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Will Gmehling Freibad
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Will Gmehling Freibad

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Als wir aus dem Wasser kamen, machten wir Picknick, es gab sogar Frikadellen und hartgekochte Eier. Ein paar Leute guckten zu uns rüber. Picknick machte sonst niemand, wir waren was Besonderes.

Ich wollte mich gerade ausstrecken und mich ein bisschen sonnen, als das schöne Mädchen wieder auftauchte. Sie war anscheinend andauernd hier, vielleicht hatte sie ja auch eine Freikarte gewonnen. Diesmal hatte sie einen roten Badeanzug an und ging zum Volleyballfeld, wo ein paar Jugendliche ein Match machten.

Plötzlich rief jemand: „Johanna! Essen ist fertig!“

Das Mädchen rief zurück: „Okay. Ich komm gleich!“

Sie sagte was zu den Jungs vom Volleyball und ging dann in ein kleines Haus direkt neben dem Kiosk. Es sah aus wie ein ganz normales Wohnhaus, mit Vorgarten und Gardinen.

Jetzt kam das Walross über den Rasen gestapft, der Chef, er ging ebenfalls in das Haus. Und jetzt kapierte ich. Er wohnte da.

Und wenn das das Bademeister-Wohnhaus war, war das Mädchen die Tochter des Chefs. Deshalb war sie andauernd hier. Und jetzt bekam sie Mittagessen.

Sie hieß Johanna!

12

Ich sonnte mich also. Dabei schlief ich kurz ein. Als ich wieder aufwachte, guckte ich gleich zum Bademeister-Wohnhaus.

„Was guckst du denn so?“, fragte Katinka.

Ich sagte nichts, sondern schnappte mir das letzte hartgekochte Ei.

Papa streckte sich genüsslich. „Mir ist warm. Ich glaub, ich versuch’s nochmal. Kommt wer mit?“

Katinka und ich gingen mit ihm ins große Becken. Diesmal rannte er nicht gleich wieder raus, sondern schwamm ein paar Bahnen. Ich hatte Papa schon ewig lang nicht mehr schwimmen sehen, er machte das ziemlich gut. Er schwamm in langen, ruhigen Zügen, so wie ein echter Schwimmer, immer kurz den Kopf rein und dann wieder raus zum Luftholen. Katinka versuchte zu kraulen, aber sie hielt den Kopf immer über Wasser. Ich musste lachen.

„Lach nicht so blöd, du Blödmann!“, fauchte sie mich an.

Jetzt stieg Papa aus dem Wasser und zeigte zum Sprungturm. „War ich lange nicht mehr oben …“, sagte er.

„Wie lange?“, fragte ich.

„Och … so etwa zwanzig Jahre.“

Katinka lächelte ihn an. Ich kann das nicht richtig beschreiben. So halb bewundernd und halb mitleidig. „Zwanzig Jahre!“, rief sie aus. „Oh là là!“ Das hatte sie aus einem Film, in dem eine Französin mitspielte. Seitdem wollte sie nach Frankreich und sagte immer so französische Sachen.

„Hört sich an wie ’ne Ewigkeit, oder?“, sagte Papa.

Katinka nickte.

„Na, dann wollen wir mal“, sagte er und ging los. Er winkte Mama und Robbie zu, die im Nichtschwimmerbecken standen.

Papa kletterte die Leiter hoch. Ich dachte, beim Dreier macht er bestimmt Halt, höher geht er nicht. Aber da hatte ich mich getäuscht. Er kletterte bis zum Fünfer. Er ging bis vor zum Rand und guckte runter.

„Mann!“, rief er uns zu. „Das ist so was von hoch!“

Alle konnten ihn jetzt sehen. Und alle guckten jetzt hoch. Auch Johanna. Sie ging gerade mit einem anderen Mädchen über die Wiese.

„He, Alf!“, rief Papa. „Von hier oben bist du noch nicht runter, oder?“

Ich guckte auf den Boden. Es war mir peinlich, wie Papa da oben stand. Ich weiß auch nicht, warum, aber so war es. Aber noch viel peinlicher war es, dass jetzt jeder wusste, dass ich Alf hieß, so wie dieser Außerirdische aus dem Film.

Ein paar Kinder lachten.

„Guckt mal“, rief Papa, „was euer Papa jetzt macht!“ Er ließ sich einfach fallen, wie ein Sack. Mitten in der Luft aber zog er ganz schnell die Knie an den Bauch und landete mit dem Hintern auf dem Wasser. Es spritzte.

Papa hatte eine astreine Arschbombe gemacht.

Ein paar Leute klatschten Beifall.

„Ey, Alter!“, rief ein Jugendlicher. „Voll gut für dein Alter!“

Aber das war’s noch lange nicht, Papa hatte noch nicht genug. Er stieg aus dem Wasser und kletterte wieder die Leiter hoch. Diesmal auf den Siebeneinhalber.

Wieder stand er am Rand. Und wieder rief er uns was zu, und zwar ganz laut. Bestimmt konnten sie es sogar auf dem Trainingsplatz nebenan hören.

„Alf!“, rief er. „Das ist so was von scheißkalt hier oben!“

Ich guckte irgendwohin. Aber ich sah, dass Johanna mich ansah. Sie hatte kapiert, dass ich der Sohn von dem war, der da oben stand und sich an den Hintern fasste.

„Jetzt mach ich aber keine Arschbombe!“, rief Papa. „Bin doch nicht bescheuert!“

Johanna guckte gespannt, was nun kam.

„Hey, Marlene!“, rief Papa und winkte Mama zu.

Mama winkte zurück.

Robbie stand unbeweglich da und hielt den Kopf schief.

Wieder ließ sich Papa fallen wie ein Sack. Aber er achtete nicht darauf, dass er aufpassen musste, wie er unten aufkam. Und so passierte es, dass er auf dem Bauch aufkam. Es sah lustig aus. Aber ich wusste, es war nicht lustig, ich meine, für Papa.

Er hatte sich wehgetan, das sah man gleich. Aber weil er Papa war, wollte er sich das nicht anmerken lassen, sondern tat so, als wäre alles in Ordnung.

Wieder klatschten ein paar Leute.

Papa kam aus dem Becken, sein Bauch war total rot. Er ging zu Mama und Robbie und ließ sich auf die Decke fallen. Mama lachte ihn aus und gab ihm Kaffee aus der Thermosflasche.

Mama und Papa. Ich sehe sie mir oft an. Was sie machen. Wie sie zueinander sind. Und meistens geht es mir gut dabei.

13

Wir blieben noch ein, zwei Stunden. Und Johanna war immer irgendwie in der Nähe. Meistens saß sie mit ihrer Freundin bei den Jungs vom Volleyball. Ich hätte lieber gehabt, sie hätte bei uns gesessen. Auf unseren Decken war noch Platz, und wir hatten auch Kuchen dabei.

Katinka stritt sich mit Robbie, weil er andauernd mit ihr ins Wasser wollte.

„Ich muss Französisch lernen“, sagte sie streng und guckte in ihr Lehrbuch. Das hatte Mama ihr in einem 1-Euro-Laden gekauft.

Robbie zog sie am Badeanzug.

„Lass das gefälligst!“, rief sie. „Deine Schwester arbeitet!“

Robbie setzte sich auf ihr Buch. Mittendrauf.

Sie schubste ihn runter. Er weinte.

„Lass Katinka in Ruhe“, sagte Papa. „Komm, ich geh mit dir ins Wasser.“

Er nahm Robbie bei der Hand. Sie gingen über die Wiese. Papa hatte ein Tattoo am Oberarm: einen fauchenden Luchs.

Er leuchtete auf in der Sonne.

Ich war auch nochmal im Wasser. Diesmal aber fror ich. Als ich rauskam, waren meine Lippen blau. Mama schickte mich unter die Dusche.

Es gab ein paar Duschkabinen. Ich ging in eine und vergaß zuzuschließen. Ich stellte mich unter die Brause und machte die Augen zu, so schön warm war das Wasser.

Plötzlich ging die Tür auf, und jemand kam rein. Es war einer von den Volleyballjungs.

„Bist du bald mal fertig?“, fragte er.

„Nee, noch nicht“, antwortete ich. „Ich hab grad erst angefangen.“

„Die anderen Duschen sind alle besetzt“, sagte er und stellte sich vor mir auf. „Beeil dich mal.“

Er war einen Kopf größer als ich, mindestens. Er schob mich einfach zur Seite. Ich bekam Angst.

Da kam Katinka rein. „Was ist hier los?“, fragte sie.

„Nichts“, sagte der Junge und stellte sich unter die Dusche. „Verzieh dich, Kleine!“

„Mein Bruder war vor dir da“, sagte Katinka. „Verzieh du dich!“

Der Junge versuchte, auch sie zur Seite zu schieben. Aber Katinka war eben Katinka. Sie verpasste ihm einen Tritt gegen das Schienbein.

Der Junge war echt erstaunt. Er hätte Katinka jetzt eine runterhauen können. Aber sie sah ihn wild an, so wie nur sie jemanden wild ansehen kann. Er lachte nervös.

„Ist ja gut“, sagte er. „Beruhig dich mal, du Winzling.“

„Nee“, sagte Katinka. „Mach ich nicht. Geh du erst mal weg!“

Der Junge zog ab. Ohne noch was zu sagen.

Meine kleine Schwester hatte mich gerettet. Das fühlte sich komisch an, ich meine, erstens weil sie ein Mädchen war und zweitens jünger als ich. Aber es fühlte sich auch gut an. Wegen dem Gefühl, dass jemand auf mich aufpasste. Nicht irgendjemand. Katinka Bukowski, die so wild gucken konnte, dass ein großer Junge Angst bekam.

14

In den nächsten Tagen war nicht viel los. Auch von Johanna war nichts zu sehen.

Wir übten mit Robbie und holten uns Pommes. Das Wetter war meistens ziemlich mies, und wir froren. Wir gingen andauernd unter die warme Dusche. Wir rannten herum.

Das Walross stand mit seinen Kollegen am Eingang und trank Kaffee. Sie hatten kaum was zu tun, weil ja fast niemand in den Becken war. Nur ein paar Schwimmer in Gummianzügen – und wir.

Mama und Papa fanden es komisch, dass wir andauernd im Freibad waren. Wir sollten unsere Hausaufgaben trotzdem anständig machen, sagten sie. Das taten wir ja auch. Wir nahmen sie mit und erledigten sie so schnell wie möglich auf dem Rasen oder auf einer Bank.

Es war fast, als würden wir im Freibad wohnen.

Einmal, auf dem Weg dahin, sahen wir Alfonso Blasio! Er saß mit einer Frau auf einer Bank. Sie guckten in den Fluss. Ich dachte eigentlich, alle Fußballer würden in die Ferien fahren, der letzte Spieltag war ja schon gewesen, da flogen doch alle immer irgendwohin.

Ich erkannte ihn sofort, wegen der Glatze und dem Tattoo auf der Glatze. Alfonso Blasio war ein echt harter Spieler, ich meine, wegen der vielen Fouls. Er bekam andauernd gelbe Karten und manchmal auch eine rote. Papa fand ihn doof. Immer wenn wir Sportschau guckten und Alfonso Blasio zu sehen war, regte er sich auf. „Der Typ hat sich nicht unter Kontrolle!“, rief er dann. „Der ist viel zu wütend. Guck mal, wie der guckt! Außerdem kann er keine Elfmeter schießen …“

Wir blieben stehen und beobachteten Alfonso Blasio und die Frau. Er legte einen Arm um sie, sie gab ihm einen Kuss. Sie hatte lange blonde Haare, die im Wind flatterten.

„Das ist eine echte Spielerfrau“, sagte Katinka.

„Hä?“, fragte ich.

Katinka guckte mich an, als wäre ich blöd.

„Eine Spie-ler-frau! Die Freundin von einem Fußballspieler. Die haben nämlich immer blonde Haare.“

„Immer?“, fragte ich.

„Ja. Oder fast meistens!“

15

Ein paar Tage später stand ich wieder mal mit Robbie im Nichtschwimmerbecken. Wir hatten uns von einem der Bademeister eine Schwimmnudel ausgeliehen und Robbie hielt sich jetzt daran fest. Es war, als hätte er seit dem Seepferdchen alles wieder vergessen, ich meine, wie man schwimmt. Das mit der Nudel ärgerte ihn. Er wollte wieder ohne. Ohne konnte er aber plötzlich nicht.

Es war wieder etwas wärmer geworden, zum Glück.

Plötzlich sah ich, dass Johanna auf Katinka zuging. Katinka lag auf der Decke und lernte Französisch. Johanna setzte sich zu ihr. Sie fingen an zu reden. Dabei sahen sie zu mir rüber.

Langsam wurde mir kalt, sogar Robbie fing an zu frieren. Er ließ die Nudel los und rannte aus dem Wasser, zu Katinka und Johanna. Er kuschelte sich in seinen Bademantel.

Ich aber konnte nicht einfach so raus. Das ging nicht. Wegen Johanna. Weil sie auf unserer Decke saß.

Ich stand da und wusste nicht, wohin mit mir. Also schwamm ich bis ans andere Ende des Beckens, stieg dort raus und ging einen Riesenumweg zu den Duschen.

Ich wusste, die Mädchen guckten mir hinterher, aber ich tat so, als wäre mir das egal.

Ich duschte und duschte. Danach machte ich vorsichtig die Tür auf, um nachzusehen, ob Johanna immer noch da war. Sie war verschwunden, und ich konnte rauskommen.

„Was wollte die von dir?“, fragte ich Katinka.

„Das ist geheim“, sagte sie. „Mädchensache. Das geht Jungs nichts an.“

Ich fragte immer wieder. Ich versprach ihr sogar ein Rieseneis, aber sie blieb stur.

„Sei nicht so neugierig“, sagte sie nur. „Außerdem störst du mich beim Lernen. Merke dir: Wer Französisch kann, ist immer ein König oder eine Königin.“

„Echt?“

„Ja, klar! Wusstest du, dass Katzen heimlich Französisch sprechen, wenn wir nicht dabei sind?“

Ich war sicher, dass das nicht stimmte.

„Sogar Gott spricht Französisch“, sagte sie. „Aber das ist ja normal. Er wohnt ja auch in Frankreich.“

„Echt? Gott?“

„Ja, sicher! Wo denn sonst?“

16

An einem Sonntag schüttete es wieder einmal herunter wie nix. Wir waren trotzdem schon ganz früh da, schon um zehn, und an diesem Tag waren wir die Ersten überhaupt.

Das fühlt sich immer ganz besonders an, wenn du der Erste bist, der ins Freibad kommt. Die Wiesen sind noch leer, nur ein paar Krähen oder Möwen hüpfen herum. Das Gras ist grün und weich.

Niemand ist in den hellblauen Becken. Absolut niemand. Das Wasser liegt spiegelglatt da. Sonnenlicht glitzert.

Du setzt dich hin, und es ist ganz still.

Heute aber prasselte der Regen nur so aufs Wasser.

Es war mal wieder tote Hose, wie Adil immer sagte, wenn keine Kundschaft da war. Adil war der einzige nette Bademeister hier.

„Heute tote Hose“, sagte er, als wir unsere Sachen hinlegten, die Decke und so. Wir legten sie natürlich nicht auf die Wiese, die war ja klatschnass. Es gab ein Vordach, gleich neben den Duschen. Da packten wir alles hin. Der Regen machte seine Geräusche.

Ein guter Augenblick, um mit meinen Sprüngen weiterzumachen, also, vom Turm runter. Nach dem Dreier war jetzt der Fünfer dran. Ich machte das am besten sofort, denn wir waren immer noch fast allein hier. Nur ein paar Omas kamen über die Wiese gelaufen, vier oder fünf Stück.

Ich kletterte also die Leiter hoch, Katinka und Robbie blieben unter dem Vordach und guckten, was ich machte.

Auf dem Fünfer oben, ich meine, am Rand, war es natürlich noch schlimmer als auf dem Dreier. Der Wind pfiff mir um die Ohren, und es regnete mir auf den Kopf. Es war bitterkalt. Ich guckte nach unten. Mann, wie tief das war!

Ich wollte schon wieder runter und mir was Süßes kaufen. Aber da rief jemand: „Nur Mut, junger Mann!“

Es war eine der Omas.

„Ja! Immer hübsch runter!“, rief eine andere.

„Du wirst doch keinen Schiss haben, oder?“

„Wir wollen was sehen für unser Geld!“

Sie fanden das lustig. Ich nicht.

„Runter kommst du auf jeden Fall“, rief eine der Omas. „Nun mach schon!“ Sie hatte einen orangen Badeanzug an und Badelatschen mit Blumen drauf.

„Mach doch selber, Omi!“, rief ich ihr zu.

Sie lächelte mich an. „Okay, wenn du mich so nett bittest, mach ich das gern“, rief sie. Sie zog ihre komischen Badelatschen aus und kletterte den Turm hoch, bis zu mir nach oben.

Jetzt stand sie neben mir. Sie war ein bisschen dick und hatte lila angelaufene Beine.

„Das haben wir gleich“, sagte sie.

Sie stellte sich an den Rand, guckte kurz nach unten und hob die Arme nach oben. Dann streckte sie sich und sprang.

Sie machte einen absolut perfekten Köpper! Sie kam pfeilgerade auf. Das Wasser spritzte fast kein bisschen, so glatt tauchte sie ein.

Katinka klatschte, sie war voll begeistert. Sogar Robbie klatschte. Die anderen Omas klatschten auch. Nur ich nicht.

Ich stand immer noch da oben und sah, wie die Oma mir zuwinkte, sie paddelte im Sprungbecken herum, auf dem Rücken, wie ein junger Otter.

„Los!“, rief sie. „Lass dich fallen!“

Was sollte ich machen? Ich ließ mich fallen. Durch die eiskalte Luft.

Kurz darauf klatschte ich aufs Wasser. Das tat weh. An den Füßen und am Bauch.

Aber immerhin war ich gesprungen.

Die Omas freuten sich. Katinka und Robbie brachten mir meinen Bademantel, so als wäre ich ein Boxer.

„War gut!“, sagte Adil und reckte den Daumen. „Du stark!“

Jetzt wollte ich Pommes.

17

Es war immer noch Mai. Bald waren Ferien, und danach musste ich auf eine neue Schule. Es war aber noch nicht klar, auf was für eine. Sicher war bloß, dass es kein Gymnasium war.

Mama und Papa diskutierten hin und her, besuchten irgendwelche Informationsabende und redeten mit anderen Eltern. Ich wollte am liebsten auf die Schule, auf die auch Thorben sollte. Thorben war schon elf. Er war der einzige Junge in der Klasse, den ich gut fand. Die meisten mochten ihn nicht, weil er ein schiefes Gesicht hatte und große Zähne. Und er prügelte sich oft.

Thorben sollte auf die St.-Franziskus-Schule. Ich wollte da auch hin. Obwohl ich keine Ahnung hatte, was das für eine Schule war.

„Die ist nur für Katholiken“, sagte Papa.

Ich guckte ihn an.

„Da musst du katholisch sein“, sagte er.

Oh, Religion! Da ging es um Gott.

„Wir sind nicht in der Kirche“, sagte Mama. „Ich meine, als Mitglied.“

Ich hatte keine Lust, mir lange Erklärungen anzuhören. Ich war nicht katholisch. Das war schade, ich meine, wegen der St.-Franziskus-Schule und Thorben.

Aber es war ja erst Mai.

Vielleicht ließ sich da noch was machen von wegen katholisch.

Wie alt war eigentlich Johanna? Wenn sie so alt war wie ich, würde sie ja auch auf eine neue Schule kommen. Vielleicht war sie nicht katholisch und hatte freie Auswahl.

Vielleicht würden wir uns auf derselben Schule treffen? In derselben Klasse?

Ich fragte Katinka. Vielleicht hatte Johanna ihr verraten, wie alt sie war. Wir lagen wieder mal auf unserer Decke. Es war ein ganz normaler Montag. Die Sonne schien sogar. Riesenwolken schwammen im Himmel. Wir waren schon im Wasser gewesen, und Lakritzstangen hatten wir auch schon gehabt.

„Schö nö ssä pa“, antwortete Katinka und guckte arrogant auf ihre Fingernägel. Da sah ich erst, dass sie sie lackiert hatte. Hellrosa.

„Wie jetzt?“, fragte ich.

„Schö nö ssä pa“, sagte sie. „Das ist Französisch, wie du bestimmt schon kapiert hast. Das bedeutet: Ich weiß nicht.“

„Ach so …“

„Vielleicht so etwa dieß“, sagte sie, nachdem sie kurz nachgedacht hatte. „Oder auch nöff oder oongs.

„Was?“

„Es kann sein, dass sie zehn ist. Vielleicht aber auch älter oder auch jünger.“

„Zehneinhalb!“, sagte Robbie. Ich dachte, er würde schlafen. Aber er hatte uns die ganze Zeit zugehört. Mit Augen zu.

„Woher willst du das wissen?“, fragte ich.

„Hab ich gehört …“

„Wo?“

„Im Kiosk.“

Ich wollte es genauer wissen. Aber Robbie hatte schon mehr gesagt, als er sonst sagte. Mehr war aus ihm nicht rauszuholen.

„Zehneinhalb also!“ Ich freute mich. Zehneinhalb war ich ja auch.

„Bild dir bloß nichts darauf ein“, sagte Katinka.

„Tu ich ja gar nicht“, sagte ich. Sie ging mir auf die Nerven, weil sie immer alles besser wusste. Ich wollte sie ärgern und zeigte auf ihre Fingernägel. „Und bild du dir nicht ein, du wärst eine Frau oder so. Du bist nur ein kleines Mädchen.“

Sie guckte mich nachdenklich an und nickte.

Ich wollte noch was Fieses sagen, über Französisch oder so. Aber da passierte etwas.

18

Es hatte mit dem Walross zu tun, mit Johannas Vater.

Und mit drei Jungs. Sie waren größer als ich. Dreizehn oder vierzehn.

Das Walross stand mit ihnen am großen Schwimmbecken. Es gab Ärger, das konnte man sofort sehen. Und hören. Das Walross schimpfte wie verrückt auf die Jungs ein. Es ging darum, dass sie vom Rand ins Wasser gesprungen waren. Das war verboten. Stand auch überall dran, Springen vom Beckenrand verboten! Sie hatten das aber trotzdem gemacht.

„Ihr könnt wohl nicht lesen, wa’?“, rief das Walross.

Die Jungs guckten ihn an. Einer von ihnen lachte. Seine großen weißen Zähne leuchteten.

Das machte das Walross erst recht wütend. Es rief, die Jungs müssten raus und dürften nie wiederkommen, wenn sie sich nicht an die Regeln hielten.

„Ihr seid hier nicht in Afrika!“, rief es. „Benehmt euch gefälligst!“

Der eine Junge lachte noch immer. Ich hatte Angst vor dem Walross, der Junge aber nicht. Er fand das lustig. Er holte aus seinem Rucksack einen kleinen Fußball und warf ihn in die Luft. Ganz weit nach oben.

„Pass bloß auf!“, bellte das Walross ihn an.

Jetzt kam eine Frau. Es war die Oma mit dem orangen Badeanzug, die mit dem Köpper. Sie redete freundlich auf das Walross ein. Wir konnten nicht verstehen, was sie sagte, aber das Walross beruhigte sich ein bisschen.

Die Jungs liefen auf die Fußballwiese und fingen an zu spielen.

19

Ich weiß nicht mehr, wie es kam, dass die drei ein paar Tage später bei uns auf der Decke saßen und mit uns Pommes aßen. Vielleicht hatte Katinka sie angesprochen? Oder ich? Keine Ahnung.

Auf jeden Fall saßen sie jetzt bei uns, und wir versuchten, uns zu unterhalten. Sie konnten aber nur ein paar Worte Deutsch, eigentlich nur Danke und Ich heiße, viel mehr nicht. Sie konnten auch fast kein Englisch. Ich ja auch nicht.

Da aber fingen sie an, sich miteinander zu unterhalten, die drei Jungs. Und Katinka war plötzlich ganz aus dem Häuschen.

„Parlee wu frongssä?“, rief sie begeistert.

Und die Jungs lachten und sagten: „Wui, wui!“

Katinka holte aufgeregt ihr Buch aus der Tasche und blätterte darin herum. Ich glaube, es war das erste Mal, dass sie mit jemandem Französisch sprach, ich meine, mit jemandem, der das richtig konnte.

Später erklärte sie mir, die drei kämen aus Mali.

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