Dirk Zöllner Herzkasper
Herzkasper
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Dirk Zöllner Herzkasper

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Nun führen sie einen Rosenkrieg, der von Bild & Co genüsslich ausgeschlachtet wird. Alle, die diese Band im Herzen tragen, winden sich vor Pein.

In einem Interview mit der Berliner Zeitung vom Anfang des Jahres 2020 offenbarte Maschine nun den Ursprung der Familienfehde: eine Verletzung, die ihm 2013 von seinen Kollegen und dem Management zugefügt wurde. Ein Alleingang, ohne den Frontmann. Er kann diese Illoyalität nicht verwinden, es gärt immer weiter, und der Kapitän verlässt den immer noch flotten Kahn.

Die Puhdys befinden sich mittlerweile fast alle im achten Lebensjahrzehnt, aber ein echter Musiker kann natürlich nicht in Rente gehen. Jeden Einzelnen zieht es weiterhin auf die Bühnen, die sind nun allerdings kleiner als gewohnt. Selbst Maschine kann allein nicht mehr die ganz großen Arenen bespielen, und das lässt ihn nicht kalt. Da ich selbst an der Front einer Musikerbande stehe und berufsbedingt mit einem großen Ego ausgestattet bin, ist das für mich nachvollziehbar. Je größer der Erfolg, desto größer wahrscheinlich auch das Ego der Gallionsfigur.

Auch wenn Maschine sich heute mit den besten Musikartisten umgibt, die er auf dem Markt kriegen kann – der strahlende Gitarrenheld Uwe Hassbecker steht ihm wohlgestalt zur Seite – der knorrige Quaster und die anderen markanten Superhelden passen ihm einfach besser. Sie sind der lange geschnitzte Rahmen, der das Kunstwerk zur Geltung bringt. Maschine weiß das, kann aber nicht mehr zurück. Die Verletzung muss in Verzweiflung umgeschlagen sein, nur so ist die Selbstdemontage der Legende erklärbar.

Die gerichtliche Anfechtung gemeinschaftlicher Urheberrechte kann nur im Affekt passiert sein. Alle wissen doch, dass Du die Hauptfigur bist, großer Mann! Jetzt hast auch Du verletzt, jetzt könntest Du verzeihen. Macht es bitte noch mal zusammen, wir wollen ein Happy End! In den ganz großen Stadien. Vielleicht auch hier bei mir, in Köpenick, in der Alten Försterei.

Großet Ego? Is dit ’ne Krankheit?

Nicht wirklich, mein Herz! Das ist eher so ’ne Verhärtung. Oder Verirrung. Da glaubt der Kopf, das Herz zu sein, ist beeindruckt von den eigenen Gedanken und erschüttert darüber, von der Welt verkannt zu werden. Und das Herz ist devot, macht sich ganz klein und kann dadurch nicht mehr so viel Liebe nach außen abgeben. Es leidet sozusagen unter seiner eigenen Mickrigkeit. Es tut sich leid.

Doch ich habe es selbst in der Hand und kann dafür sorgen, dass es uns besser geht. Einfach den Kopf ein wenig entlasten. Ihn nur dann auf Betriebstemperatur bringen, wenn es um elementare Dinge geht. Die Dinge, die tiefer gehen als irgendwelche Zahlen, kann man nicht in den groben Rastern von Formeln oder Gleichungen erkennen, sondern einzig und allein mit dem Herzen.

Is ja jut – so’n bisschen Sado-Maso-Theater is doch dit Salz in der Suppe! Und wenn du mal jenau hinkiekst, ham wa doch eigentlich alle ’n Ding an der Waffel, oder? Außer du natürlich!

Ja, natürlich! Alles wird aus individueller Perspektive betrachtet. Die größeren Macken haben natürlich immer die andern. Wir müssen uns auch selbst am meisten lieben, sonst ist es schwer mit dem Überleben. Die eigenen Kinder bilden natürlich die Ausnahme von der Regel – die Mutterliebe ist tatsächlich selbstlos! Und wir beide – also mein Herz und ich – wissen, dass man auch als Vater diese Urgewalt fühlen kann. Aber grundsätzlich muss noch ein bisschen was für die anderen komischen Vögel übrigbleiben. Wir müssen uns austauschen, in liebevollem Streit, sonst sind wir echt im Arsch! Wir sägen uns den Ast unter selbigem ab, wenn wir uns jetzt nicht langsam weiterentwickeln. Der Kapitalismus in dieser Form hat ausgedient. Die Wachstumsgesellschaft ist ausgewachsen. Mehr Profit bringt uns keinen echten Gewinn. Jetzt kann nur noch das Herz wachsen!

Und zwar tritt dit nach meiner Kenntnis ... is dit sofort. Unverzüglich!

Alles Irre

Das erfolgreiche Erlernen eines Instruments erfordert gewisse autistische Züge. Ich würde sogar behaupten, dass die als Autismus bezeichnete Persönlichkeitsstörung unter Musikern überdurchschnittlich stark verbreitet ist. Ich – als offener und allseitig gebildeter Mensch – kann mich mit einigen Kollegen nur sehr eingeschränkt über Gott und die Welt unterhalten, das Universum der Liebe können diese verrückten Traumtänzer meist nur über ihr Instrument berühren. Gelegentlich so eindrücklich, dass ich ganz hin und weg bin. Viele dieser ganz besonderen Menschen heißen André. In meinem unmittelbaren Umfeld gibt es gleich drei davon.

Die langen gemeinsamen Anfahrten zu den Konzerten können sehr lustig sein. Zum tausendsten Mal werden die alten Tourgeschichten ausgegraben, bei denen keiner mehr so genau weiß, was davon Wahrheit und was Fiktion ist. Im Falle des großen, melancholischen André Herzberg wird immer wieder die DDR ausgegraben, aufgearbeitet und mit ihr abgerechnet. Von lustig bis wütend. Alle hängen an seinen Lippen.

André ist eigentlich der Frontmann der legendären DDR-Band Pankow, aber seit 1993 – neben dem charmant verrückten Dirk Michaelis und mir – auch der Frontmann der 3HIGHligen. Ja, hier sind drei Egozentriker an der Front, aber von diesen wiederum ist der große, melancholische André unbestritten der Wortführer. Er sitzt im Tourbus vorne rechts neben dem Fahrer, also auf der Position des Reiseleiters. In dieser besonderen Konstellation fühle ich mich bisweilen ein wenig an den Rand gedrängt – was ich aushalte, weil es den beiden anderen Diven mit absoluter Sicherheit genau so geht –, aber die Rolle des dauerhaften Zuhörers ist für mich wirklich die klassische Fehlbesetzung.

Um vorprogrammierten Streit vor den Konzerten zu vermeiden, platziere ich mich im Bus vorausschauend diagonal, also ganz hinten links am Fenster. Der melancholische André ist des großen Wortes mächtig – mir bleibt nichts weiter übrig, als der Klügere zu sein! Was in diesem Falle heißt nachzugeben. Also am besten nichts zu sagen. Und wenn ich dort hinten, in meiner Ecke, noch so ein wenig vor mich hin brumme, höre ich auch nur wenig von den Brandreden meines Frontmannes und laufe nur selten Gefahr, meine diagonalen Weltsichten an den Mann zu bringen. Gelegentlich ist er aber auch sehr unterhaltsam. Dann kann ich ihn im Herzen verstehen und lieben. Er ist mir Freund und gleichzeitig großer Bruder!

Was ich dagegen absolut nicht verstehen kann, sind die sogenannten 19-Zoll-Gespräche – das Fabulieren der Instrumentalisten über Effektgeräte und Computerprogramme. Mein alter Kompagnon, der ewige André Gensicke, kann Betriebsanleitungen lesen und diese auch noch verstehen! Manchmal legt er im Auto CDs ein, die mir anhaltende Magenschmerzen verursachen. Harmoniegemetzel und Toneskapaden, die ich nur durch Zuhilfenahme halluzinogener Substanzen verstoffwechseln könnte. Derartige Beruhigungsmittel gestatte ich mir aber nicht mehr, ich habe die Drogenverkostung altersgemäß auf roten vergorenen Traubensaft reduziert. Der ewige André, musikalischer Leiter der Zöllner, hält das schon immer so. Er ist sowieso naturbreit. Bei ihm bedarf es keiner größeren bewusstseinsverändernden Maßnahmen.

Nun ziehen wir die Nummer also gemeinsam im Kleinen durch, mit klarem Konzept, kurz vor dem Auftritt wird damit angefangen: Nach zwei, drei Gläsern begegnen wir uns, und wenn es ein richtig guter Roter ist, bleiben wir fast über das ganze Konzert im selben Film. Kompliziert wird es erst zu späterer Stunde, wenn wir nach Worten für das gemeinsam erlebte Glücksgefühl suchen. Wir würden ja so gern die Nacht über auf dem Traumschiff verweilen, aber meistens erleiden wir Schiffbruch, oder einer geht beizeiten über Bord. Mein Steuermann blickt auf den unendlichen Horizont, hält seinen Kurs für die unumstößliche Wahrheit und ergießt sich in Brachialmonologen über die allgemeine Verkennung seines Genies – manchmal rührend, gelegentlich weinerlich, oft ziemlich wütend. Weil ich es natürlich viel besser weiß, habe ich den ewigen André immer verlacht oder auch zurück gewütet. Erst in den letzten Jahren übe ich mich in Langmut. Es ist keine Weisheit, es ist auch keine Müdigkeit. Bei aller Bescheidenheit – ich glaube, dass mein Herz wächst! André Gensicke und ich sind Lebenspartner, seit dreiunddreißig Jahren sitzen wir im selben Boot. Wir sind keine engen Freunde, aber er ist trotzdem mein Bruder. Mein ungleicher Bruder. Wir sind Yin und Yang, Pat und Patachon – wir sind konträr, aber miteinander mehr!

Um unsere alte Liebe zu beleben, bedarf es gelegentlich eines Seitensprungs. Bei meinen Lesungen lasse ich mich deshalb vom sensiblen André Drechsler auf der Gitarre begleiten. Er wohnt – wie ich – im schönen Köpenick und hilft mir, trotz seiner filigranen Finger, immer wieder bei zahlreichen Transportaktionen. Seit ein paar Tagen steht zum Beispiel ein echtes Klavier in meinem Wohnzimmer. Nach dieser Aktion musste er sich erstmal ’ne Woche ins Bett legen. Wenn wir eine dieser musikalischen Lesungen absolvieren, braucht der sensible André im Schnitt nur zwei Tage zur Wiederherstellung seiner körperlichen Kräfte. Neben dieser Tänzerfigur komme ich mir immer vor wie ein Bierkutscher. Er ist mein kleiner Bruder. Ich fordere ihn gelegentlich sehr – aber ich beschütze ihn auch gegen alle Angriffe von außen. Wer gegen ihn agiert, kann mich als seinen Feind betrachten!

So wie die Wahrheit eine Sache der Perspektive ist, so ist doch jeder Mensch eigentlich ein Spiegelbild des jeweiligen Gegenübers. Wenn ich nur von diesen drei mir sehr wichtigen Andrés spreche, kann ich schon sagen, dass ich vor jedem von ihnen ein völlig anderer Dirk bin. Jeder von ihnen führt mich auf eine andere Art und Weise vor. Und ich weiß gar nicht, wer von den drei Dirks der wahrhaftige ist. Das ist doch der Wahnsinn! Das halte ich im Kopf gar nicht aus! Ich habe die drei Andrés ja nur exemplarisch ausgewählt, es gibt noch einige andere Hauptfiguren in meinem Leben, die mich auf besondere Weise spiegeln. Im Angesicht der drei Andrés erschrecke ich aber besonders vor der mir innewohnenden Impulsivität, raschen Stimmungswechseln und der extrem schwankenden Selbstwahrnehmung.

Meine zwischenmenschlichen Beziehungen sind instabil, was zu erheblichen Beeinträchtigungen der eigenen Lebensqualität führt und auch das Wohlgefühl naher Bezugspersonen mindert. Ich weiß Bescheid, denn meine Mutter hat mir ein Buch über das Borderlinesyndrom geschenkt.

Muss man haben, als Sänger. Also nicht das Buch, aber diese Behinderung. Sonst guckt nämlich keiner hin, mein Herz!

Alter! Dit findste jetzt echt lustig, oder watt? Musste immer mal ’n Smiley zwischendurch setzen, damit man dit ooch merkt!

Okay, ich habe mich tatsächlich darum bemüht, es humorvoll zu verpacken, aber mal ernsthaft: Ich bin davon überzeugt, dass das gepflegte seelische Ungleichgewicht die Voraussetzung des Kunstschaffens ist! Die Unfähigkeit zur Anpassung, die Getriebenheit. Übersteigerte Sehnsucht kriegt man mit der Muttermilch mit, oder eben nicht. Ob das dann Glück oder Unglück bedeutet, liegt im Winkel der Betrachtung. Ist die stürmische Mentalität eine psychische Erkrankung oder eine höhere Begabung? Diese Frage ist wirklich von Bedeutung und sollte im Einzelfall genauestens geprüft werden. Ich bin nämlich schwerstens davon überzeugt, dass nicht wenige von den klügsten und kreativsten Köpfen im Irrenhaus landen. Während mitunter ganze Länder von wahrhaft Irren regiert werden.

In deinem Fall hätt ick ja definitiv Angst vor der Klapper. Entschuldige, aber wir wissen ja beede, dass du nich janz alleene bist! Mach mal schön weiter so ’n bisschen Musik – den übertriebenen Ehrgeiz haste ja glücklicherweise überwunden. Den großen starken Mann kannste sowieso nich mimen, bei diesem janzen emotionalen Hin- und Herjezappel. Ick steh deiner politischen, amtlichen und überhaupt jedweder strategischen Karriere eindeutig im Wege. Kannst ruhig mal ’n bisschen dankbar sein!

Ja, bin ich, mein Herz – du bist meine Rettung! Aber haben wir nicht auch das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden? Und vielleicht auch noch ein bisschen mehr als die meisten unserer Nachbarn? Natürlich sollten die Bühnen und der Applaus nicht zu groß sein, sonst infizieren wir uns wieder mit dem Jerusalemsyndrom. Das will ich nicht noch mal erleben – so schön das am Anfang auch sein mag, es mündet letztendlich in einen Totalschaden!

Ganz im Ernst, es handelt sich hierbei tatsächlich um eine ausgewiesene Krankheit – bei der sich die Betroffenen für Reinkarnationen biblischer Lichtgestalten halten. Ich habe das einmal durch und bin nun hoffentlich immun. Vielleicht auch deshalb unempfänglich für diese Gefahr, weil mein Herz immer größer wird. Und ich habe trotz meines hohen Alters noch kleine Kinder im Haus, die sich ja grundsätzlich für den Mittelpunkt des Universums halten. Was in diesem Alter auch normal und gesund ist. Konkurrenz für die Restkindlichkeit, die ich mir auf Grund meines Berufes bewahren konnte, und somit eine sehr hilfreiche Erdung. Auch in Anbetracht des Horizonts. Ja, er ist bei mir erst vor wenigen Jahren sichtbar geworden, und ich möchte ihn möglichst in liebevoller Begleitung erreichen.

Körperlos

Im Tourleben geraten Geist und Seele zwar in Sondersituationen und werden hart auf die Probe gestellt, aber dadurch sehr gut trainiert. Wenn man den Sondersituationen in Dankbarkeit begegnet, kann mit Wachstum gerechnet werden! Leidtragend ist nur die Hülle.

Mein Verstand sagt, dass ich mich auch hier mal kümmern müsste, und so bin ich seit fünf Jahren zahlendes Mitglied eines Sportvereins. Leider gebricht es mir an Zeit für die aktive Mitgliedschaft! Wenn ich mal zu Hause bin, müssen Berge von E-Mails abgearbeitet, Fensterbriefe geöffnet, Steuerbelege abgeheftet, Rechnungen gestellt und bezahlt werden. Und ich muss schreiben: Kolumnen, Briefe, Pläne, Konzepte, Programme, Texte, Lieder. Aber auch bei der Schreibtischarbeit fühle ich mich eigentlich noch recht fit. Erst wenn ich vom Geiste her loslasse, in den kostbaren Momenten, in denen ich nur noch die Liebste bewundern und mich an Kind und Natur erfreuen will, verlässt mich regelmäßig der Körper.

Ab Juli bin ich immer an der Ostsee zugange, an ein paar freien Tagen stoßen diesmal meine Lebensgefährtin Johanna und die Kinder dazu. Meine große Tochter Rubini ist ebenfalls dabei, mit Sveni, ihrem langjährigen Freund. Mein Herz jubiliert – mein Körper kapituliert –, ich bin in der Mitte durchgebrochen! Trotz Rubinis physiotherapeutischen Talenten, die sie mir in hohem Maße angedeihen lässt, setze ich den Kinderwagen meines kleinen Sohns Ludwig fortan als Rollator ein.

Johanna, Rubi und Sven müssen leider nach drei Tagen schon wieder zurück nach Berlin, folglich miete ich noch für ein paar Tage die Wohnung einer befreundeten Warnemünder Sängerin an. Also mit Egon (13), Mimi (9) und Ludwig (2), schon genanntem Kinderwagenrollator und ganz viel Gepäck. Die Wohnung ist ein malerisches Kleinod, aber leider nicht im Ansatz für Kinder konzipiert. Künstlerische Installationen, Glas, Porzellan, Perlenketten, sensible Pflanzen und Bilder in Bodennähe. Mimi Langstrumpf hechtet sofort ins weiße Polstermobiliar, während Ludwig alle greifbaren Installationen neugestaltet. Ich spüre, dass mich nach dem Körper nun auch noch die Nerven verlassen wollen.

Raus, an den Strand! Die vierhundert Meter sind mit der erwähnten Gehhilfe noch ganz gut zu bewältigen. Auf dem Holzweg, der vom Hotel Neptun bis ans Wasser führt, ramme ich mir einen großen Span senkrecht in die Ferse. Er lässt sich leider nicht vollständig entfernen. Es ist Sonntagabend, also keine Chance auf einen praktizierenden Arzt vor Ort – ich muss selbst Hand anlegen! Mit einem Fingernagelknipser entferne ich obere und tiefer liegende Hautschichten. So gelingt es mir nach einiger Zeit tatsächlich, den Splitter heraus zu hebeln. Es blutet stark, ich stöhne und ächze – die Kinder lachen.

Ab ins Bett! Installationskünstler Ludwig in die Mitte, wir gucken jetzt ein Video! Ich entdecke in der DVD-Sammlung meiner Kollegin etwas mit Will Smith. Ja, der ist doch immer so schön lustig – das ist jetzt genau das Richtige, leichte Unterhaltung für die ganze Familie! »Das Streben nach Glück« heißt der Film. Wenn ihr mal nicht so ganz auf der Höhe seid, solltet Ihr Euch den nicht unbedingt angucken. Ich habe jedenfalls fast geweint.

Ja, manchmal bin ich kurz davor. Ich denke: »Gleich passiert’s!«, aber dann ist es wieder weg. Ich kann nicht heulen! Da ist irgendwas verklemmt oder verstopft. Mein Herz sendet Signale, ich merke noch, wie die Lawine so schön ins Rollen kommt, und plötzlich … ich weiß nicht, grätscht mir der Kopf dazwischen … jedenfalls fließt es nicht. Seit etwa acht Jahren geht das schon so. Da hat sich richtig was angestaut – fünfzehn Kilo habe ich zugenommen! Wenn die Dämme mal brechen, werde ich wohl mindestens eine Woche durchheulen müssen! Mal im Ernst, wo sammeln sich eigentlich die ganzen Tränen? Im Kopf?

Ich kann gelegentlich keinen klaren Gedanken mehr fassen, alles ist ineinander verknotet. Nachts löse ich Probleme, die es gar nicht gibt. Ständig ist da irgendwas am Ackern – ich finde keinen Schlaf, wenn ich nicht mindestens eine Flasche Rotwein intus habe. Also ziehe ich mir meistens mindestens eine rein!

Mal janz ehrlich, Chef, ick mach mir langsam echt Sorgen um unsere jemeinsame Hülle. Live fast, love hard, die young? Dit is zu spät, Alter! Jetz ham wir unsern Film bis hierher jeschoben, nun wollen wir uns noch den Rest ankieken, okay?! Ab jetz wird mal kurz der Schongang einjelegt: Love & Peace! Ab und zu mal ’n liebevoller Gedanke im Rückspiegel, aber gloob mir: Dit große Jefühl liegt noch vor uns!

Zack! Zack! Ausgetrunken!

Alle Typen, die ich in den Siebzigern cool fand, haben geraucht, hatten lange Haare und eine Leidenschaft für echte Musik. Ich wollte dazugehören – und ich habe dazugehört. So richtig. Fast fünfundvierzig Jahre lang habe ich die Hippienummer konsequent durchgezogen. In letzter Zeit gelegentlich in der Lindenbergversion, also mit Hut.

Doch das ist nun vorbei. Kein konkreter Grund, ich habe nur auf mein Herz gehört. Keine einschneidende Veränderung im privaten oder beruflichen Leben. Keine neue Liebe und auch keine Trennung, nur eben die von meinen lebenslänglich länglich gehaltenen Haaren! Wie ferngesteuert betrat ich unlängst den neuen trendigen Barbershop von Alt-Köpenick und ließ mir dort völlig schmerzfrei eine Herrenfrisur von der Stange verpassen. Johanna findet es nicht ganz so gut, aber ansonsten stößt meine neue Seriosität mehrheitlich auf Wohlwollen.

Die äußerliche Entwuselung macht mich anscheinend etwas leichter verdaulich. Ich bin ja innerlich genug verwuselt, meistens einfach zu sehr an. Hochtourig. Zu doll. Zu laut. Die Maßlosigkeit ist meine größte Sünde. Immerhin, meinen Kindern gefällt das! In die bin ich allerdings so maßlos verliebt, dass es mir in ihrer Gegenwart gelingt, die nicht kindgerechten Süchte in den Griff zu bekommen. Ich rauche und trinke dann sehr dosiert.

Das hemmungslose Rauchen und Trinken hat bei mir unmittelbar etwas mit Musik zu tun. Ich brauche nur an einen der drei Andrés zu denken, da überkommt mich auch schon die Lust auf Rotwein und Zigaretten. Mit dem ewigen André Gensicke habe ich in der über dreißig Jahre andauernden Tour einige Hektoliter verklappt und ganze Tabakplantagen durch die Lungen gezogen. Rotwein ist und bleibt überwiegend inspirierend, aber diese Qualmerei erscheint mir nun auf einmal genauso sinnlos wie die langen Haare.

Und so habe ich jetzt auch gleich noch meine Raucherkarriere beendet. Eigentlich müsste ich aus gesundheitlichen Gründen sofort wieder anfangen, denn ich habe plötzlich permanenten Reizhusten und bin seit gestern sogar heiser. Aber ich ignoriere die Angstreaktionen des konservativen Körpers und genieße die neuen kleinen Freuden.

Da ist zum Beispiel der aufkommende Appetit. Das gute Essen meiner Freundin schmeckt besser denn je, der Geschmackssinn kehrt zurück. Und ich freue mich auf die Oktoberferien, da fahren wir mit den Kindern ans Meer. Schon lange vermisse ich den Geruch von Salz und Seetang.

Rauchfrei und mit kurzen Haaren macht das Musikmachen allerdings auch weniger Spaß. Ich muss aber weiter auf Tour gehen, denn ich habe ja kein Geld gesammelt. Platten werde ich auch nicht mehr machen. Das ist nämlich derart teuer, da müsste ich noch mehr spielen. Wenn ich in Zukunft wieder etwas schreibe, dann einen richtigen Popsong oder einen Schlager. Die coolen Typen sind tot. Es gibt nur noch rudimentäres Interesse an Kunst. Sei endlich still, du dummes Herz!

Hallo? Ick steh gleich wirklich still, und dann biste janz schnell ’n richtig cooler Typ! Du verstehst hoffentlich, watt ick meine: ICECOOL, Alter! Isses vielleicht mal an der Zeit, die Früchte der Arbeit zu genießen und sich damit zu begnügen, die alten Lieder zu jenießen? Die neuen werden nämlich von andern geschrieben. Von deinen Kindern!

Zirkus Zöllner

Im Januar 1985 hatte ich meinen ersten bezahlten Auftritt. Im Friedrichfelder Eck, einem Berliner Neubauclub, in der Nähe des Tierparks Berlin. Über ein Jahr haben wir im Vorfeld auf diesen Tag hingearbeitet. Meine Band hieß Chicorée, und ich war mit zweiundzwanzig Jahren der Älteste. Achim, unser Trommler, ging noch in die Schule. Bei den Proben, die in seinem Kinderzimmer stattfanden, war immer der Großteil seiner Klasse dabei. So war unser erster Auftritt auch gleich ein großer Erfolg, denn wir hatten schon Fans.

Das Glück war uns weiterhin hold, denn just an diesem Tage war ein kleiner, pfiffiger Typ im Publikum, der uns fortan auf jedes Podest stellte, das er finden konnte. Manchmal fühlte sich das gar nicht so schön an, aber es war tausendmal besser, als jeden Tag in dieses gruselige Betonwerk zu gehen. Ich hatte in Ermangelung von Ideen und Möglichkeiten eine Ausbildung zum Betonwerker absolviert, die einzige Lehrstelle genommen, die derzeit noch im Angebot war. Planwirtschaft.

Jetzt auf dem freien Markt kann man natürlich alles lernen oder studieren, so dass es ein verheerendes Überangebot an ausgebildeten Sängern, Tänzern und Schauspielern gibt. Ich habe das meinen Kindern immer vor Augen gehalten, aber Rubini hat die väterlichen Bedenken ignoriert und es tatsächlich geschafft, ebenfalls von der Kunst zu überleben. Gerade hatte sie eine Hauptrolle, war Mogli im Kindermusical »Das Dschungelbuch«. Egon tanzt schon seit Jahren in den Kinder- und Jugendrevuen des Friedrichstadtpalastes, derzeit im »Labyrinth der Bücher«. Auffällig gut. Er will mit allen Sinnen auf die Bühne, und ich bin mir ziemlich sicher, dass es ihm gelingen wird. Ich glaube, er hat nie etwas anderes im Sinn gehabt. Für ihn gibt es keinen Plan B.

Bei Mimi ist es anders, sie ist ganz Kind und allseitig interessiert. Vor allem an ihren großen Geschwistern, aber auch am kleinen Ludwig. Sie ist in einem Segelverein, in einem Karateclub, spielt Hockey, liest und malt – lediglich am Dienstag besucht sie, seit drei Jahren, den Klavierunterricht. Sie macht das gern, ist aber nicht besonders ehrgeizig.

Zum Jahresende nahm sie an einem Schulkonzert teil. Ich war auch unter den Zuschauern, habe fast drei Stunden lang gelitten. Vierzig Programmpunkte – gruselig! Zwei oder drei Ausnahmen bestätigten die Regel. Die Mütter und Großeltern überschütteten ihre Wunderkinder mit stehenden Ovationen, während ich mich mit anderen Vätern zur Energieregenerierung immer wieder vor den Toren der Schule traf – und bei der Gelegenheit leider auch gleich wieder mit dem Rauchen anfing.

Wie sah mein Engelchen dann aber süß aus! Mit ihrem weißem Plüschpullover, dem Paillettenröckchen und dem Weihnachtsstern im Haar. Am Ende hat sie sich entzückend vortrefflich verbeugt!

Es ist die Aufgabe der Männer, die Nachkommenschaft auf den Ernst des Lebens vorzubereiten. Ich habe ihr als liebender Vater sagen müssen, was ich von der musikalischen Darbietung halte. Jetzt tut mir das Herz so weh!

Ja, dit tu ick, und dit haste verdient! Jibt doch noch andre Berufe, muss ja nicht jeder in Papis Latschen rumloofen! Bei Rubi und Egon seh ick dit ja vielleicht noch ein, die kriegen ja keen Nagel in die Wand. Ick meine jetzt, ohne der Umwelt oder sich größere Schäden zuzufügen! Aber Mimi gehört zu den höheren Töchtern, die wird mal watt Ordentlichet: vielleicht Verkäuferin oder Mathematiklehrerin. Oder Olympiasiegerin. Schwimmen oder Boxen. Ärztin, Rechtsanwältin, Polizistin!

Das stimmt. Sie kann wirklich unglaublich gut rechnen. Und sie liest Bücher. Vielleicht kann sie ja bei uns die Buchhaltung übernehmen! Aber sie ist auch unglaublich quirlig. Ich hoffe ja immer noch darauf, dass sie Schlagzeugerin wird. Ich träume doch davon, irgendwann nur noch mit meinen Kindern auf der Bühne zu stehen. So’n bisschen nach Vorbild der Familie Kelly. Der Zirkus Zöllner!

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