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Andreas Wagner Herrgottsacker
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»Der Größe nach zwischen acht und zwölf Jahren, wobei ich mich mit diesen Einschätzungen immer schwertue. Die Rechtsmedizin ist informiert. Frau Dr. Lieberknecht kommt her, sie möchte sich gern persönlich ein Bild von der Auffindesituation machen. Die Ruhe hat also bald ein Ende.« Christian verzog sein Gesicht leicht genervt.
Harro ging nicht darauf ein. Er betrachtete die auf der Plane ausgebreiteten Knochen. »Kleidung?«
»Vieles ist nur in Fetzen vorhanden, das meiste dürfte beim Transport der Überreste zerfallen sein. Dem ersten Anschein nach trug das Kind T-Shirt, Unterhemd, Unterhose, Jeans, Socken und gut erhaltene Turnschuhe von Nike in Größe 34. Es scheint genug zu sein, um die Kleidung weitgehend komplett für eine Rekonstruktion und den Abgleich mit den offenen Vermisstenfällen zusammenzubekommen.«
»Wie weit könnt ihr die Reifenspuren des Fahrzeugs zurückverfolgen?« Harro drehte sich um und ließ seinen Blick über die große freie Fläche schweifen. An einigen Stellen sah der Boden zerwühlt aus.
»Nicht so weit. Um die zehn bis fünfzehn Meter. Dann kommen so viele andere Reifenspuren dazu, dass es unübersichtlich wird. Hier haben in den letzten Tagen etliche Leute gearbeitet. Nächste Woche soll mit den Tiefbauarbeiten begonnen werden, Kanalisation und so weiter. Ist alles frisch eingemessen worden.«
Ein Kollege brachte die nächsten Fundstücke. Sie konnten es rieseln hören, als er sie vorsichtig auf der Plane ablegte.
»Sand?« Harro beugte sich hinab, um besser sehen zu können.
»Ja, an nahezu allen Überresten und den Kleidungsstücken finden sich Sandkörner. Das ist ganz anderes Material als der Rest des Erdhaufens oder der Oberboden hier.«
Tobias beugte sich hinunter, hielt aber einen Sicherheitsabstand ein, weil er sich keinen Rüffel wegen der noch fehlenden Schutzkleidung abholen wollte. Harro hielt sich selbst nicht immer an die Regeln, achtete aber bei allen anderen ganz besonders darauf.
»Der Erdhaufen besteht aus dem Unterboden. Das ist Löß, der Staub der Eiszeiten, der schimmert immer leicht gelb. Obenauf liegt die Humusschicht, die ist dunkler. Das an den Knochen ist von der Farbe her zwar ähnlich wie der Löß, aber viel grobkörniger. Es sieht aus wie gelber Sand vom Strand.« Tobias richtete sich wieder auf, dabei war Ravi sicher, dass er die winzigen Sandkörner gern noch näher in Augenschein genommen hätte.
»Unser Geologe.« Harro verrieb ein paar der Körner zwischen Daumen sowie Zeige- und Mittelfinger.
»Nein, kein Geologe, bloß der Enkel eines erdverbundenen Weinbauern, der in den Herbstferien bei jedem Wetter mit in die Weinlese musste.«
Sie ließen die Kollegen weitermachen und gingen beiseite, um ihre Schutzanzüge anzuziehen. Wenig später waren sie vollständig eingekleidet. Ravi sah sich um, unschlüssig, wie er vorgehen sollte. Harro stand bei den beiden Kollegen, die weiter behutsam den Erdhaufen durchpflügten. Tobias hatte damit begonnen, die Dreihundertsechzig-Grad-Kamera auszupacken, und das Stativ bereits aufgestellt. Er würde vom großen Ganzen bis ins Detail alles auf Fotos festhalten, was es hier zu sehen gab, hochauflösend und sowohl horizontal als auch vertikal. Das ermöglichte ihnen, den Fundort der Leiche später, wenn nötig, aus allen Bildern dreidimensional zusammengesetzt erneut zu betrachten und die genaue Position jedes einzelnen Fundstücks zu markieren. Mit der Drohne konnte er zusätzlich Aufnahmen aus der Luft machen.
Langsam folgte er der gut sichtbaren Reifenspur, die vom Fundort der Leiche mitten auf die markierte Fläche führte. Es gab für den Abdruck im Boden vermutlich eine einfache Erklärung. Ein Bagger der Baufirma, die hier alles plan gemacht hatte, musste eine Schaufel Erde auf der Halde abgeladen und die eigentlich interessante Spur, sofern es sie zu dem Zeitpunkt überhaupt noch gegeben hatte, dabei vollständig zerstört haben: den älteren Reifenabdruck eines Pkw, in dessen Kofferraum sich die Überreste befunden hatten. Aber warum wurden sie genau hier abgeladen? Was hatte die Person bewogen, sich für diese Stelle zu entscheiden, die alles, nur kein besonders gutes Versteck darstellte? Oder sollte der Erdhaufen demnächst fortgeschafft werden? Die Knochen wären dann weg gewesen, aber bei allem blieb das Risiko, dass sie in der Zwischenzeit oder beim Abtransport doch noch entdeckt wurden.
So viele Fragen, auf die sie im Laufe des Tages hoffentlich erste Antworten finden würden. Nach einem mit kühlem Kopf ausgetüftelten Plan, um einen Mord zu vertuschen und die Überreste auf ewig verschwinden zu lassen, sah das für ihn jedenfalls nicht aus. Eher wie das ungeplante hektische Entsorgen am erstbesten Ort, der einem in den Sinn kam.
Ravi ging noch ein Stück weiter und suchte nach Hinweisen, wie es hier vor der Räumung ausgesehen hatte, als er das leise Surren der Drohne über sich vernahm. Es würde ihn nicht wundern, wenn sie durch Tobias’ Luftaufnahmen einen besseren Eindruck vom ursprünglichen Gelände bekamen.
Kurz legte er den Kopf in den Nacken, weil der Lärm bedrohlich anschwoll. Gefährlich laut und viel zu nah hörte sich das an. Ein kühler Luftzug ließ ihn reflexartig zusammenzucken und in die Knie gehen. Fast wäre das Ding auf ihn herabgefallen. Suchend irrte sein Blick umher, während das Fluggefährt weiter drohend, aber etwas höher direkt über ihm hielt. Dann hatte er Tobias bei ihrem Kombi ausgemacht. Harro stand neben ihm. Beide schienen sich prächtig zu amüsieren. Harro deutete lachend in seine Richtung. Sicher bekam er die Fotos von sich mit angstgeweiteten Augen und dem Schrecken im Blick von den beiden zu Weihnachten geschenkt.
Tobias schien ein Einsehen mit ihm zu haben. Surrend gewann das Flugobjekt schnell wieder an Höhe und zog davon. Ravi richtete sich auf. An seiner Hand klebte reichlich Dreck, weil er sich mit der Rechten auf der feuchten Erde abgestützt hatte. Gezwungenermaßen rieb er sich den knirschenden Schmutz von den Handflächen – und hielt in der Bewegung inne, weil sich das so ganz anders anfühlte, als er erwartet hatte.
Abwechselnd starrte er auf seine Hände und auf die Stelle zu seinen Füßen, in die er eben unfreiwillig hineingelangt hatte. Dann sank er auf die Knie und drückte den dichten Grasbewuchs zur Seite. Er zerrte an den grünen Büscheln, die sich leicht aus dem Untergrund herauslösen ließen. Immer größer wurde die Fläche, die er auf diese Weise freilegte. Sie leuchtete gelb. Es schien der gleiche grobe gelbe Sand zu sein, der auch an den Knochen klebte.
6
Die wulstige Narbe an seinem Hinterkopf juckte. Er zwang sich, dem Bedürfnis, die Finger tastend dorthin wandern zu lassen, nicht nachzugeben. Es änderte ja doch nichts. Quer über den gesamten Hinterkopf zog sie sich, und wenn er zu oft daran herummachte, am besten noch mit dreckigen Fingern, drohte sie sich wieder zu entzünden. Es wäre nicht das erste und bestimmt auch nicht das letzte Mal. Darum behielt er seine Hände lieber unten. Das im Falle einer Infektion notwendig werdende Ausrasieren und das sich daran anschließende tägliche Desinfizieren waren so schmerzhaft, dass es als Abschreckung ausreichte. Da er das alles allein nicht hinbekam, musste er morgens und mittags beim Doktor erscheinen, dessen Sprechstundenhilfen es auch nicht gerade erfreulich fanden, die Wunde zu reinigen und sich dabei noch beleidigen zu lassen. Es tat einfach so verdammt weh, dass er nicht an sich halten konnte. Die dicke Blonde weigerte sich seit einer der letzten Behandlungen, mit ihm zu reden, weil er sie bei einer ungelenken Abwehrbewegung ungünstig, aber nicht absichtlich unterhalb des Brustbeins getroffen hatte.
Wie lange würde das noch so weitergehen? Er schüttelte den Kopf und gab sich damit selbst die Antwort: Keiner wusste es. Die Ärzte nicht und er selbst schon gar nicht. Eigentlich sollte längst alles gut sein. Nur aus diesem Grund hatte er im Dezember letzten Jahres überhaupt zugestimmt, dass sie ihm den Schädel aufmachten. Die stetig wachsende Kugel musste raus, und sie hatten ihm versichert, dass sie alles wegmachen würden und er gute Aussichten habe, danach wieder der Alte zu sein.
Aufgesägt hatten sie ihn. Zurückgeblieben war die wulstige Narbe auf dem Hinterkopf, die ihn juckend daran erinnerte, dass es den Ärzten zwar gelungen war, ein Geschwür von der Größe eines Tischtennisballs aus seinem Schädel zu entfernen, dass dies aber leider nicht alles gewesen war. Dahinter hatte sich noch ein kleinerer Tumor in einer so verzwickten Position versteckt, dass er zuvor nicht zu sehen und auch nicht zu entfernen war. Da das Mistding sich nun bemühte, die plötzlich entstandene Lücke schnellstmöglich auszufüllen, und danach kaum Anstalten machen würde, das Wachstum einzustellen, war absehbar, ab wann er blind und bettlägerig sein würde. Nur wann alles zu Ende sein sollte, das hatten sie ihm nicht genau sagen können.
Sein rechtes Augenlid zitterte, während er sich konzentriert bemühte, alles zu beobachten, was sich dort unten abspielte. Die Gießkanne hielt er fest umklammert. Wenn er die rechte Hand zur Faust ballte, ließ das Flimmern vor seinem Augenlid erstaunlicherweise sogar ein wenig nach. Irgendwie hing alles zusammen. Nur sorgte die Kugel in seinem Kopf dafür, dass manches nicht mehr auf direktem Wege lief.
Er schrieb es dem Zufall zu, dass er gerade hier oben auf dem Friedhof gewesen war, als die Sirenen anschwollen. Im Sommer besuchte er seine Mutter jeden Tag, ab Oktober nur noch zweimal in der Woche. Hier sollten sie auch ihn begraben, ganz nah an ihr dran. Das hatte er alles notiert für den Zeitpunkt, der kommen würde. Die linke Hälfte der Familiengrabstätte, ihre Seite, bepflanzte er im Frühjahr mit einer bunten Auswahl blühender Blumen, die besonderer Pflege und regelmäßiger Wässerung bedurften, damit sie die heißen Monate unbeschadet überstanden. Im Herbst hingegen reichte ein wöchentlicher Besuch am Grab, um die herabgefallenen Blätter aufzusammeln und später dann den rechten Teil, den dichtes Dauergrün bedeckte, für den Winter fertig zu machen.
Beim Klang der Sirenen war er den Frauen nachgelaufen, hatte sich wie willenlos in den Zug der Neugierigen eingereiht, obwohl er es sonst vermied, anderen Menschen näherzukommen. Ihren Gesprächen konnte er nicht folgen, und er spürte, dass die Angst vor ihm sie ein wenig zurückweichen ließ. So stand er zwei Schritte abseits, in der Hand die Gießkanne, mit der er den Grabstein, die Inschrift und den mächtigen Kalksteinfindling im dichten Immergrün abspülte, und starrte wie die anderen hinab auf das, was sich dort unten hinter dem Zaun und auf der großen Weite abspielte, wo sich bis vor wenigen Wochen die Gärten gedrängt hatten. Das Labyrinth der Kindheit und Jugend war getilgt. Nichts erinnerte mehr daran. Und das war gut so.
7
Tobias sah auf seine Armbanduhr. Es war schon kurz nach drei, und eigentlich waren sie mit dem meisten fertig. Die Zahl der im Einsatz befindlichen Beamten hatte sich bereits merklich reduziert. Eben gerade waren der Chef und Ravi aufgebrochen, um dem Bürgermeister der Gemeinde einen Besuch abzustatten. Sie hatten sich gewundert, dass der noch nicht von selbst aufgetaucht war, bei dem Betrieb in seinem überschaubaren Reich. So viel Besuch von außerhalb gab es hier wahrscheinlich nicht einmal während der Kirchweih.
Obwohl das Dorf hier noch groß war, gemessen an dem, was vor Tobias’ eigener Haustür lag. Dort, wo er mit seiner kleinen Familie gestrandet war, sah es noch viel trostloser aus. Dreißig Kilometer weiter und nur ein Viertel der Einwohner. So fühlte sich Landidylle wirklich an. Ein Drecksnest hatten sie sich als Lebensmittelpunkt ausgesucht. Er konnte darüber nur den Kopf schütteln.
Ein Kollege, der nicht weit von ihm auf dem Boden kniete und vorsichtig den Abdruck eines Autoreifens säuberte, sah zu ihm herüber. Tobias blickte schnell wieder nach unten auf den Sand, den er systematisch von links nach rechts schaufelte, sonst hätte er den Kollegen gleich neben sich, weil er glaubte, es gelte einen Sensationsfund zu begutachten. Und dann dauerte es noch länger, bis sie hier fertig waren.
Wenn sie Todesfälle untersuchten, bei denen die Opfer Kinder waren, war die Stimmung anders als sonst. Es dauerte viel länger, bis durch die kaum vernehmbare Geschäftigkeit einer solchen Ermittlung mal wieder ein halblautes Lachen drang. Wann immer bei zu untersuchenden Gewalttaten Kinder involviert waren, hing die Arbeit auch ihm noch Tage nach, vor allem seit er selbst Nachwuchs zu Hause hatte. Automatisch projizierte er auch diesmal das Grauen, dem das Opfer vor seinem Tod sicherlich ausgesetzt gewesen war, auf den eigenen Sohn oder die Tochter. Dabei spielte es keine Rolle, dass seine Kinder viel jünger waren. Es wollte ihm nur schwer gelingen, nicht sie im gelben Sand liegen zu sehen.
Er zwang sich, nicht gleich wieder auf die Uhr zu schauen. Seit dem letzten Mal waren höchstens ein paar Minuten vergangen. Die Knochen kamen wahrscheinlich gerade in der Gerichtsmedizin an. Frau Dr. Lieberknecht hatte ihnen einen kurzen Besuch abgestattet und sich den Fundort sowie die Überreste auf der Plane angesehen. Alles Weitere erledigte sie im Institut für Rechtsmedizin. Darüber waren alle froh. Sie verbreitete eine unangenehme Unruhe, wo immer sie auftauchte. Die Lieberknecht rauschte mit Getöse heran, fegte über alles hinweg, und ein Stoßseufzer ging durch die gesamte Mannschaft, wenn sie endlich wieder verschwunden war. Das lag zum einen an ihrer Lautstärke. Sie konnte nicht leise sprechen, geschweige denn flüstern. Ihre recht hohe Stimme war auch über größere Entfernungen auszumachen. Zum anderen hatte sie die wohl zwanghafte Angewohnheit, jedem anwesenden Beamten in der Nähe des Leichenfundortes einmal kurz über die Schulter zu schauen, um eine ihrer üblichen Maßregelungen oder wiederkehrende Verbesserungshinweise loszuwerden. »Ihr rechter Fußüberzieher hängt an der Ferse herab. Unter Umständen hinterlassen Sie so Abdrücke, die Ihr Kollege später in Gips gießt.«
Er stieß einen missbilligenden Laut aus und setzte die monotone Arbeit im Sand fort. Wenn er mit der vier Quadratmeter großen Grube fertig war, auf die er Ravi unwissentlich gestoßen hatte, stand einem geregelten Feierabend eigentlich nichts mehr im Wege. Ein Mordfall erforderte normalerweise Tag-und-Nacht-Einsatz. Die ersten vierundzwanzig Stunden waren oft entscheidend. Ließ sich in diesem knappen Zeitraum kein roter Faden finden, lavierte man in den meisten Fällen wochenlang herum, um am Ende mit leeren Händen dazustehen. Das kam hier bei ihnen allerdings selten vor, weil die Stadt Mainz und vor allem das sie umgebende rheinhessische Hügelland mit seinen Weinbergen keinen Kriminalitätsschwerpunkt markierte. Mord und Totschlag stellten in ihrem Berufsalltag Ausnahmesituationen dar. Hier starb man zwar manchmal sehr plötzlich und in mitunter befremdlich anmutenden Positionen, so wie überall, aber nur äußerst selten gab es dafür keine natürliche Erklärung.
Hätten sie die Leiche des Kindes heute Morgen noch fast warm vorgefunden, wäre das eine ganz andere Situation. Überstunden wären vorprogrammiert. Zur Not würden sie die Nacht durchmachen, um gegen Morgen für einen kurzen Schlaf und zum Frischmachen nach Hause zu fahren. Aber das hier – Tobias drehte sich kurz zum Erdhaufen am Friedhofszaun um –, das war alles, nur keine drängende Ermittlung, bei der es auf jede Minute ankam.
Zwar hatten sie im Laufe eines Tages schon einiges an Erkenntnissen gewinnen können. Die Tatsache etwa, dass sie in der Erde unter den letzten Knochen herbstlich gefärbte Blätter der umstehenden Walnussbäume und eines Ahorns entdeckt hatten, sprach eindeutig dafür, dass die sterblichen Überreste des Kindes nur etwa zwei bis drei Wochen dort gelegen hatten. Und aus der kleinen Sandgrube, die sie nach Ravis Entdeckung vollständig freigelegt hatten, stammte der gelbe Sand, den sie im Erdreich sowie an den Knochen und den Resten der Kleidung gefunden hatten. Ganz sicher war es noch nicht, aber vieles deutete darauf hin.
Wahrscheinlich würden sie trotzdem erst weiterkommen, wenn die Untersuchungsergebnisse von Frau Dr. Lieberknecht bezüglich Alter und Todeszeitpunkt des Kindes vorlagen, und damit war frühestens im Laufe des morgigen Vormittags zu rechnen. Bis dahin war es, solange sie alles gesichert und vollständig dokumentiert hatten, sinnlos, sich weiter hier oder im Büro herumzudrücken.
Dass Harro auch heute wieder kein Ende finden würde, war sonnenklar. Auf den wartete daheim in seinem Kellerverlies außer dem Kühlschrank niemand. Und in Ravi hatte der Chef nun wieder einen Gleichgesinnten an seiner Seite. Den beiden war es egal, wann sie Feierabend machen konnten. Er selbst aber hatte eine Familie, die ihn brauchte, und noch eine knappe Stunde Fahrt im Berufsverkehr vor sich. Als winziger Bestandteil eines fast endlos erscheinenden Pendlerkorsos, der sich mit Tempo fünfzig über gewundene Landstraßen schlängelte. Selbst wenn er jetzt schon aufbräche, würde es an den einspurigen Baustellenabschnitten, vor deren Ampeln sich lange Rückstaus bildeten, extrem gut laufen müssen, damit er Ben noch rechtzeitig aus der Betreuung abholen und beim Fußball abgeben könnte. Sein Sohn freute sich die ganze Woche auf das Training mit seiner Mannschaft im Nachbardorf. So wie Sara am Morgen drauf gewesen war, bekam sie das aber wieder nicht geregelt, und der Kleine würde heute Abend am Esstisch mit Tränen in den Augen fragen, wann denn das Training endlich anfinge.
Tobias spürte den Druck auf seiner Brust, der sich immer bei diesen Gedanken einstellte. Er rieb sich über das Gesicht und versuchte, dennoch ein Mindestmaß an Konzentration aufzubringen, um in dem gelben Sand nichts zu übersehen. Schaufel für Schaufel nahm er auf und ließ sie neben sich auf einen kleinen Haufen rieseln. Einen Knopf hatte er vorhin schon gefunden und in ein kleines Tütchen gepackt.
Der gelbe Sand, der an den Spielsand erinnerte, den man im Baumarkt als Sackware kaufen konnte, lag hier zwanzig Zentimeter tief. Proben davon waren schon unterwegs, um in der Rechtsmedizin und dem Labor im LKA untersucht zu werden. Außer dem einen Knopf war im Sand bis jetzt aber nichts weiter zu finden gewesen. Tobias glaubte nicht, dass der Leichnam ursprünglich hier gelegen hatte. Die tieferen Schichten, in denen er inzwischen suchte, wirkten komplett unberührt. Behutsam arbeitete er sich trotzdem weiter vor.
Es war ein Fehler gewesen, mit den beiden kleinen Kindern so weit raus aufs Land zu ziehen. Saras Krankheit war zu diesem Zeitpunkt schon offensichtlich gewesen, aber sie hatten beide gehofft, dass es nicht mehr als eine hormonelle Störung nach der Geburt ihrer Tochter sein und der Ortswechsel ihnen guttun würde. Lena und Ben sollten besser und gesünder aufwachsen, als es in der hektischen und dreckigen Stadt möglich war. Im eigenen Garten, der zusätzlich noch selbst gezogenes Obst und Gemüse bereitstellte, konnten sie spielen und die Natur kennenlernen. Heute schüttelte er den Kopf über so viel Naivität und wurde jedes Mal rasend vor Angst, wenn er Sara bei einem seiner mehrmals täglichen Kontrollanrufe nicht sofort an das Handy bekam. Nicht selten hatte er seine Frau in den letzten Wochen, nachdem er die Kinder auf dem Heimweg von der Arbeit eingesammelt hatte, im dunklen Wohnzimmer in einem halbwachen Dämmerzustand angetroffen. Das Frühstücksgeschirr stand stets noch auf dem kleinen Tisch in der Küche, und sie steckte in Nachthemd und Bademantel. »Die Kraft fehlt mir für mehr. Ich habe es einfach nicht geschafft aufzustehen. Ist es schon so spät?«
Wie sollte das erst im Winter werden, wenn die Dunkelheit noch früher kam und sie ganz gefangen nahm? Es war für ihn schwer vorstellbar, dass die Globuli ihrer Heilpraktikerin dann noch ausreichten. Seiner Ansicht nach zeigten sie ohnehin keine Wirkung. Er schluckte und versuchte, sich aus diesen Gedanken herauszuwinden. Es wollte ihm aber nicht gelingen. Wieder ergriff ihn Zorn, weil sie deswegen schon so oft gestritten hatten. Sara weigerte sich weiterhin standhaft, eine richtige Behandlung zu beginnen. »Madelaine hilft mir. Es wird schon besser. Sie hat Erfahrung damit und versprochen, dass alles wieder gut wird, wenn wir weiter mit vereinten Kräften daran arbeiten.«
Gereizt schleuderte er eine Schaufel Sand auf den Haufen neben sich und blickte sich erschrocken um, ob ihn jemand dabei beobachtet hatte. Die wenigen verbliebenen Kollegen waren zum Glück alle mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Sicher planten sie auch schon den Feierabend. Er glaubte allerdings nicht, dass die sich ähnliche Sorgen machen mussten wie er. Der Beruf, der die Tage oft genug fast ganz verschlang, und die Verantwortung für seine kleine Familie, die mehr und mehr allein auf seinen Schultern lastete, drückten ihn in manchen Momenten regelrecht nieder. Er wurde rasend bei dem Gedanken, dass er schlicht nicht wusste, wo er ansetzen sollte, um ein wenig Abhilfe zu schaffen und wieder Licht am Ende des Tunnels sehen zu können. In ihrem Garten stand das dürre Unkraut in diesem Sommer so hoch, dass die Kinder darin bequem Verstecken spielen konnten. Er konnte das nicht auch noch machen. Und um die Hypothek bis zur Rente getilgt zu haben, war Saras halbe Stelle in der Apotheke ab Januar fest eingeplant. »Ohne mich wäre alles viel einfacher für dich. Du musst eigentlich drei Kleinkinder versorgen, ganz allein. Ich bin eine Last für euch.«
Ihre von Tränen fast erstickten Worte klangen Tobias jetzt wieder in den Ohren. Das Gefühl, das sie bei ihm verursachten, nahm ihm fast die Luft. Sara brauchte dringend richtige Hilfe, auch wenn sie sich weiter weigerte, einen Arzt aufzusuchen. Zur Not musste er sie eben zwingen und sich in der kommenden Woche für einen oder zwei Tage krankmelden, um sie zu dem Fachmann zu begleiten, den er schon vor längerer Zeit ausgesucht hatte.
8
Zum Glück war die Wegstrecke sehr kurz gewesen. Es hatte sich nicht gelohnt, dafür das Radio anzumachen, und Ravi war heilfroh, nicht noch mehr freudige Schlagermusik über sich ergehen lassen zu müssen. Vielleicht stand Harro nach dem Fund der Knochen eines Kindes aber auch nicht der Sinn nach Patrick Lindner, Florian Silbereisen oder Andrea Jürgens.
Dass der Bürgermeister trotz der sicherlich in Windeseile durch das Dorf gegangenen Nachricht vom Leichenfund bisher noch nicht aufgetaucht war, hatte seinen Grund. Seine Sekretärin hatte ihnen am Telefon erklärt, er würde sich seit heute Morgen in Ingelheim aufhalten, weil dort die monatliche Sitzung des Kreistages stattfinde. Erfahrungsgemäß sei diese gegen vierzehn Uhr beendet und er daher ab fünfzehn Uhr wieder zu Hause. Jetzt war es kurz nach drei, und in der Einfahrt des gepflegten Bungalows aus den Neunzigern stand ein kleiner dunkelblauer SUV, dessen nachlaufende Lüftung verriet, dass er bis vor Kurzem noch bewegt worden war.
»Er wird schon Bescheid wissen.« Harro blickte Ravi kurz an und drückte dann die Klingel, zu der ein kleines Kameraauge gehörte. Durch die weiße Eingangstür mit blickdichten Glaseinlagen konnten sie kurz darauf Schritte hören. Ein lauwarmer Schwall abgestandener Küchenluft schlug ihnen entgegen, als die Tür geöffnet wurde. Eine Mischung aus Bratenfleisch und Kohl als Beilage. Ravi konnte das Grummeln seines Magens spüren, der sich hungrig zu Wort meldete. Ein Zeitfenster für ein Mittagessen hatte es nicht gegeben.
»Hauptkommissar Betz, guten Tag. Das ist Oberkommissar Bingenheimer. Wir sind von der Kriminalpolizei und untersuchen den Leichenfund auf der Rückseite des Friedhofsgeländes. Wir würden Ihnen gern ein paar Fragen stellen.«
»Ja, natürlich.« Der Bürgermeister reckte sich und nahm Haltung an. Fehlte nur noch, dass er die Hand zum Gruß an die Stirn führte und die Hacken zusammenschlug. Er war groß und hager und musste etwa Anfang sechzig sein. Ein dünner, kurz gehaltener Haarkranz zog sich um die glänzende Freifläche auf seinem Kopf. Die Zeit daheim hatte anscheinend noch nicht ausgereicht, um in bequeme Freizeitkleidung für den Feierabend zu wechseln. Er trug einen dunkelblauen Anzug, dessen Sakko etwas zu groß wirkte. Seine schwarz-gold gestreifte Krawatte zum hellblauen Hemd hatte er über die Schulter nach hinten gelegt, wohl um sie davor zu bewahren, in die Bratensoße zu fallen. Seine Füße steckten in ausgetretenen Birkenstocksandalen. »Bitte entschuldigen Sie. Mein Name ist Horst Medinger. Ich bin seit sieben Jahren hier der Bürgermeister. Kommen Sie doch herein.« Er trat zur Seite. »Ich hatte heute den ganzen Tag dienstlich in Ingelheim zu tun, sonst wäre ich längst zu Ihnen gekommen. Meine Mitarbeiterin hat mir eben erst Bescheid gegeben.«