trage dein Kind unter meinem Herzen.“

George wusste zunächst nicht, wie er auf Abbys Geständnis reagieren sollte. Er fühlte so vieles durch seine Brust rauschen wie einen Sturzbach. Vor allem aber erfuhr er Glückseligkeit, die ihn für einen kurzen Moment sprachlos machte.

„Abby … das … ist… einfach nur WUNDERBAR!“

Er hob seine Angebetete auf seine Arme und drehte sich mit ihr im Kreis.

„Ich liebe dich, Abigail. Ich habe dich schon immer geliebt. Du bist die Eine, die ich an meiner Seite haben möchte, für jetzt und …“

„… für immer und in aller Ewigkeit, Amen“, sagte eine kaltherzige Stimme, die plötzlich aus dem Nichts drang.

Ihre bitterböse Aura ging ihr wie ein Schatten voran, als Tabitha sich zu erkennen gab. Sie war wie stets in schwarze Kleidung gehüllt, man hätte meinen können, sie ginge auf eine Beerdigung.

„Ich wusste es, dass ihr beiden hinter meinem Rücken miteinander anbandelt“, spuckte die böse Hexe wütend aus. Ihre grünen katzengleichen Augen funkelten, als wäre ein Vulkan explodiert.

„Tabitha, lass mich dir das erklären“, versuchte George sie zu beruhigen.

Du elender Verräter, wage es ja nicht, dich herauszureden! Ich habe dir mein Herz geschenkt und das ist dein Dank dafür? Dass du dich für meine langweilige Schwester entscheidest?“

„Lass ihn in Ruhe, Tabitha, das geht nur dich und mich etwas an.“

Abigail stellte sich schützend vor George. Tabitha schlich wie ein räuberisches Biest vor ihr hin und her. Das Messer, des an ihr begangenen Verrates, stach ihr tief ins Herz, sodass die schwarze Hexe vergaß, was sie für George je empfunden hatte. Sie griff die beiden an. Grüne Blitze zuckten aus ihren Händen und richteten sich wie fliegende Speere gegen ihre Schwester. Abigail wurde nach hinten geschleudert. George verlor dadurch seine Deckung und wurde Opfer von Tabithas entfesselter Macht. Ein Blitz traf ihn an seiner Schläfe und er viel bewusstlos nieder. Abigail hatte sich vom Angriff ihrer Schwester wieder aufgerappelt. Obgleich sie Trägerin des Guten war, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich ihrer boshaften Blutsverwandten zu stellen. Sie konterte Tabithas Angriff mit einem bläulichen Strahl, der die grünen Blitze zerbrechen ließ wie ein herunterfallender Porzellanteller. George kam wieder zu Bewusstsein. Er glaubte zunächst, einem üblen Traum aufzusitzen, als er die beiden Frauen kämpfen sah. War es denn möglich? Abigail und Tabitha waren Hexen? Unter dem vielen Schmerz fühlte er seine moralische Welt allmählich einstürzen wie ein schlecht gezimmertes Haus. Die Schwestern lieferten sich einen erbitterten Kampf, Gut versuchte Böse zu besiegen, Böse konterte mit weiteren Blitzen und gedachte, das Gute zu unterjochen. Aber die dunkle Seite in Tabitha hatte zu viel Macht und so brach sie Abigails Schutzschild. Die gute Hexe strauchelte nach hinten, Tabithas grüne Blitze schlugen in ihre Schulter ein, machten sie kampfunfähig. In seiner hilflosen Lage musste George mit ansehen, wie seine schwangere Geliebte keuchend am Boden lag. Ihr Brustkorb ging zunächst in hechelnden Abständen schnell auf und ab, ehe er sich abgeflacht und arrhythmisch bewegte. Triumphierend lächeln stellte Tabitha sich wie ein bedrohlicher Schatten über George.

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