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Eberhard Weidner TODESSPIEL
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»Ich weiß gar nicht, von wem diese Person da drüben, deren Name ich nicht nennen möchte, redet«, sagte Antonia mit übertrieben unschuldiger Miene.
Kati verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. Sie erwiderte jedoch nichts darauf, weil es entweder unter ihrer Würde oder zu diesem Thema ihrer Meinung nach schon alles gesagt worden war.
»Aber das war nie ein richtiger Streit«, sagte Antonia zu Anja. »Zoe und Kati haben mich dann immer daran erinnert, dass ich dies oder das hätte tun müssen. Ich habe mich dann wortreich entschuldigt und es nachgeholt. Damit war der Fall erledigt.«
Kati nickte. »Nein, richtigen Streit, bei dem die Fetzen flogen oder es Tränen gab, hatten wir keinen. Und wenn doch, dann hätten wir das geklärt. Wir drei sind zwar alle sehr unterschiedliche Charaktere, aber grundsätzlich verstehen wir uns trotzdem sehr gut.« Sie sah Antonia bedeutungsvoll an. »Ansonsten hätte ich es mit der da auch gar nicht so lange in einer Wohnung ausgehalten.«
»Ja, ich liebe dich auch«, sagte Antonia und warf Kati einen Handkuss zu.
Kati verzog das Gesicht und tat so, als würde sie ihm ausweichen.
»Und wie ist Zoes Verhältnis zu ihren Eltern?«
Die beiden Studentinnen richteten ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Hauptkommissarin.
»Prima«, meinte Antonia.
»Zoe ist ein Einzelkind«, sagte Kati. »Nicht dass sie deshalb ein verwöhnter Fratz oder so was wäre. Aber man merkt es ihr trotzdem ein bisschen an. Ihre Eltern hätten es, glaube ich, lieber gesehen, wenn Zoe bei ihnen wohnen geblieben wäre und in Nürnberg studiert hätte. Dort hätten sie weiterhin ein Auge auf ihre Tochter gehabt.«
»Das betrifft, glaube ich, hauptsächlich die Mutter«, sagte Antonia. »In den ersten drei, vier Wochen rief Frau Bergmann jeden Tag mindestens einmal an.«
Kati schüttelte den Kopf. »Und wenn Zoe nicht da war, wollte sie immer ganz genau wissen, wo sie sich aufhielt und was sie da tat.«
Antonia lachte. »Außerdem fragte sie am Anfang der Woche immer, ob Zoe am Sonntag auch in der Kirche war.«
»Genau. Und wir mussten dann immer lügen und sagen, dass Zoe die Sonntagsmesse besucht habe.«
»Wieso?«, fragte Anja.
»Zoes Mutter ist anscheinend sehr, sehr, sehr religiös«, antwortete Antonia. »Zoe ist aber vor ein paar Jahren aus irgendeinem Grund komplett vom Glauben abgefallen. Ihrer Mutter hat sie aber nie etwas davon gesagt. Sie meinte, für die gute Frau würde dann eine Welt zusammenbrechen. Und das wollte sie ihr dann doch nicht antun, denn sie liebt ihre Eltern wirklich sehr. Deshalb hat sie es verschwiegen und seitdem immer so getan, als würde sie den Glauben ihrer Mutter noch immer teilen.«
»Als sie noch bei ihren Eltern wohnte, ist sie sonntags auch immer noch brav mit zur Kirche gegangen«, übernahm erneut Kati. »Aber hier in München war sie noch kein einziges Mal.«
Antonia sagte: »Nur wenn sie ihre Eltern besucht, was sie wie letztes Wochenende aus gegebenem Anlass gelegentlich tut, muss sie wieder mit in die Kirche.«
»Wahrscheinlich war das vorgestern auch wieder der Fall«, meinte Kati. »Außer, sie hat ihrer Mutter endlich die Wahrheit erzählt.«
»Wieso hätte sie das tun sollen?«, fragte Antonia ihre Mitbewohnerin.
»Weil sie mich gefragt und ich ihr geraten habe, endlich reinen Tisch zu machen. Schließlich ist Zoe volljährig und kann glauben oder nicht glauben, was sie will. Und die ewige Lügerei finde ich ohnehin nicht gut.«
»Ach«, sagte Antonia erstaunt. »Und wieso erfahre ich das erst jetzt?«
Kati zuckte mit den Schultern. »Entschuldige, aber du warst eben nicht da, als sie mich fragte. Wahrscheinlich warst du gerade bei deinem letzten Drei-Tage-Liebhaber. Und dann muss ich wohl vergessen haben, es dir zu erzählen.«
»Okay.«
Die beiden Studentinnen wandten sich wieder Anja zu, die sich Notizen machte.
»Was wollen Sie noch wissen?«, fragte Antonia eifrig, die anscheinend Gefallen an der Befragung gefunden hatte.
Anja überprüfte ihre Notizen und überlegte kurz, dann blickte sie auf und sah die beiden jungen Frauen der Reihe nach an. »Das war es für den Moment.«
Antonia sah beinahe ein bisschen enttäuscht aus.
»Und was passiert jetzt?«, fragte Kati.
»Ich würde mir noch ganz gern Zoes Zimmers ansehen«, sagte Anja. »Danach rufe ich ihre Eltern an und frage, ob sie heute Nachmittag Zeit für mich haben.«
»Sie wollen dafür extra nach Nürnberg fahren?«, fragte Antonia.
Anja nickte, während sie den Kugelschreiber in die Lasche steckte und das Notizbuch zuklappte. »Sicherlich könnte ich sämtliche Fragen auch am Telefon stellen und damit eine Menge Zeit sparen. Aber ich mache mir bei den Vermisstenfällen, die ich zu bearbeiten habe, lieber einen persönlichen Eindruck von den Angehörigen und Freunden der vermissten Personen.« Sie nahm die Akte vom Tisch und stand auf. »Wenn Sie mir jetzt bitte Zoes Zimmer zeigen könnten.«
Sobald Antonia und Kati sie in Zoes Zimmer geführt hatten, bat Anja die beiden Studentinnen, sie allein zu lassen.
Antonia öffnete den Mund, als wollte sie protestieren. Doch noch ehe sie ein einziges Wort äußern konnte, packte ihre Mitbewohnerin sie bereits am Arm und zog sie in Richtung Tür.
»Komm mit!«, sagte Kati. »Lassen wir die Frau Kommissarin in Ruhe ihre Arbeit machen.«
Anja wartete, bis die beiden jungen Frauen den Raum verlassen und die Tür hinter sich geschlossen hatten. Erst dann sah sie sich um und verschaffte sich einen ersten Eindruck vom Zimmer der Vermissten.
Nach Anjas Ansicht enthielt es gerade einmal das Notwendigste, was man als Studentin brauchte, und erinnerte sie in seiner Schlichtheit ein bisschen an eine karge Mönchszelle. Ein ordentlich gemachtes Bett mit beige-weiß-karierter Bettwäsche. Ein tadellos aufgeräumter Schreibtisch, auf dem ein zugeklappter Laptop lag. Zwei einfache Regale, die mit zahlreichen Büchern gefüllt waren. Und schließlich eine Kommode und ein mittelgroßer Kleiderschrank. Sämtliche Möbel waren weiß lasiert.
Anja ging zunächst zum Regal und sah sich die Bücher an. Der kleinere Teil bestand aus einer Reihe von Fachbüchern und Nachschlagewerken über Psychologie, der weitaus größere jedoch aus Romanen. Sie las mehrere Titel und stellte fest, dass es sich ausnahmslos um Psychothriller handelte.
An den Wänden hingen drei großformatige Poster. Eins davon zeigte Sigmund Freud, den Begründer der Psychoanalyse. Ein weiteres die sogenannten »sieben großen Männer der Psychologie«: Jean Piaget, Carl Jung, Sigmund Freund, Burrhus Skinner, William James, John Watson und Ivan Pawlow. Auf dem dritten waren hingegen die »großen Frauen der Psychologe« dargestellt: Margaret Washburn, Mary Calkins, Karen Horney, Anna Freud, Mary Ainsworth und Mamie Phipps Clark.
Anja wandte sich dem Schreibtisch zu, der vor dem Fenster stand. An einer Pinnwand neben dem Fenster hing neben einer Reihe von Postkarten aus aller Welt ein halbes Dutzend Fotos. Auf zwei Aufnahmen war Zoe allein zu sehen. Drei Fotos zeigten Zoe und ihre beiden Mitbewohnerinnen. Auf dem letzten Bild war sie neben einer jungen Frau zu sehen, die Anja nicht kannte. Sie vermutete, dass es sich um eine Freundin oder ehemalige Klassenkameradin aus Nürnberg handelte.
Bis jetzt hatte Anja sich nur umgesehen und nichts angefasst. Da sich das nun ändern würde, zog sie ein Paar Einmalhandschuhe aus Nitril aus ihrer Jackentasche und streifte sie über. Sie wollte keine Fingerabdrücke hinterlassen, denn falls Zoe das Opfer eines Verbrechens geworden war, mussten hier Spuren gesichert werden.
Anja nahm die beiden Fotografien, auf denen Zoe allein abgebildet war und steckte sie in die Vermisstenakte. Diese enthielt bereits ein Foto der Vermissten, das die Eltern mitgebracht hatten, als sie ihre Tochter bei der Nürnberger Polizei als vermisst gemeldet hatten. Doch die beiden Aufnehmen von der Pinnwand schienen neueren Datums zu sein.
In der Hoffnung, auf ein Tagebuch zu stoßen, öffnete Anja die Schreibtischschubladen. In der ersten fand sie einen Stapel Zeitschriften. Es waren allesamt Ausgaben der Fachzeitschrift »Psychologie heute«. In der zweiten lagen mehrere Collegeblöcke, in denen sich Aufzeichnungen aus den Vorlesungen der jungen Studentin befanden. Die letzte Lade enthielt ein Sammelsurium an Stiften und Büroutensilien wie Locher, Hefter und Radiergummi. Außerdem entdeckte Anja einen Ordner mit Kontoauszügen und einen Terminplaner.
Sie sah sich die aktuellsten Kontoauszüge an; in den Tagen vor Zoes Verschwinden hatte es jedoch keine auffälligen Kontobewegungen gegeben. Weder war ein ungewöhnlich hoher Betrag abgehoben noch eine verdächtig erscheinende Überweisung getätigt worden. Alles sah vollkommen normal aus, und nichts deutete darauf hin, dass Zoe ihr Verschwinden geplant und vorbereitet hatte. Allerdings musste Anja noch bei der Bank überprüfen, ob es nach Zoes Verschwinden Abhebungen gegeben hatte.
Anja nahm den Terminplaner und schlug ihn auf. Sie blätterte, bis sie zum heutigen Datum kam. Für gestern, heute und morgen war nichts eingetragen. Am Donnerstag hatte Zoe allerdings am frühen Vormittag einen Arzttermin notiert. Da der entsprechende Terminzettel zwischen den Seiten steckte, sah Anja, dass es sich um einen Termin bei Zoes Frauenärztin handelte. Sie blätterte weiter und entdeckte einen Zahnarzttermin in zweieinhalb Wochen. Auch hier gab es, wie Anja erfreut feststellte, einen Terminzettel. Das ersparte ihr eine Menge Nachforschungen, da sie den Namen und die Anschrift des Zahnarztes ohnehin benötigte, um sich ein Zahnschema der vermissten jungen Frau zu besorgen. Dies geschah für den Fall, dass eine unbekannte Frauenleiche auftauchte, deren Merkmale mit denen der Studentin in der Datei über Vermisste, unbekannte Tote und unbekannte hilflose Personen übereinstimmten. Mithilfe des Zahnschemas und weiterem Identifizierungsmaterial konnte dann zweifelsfrei festgestellt werden, ob es sich bei dem Leichnam tatsächlich um Zoe handelte. Zur Sicherheit würde Anja aber auch Fingerabdrücke und DNA-Vergleichsmaterial der Vermissten besorgen.
Sie klappte den Terminplaner zu und legte ihn zusammen mit dem Kontoauszugsordner auf den Laptop. Diese drei Dinge würde sie mitnehmen, wenn sie ging, um sie in aller Ruhe im Büro auszuwerten. Dann würde sie auch die Frauenärztin anrufen und mit etwas Glück erfahren, ob es einen konkreten Anlass für den Termin gab oder ob es sich nur um einen regelmäßigen Kontrollbesuch handelte.
Obwohl sie nicht unbedingt damit rechnete, dass sie noch etwas von Bedeutung fand, öffnete Anja den Kleiderschrank und die Schubladen der Kommode. Sie wollte allerdings gründlich sein und nicht das Geringste übersehen. Es sah so aus, als fehlten nur wenige Wäschestücke. Gerade so viel, wie Zoe für ihren zweitägigen Trip in ihr Elternhaus benötigt hatte. Und entschieden zu wenig, als dass sie von vornherein eine längere Abwesenheit geplant haben könnte.
Nachdem sie der Vollständigkeit halber auch unter dem Bett und auf dem Schrank nachgesehen hatte, ohne dort etwas zu entdecken, nahm Anja neben der Vermisstenakte und ihrem Notizbuch auch den Laptop, die Kontoauszüge und Zoes Terminplaner an sich. Dann verließ sie das Zimmer.
Die beiden Studentinnen standen im Flur und sahen Anja erwartungsvoll an.
»Und?«, fragte Kati, als hoffte sie, Zoe hätte sich die ganze Zeit nur im Schrank versteckt und Anja hätte sie dort gefunden.
Anja zuckte mit den Schultern.
»Was haben Sie mit dem Laptop und Zoes Sachen vor?«, fragte Antonia.
»Ich werde sie mir im Büro genauer ansehen. Vielleicht finde ich darin einen Hinweis auf Zoes Aufenthaltsort oder den Grund, warum sie verschwunden ist.«
Kati und Antonia nickten.
»Wo ist das Bad?«, fragte Anja unvermittelt.
»Oh«, sagte Kati überrascht.
»Gleich hier«, antwortete Antonia und deutete auf die Tür.
Wahrscheinlich dachten die beiden, dass Anja ein dringendes Bedürfnis verspürte. Doch dem war nicht so.
»Können Sie mir zeigen, welche Sachen Zoe gehören?«, fragte Anja, während sie die Tür öffnete und das Badezimmer betrat.
Die beiden jungen Frauen folgten ihr; und obwohl es ein vergleichsweise großes Bad war, wurde es jetzt doch ein bisschen eng.
»Wollen Sie die Sachen etwa auch mitnehmen?«, fragte Kati verständnislos und starrte irritiert auf die Nitrilhandschuhe, die Anja trug.
Die Polizistin erklärte, dass sie DNA-Vergleichsmaterial benötigte. Dies fand sich am ehesten an persönlichen Gegenständen der Vermissten, an denen Körperzellen hafteten. Dafür kamen vor allem Haarbürsten, Kämme, Zahnbürsten, Rasierer sowie getragene und noch nicht gewaschene Bekleidung infrage.
»Und wofür benötigen sie Zoes DNA?«, fragte Kati.
Anja antwortete nicht.
»Was glaubst du denn?«, sagte Antonia. »Damit die Polizei sie identifizieren kann, falls sie ihre Leiche findet.«
Kati hob die Hand vor den Mund, als wollte sie sich selbst am Schreien hindern. »Sie glauben doch nicht wirklich, dass Zoe …« Sie traute sich nicht, weiterzusprechen.
Anja schüttelte den Kopf. »Im Moment spricht nichts dafür, dass Zoe nicht mehr am Leben ist. Es ist aber dennoch wichtig, dass wir darauf vorbereitet sind und uns frühzeitig um DNA-Vergleichsmaterial bemühen. Können Sie mir jetzt Zoes Sachen zeigen?«
Die beiden jungen Frauen wirkten schockiert. Sogar Antonia war etwas ruhiger und kleinlauter geworden, so als hätte sie endlich realisiert, dass das Verschwinden ihrer Mitbewohnerin kein Spaß war, sondern auch einen furchtbar ernsten Hintergrund haben konnte.
Da Zoe ihre Zahnbürste und ihre Haarbürste mitgenommen hatte, als sie nach Nürnberg gefahren war, und ihre getragenen Kleidungsstücke inzwischen gewaschen worden waren, musste sich Anja mit einer alten Haarbürste und einem Einwegrasierer zufriedengeben, mit dem sich Zoe erst vor Kurzem die Beine rasiert hatte. Dennoch war sie zuversichtlich, dass die Gegenstände ausreichten, um Vergleichsproben von Zoes DNA zu gewinnen. Die moderne DNA-Analytik hatte in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht; die DNA konnte mittlerweile sogar aus winzigen Hautabriebspuren bestimmt werden.
Schließlich hatte Anja alles, was sie momentan benötigte. Sie gab den Studentinnen ihre Visitenkarte und bat sie, sie anzurufen, falls ihnen noch etwas einfallen oder – noch besser! – Zoe auftauchen sollte. Dann verabschiedete sie sich von den beiden jungen Frauen und verließ die Wohnung.
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