Eberhard Weidner DAS BUCH ANDRAS I
DAS BUCH ANDRAS I
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Eberhard Weidner DAS BUCH ANDRAS I

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Ich nickte bestätigend, war über diese Tatsache aber nicht ganz so aus dem Häuschen wie mein Gegenüber, denn nach ausgelassenem Feiern war mir im Augenblick weniger zumute. Die Tatsache meines demnächst bevorstehenden Geburtstags beinhaltete in meiner derzeitigen Gemütslage allenfalls zwei grundlegende Informationen, nämlich den Tag meiner Geburt und das heutige Datum. Sie waren mir aber derzeit nicht so wichtig, sondern stellten nur Mosaiksteinchen im Gesamtbild meiner Erinnerungen dar, von denen der größte Teil noch immer fehlte.

Dr. Jantzen stellte rasch fest, dass ich seine Begeisterung nicht teilte, räusperte sich verlegen und richtete den Blick wieder auf seine Unterlagen, um die übrigen Angaben vorzulesen: »Sie sind Studentin. Ihre Eltern heißen Martin und Elvira Dorn. Sie wohnen hier in München im Stadtteil Nymphenburg …«

Er nannte auch die genaue Anschrift, die mir jedoch nichts sagte. München kannte ich natürlich, ebenso den Stadtteil Nymphenburg, in dem sich meines Wissens ein bekanntes prunkvolles Schloss gleichen Namens, weitläufige Grünanlagen und zahlreiche Villen befanden. Ansonsten beschränkten sich meine Kenntnisse über diese Stadt jedoch auf allgemeine Informationen, die vermutlich auch viele Menschen wussten, die nicht hier lebten, und daher nicht unbedingt darauf schließen ließen, dass ich tatsächlich hier lebte und studierte. Selbst wenn all meine persönlichen Erinnerungen an meine Heimatstadt verschwunden waren, hätte ich eigentlich dennoch zahlreichere und konkretere Einzelheiten über sie wissen müssen. Auch die Namen meiner Eltern lösten weder Erinnerungen noch tiefere Empfindungen in mir aus. Ich hatte das Gefühl, dass es sich einfach nur um die Namen irgendwelcher Personen handelte, ohne dass ich eine besondere persönliche Beziehung zu ihnen feststellen konnte.

Dr. Jantzen registrierte meine Reaktionen oder, besser gesagt, das Fehlen jeglicher Reaktion auf seine Worte und fuhr fort: »Unter nahen Angehörigen ist hier noch eine weitere Person angegeben. Jemand namens Andras. Ich nehme an, das ist Ihr Bruder.«

Der Name klang für mich im ersten Augenblick ebenso fremd wie die meiner Eltern. Dennoch löste er, als der Arzt ihn aussprach, in den Tiefen meines Verstandes ein schwaches, kaum wahrnehmbares Echo aus. Es war wie der zaghafte Flügelschlag eines zarten Schmetterlings inmitten eines dichten Waldes, kaum zu bemerken und einen Sekundenbruchteil später auch schon wieder vorbei. Ich neigte daher zu der Annahme, ich hätte es mir nur eingebildet, weil ich so verzweifelt auf eine Reaktion auf eine dieser Informationen gehofft hatte. »Andras«, wiederholte ich daher noch einmal laut und deutlich, als wollte ich den Geschmack des Namens wie die Blume eines kostbaren Weins auf der Zunge spüren. Und da, kaum dass ich es tatsächlich zu hoffen gewagt hatte, bemerkte ich erneut die leichte Erschütterung innerhalb meines Gedächtnisses, die ebenso schnell wieder verging.

Dr. Jantzen hatte mich schweigend und aufmerksam beobachtet. Seinem geschulten Therapeutenblick entging natürlich nicht, dass ich in irgendeiner Weise auf den Namen meines Bruders reagierte. »Hat der Name Ihres Bruders ein Gefühl oder eine Reaktion ausgelöst?«

Ich nickte. »Ein ganz schwaches … Echo, könnte man sagen«, antwortete ich, unfähig, meine Empfindungen in adäquate Worte zu kleiden. »Aber so schwach und flüchtig, dass ich mir noch nicht hundertprozentig sicher sein kann. Was können Sie mir sonst noch sagen?«

Dr. Jantzen hob in einer Geste des Bedauerns die Schultern und ließ sie wieder fallen. »Es tut mir aufrichtig leid, Frau Dorn, aber das waren alle persönlichen Daten, die in Ihrer Akte enthalten sind. Aber ich bin mir sicher, dass wir …«

Weiter kam der Arzt nicht, denn in diesem Augenblick wurde von draußen zaghaft gegen die Tür geklopft. Dr. Jantzen gab Gabriel mit einem Kopfnicken zu verstehen, die Tür zu öffnen. Den Pfleger, der sich die ganze Zeit über unauffällig im Hintergrund gehalten hatte, hatte ich schon ganz vergessen gehabt, so fixiert war ich während unserer Unterredung auf den Arzt gewesen.

Ich drehte den Oberkörper, da ich mit dem Rücken zur Tür saß, und beobachtete, wie Gabriel die Tür öffnete. Auf dem Flur stand eine junge Schwester in einem weißen Kittel, lächelte angespannt und rieb sich nervös die Hände, als hätte sie kalte Finger. Als sie den Therapeuten sah, stieß sie hastig hervor: »Entschuldigen Sie, Dr. Jantzen, aber ein Herr von der Kriminalpolizei will unbedingt mit der … äh, der Patientin sprechen. Er lässt sich nicht abweisen und behauptet sogar, er hätte einen richterlichen Beschluss, der es ihm erlaubt …«

Sie verstummte abrupt mitten im Satz und riss die Augen auf, als sie nicht sehr rücksichtsvoll zur Seite gedrängt wurde. Ein wesentlich älterer Mann in dunklem Anzug nahm augenblicklich ihre Position ein und gab ihr energisch Befehle, als hätte er das Kommando übernommen: »Sie können jetzt gehen, Schwester. Ab hier übernehme ich!«

Die sichtlich überrumpelte Schwester warf einen um Rat ersuchenden Blick auf Dr. Jantzen. Sie zuckte mit den Schultern, um anzudeuten, dass sie nicht bemerkt hatte, wie der Mann ihr hierher gefolgt war, und sie nichts dafürkonnte. Dr. Jantzen nickte ihr beruhigend zu, worauf sie sich auf dem Absatz umdrehte und mit großen Schritten wegmarschierte.

Nun hielt nur noch Gabriels riesenhafte, kräftige Gestalt, die den Türrahmen locker ausfüllen konnte, wenn er sich direkt hineinstellte, den dunkel gekleideten Mann davon ab, den Raum zu betreten. Im Ernstfall wäre der Pfleger ein unüberwindliches Hindernis gewesen, da war ich mir sicher. Dieser Ansicht schien auch der Besucher zu sein, denn er erschien nun doch ein bisschen verunsichert und musterte den Hünen, der vor ihm aufragte, mit misstrauischer Miene.

»Gabriel, bitten Sie den Herrn von der Polizei herein«, wies Dr. Jantzen den Pfleger schließlich an und entschärfte damit schlagartig die spannungsgeladene Situation an der Tür.

Kapitel 6

Nachdem Gabriel – höchst widerstrebend, wie mir schien – zur Seite getreten war und den Durchgang freigegeben hatte, kam der Neuankömmling unverzüglich hereinmarschiert. Er schritt energisch, und ohne mich eines einzigen Blickes zu würdigen, an mir vorbei zur rechten Längsseite des langen Konferenztisches, um sich dort einen Platz zu suchen.

Dr. Jantzen hatte sich indessen von seinem Platz vor dem Fenster erhoben und kam dem Kriminalbeamten ebenso ernsthaft entgegen. Die beiden Männer wirkten auf mich in diesem Moment wie zwei Revolverhelden, die im Begriff waren, ein Duell darüber auszufechten, wer in diesem Raum das Sagen hatte. Dr. Jantzen machte keinen besonders freundlichen Eindruck, als er schließlich auf den anderen Mann traf, bevor dieser Platz nehmen konnte, sondern schien im Gegenteil in angriffslustiger Stimmung zu sein. Dies mochte weniger daran liegen, dass der Fremde einfach der Schwester gefolgt und dadurch hier hereingeplatzt war, ohne vorher die Zustimmung des Arztes einzuholen, sondern eher in der Art begründet sein, wie der Neuankömmling versucht hatte, das Kommando zu übernehmen. Wahrscheinlich sah der gute Doktor seine Autorität als Facharzt und Stationsleiter in Gefahr und wollte die Verhältnisse nun wieder gerade rücken, indem er den Mann in seine Schranken verwies.

»Ich hoffe, Sie sind tatsächlich in der Lage, mir den richterlichen Beschluss zu zeigen, von dem Schwester Hannah sprach«, fuhr der Arzt den älteren Mann an. »Wie Sie sich vermutlich denken können, bin ich über diesen Überraschungsbesuch alles andere als erfreut. Ich bin nämlich der Meinung, dass es für die Heilbehandlung meiner Patientin in dieser Phase nicht besonders förderlich ist, wenn sie sich auch noch mit den Ermittlungen der Polizeibehörden auseinandersetzen muss. Ich ging eigentlich davon aus, dass wir diesen Punkt dem Polizeipräsidium gegenüber klar und deutlich zum Ausdruck gebracht hätten.«

Sein Gegenüber hatte während Dr. Jantzens aufgebrachten Worten in aller Ruhe ein Schriftstück aus der Aktentasche geholt, die er in der linken Hand getragen und nun auf der Platte des Tisches abgestellt hatte, und dieses umständlich auseinandergefaltet. Nachdem die Tirade verstummt war, überreichte der Besucher dem Arzt das Papier, ohne seinen starren Gesichtsausdruck dabei im Geringsten zu verändern.

»Das ist der richterliche Beschluss, der es mir erlaubt, die Zeugin Dorn unverzüglich zu befragen. Und zwar sowohl ohne Ihre Einwilligung als auch gegebenenfalls – das heißt, sofern es mir erforderlich erscheinen sollte – ohne Ihre Anwesenheit, Dr. Jantzen! Wenn Sie also Wert darauf legen, während der Zeugenbefragung dabei zu sein, sollten Sie einen anderen, deutlich weniger aggressiven Ton anschlagen. Ich hoffe, wir haben uns verstanden, Herr Doktor!«

Der Arzt wollte Einwände erheben, doch der Polizist ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. »Sparen Sie sich Ihre Ausführungen für einen späteren Zeitpunkt, Dr. Jantzen. Lesen Sie lieber sorgfältig den Gerichtsbeschluss und akzeptieren Sie endlich, dass mein Vorgehen rechtmäßig ist. Denn falls ich noch ein weiteres Wort des Widerspruchs von Ihnen höre, werde ich Sie unverzüglich des Raumes verweisen!«

Der Arzt gehorchte widerwillig und las stattdessen, nachdem er dem Polizeibeamten einen zornigen Blick geschenkt hatte, konzentriert den Beschluss in seinen Händen. Ich konnte ihm ansehen, dass er zumindest in Gedanken mit den Zähnen knirschte, als er ihn schließlich zurückgab. Allem Anschein nach hatte alles seine Richtigkeit, zumindest vor dem Gesetz, und die Behauptungen des Kriminalbeamten entsprachen der Wahrheit. Dr. Jantzen musste das wohl oder übel akzeptieren, konnte es aber dennoch nicht bleiben lassen, seiner Meinung darüber Ausdruck zu verleihen. »Für den Moment scheinen Sie tatsächlich am längeren Hebel zu sitzen, aber ich kann Ihnen schon jetzt versprechen, dass ich mich diesbezüglich an Ihre Vorgesetzten wenden und dort Ihr unfreundliches Verhalten deutlich zur Sprache bringen werde. Ich kann es nämlich nicht zulassen, dass der Therapieverlauf durch weitere derartige Querschläge Ihrerseits in Gefahr gebracht wird. Das Wohl meiner Patienten steht für mich im Vordergrund, und Ihre Ermittlungen interessieren mich dabei nicht im Geringsten. Im Übrigen wäre es wohl angebracht, dass Sie sich zuallererst einmal vorstellen und legitimieren.«

»Selbstverständlich«, beeilte sich der Beamte zu versichern, den sein eigenes Versäumnis in Verlegenheit und aus dem Konzept gebracht zu haben schien. Und dem Doktor hatte es nach seiner ersten Niederlage in diesem Machtkampf wenigstens einen kleinen Punktgewinn beschert.

»Kriminalhauptkommissar Klaus Gehrmann«, stellte sich der Polizist vor und zeigte dem Arzt sowohl seinen Dienstausweis in einem Lederetui als auch seine glänzende, goldene Dienstmarke, die er hastig aus der Innentasche seiner Anzugjacke geholt hatte. Den Gerichtsbeschluss hatte er zuvor wieder in seine Aktentasche gesteckt.

Dr. Jantzen studierte alles besonders sorgfältig. Dann nickte er mit einem verdrießlichen Ausdruck auf dem Gesicht, da ihm nichts anderes übrig blieb, als die Legitimation seines Gegenübers zu akzeptieren. Einen letzten Versuch, die Befragung zu torpedieren, unternahm er dennoch: »Ist es denn nicht erforderlich, dass Frau Dorn während der Vernehmung ein Rechtsanwalt zur Seite steht?«

Kriminalhauptkommissar Gehrmann schüttelte den Kopf, während er Ausweis und Dienstmarke wieder verschwinden ließ. »Ich kann Ihnen versichern, dass die Hinzuziehung eines Verteidigers nicht erforderlich sein wird. Frau Dorn wird von mir lediglich als Zeugin angehört. Aus diesem Grund ist es auch nicht notwendig, sie über ihre Rechte zu belehren. Sie können gerne hierbleiben, sofern Sie sich entsprechend zu benehmen wissen, und sich davon überzeugen, dass ich nichts unternehmen werde, was Frau Dorn Schaden zufügen könnte.«

Dr. Jantzen sparte sich eine Antwort darauf, nickte stattdessen nur und warf mir einen nachdenklichen Blick zu. Womöglich ging ihm durch den Kopf, dass der Kriminalbeamte überhaupt nicht ermessen konnte, welchen Schaden er durch eine unbedachte Äußerung in meinem vorgeschädigten Verstand anrichten konnte. Allerdings fehlten ihm im Augenblick die Mittel, dem Polizisten wirksam Paroli bieten zu können.

Dr. Jantzens Blick in meine Richtung war die erste Aufmerksamkeit, die mir geschenkt wurde, seit der Polizeibeamte so überraschend aufgetaucht war. Während der verbalen Auseinandersetzung des Arztes und des Hauptkommissars war das Interesse aller Anwesenden nur auf die beiden Männer und ihr Kräftemessen gerichtet gewesen. Dr. Jantzen hatte dabei zwar für den Moment den Kürzeren gezogen, war aber bestimmt nicht bereit, kampflos das Feld zu räumen und mich mit dem anderen Mann allein zu lassen.

Er nahm das Heft, das er kurzzeitig verloren hatte, wieder dadurch in die Hand, dass er von seinem Recht als Stationsleiter und Hausherr Gebrauch machte und dem Kriminalbeamten einen Platz zuwies, der möglichst weit von mir entfernt war. Gehrmann akzeptierte dies auch ohne weitere Diskussion. Ihm musste ebenso wie uns allen klar sein, dass er den Machtkampf fürs Erste für sich entschieden hatte und nun hier die Spielregeln bestimmte. Aus diesem Grund konnte er dem Arzt diesen kleinen Triumph großmütig zugestehen.

Dr. Jantzen holte die Krankenakte und seine Notizen von seinem Platz und setzte sich näher zu mir, sodass er wie ein menschlicher Puffer zwischen mir und dem Polizisten dienen konnte.

Ich selbst war mir zunächst noch unsicher, was ich von diesem überraschenden Auftauchen des Beamten und der ganzen Situation halten sollte. Zunächst hatte mir sein Erscheinen einen Schreck versetzt, denn es hatte die Horrorszenarien, die meine Fantasie wie am Fließband produzierte, mit neuer, erschreckender Nahrung versorgt. Eine Zeitlang hatte ich sogar befürchtet, der Mann wäre gekommen, um mich zu verhaften und ins Gefängnis zu stecken. Dann hatte ich das Wortduell zwischen dem Arzt und dem Polizisten – bei dem es schließlich um mich ging – gespannt, aber auch mit zwiespältigen Gefühlen verfolgt. Denn einerseits erhoffte ich mir durch eine Befragung durch den Kriminalbeamten neue Informationen und Erkenntnisse, die mir Dr. Jantzen bisher nicht hatte sagen können oder wollen. Auf der anderen Seite fürchtete ich gleichzeitig aber auch das Gespräch mit dem Beamten, als könnten dabei Tatsachen oder Wahrheiten ans Tageslicht kommen, die mir letztendlich schaden würden. Lediglich die Zusicherung des Mannes, dass ich nur als Zeugin angehört werden sollte, überzeugte mich schlussendlich davon, dass mir durch den Polizisten im Moment nichts Schlimmes drohte und ich durch eine Unterhaltung mit ihm unter Umständen mehr gewinnen als verlieren konnte. Aus diesem Grund fieberte ich dem Beginn der Befragung sogar ein bisschen entgegen.

Dr. Jantzen schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln, das ich so verstand, dass er aufpassen und mir im Notfall beistehen würde. Auch das trug wahrscheinlich zu meiner Beruhigung bei. Außerdem vermeinte ich, Gabriels beruhigende Präsenz schräg hinter mir beinahe körperlich spüren zu können, was mir zusätzlich Kraft schenkte. Und dann ging es auch schon los.

Kapitel 7

»Schönen guten Tag, Frau Dorn«, begrüßte mich Kriminalhauptkommissar Gehrmann, als wäre ich erst in diesem Moment zu ihnen gestoßen, und sah mir dabei zum ersten Mal überhaupt direkt ins Gesicht. Er lächelte jedoch nicht und zeigte mit Ausnahme seiner versöhnlichen Worte auch sonst keine Spur von Freundlichkeit, sondern behielt seinen bisherigen unbeteiligten, fast schon leblosen Gesichtsausdruck bei. Lediglich seine schiefergrauen Augen erwachten in diesem Moment zum Leben und funkelten mich, wie ich meinte, mit einem zornigen, ja geradezu hasserfüllten Aufblitzen an. Doch er wandte zu schnell den Blick wieder ab und richtete ihn stattdessen auf das dicke Aktenbündel, das er aus seiner Aktentasche geholt und vor sich auf die Tischplatte gelegt hatte, als dass ich mir sicher sein konnte, ob ich mir die Wut oder den Hass in seinem Blick nicht nur eingebildet hatte. Warum sollte er mir auch derartige negative Gefühle entgegenbringen? Schließlich kannten wir uns nicht – zumindest nahm ich das an. Außerdem war er nur ein Kriminalbeamter, der beruflich mit meinem Fall zu tun hatte und nicht selbst betroffen war. Andernfalls wäre ihm dieser Fall auch nicht zugeteilt worden. Wobei ich mir natürlich in erster Linie die Frage stellte, warum die Kripo überhaupt Ermittlungen anstellte. Aber das würde ich wohl alsbald erfahren.

Ich ersparte mir eine Erwiderung seines Grußes und wartete stumm ab, dass er fortfahren würde. Eine kleine, wenn auch kindische Solidaritätsgeste gegenüber Dr. Jantzen.

In meinen Augen wirkte der Kommissar beinahe schon zu alt für den aktiven Polizeidienst und stand möglicherweise kurz vor der Pensionierung. Er besaß einen extrem kurz geschnittenen, strahlend weißen Haarkranz, der wie die Tonsur eines Mönchs ein kreisrundes, glänzendes und mit zahlreichen Leberflecken gesprenkeltes Fleckchen Kopfhaut umrahmte. Darüber hinaus hatte er einen schmalen, sehr knochig wirkenden Körperbau und an die Krallen eines Raubvogels erinnernde faltige Hände mit langen, schmalen Fingern. Zu dem insgesamt bereits sehr vogelartigen Eindruck passte seine Nase, die wie der Schnabel eines Geiers hervorstand, sein Gesicht dominierte und ihm zusammen mit den kalt wirkenden grauen Augen das Aussehen eines grimmigen Scharfrichters oder Inquisitors verlieh.

Mein Mut, den ich zum größten Teil der tröstlichen Gegenwart von Gabriel und Dr. Jantzen verdankte, verließ mich bei dieser ungewollten Assoziation dann doch beinahe, und so senkte ich rasch den Blick und richtete ihn auf meine Hände, die ich wieder in meinen Schoß gelegt hatte und nervös aneinanderrieb, als wären sie eiskalt und müssten durch Reibungsenergie aufgewärmt werden. Doch eigentlich war das Gegenteil der Fall. Allmählich wurde es mir unangenehm warm, und ich spürte, dass mir erneut der Schweiß ausbrach. Gern hätte ich in diesem Moment etwas getrunken, doch das Glas vor mir war mittlerweile leer. Ich hätte natürlich Gabriel bitten können, mir noch etwas frisches Wasser zu bringen, doch es war mir lieber, seine beruhigende Gegenwart in meiner unmittelbaren Nähe zu wissen. Ich kannte den Pfleger zwar kaum und das auch erst seit kurzer Zeit, hatte aber schon begonnen, ihm mein Vertrauen zu schenken. Von allen Anwesenden in diesem Raum, so glaubte ich, hatte Gabriel noch am ehesten mein Wohl im Auge. Allerdings würde auch er nichts gegen einen richterlichen Beschluss oder ein anderes amtliches Schriftstück ausrichten können.

»Frau Dorn«, sprach mich der Kriminalbeamte nach einer kurzen Pause erneut an, worauf ich unwillkürlich den Blick hob. Gehrmann sah jedoch weiterhin in seine Akte, als hätte er dort die wesentlichen Stichpunkte seiner Ausführungen skizziert und benötigte diese als Gedächtnisstütze.

Vielleicht will er dadurch, dass er den Blick von mir abgewandt hält, aber auch vermeiden, dass ich in seinen Augen seine wahren Gefühle erkennen kann, durchzuckte mich ein überraschender Gedanke. Schließlich konnte ich schon einmal den Hass in seinen Augen sehen. Aber war ich mir da überhaupt sicher? Rasch verwarf ich diesen absurden Einfall wieder, bevor er in meinem Verstand Wurzeln schlagen und wachsen konnte, so unwahrscheinlich erschien er mir.

»Mir ist natürlich vollauf bewusst«, fuhr Hauptkommissar Gehrmann fort, »dass Sie durch die zurückliegenden Ereignisse vermutlich noch immer unter Schock stehen. Und da Sie, wie man mir mitteilte, erst vor wenigen Stunden wieder zu Bewusstsein kamen, hatten Sie vermutlich auch noch keine Zeit, die Vorfälle gedanklich zu verarbeiten und die Zusammenhänge vollständig zu begreifen. Auch wenn mich Dr. Jantzen für gefühllos und diese Befragung für reine Schikane und eine Gefahr für den Therapieerfolg halten mag, so kann ich Ihnen versichern, dass sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt absolut notwendig ist. Ich versuche zwar, sie so behutsam und schonend wie möglich durchzuführen. Aber angesichts der unabänderlichen Tatsache, dass seit den Morden bereits annähernd fünf Tage verstrichen sind, ohne dass die ermittelnden Behörden in der Lage waren, die einzige bekannte Augenzeugin zu befragen, ist ein weiteres Zuwarten in meinen Augen und im Übrigen auch in denen der zuständigen Staatsanwältin, wie ich hinzufügen möchte, nicht länger zu verantworten.«

Er verstummte und blickte nun doch überrascht von seinen Papieren auf, da er die widersprüchlichen Reaktionen von Dr. Jantzen und mir auf seine Worte natürlich, wenn auch verzögert mitbekommen haben musste.

Dr. Jantzen hatte eine Verwünschung gemurmelt. Die Tatsache, dass der Facharzt für jegliches Psychozeug überhaupt in der Lage war, derartige Flüche auszustoßen, schockierte mich dabei nur unwesentlich weniger als der Umstand, dass es hier allem Anschein nach um eine Mordermittlung ging. Und zwar augenscheinlich nicht nur um einen einzelnen Mord, denn der Kriminalbeamte hatte die Mehrzahl verwendet. Ich hatte daher, während Dr. Jantzens Worte noch in der Luft hingen, überrascht nach Luft geschnappt wie ein Fisch, der sich plötzlich an Land wiederfindet, und die Hand vor den Mund geschlagen, um zu verhindern, dass sich ein Aufschrei des Entsetzens Bahn brach, denn mit einem Mal schienen meine furchtbarsten Schreckensvisionen, die ich kurz zuvor noch als unrealistisch betrachtet hatte, wahr geworden zu sein.

Mit geweiteten Augen, in denen sein Unverständnis deutlich zu lesen war, sah Hauptkommissar Gehrmann erst mich und dann den Arzt an. »Was hat das zu bedeuten, Dr. Jantzen?«

Bevor der Doktor ihm eine Antwort gab, sah er zunächst zu mir und fragte, ob mit mir alles in Ordnung sei. Ich gab ihm durch ein kurzes Nicken zu verstehen, dass es mir gut ging. Erst dann wandte sich Dr. Jantzen an den Polizisten und gab ihm eine Erklärung. »Frau Dorn hat durch die traumatischen Umstände, deren Zeugin sie wurde, eine dissoziative Amnesie erlitten.«

»Amnesie?«, wiederholte der Beamte in fragendem Tonfall den Begriff, der es von allen Fachausdrücken, die Dr. Jantzen benutzt hatte, noch am ehestens geschafft hatte, von Gehrmann verstanden worden zu sein. »Sie meinen, Frau Dorn kann sich an nichts erinnern?«

»Genau so ist es. Frau Dorn ist im Augenblick überhaupt nicht in der Lage, sich an die belastenden Ereignisse oder irgendein anderes autobiografisches Detail ihres Lebens zu erinnern. Der Versuch einer Befragung über Dinge aus ihrer Vergangenheit ist daher absolut unnütz. Das hätte ich Ihnen natürlich auch vorher sagen können, wenn Sie mir Gelegenheit dazu gegeben hätten. So haben wir nur kostbare Zeit vergeudet.«

Ich konnte sehen, dass der Polizist sich bemühte, diese neuen Informationen zu verdauen. »Und Sie können mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen, dass Frau Dorn diesen … diesen Gedächtnisverlust nicht nur simuliert?«, fragte er dann den Arzt, als wäre ich überhaupt nicht anwesend.

Ich schnaubte entrüstet angesichts dieses empörenden Vorwurfs, doch der Kriminalbeamte beachtete mich gar nicht. Lediglich Dr. Jantzen warf mir einen kurzen besänftigenden Blick zu, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf Hauptkommissar Gehrmann richtete. »Natürlich kann ich mir über so etwas nicht hundertprozentig sicher sein, schließlich kann ich ebenso wenig wie Sie in Frau Dorns Kopf hineinsehen. Es ist schlichtweg unmöglich, eine dissoziative Amnesie eindeutig von einem simulierten Gedächtnisverlust zu unterscheiden. Dazu liegen bisher weder Untersuchungsmethoden noch Vorgehensweisen vor. Zwar weisen Patienten mit dissoziativer Amnesie im Gegensatz zu Simulanten grundsätzlich eine deutlich höhere Hypnotisierbarkeit auf, allerdings stehen wir erst am Anfang der Heilbehandlung. Wenn Sie allerdings meine persönliche Meinung als behandelnder Facharzt dazu hören wollen, dann kann ich Ihnen sagen, dass ich im Augenblick davon ausgehe, dass Frau Dorn keineswegs simuliert, sondern tatsächlich große Erinnerungslücken hat. Was sie mir dazu geschildert hat, klingt für mich überzeugend genug, um einen Fall von dissoziativer Amnesie zu diagnostizieren und den Verlauf der bevorstehenden Psychotherapie auch auf diese Diagnose abzustimmen.«

Gehrmann wirkte zwar, seinem zweifelnden Blick nach zu urteilen, alles andere als überzeugt, ließ das Thema aber fürs Erste auf sich beruhen. »Sie kann sich also an überhaupt nichts erinnern?«, vergewisserte er sich stattdessen erneut.

Dr. Jantzen beschränkte sich auf ein einmaliges, entschiedenes Nicken als Antwort.

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