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Christine Wunnicke Die Kunst der Bestimmung
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Er drehte den Dolch des Schweden in den Händen. Er strich über die Schärfe. Er befühlte das kleine Kreuz. Ihr habt mein Herz entflammt. So sagt man doch in den Romanen? Lucius berührte die Klinge vorsichtig mit den Lippen. Der Druck in seinem Körper nahm zu. Er könnte nach einem Arzt schicken. Dazu müsste er rufen. Lucius konnte nicht rufen, und er sah auch den Nutzen nicht ein. Der Arzt würde ihm Senneswasser geben und Ratschläge und vielleicht eine Ader schlagen. Er würde Patient sein müssen, um mit dem Arzt zu sprechen. Eben war er kein Patient. Er war gar nichts, nackt und benommen, ein Wesen namens Lucy, das es eigentlich nicht gab. Es vermochte nicht viel, das Wesen namens Lucy. Eine Ader zu schlagen verstand es jedoch wohl.
Lucy fand eine Küvette und trug sie in seine Ecke. Dann löste er den Strumpf von der Rechten und band damit den linken Arm ab. Seine Adern traten schön hervor, oft geschlagene Adern, stets hinlänglich verheilt. Er nahm den Dolch des Schweden, machte einen Schnitt und lockerte langsam die Stauung.
Er blutete gut. Die Schleuse war geöffnet, das Wasser konnte zu Tal, das Gefangene ging frei davon und musste nicht mehr drücken. Lucy legte den Kopf schief und sah seinem Blut zu, wie es in die Küvette floss, gleichmäßig und friedlich und ohne einen Laut. Er wurde matt und weich. Der Druck schwand, und die Träume der Nacht und der Wunsch nach der schwarzen Pest. Er ließ sich gründlich zur Ader. Bald fielen seine Augen zu. Er sah Sir Lancelot reiten, er sah grüne Wiesen, er hörte den Schweden, Lucy, du bist ein gutes Kind, und dann sah er den Schweden, seine Hände so freundlich in Lucys Haar, und er hörte ihn wiederum reden, du hast einen Wirrkopf, mein Kind, und abermals, ganz leise, Missgeburt, Wechselbalg, Monstrum, und all dies waren nur Kosenamen, wenn das Blut so tröstlich floss, und Sir Lancelot ritt, eine Dame vor sich im Sattel, Ihr entflammt mein Herz, schöne Lady, sagte Sir Lancelot und ritt über die Wiesen von Cheshire.
Irgendwann griff Lucy traumverloren in seine Wunde und drückte die Ader ab. Dann nahm er den linken Strumpf und verband sich. Einen Augenblick gab er sich noch, still in die Ecke geschmiegt; dann zog er das Hemd an und den rechten Strumpf aus, nahm den Dolch und stand auf. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er hielt sich an der Wand. Der Dolch war blutig, er wischte ihn ab, er wollte ihn behalten.
«In guardia», flüsterte Lucy. Lord Fearnall begann seinen Tag und schrie aus vollem Hals nach seinen Dienern.
Lucius Lawes trank eine Tasse Schokolade und ein Glas Brandy, dann legte er sein Muttergottesamulett um, schwärzte seine Brauen mit Kohle, wählte eine dunkle Perücke und einen altmodischen schwarzen Rock von annähernd spanischer Machart und fuhr, wie jeden Sonntag, mit der Mietkutsche zur katholischen Messe.
Erst vor kurzem, als in London die Rede ging, die Jesuiten wollten dem König ans Leben, war Lord Fearnall heimlich konvertiert. Nun war er Papist und schloss in der Kutsche eigenhändig die Fensterläden, wie es sich schickte für eine solche Reise. Sein Ziel lag in Southwark, jenseits der Themse. Dort sah es aus, als wüte noch immer die Pest. Es gab genügend katholische Messen in London, aber keine schätzte Lucius so wie diese. Sie erinnerte ihn an das Schafott, das die Whigs wohl in Kürze für die Papisten aufrichten würden, einen riesigen Galgen mitten im Tower, wo die Verurteilten störrisch das Sanctus sängen, bis ihnen der Strick den Atem nahm. Lucius mochte diese Vorstellung und schmückte sie immer weiter aus. Damit vertrieb er sich die Zeit, wenn er im spanischen Wams nach Southwark fuhr, die silberne Schmerzensmutter kühl auf der bloßen Haut.
Bis zur London Bridge träumte er vom Martertod. Über dem Wasser verblasste dieses Bild. Am Südufer stimmte er sich ein auf die Pracht des Christe eleison, während der Kutscher, wie geheißen, die düstersten Gassen nahm. Als Lucius schließlich ausstieg, war er heilig und kalt und verworfen wie das ewige Rom und der Papst höchstselbst, der die Frevler ins Feuer stößt wie einst Kaiser Nero die Christen.
Die Katholiken von Southwark trafen sich in einem Hinterhaus, grimmige Menschen, die in einer klammen Kapelle einem irischen Priester lauschten, der auf Lateinisch lamentierte. Lucius hieß Don Hieronimo in diesem Kreis. Niemand glaubte es ihm, aber man schätzte seinen Beitrag zur Kollekte. Don Hieronimo nahm Weihwasser. Er küsste seine Fingerspitzen und schlug einige vertrackte Kreuze, wie dies die Sitte war in seiner spanischen Heimat. Asperges me, Domine, hyssopo, et mundabor. Ein Zauberspruch.
Lucius’ Latein war nicht das beste. Er zählte die Bekreuzungen des Priesters. Zweiundfünfzig würden es sein, bis die Messe vorüber war, wenn er nichts versäumte. Lucius fiel auf die Knie und verharrte so, als Einziger. Et clamor meus ad te veniat, Domine. Don Hieronimo verbarg das Gesicht in den Händen und vergoss ein paar Tränen, vielleicht für seine untreue Frau in Kastilien, die er eigenhändig erstochen hatte, vielleicht für seine Brüder und Vettern, die am fernen Amazonas den Pfeilen der Wilden erlagen, vielleicht auch für einen verbläuten Professor und die vielen Sünden des Lucius Lawes. Er tupfte vorsichtig seine Augen, um den Kohlestift nicht zu verschmieren, dann blickte er auf und wartete auf die Wandlung.
Seit er den Katholiken von Southwark eine Dose Weihrauch geschenkt hatte, beglückte ihn das Opfer besonders. Während der Priester Wasser und Wein vermischte, mischte Lucius Spanien mit dem Rom der Alten. Bald sah er sich im Morgennebel auf dem Kapitol der Venus Genetrix opfern, Lucius Sulla in jungen Jahren, als er noch wild war und sittenlos, mit blauen Augen und so vielen Sommersprossen, dass die Spötter den Vers auf ihn machten, «Sulla ist gesprenkelt gleich einer mehlbestäubten Maulbeere», wie Plutarch erzählt. Sic fiat sacrificium nostrum, sagte der Priester zu Gott und Lucius zur schaumgeborenen Venus, und er opferte ihr, statt der Hostie, einen Granatapfel und eine Taube und bat um Glück in der Liebe, mit der Dame Nicopolis und dem Knaben Metrobius, die ihm beide gewogen waren; denn auch dies verschwieg Plutarch nicht. Erst beim Sanctus verblasste das Kapitol. Lucius rückte seine Toga zurecht und sprach ein stilles Gebet für Gott den Allmächtigen. Er bat um Vergebung. Gott vergab ihm. Ich schuf dich mit schwärmendem Geist, sprach Gott, sei ohne Sorge, Lucy mein Sohn. Lord Fearnall verbeugte sich tief vor dem Altar. Dann verließ er eilig die Kapelle und sprang in die Kutsche, denn sein Zeitplan war, wie immer, äußerst gedrängt.
Als er nach Hause kam, warteten schon zwei Diener darauf, ihn umzukleiden. Die Hoftracht war steif und schwer. Lucius stand wie eine Puppe, die Beine gespreizt, die Arme ausgestreckt, dass man auch alles recht in Form bringen konnte. Er trug Pfirsich und Ocker an diesem Sonntag und venetianerrote Borten, die Spitzen in Creme, Bänder und Rosetten schwarz wie die Nacht, dazu die braune Perücke, den hübschen Degen, der nichts taugte, und den Hut mit den blassgelben Flaumfedern eines Riesenvogels aus Übersee. Don Hieronimos Augenbrauen wurden abgewischt. Lucius trank ein Glas Brandy, ließ sich die Wangen pudern, dann stieg er in die Schuhe und in seine eigene Kutsche, vierspännig, mit Glasfenstern, schwarz wie ein Leichenwagen. Er saß gebückt bis Whitehall, um die Federn auf seinem Hut nicht zu stauchen.
Lord Fearnall wartete dem König in dessen privaten Gemächern auf. Er teilte dieses Amt mit mehreren Dutzend Damen und Herren. «Nun, Lucius?», fragte der König. Lucius verneigte sich. Er stand in der Gunst des Königs dank Vaters Heldentaten. Einst war Vater ein einfacher Soldat gewesen. Dann wurde er General. Er schlug die Feinde der Krone aufs Haupt, Schotten, Rundköpfe, Holländer und was sich sonst noch tummelte an bösartigem Gesindel. So wurde George Lawes der erste Earl of Fearnall. Dann starb er. So wurde Lucius der zweite Earl, fünfzehnjährig, wortkarg, der beste Fechter von Cheshire. Der König hatte George Lawes’ drei Waisen damals nach Whitehall geholt, um die Töchter alles und den Sohn noch etwas anderes als den Umgang mit dem Rapier zu lehren, und seit dieser Zeit betrachtete er Lucius, der nun volljährig war und Mitglied des House of Lords, stets mit freundlichem Interesse.
Lucius erhob sich geschmeidig aus der Reverenz. Er wartete, welches Spiel Charles II. befehlen würde. Manchmal wollte er, dass Lucius den Prüfling spielte: ob die Erziehung in Whitehall auch schöne Früchte trug. Manchmal wünschte er Unterhaltung, ernste, schlüpfrige, alberne, chemische, je nach Laune und Augenblick. Zuweilen wollte er Lucius als Knaben sehen. Zuweilen als Gentleman. Zuweilen als jungen Politiker, der stets die richtigen Dinge sagt. Mitunter durfte Lucius auch den Narren spielen, fahrig, geniert und niemals nüchtern, der seine Beine verhaspelt bei der banalsten Courante und nach der Duchess of Cleveland seufzt, als sei sie eine ehrbare Frau.
Lucius Lawes stand in seinen Kleidern wie in den Kulissen eines Theaters und wartete, dass ihm der König das Textbuch reiche für seinen Auftritt. Doch der König wollte heute nicht spielen mit dem Earl of Fearnall. Er wiederholte, «nun, Lucius?», dann besprach er sich mit dem Duke of Lauderdale über schottische Angelegenheiten. Der Duke of Lauderdale hatte eine lange Oberlippe, die oft zwischen die Zähne geriet. Die Zähne waren grau, die lange Lippe beim Sprechen voll Schaum. Der Duke of Lauderdale war der Diktator von Schottland und auch sonst ein Herr von Gewicht. Lucius verneigte sich wieder, im Stil des Soldaten nun, seine Absätze klackten.
Er folgte dem Hof in die Kapelle. Längst spürte er wieder den Druck im Inneren. Längst wünschte er sich wieder Brandy. Er sah die Schwestern, Barbara und Maudlin, beide im Gefolge der Duchess of York. Vielleicht würden sie mit Lucy spielen. Vielleicht würden sie «Kleiner Bruder in Nöten» mit ihm spielen. Aber sie waren zu weit entfernt und Lucius hatte nicht die Kraft, sich durch die Menge zu drängen. Man las Jesaja zum Morgengebet. Höret des Herrn Wort, ihr Fürsten von Sodom. Wie geht das zu, dass die fromme Stadt zur Hure wurde? Es gab keinen Weihrauch. Es gab kein Latein. Es gab weder Spanien noch die Venus Genetrix.
«Apropos Hure», meinte der Herr, der neben Lucius saß, «war dies nicht précieux, das Plaisir? Bald wollen wir wieder bei Mutter Bushell einkehren, Sie mit erlogenem Kleinod und wir mit wahrhaftigen Fäusten!»
Lucius drehte langsam den Kopf. Der Sohn des Lord Stretton, wie meist in Maron.
«Allzeit à votre service!» Der Sohn des Lord Stretton lachte.
Lucius stand auf. Er schlich durch die ganze Kirche, auf Zehenspitzen, damit seine Absätze keinen Lärm machten. Leute blickten sich um. Eine Missgeburt. Ein Monstrum. Verflucht sollst du sein. Lucius verließ die Kapelle. Er folgte dem Flur, den Zimmerfluchten, passierte Diener, Wachen und den Lord Chamberlain, eine unruhige Dame ohne Geleit und einen verirrten Menschen mit sechs Otterhunden. Dann trat er ins Freie. Er suchte seinen Diener und fand ihn nicht, er fand seine Kutsche, nicht den Kutscher. Lucius verspürte das dringende Bedürfnis, sich auszuziehen. Er musste fest die Arme kreuzen, um sich daran zu hindern. Endlich kamen seine Leute zurück. Lucius befahl die Heimfahrt.
Er ertrug das Schweigen nicht. Er wollte auch nicht nach Hause. Mitten auf der Pall Mall ließ er halten und stieg aus. Er blickte die Männer an, den Diener auf dem Tritt, den Kutscher auf dem Bock, er kannte sie gut, er wusste nicht, wie sie hießen. Vielleicht hieß der Kutscher John.
«John?», fragte Lucius.
«Jawohl, Mylord?»
«Heißt du John?»
«Nein, Mylord.»
«Pardon», sagte Lucius. «Ich möchte trotzdem bei dir sitzen.»
Ein verblüffter Blick, aber der Kutscher rückte zur Seite. Lucius kletterte auf den Bock. Er saß unbequem auf seinen steifen Rockschößen.
«Fahr nach Smithfield», sagte Lucius, «und wieder zurück.»
Der Kutscher, der nicht John hieß, trieb die Pferde an. Der Nebel machte sich an Lucius’ Haar zu schaffen und an den Federn auf seinem Hut. Lucius wischte die Feuchtigkeit von seinen Wangen. Er wollte nicht nach Smithfield und auch nicht wieder zurück.
«Vor einigen Jahren», sagte Lucius, «war im Hatton Garden ein Mann, der das Paradies ausstellte. Hast du das gesehen?»
«Zu Diensten, Mylord.» Der Kutscher räusperte sich. Er gab keine Antwort auf Lucius’ Frage.
«Das Paradies», fuhr Lucius fort, «war ein Pavillon, ein Zelt, grüne Leinwand. Der Eintritt kostete fünfzehn Penny. Tiere, Vögel, Pflanzen und Gestein, alles war auf Holz oder Stoff gemalt und dann ausgesägt oder aufgespannt, jedes Tier, wie es stand oder lief oder kroch oder lag, und jeder Vogel, wie er saß oder flog, und dazwischen Bäume und Büsche und Felsbrocken, auf denen wiederum Tiere standen oder saßen, Affen zum Beispiel, ich erinnere mich an die Affen, sie waren lustig. Ich war damals noch ein Knabe, die Schwestern führten mich hin. Der Besitzer des Paradieses ging darinnen umher und sagte Gedichte zu jedem Tier und jeder Pflanze und wie sie miteinander lebten und wie sie fruchtbar waren und sich mehrten, und wie Gott sah, dass es gut war etcetera, alles in Reimen. Dann ahmte er die Rufe der Tiere nach, wie die Vögel singen und die Affen schreien, und dann ahmte er das Geräusch der Blätter im Wind nach und sogar das Trippeln der kleinen Füße der Eidechsen auf dem Fels. Es war nur ein einziger Mann. Er konnte das alles zur selben Zeit. Sicherlich hatte er auch die Figuren gemalt und gesägt und geschnitten und hingestellt. Das Zelt platzte schier aus den Nähten. Es war ein großes Durcheinander im Paradies. Maudlin spottete darüber, und der Mann sagte ein Gedicht auf sie, das ging ungefähr so: Die Dame spare das Geplärr / zusammen reimt sich’s Gott der Herr. Maudlin war beleidigt und wir mussten gehen. In der Woche darauf war das Paradies verschwunden. Übrig blieb nur ein runder Fleck auf dem Rasen. Ich erinnere mich an die Affen. Sie waren lustig.»
«Hat Mylord in Smithfield Geschäfte?», fragte der Kutscher.
«Wenn du an das Paradies denkst: Glaubst du, es ist vollgestopft mit Tieren und ohne Sinn und Verstand?», fragte Lucius.
«Möchte Mylord in Smithfield halten oder gleich umkehren, wie befohlen?»
«Umkehren. Denkst du von Zeit zu Zeit an das Paradies?»
Der Kutscher wendete am Marktplatz.
«Gibst du mir bitte eine Antwort?», sagte Lucius.
Der Kutscher zog erschrocken den Kopf ein. «Ich denke, wenn belieben, nicht ans Paradies, Euer Ehren.»
«Und wenn du daran dächtest: Wie dächtest du es dir? Geordnet?»
«Zu Diensten, Euer Ehren, ich weiß nicht.»
«Ich glaube, es ist ohne Sinn und Verstand», sagte Lucius, «und grün, und durcheinander, und voller Tiere und Vögel und Pflanzen und Gestein. Und besonders voller Affen. Das glaube ich. Du hast etwas versäumt im Hatton Garden.»
«Wie Mylord befiehlt», murmelte der Kutscher.
Lucius ließ halten. Er stieg vom Bock und in die Chaise. Wieder einmal versuchte er zu verschwinden und wieder einmal gelang es ihm nicht, sich auch nur eines einzigen Zolls seiner sperrigen Person zu entledigen.
Zu Hause schickte Lord Fearnall nach einem Arzt. Als er kam, empfing er ihn nicht. Er schrie nach dem Mittagessen, nach dem Hausmantel, nach Briefpapier, Brandy und der Badewanne. Alles bekam er und nichts wollte er haben. Lucius schrie nach seinem Papagei. Man brachte ihn ins Zimmer. Der Papagei hörte auf den Namen Lauderdale, wegen seiner blassen Augen und der Form des leicht vermorschten Schnabels. Lucius schickte die Diener fort. Lauderdale kratzte sich.
«Ich will wissen», sagte Lucius, «wie er heißt.»
Lauderdale biss in seine Stange, den Kopf zwischen den Füßen.
«Gibt es einen schwedischen Gesandten in London?»
Lauderdale versuchte einen Überschlag und verhedderte sich in seiner Kette.
«Ich versprach, ich besuche ihn. Ich möchte ihn noch immer besuchen. Ich kann ihn gut leiden. Ich möchte sehen, was er tut. Und warum. Ich möchte ...»
«Rää», sagte Lauderdale.
«Ich möchte», begann Lucius wieder, «ich möchte, zum Teufel, ich will ...»
«Rää», wiederholte Lauderdale. Er kniff die Augen zu.
«Er sagte, ich sei leicht zu bestimmen.»
Lauderdale lachte.
«Dann sagte er, ich sei eine Missgeburt. Er ist ein Scheusal. Ich mag ihn nicht. Ich will wissen, wo er wohnt. Ich will ihn besuchen. Ich werde etwas finden, um es anzuziehen. Er wird verstehen, dass ich nicht stets die femme de plaisir sein kann, er wird mich auch anders empfangen.»
Lauderdale lachte heiser. Lucius trat gegen den Pfosten, der seine Stange hielt. Lauderdale hustete und klammerte sich fest.
«Gibt es eine Behörde», fragte Lucius, «in der man die Ankunft von Fremden notiert? Gibt es ein Amt für Schweden? Er ist Professor. Wer ist unterrichtet über Professoren aus Schweden?»
«Rää! Rää!», rief Lauderdale.
Lucius lächelte. Er kraulte Lauderdales Bauch.
«Danke. Die Royal Society. Das ist eine gute Idee.»
Da Mr. Hooke ausgegangen war, holte Lucius’ Diener kurzerhand Josiah Blane. Er saß in der schwarzen Kutsche, bevor er wusste, wie ihm geschah, ohne Anhaltspunkt, ohne Hut und in den Schuhen fürs Haus. Josiah versuchte sich geehrt zu fühlen. Stattdessen fürchtete er nur um sein Augenlicht.
Josiah kannte den jungen Earl. Er hatte ihn oft schon gezeichnet. Wenn er teilnahm an einer Sitzung der Royal Society – er war Mitglied ehrenhalber, wie alle Herren von Stand –, gab es meist wenig zu protokollieren. Niemand begriff seine Experimente. Sie waren laut und feurig und nicht geeignet für geschlossene Räume. Niemand wagte, den Earl in den Hof zu schicken, da er hoch in der Gunst des Königs stand. So führte er denn im Sitzungssaal vor, was gewisse Substanzen vermochten, wenn man sie mit Schwung zusammengab. Sie vermochten Erstaunliches. Sie schwärzten die Hände des Earls, den Tisch und oft auch die Decke. Zuweilen ließ sich eine Detonation nicht gut an. Dann half Lord Fearnall mit Schwarzpulver nach. Er besaß mehr davon, wurde erzählt, als die Artillerie des Coldstream-Regiments. Der Earl sprach selten. Nichts kümmerte ihn außer der Chemie. Er war zerstreut wie ein alter Gelehrter und wusch sich die Haare nicht öfter als Mr. Hooke.
In unfroher Stimmung betrat Josiah Blane das Haus des Earl of Fearnall, ein Gebäude nicht weit vom Strand und kaum einen Steinwurf entfernt von Arundell House. Der Diener führte ihn durch Treppenhaus und Gemächer. Das Auge des Protokollanten sog ein, was die Kürze der Zeit erlaubte. Teppiche. Tapeten. Mobiliar. Ein Gemälde von Susanna im Bade, wie es heute ein jeder besaß. Das Haus wirkte kalt und neutral, als könne man es mieten. Nichts deutete hin auf die Neigungen eines Besitzers. Nichts deutete hin auf den Earl of Fearnall. Der Diener stellte Josiah vor eine Tür und brachte sich in Sicherheit.
Zögerlich betrat Josiah eine verdunkelte Kammer. Lord Fearnall verkochte Stinkendes in einem offenen Gefäß, wie stets ohne Handschuhe und in einem schlechten mausgrauen Rock. Zwei Knöpfe fehlten. Brandlöcher zierten die Ärmel. Die Brille des Earls beschlug über dem dampfenden Tiegel, ein Bügel war geflickt mit Draht. Barfuß stand er in den Schuhen, zerschlissene gelbe Pantoffeln wie die eines Mädchens aus kläglichen Verhältnissen. Sein Hals war schief, sein Haar fahl und fettig, als habe der Herrgott in einer seltsamen Laune einen Jüngling geschaffen nach dem Vorbild des Mr. Hooke.
Josiah verbeugte sich. Er grüßte, dann grüßte er lauter. Endlich blickte der Chemiker auf.
«Bitte? Wer sind Sie?
«Josiah Blane. Zu Diensten. Ihr habt mich gerufen, Mylord.»
Der Earl blinzelte verwundert durch seine trübe Brille. Die Kalzination trat in eine kritische Phase ein. Eine Flamme beleckte den Daumen des Earls, er schien es nicht zu bemerken.
«Royal Society, Euer Ehren», fügte Josiah Blane hinzu, «ich bin der Stenograph.»
«Vitriol», murmelte der Earl, «Vitriol ... es klumpt ... der Saturn steht schlecht ...» Abwesend kratzte er seine linke Wade mit der Spitze des rechten Pantoffels. Dann wandte er sich langsam um und betrachtete Josiah Blane, als sei er ein Stückchen Brennstein, von geringer Bedeutung, allenfalls brauchbar für die eine oder andere Reaktion.
«Kennen Sie einen Professor, junger Mann ...», begann er zäh, dann verstummte er. Der Tiegel glühte. Josiah wich zurück bis zur Tür.
«Wie nennt man gleich dieses Land», fragte der Earl, «dieses Land, dieses Land ... das Land dort im Norden ...» Er seufzte tief und kratzte seinen fettigen Kopf. «Ah, Schweden! Einen Professor aus Schweden. Er versteht sich, so heißt es, aufs Vitriol.»
«Stets zu Diensten», sagte Josiah, «ich kenne keinen Schweden, der sich aufs Vitriol versteht.»
«Er versteht sich auch wohl auf anderes ...» Endlich nahm Lord Fearnall seinen Tiegel vom Feuer. Er entzündete einen Holzspan.
«Die Society sollte unterrichtet sein über Gelehrte aus dem Ausland ...» Er bewegte die Flamme unentschlossen von hier nach dort. «Der Stenograph sollte unterrichtet sein über die Belange der Society ...»
Der brennende Span verirrte sich in die Nähe einiger eng verschnürter Pakete. Lord Fearnall schien ihn vergessen zu haben. Er starrte angestrengt in den Tiegel. Josiah musterte die Pakete. Er dachte an den Spruch vom Coldstream-Regiment. Er fragte sich, in welchen Behältnissen man Pulver verwahrt.
«Ich wüsste doch gerne», sagte der Earl, «um was es sich handelt bei dieser schwedischen Angelegenheit.» Die Flamme berührte die Schnur des größten Pakets.
«Simon Chrysander, Professor Upsaliensis», rief Josiah, die Hand an der Klinke, «er ist bestellt, das Kabinett zu ordnen, morgen wird er im Gresham College empfangen, er wohnt in der Throgmorton Street, das Eckhaus an der Broad Street, Mr. Hooke gab ihm seine Köchin, er reist mit einem kleinen Wilden aus Lappland, er rechnet Rationes über die Welt und gewiss auch übers Vitriol, Euer Ehren, achtet auf Eure Lunte!»
«Danke», sagte der Earl of Fearnall. Er ließ den Fidibus fallen und trat ihn aus. Dann wies er auf die Tür. Josiah Blane lief davon. Lucius nahm die Perücke ab.
Lange durchforschte er seine Garderobe. Sämtliche Gewänder, und es gab deren viele, blätterte er aufmerksam durch, ob er die passende Geschichte fände in diesem vielfältigen und kostbaren Buch, doch nichts gefiel ihm und nichts empfahl sich als Anfang eines neuen Spiels für den Mann namens Simon Chrysander. Endlich stieß er auf das Kleid des Winters. Er hatte es auf der Bühne getragen, als man in Whitehall das Stück von Pomona und Pan aufführte zum Geburtstag der Königin. Der Winter hatte Pomona geraubt und fortgeschleppt und dazu allerlei Verse über kargen Boden und Bäume ohne Frucht rezitiert, um den König zu amüsieren, der seine kinderlose Frau nicht allzu sehr schätzte.
Das Kostüm des Winters war weiß wie das Kleidchen der Hure: alles, vom Hut bis zu den Schuhen. Nur eine schmale silberne Stickerei, Schneeflocken vielleicht oder Eisblumen, zierten Ärmel und Hosenbänder. Man konnte diesen Anzug in Gesellschaft nicht tragen. Weiß in Weiß sah die Mode nicht vor. Lucius drehte die Perücke des Winters in den Händen. Die weißen Locken sagten ihm nicht zu. Er überlegte. Dann schickte er nach dem Barbier.
Drei Stunden später warf der Barbier die Papilloten fort und stellte die Brennscheren ins Wasser. Lucius massierte seinen Nacken. Es war schwere Arbeit, sein glattes Haar in ein Gebilde zu verwandeln, das aussah wie die schönste Perücke. Lucius ließ sich ankleiden und trat vor den Spiegel. Da stand der Winter, mit blassen Wangen, dicht in rote Locken gehüllt, als trüge er Feuer auf den Schultern. Lucius war sich fremd in diesem Kostüm. Er schminkte seine Lippen, dann wischte er die Farbe wieder fort. Auch Puder wollte er nicht und erst recht kein Bleiweiß. Der Schwede sollte ihn erkennen. Das wiederholte er lautlos, als er in die Kutsche stieg, er soll sich wundern, aber er soll mich kennen, er soll wissen, dass ich das bin, ich, Lord Fearnall, ich, Lucius Lawes, ich, Lucy, im weißen Kleid und mit dem eigenen Haar.
Er lächelte furchtsam vor sich hin. Er wollte den Degen ablegen. Eine seltsame Idee. Lucius lächelte weiter, ein wenig starr, und er legte den Degen ab und schob ihn unter den Sitz.
Er fuhr bis zur Royal Exchange, dort stieg er aus und nahm eine Sänfte. Es waren nur noch wenige Schritte bis zum Haus des Schweden, aber er konnte nicht zu Fuß gehen in seinen weißen Seidenschuhen und all seiner weißen Pracht. Throgmorton Ecke Broad Street schickte er die Sänfte fort. Es war längst dunkel. Viele Leute eilten noch durch die Straßen, die Männer von der Börse und vom Steueramt, die auch sonntags nicht von ihren Dienststellen lassen konnten, Verkäufer, Gesindel, Burschen mit Licht, Familien, die andere Familien besuchten zum Abendbrot. Lucius stakste über eine Pfütze und suchte sich eine trockene Stelle. Dort stand er wie festgewurzelt. Passanten gafften ihn an. Lucius blickte hinauf zu den Fenstern.



