Andreas Wagner Herrgottsacker
Herrgottsacker
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Andreas Wagner Herrgottsacker

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Ravi trat hinter Harro in den dunklen, braun gefliesten Flur, in dem der schale Essensgeruch intensiver wurde.

»Gehen Sie weiter durch. Wir setzen uns in das Wohnzimmer.«

Sie passierten die Küche und erreichten gleich darauf das große Wohnzimmer, dessen breite Fensterfront den Blick in ein kurzes Stück Garten zuließ, das schon nach wenigen Metern von dichten Hecken und einer Trauerweide begrenzt wurde. Schwere hellbeige Ledersessel und ein Zweisitzer, gruppiert um einen niedrigen Couchtisch, nahmen sie auf. Das Material quietschte bei jeder Bewegung.

»Darf ich Ihnen etwas anbieten? Ein Wasser oder eine Tasse Kaffee? Ich habe mir gerade mein Mittagessen warm gemacht.« Medinger nickte in Richtung der Küche und rutschte auf seinem Sessel hin und her, bis er endlich eine gute Sitzposition gefunden hatte. Seine glänzende Kopfhaut leuchtete fleckig rot. Er schien sich größte Mühe beim Sprechen zu geben, konnte aber nicht verhindern, dass er bei den meisten Zischlauten mit der Zunge sachte an die Schneidezähne stieß.

Ravi lehnte dankend ab, Harro schüttelte den Kopf. Er würde gleich das Gespräch führen, doch zunächst schwieg er. Ravi kannte das. Den Auftakt beanspruchte der Chef für sich, und dazu gehörte der gedehnte Moment der betretenen Stille. Dabei ließ er seinen Blick langsam durch den Raum wandern, so als ob er nach etwas Bestimmtem suchen würde. Die Stille hielten die meisten nur schwer aus. Oft fingen die Menschen, die sie befragten, von ganz allein an zu reden. Der Chef hörte sich alles kommentarlos und scheinbar desinteressiert an, um nach einer weiteren Phase des Schweigens schließlich die Frage zu stellen, die er sich für den Beginn zurechtgelegt hatte. Auf das, was der Befragte von sich aus erzählt hatte, kam er dann im Gesprächsverlauf immer wieder zurück.

»Unsere fleißigen Gemeindemitarbeiter haben das Gelände geräumt. Wir schaffen die Grundlagen für den von der nächsten Generation im Dorf dringend benötigten Wohnraum. Durch die Entwicklung der Grundstückspreise in den letzten Jahren kann sich eine junge Familie ja leider kaum noch ein Baugrundstück leisten. Die Fläche gehört der Gemeinde, und die Bauplätze werden streng nach sozialen Kriterien vergeben, die wir alle zusammen im Gemeinderat erarbeitet haben. Unser Herrgottsacker wird ein Vorzeigeprojekt in der ganzen Region.« Ein kurzes Quietschen des Leders begleitete seine erneute Veränderung der Sitzposition. »Mit der Erschließung, dem Bau der Kanalisation und der Straßen sind wir nun unverschuldet leicht in Verzug geraten. In den heutigen Zeiten lassen die Baufirmen einen selbst bei einem stattlichen Auftrag am langen Arm verhungern. Aber jetzt geht es richtig los.« Er reckte sich wie zur Bestätigung in die Höhe. Sein Schlips hing weiterhin quer über der Schulter. »Im kommenden Sommer sind Kommunalwahlen. Bis dahin sollen die ersten Rohbauten stehen.« Medinger setzte ein Lächeln auf, das ihnen wohl Verständnis abringen sollte. Unsicher ging sein Blick mehrmals zwischen ihnen hin und her und blieb dann wieder an Harro hängen, den er zu Recht als den ausgemacht hatte, der hier das Sagen hatte.

Ravi wusste, dass es nicht nur an seinem Alter lag. Wenn er sich bei einem Gespräch noch nicht mit einer Frage eingebracht oder anderweitig zu Wort gemeldet hatte, geschah es nicht selten, dass Zeugen ihre bereits gemachten Aussagen noch einmal in einfachen Worten für ihn wiederholten. Verständliche Dreiwortsätze, überdeutlich artikuliert, so als ob sie einem Zweijährigen darlegten, warum es besser war, den Bastelkleister aufs Papier zu schmieren und nicht vom Pinsel abzulecken. Dem folgte dann oft genug der mit einem verständnisvollen Lächeln vorgebrachte erklärende Nachsatz: »Damit Sie das auch verstehen.« Eine Zeit lang hatte sich Harro prächtig darüber amüsiert und Gespräche zwischen ihnen gern selbst mit einem lang gezogenen »Damit Sie das auch verstehen« beendet.

»Wer ist für den Erdhaufen am Friedhofsgelände verantwortlich?«

Der Bürgermeister schluckte, und das Lächeln verschwand. »Die Gemeinde.« Er wartete einen Moment und ergänzte: »Es ist der überschüssige Aushub der Gräber. Wir lagern ihn etwas abseits des Geländes.«

»Wie müssen wir uns das Areal vorstellen, bevor es geräumt wurde?«

Medinger schien zu überlegen. Er zuckte kaum wahrnehmbar mit den Schultern. »Ein buntes Nebeneinander von kleinen und größeren Gärten, die alle schon viele Jahre lang nicht mehr richtig bewirtschaftet worden sind. Einige Grundstücke waren komplett zugewachsen mit Hecken und Gehölz. Da haben meine Mitarbeiter ganz schön zu tun gehabt, bis das alles weg war.« Er unterbrach seinen Bericht und schien kurz zu überlegen, was er eigentlich sagen wollte. Schnell hatte er die Richtung wiedergefunden. »Die alten Leute waren froh, dass wir ihnen die Last der Pflege und die Verantwortung für die Räumung abgenommen haben. Kaum einer von denen hätte sich noch selbst darum kümmern können. Darin sehe ich als Bürgermeister meine wichtigste Aufgabe. Ich will auf die Menschen zugehen und sie dort unterstützen, wo es notwendig ist.«

Harro rutschte quietschend auf seinem Sessel hin und her. An seinem Gesichtsausdruck war mehr als deutlich abzulesen, dass er keine Lust hatte, aus der Befragung eine Generalprobe für einen Wahlkampfauftritt werden zu lassen.

»Wer hat das Gelände geräumt?«

Auf Medingers Gesicht blitzte eine leichte Verunsicherung auf. Die Antwort darauf hatte er ihnen doch erst vor wenigen Minuten gänzlich ungefragt gegeben. Im selben Moment schien er zu bemerken, dass seine Krawatte sich nicht dort befand, wo sie ihrem Zweck nach eigentlich hingehörte. Sichtlich froh über diese Ablenkung, lachte er auf und zog sich den Schlips von der Schulter. »Meine Frau kann sehr ungehalten sein, wenn ich die Bratensoße darauf verteile.«

Harro schnaufte ungeduldig.

»Unsere Gemeindemitarbeiter für die Grünflächenpflege haben die letzten Gärten gerade noch rechtzeitig eingeebnet, bevor die Straßen vergangene Woche eingemessen wurden«, beeilte Medinger sich zu sagen. »Ab kommender Woche soll dann –«

»Wann und wer genau?«, fuhr Harro barsch in die wolkigen Beschreibungen des Bürgermeisters. Der blickte ihn erstaunt an. Ein aufheulender Motor und dumpfe Bassschläge, die selbst durch die geschlossenen Fenster gut zu vernehmen waren, ließen ihn aufhorchen und enthoben ihn scheinbar einer Antwort. Ravi registrierte, dass sich auf Medingers Oberlippe kleine Schweißperlen bildeten.

Unsicher drehte sich der Bürgermeister zur Seite und versuchte, durch das Terrassenfenster den Ursprung des Lärms auszumachen. Wobei sein Gesicht deutlich verriet, dass er längst schon wusste, was dort draußen vor sich ging. Knatternd sprang in diesem Moment der lärmende Zweitakter einer Heckenschere an, und nur einen Augenblick später erschienen zwei in leuchtendes Orange gekleidete Männer, die sich ohne großes Federlesen an der Hecke im hinteren Bereich des kleinen Gartens zu schaffen machten.

Harro deutete Medingers verkniffenen Blick richtig. »Das sind also die gesuchten Herren?«

»Ich begleite Sie zu ihnen.« Der Bürgermeister wollte sich erheben, doch Harro gab Ravi einen Wink und bedeutete Medinger, dass er sich wieder setzen solle.

»Mein Kollege ist durchaus in der Lage, den Weg allein zu finden. Vielleicht können Sie mir so lange dabei helfen zu ermitteln, wem das eine oder andere Grundstück im oberen Bereich des Areals gehört hat.«

Ravi, der bereits aufgestanden und auf dem Weg nach draußen war, vernahm Medingers Antwort schon nicht mehr.

9

Mit ein paar schnellen Schritten war Ravi um die erste Hausecke herum. Das Gartentürchen stand offen, und auf dem Pritschenwagen davor lag bereits ein kleiner Haufen Grünschnitt von den Hecken des Bürgermeisters. Aus dem Garten, den er jetzt erreichte, waren laute Stimmen zu hören. Die Männer brüllten sich an, um den Lärm des Arbeitsgerätes zu übertönen.

»Schlaf nicht ein! Nach so vielen Tagen daheim auf der Couch müsstest du eigentlich ausgeruht sein. Du liegst dich noch wund, wenn du so weitermachst!«

Das schallende Gelächter, das auf diese Worte folgte, wurde etwas dünner, als der Mann mit der Heckenschere ihn erblickte. Der zweite, kleinere, der mit dem Rücken zu Ravi stand, hatte ihn noch nicht gesehen. Er kicherte weiter.

»Ivo, Verwandtschaft!« Der mit der Heckenschere wies auf Ravi, grinste vergnügt und wartete auf die Reaktion seines Kollegen, der sich jetzt umdrehte und genervt mit den Augen rollte.

»Toni, ich bin Serbe, kein Jugo und auch kein Inder! Das wirst du nie verstehen.« Mit einer abwehrenden Handbewegung trat er auf Ravi zu. »Wir kaufen nichts, da musst du oben am Hauseingang klingeln! Aber der hat einen Igel in der Tasche.«

Beide Männer lachten spöttisch. Ravi, der sich nicht von der Stelle rührte, kostete die Situation einen Moment lang schweigend aus, weil er jetzt schon wusste, wie dämlich die beiden gleich dreinschauen würden. Der groß gewachsene Mann namens Toni, der plump und ein wenig unbeholfen wirkte, ließ den Motor der Heckenschere aufheulen und starrte ihn herausfordernd an. Ivo wirkte klein und erweckte nicht den Eindruck, als ob er sein ganzes Leben mit körperlicher Arbeit verbracht hatte. Ravi schätzte Toni auf knapp über fünfzig, Ivo sah gut zehn Jahre jünger aus.

»Bingenheimer, Kriminalpolizei. Ich habe ein paar Fragen an Sie beide.« Er lächelte freundlich und hätte gern den Kopf wippend dazu hin und her bewegt, um dem Stereotyp des Inders zu entsprechen. Da er nicht glaubte, dass sie diese Form der Ironie verstehen würden, unterließ er es.

Toni blickte jetzt tatsächlich ziemlich dümmlich drein. Sein Mund stand offen, und es fehlte nicht viel, dann wäre auch noch seine Zunge herausgefallen. Ivo hingegen schien die Situation zu amüsieren. Er schmunzelte.

»Sie werden wahrscheinlich ahnen, warum ich hier bin?«

Beide standen sie wie angewurzelt da und starrten ihn an, als würden sie noch grübeln, welcher Galaxie er entsprungen war. Die einzelnen Bauteile, aus denen sich ihr Gegenüber zusammensetzte, schienen sie zu verwirren: akzentfreie deutsche Sprache mit leichter regionaler Färbung, südasiatisches Aussehen, deutscher Name, Kripo. Was konnte da nicht stimmen? Toni warf einen schnellen Blick in Richtung der Terrassenfront seines Chefs. Die Hoffnung schien ihn zu leiten, dass von dort die Auflösung dieses verworrenen Rätsels kommen würde. Als dem nicht so war, schüttelte er vorsichtshalber den Kopf. Ivo fand als Erster die Sprache wieder.

»Keine Ahnung, aber wir haben heute Morgen die vielen Polizeiwagen gesehen, die in Richtung Ortsausgang unterwegs waren.« Er kramte in seiner Hosentasche und holte ein abgegriffenes Tabakpäckchen hervor.

»Können Sie den Motor ausmachen, damit wir uns nicht anbrüllen müssen?« Ravi deutete auf die Heckenschere in Tonis Händen, die noch immer munter vor sich hin knatterte.

Das Geräusch erstarb. Kurz war es still, so als würde alles um sie herum verharren, dann setzte leises Vogelgezwitscher ein.

Ravi trat näher. »Am Rand des geplanten Neubaugebietes haben wir die sterblichen Überreste eines jungen Menschen gefunden. Die Person ist schon länger tot, wie lange genau, wissen wir noch nicht, aber an dieser Stelle lag sie erst seit ein paar Tagen oder maximal zwei bis drei Wochen.« Er ließ seine Worte wirken und beobachtete die beiden. Ihre Gesichter verrieten wenig.

»Da waren wir schon länger nicht mehr.« Toni sah zu Ivo, der bestätigend nickte.

»Es ist dort aber doch alles von Ihnen geräumt worden? Die Gärten und die Aufbauten?« Ravi blickte andeutungsweise in Richtung der gläsernen Terrassenfront, hinter der Harro mit Medinger sprach.

»Ja, ja.« Ivo hatte die dünne und leicht gekrümmte selbst gedrehte Zigarette schon im Mund. Sie war noch nicht angezündet. »Bucklig und krumm durften wir uns arbeiten, nur um alles rechtzeitig fertig zu haben. Und am Ende sollten wir auch noch die Gefahrgutentsorgung übernehmen. Der Schuppen auf dem letzten Grundstück war voll mit gefährlichem Zeug. Aber das hat sich unser lieber Bürgermeister so vorgestellt. Wir sind nicht sein Abrisskommando und auch nicht die Spezialeinheit für alle Arten von Sondermüll.« Er zog verächtlich die Mundwinkel nach unten und verstaute den Tabak mit einer umständlichen Bewegung wieder in der Hosentasche. »Säckeweise Batterien, Farbeimer, Gift und Asbest. Und wir sollten alles rausschaffen und abtransportieren. Ohne Schutzkleidung und am besten noch im Laufschritt, weil ja die Baufirma jeden Moment hätte kommen können.« Er richtete sich auf und hielt die Hand schützend vor das Feuerzeug und die Zigarettenspitze. Das Knistern der Flamme, die das dünne Papier entzündete, war in der Stille des Moments deutlich zu hören. Dann sog er tief den Rauch ein.

Toni stand schweigend daneben. Das Mitteilungsbedürfnis schien bei diesem Duo sehr ungleich verteilt zu sein. Aber vielleicht war dem Mann mit der Heckenschere ja doch noch der eine oder andere Satz zu entlocken. Ravi sah ihn prüfend an. Manch einen schüchterte das ein und machte ihn vollends sprachlos. Hin und wieder bedurfte es aber auch genau dieses Anstoßes, um den Stein ins Rollen zu bringen. Wobei er von Toni alles, nur keine wortgewaltigen Erzählungen erwartete. Daher wunderte es ihn auch nicht, dass Ivo das Schweigen beendete.

»Toni hat sich krankgemeldet. So richtig mit Arzt und Schein. Du hast Husten gehabt.« Toni nickte schnell. Dankbarkeit sprach aus seinem Blick, dass Ivo alles so treffend auszudrücken vermochte. Jetzt wollte er Ivos Aussage aber auch bestätigen.

»Mein Vater ist an Lungenkrebs gestorben. Der war Dachdecker. Ich muss husten, wenn ich Asbestplatten nur sehe. Die fasse ich nicht an. Nie im Leben, auch nicht für viel Geld.« Toni hatte eine dunkle Stimme.

»Und ich bin einfach nicht mehr gekommen. Ich lass mich nicht ausbeuten, und allein mit Rolf kann ich nicht arbeiten. Der ist schlimmer als ein Kameltreiber.« Ivo sah Ravi abwägend an. Er schien sich nicht sicher zu sein, ob er dem eindeutig fremdländisch aussehenden Polizisten gegenüber von Kameltreibern hätte sprechen sollen.

»Ohne Krankmeldung?«

Er winkte ab. »Die bringe ich noch.«

»Und wer hat nun die riesige Fläche dort oben freigeräumt?« Ravi sah die beiden fragend an. »Eine Person allein? Dieser Rolf? Ist der so etwas wie der Hulk von euch drei Avengers?«

Ivo blies schnaufend weißen Rauch aus und lachte. Auch Toni musste grinsen. Beide schienen ihn jetzt für leicht begriffsstutzig zu halten. Das war nach Ravis Erfahrung mitunter eine gute Basis, auf deren Grundlage gern und freigiebig erklärt und berichtet wurde. Und ein wenig dieser Freigiebigkeit benötigte er, um endlich die Abläufe hinsichtlich der Rodung des Gebietes und des Abtransports all dessen, was wann, wo und von wem gefunden worden war, zu überblicken.

»Also«, Ivo sprach langsam und betont weiter, »den größten Teil haben wir schon im Sommer gemacht. Es war nur noch der eine Garten übrig. Der schlimmste von allen. Da durften wir aber noch nicht ran. Es gab Probleme. Weil keine Erben da waren oder so ähnlich. Erst als das geklärt war, konnte es losgehen. Aber ohne uns.«

»Also hat Ihr Kollege alles ausgeräumt und diese letzte Hütte allein abgerissen?«

Beide nickten. Sie schienen nicht ganz unglücklich darüber zu sein, dass sich ihr Gegenüber jetzt für ihren Kollegen interessierte.

Ravi blickte sich demonstrativ suchend um. »Und dieser Rolf, der ist jetzt wo?«

Nach einem verstohlenen Kontrollblick in Richtung der Terrassenfront schnipste Ivo den noch glimmenden Zigarettenstummel in die Hecke. »Der hat sich vorhin krankgemeldet. Ganz plötzlich war ihm schlecht.« Zufrieden steckte er die Hände in die Hosentaschen und wippte auf den Zehenspitzen auf und ab.

Ravi hörte Schritte und drehte sich um. Harro hatte das Gartentürchen erreicht und schaute ihn fragend an. Bist du so weit? Ich hab, was ich wollte, sagte dieser Blick.

»Rolf?«

Sein Kollege nickte.

10

Die Ermittlungen in einer so kleinen Gemeinde hatten unbestreitbar auch ihre Vorteile: kurze Distanzen. Ravi musste schmunzeln. Harro war zu sehr mit seinem Handy beschäftigt, als dass er sich um die musikalische Beschallung ihres Weges in eine schmale Sackgasse nur wenige hundert Meter weiter hätte kümmern können.

»Tobias hat vor ein paar Minuten geschrieben. Er ist fertig und würde dann jetzt nach Hause fahren, sofern wir nichts mehr für ihn haben.« Harro blickte ihn fragend von der Seite an. »Es spricht eigentlich nichts dagegen. Wir müssen ohnehin auf die Ergebnisse aus der Rechtsmedizin warten. Wir zwei beiden können ja nachher noch rasch einen Blick in die Vermisstendatenbank werfen. Ohne eine Eingrenzung des Alters ist das zwar wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, aber wer weiß. Offene Vermisstenfälle hier in der unmittelbaren Umgebung gibt es nach Aussage des Bürgermeisters jedenfalls nicht.«

Ravi nickte und überlegte, ob es eine gute Entscheidung gewesen war, den Kombi in dieses enge Gässchen zu steuern. An beiden Seiten drohten die Seitenspiegel die schroffe Hauswand zu berühren. Abhauen konnte ihr nächster Gesprächspartner so jedenfalls nur schwerlich, und sie selbst würden gleich üble Verrenkungen ausführen müssen, um aus dem Auto herauszukommen.

Harro tippte weiter hoch konzentriert mit seinen dicken Fingern auf den viel zu kleinen Buchstabenfeldern herum. »Trotzdem sollten wir uns gleich noch mal kurz oben am Friedhofsgelände treffen. Dann sind wir alle auf dem gleichen Stand, und Tobias kann sich auf den Heimweg machen. Den Rest erledigen wir allein, oder hast du noch Termine?« Harro grinste ihn an.

Ravi antwortete nicht, weil er wusste, dass Harro keine Antwort erwartete. Außerdem hatte er keine Einwände. Solange er ihm später ein paar Minuten ließ, um seine privaten Mails zu prüfen, war alles in Ordnung. Noch war die Nachricht, die er so sehnlich erwartete, nämlich nicht angekommen.

Das musste das Haus sein. Das Ende der Gasse markierte ein dunkelbraunes Holztor, dessen Latten sich zum Teil schon aufgelöst hatten und an den Ecken einen Blick auf den asphaltierten Hof zuließen. Ravi stellte den Motor ab. Er war dankbar für jede Ablenkung, die es ihm ermöglichte, seine insgeheimen Mutmaßungen über fehlgeleitete Nachrichten und Buchstabendreher in Mailadressen gar nicht erst anstellen zu können.

Harro schlängelte sich umständlich aus der nur einen Spaltbreit geöffneten Beifahrertür. Er stöhnte auf. »Du hättest ruhig noch etwas näher an deine Seite ranfahren können. Ich habe locker fünfundzwanzig Kilo mehr auf den Rippen als du! Und gelenkiger bist du mit Anfang dreißig auch.«

Die weiteren gebrummten Unmutsbekundungen konnte Ravi nicht mehr hören, weil der alte Mann die Tür bereits wieder zugeschlagen hatte und mit schnellen Schritten auf das Hoftor zusteuerte. Ravi folgte ihm die wenigen Meter die Gasse hinab. Im Gehen zupfte Harro seine schwarze Lederjacke zurecht, sodass das Halfter und die Walther P99 darin gut zu sehen waren. Nach dem wortreichen, aber ergebnisarmen Besuch bei Medinger schien der Chef hier schneller zu konkreten Antworten kommen zu wollen.

Da es keine Klingel gab, hämmerte Harro mit der Faust erst leicht und dann immer fester gegen die wackeligen Holzbretter. Das Tor war kaum zwei Meter hoch, hing aber recht windschief in den rostigen Angeln. Und das Obergeschoss des Hauses, das sie sehen konnten, vermittelte nicht den Eindruck, dass der Rest besser in Schuss war.

In der kurzen Pause, die Harro vor der nächsten Kaskade einlegte, konnten sie deutlich das Öffnen einer Haustür vernehmen, dann das schlurfende Geräusch von Hausschuhen auf rauem Asphalt.

»Ja, ja. Ich komme doch schon. Du schlägst mir noch das Hoftor ein, wenn du so weitermachst. Eine alte Frau ist nun mal kein D-Zug!« Der Schlüssel wurde mehrmals im Schloss herumgedreht und dann die Tür nur so weit aufgezogen, dass man gerade hinausschauen konnte.

Eine kleine alte Frau stand gekrümmt vor ihnen. Sie steckte in einer bunten, kleinblumig bedruckten Kittelschürze, die den größten Teil ihrer ehemals strahlenden Farbigkeit längst eingebüßt hatte. Ihre lichten grauen Haare waren streng nach hinten gekämmt und zu einem Dutt zusammengerollt. Die viel zu große Brille auf ihrer kleinen, spitzen Nase offenbarte, dass ihr Gesicht nicht immer so hager gewesen war. Sie reichte Ravi gerade bis zur Brust und sah sie von unten herausfordernd an.

»Und jetzt?« Sie schmatzte. Ihr Gebiss schien sie in der Eile nicht gefunden zu haben. »Was ist so wichtig, dass man mir das Hoftor eintreten muss?« Harros und Ravis Auftauchen schien sie nicht im Mindesten zu beeindrucken. Sie wich keinen Zentimeter zurück und hielt die Tür fest, um sie im Notfall sofort wieder zudrücken zu können.

»Frau Hassinger? Wir möchten zu Ihrem Sohn Rolf. Ist er daheim?«

»Auf der Arbeit. Den Strom haben sie doch letzte Woche schon abgelesen!« Sie sprach in einer Lautstärke, dass Harro intuitiv einen halben Schritt zurück machte. Anscheinend befürchtete er ernste Gehörschäden.

»Können wir Ihren Sohn telefonisch erreichen? Wir sind von der Polizei und haben ein paar Fragen an ihn.« Harro hatte seinen Ton dem ihren angepasst und beugte sich zusätzlich ein wenig vor.

»Der Junge hat nichts angestellt! Der geht brav jeden Tag zur Arbeit und kommt danach heim. Dummheiten macht der keine mehr!« Sie hatte den Zeigefinger in die Höhe gestreckt und fuchtelte damit wild vor Harros Nase herum. »Also lassen Sie ihn gefälligst in Ruhe. Ich kann allein auf ihn aufpassen, und das mache ich auch.«

Der Chef verhinderte mit sanftem Gegendruck seiner rechten Hand, dass sie die Tür wieder schloss. Die Alte schrie empört auf. »Verschwinden Sie!«

Harro blieb ruhig, er hatte wohl mit mehr gerechnet. »Wir müssen nur mit ihm sprechen. Es geht um Dinge, die er nicht zu verantworten hat. Er würde uns damit sehr helfen.«

Während Harro um Deeskalation bemüht war und sie weiter erfolglos gegen das offene Hoftor drückte, um die Eindringlinge wieder loszuwerden, fing Ravi aus den Augenwinkeln eine Bewegung ein. Es war eigentlich nur ein Schatten hinter dem Fenster über der Haustür, zu der gleich rechts neben dem Hoftor ein paar Stufen ausgetretenen roten Sandsteins hinaufführten. Er gab dem Drang nicht nach, den Kopf in diese Richtung zu bewegen. Der Beobachter hinter dem Fenster sollte sich in Sicherheit wiegen.

Ravi sagte ganz leise, in der Hoffnung, dass sie das beruhigte und sie ihn dennoch ausreichend gut verstehen würde: »Wir wissen, dass Ihr Sohn hier ist. Also bitte lassen Sie uns herein und sagen Sie ihm Bescheid, dass wir draußen im Hof auf ihn warten.« Jetzt schaute er wie beiläufig an der Hauswand entlang und zur Gardine hinter dem Fenster. Es war nicht zu erkennen, ob dort oben noch immer jemand stand, der sie beobachtete. Ravi war sich dennoch sicher, dass er sich nicht getäuscht hatte.

»Hauen Sie endlich ab! Ich muss Sie nicht hereinlassen, wenn ich das nicht will. Und ich habe schon mehrmals gesagt, dass Sie mich in Ruhe lassen sollen.«

Deutlich war aus dem hinteren Teil des Hofes in diesem Moment ein blechernes Geräusch zu hören. Harro schob die Frau zur Seite und legte im Laufen seine rechte Hand auf die Dienstwaffe. Ihr hysterisches Kreischen nahm nun ohrenbetäubende Ausmaße an. Es klang nach einem Probemanöver der dörflichen Feuerwehr, das von der Sirene im Spritzenhaus direkt neben ihnen angekündigt wurde.

»Hilfe! Ich werde überfallen! Hilfe!«

Ravi folgte dem Chef an der offen stehenden Eingangstür vorbei und um die Hausecke bis zu der Stelle, wo sich der kleine, von den hohen Außenwänden der Nachbargebäude eingefasste Hof ein wenig öffnete. Ein gedrungener Anbau kam in den Blick, auf dessen rostigem Wellblechdach ein Mann mit grauen, zurückgekämmten Haaren gebeugt ausharrte. Das Fenster zwei Meter über ihm stand offen, und er verzog das Gesicht zu einer schmerzverzerrten Grimasse. Mit der einen Hand stützte er sich auf dem Blechdach ab, die andere umfasste den Unterschenkel seines rechten Beins. Harro nestelte demonstrativ am Griff seiner Pistole.

»Rolf Hassinger, kommen Sie da runter.« Ein klarer Befehl. »Und bitte sagen Sie Ihrer Mutter, dass sie aufhören soll zu schreien. Sonst haben wir hier gleich mehrere Streifenwagen und ein halbes Revier im Einsatz.«

»Ist gut, Mutter!«, rief Hassinger und stöhnte auf.

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