Andreas Wagner Herrgottsacker
Herrgottsacker
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Andreas Wagner Herrgottsacker

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Ravi konnte an den Blicken seiner Kollegen ablesen, was sie von ihm hören wollten. Die Stille im Raum unterstrich diese Erwartung noch. Er wusste nicht, wo er anfangen sollte. Die emotionalen Eindrücke der vergangenen vier Wochen in diesem Land, das ihm anfangs so fremd gewesen war, bildeten ein unentwirrbares Durcheinander, das ihm die Kehle zuschnürte.

»Lass dir Zeit mit dem Bericht.« Harro nickte ihm aufmunternd zu. »Das holen wir bei einem Yogi-Tee nach. Hier hast du nicht viel versäumt. Einer in der Wanne, ein ganz Dicker auf dem Klo, für den wir vier Kollegen gebraucht haben, um ihn runterzubekommen. Eine Schießerei mit zwei Verletzten in Worms. Da sind wir noch dran. Der ganz normale Wahnsinn. Tobias klärt dich auf, und dann sehen wir weiter.« Harro hielt kurz inne. »Schön, dass du wieder da bist!«

Dann war er draußen. Tobias zuckte mit den Schultern. Die Tür stand offen. Er flüsterte: »Erstaunlich friedlich zurzeit. Ich weiß auch nicht, was mit ihm los ist.«

»Müssen wir uns Gedanken machen?« Ravi schaltete den Computer an. Er spürte, wie warm ihm war. Seine Hände fühlten sich feucht an.

»Er wird altersmilde.«

»Fertig sieht er aus.« Ravi flüsterte jetzt auch.

»Eigentlich wie immer am Montag. Dir fällt es nach vier Wochen Abwesenheit nur mehr auf.«

»Was macht der übers Wochenende?«

Tobias hob wieder leicht die Schultern und deutete mit der rechten Hand eine Trinkbewegung an.

»Privatparty im Souterrain in Gonsenheim? Kann ich mir nicht vorstellen. Dazu bräuchte er ein Privatleben, mit Freunden und gemeinsamen Restaurantbesuchen, Theater, Kino oder so etwas. Harro ist doch eigentlich immer hier.« Ravi musste bei diesem Gedanken grinsen. Tobias winkte ab.

Ravis Computer brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um sich zu sortieren und eine bedingte Einsatzbereitschaft zu signalisieren. Er schien unentwegt Daten zu ordnen und unterstrich das mit monoton summenden Geräuschen, die nach einer großen Endlosschleife klangen. Was würde er tun, wenn die erlösende Mail endlich einging? Sollte er sie sofort lesen, oder wäre es sinnvoller abzuwarten, bis er allein war? Zur Not musste er sich eben bis heute Abend gedulden. Er atmete viel zu laut aus, und Tobias sah ihn fragend an. Er schien zu warten.

»Willst du reden?« Tobias warf einen kurzen Kontrollblick in Richtung Tür. Der Chef war weg, sie konnten jetzt über alles sprechen.

»Noch nicht.« Er drückte den Kloß in seinem Hals nach unten. Im gleichen Moment blitzte mindestens ein halbes Dutzend neuer Mails in seinem privaten Account auf. »Und bei euch daheim, alles okay? Wie geht es den Kindern?«

Ravi war froh, als sich Tobias in seinem Stuhl streckte, um zu einem umfassenden Bericht über Lenas und Bens Entwicklung während der letzten vier Wochen auszuholen.

3

Die grobe Leberwurst vom Frühstück war soeben in einen Dialog mit ihm getreten. Egon Gröhl spürte, dass es nicht bei einem einmaligen Lebenszeichen bleiben würde. Die zweite Tasse Kaffee war schuld daran. Die hätte er ausschlagen sollen und sich besser gleich auf den Weg gemacht. Aber so kam eines zum anderen. Regina hatte die Kanne abspülen wollen und ihm den winzigen Rest, der dann doch eine randvolle Tasse ergab, aufgenötigt. Beim Gedanken daran drückte sich ein weiterer säuerlicher Schwall aus seinem gereizten Magen die Speiseröhre hinauf. Er schluckte tapfer dagegen an und versuchte, sich abzulenken, was aber nicht recht gelingen wollte.

Entschlossen stapfte er weiter durch das halbhohe feuchte Gras und die gelben Blätter, die beinahe alles zudeckten. Durch die dünnen Sohlen seiner um die massigen Waden engen Gummistiefel konnte er die Walnüsse spüren, die knackend unter seinem Gewicht zerbrachen. Veranstalteten die Krähen im Baum über ihm daher einen solchen Krach? Aus Vorfreude auf den Festschmaus, den er ihnen mit seinem Spaziergang bereitete? Wahrscheinlich folgten sie ihm nachher über die gesamte Wiese. Es hieß ja immer, dass Krähen ganz besonders intelligente Vögel seien. Sie sammelten die harten Nüsse auf, die sie selbst aus eigener Kraft nie geöffnet bekamen, und flogen zur nahegelegenen Landstraße, um sie dort aus großer Höhe auf den Asphalt prallen zu lassen. Wenn das nicht ausreichte, warteten sie geduldig ab, bis das nächste Auto darübergerast war.

Gestern erst hatte er ein besonders großes und schönes Exemplar bei dieser Beschäftigung beobachten können, als er am Morgen mit Bronko unterwegs gewesen war. Regina hatte ihre beiden Freundinnen, Isolde und Hannelore, zum Weißwurstfrühstück mit Prosecco erwartet. Grund genug für ihn, sich für die große Runde mit dem Hund zu entscheiden. Das Geschnatter der drei war schon nicht auszuhalten, wenn sie nüchtern waren. Nach dem Genuss von mehreren Gläsern Perlwein glich es einem furiosen Allegro aus sich überschlagenden Stimmen, die um die Oberhand rangen. Davon bekam er stets Kopfschmerzen.

Vom Knacken der berstenden Nüsse begleitet, trottete er weiter. Vielleicht kannten die Vögel mittlerweile seinen morgendlichen Weg und hatten diesen mit den Nüssen präpariert, damit er sie zertrat.

Bronko, sein von einem Hüftleiden gezeichneter Schäferhund, hockte ein Stück voraus mitten auf dem geschotterten Weg, der an den letzten Häusern entlangführte. Er starrte ihn gequält an, während seine Hinterläufe zitterten. Egon Gröhl wusste, was das bedeutete. Immer die gleiche Stelle und immer auf dem Weg, obwohl es zwei Meter weiter unter den Nussbäumen ausreichend Platz und reichlich Grün gab, um entspannt zu kacken. Ein Blick nach links zeigte, dass er auch diesmal um die lästige Pflicht nicht herumkam. Die alte Nomborn stand hinter der luftigen Gardine ihres Küchenfensters und war anscheinend überzeugt, dass sie dort niemand sehen konnte. Sie war ganz schlecht zu Fuß, wie sie jedem im Dorf ausschweifend erzählte, aber wenn er gleich weg war, würde es keine zwei Minuten dauern, bis sie kontrollierte, ob er den Haufen seines Tieres auch vorschriftsmäßig eingepackt und mitgenommen hatte.

Er hielt dem Blick seines Hundes so lange stand, bis dieser in die andere Richtung starrte, und kramte nach einem der schwarzen Beutel. Regina steckte sie ihm immer in ausreichender Menge in die tiefen Taschen seines alten Wintermantels, den er bei seinen morgendlichen Spaziergängen trug. Seine Kniegelenke knirschten beängstigend, als er sich schnaufend vorbeugte, um den dampfenden, warmen Haufen zu packen. Als Metzger im Ruhestand war er abgehärtet, aber Bronkos Hinterlassenschaften anfassen zu müssen ekelte ihn jedes Mal aufs Neue. Daher lief er gern den größeren Bogen ums Dorf. Auf den weniger frequentierten Wegen konnte er die Haufen seines Hundes getrost und ungesehen liegen lassen. Doch je nach Tagesform fiel Bronko der längere Marsch zusehends schwerer. Und da sie gestern schon die große Runde absolviert hatten, mussten sie heute die kurze Strecke gehen.

Ein Kontrollblick nach hinten bestätigte ihm, dass die Alte verschwunden war. Er ging weiter und summte zufrieden ein paar Takte eines zackigen Marsches vor sich hin, den er vorhin im Radio gehört hatte. Gleich würde er den schmiedeeisernen Zaun der Eheleute Pichel erreichen. Er war Oberstudienrat im Ruhestand, sie hatte nur gelernt, die Nase hoch zu tragen. Einmal hatte sie sich erdreistet, an einem Samstagvormittag in seiner gut gefüllten Metzgerei vor allen anwesenden Kundinnen zu behaupten, sein frischer Fleischsalat vom Donnerstag habe vergoren und die Fleischwurst vom selben Tag ranzig geschmeckt. Danach konnte er über etliche Wochen kaum noch einen Ring Fleischwurst, geschweige denn einen Becher seines selbst gemachten Fleischsalates verkaufen.

Als würde Egon Gröhl die Umgebung betrachten, drehte er sich gemächlich um und kontrollierte noch einmal beiläufig, ob er allein und ungesehen war, dann schleuderte er den prall gefüllten warmen Plastikbeutel in Richtung ihrer Terrasse. Voller Genugtuung lauschte er dem platschenden Geräusch, mit dem der Beutel gegen die große Glasfront schlug, die zum Wohnzimmer gehörte. Es war kurz nach zehn. Pichels waren um diese Zeit an jedem Wochentag im Fitnessstudio im Nachbardorf. Das wusste jeder hier, weil sie es stolz immer wieder erzählten, obwohl es keiner hören wollte.

Egon Gröhl grinste selbstzufrieden. Er liebte die morgendlichen Spaziergänge mit seinem treuen, schweigsamen Gefährten.

Bronko war bereits vorausgelaufen und kam nun wieder auf ihn zugewetzt. Anscheinend konnte die Bewegung seine Schmerzen weitgehend lindern. Erst als sein Schäferhund schon ganz nahe bei ihm war, sah Egon Gröhl, dass er etwas zwischen den Zähnen hielt, das er ihm stolz präsentierte. Dabei wahrte der Hund den gebotenen Sicherheitsabstand, um sein Fundstück nicht gleich wieder entrissen zu bekommen.

Die Kälte hatte Gröhl Tränen in die Augen getrieben. Es dauerte daher etwas, bis er erkannte, was der Köter angeschleppt hatte. Als Metzger im Ruhestand kannte er sich mit Knochen aus. Und dieser Oberschenkel stammte weder von einem Schwein noch von einem Rindvieh. Ganz frisch war er auch nicht mehr, aber gerade, als er glaubte, noch etwas Knorpel daran zu erkennen, nahm Bronko Reißaus.

»Bleib hier, du Drecksköter!« Heiser brüllte Gröhl hinter seinem Hund her, der längst nicht mehr hörte. Er hetzte über die große geräumte Fläche, auf der die Baufirma schon den geplanten Straßenverlauf mit kleinen roten Pflöcken abgesteckt hatte. An einigen Stellen war zudem die obere Erdschicht weggeschoben und abtransportiert worden. Das Areal wurde von allen in Essenheim seit Generationen nur der »Herrgottsacker« genannt, weil der Friedhof zu Zeiten seiner Urgroßeltern bis hierher gereicht hatte, wo sie jetzt das Neubaugebiet planten.

Er konnte seinen Hund in dem frischen Erdhaufen wühlen sehen. Dahinter stieg die Böschung leicht an und führte auf das Gelände des neuen Friedhofs. Bronko grub hektisch im Erdreich und bellte heiser. Was hatte ihr Bürgermeister jetzt schon wieder für eine Sauerei angezettelt?

4

Rolf sah die Einsatzwagen, und ihn beschlich sofort das ungute Gefühl, dass es etwas mit den Knochen von vorletzter Woche zu tun haben musste. Die Sirenen hatte er nicht wahrgenommen, weil er den Gehörschutz auf den Ohren trug. Der Laubbläser machte einen solchen Lärm, dass er das Brummen auch noch am Abend und in der Nacht hörte, wenn er längst in völliger Stille auf seinem Sofa lag. Das konnte nicht gesund sein. Der Jugo hatte ihn angestoßen und auf die beiden Streifenwagen gezeigt, die gerade an ihnen vorbeischossen und auf den oberen Ortsausgang zuhielten. Seiner Ansicht nach wohl wieder ein Unfall an der unübersichtlichen Einmündung auf die Landstraße in Richtung Stadecken-Elsheim. Wie oft hatte es da nicht schon Blech- und Personenschaden gegeben. Er ließ den Jugo in dem Glauben. Der hatte wirklich keine Ahnung. Von nichts! Dafür besaß er eine große Klappe und nutzte die Ablenkung, um sich schon wieder eine seiner krummen, dünnen Zigaretten zu drehen. So würden sie nie fertig werden.

Rolf fröstelte beim Gedanken an den Nachmittag in der Hütte. Gleichzeitig rauschte das Blut in seinem Schädel, als die Erinnerungen aufblitzten. Oder kam das Rauschen in seinen Ohren von Tonis Laubbläser? Der Kollege stand weiter oben an der Straße und hatte wegen des Krachs nichts mitbekommen.

Fragend starrte der Jugo ihn an. Sollte er dem Kerl jetzt etwa noch dankbar sein, dass er sich auf den Rechen gestützt die Füße platt stand und den Verkehr beobachtete? Das machte ihn rasend, zumal er nicht die Ruhe fand, das Durcheinander in seinem Kopf zu ordnen. Bestimmt kamen sie gleich zu ihm und verlangten eine Erklärung, weil ihr schlauer Chef behauptet hatte, dass er von nichts wisse und der Abriss der Hütte ganz allein ihre Aufgabe gewesen sei. Genau so würde das laufen, und am Ende war der Chef fein raus, aber ihn hatten sie im Sack. Das galt es zu verhindern, und dazu brauchte er jetzt sofort ein paar Minuten Ruhe, damit er sich einen Plan zurechtlegen konnte.

»Was schaust du so blöde? Hast du nichts zu tun? Zieh die Blätter zusammen und sorge dafür, dass sie verladen werden, bevor der Wind sie wieder dorthin weht, wo sie herkommen!«

»Hoch in den Baum?« Der Jugo grinste ihn herausfordernd an und zog ein Blättchen aus der Pappschachtel im Tabakpäckchen. Den Filter hatte er schon zwischen den Lippen geparkt.

»Werd nicht unverschämt!« Rolf wollte noch etwas ergänzen, da raste der nächste Streifenwagen an ihnen vorbei und riss einen Großteil der Blätter mit sich fort. »So eine Scheiße! Da siehst du, was passiert, wenn man nicht hinterherkommt!«

Schnell setzte er sich den Gehörschutz wieder auf und schaltete den Laubbläser ein, um endlich unbehelligt nachdenken zu können. Die leeren Augenhöhlen starrten ihn an. Der Schädel mit dem Rest Haare, die noch daran hingen. Er hatte gar nicht erkennen können, was sich noch alles unter dem gelben Sand verbarg. Sein Gehirn hatte sich quasi umgehend verabschiedet und wollte auch jetzt keinen klaren Gedanken mehr fassen.

In seiner Not war ihm nichts Besseres eingefallen, als den Chef anzurufen. In dessen Auftrag war er schließlich dort oben mit dem Abriss der verrotteten Behausung beschäftigt gewesen. Aber der Chef hatte ihm gar nicht richtig zugehört. Er hatte ihn am Telefon sofort angebrüllt. »Wegen ein paar alten, vermoderten Knochen rufst du mich an? Sieh lieber zu, dass die Hütte endlich wegkommt. Was macht ihr da draußen eigentlich den lieben langen Tag? Wahrscheinlich muss man sich von früh bis spät neben euch stellen, damit überhaupt irgendetwas gearbeitet wird! Der Friedhof ging früher noch ein gutes Stück weiter. Das werden also nicht die letzten Knochen sein, die wir dort oben finden werden. Nimm den Radlader und kipp den ganzen Kram auf die Halde neben dem Friedhof. Und vergiss nicht, am Ende noch zwei volle Baggerschaufeln saubere Erde drüberzuwerfen, sonst spielen die Kinder dort oben demnächst mit den Gebeinen ihrer Urgroßeltern, und dann kannst du dir einen neuen Job suchen. Oder ich mache den Ivo zum Vorarbeiter, der geht mir wenigstens nicht ständig auf die Nerven!«

So hatte er es dann auch gemacht. Völlig abwegig war ihm das, was der Chef gesagt hatte, in dem Moment nicht vorgekommen. Als Bürgermeister musste er ja schließlich wissen, was in einer solchen Situation zu tun war. Ganz wohl hatte er sich trotzdem nicht gefühlt und zur Sicherheit noch eine dritte Schaufel Erde darüber abgeladen. Es wäre bestimmt nicht so weit gekommen, wenn die beiden Faulenzer hier am Abrisstag nicht gekniffen hätten. Wenigstens mit Toni hätte er sich ja vernünftig beraten können. Jetzt war es zu spät, und er musste allein sehen, wie er seinen Kopf aus der Schlinge zog.

Normalerweise diente die Erde dazu, abgesackte Gräber auszugleichen. Soweit er wusste, sollte der ganze Haufen aber nach der Einebnung des Baugeländes abtransportiert werden, um am äußersten Rand der Gemarkung einen ehemaligen Kalksteinbruch zu verfüllen. Wie er den Chef kannte, wäre das unter normalen Umständen ihre nächste Aufgabe gewesen, sobald die letzten gelben Blätter von den Bäumen und der Straße runter waren. Es hätte also auch alles gut gehen können.

5

Wenn sie zu dritt zu einem Tatort unterwegs waren, fuhr Harro nie. Er beanspruchte aber den Beifahrersitz, weil der mit der Herrschaft über das Autoradio einherging. Daher lief während der Fahrt aus der Stadt heraus mal wieder SWR 4. Helene Fischer war gerade zu einem glücklichen Ende gekommen. »Keine Schwerkraft mehr. Nur noch du und ich und ein Lichtermeer. Und ein Lichtermeer, uh-oh, oh, oh. In meinem Kopf ist eine Achterbahn.« Der Moderator kündigte den neuen Hit irgendwelcher Herzbuben an. Harro schien die Melodie bereits zu kennen, er stimmte summend ein, auch wenn er nicht alle Töne traf. Am Fenster zogen scheinbar unendlich die Rebhänge entlang der Landstraße vorbei. Ravi hatte bis jetzt nicht herausbekommen, ob Harro diese Musik auch privat hörte, oder ob sie der Psychohygiene diente, als Maßnahme, um das hinter sich zu lassen, was ihr Beruf an verstörenden Grausamkeiten mit sich brachte.

Auch nach drei Jahren beim K11 spürte er auf jeder Fahrt zu einem Todesfall noch eine leichte Anspannung. Das Gefühl war nicht unwillkommen, es schärfte die Sinne und erhöhte die Konzentration. Sie waren zwar oft nicht die Ersten vor Ort, aber mit ihrem Erscheinen oblag ihnen die Verantwortung, gaben sie den Takt vor. Manchmal hatten die Schutzpolizisten bereits Anhaltspunkte für einen Mord entdeckt, oder die Kollegen vom Kriminaldauerdienst riefen sie hinzu, wenn klar war, dass weitergehende Ermittlungen eingeleitet werden mussten. Der KDD war so etwas wie der erste schnelle Einsatzwagen der Feuerwehr, sie waren der Löschzug, der danach eintraf, um dem Brand den Garaus zu machen, und der dafür sorgte, dass aus einem kleinen Tatort schnell ein großes Einsatzgebiet werden konnte, wenn die Kriminaltechnik, der Rechtsmediziner und womöglich noch eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei angefordert werden mussten, um das Gelände rundherum weiträumig abzusuchen.

An den Blicken der Menschen, von denen sie vor Ort in Empfang genommen wurden, war immer schon abzulesen, was sie gleich erwartete. Ravi suchte das ganz bewusst in den Gesichtern. Die offensichtlichen und die versteckten Anzeichen, die ihm halfen, sich auf die Situation vorzubereiten. Bleiche Streifenpolizisten, die zum ersten Mal das Opfer einer brutalen Gewalttat gesehen hatten und froh waren, nun, da die Kriminalpolizei übernahm, endlich Abstand halten zu können. Der starre Blick eines reglosen Angehörigen, den der Polizeiseelsorger vom Tatort zu lösen versuchte, um ihm weitere Qualen zu ersparen.

Das letzte Durchatmen im Auto brauchte er, um das zu erlangen, was jeder Tatort erforderte: eine große Ruhe und Konzentration, weil längst alles vorbei war und nicht geändert werden konnte. Sachliches Vorgehen ohne Emotionen. Sie kamen nicht her, um jemanden zu retten, dafür war es immer zu spät. Ravi wusste, dass er genau damit nicht zurechtkommen würde: mit einem Menschen, der um sein Leben kämpfte, womöglich schrie vor Schmerz und Angst, in die Augen des Sterbenden zu sehen und hilflos danebenzustehen. Diese Bilder würde er ganz sicher mit nach Hause nehmen. Die Ruhe hingegen, die ein Leichnam ausstrahlte, half ihm, die Eindrücke und selbst die Gerüche als Teil seiner Arbeit zu betrachten, den er daheim besser ausblenden konnte als vieles andere, das ihm widerfuhr.

Die Herzbuben waren noch nicht ganz fertig, als sie das Dorf erreichten. Harro summte weiterhin mit, nun aber kaum noch hörbar. Nach einem Blick auf sein Handy gab er die Informationen durch, die er während der Fahrt erhalten hatte.

»Der Hund des Zeugen hat einen menschlichen Knochen ausgegraben. Anscheinend befindet sich der Erdhaufen, in dem er gebuddelt hat, gleich neben dem Friedhofsgelände. Der Mann hat die 110 gewählt, und die Kollegen von der Polizeiinspektion sind rausgefahren, in der Annahme, dass es sich um menschliche Überreste aus einem der alten Gräber handelt, die es früher auf dem Areal gegeben hat, als der Friedhof noch größer war. Es hat sich aber schnell herausgestellt, dass die Überreste zwar schon länger im Erdreich lagen, aber doch auch wieder nicht so lange, dass man nicht genauer hinsehen sollte. Knochen, Knorpel, Sehnen und Haare, alles noch da. Und Kleidungsstücke, die nicht sonderlich alt zu sein scheinen, höchstens ein paar Jahre.« Harro sah aus dem Fenster, um sich an den Straßenschildern zu orientieren. Tobias nutzte die winzige Pause zwischen zwei Liedern, um mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung das Radio auszudrücken.

»Sind es nur einzelne Knochen, oder ist es ein vollständiges Skelett?« Ravi war nach vorne gerutscht und hatte sich in die Lücke zwischen den beiden Vordersitzen geschoben.

»Sie haben längst noch nicht alles zusammen, aber es scheint sich um mehr als nur ein paar verstreute Einzelteile zu handeln.«

Am Straßenrand tauchte jetzt ein Polizist auf. Er stand unter einem großen bunten Werbeschild, das familienfreundliches Wohnen am Herrgottsacker ankündigte. Als er sie sah, schleuderte er schnell seine halb aufgerauchte Zigarette hinter sich und kam ihnen entgegen. Mit ungelenken Bewegungen wies er ihnen den Weg. Tobias steuerte den Kombi durch die Zufahrtsstraße, die an ihrem Ende zum Feldweg wurde und schließlich nach rechts auf eine große offene Fläche abzweigte. Die Wiese fiel leicht nach hinten ab und grenzte an die ein paar hundert Meter weiter befindliche Wohnbebauung.

Ravis Blick fiel auf die in gleichmäßigen Abständen im Boden steckenden roten Pflöcke. »Was wird das?«

»Sieht nach Neubaugebiet aus.« Tobias lenkte den Wagen unter den ausladenden Ästen von Walnussbäumen hindurch auf eine Ansammlung von Menschen zu, die sich am hinteren Ende der freien Fläche zusammengefunden hatte. Ein halbes Dutzend unterschiedlicher Fahrzeuge parkte bereits neben den das Areal säumenden Hecken. Sie fuhren bis dicht heran.

»Wir nehmen alles mit und schauen uns das erst einmal in Ruhe an. Christian und Olaf sind vor Ort.« Harro hatte die Tür schon aufgedrückt, noch bevor der Kombi wirklich stand. Er eilte voraus, während Tobias und Ravi die beiden Koffer und den Rucksack aus dem Kofferraum holten.

Christian Schweickhart hatte sie gesehen und kam ihnen entgegengelaufen. Der Kollege von der Kriminaltechnik steckte vollständig in einem weißen Schutzanzug. Über seine Schuhe hatte er weiße Stulpen gezogen, die aufgrund der morgendlichen Feuchtigkeit bereits reichlich verdreckt aussahen. Seine langen dunkelblonden Haare, die er immer zu einem Pferdeschwanz zusammenband, waren vollständig unter der Haube verschwunden.

»Guten Morgen zusammen, herzlich willkommen zur Frühstücksleiche. Wir müssen hier lang.« Er machte eine halbe Drehung und stapfte an den aufgereihten Fahrzeugen entlang. Harro ging neben ihm. Ravi und Tobias folgten. »Wir haben direkt am Erdhaufen ziemlich gute Reifenspuren unter den Blättern sicherstellen können. Das Laub hat sie an einigen Stellen bestens gegen den Regen der letzten Tage abgeschirmt. Ich denke, daraus lässt sich etwas machen. Schweres Gerät, den Abdrücken nach vermutlich ein Bagger oder Radlader oder irgendetwas in der Art. Aber das kriegen wir raus.«

Sie steuerten auf den in unterschiedlichen Gelbschattierungen schimmernden Erdhaufen zu, der sich vor einem ausgeleierten Maschendrahtzaun über eine Breite von mehr als zehn Metern hinzog. Hinter der Begrenzung führte eine mit Efeu bewachsene Böschung sachte in die Höhe. Dort oben stand ein gutes Dutzend neugieriger Zuschauer, die zum Teil mit Gießkannen oder langstieligen Gartenwerkzeugen ausgestattet waren und sich grüppchenweise zusammengefunden hatten. Ein bisschen wie die sich langsam füllende Zuschauertribüne eines Sportplatzes, an dem die Dorfbewohner auf dem Weg zum eigenen Gartengrundstück zufällig vorbeikamen und für einen Moment stehen blieben, um den unbeholfenen Bemühungen der heimischen Fußballmannschaft zuzuschauen.

»Das ist der Friedhof?« Harro deutete mit einer knappen Kopfbewegung in Richtung der überschaubaren Menschenansammlung. Christian nickte. »Können wir das irgendwie zubekommen? Ich will nicht, dass die uns direkt auf den Schreibtisch gaffen. Oder sind wir hier in ein paar Minuten fertig, und es lohnt nicht?« Sein Grinsen war für Ravi und Tobias zu erahnen, aber nicht zu sehen.

»Die Kollegen sind schon dabei. Wir werden oben auf dem Friedhof den hinteren Teil absperren, damit haben wir Ruhe. In ein paar Minuten sind die Gaffer weg.«

Sie hatten den Erdhaufen erreicht. Davor lag eine weiße Plane ausgebreitet am Boden. Olaf Hartmann legte gerade einen weiteren Knochen darauf ab. Er war mit Mitte zwanzig der Jüngste der Kollegen und erst seit wenigen Monaten im Einsatz. Seine erhitzten Wangen leuchteten rot. Die konzentrierte Anspannung zeichnete sich deutlich auf seinem Gesicht ab.

»Guten Tag, die Damen und Herren.« Harro trat an die Plane heran, auf der die bisher gefundenen Knochen und Kleidungsreste ruhten. »Jetzt sind wir also unter die Archäologen gegangen. Römischer Legionär oder schwedischer Soldat aus dem Dreißigjährigen Krieg? Was haben wir noch für Möglichkeiten?«

Einer der beiden Schutzpolizisten lachte. Der Rest reagierte nicht auf Harros Begrüßung. Ravi stellte den Metallkoffer ab. Die Knochen waren so gruppiert, wie es dem menschlichen Körperbau entsprach. Manche Einzelteile wurden noch von Sehnen und Knorpel zusammengehalten. Das rechte Bein erweckte diesen Eindruck. Beim linken war das nicht zu erkennen. Aus einer nur noch an den Rändern blau schimmernden Hose, die wie eine Jeans aussah, ragten Teile der Fußknochen hervor. Der kleine Brustkorb und die Wirbelsäule hingen auch noch zusammen. Der Kopf fehlte. Das war kein erwachsener Toter, sondern ein Kind.

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