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Andreas Wagner Herrgottsacker
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»Schaffen Sie es allein nach unten? Oder sollen wir Hilfe holen?«
»Nein, es geht schon.« Er setzte sich umständlich auf den Hosenboden, um das Bein nicht zu belasten. »Im Schuppen ist eine Leiter. Wenn Sie die anstellen könnten, dann komme ich runter.«
Harro gab Ravi einen knappen Wink. »Und Sie bleiben da oben so lange sitzen.«
Immerhin herrschte jetzt Ruhe. Die Mutter schlurfte langsam heran und schüttelte fortwährend den Kopf. Sie bewegte die Lippen, ohne jedoch einen Ton von sich zu geben. Das änderte sich erst, als sie um die Ecke herum war und ihren Sohn auf dem Dach des Anbaus erblickte.
»Junge, Junge.« Sie seufzte. »Jetzt war doch so lange alles gut. Warum musst du denn wieder anfangen, Dummheiten zu machen?« Sie kniff die Augen zusammen, um ihren flüchtigen Sprössling ins Visier zu nehmen. Die Stärke der Brille schien das nur bedingt zu gewährleisten.
»Mutter, es ist alles in Ordnung. Ich habe nichts getan. Bitte geh rein und lass mich hier in Ruhe mit den Polizisten reden. Du wirst sehen, dann wird alles wieder gut werden.«
Sie überlegte kurz und tat dann, wie ihr geheißen. Gebeugt schlappte sie in Richtung der Haustür, die sie in dem Moment schallend zuschlug, als Ravi mit der Aluleiter aus dem Schuppen trat.
»Nettes Motorrad. Kawasaki Ninja?« Er stellte die Leiter an und trat einen Schritt zurück, damit er den Mann auf dem Dach sehen konnte. »Hundert PS?«
»Hunderteinunddreißig. Ninja ZX Performance.« Rolf Hassinger lächelte ein wenig gequält und schob sich mühsam vorwärts in Richtung Dachkante.
»Geile Kiste.« Ravi bemühte sich um einen Kennerblick. Er hatte in seinem ganzen Leben noch nie mehr als ein Zwölf-Gang-Rad besessen. Sein aktuelles Damenrad verfügte lediglich über drei. Trotzdem hatte er im Schuppen schnell ein paar Fotos von der Maschine und dem Nummernschild gemacht. Die Kollegen von der Autobahnpolizei hatten sich vor ein paar Wochen ein haarsträubendes Wettrennen mit dem Fahrer eines grünen Motorrads geliefert, das es in der Spitze auf annähernd dreihundert Stundenkilometer gebracht hatte und die beiden ihn verfolgenden Streifenwagen letztlich abhängen konnte. Vielleicht war Hassinger ja zufällig ihr Mann.
»Noch kein Jahr alt. Man findet aber kaum Strecken, wo man sie mal ausfahren kann. Vorletzte Woche war ich auf dem Nürburgring.« Der Gedanke daran zauberte Rolf Hassinger ein seliges Lächeln ins Gesicht. So selig, dass ihm der Weg über die Leiter nach unten dadurch kaum noch Schmerzen zu bereiten schien.
»Karlsson vom Dach. Herzlich willkommen zurück auf der Erde.« Harro griente breit.
Rolfs irritiertem Gesichtsausdruck konnten sie entnehmen, dass er mit Astrid Lindgrens Streiche spielendem Helden mit dem Propeller auf dem Rücken nichts anzufangen wusste.
»Ein etwas holpriger Start, aber vielleicht können wir doch noch vernünftig miteinander reden. Dann ist das hier ganz schnell beendet.« Harro hatte augenscheinlich wenig Lust auf ein vorsichtiges Taktieren, er kam gleich zur Sache. »Wir waren eben bei Herrn Medinger, Ihrem Chef, und der hat uns erklärt, dass Sie den letzten Kleingarten samt Hütte dort oben im projektierten Baugebiet ganz allein geräumt haben. Über mehrere Tage. Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie dabei auf menschliche Knochen gestoßen sind, die Sie kurzerhand auf der Halde am Friedhofsgelände abgeladen haben?«
Rolf schien sich nun wieder des Schmerzes zu erinnern, der ihn bis eben arg geplagt hatte, er verzog das Gesicht. »Das ist so typisch!« Er bewegte den Kopf. Seine dünnen, fast vollständig ergrauten welligen Haare, die ihm bis fast auf die Schultern reichten, flogen mit. Dabei sah er noch gar nicht so alt aus. Ravi schätzte ihn trotz der Ringe um die geröteten Augen auf höchstens fünfundvierzig. Im Unterschied zu seiner alten Mutter stand er auch nicht gebeugt da, viel größer war er aber trotzdem nicht. Über seinen mächtigen Oberarmen schnitt das Bündchen des T-Shirts tief ins Fleisch. Mit dem extrem breiten Kreuz wirkte der Gemeindegärtner auf Ravi wie ein aus einem Asterix-Comic entsprungener römischer Legionär. Die wiesen nicht selten ein ähnliches Missverhältnis zwischen einem in die Länge gezogenen Oberkörper und extrem kurzen Beinen auf. Das Grinsen verbot er sich. Rolf Hassinger hatte auch den charakteristischen kleinen Kopf, auf dem sich aber kein winziger Helm ausmachen ließ.
»Was ist typisch?«, fragte Harro ungeduldig.
»Dass der Medinger das jetzt auf mir ablädt!« Sein Gesicht leuchtete rot, seine Ohren noch dunkler. »Die zwei anderen hatten sich rechtzeitig verpisst. Der Toni und natürlich auch der Jugo, weil der sich nämlich immer verdünnisiert, wenn es mal ein bisschen anstrengend wird. Alles hing nur an mir, und der Medinger machte noch zusätzlich Druck, weil es dem nicht schnell genug gehen konnte. ›Die Baufirma sitzt uns im Nacken, wenn wir nicht rechtzeitig fertig werden, dann wird es noch teurer, bla, bla.‹« Er äffte recht treffend Medingers Tonfall und sein leichtes Lispeln nach. »Was geht mich das an? Hätte er doch selbst mal reinschauen sollen in die vielen kleinen Bretterbuden um die Hütte. Die waren bis oben voll mit Müll und Dingen, die ihr bestimmt nicht anfassen würdet.« Wutschnaubend fuhr er sich mit gespreizten Fingern durch die strähnigen Haare.
»Und die Knochen? Die haben Sie dann wo gefunden?«
Rolf blickte Harro kurz aus großen Augen an. Er brauchte anscheinend noch einen Moment, um sich auf das Wesentliche zu besinnen und sich zu einer Erklärung durchzuringen. Harro versuchte, ihm auf die Sprünge zu helfen. Ein kleines Angebot, das die Zunge lockerte. Das zarte Entgegenkommen, mit dem er gern signalisierte, dass er zwar Polizist, aber kein Unmensch war. Ravi kannte die Taktik seines Chefs in der Gesprächsführung nur zu gut.
»Wir gehen nicht davon aus, dass Sie einen Mord begangen haben, der lange Zeit unentdeckt blieb, um die Überreste des Opfers am Ende in einem Erdhaufen nur notdürftig zu verscharren.«
Rolf sah Harro noch einen Augenblick lang an, während es in ihm arbeitete, dann nickte er zustimmend und fuhr hastig fort: »Natürlich nicht. Ich habe die Bodenplatte doch bloß hochgehoben, und da lagen sie. Das heißt, der Kopf lag da. Nur den Kopf habe ich gesehen.« Er rieb sich angestrengt über die roten Augen und redete dann schnell weiter. Seine Stimme klang jetzt leicht belegt. »Den Medinger habe ich sofort angerufen, noch bevor ich irgendetwas sonst angefasst habe. Der hat mich angebrüllt, warum ich noch nicht fertig bin, und gesagt, ich soll die Knochen mit dem Radlader wegschaffen. Wenn er das sagt? Er kennt sich ja aus, was hätte ich also machen sollen?« Fragend blickte er sie an und erwartete Zustimmung. Da Harro schwieg, setzte Hassinger seinen Bericht eilig fort. »Medinger hat gesagt, dass der Friedhof früher mal größer war, und ich solle ihm nicht wegen ein paar alter Knochen auf den Sack gehen. Da habe ich den Radlader geholt und die Hütte so weit zur Seite gedrückt, dass ich mit der großen Schaufel den gesamten Bereich darunter aufnehmen konnte. Das ging ganz leicht.« Er schluckte und zog die Nase hoch. »Weil unter der Hütte bloß Sand lag. Eine Schaufel voll, und die Sache war erledigt.« Er suchte Verständnis in ihren Augen. Seine letzten Worte presste er so leise hervor, dass sie kaum zu hören waren. »Ich habe doch gar nicht gesehen, was ich da alles in der Schaufel hatte.« Dann schluchzte er auf und schlug die Hände vor das Gesicht. Sein Oberkörper zuckte.
11
Die kurze Wegstrecke zurück zum Fundort der Knochen reichte aus, um die wichtigsten Informationen über Rolf Hassinger abzufragen. Harro fasste die beiden hastigen Telefonate für Ravi zusammen.
»Der gute Rolf hat zwei Einträge im System. Körperverletzung. Beides liegt schon einige Zeit zurück. Er scheint sich seither gefangen zu haben, der letzte Eintrag ist vier Jahre her. Die heilende Angst vor der Polizei scheint ihm aber geblieben zu sein. Jedenfalls genug, um vorsorglich erst einmal Reißaus zu nehmen, als wir bei ihm daheim aufgetaucht sind.« Harro lächelte bei der Erinnerung daran. »Das kann ja auch nicht schaden. Aber auf das marode Dach wäre ich aus der Höhe nicht gesprungen.«
»Dich hätte es wahrscheinlich auch nicht ausgehalten.« Ravi schmunzelte amüsiert. »Ein Absturz hätte zu einem richtig bösen Ende geführt. Die Kawasaki stand ganz vorne am Eingang. Der Rest des Schuppens war voller ausgedienter, rostiger landwirtschaftlicher Kleingeräte, deren scharfe Kanten und spitze Ecken allesamt hübsch in die Höhe ragten. Die hätten ihn aufgespießt, und ob er uns dann noch den Medinger ans Messer geliefert hätte, das wage ich zu bezweifeln.«
Harro nickte, während sie auf die freie Fläche abbogen. Drei Wagen standen dort noch. »Den Bürgermeister laden wir für morgen zu uns ein, gleich nach dem Hassinger. Der soll über Nacht ruhig ein bisschen schmoren. Das nimmt ihm die Selbstsicherheit.«
Tobias stand mit den beiden Streifenpolizisten zusammen, die wahrscheinlich auch den Rest des Tages und die Nacht hier ausharren würden. Der Erdhaufen sollte morgen weiter durchgesiebt werden, um sicherzugehen, dass in den tieferen Schichten tatsächlich nichts mehr zu finden war. Die beiden Uniformierten verabschiedeten sich, als sie sie erreichten.
»Dann kennen wir also unser Abrissunternehmen?« Tobias blickte sie fragend an.
»Ja, Rolf Hassinger, einer der Gemeindegärtner. Er wollte gerade verreisen«, Harro grinste, »aber wir haben ihn noch rechtzeitig davon abhalten können. Er ist ein alter Bekannter der Polizei, das liegt allerdings schon länger zurück. Hassinger gab an, die Knochen vor zwei Wochen beim Abriss unter der Hütte gefunden zu haben.«
»Unter der Hütte? Das erklärt vielleicht, warum ich im Sand außer einem Knopf keine Spuren sicherstellen konnte. Am Rand der Kuhle stecken noch ein paar verrottete Pflöcke im Boden. Dicht nebeneinander aufgereiht, so als ob es da früher mal eine Umrandung gegeben hätte. Eine Art selbst gebaute große Sandkiste, würde ich sagen. Die ist aber sicherlich nicht in der Hütte gewesen, sondern irgendwo daneben.« Tobias blickte die beiden Kollegen fragend an. »Können wir uns auf die Angaben des Mannes verlassen?«
»Der Hassinger war sich ziemlich sicher, und ich glaube, dass man ihm die Version auch abnehmen kann. Die Knochen hat er unter der Bodenplatte der Hütte entdeckt und mit einer einzigen großen Schaufelladung rausgeholt. Sie lagen wohl nicht im Erdreich, sondern waren weitgehend mit dem Sand abgedeckt, den jemand zu diesem Zweck aus der Sandkiste herbeigeschafft haben muss.« Ravi zögerte und fuhr dann doch fort. »Er will gar nicht viel erkannt haben.«
»Darum gibt es in der Sandkiste keinen einzigen Hinweis, der belegt, dass das Kind jemals dort gelegen hat.« Tobias war anzusehen, dass ihm die Erkenntnis nicht gefiel, hatte er sich doch die ganze Arbeit umsonst gemacht.
»Das ist eine riesengroße Sauerei«, wetterte Harro. »Einen so armseligen Fundort hatten wir noch nie. Sonst erschlägt einen förmlich die Flut an Material, und was haben wir jetzt? Knochen, Fetzen von Klamotten und ein Paar Sportschuhe. Das ist zum Kotzen! Und warum? Weil es dem Bürgermeister nicht schnell genug gehen konnte mit der Räumung und dem Abriss der Hütte. Und sein geistig armer Mitarbeiter hat wirklich ganze Arbeit geleistet. Allein dafür müsste man den beiden den Prozess machen. Als abschreckendes Beispiel.« Harro hatte sich in Rage geredet. »Ohne groß nachzudenken, schaffen die einfach alles restlos weg, samt den in der Hütte eventuell noch vorhandenen Spuren, sodass am Ende wirklich nichts mehr übrig ist, was sich noch irgendwie verwerten ließe.«
Tobias pflichtete ihm bei. »Das Müllheizkraftwerk hat unwissentlich den Rest erledigt. Ich hab nachgefragt, länger als eine Woche bleibt bei denen nichts liegen. Selbst wenn wir eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei bekämen, um uns bei denen durch den Müllberg zu arbeiten, wäre das also wenig erfolgreich. Weil die Schichten, die uns interessiert hätten, längst schon thermisch verwertet worden sind. Von der Hütte und ihrem Inhalt ist nichts mehr übrig. Auf und davon.« Er hauchte in die Luft.
Schweigend standen sie einen Moment lang da, bevor Harro zusammenfasste: »Der Hassinger kippt die Knochen auf den Erdhaufen, als ob es Grünschnitt wäre, den man getrost entsorgen kann. Was demnächst auch geschehen sollte, indem sie einen stillgelegten Kalksteinbruch auf dem Oberfeld in Richtung Finther Flugplatz damit verfüllen, wie ich vom Bürgermeister weiß. Und der Medinger gibt ihm den Befehl dafür. Das stinkt doch!« In den Gesichtern seiner Kollegen suchte er nach Bestätigung.
»Ein Missverständnis.« Ravi hatte den Gedanken flüsternd ausgesprochen und bereute das eigentlich umgehend.
Harro starrte ihn zuerst irritiert an, pflichtete ihm dann aber resigniert bei. »Wahrscheinlich hast du recht. Der eine will schnellstens alles weghaben. Er kann es sich im Eifer gar nicht anders erklären, als dass da ein hundert Jahre altes Grab zum Vorschein gekommen ist. Und der andere kommt erst gar nicht dazu, ausführlich darüber nachzudenken. Vielleicht hat er sich so erschrocken bei dem Anblick, dass er froh war, eine einfache Erklärung zu bekommen: Altes Zeug, schaff es weg und wirf Erde drüber. Dann kräht kein Hahn mehr danach.« Der Chef verstummte, ehe er sich an Tobias wandte und ergänzte: »Ganz sauber ist der Medinger trotzdem nicht. Den sollten wir nicht zu zaghaft anfassen, wenn wir ihn erneut befragen. Schau ihn dir gleich morgen früh bitte mal genauer an. Ich will wissen, wie wir ihn angehen können, falls er dichtmacht.«
Nachdem Tobias eingewilligt hatte, blickte Harro auf die Uhr. »Du willst los?«
Tobias nickte. »Oder liegt noch etwas an?«
»Nicht wirklich. Nimm den Kombi, wir fahren mit den Kollegen zurück.« Harro klopfte ihm auf die Schulter und setzte grinsend nach: »Dann gehen wir eben ohne dich noch einen Schoppen Riesling trinken.«
Tobias schien darüber nicht böse zu sein und zog nach einem kurzen Abschiedsgruß davon. Harro blickte ihm nach, dann wandte er sich Ravi zu.
»Und du bist wahrscheinlich froh, wenn du daheim im Bett liegst? Man sieht dir die Strapazen der Reise noch an. Du bist erst seit gestern wieder im Land, oder?«
Ravi nickte.
»Na, dann verschieben wir das mit dem Wein und der Vermisstendatenbank auf morgen. Ich bin heute auch froh, wenn ich zu Hause bin.«
12
Die Strecke nach Hause kam ihm jedes Mal länger vor. Nur ein kleines bisschen, aber doch so, dass Tobias nicht selten darüber grübelte, ob sie sich für ihn absichtlich mehr und mehr streckte. Das waren die Gedanken, die einem kamen, wenn man jeden Tag dieselben Büsche, dieselben Häuser und dieselben Namen auf den verwitterten Gedenkkreuzen am Straßenrand anstarrte, von denen die Farbe blätterte.
Wenn alles normal lief und er gesund blieb, würde er die nächsten fünfundzwanzig Jahre fünfmal in der Woche seinen Wagen zwischen den immer gleichen Ortschaften hin und her steuern. Zweihundertzwanzig Tage im Jahr. Bis zur Rente kamen etwa elftausend Fahrten von mindestens einer Stunde zusammen. Das summierte sich auf knapp vierhundertsechzig volle Tage, die er nur auf dieser Strecke zwischen den kläglichen Nestern unterwegs sein würde. Mal im Hellen, mal im Dunkeln, bei Regen und Sonnenschein, immer seltener in Schnee und Graupel. Tagein, tagaus die gleiche Tristesse und dieselben trübsinnigen Gedanken.
Im Januar begann zudem in drei jeweils fast einjährigen Bauabschnitten die Sanierung zweier Ortsdurchfahrten auf seiner Strecke. Die Umleitung würde sein tägliches Martyrium um eine gute halbe Stunde verlängern. Ihm graute jetzt schon davor, und an den enttäuschten Blick seines Sohnes, wenn er ihn noch seltener etwas früher aus der Betreuung des Kindergartens abholen konnte, um wertvolle Zeit mit ihm zu verbringen, mochte er gar nicht denken.
Tobias setzte den Blinker, obwohl er noch mindestens zwei Grünphasen brauchte, bevor er die Kreuzung endlich erreicht hatte. Die irrige Vorstellung, dass sich die grüne Ampelphase auf diese Weise vielleicht so weit ausdehnen ließe, dass er schon beim nächsten Mal mit hindurchpasste, führte seine Hand. Doch wenn es überhaupt eine zarte Hoffnung gegeben hatte, dann machte diese jetzt der klapprige Traktor zunichte, der sein Sichtfeld querte und auf die Landstraße einbog. Für die nächsten Kilometer würde er zuverlässig verhindern, dass der Lindwurm der Berufspendler schneller als im Schneckentempo vorankam.
Sein Handy auf dem Beifahrersitz summte und leuchtete auf. Er schaute bewusst weg, weil er keine Lust hatte, seine beiden Kollegen mit Bier und Riesling in der Hand in ihrer Lieblingskneipe am Dom zu betrachten. Obwohl er sich eigentlich sicher war, dass sie längst noch nicht dort sein konnten. Vielleicht waren sie auf dem Heimweg in die nächstbeste Dorfkneipe eingefallen und wollten ihn von dort grüßen. Auch wenn sie es gut meinten, führten ihm diese Selfies doch nur wieder deutlich vor Augen, was er mit der Flucht so weit raus aufs Land alles aufgegeben hatte. Ihr gemeinsamer Feierabendausklang einmal die Woche war über Jahre hinweg ein fester Bestandteil seiner Arbeitsroutine gewesen, schon als Ravi noch gar nicht mit dabei war. Es tat gut, mit den Kollegen auch mal Erlebnisse zu teilen, die nichts mit Gewalt, Sterben und dem Geruch zu tun hatten, der ihnen entgegenschlug, wenn die Feuerwehr eine Wohnungstür aufbrach, hinter der schon länger keine Hilfe mehr erwartet wurde.
Sein Handy leuchtete schon wieder auf. Er ließ den Wagen langsam weiterrollen, um die Lücke zum Auto vor ihm zu verringern. Wenn sein Vordermann etwas auf Zack war, kam er in der nächsten Grünphase vielleicht schon mit durch. Noch gut zwanzig Minuten, und er hatte es geschafft. Er griff nach dem Telefon und betrachtete die beiden auf dem Display aufleuchtenden Nachrichten. Beide waren von Sara. Bitte komm erst nach Hause, lautete die Erste. Sekunden später hatte sie ergänzt: Bevor du die Kinder abholst.
Tobias legte den Gang ein. Er folgte dem vorausfahrenden Audi über die Kreuzung, obwohl die Ampel bereits auf Rot gesprungen war. Hupend beschwerte sich der Fahrer des nachfolgenden Wagens. Er nahm davon keine Notiz und drückte stattdessen mit zitternden Fingern auf seinem Telefon herum. Schrecklich langsam baute sich eine Verbindung auf, noch bevor er das Dorf verlassen hatte. Er hoffte inständig, dass sie hielt. Wenn er nach den beiden lang gezogenen Kurven den kleinen Wald erreichte, begann das ausgedehnte Funkloch seines Netzanbieters, das sich fast bis in ihre Neubausiedlung hinzog.
Ein erstes Freizeichen erklang, das von einem Dauerknistern begleitet wurde. Es hielt an, bis Saras aufgezeichnete Stimme erklang und freudig verkündete, dass sie entweder mit den Kindern beschäftigt sei oder einen anderen wichtigen Grund habe, warum sie gerade nicht ans Telefon gehen könne. Ich rufe euch aber gern zurück.
Tobias spürte die eisige Kälte, die sich von seinen Füßen über die Knie zu seiner Brust hinaufarbeitete. Sein Atem ging hektisch. Er schaltete zurück und trat das Gaspedal bis auf das Bodenblech durch. Der Motor des Kombis heulte auf, während er auf der Gegenfahrbahn an mehreren Fahrzeugen vorbeizog, um gleich darauf wieder in die Schlange einzuscheren. Der entgegenkommende Lkw hupte lang gezogen, und das nicht zu Unrecht. Egal, was er tat und wie sehr er sich bemühte, er würde die Zeit, die er bis nach Hause brauchte, kaum signifikant verringern können.
Der Traktor zumindest war verschwunden. Er beschleunigte und raste auf das sich schnell nähernde Ortsschild zu. Kurz überlegte er, ob er anhalten sollte, um das mobile Blaulicht neben dem Beifahrersitz zu suchen. Da die Straße nun weitgehend frei war, entschied er sich dagegen und bremste kaum ab, als er die ersten Häuser erreichte. Das Dorf war winzig, es kostete nur unnötig wertvolle Zeit, die Geschwindigkeit zu reduzieren, um gleich darauf wieder Vollgas zu geben.
Sein Herz hämmerte. Wann hatte er Sara zuletzt angerufen? Er versuchte konzentriert, den Wagen in der Spur zu halten und dabei seine Erinnerung an die letzten Stunden zu ordnen. Zweimal hatte er es versucht und sie dann auch irgendwann erreicht. Sie hatte nicht anders geklungen als sonst. Das stille Leiden, das ihre Worte begleitete. Er konnte einen anderen Klang gar nicht mehr in seiner Erinnerung wachrufen. Das lag so lange zurück. Die Freude, die ihre Stimme früher versprühte, wenn er sich zwischendurch meldete. Eine Ausgelassenheit, die ihn geradezu zwang, die Phasen des Getrenntseins nicht unnötig lang werden zu lassen. Jetzt war er manchmal sogar froh, wenn kurz vor Dienstschluss noch ein Einsatz kam, der es ihm ermöglichte, die Traurigkeit hinauszuschieben. Gleichzeitig verspürte er dann Angst, dass Sara es nicht schaffte, die Kinder abzuholen, und die Frau aus der Betreuung verärgert bei ihm auf dem Handy anrufen würde, weil die beiden mal wieder die Letzten waren und ihre Anwesenheit sie am Heimgehen hinderte.
Tobias behielt das Tempo auch in der verwaisten Spielstraße, in der er gleich links abbiegen musste, fast unverändert bei. Es dämmerte. Doch nur vereinzelt brannte Licht hinter den Fenstern in der Nachbarschaft. Er lenkte den Wagen in die Auffahrt, schleuderte die Autotür auf und stürmte die wenigen Stufen zur Haustür hinauf. Mit fahrigen Bewegungen steckte er den Schlüssel ins Schloss und rief nach Sara, noch bevor er richtig im Flur war. Er bekam keine Antwort.
»Wo bist du? Sag doch etwas!« Er stieß die schmale Tür zur Gästetoilette auf, dann die Küchentür, passierte die schmale Garderobe, an der ihre Jacke hing. Ihre Turnschuhe standen darunter bereit. Ordentlich nebeneinander und so sauber, dass ihr Anblick verriet, wie selten sie getragen wurden, weil Sara sich kaum noch vor die Tür traute. Gleich darauf hatte er das Wohnzimmer erreicht.
Fahles Licht fiel von der Terrasse ihrer Nachbarn herein. Es beleuchtete den Sessel, auf dem sie saß, nur schwach. Sara hatte sich die weiche Fleecedecke bis unter das Kinn gezogen. Ihr Mund stand einen Spalt offen. Die Augen hatte sie geschlossen, ihr Kopf war leicht zur Seite gekippt. Tobias konnte jetzt die vielen leeren Tablettenblister erkennen, die vor ihr auf dem Wohnzimmertisch lagen. Er fiel zitternd vor ihr auf die Knie und schluchzte.
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