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Eberhard Weidner DAS BUCH ANDRAS I
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Dr. Jantzen machte eine Pause und sah mich durch die Gläser seiner Brille konzentriert an, als wollte er seine bisherigen, teilweise durchaus schockierenden Äußerungen auf mich einwirken lassen und vor allem meine Reaktion darauf sehen.
Meine Reaktion auf seine Worte war jedoch eher zwiespältig. Einerseits schockierte es mich natürlich, zu hören, dass ich mich wie ein Tier verhalten und zwei Menschen verletzt hatte. All das tat mir leid, und ich beschloss, mich bei den Betroffenen bei nächster Gelegenheit zu entschuldigen. Andererseits hatte ich aber keinerlei eigene Erinnerungen an diese Geschehnisse, sodass für mich eine unmittelbare Verbindung zwischen den geschilderten Ereignissen und mir fehlte. Es fühlte sich aus diesem Grund eher so an, als wäre all dies nicht mir, sondern einer anderen Person widerfahren. Statt Scham empfand ich daher eher ein starkes Gefühl der Depersonalisation.
»Während Ihres viertägigen Aufenthalts im Beruhigungsraum haben wir durch die richtige Dosierung des Beruhigungsmittels dafür gesorgt, dass Sie dreimal pro Tag zu sich kamen«, fuhr der Arzt fort. »Einerseits dienten diese Wachphasen dazu, Sie zu füttern und zur Toilette zu bringen, andererseits wollten wir natürlich überprüfen, ob sich Ihr Zustand verbessert hatte. Leider waren Sie aber bis heute kein einziges Mal ansprechbar. Ihr psychischer Zustand schien sich nach Ihrer Einlieferung nicht zum Besseren zu verändern. Wir waren daher gezwungen – zu Ihrem eigenen Schutz und dem unseres Personals –, Sie immer wieder in einen künstlichen Schlaf zu versetzen, und hofften, dass sich Ihr Zustand beim nächsten Erwachen wesentlich verbessert hatte. Dies war heute endlich der Fall. Nachdem Sie erwacht waren, stellte das Überwachungspersonal, das Sie mithilfe der Kamera im Beruhigungsraum ständig unter Beobachtung hielt, fest, dass Sie zum ersten Mal bewusst auf Ihre Umgebung reagierten. Ich wurde daher umgehend informiert und schickte Gabriel zu Ihnen, um Sie zu mir bringen zu lassen. Der Rest ist Ihnen bekannt.«
»Ja.«
»Wie geht es Ihnen jetzt? Haben Sie noch irgendwelche Beschwerden?«
Für den Moment drängte ich meine eigenen Fragen in den Hintergrund meines Bewusstseins, wo sie sich wahrscheinlich weiterhin fröhlich und ungebremst vermehrten, während ich nicht auf sie achtete, und konzentrierte mich stattdessen zunächst auf das, was der Arzt von mir wissen wollte.
»Ich hatte nach dem Aufwachen einen ausgetrockneten Mund und leichte Kopfschmerzen«, informierte ich ihn, wie ich es bereits Gabriel gegenüber getan hatte. »Gabriel brachte mir freundlicherweise dieses Glas Wasser und eine Kopfschmerztablette. Beides hat geholfen, meine Beschwerden zu lindern. Die Kopfschmerzen sind inzwischen kaum noch zu spüren. Aber …«
»Aber …«, bohrte Dr. Jantzen sofort nach, nachdem ich verstummt war. Wahrscheinlich gehörte es zu seinem Beruf, beim kleinsten Zögern sofort unnachgiebig nachzuhaken und alles ans Licht des Tages zu zerren, was seine Patienten ansonsten nur widerstrebend von sich gaben.
»Ich … kann mich an … an nichts … äh, erinnern«, sprach ich mein größtes Problem schließlich stotternd aus und sah Dr. Jantzen hilflos an, weil mir in diesem Augenblick die richtigen Worte fehlten, um das ganze Ausmaß meines inneren Zustands angemessen zu beschreiben.
Doch anstatt mir mit Worten eine Art akustischer Hilfestellung zu geben, wartete er einfach schweigend ab, was ich noch aus eigenem Antrieb von mir geben würde. Unter Umständen wollte er meine Aussagen nicht beeinflussen oder unbewusst in eine falsche Richtung lenken.
Ich schluckte, versuchte, mir in Gedanken die passenden Worte zurechtzulegen, und fuhr dann, immer noch stockend, fort: »Ich meine, … alles, was mich selbst betrifft, … meine Vergangenheit, mein Leben, ja, sogar mein Name …, das ist alles weg. Wie ausgelöscht, gewissermaßen wegradiert.« Wie zur Verdeutlichung meiner Erklärungen – irgendwie hatte ich wohl das Gefühl, es bedurfte einer solchen, da mir meine eigenen Worte absolut unzulänglich erschienen, um das Ausmaß der Leere in meinem Verstand auch nur annähernd anschaulich zu machen – klopfte ich mir mit den Handflächen mehrmals leicht von beiden Seiten gegen die Schläfen.
Dr. Jantzen nickte verständnisvoll, als könnte er nachempfinden, wie mir im Augenblick zumute war, was ich jedoch stark bezweifelte, und vollführte mit der linken Hand eine besänftigende Geste. »Beruhigen Sie sich bitte, Frau Dorn. Ich kann mir gut vorstellen, wie Sie sich im Moment fühlen, glauben Sie mir. Aber zunächst möchte ich Ihnen einige Fragen stellen, um das genaue Ausmaß Ihres Gedächtnisverlustes festzustellen. Sind Sie damit einverstanden?«
Ich nickte knapp. Im Grunde war ich mit allem einverstanden, wenn es mir dabei half, den Verlust meiner Erinnerungen wieder rückgängig zu machen.
»Gut. Dann lassen Sie uns anfangen.« Dr. Jantzen zog ein unbeschriebenes Blatt Papier aus der Akte und machte den Kugelschreiber schreibbereit, den er schon die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte. »Umfasst Ihre Erinnerungslücke ausnahmslos Aspekte Ihrer persönlichen Lebensgeschichte?«
Ich nickte, ohne lange darüber nachdenken zu müssen. »Soweit ich das feststellen konnte, ist es so.«
Der Arzt schrieb ein paar selbst aus der Ferne krakelig erscheinende Worte auf das Blatt und stellte währenddessen schon die nächste Frage: »Sie können allgemeine Informationen, die Sie im Verlauf Ihres bisherigen Lebens gesammelt haben, also bei Bedarf problemlos abrufen und nutzen?«
»Ja. Genauso ist es! Ich habe es selbst schon überprüft. Fremdsprachen, mathematische Berechnungen, geschichtliche Personen und Ereignisse, an vieles aus diesen und anderen Bereichen kann ich mich problemlos erinnern. Allerdings kann ich mich nicht daran erinnern, woher ich bestimmte Kenntnisse habe. Ich kann also nicht sagen, was ich beispielsweise in der Schule gelernt habe oder auf andere Weise – aus Büchern oder dem Fernsehen – aufgeschnappt habe.«
Die Spitze der Kugelschreibermine verursachte ein kaum hörbares, schabendes Geräusch, als sie rasch über die Oberfläche des Papiers huschte und ihre wohl nur für Dr. Jantzen lesbaren Schriftzeichen hinterließ.
»Umfasst die Lücke in Ihren Erinnerungen, soweit Sie das zu diesem Zeitpunkt überhaupt beurteilen können, sämtliche autobiografischen Informationen Ihres ganzen bisherigen Lebens, oder beschränkt sie sich nur auf einen bestimmten, eingrenzbaren Zeitraum?«
»Ich denke, dass …« Ich stockte, überlegte kurz, wie ich es formulieren sollte, und setzte dann noch einmal neu an. »Nach meinem Gefühl ist … alles weg.«
»Wie steht es mit Ihrem Kurzzeitgedächtnis? Können Sie sich zum Beispiel lückenlos an alle Ereignisse seit Ihrem Erwachen erinnern?«
»Ja, sicher«, bestätigte ich, insgeheim froh, dass wir uns wieder auf vertrauterem und ungefährlicherem Terrain bewegten. »Damit habe ich überhaupt keine Probleme.«
»Können Sie mir dann sagen, wie ich heiße?«
Ich antwortete wie aus der Pistole geschossen: »Sie sind Dr. Stefan Jantzen, Facharzt sowohl für Neurologie und Psychiatrie als auch für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Außerdem sind Sie der Leiter dieser Abteilung des psychiatrischen Privatsanatoriums Dr. Straub«, wiederholte ich nahezu wortwörtlich seine eigenen einleitenden Sätze, mit denen er sich vorgestellt hatte. Es handelte sich zwar nur um einen kleinen Test, mit dem der Arzt mein Kurzzeitgedächtnis prüfen wollte, doch ich fühlte mich, als hätte ich soeben eine wichtige Prüfung erfolgreich gemeistert und konnte mir daher auch ein triumphierendes Grinsen nicht verkneifen.
Dr. Jantzen erwiderte mein Lächeln sogar für einen kurzen Moment und nickte anerkennend. »Ausgezeichnet, Frau Dorn. Ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht nur tadellos, Sie haben außerdem auch ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen.« Erneut huschte der Kugelschreiber in seiner Hand über das Papier und fügte dem bisher Niedergeschriebenen weitere Einzelheiten hinzu, die am Ende, wenn unterm Strich alles zusammengezählt wurde, zu einer hoffentlich nicht zu niederschmetternden Diagnose über meinen Zustand führen würden.
»Aber an die Zeit vor Ihrem heutigen Erwachen können Sie sich im Grunde überhaupt nicht erinnern?«
Ich dachte diesmal etwas länger nach, bevor ich antwortete. Noch einmal näherte ich mich mit meinen gedanklichen Fühlern dem Flecken umfassender Leere in meinem Verstand, fand dort jedoch weder einen Widerhall auf die Frage des Arztes noch sonst einen Erinnerungsfetzen. Wenn ich bewusst an mein Leben vor dem heutigen Tag dachte und versuchte, mir Bilder oder Ereignisse davon ins Gedächtnis zu rufen, erntete ich lediglich anhaltendes Schweigen und undurchdringliche Finsternis. Also zog ich meine blind umhertastenden Gedankenfühler rasch wieder zurück, als ich erneut den leichten Sog zu spüren glaubte, der mein Bewusstsein mit sich reißen wollte, und schüttelte den Kopf, einerseits aus Resignation, andererseits als Antwort auf die Frage des Doktors. »Ich kann nichts finden! Absolut gar nichts. Es ist fast so, als … als wäre ein bestimmter, abgegrenzter Bereich einer Festplatte gelöscht und neu formatiert worden.«
»Also fehlen auch sämtliche Erinnerungen an die Nacht, in der Sie bei uns eingeliefert wurden?«
Der Tonfall des Arztes hatte sich bei dieser Frage zwar nur unmerklich verändert, doch ich registrierte es wie ein hochempfindliches Thermometer, das sogar die kleinste Temperaturschwankung wahrnehmen kann. Diese Veränderung in der Tonlage teilte mir unterschwellig mit, dass Dr. Jantzen die Antwort auf diese Frage besonders wichtig zu sein schien, und zwar, wie ich meinte, nicht allein unter therapeutischen Gesichtspunkten, sondern auch aus einem anderen, mir im Augenblick allerdings noch unbekannten Grund. Dieses Mal musste ich nicht erst nachdenken, sondern wusste die Antwort darauf sofort: »Ich kann mich an absolut gar nichts erinnern, was in jener Nacht und davor passiert ist. Aber vielleicht können Sie mir mehr darüber sagen. Möglicherweise enthält meine Krankenakte nähere Informationen darüber.«
Ich glaubte fast zu sehen, wie Dr. Jantzen vor mir zurückwich. Zumindest gedanklich, denn körperlich bewegte er sich keinen einzigen Millimeter. Es war, als würde plötzlich eine dunkle Wolke über ihm schweben und einen Schatten auf sein Gesicht werfen. Aus irgendeinem Grund verschloss er sich meinem Versuch, von ihm Informationen über die Geschehnisse unmittelbar vor meiner Einlieferung in diese Anstalt zu erhalten, und ließ gewissermaßen die geistigen Jalousien herunter.
»Aus therapeutischen Gesichtspunkten ist es weder förderlich noch vollkommen ungefährlich, diese Thematik bereits in einem so frühen Stadium zu besprechen. Wir werden zu einem späteren Zeitpunkt darüber reden«, sagte der Arzt bestimmt und studierte – wie um jede weitere Diskussion über dieses anscheinend heikle Thema zu unterbinden – demonstrativ seine Gesprächsnotizen.
Mir wurde klar, dass Dr. Jantzen damit die Befragung abgeschlossen und vorerst alle wesentlichen Informationen für eine erste Diagnose gesammelt hatte. Ich ließ es daher vorerst bleiben, weiter auf dem Thema herumzureiten, das der Arzt partout nicht mit mir besprechen wollte. Stattdessen schwieg ich und wartete gespannt auf sein fachärztliches Urteil. Dabei interessierten mich weniger die medizinischen Details seiner Ausführungen, sondern vor allem die entscheidende Frage, ob und wie die Erinnerungslücke geschlossen oder die fehlenden Erinnerungen wiederhergestellt werden konnten.
Was immer Dr. Jantzen mir gleich mitteilen würde, würde den Verlauf meines gesamten weiteren Lebens bestimmen. Ich spürte, wie meine innere Anspannung kontinuierlich zunahm. Meine Kehle fühlte sich wieder staubtrocken und kratzig an. Rasch trank ich einen großen Schluck Wasser. Meine Hand zitterte dabei stark, sodass ich, nachdem ich das Glas wieder auf den Tisch gestellt hatte, schnell die Hände in meinem Schoß verbarg und ineinander verschränkte, um sie halbwegs ruhig zu halten.
Schließlich, als ich das Warten kaum noch ertragen konnte, weil meine Aufregung fast zu groß geworden war, um sie weiterhin unter Kontrolle zu halten, legte Dr. Jantzen seine Notizen zur Seite. Er sah mich mit ernstem Blick an und begann mit gerunzelter Stirn zu sprechen: »Frau Dorn, als vorläufige, erste Beurteilung kann ich Ihnen zum augenblicklichen Zeitpunkt Folgendes mitteilen: Bei dem von Ihnen geschilderten vorherrschenden Störungsbild handelt es sich meiner Meinung nach um eine dissoziative Amnesie. Das ist eine plötzlich auftretende Unfähigkeit, sich an Aspekte seiner persönlichen Lebensgeschichte zu erinnern, wobei dieses Unvermögen in Ihrem Fall Ihr gesamtes bisheriges Leben zu umfassen scheint. Die sogenannte dissoziative Amnesie geht nicht auf die direkte körperliche Wirkung einer Substanz, also beispielsweise eine Droge oder ein Medikament, oder eines neurologischen oder anderen medizinischen Krankheitsfaktors, zum Beispiel aufgrund eines Schädel-Hirn-Traumas, zurück, sondern wird meist durch ein zurückliegendes traumatisches oder besonders belastendes Erlebnis ausgelöst. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von psychogener Amnesie, also eine Art von Verdrängung. Bei Ihrer Einlieferung wurden zwar große Mengen einer ganzen Reihe halluzinogener Substanzen in Ihrem Blut festgestellt, meiner Meinung nach wurde der Gedächtnisverlust allerdings nicht durch eine Substanzintoxikation, also einen sogenannten Blackout, hervorgerufen. Gegen diese Ursache spricht nämlich eindeutig, dass Ihr Kurzzeitgedächtnis nicht gleichermaßen gestört ist.«
»Ist diese … dissoziative Amnesie heilbar?«
»Eine dissoziative Amnesie ist für gewöhnlich reversibel. Da die Gedächtnisstörung in Ihrem Fall nicht auf eine organische Ursache, also eine tatsächliche Verletzung des Gehirns, zurückzuführen ist, besteht somit eine sehr große Chance auf eine komplette Wiederentdeckung oder Wiederherstellung der betroffenen Erinnerungen. Die Gedächtnisstörung kann dabei durchaus kurzlebig sein und spontan abklingen, insbesondere können die Erinnerungen in Situationen, die eine starke Ähnlichkeit mit den unterdrückten Erlebnissen haben, plötzlich wieder auftauchen, oft auch nur bruchstückhaft, was nicht selten zu Verwirrung und enormen Ängsten führt. Normalerweise ist eine dissoziative Amnesie aber – vor allem in einem schwerwiegenden Fall wie Ihrem – langwierig und erfordert eine mehrjährige intensive Therapie.«
»Und wie sieht diese Therapie aus?«
»Ohne schon jetzt allzu sehr ins Detail zu gehen, kann ich Ihnen zumindest die vorrangigen Ziele der stationären Psychotherapie nennen. Sie gliedert sich in einzelne Phasen aus Einzel- und Gruppentherapie. Die primären Ziele der Behandlung bestehen im Wesentlichen darin, dem dissoziativen Menschen beizubringen, mit der Belastung umzugehen, und die tieferliegenden Ursachen der Amnesie zu behandeln. Diese Ziele werden gleichzeitig behandelt. Oft wird dabei auch Hypnose benutzt, um bei der Erinnerung zu helfen und das durchlebte Trauma zu überwinden. Patienten mit dissoziativer Amnesie zeigen häufig eine hohe Hypnotisierbarkeit.«
»Sie sprachen von einem traumatischen Erlebnis als Auslöser«, kam ich zu einem wesentlichen Punkt seiner Ausführungen zurück, der mich besonders interessierte. »Was genau meinen Sie damit? Und welcher Auslöser ist für meine Amnesie verantwortlich?«
»Auch darüber werden wir im Rahmen der Therapie zu gegebener Zeit sprechen, Frau Dorn«, beschied er mich und bestätigte damit meine Vermutung, dass das traumatische Erlebnis und die Ereignisse der Nacht, in der ich eingeliefert worden war, eng zusammenhängen mussten.
»Muss ich neben dem Verlust meiner Erinnerungen unter Umständen noch mit anderen Folgen dieses Traumas rechnen?«, verlieh ich einer Befürchtung Ausdruck, die durch Dr. Jantzens Erläuterungen meines Zustandes plötzlich in mir Gestalt angenommen hatte. Gleichzeitig fragte ich mich aber auch, warum der Arzt das in meinen Augen wichtige Thema des Traumas so beharrlich ausklammerte. Denn gerade wenn ein wichtiges Ziel der Therapie die Behandlung der Ursache der Amnesie war, konnte es in meinen Augen doch nicht schaden, diesen Punkt so früh wie möglich zu erörtern. Warum bis zum offiziellen Beginn der Psychotherapie damit warten? Andererseits mochte der Arzt nachvollziehbare Gründe für sein Verhalten haben. Vielleicht war die Ursache für meinen Erinnerungsverlust so furchtbar, dass er mich behutsam darauf vorbereiten wollte. Bei diesem erschreckenden Gedanken, der mir plötzlich gekommen war, krampfte sich unwillkürlich mein Herz zusammen und schien sogar ein oder zwei Schläge auszusetzen. Mehrere Schreckensszenarien nahmen in meinem Kopf Gestalt an und quälten mich. Vielleicht, so dachte ich, war ich Mutter eines kleinen Kindes und hatte dieses durch eine schreckliche Gewalttat verloren? Oder war ich etwa die einzige Überlebende eines katastrophalen Unglücks, das Hunderte das Leben gekostet hatte?
Zum Glück vertrieb Dr. Jantzens beruhigende Stimme die Schreckensbilder aus meinem Bewusstsein, die sich auflösten wie Morgennebel unter den Strahlen der Sonne. Allerdings hatte ich in meiner Gedankenverlorenheit den Inhalt seiner Antwort nicht mitbekommen.
»Entschuldigen Sie, aber was sagten Sie?«
»Ich sprach gerade über weitere mögliche Symptome einer psychischen Traumatisierung. Aber Sie schienen mit Ihren Gedanken ganz woanders gewesen zu sein. Alles in Ordnung?«
»Ja, sicher. Mir geht es gut.«
Der Arzt schwieg und sah mich erwartungsvoll an, um mir Gelegenheit zu geben, ihm eine Erklärung für mein Verhalten zu liefern. Doch ich erzählte ihm vorerst noch nichts von den furchtbaren Schreckensvisionen, die meine lebhafte Fantasie aufgrund der Ungewissheit über das traumatische Erlebnis in mir hervorgerufen hatte. Wenn er Geheimnisse vor mir hatte, dann war es nur recht und billig, dass ich ebenfalls das eine oder andere für mich behielt.
»Könnten Sie die möglichen Symptome einer psychischen Traumatisierung, von denen Sie zuvor sprachen, bitte noch einmal wiederholen«, bat ich ihn schließlich, als er keine Anstalten machte, dies von sich aus zu tun.
Dr. Jantzen nickte zwar, aber eher widerwillig. Ich konnte ihm deutlich ansehen, dass er lieber erfahren hätte, was zuvor in meinem Kopf vorgegangen war und mich so beschäftigt hatte, dass ich den Inhalt seiner Worte nicht verstanden hatte. Schließlich war es ein wesentlicher Bestandteil seiner Arbeit, den Patienten durch therapeutische Gespräche gewissermaßen in die Köpfe zu blicken und dort das Unterste zuoberst zu wenden.
»Eine psychische Traumatisierung kann zu Gefühlen von Leid und Angst, aber auch zu schwerwiegenden psychischen Störungen führen. Zu einem Psychotrauma kommt es in der Regel, wenn ein Ereignis die psychischen Belastungsgrenzen eines Menschen übersteigt und nicht entsprechend verarbeitet werden kann, vor allem extreme Gewalt, Krieg, Folter, Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, Unfälle, Katastrophen oder Krankheiten.«
Ich hörte äußerst aufmerksam zu. Dr. Jantzen gab meiner ohnehin schon munteren Fantasie durch seine Erläuterung reichlich neue Nahrung.
»Schon die bloße Gegenwart am Schauplatz eines Unfalls oder einer Gewalttat als Augenzeuge kann auf manche Menschen traumatisierend wirken. Ein von Menschen verursachtes Trauma wirkt sich dabei in der Regel schlimmer aus als ein Trauma, das eher zufällige, dem menschlichen Einfluss entzogene Ursachen hat, wie beispielsweise eine Naturkatastrophe oder ein Unfall. Folgen eines traumatischen Erlebnisses können – wie in Ihrem Fall der Erinnerungsverlust – dissoziative Zustände sein. Es kann aber auch zu unverhältnismäßig heftigen Reaktionen kommen wie zum Beispiel Panikattacken, Angst- oder Zwangserkrankungen, selbstverletzendes Verhalten oder immer wiederkehrende Albträume. Es kann auch passieren, dass die Patienten ganz plötzlich von Erinnerungen überfallen werden – man spricht dann von sogenannten Flashbacks –, die oft in Gestalt einzelner Bilder, Gefühle oder auch Gerüche ins Bewusstsein treten. Gefühle und Angstreaktionen können aber auch durch bestimmte innere oder äußere Einflüsse, in der Regel durch einen an das Trauma selbst erinnernden Faktor, einen sogenannten Trigger, ausgelöst werden.«
»Und warum erzählen Sie mir dann nichts über dieses Trauma, wenn es der Dreh- und Angelpunkt meines Zustands ist?« Ich konnte mich nun doch nicht länger bremsen und brachte Dr. Jantzens Reizthema erneut zur Sprache. Ich wollte endlich erfahren, was mit mir passiert war und mir nicht nur all meine persönlichen Erinnerungen, sondern gewissermaßen mein Leben gestohlen hatte. Ich hoffte, damit sowohl der quälenden Ungewissheit als auch den furchtbaren Schreckensbildern, die mein Verstand mir zeigte, ein Ende setzen zu können.
Der Arzt seufzte in einer Art und Weise, als hätte er mit einer derartigen Reaktion gerechnet und wunderte sich insgeheim, warum ich so lang dafür gebraucht hatte. Geistesabwesend kraulte er seinen Bart, während er nach den richtigen Worten suchte. Anscheinend griff er nicht einfach in seine große Kiste voller therapeutischer Standardantworten, die wohl jeder »Psychodoktor« parat hat, sondern bemühte sich um eine individuelle Erklärung.
»Frau Dorn«, begann er schließlich ernst und eindringlich und ließ endlich von seinen Barthaaren ab. »Die Traumatherapie gehört zu meinen speziellen Fachgebieten. Neben dem theoretischen Grundlagenwissen kann ich mittlerweile auch große praktische Erfahrung darin vorweisen. Sie können mir also durchaus Glauben schenken, wenn ich behaupte, dass eine Konfrontation mit dem traumatischen Ereignis, vor allem in einem so frühen Stadium, durch den bereits erwähnten Triggereffekt eine Retraumatisierung bewirken kann.«
Ich nickte. Wenn psychologische Gründe dafür sprachen, dieses Thema vorerst auszuklammern, dann musste ich mich eben damit abfinden. »Ich verstehe. Aber können Sie mir wenigstens etwas über meine Vergangenheit oder über mich erzählen? Ich weiß schließlich überhaupt nichts darüber. Bisher habe ich lediglich meinen Namen erfahren. Aber nicht einmal der erscheint mir auch nur ansatzweise vertraut und hat nichts, weder weitere Erinnerungen noch eine sogenannte Retraumatisierung ausgelöst. Hätte denn nicht bereits die Nennung meines Namens, der schließlich auch zu den persönlichen Erinnerungen gehörte, die mir unmittelbar nach meinem Erwachen fehlten, so ein Trigger sein können?«
Der Arzt nickte und musste dann einräumen: »Im Prinzip haben Sie natürlich recht. Unter Umständen hätte bereits die Erinnerung an Ihren Namen einen Triggereffekt auslösen können. Aber eine einzelne, aus dem Zusammenhang gelöste Erinnerung, auch wenn es sich um etwas so Grundlegendes wie Ihren eigenen Namen handelt, unterscheidet sich natürlich grundlegend von dem vollständigen traumatisierenden Erlebnis, das die Amnesie ausgelöst hat. Grundsätzlich war die Gefahr einer Retraumatisierung daher äußerst gering. Außerdem müssen wir Sie schließlich irgendwie ansprechen können. Und wie sollte das gehen, wenn wir Ihren richtigen Namen nicht nennen könnten?« Er überlegte einen Moment und schlug mir dann Folgendes vor: »Wenn Sie es wünschen, kann ich Ihnen zumindest ein paar Daten und Fakten zu Ihrer Vergangenheit nennen, die in Ihrer Akte enthalten sind. Es sind nicht sehr viele, wie ich vorausschicken muss, aber mehr ist uns leider auch nicht bekannt.«
»Ich wäre Ihnen für jede noch so kleine Information sehr dankbar.« Ich war erleichtert, wenigstens ein paar meiner verlorenen Erinnerungen wieder wie Puzzlestücke in die Lücken einfügen zu können, die sie in meinem Gedächtnis hinterlassen hatten. Und vielleicht würden Sie ja eine Lawine in meinem Verstand auslösen und die übrigen verschütteten Erinnerungen freilegen.
Dr. Jantzen blätterte durch die Seiten der Akte bis zum Anfang und überflog dann das erste Blatt, bei dem es sich – wenn die Patientenakte der Logik für derartige Schriftenbündel folgte – um ein Aufnahmeformular handeln musste, das vermutlich die wesentlichen Daten zu meiner Person enthielt.
»Ihr Name lautet – aber das wissen Sie ja bereits – Sandra Dorn«, begann der Arzt mit der einzigen Information, die ich bereits hatte, und fuhr dann langsam und methodisch fort, die spärlichen Daten vorzutragen. Bei jedem neuen Hinweis musterte er mich prüfend, ob dadurch in meinen Erinnerungen etwas ausgelöst wurde oder sogar die befürchtete Retraumatisierung eintrat. Möglicherweise hatte er Angst, ich könnte in den Zustand zurückversetzt werden, in dem ich mich bei meiner Einlieferung befunden hatte. »Geboren am 21. Juni 1996.« Dr. Jantzen runzelte für den Bruchteil eines Augenblicks die Stirn, als ob er angestrengt überlegte, dann blickte er auf und sah mich überrascht an. »Dann können Sie ja in drei Tagen Ihren neunzehnten Geburtstag feiern.«





