Mathias Wais Ich bin, was ich werden könnte
Ich bin, was ich werden könnte
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Mathias Wais Ich bin, was ich werden könnte

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»Das Schicksal« ist in solchen Dingen sehr geduldig. Es kann, wenn ich nicht »höre«, auch zehnmal solche Situationen herbeiführen – bis ich verstanden habe.

Insgesamt also führt das Höhere Ich Begegnungen herbei, Gelegenheiten, Umstände, innere und äußere Krisen. Natürlich sind diese Impulse auch verwoben mit den Bestrebungen der Höheren Iche anderer Menschen und eingebettet in übergeordnete Bestrebungen und Vorgänge. In Kapitel 7 soll dieser Aspekt ausführlicher dargestellt werden.

3. Das Höhere Ich spricht bereits zu dem gerade entstehenden, noch ungeborenen menschlichen Wesen. Es ist ein schönes Bild, dass die Haltung des Embryos im Mutterleib die Form eines Ohrs annimmt. Der werdende Mensch »hört« auf sein Höheres Ich, das dadurch an seiner Leiblichkeit mitbildet – längst bevor es auf die Seele, das Denken und Wollen des Betreffenden einwirken kann. Durch diesen Vorgang wird die physische Individualisierung erst möglich, denn die leibliche Grundausstattung ergibt sich ja aus dem Erbstrom. Am deutlichsten wird dies am Gesicht. Es ist der individuellste Teil der Leiblichkeit. Dass man ein Gesicht unter tausenden von Gesichtern wiedererkennt, obwohl es andererseits den Eltern und Geschwistern des Betreffenden ähnlich sein mag, ist Ausdruck dessen, dass das Gesicht ein absoluter Abdruck der Individualität ist.

Es ist anzunehmen, dass sich in weiterer Zukunft auch die übrigen Teile des Leibes immer stärker individualisieren werden. Je kräftiger das hereinstrahlende Ich ist, um so individueller kann die Leiblichkeit werden.3

Unerheblich ist in diesem Zusammenhang, ob jemand dick oder dünn, groß oder klein ist; wie er in seinem Leib steckt, wie er sich des Leibes bedient, wie er sich mit ihm bewegt – darin liegt etwas von seinem Urbild. Es gibt deshalb auch das Erkennen der Individualität eines Menschen an seinem Leib. Im besonderen ist es – bei einem primär auf den Partner gerichteten Interesse – der Sexualität gegeben, in ihr ein Urbilderlebnis vom anderen haben zu können.

In dieser besonderen Nähe des Höheren Ich zur Leiblichkeit, zu ihrer Gestalt und ihren physiologischen Vorgängen, liegt auch die intime Verbindung mit ihrer Gesundheit und Krankheit. Tagsüber ist das Verhältnis zur Leiblichkeit stark vom Alltags-Ich, von der seelischen Befindlichkeit geprägt. Schon das kann sich, über die Brücke der Psychosomatik, körperlich auswirken. Aber nachts, im Schlaf, ist das Alltags-Ich abwesend, und dann kann das Höhere Ich den Leibesvorgängen Impulse geben, die über aktuelle Gestimmtheiten hinaus grundsätzliche Individualisierungsmöglichkeiten vermitteln.4 So sind zum Beispiel chronische Krankheiten oder langfristig sich anbahnende Krankheiten, aber auch Beeinträchtigungen durch Unfälle oder Überbelastung darauf zu befragen, ob sie Individualisierungsaufforderungen enthalten, die offenbar anders nicht gegeben werden konnten.

Das Höhere Ich steckt also voller Impulse, ist selbst Impuls. Seine Substanz ist Aufbruch. Andererseits ist deutlich, dass wir nur das wenigste davon verwirklichen. Auch daraus ergibt sich die These von den wiederholten Erdenleben: Die diesmal nicht verwirklichten Impulse und Entwicklungsmöglichkeiten bringt man das nächste Mal wieder mit, wahrscheinlich in etwas veränderter Form. So hat man die Entwicklungschancen auch über dieses Erdenleben hinaus. Welche Geduld des Schicksals!

Das Wesentliche unserer irdischen Existenz scheint sich aus dem ständigen Aufgespanntsein zwischen Geistnähe und Geistferne zu ergeben, zwischen Höherem Ich und Alltags-Ich. Liebe und Freiheit können sich wohl nur von da entfalten. Es wäre deshalb unangebracht, das Alltags-Ich etwa geringer zu achten als das Höhere Ich. Beide sind gleich notwendig.

Teil II

3

Entwicklungsgesetze und ihre Bedeutung

Das Höhere Ich als Gestalter der Biographie bedient sich bestimmter Entwicklungs- und Ereigniskonstellationen, die in diesem und den folgenden Kapiteln dargestellt werden sollen. Was die Entwicklungsgesetze betrifft, so ist zwischen ihrer allgemeinen Gültigkeit einerseits und ihrer individuellen Ausprägung andererseits zu unterscheiden. Sie erscheinen zumeist als zeitliche Strukturen, als Gliederungsverhältnisse oder »Rhythmen«. Dass sich eine Biographie auch nach solchen Entwicklungsgesetzen gestaltet, drückt sich in ihrer Einbindung in kosmische Gesetzmäßigkeiten, Abläufe und Rhythmen aus, deren irdische Seite zeitliche Gliederungsverhältnisse sind.

Am bekanntesten in diesem Zusammenhang ist wohl die Gliederung in Jahrsiebte. Ihre Bedeutung wird im übernächsten Kapitel gesondert behandelt.

Die Mondknoten

In den meisten Biographien zeigen sich die Mondknoten und halben Mondknoten als sehr markante Wendepunkte. Alle achtzehn Jahre, sieben Monate und zwei Wochen wiederholt sich die Konstellation zwischen Mondbahn, Erdumlaufbahn und Sonne. Wenn wir »Erde« als das Hier und Jetzt auffassen, den Mond – spirituellen Traditionen folgend – als Signum des Vergangenen und die Sonne als Impulsator des Zukünftigen, dann bedeutet der Mondknoten ein bestimmtes Zusammentreffen von Vergangenheit und Zukunft im Jetzt. Bezogen auf den Lebensgang ergibt sich daraus, dass sich alle achtzehn Jahre, sieben Monate und zwei Wochen die Geburtsimpulse wieder bemerkbar machen. Einerseits kommen wir bewusstlos auf der Erde an, andererseits trägt unser Höheres Ich ein Wissen mit sich um unsere Ziele, die wir uns für diesen Erdengang gestellt haben. Es müssen keine sensationellen Aufgaben sein. Das sind zunächst und in erster Linie die eigene Individualität betreffende Entwicklungsnotwendigkeiten, Bedürfnisse nach Vervollständigung und Ausgleich einseitiger Erfahrungen. Weiterhin können wir annehmen, dass diese Ziele auch in übergeordnete Ziele und Strömungen eingebettet sind. Da der Mondknoten-Rhythmus vor allem ein kosmischer Rhythmus ist (im Gegensatz zum Siebener-Rhythmus, der zunächst ein biologischer ist – siehe Kapitel 5), ist er auch besonders geeignet, allgemeine kosmische Ziele in unser Willensleben einzuprägen. An die so aufzufassenden Geburtsimpulse also »erinnert« der Mondknoten.

Phänomenologisch stellen sich die Mondknoten als schicksalsmäßig von außen kommende Abbrüche, als Verlustereignisse, als Auslaufen oder Leerlaufen bisher gültiger Beziehungen und Verhältnisse dar. Es handelt sich dabei um eine Art Reinigung: Die Lebenssituation wird an diesem Wendepunkt gereinigt von dem, was nicht oder nicht mehr zu den Geburtsimpulsen gehört oder passt. Der Mondknoten wird deshalb meist krisenhaft erlebt, und zunächst steht ganz das Verlusterlebnis im Vordergrund. Freundschaften gehen auf einmal zu Ende, ein Projekt, für das man sich lange engagiert hatte, scheitert plötzlich; aber auch persönliche Interessen entleeren sich auf einen Schlag, und man weiß dann kaum mehr, warum man eigentlich so lange diesem oder jenem Hobby nachgegangen ist.

Das ist aber nur die eine Seite des Mondknotens, und sie trifft auch nur insofern zu, als es in der Lebenssituation Tätigkeiten, Beziehungen und Aufmerksamkeitsfelder gibt, die für den weiteren Verfolg des roten Fadens nicht oder nicht mehr sinnvoll sind. Die andere Seite besteht darin, dass – wiederum durch Ereignisse, die von außen eintreten – Hinweise auf etwas Neues, Anderes auftauchen, das es jetzt aufzugreifen gilt. Diese subjektiv als neu erlebten Bereiche sind aber gar nicht neu, sondern sie enthalten etwas von dem, wofür einst angetreten wurde. Aufgrund in der Vergangenheit waltender Lebensumstände hatte man sich davon entfernt. Im Mondknoten wird man daran erinnert.

Ein Beispiel: Eine Künstlerin malte bis zu ihrem siebenunddreißigsten Lebensjahr immer wieder schwebende, in der Luft gleitende Figuren. Etwas Leichtes, Elegantes, aber auch Unirdisches drückte sich darin aus. Mit siebenunddreißig Jahren und einem Monat hat sie aufgrund eines technischen Defekts an ihrem Auto einen Unfall. Sie kauft sich ein anderes Auto – als sie damit losfahren will, gerät es in Brand. Sie kann sich eben noch retten. Ihr künstlerisches Schaffen ist seit Monaten zunehmend gelähmt. Sie hat das Empfinden, nicht mehr malen zu können. Es fließt nicht mehr.

Besondere Kindheitsumstände haben dazu geführt, dass sie das Element der Aggression gar nicht kennt – an sich selbst nicht, und wenn es auf sie zukam, machte es sie ratlos. Sie blickte nur auf das Harmonische und Leichte. Anhand ihrer Bilder wurde in der Beratung deutlich, dass sie künstlerisch in eine Sackgasse geraten war. Es fehlte ihrer Malerei, aber auch ihrer Lebensführung das Element einer gesunden Aggression. Die destruktiven Vorfälle mit den beiden Autos und ähnliche Ereignisse zu Hause, zum Beispiel ein Wasserrohrbruch, konnten damit in einen Zusammenhang gebracht werden: Es zeigte sich, dass sich die in ihrem Leben und Schaffen bislang fehlende Aggression verselbständigt hatte und nun zunächst von außen – als technische Defekte – und »vom Schicksal« – als Schaffenslähmung – herrührend erlebt wurde. Dieses von jeder Aggression freie Leben und Schaffen spitzte sich zum Mondknoten hin so zu, dass deutlich wurde: Mit dieser Einseitigkeit kann es so nicht weitergehen.

Und die dazugehörige Aufforderung kam auch gleich hinterher: Genau in den Tagen des Mondknotens zettelte ein Nachbar einen Streit mit ihr wegen der Hofreinigung an. Entgegen ihrer früheren Gewohnheit reagierte sie nun nicht harmonisierend, sondern ließ sich auf den Streit ein, wurde anhaltend wütend und entfaltete einen dem Vorfall kaum angemessenen Zorn. Aus diesem Zorn heraus fing sie unvermittelt wieder zu malen an, und es gelangen ihr jetzt Figuren, die miteinander rangen – auch wenn sie noch erheblich schwebten. Auf den Vorschlag hin, den Figuren Erdenfestigkeit zu geben, versuchte sie es zunächst mit anderem Material. Sie schnitzte jetzt die Figuren, aber trotzdem fiel es ihr schwer – bildlich gesprochen –, sie auf die Erde zu bringen. Dann schraubte sie die Figuren am Werktisch fest! Sie versuchte es weiterhin mit Stein, lebte dabei aber nur eine ungerichtete Aggression aus. Schließlich malte sie wieder: Die Figuren waren in diesen Monaten fester und kräftiger geworden – nur im Blick hatten sie noch etwas sehnsüchtig Entschwebendes.

Sehr deutlich können sich auch die halben Mondknoten bemerkbar machen – neun Jahre und drei Monate. Besonders der erste Halbknoten bringt in vielen Biographien die erste Anknüpfung an die Geburtsimpulse – was subjektiv oft als bedeutsames Erlebnis erkannt wird. Der russische Maler Alexej Jawlensky stand im ersten Halbknoten zum ersten Mal vor einer Ikone, und zwar in dem Moment, als ein Vorhang davor bei Posaunenschall aufgerissen wurde. Er war wie vom Blitz getroffen und erkannte sofort, dass dieses Bild des plötzlich aufreißenden Vorhangs, der den Blick freigibt in die Welt des Geistig-Göttlichen, ihn zutiefst traf. Tatsächlich war dies später der wesentlichste und intimste Gehalt seiner zahlreichen Gesichter-Bilder: das Gesicht als Fenster zum Geistigen.5

So mag eine Frau mittleren Alters, ursprünglich Lehrerin, in die Gelegenheitsprostitution abgerutscht sein. Kurz nach ihrem neunten Geburtstag hatte ihr Vater mit Blick auf die ältere Schwester und deren uneheliches Kind zu ihr gesagt: »Hoffentlich wirst du nicht mal so eine.« Sie wurde so eine. – Wie sich später zeigte, hatte das als Zwischenschritt auch durchaus Sinn. Sie wurde im weiteren Verlauf Sozialarbeiterin und leitete ein Café für drogenabhängige Prostituierte. Aufgrund ihrer eigenen Geschichte besaß sie bei den Betroffenen unangefochtene Glaubwürdigkeit.

Der halbe Mondknoten entspricht der in der Waldorfpädagogik »Rubikon« genannten Entwicklungsstufe. Sie interessiert hier nicht unter pädagogischen, sondern unter biographischen Aspekten. Das Rubikon-Alter ist ebenfalls eine Phase der Reinigung und des Verlustes: Das Kind verliert hier erstmals den selbstverständlichen, unmittelbaren Zusammenhang mit seiner nächsten Umgebung. Eltern und auch die Person des Lehrers werden plötzlich kritisch und distanziert gesehen. Das Unmittelbare der Kindheit wird nun abgelegt. Und als Neues, in die Zukunft Zeigendes tritt durch äußere Ereignisse oder innere Vorgänge – die, wenn man sie zurückverfolgt, auch auf äußere Eindrücke zurückgehen – etwas von den eigenen Lebenszielen in Erscheinung. Dies muss nicht die Deutlichkeit haben wie bei Heinrich Schliemann, der mit neun Jahren den Entschluss fasste, Troja und Mykene auszugraben. Oft erkennt man erst hinterher, dass in dieser Zeit eigene Lebensziele oder der künftige »rote Faden« in Erscheinung getreten sind.

Der erste Halbknoten kann auch mit der Verarbeitung einer schweren Krankheit durchlaufen werden, durch die das Ich danach wie freigesetzt, eigentlich erst zu sich gekommen wirkt. So erkrankte Novalis, bis dahin träumerisch und verhangen, im Alter von neun Jahren. Danach aber war er geistig wach und hatte ein Erkenntniserlebnis des Höheren Ich, das, in die Anschauung zu bringen, später Streben und Inhalt seiner Dichtung wurde. Ähnliches lässt sich häufig finden: Eine Krankheit im neunten Lebensjahr setzt zwei Bewusstseinszustände voneinander ab, und der Betroffene macht damit einen entscheidenden Individualisierungsschritt.

Lebensmotive können im neunten Lebensjahr aufklingen – aber wie auch beim vollen Mondknoten stellt sich dies zumeist als äußeres Ereignis, zumindest als von außen verursachtes Erlebnis dar. So hörte Strawinsky mit neun Jahren zum ersten Mal ein Konzert und war tief berührt – ohne dass er damals schon beschlossen hätte, Komponist zu werden. In derselben Zeit traf er seine spätere Frau. – Auf diese Weise können auch die späteren halben Mondknoten durch eine Begegnung mit dem eigenen Wesenskern geprägt sein, mit eigenen Lebensmotiven. Eine siebenundzwanzigeinhalbjährige Studentin begegnet auf einem Fest einem Brasilianer. Sie ist tief beeindruckt, nicht so sehr von ihm als Person, vielmehr als Botschafter einer ganz anderen Welt. Sie sieht ihn nie wieder, aber Jahre später erhält sie die Anfrage, ob sie bereit wäre, in Brasilien ein Krankenhaus mit aufzubauen – sie war inzwischen Ärztin geworden. Ihre zweite Lebenshälfte lebt und arbeitet sie dort.

Das zwölfte Lebensjahr und der Zwölfer-Rhythmus

Die Zahl Zwölf steht für Vollständigkeit. Etwas schließt sich zur Einheit, was bis dahin nur in verschiedenen Fragmenten anwesend war. Die Zwölf ist eine Zahl der Abrundung und des gegenseitigen Ausgleichs von Einseitigkeiten. Der erste Zwölfer-Punkt, kurz vor der Pubertät, schließt die Kindheit ab. Die weiteren Zwölfer-Punkte können durch innere Entwicklungsgänge das Fruchtbarwerden des bisher Erlebten bringen. Ideale können hier erstmals oder wieder auftauchen, Sehnsüchte, deren Streben dann in die weitere Zukunft führt. Sozusagen der geistige Gehalt des bisher Erlebten verdichtet sich zu einem Ideal, und zwar in sehr willensbetonter Weise.

Man findet den Zwölfer-Rhythmus als fortlaufende Struktur selten. Deutlich tritt er auf im Lebensgang der französischen Bildhauerin Camille Claudel. Bei ihr waren durch den Zwölfer-Rhythmus Lebensereignisse aufeinander bezogen, die ihr großes und sehr willenshaft verfolgtes Ideal der Überwindung einseitiger Männlichkeit und Weiblichkeit berührten. Sie wollte in ihrer seelischen Haltung und als Künstlerin beides sein können.6

Der Fünfer- und der Zehner-Rhythmus

In manchen zeitgenössischen Biographien findet sich ein Fünferbeziehungsweise Zehner-Rhythmus. Die Fünf steht für die Polarität der Geschlechter, sie ist eine Krisenzahl. Entsprechend kann sie die Entwicklung einer Beziehung in der Zeit strukturieren. – Auch in der Natur kommt die Zahl Fünf im Zusammenhang mit der Geschlechtertrennung vor. So haben manche Blüten zum Beispiel fünf Blätter. Dagegen erscheint die Fünf im Mineralreich, das keine Geschlechtertrennung kennt, nicht.

Die Zahl Zehn ist bezüglich der Fünf, der Zahl der Geschlechtertrennung, die Zahl der Ehe, die Zahl der Einheit der Geschlechter im Irdischen. So finden wir Ehen, die an Fünfer-Punkten in eine tiefe Krise geraten, an Zehner-Punkten aber zur Versöhnung finden. Dabei sind die Fünferbeziehungsweise Zehner-Schritte ab dem Zeitpunkt des Kennenlernens der späteren Ehepartner zu rechnen, und die entsprechenden Ereignisse – Krise oder Versöhnung – müssen nicht zu jedem Fünfer- oder Zehner-Schritt auftauchen.

Zur Bedeutung der Zahlenverhältnisse

Weiterhin gibt es noch individuellere Rhythmen. Ein Sechzehnerschritt war bisher nur bei Alexej Jawlensky zu finden, und es kann gezeigt werden, wie intim der geistige Bezug, den die Sechzehn anspricht, mit seinem Werk zusammenhängt.7

So bedeutsam diese zeitlichen Verhältnisse in den Lebensläufen einerseits erscheinen, so sehr muss andererseits vor Zahlenmystik und -deuterei gewarnt werden. Das Individuelle einer Biographie kann man nicht aus allgemeinen Gesetzen ableiten. Die Entwicklungsgesetze und Zahlenstrukturen sind gleichsam Instrumente, derer sich das Höhere Ich als der Gestalter der Biographie bedient. Das Verhältnis der Gesetze zur Individualität kann man sich vielleicht am besten vor Augen führen, wenn man sich klarmacht, in welcher Weise in einem Gesicht beide Aspekte zum Ausdruck kommen: Der Aufbau eines menschlichen Gesichts unterliegt bestimmten Gesetzmäßigkeiten – zwei Augen, eine Nase in der Mitte darunter, darunter der Mund et cetera. Diese allgemeinen Gesetze erklären aber nicht den individuellen Ausdruck eines Gesichts, das Einmalige. Dieses kommt von woanders her als ein Abdruck des Höheren Ich.

Es ist sinnvoll, solche und ähnliche biographische Entwicklungsgesetze und Gestaltungsmerkmale, wie hier und im folgenden beschrieben, zu kennen. Sie sind ein Mittel zum Verständnis von Biographien. Zum Erkennen des Individuellen tragen sie aber nur dann bei, wenn man sich bewusst macht, wie eine Person den in dem einzelnen Entwicklungsgesetz liegenden Impuls aufgreift.

Es bringt auch keinen Erkenntnisgewinn, an jede Biographie, derer man habhaft wird, schematisch den Maßstab eines Neuner-, Zwölfer- oder sonstigen Rhythmus anzulegen. Wichtiger ist die Biographie des Betreffenden als Ganzes. Man versuche zunächst, sich ein erstes und vorläufiges Verständnis der für das Individuum charakteristischen Lebensthemen zu verschaffen, und frage dann erst, ob sich das bisher Erkannte anhand von rhythmischen Strukturen verifizieren lässt, deren Zahlenproportionen wiederum ein genaueres Verständnis der Lebensthemen ermöglichen.

Das Wesentliche am Verständnis einer Biographie ist, sich ein Bild vom geistigen Wesenskern des Betreffenden aufzubauen, von seinen Zielen, Möglichkeiten und Grenzen. Die Einbeziehung zeitlicher Entwicklungsstrukturen in diesen Verständnis- oder Erkenntnisvorgang hat im Zusammenhang damit nur eine Hilfsfunktion. Es würde zu chaotischen Spekulationen führen, den »Sinn« eines Lebensganges aus bestimmten Zahlen »deuten« zu wollen.

Überhaupt ist es eine heikle Angelegenheit, mit der »Bedeutung« von Zahlenproportionen umzugehen, die man zu finden meint. Die Versuchung ist groß, eine gefundene Zahlenstruktur in einem der numerologischen Werke nachzuschlagen, die heute zahlreich zur Hand und wohlfeil sind. Sinnvoller ist es, sich mit den geistigen Kräftekonstellationen zu befassen, deren irdischer Name in einer Zahl verborgen sein kann. Hierüber gibt es umfangreiche, aber auch zwielichtige Literatur. Der Autor bevorzugt dazu Werke der jüdischen esoterischen Tradition (heute vertreten durch Friedrich Weinreb) und des anthroposophischen Zahlen-, Mathematik- und Geometrieverständnisses (vertreten zum Beispiel durch Rudolf Bindel). Es kommt auf jeden Fall darauf an, sich in eine Empfindung für die Proportionen einzuleben, die sich in den Zahlen aussprechen.

Zahlen weisen auf Wechselverhältnisse hin, die zwischen irdischen und sinnlich gegebenen Vorgängen bestehen können. Sie sagen etwas über die Natur eines Sinnzusammenhangs und über die geistige Seite irdischer Zusammenhänge. Weite Felder der Schöpfung sind nach Zahl und Verhältnis geordnet. Zwischen Planetenbahnen bestehen Proportionen, die in Zahlen abgebildet und sogar, in der harmonikalen Musik, zu Gehör gebracht werden können.8 Die Entwicklung des menschlichen Leibes durchläuft numerisch formulierbare Proportionen.9 Was sich in der Zeit entfaltet, bewegt und überhaupt zusammengehört, spricht sich in Zahlenverhältnissen zueinander aus. Auf dem Feld der Musik ist dies vielleicht noch am ehesten erlebbar. Aber auch im Bereich der Biographik entfalten sich die Ereignisse, die ichhaft zusammengehören, untereinander in Zahlenverhältnissen.

So ist es zum Beispiel ein Unterschied, ob eine Trennung vier oder sieben Jahre, neun oder zwölf Jahre nach dem Kennenlernen geschieht. Die Qualität der Trennungssituation ist entsprechend eine jeweils andere. Eine Trennung nach vier Jahren wird in der Ebene von Schwierigkeiten des alltäglichen Zusammenlebens liegen. Wenn nicht noch andere Umstände und Faktoren hinzukommen, wird man dies so erwarten dürfen. Denn in der Vier verdichtet sich die rein irdische Seite des Menschen. Bei einer Trennung nach sieben Jahren darf man erwarten, dass das Paar nicht zu einer gemeinsamen Entwicklung finden konnte. Einer Trennung nach neun Jahren liegen zumeist gegenseitige Fremdheitserlebnisse zugrunde, die von dem Paar nicht mehr aufgelöst werden konnten. Bei der Trennung nach zwölf Jahren werden wir im allgemeinen das Fehlen einer geistigen Beziehung feststellen. Dies sind nur Beispiele, keine Deutungsmuster.

Wir können, um beim Thema Trennung zu bleiben, in einer Biographie nach weiteren Trennungs- und Verlusterlebnissen suchen und dann oft ein bestimmtes Zahlenverhältnis, einen »Rhythmus« zwischen diesen Ereignissen finden. Die Zahlenwerte eines solchen Rhythmus können dann vielleicht einen Hinweis darauf geben, worauf die betreffende Individualität mit dem Trennungsthema in ihrem Leben hinaus will. Die Zahlenwerte können etwas sagen über den »Sinn«, den solche Trennungen für diese Person haben. Und dieser ist eben ein jeweils anderer – je nachdem, ob die Trennungen alle vier, alle neun Jahre stattfinden et cetera.

Abschließend und dem übernächsten Kapitel schon vorgreifend sei noch zu bedenken gegeben, dass der besonders unter Anthroposophen bekannte und beliebte Siebener-Rhythmus ein Rhythmus anderer Art ist als etwa der Fünfer-, Zehner- oder Zwölfer-Rhythmus. Denn die Jahrsiebte sagen etwas über Zeiträume aus, die nach Erlebnis und Aufmerksamkeit unter einem bestimmten Thema stehen. Rudolf Steiner hat die Qualität dieser jeweils etwa sieben Jahre umfassenden und – bis zur Lebensmitte – durch einen biologischen Entwicklungsschritt abgeschlossenen Zeiträume mehrfach umfangreich beschrieben.10 Aus seinen Beiträgen geht hervor, was auch die einfache Beobachtung von Lebensläufen zeigt: Der Siebener-Rhythmus verweist auf Erlebnisqualitäten, Wahrnehmungsqualitäten, die sich aus der natürlichen Entfaltung und biologischen Entwicklung des Menschen ergeben. Etwas ganz anderes sind die in diesem Kapitel beschriebenen Zeitverhältnisse der Ereignisse zueinander. Der Sechzehner-, Zehner- oder Achter- Rhythmus sagt etwas über Zeitpunkte, zu denen bestimmte Ereignisse eintreten, die im Zusammenhang mit einem Lebensthema stehen und deren Abstand, in Jahren ausgedrückt, diesen sinnhaften Zusammenhang charakterisiert.

Die Rhythmen betreffen den inneren, sinnhaften Zusammenhang äußerer Ereignisse. Ihr Auftreten hängt ganz von der individuellen Gestaltung einer Biographie ab. Sie müssen auch gar nicht auftreten, und meist ist es nur ein Rhythmus. Dagegen gilt das Gesetz der siebenjährigen Entwicklungsschritte für alle Biographien, auch wenn es oft von einer Reihe anderer, vor allem individueller Faktoren, überlagert ist. Anders wäre das Trennungs- und Verlustthema wahrscheinlich überbeansprucht, wenn zwar Trennungen und Verluste in der Biographie auftreten – es gibt sie wohl in den meisten Biographien –, aber kein Rhythmus zwischen ihnen zu entdecken ist.

Diesen Bereich kann man nicht mechanisch handhaben. Vor allem geht es hier nicht um eine pauschale Zahlenmystik, die das »Vorkommen« bestimmter Zahlen untersucht und deutet: XY hat in einem Haus mit der Nummer 6 gewohnt, seine Frau hat ihn sechs Jahre nach der Heirat verlassen, und die Freundin seiner Tochter besitzt sechs Meerschweinchen. Das muss doch etwas bedeuten! Nein, das bedeutet nichts. Denn es werden dabei willkürlich aus allen möglichen Lebensbereichen, die gar keinen sinnhaften Zusammenhang haben, Zahlen zusammengestellt. Und weil man solche Zahlen vorfindet, interpretiert man den sinnhaften Zusammenhang oder wenigstens eine »Bedeutsamkeit« hinein.

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