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Heribert Weishaupt Freitod
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Die Frau stand vollkommen still. Dachte sie über seine Worte nach?
„Nein, ich will nicht mehr zurück“, stammelte sie und wandte ihren Blick wieder dem Fluss zu.
Sie ließ die Hand, mit der sie zuletzt zusätzlich den kalten Stahl der Brücke ergriffen hatte, los. Nur mit einer Hand sicherte sie noch ihr Gleichgewicht und machte Anstalten, auch diesen unsicheren Halt loszulassen.
Anscheinend war seine Strategie nicht so erfolgreich, wie er erhofft hatte. Aber aufgeben war für ihn keine Option.
„Natürlich können Sie zurück. Was Sie davon abhält, mein Angebot anzunehmen, ist lediglich die Scham vor sich selbst, sich einzugestehen, dass Sie nachgegeben haben. Womöglich betrachten Sie es als Niederlage, einen gefassten Vorsatz zu ändern. Aber machen Sie sich keine Gedanken. Nur Sie und ich wissen von diesem Abend. Jetzt den Plan zu ändern und meine Hand zu ergreifen, ist keine Schwäche, sondern Stärke.“
Ronni, von der Frau unbemerkt, die letzten Schritte näher zu ihr vorgedrungen. Er konnte sie fast mit dem ausgestreckten Arm erreichen. Er streckte ihr seine Hand entgegen.
War es ein Geistesblitz, war es Eingebung oder war es seine Erfahrung? Er wusste, worauf man bei einem Gegner achten muss, wenn man erahnen will, wie er reagieren wird. Auf die Körperspannung! Bisher waren es immer nur Gegner, denen er gegenüberstand. Zum ersten Mal war es eine junge Frau, die sich das Leben nehmen wollte.
Als sie sich noch einmal zu ihm umdrehte und ihn ansah, wusste er, spürte er, dass sie sich entschieden hatte. Dass all sein Gerede und seine Bemühungen vergeblich gewesen waren. Dass sie sich fallen lassen würde.
Mit einem Ruck drehte die Frau ihren Kopf und schaute in das trübe Wasser der Sieg und ließ ihre Hand los. Ronni sah, wie sie ihre Arme nach oben riss und fast, wie in Zeitlupe nach vorne kippte.
Nur noch ein Meter. Ein lächerlicher Meter. Ronni schien diesen letzten Meter bis zu ihr zu fliegen. Dann packte er zu. Entschlossen, erbarmungslos und mit der ganzen Kraft, die er aufbringen konnte, fasste er ihren Arm und zog sie zurück. Bevor sie auf den rettenden Asphalt des Bürgersteigs aufschlug, fing er sie auf.
Er konnte nicht umhin, sie erleichtert in die Arme zu nehmen. Sie drückte ihren Kopf an seine Schulter und blieb lange in seinen Armen hängen. Sie weinte leise und zitterte, das konnte er deutlich durch die dünne Jacke spüren.
Ronni sog die Luft tief in seine Lungen ein und stieß sie wieder kräftig aus. Auch er benötigte einige Augenblicke, um seinen Puls wieder unter Kontrolle zu bringen.
„Da haben wir noch einmal Glück gehabt“, sagte er erleichtert.
Die Frau hob den Kopf und sah ihn mit tränenverschmiertem Gesicht an. War es Erleichterung, was er in ihren Augen sah?
Er wusste es nicht. Auf jeden Fall sah er keinen Zorn oder Wut darüber, dass er sie gerettet hatte.
„Nun wollen wir mal sehen, ob wir irgendwo ein warmes Plätzchen finden, wo wir uns von dem aufregenden Abend erholen können. Vielleicht können wir dort auch noch das versprochene Glas Wein trinken“, spielte er gute Laune vor, obschon er alles andere als gut gelaunt war.
Die Frau sagte nichts. Noch immer sah sie ihn an und hielt sich bei ihm mit beiden Händen fest, als würde sie befürchten, umzufallen, wenn er sie losließe. Auch Ronni hielt sie mit den Händen an den Schultern und schaute sie an.
Natürlich freute er sich, dass er die Frau davon abgehalten hatte, ihr Leben wegzuwerfen. Aber deshalb gute Laune? Nein, auch er war geschockt und musste zuerst einmal verarbeiten, was er erlebt hatte.
„Danke“, hauchte sie leise, fast unhörbar.
Dann löste sie sich von Ronni und trat einen Schritt zurück.
„Ich glaube, es ist besser, wenn ich nach Hause gehe“, sagte sie.
Ihre Stimme zitterte noch ein wenig, aber sie schien sich langsam zu erholen.
„Nein, ich lasse Sie jetzt auf keinen Fall allein nach Hause gehen. Wir werden uns einen Ort suchen, wo wir uns unterhalten können. Wir sollten das, was wir soeben erlebt haben, versuchen zu verarbeiten. Und das geht nur, wenn wir darüber sprechen. Irgendwo wird es hier eine ruhige Ecke in einem Lokal geben.“
„Ich habe leider kein Geld dabei. Ich denke, es ist besser, dass ich doch nach Hause gehe“, antwortete sie kleinlaut.
„Das kann ich verstehen. Wenn man von der Brücke springen will, nimmt man sicherlich keine Geldbörse mit. Ich habe heute meinen großzügigen Tag. Ich denke, der Wein geht auf meine Kosten“, antwortete Ronni locker.
Ohne Absprache mit der Frau schlug er den Weg über die Brücke nach Menden ein. Sie hakte sich wie selbstverständlich bei ihm ein und trottete recht langsam neben ihm her. Wahrscheinlich hatte die Aktion – und wer weiß wie lange sie bereits gedauert hatte, bevor er die Frau erblickte – sie-nicht nur mental, sondern auch körperlich eine Menge Kraft gekostet.
„Wenn ich diesen Ort so sehe, kann ich nicht versprechen, ob wir ein Lokal finden, welches um diese Zeit noch geöffnet hat“, gab er zu bedenken, als sie die ersten Häuser vom Ortsteil Menden auf der anderen Flussseite erreichten.
Sie gab keine Antwort, sodass er davon ausging, dass auch sie nicht ortskundig war. Nach vielleicht einhundert Metern sah er die Leuchtreklame eines Restaurants. Sie gingen hinein.
„Wir schließen in einer guten halben Stunde“, sagte der Wirt, als sie das Lokal betraten.
Er stand hinter der Theke und musterte die junge Frau mit einem kritischen Blick. Wahrscheinlich hatte er so viel Menschenkenntnis, dass er spürte, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung war. Vielleicht waren es auch nur die zerzausten Haare und das noch immer blasse Gesicht.
„Ist in Ordnung. Wir wollen uns nur kurz aufwärmen und einen Wein trinken“, sagte Ronni und zog die Frau am Arm mit hinein.
Das Lokal war so gut wie leer und sofort umgab sie eine angenehme Wärme. Sie setzten sich in eine Ecke und Ronni bestellte zwei Rotwein.
„Ich hoffe, Sie trinken einen Rotwein?“, fragte er.
Sie nickte nur mit dem Kopf, schaute ihn nicht an, sondern starrte auf die Tischplatte vor sich.
Irgendwie muss ich es doch schaffen, ein Gespräch mit ihr zu führen, dachte er. Doch das schien nicht so einfach. Nachdem der Wirt die beiden Gläser vor ihnen auf den Tisch gestellt hatte, hob er sein Glas, schaute sie an und sagte: „Ich heiße übrigens Ronni. Ich finde, nach dem, was wir in der letzten Stunde gemeinsam erlebt haben, könnten wir du zueinander sagen. Findest du das nicht auch?“
„Mein Name ist Sarah“, sagte sie leise und hob vorsichtig das Weinglas, trank einen kleinen Schluck, schaute ihn aber nicht an.
So vorsichtig, wie sie das Glas angehoben hatte, stellte sie es auch wieder auf den Tisch. Das wird ja eine lustige Unterhaltung, dachte er. Sie saßen eine Weile schweigend zusammen. Vielleicht eine halbe Minute, vielleicht auch eine volle Minute. Jeder schaute vor sich auf sein Glas Wein.
„Wann haben Sie … wann hast du dich dazu entschlossen?“, fragte er.
„Wozu?“
„Von der Brücke zu springen. War das ein spontaner Entschluss oder hast du das bereits länger geplant?“
„Das war ganz spontan. Ich wollte einfach nicht mehr. Ich war fertig“, sagte sie und Ronni bemerkte, wie sie mit ihren Tränen kämpfte.
Sie klang erschöpft. Ronni hatte den Eindruck, dass sie etwas Schlimmes erlebt hatte. Er wollte sie dazu bringen zu reden. In vielen Fällen hilft es, wenn man sein Erlebtes jemandem erzählen kann. Er wollte dieser Jemand sein und zuhören.
„Was ist geschehen? Möchtest du darüber reden?“, fragte er und legte seine Hand zu ihrer Beruhigung auf ihre. Zum ersten Mal schaute sie ihn an und er blickte in wunderschöne, braune, aber verängstigte Augen. Ihre Augenlider zuckten. Ein Zeichen für Stress und Anspannung. Dann schaute sie wieder auf ihr Weinglas, atmete hörbar ein und begann:
„Ich bin von diesem Scheißkerl weggerannt. Immer diese Erniedrigungen, diese Gewalt. Ich habe ihn angebettelt, angeschrien er soll mich in Ruhe lassen – ich will nicht, habe ich geschrien – immer wieder. Dann hat er mich vergewaltigt und ist danach einfach ins Wohnzimmer gegangen und hat den Fernseher eingeschaltet, als wäre nichts gewesen.“
Sie stockte. Sie hatte sich beinahe in Rage geredet. Ronni konnte fast sehen, wie ihr Herz hämmerte. Er verstärkte den Druck auf ihre Hand, die er immer noch umfasste.
„Dann klingelte es und sein Freund kam“, fuhr sie fort.
Sie hielt erneut inne. Ronni ahnte, was dann geschah.
„Du musst nicht weitersprechen. Ich kann mir vorstellen, was dann geschah“, sagte er mitfühlend.
„Nein, das kannst du dir nicht vorstellen. Du hast keine Ahnung.“
Ihre Stimme war laut, ihr Körper straffte sich und sie schaute Ronni fast wütend an. Dann sank sie wieder in sich zusammen und schaute wie vorher ihr Glas an. Ronni wartete.
„Danach haben sie mich ausgelacht und Witze über mich gemacht. Ich habe mich schnell angezogen und bin aus der Wohnung gelaufen, zu meinem Wagen. Ich bin planlos umhergefahren, bis ich in Menden an der Brücke landete. Dort bin ich ausgestiegen.“
Sie brach ab. Sie wusste, dass Ronni den Rest kannte.
Nach diesem Gefühlsausbruch schaute sie Ronni wieder an. Ihre Augen waren voller Tränen, die unbeachtet ihre Wangen hinunterliefen.
Erst jetzt bemerkte Ronni die roten Striemen am Hals und auf den Händen. Sie hatte die Jacke nicht ausgezogen. Ronni wollte sich nicht vorstellen, welche Hinweise auf Gewaltexzesse sie noch unter der Jacke auf ihrem Körper verbarg.
„Wie kann er mir so etwas antun? Wir haben uns doch einmal geliebt“, stellte sie jetzt die Frage, die sie bereits vorher sich selbst gestellt und keine Antwort gefunden hatte.
„Ich verstehe,“ sagte Ronni, obschon er nicht verstand.
Er verstand nicht, wieso eine junge Frau ihr Leben auf diese Art wegwerfen wollte. Sei der Grund auch noch so schwerwiegend, schließlich hatte man nur ein Leben. Er war der Überzeugung, dass es immer einen Ausweg gab.
„Hat er dich vorher bereits öfter geschlagen?“
„Ja, wenn er getrunken hatte. Danach hatte er sich immer entschuldigt und ich habe ihm jedes Mal wieder verziehen.“
„Wirst du ihn anzeigen?“, fragte Ronni vorsichtig.
„Nein“, antwortete sie nach einigem Zögern und fügte resigniert hinzu: „Nein, ich denke nicht. Das bringt doch nichts.“
„Ich bin der Meinung, so solltest du nicht denken. Ich finde, eine Person, die dir so etwas antut, sollte ihre Bestrafung erhalten. Ich könnte dir dabei helfen. Ich kenne Polizeibeamtinnen, die mit Frauen, denen man so eine Straftat angetan hat – und eine Straftat ist es nun einmal – einfühlsam umgehen.“
„Nein. Ich möchte das nicht“, sagte sie bestimmt und Ronni sah ein, dass er diese Entscheidung akzeptieren musste. Zumindest für den Augenblick.
„Du hast so etwas Schlimmes erlebt und ich finde, du solltest mit einem Arzt, vielleicht auch Psychologen, darüber sprechen. Oft ist es besser, wenn man Hilfe bekommt und nicht allein damit fertigwerden muss. Ich könnte dir bei der Suche eines Arztes behilflich sein.“
„Nein, danke. Das ist nicht notwendig. Ich habe meinen Papa. Wir verstehen uns sehr gut und er wird mir gerne helfen“, sagte sie entschieden und versuchte ein Lächeln, das ihr nicht überzeugend gelang.
Auch diese Entscheidung musste Ronni akzeptieren, selbst wenn er grundsätzlich anderer Meinung war.
„Wo willst du jetzt hin?“, fragte er besorgt.
Ihm war nicht ganz klar, ob der „Scheißkerl“, wie sie ihn nannte, ihr Mann oder ihr Freund war. Fall es ihr Mann war, konnte sie unmöglich nach Hause zurück.
„Nach Hause. Ich habe hier in Menden eine kleine Wohnung. Meinen Wagen habe ich unterhalb der Autobahnbrücke an der Sieg abgestellt. Von dort bin ich auf die Siegbrücke gegangen.“
„Und wo wohnt dein Freund? Ich vermute, dass er nicht dein Mann ist.“
„In Sankt Augustin. Zum Glück ist er nicht mein Mann. Und Freund? Das ist vorbei. Jetzt endgültig.“
Sie sagte das sehr entschlossen und bestimmt.
„Und wegen so einem Typ wolltest du von der Brücke springen? Sei froh, dass du es nicht getan hast.“
„Ja, jetzt bin ich das auch. Als ich auf dem Geländer stand, kamen mir schon Zweifel. Sonst wäre ich längst gesprungen, bevor du kamst. Ich war mir nicht mehr sicher und hatte keinen Mut.“
„Keinen Mut zu springen?“
„Das auch. Ich meine aber, keinen Mut nicht zu springen. Plötzlich fühlte ich so eine Sinnlosigkeit und ich habe einfach losgelassen. Zum Glück warst du da und ich danke dir dafür.“
Sie schaute ihn an und er war sicher, dass sie das ehrlich meinte.
„Keine Ursache. Versprichst du mir, künftig nicht noch einmal solch eine Idee zu haben?“
„Ich glaube, vorerst werde ich so etwas Idiotisches nicht mehr machen. Danke für den Wein. Ich will jetzt nach Hause. Ich bin todmüde“, sagte sie und lächelte.
Vielleicht lächelte sie wegen dem unbeabsichtigten Wortspiel todmüde.
Sie tranken jeder noch einen Schluck Wein. Dann stand sie auf. Auch er stand auf und umarmte sie noch einmal und sie ließ ihn allein zurück. Mit jetzt wesentlich schnellerem Schritt als auf dem Hinweg, verließ sie das Lokal.
Konnte er die Frau so einfach gehen lassen? Er überlegte, ob er ihr hinterherlaufen sollte. Aus dem Gespräch hatte er aber den Eindruck gewonnen, dass die junge Frau nicht nochmal diese selbstmörderische Aktion vorhaben würde. Sie hatte es ihm zumindest überzeugend versprochen und er glaubte ihr.
Er setzte sich wieder an den Tisch und war erleichtert, dass die Situation so gut verlaufen war. Gleichzeitig fühlte er sich aber auch ein wenig einsam, nachdem sie ihn verlassen hatte.
Wahrscheinlich würde sie genauso einsam zu Hause im Bett liegen und um Schlaf ringen, der sich wahrscheinlich nicht einstellen würde. Irgendwie hatte er ein schlechtes Gewissen.
Er trank den letzten Rest seines Weins und bat den Wirt, ihm ein Taxi zu bestellen.
Nachdem der Abend so trist begonnen und so aufregend geendet hatte, war es doch noch zu einem guten Abschluss gekommen, redete er sich ein.
Er nahm sich vor, sie nach ein paar Tagen zu fragen, wie es ihr geht. Erst jetzt registrierte er, dass er weder Nachname noch Anschrift oder Telefonnummer von ihr hatte. Auch sie hatte keine Angaben von ihm. Wie konnte er nur so dämlich sein? Er wusste nur, dass sie Sarah hieß und das war recht wenig.
Resigniert zuckte er mit den Schultern. Er konnte es nicht mehr ändern.
Außerdem war er nur noch müde und wollte ins Bett.
2
Ronni und Susie saßen heute zeitiger am Frühstückstisch als an anderen Tagen. Er musste ausnahmsweise an diesem Montag mit Bus und Bahn zum Polizeipräsidium fahren.
Susies Auto hatten sie gestern am späten Nachmittag in die Werkstatt gebracht. Die Inspektion stand an und die Reparatur eines inzwischen fast fünf Monate alten Blechschadens sollte endlich erledigt werden. Während des Aufenthalts in der Ostseeklinik Kühlungsborn im April war sie beim Rückwärtseinparken ungebremst gegen einen Laternenpfahl gefahren. Als sie es Ronni erzählte, hatte dieser glücklicherweise den kleinen Unfall nicht zum Thema „Frauen und Parken“ gemacht.
Für die zwei, drei Tage, an denen ihr Wagen in der Werkstatt stand, hatte er ihr seinen Wagen versprochen. Nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hatte, hatte sie eine kleine Damenboutique in Nümbrecht eröffnet. Die Tätigkeit macht ihr großen Spaß und inzwischen konnte sie auch einen ansprechenden Erfolg verbuchen. Die Fahrt mit Bus und Bahn nach Nümbrecht würde aber nahezu zwei Stunden betragen und das wollte er ihr nicht zumuten.
„Ich bin dann mal weg. Bis später. Wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht, bin ich früh wieder hier“, rief Ronni und wollte sich auf den Weg machen.
Susie räumte das Geschirr vom Frühstück in die Spülmaschine. Da sie im Gegensatz zu Ronni mit dem Wagen fahren konnte, hatte sie noch viel Zeit.
Ihr Freund war auf dem Weg zur Wohnungstür. Er hatte sich mit einem Schirm bewaffnet, denn das Wetter schien nicht einladend zu sein. So hatte er es zumindest durch einen Blick aus dem Wohnzimmerfenster empfunden.
Doch bevor er die Hand auf den Türgriff der Wohnungstür legen konnte, hatte Susie ihn im Laufschritt eingeholt. Auch wenn die Trennung nur für acht oder zehn Stunden sein würde, drückte sie ihm zum Abschied einen dicken Kuss auf den Mund.
Seitdem sie aus der Rehamaßnahme zurück war, hatte sich ihr Verhältnis nochmals verbessert, obschon das nach seiner Meinung realistisch kaum möglich war. Aber er empfand das so. Sie war lockerer und liebenswerter geworden. Die Zeit der Scheidung schien sie überwunden zu haben und war kein Thema mehr.
Beim Öffnen der Haustür schlug ihm starker Regen entgegen. Mit Sommer hatte dieses Wetter nichts gemeinsam. Für die einhundert Meter bis zur Bushaltestelle musste er mit geöffnetem Schirm laufen, um nicht völlig durchnässt zu werden.
In Siegburg stieg er in die Straßenbahn um, die ihn bis fast direkt zum Präsidium bringen würde. Die zwei oder drei Minuten Fußweg von der Haltestelle zu seiner Dienststelle würden ihm nichts ausmachen – aber heute bei dem Regen? Abwarten, dachte er und drängte sich mit mehreren Fahrgästen in die Straßenbahn. In einer Vierer-Sitzgruppe war noch ein Platz am Gang frei und er setzte sich zufrieden dorthin.
Bisher hatte die Fahrt besser geklappt, als er es sich vorgestellt hatte, auch wenn er den Regen bei der Vorstellung nicht einkalkuliert hatte.
Es roch muffig, durch die nassen Kleider der Fahrgäste. Er schaute aus dem Fenster, obschon er so gut wie nichts draußen wahrnahm. Die Scheibe war mit Tropfen übersät und zudem beschlagen. Er sah ein, dass sein Unterfangen sinnlos war und wandte sich stattdessen den Fahrgästen zu. Vielleicht gibt es hier jemanden, den ich kenne und der genauso wie ich unter dem öffentlichen Nahverkehr und dem schlechten Wetter leidet, dachte er.
Neben ihm am Fenster saß eine große, korpulente Frau, die eine Frauenzeitung las und mehr Platz beanspruchte, als der Sitzplatz hergab und ihn doch erheblich in seiner Bewegung einengte. Aber was hieß hier Bewegung? Er wollte sich auch nicht bewegen und so lange würde die Fahrt auch nicht dauern. Ihr gegenüber stierte ein älterer Mann, so wie er vorhin, trotz Regentropfen und beschlagener Scheibe aus dem Fenster. Neben ihm, und damit Ronni gegenüber, saß eine junge Frau, die scheinbar in ein Buch vertieft war. Ihre Tasche lag auf ihrem Schoß und das Buch obenauf, sodass er nicht sehen konnte, um was für ein Buch es sich handelte. Wahrscheinlich ein Krimi. Alle Welt liest diese Krimis mit den tollen Kommissaren, die am Ende immer den Täter fassen, dachte er im Hinblick auf seine Tätigkeit ein wenig ärgerlich.
In dem Moment, als er das dachte, hob die Frau ihre Augen und schaute ihn direkt an.
Die Selbstmörderin – nein falsch, dachte er überrascht. Die beinahe Selbstmörderin.
Auch sie schien ihn, ihren damaligen Lebensretter, sofort erkannt zu haben. Sie war jetzt kein Vergleich zu der Frau von damals, vor fünf Monaten. Gebräuntes Gesicht, keine Schminke, wie er schätzte, gelocktes, schwarzes Haar. Insgesamt machte sie den Eindruck einer hübschen und gepflegten, jungen Frau.
„Hallo Sarah, wenn das kein Zufall ist. Du und ich in derselben Bahn und sogar in derselben Sitzgruppe“, tönte es laut und erfreut aus Ronnis Mund.
Durch seinen freudigen Gefühlsausbruch sah sich die Dame neben ihm veranlasst, ihm einen tadelnden Blick zuzuwerfen. Der ältere Mann ihr gegenüber beendete oder unterbrach zumindest seine Betrachtung der Regentropfen an der Scheibe und schaute Ronni erstaunt an.
„Hallo Robbie, schön dich zu sehen. Das ist wirklich ein Zufall, dass wir uns nach vielen Monaten hier treffen. Du fährst bestimmt zur Arbeit?“
„Nicht Robbie. Ronni, einfach Ronni“, verbesserte er sie.
„Ah ja, natürlich. Ronni.“
„Ja, ich habe zwei oder drei Tage kein Auto und fahre daher zum tatsächlich ersten Mal mit der Bahn zur Arbeit. Wie geht es dir?“, fragte Ronni jetzt fast im Flüsterton und lehnte sich etwas nach vorne.
„Am liebsten gut.“
Na, diesen altbekannten Ausspruch hättest du dir schenken können, dachte er.
„Wie ist es mit deinem Freund? Hast du ihn doch noch angezeigt?“
„Nein, das habe ich nicht. Das ist endgültig erledigt und vorbei. Mein Vater hat noch vor seinem Tod mit ihm gesprochen und ihm anscheinend eindringlich gesagt, dass er mich künftig in Ruhe lassen soll. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Weiß du, mein Vater kann sehr bestimmend sein, wenn es sein muss.“
„Dein Vater ist verstorben? Das tut mir leid. Bei dir kommt aber zurzeit alles Schreckliche zusammen. Zuerst die Sache mit deinem Freund und dann der Tod deines Vaters. Ist er plötzlich und unerwartet verstorben oder war er bereits länger krank?“
„Durch einen Unfall. Er war total fit und gerade einmal sechzig Jahre alt.“
„Furchtbar. Ein Verkehrsunfall wahrscheinlich?“
„Nein. Er war mit dem Kanu auf dem Rhein und ist nicht mehr nach Hause gekommen. Das Boot wurde kurz hinter Bonn gefunden. Mit dem Kiel nach oben. Von meinem Vater keine Spur – bis heute. Er ist mit Sicherheit ertrunken.“
„Wie tragisch“, bekundete Ronni seine Anteilnahme.
„Ja, das stimmt. Insbesondere wenn man bedenkt, dass er sein Leben lang Kanu gefahren ist. In jungen Jahren sogar als Leistungssportler. Die letzten Jahre fuhr er nur zur Entspannung und zum Abbau vom beruflichen Stress manchmal auf dem Rhein.“
„Das ist alles sehr traurig und war auch für dich sicher eine schlimme Zeit, aber es freut mich, wenn es dir jetzt wieder gut geht. Hast du inzwischen eine neue Beziehung oder lebst du noch allein in Menden?“
„Ja, ich wohne noch immer in Menden. Von Männern habe ich aber noch immer die Nase voll, wie du bestimmt verstehen kannst. Du bist natürlich davon ausgenommen“, lachte sie.
„Naja, ich habe nur getan, was ich tun konnte“, wiegelte Ronni ab.
„Bei der nächsten Haltestelle am Bahnhof Beuel muss ich aussteigen. Tschüss, und mach`s gut“, sagte sie und stand auf.
„Ich fahre noch bis Ramersdorf. Was hältst du von einem unverbindlichen Feierabendbier, wenn wieder einmal die Sonne scheint? Ich kenne noch nicht einmal deinen Nachnamen. Hast du eine Telefonnummer?“
„Gib mir deine Hand.“
Ronni hielt ihr seine Hand hin und in Windeseile hatte sie einen Kugelschreiber gezückt und schrieb ihm auf den Handrücken, wahrscheinlich ihre Telefonnummer.
In dem Moment gingen die Türen der Bahn auf und sie entschwand im Regen.
Ronni betrachtete die Zahlen auf seinem Handrücken und überlegte, ob er sie sofort abschreiben sollte. Er befürchtete, dass der Regen die Zahlen verwischen könnte, wenn er ausstieg. Doch dann hatte er einen Einfall. Er nahm sein Smartphone und machte ein Foto von seiner Hand.
Die Frau neben ihm hatte, seitdem er sich mit Sarah unterhalten hatte, keinen Blick mehr in ihre Frauenzeitschrift geworfen. Auch der ältere Mann gegenüber schien das Interesse am Regen verloren zu haben. Ronni meinte, ein zustimmendes Nicken bei ihm beobachtet zu haben, als er mit seinem Smartphone seinen Handrücken fotografierte.
Bis zur Endstation in Ramersdorf leerte sich die Bahn merklich. Als er ausstieg, befand er sich nur noch mit wenigen Auserlesenen in der Bahn, die ebenfalls dort ausstiegen und eilends in alle Richtungen in den Regen verschwanden.
Er öffnete seinen Schirm und ging gemächlichen Schrittes in Richtung seiner Dienststelle. In Gedanken war er noch immer bei der zufälligen Begegnung in der Bahn.
Wie sich ein Mensch in wenigen Monaten doch verändern kann, dachte er. Bei ihrer ersten, einschneidenden Begegnung im April wirkte sie verzweifelt, schüchtern und sie schien sich selbst nicht zu mögen. Heute machte sie auf ihn den Eindruck einer selbstsicheren, strahlenden, das Leben bejahenden, jungen Frau. Wenn er sich ihr Bild nach diesen wenigen Minuten erneut ins Gedächtnis rief, musste er sich eingestehen, dass ihm dieses Bild gefiel.
Zum Glück hatte er ihr nicht gesagt, dass er Kommissar bei der Kriminalpolizei war. Er hatte festgestellt, dass es die meisten Menschen abschreckt, sich privat mit einem Polizisten zu unterhalten. Wie hatte sein ehemaliger Kollege Frank Eisenstein einmal gesagt: Wenn die Menschen in Not sind oder Hilfe benötigen, rufen sie nach der Polizei. Geht es ihnen wieder gut, sehen sie die Polizei lieber von hinten.
