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Jörg H. Trauboth Drei Brüder
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Harry zeigt mehrere Fotos des Dschihadisten: Groß, blond, Bart und Nickelbrille.
»Der sieht eher wie ein Gelehrter aus und nicht wie ein Gewalttäter«, bemerkt der Außenminister.
»Er ist intelligent und hat in Ägypten Religionswissenschaften und Kommunikation studiert. Hinter diesem Gesicht steckt allerdings einer der brutalsten ausländischen Terroristen. Vermutlich war er schon im direkten Umfeld von Bin Laden an Terrorakten in Pakistan beteiligt und ist dann mit einer Gruppe Islamisten zum IS gekommen. Er liebt die Außendarstellung und brüstet sich damit, engen Kontakt zu Kalif Abdullah, dem politischen und religiösen Führer des IS zu haben.«
»Gehen wir davon aus, dass der IS hinter dieser Entführung steckt, oder ist das eine Splittergruppe?«, fragt der Außenminister mit Blick auf Busch.
»Mit Sicherheit kommt diese Aktion von ganz oben. Die Drohung ist an die Bundesregierung gerichtet, das macht auch keine Splittergruppe ohne Weisung. Und die Geiseln werden bei Mossul, also in der Nähe des Hauptquartiers des IS gefangen gehalten. Das ist der Stand heute, und der kann sich mit Veränderung der Lage im Irak sehr schnell ändern. Vor allem sollten wir nicht darauf hoffen, dass irakische Spezialkräfte die beiden deutschen Geiseln heil herausbringen. Das ist bereits bei anderen Geiselbefreiungen gründlich missglückt.«
»Gibt es politische Kontakte zu diesem selbst ernannten Kalifen?«, fragt der Außenminister.
»Ob man mit dem Kalifen überhaupt in Kontakt kommen kann, ist zu bezweifeln, Herr Minister, und der Versuch auch nicht zu empfehlen. Er ist aktuell der meistgesuchte Terrorist der Welt. Die Amerikaner haben auf ihn eine Prämie von zwanzig Millionen US-Dollar ausgesetzt. Abdullah war ein Straßengauner. Mehrere Jahre saß er im Camp Bucca, dem zeitweise größten Gefängnis der Amerikaner im Irak. Drei seiner Vorgänger wurden ermordet. Als selbst ernannter Nachfolger Mohammeds muss er Erfolge in der Expansion des Gottesstaates nachweisen und sich zudem in seinem Handeln strikt an die Scharia halten, wohl wissend, dass der Schura-Rat ihn daraufhin ständig prüft, wie er ihn auch jederzeit absetzen kann.«
»Was ist der Schura-Rat?«, will die Kanzlerin wissen.
»Ein wichtiges Gremium in der IS-Führungsriege, in dem neun Geistliche sitzen, die in islamischem Recht bewandert sind. Der Rat soll gewährleisten, dass die IS-Spitze sich an die fundamentalistische Auslegung der Scharia hält. Nach der Lehre des Korans kann er den Kalifen sogar absetzen – theoretisch.«
»Und praktisch?«, setzt die Kanzlerin nach.
»Eher nicht, das ginge zu weit. Der IS ist zwar in seinen Ansichten extrem altmodisch, aber in seiner Führung hochmodern. Ich darf das an dieser Grafik erläutern.
Kalif Abdullah hat zwei Stellvertreter, einen für Syrien, den anderen für den Irak. Beide sind Oberstleutnante aus der irakischen Armee und Kampf- und Gefängnisgefährten des Kalifen. Das Trio bildet die Führungsebene, genannt das Emirat, darunter sind neun Räte.«
»Können die Drei allein entscheiden?«, will die Bundeskanzlerin wissen.
»Soviel wir wissen, nein. Das Emirat wird von dem Schura-Rat und dem Führungsrat durchaus überwacht. Nachgeordnet sind weitere Räte – ähnlich wie Ministerien – zuständig für Recht, Sicherheit, Militär, Geheimdienste, Medien, Finanzen und die Kämpfer.«
»Sie sagen, sie werden von den Ministerien überwacht? Sind ja Zustände wie bei uns …«
Die Herren schmunzeln.
»Teils, teils, Frau Bundeskanzlerin. Der Schura-Rat prüft, ob sich die Führung an die fundamentalistische Auslegung der Scharia hält. Wenn also Kalif Abdullah mit Ihnen einer Verhandlungslösung zustimmen würde, und der Rat der Auffassung ist, die beiden Gottlosen müssen enthauptet werden, dann wird sich der Kalif dem beugen müssen. Und davon ist auszugehen.«
»Ich halte das auch für einen theoretischen Ansatz, Frau Bundeskanzlerin«, bemerkt von Rüdesheim, »unsere Verbündeten hätten kein Verständnis dafür, dass wir mit dem meistgesuchten Terroristen über die Auslösung zweier Geiseln verhandeln.«
»Sie erinnern sich an den letzten Fall«, ergänzt Rudi, »da konnten wir mit dem IS noch verhandeln. Die Geisel kam frei. Aber da waren wir militärisch noch nicht engagiert. Heute ist die Lage ganz anders.«
Henriette bemerkt das zustimmende Nicken in der Runde. Trotzdem, sie ist immer für Verhandlungen. Gerade bei Entführungen.
»Hinzu kommt«, fährt Rudi fort, »die Terroristen setzen sich mit dieser multimedialen Inszenierung im Namen Allahs selbst unter Zugzwang. Bisher wurde jede öffentliche Enthauptungsdrohung realisiert. Die Entscheidung der Terroristen ist somit präjudiziert. Das Ultimatum wird nach unserer Einschätzung nicht verlängert, will sagen, die Geiseln haben ohne Hilfe keine Chance.«
»Und was heißt das?«, fragt die Bundeskanzlerin.
»Wenn es unsere Zielsetzung ist, das Leben der Geiseln nicht zu gefährden, und ich denke, das ist unumstritten, dann müssen wir zeitnah handeln«, sagt ihr oberster Krisenbeauftragter Rudolf Kürten. Er ist jetzt bei den Objectives, doch das weiß nur er.
Was heißt das nun wieder?, denkt Bloedorn.
Rudi lässt die Katze noch im Sack und kommt mit dem Ausschlussverfahren.
»Da es keine Geldforderung gibt, sondern nur eine politische Erpressung, sehen wir keine Verhandlungslösung.«
»Und wenn wir eine Menge Geld anbieten? Werden die dann doch weich?«, will die Bundeskanzlerin wissen.
»Der Islamische Staat hat durch die erbeuteten Öl- und Gasvorkommen, durch unveränderte Zuwendungen befreundeter Staaten und durch Raub in den eroberten Gebieten trotz seiner massiven Gebietsverluste immer noch genug Geld. Wir sprechen über Milliarden.«
»Und selbst wenn er etwas bräuchte, wir zahlen ja bekanntlich nicht in Geisellagen«, ergänzt der Außenminister.
Das wollen wir hier mal nicht näher ausführen, denkt Henriette und erwidert: »Natürlich nicht … und in diesem Fall können wir dem IS ja kaum Entwicklungshilfe anbieten, wie beim letzten Mal.«
Die Herren senken die Köpfe. Nur drei unter ihnen kennen die Summe, die unter einem unspektakulären Titel über den Haushalt eines anderen Ministeriums gezahlt wurde. Der Bundesrechnungshof prüft auch das Auswärtige Amt regelmäßig.
»Also gut«, sagt sie, »wenn Lösegeld nicht funktioniert, und wir zum Schein auf die politische Erpressung eingehen?«
»Das wird uns niemand abnehmen«, interveniert der Außenminister, »und würde auch öffentlich unserem Grundsatz widersprechen, dass wir nicht erpressbar sind. Ich muss wirklich davor warnen, Frau Bundeskanzlerin. Es würde auch nur ein einziges Mal funktionieren, was ich im Übrigen bezweifle. Der internationale Schaden wäre in jedem Fall enorm.«
»Könnte ein hochrangiger Vermittler eines anderen Staates helfen?« Henriette denkt dabei an den Emir von Katar. Der war äußerst zugänglich.
»Eine interessante Option«, fährt Rudi fort, »die Erfahrungen aus den Hinrichtungen der bisher enthaupteten westlichen Geiseln zeigen jedoch, dass es den Dschihadisten überhaupt nicht um Verhandlungen geht. Es geht ihnen um den öffentlichen Showdown, in dem wir, die Regierungen, die tatsächlichen Opfer sein sollen. Die Geiseln sind denen völlig egal.«
Die Spannung im Raum erhöht sich. Hoffentlich sagt sie jetzt das Richtige, denkt Rudi.
Sie sagt es.
»Ich will, dass die Geiseln rauskommen. Also, welche machbaren Optionen haben wir?«
Zum ersten Mal meldet sich der Bundesminister der Verteidigung, Paul Voss, zu Wort. Man weiß, wann immer er sich meldet, und das ist selten, macht er eine Punktlandung. Und er scheint im Anflug zu sein.
Er schaut sie mit festem Blick an. »Ich sehe nur eine Lösung in dieser Lage, Frau Bundeskanzlerin. Wir holen sie SOFORT SELBST heraus!«, spricht er ruhig und bestimmt.
Der Satz schlägt ein wie eine Bombe. Man kennt den Einfluss von Voss bei der Kanzlerin. Sie selbst hat den Parteilosen in das Ressort geholt. Und sicherlich nicht, weil der Mitte fünfzigjährige blonde Riese der best aussehende und best angezogene Mann im Kabinett ist, sondern weil er ebenso unkonventionell Problemlösungen ansteuert wie sie selbst. Er gilt konkurrenzlos als der Vertraute in ihrem engsten Zirkel.
»Und wie stellen Sie sich das SOFORT RAUSHOLEN vor?«, will die Kanzlerin mit Blick auf Voss wissen.
»Wir machen das mit dem KSK, dem Kommando Spezialkräfte. Die Chancen stehen gut. Wir sind nicht weit von der türkischen Grenze entfernt und operieren somit aus dem NATO-Territorium heraus. Der Plan steht im Wesentlichen bereits. Wenn Sie möchten, wird Brigadegeneral Wolf, Kommandeur KSK, den Befreiungsplan vortragen.«
Die Kanzlerin runzelt die Stirn, ist offensichtlich etwas überrascht über diese Vorplanung innerhalb des Heeres.
»Hm, aber warum das KSK und nicht die GSG 9?«, wirft sie ein, »die waren doch schon 1977 in Mogadischu extrem erfolgreich, wenn ich mich recht erinnere.«
»Würden wir gern übernehmen«, sagt Innenminister Dr. Bauer, »aber in diesem konkreten Fall hat das KSK größere Erfahrung, sowohl durch das Personal wie auch im Gelände, das dem in Afghanistan nicht unähnlich ist.«
»Wir haben das Szenario seit den ersten Hinweisen bereits auf Machbarkeit geprüft. Männer und Ausrüstung stehen seitdem bei mir in Calw bereit«, ergänzt der Brigadegeneral.
Henriette sieht bereits den Protest im Bundestag. Wenn Militärs im vorauseilenden Gehorsam vorpreschen, müssen Politiker besonders aufpassen.
»Wie ist die rechtliche Situation zum Einsatz des KSK? Brauchen wir die Zustimmung des Iraks?«
»Wir haben und wollen aus Geheimhaltungsgründen nicht die Zustimmung des Iraks. Ein Einsatz des KSK in fremden Staaten ohne deren Einwilligung verstößt klar gegen das Völkerrecht«, erläutert Innenminister Dr. Bauer. Er blickt vielsagend über seine Lesebrille zur Kanzlerin und ergänzt, »das kann man später regeln.«
Der Bundesaußenminister wackelt sichtbar und bedeutungsvoll mit dem Kopf – aber er schweigt. Die Kanzlerin versteht das als Zustimmung.
»Angenommen, wir kommen unserer Schutzverpflichtung mit allen Konsequenzen nach: Spielt es rechtlich eine Rolle, dass die Geiseln sich freiwillig und entgegen aller Warnungen in das Kriegsgebiet begeben haben?«, fragt sie.
»Niemand darf gegen seinen Willen an einer derartigen Reise gehindert werden«, antwortet Dr. Bauer, »die Entscheidung für die Reise hebt die Schutzpflicht des Rechtsstaates nicht auf.«
Diese geldgierigen Firmen, denkt Henriette, das kann Menschenleben kosten und uns eine Menge politischen Ärger.
»Gut, weiter. Ist der mögliche Einsatz des KSK im Nordirak durch das Parlament zu genehmigen? Wenn ja, können wir das gleich vergessen.«
Sie blickt zum Bundesverteidigungsminister.
»Das KSK kann, wie auch die Bundeswehr an sich, grundsätzlich nicht ohne Zustimmung des Deutschen Bundestages an bewaffneten Einsätzen im Ausland teilnehmen. Wir kennen ja die ministerielle Bedeutung von grundsätzlich, soll heißen, Ausnahmen sind erlaubt. Und das wäre auch der Weg. Die einzige Ausnahme ist: Gefahr im Verzug für deutsche Staatsbürger. In diesem Fall ist das Parlament so schnell wie möglich nachträglich zu befragen.«
»Dann hätten wir das Thema ja vom Tisch. Hoffentlich! Gut, meine Herren, kommen wir zu den Fähigkeiten des KSK. Was darf das KSK vor Ort, was darf es nicht?«
Alles schaut gespannt auf den Brigadegeneral. Die meisten wissen, dass Frank Wolf stolz auf seine Truppe ist, aber auch, dass es für die deutschen Elitesoldaten klar definierte Grenzen im Einsatz gibt.
»Das KSK ist von der Ausrüstung und Ausbildung eine Eliteeinheit, auch wenn es offiziell nicht so heißt. Die Spezialkräfte haben keine besonderen rechtlichen Einsatzgrundlagen. Aus diesem Grund sind sie auch allen anderen Bundeswehreinheiten gleichgestellt.«
»Können Sie das bitte übersetzen, Herr General?«
»Es bedeutet, dass wir nicht die gleiche Handlungsfreiheit im Einsatz haben wie zum Beispiel amerikanische, englische oder israelische Spezialkräfte. Schießen ist nur bei Abwehr von Gefahren oder in Notwehrsituationen erlaubt. Gezielte Tötungen Verdächtiger im Sinne einer Liquidierung sind bei den Partnern üblich, bei uns sind sie strikt verboten. Verdachtspersonen muss man nach Ansprache festnehmen, im Zweifelsfalle laufen lassen. Wir dürfen Gefangene nicht an Länder übergeben, in denen die Todesstrafe droht. Der KSK-Soldat agiert also in vielen Situationen in rechtlich ungeklärtem Rahmen, und das kann schon mal Verwirrung schaffen.«
»Erläutern Sie das bitte genauer.«
»Die Verbündeten sind von der Einsatzbefähigung des KSK hoch beeindruckt. Wir trainieren Seite an Seite, auch in deren Hubschraubern. Im gemeinsamen heißen Einsatz allerdings sind wir nicht wirklich beliebt. Wenn die anderen kurzen Prozess machen, stehen wir aus rechtlichen Gründen im Zweifelsfall voll auf der Bremse.«
Man spürt im Raum, auf welch dünnem Eis sich der Kommandeur KSK bewegt. Steht er in Konflikt mit seinem rechtlichen Umfeld? Hat er ein Problem mit dem Primat der Politik? Es könnte sein letzter Auftritt sein, denkt Bloedorn zufrieden.
»Sind ja gute Aussichten, Herr General. Ich höre die Jungs im Irak schon rufen Sie sind vorläufig festgenommen! Warum schlagen Sie mir diese Unwägbarkeiten vor?«
Der drahtige, baumlange Wolf, der für Henriette eine gewisse Ähnlichkeit mit dem legendären Kommandeur GSG 9 im Mogadischu-Einsatz hat, fährt unbeirrt fort:
»Ich musste das grundsätzlich ausführen, damit das Ganze klar wird. Hier aber ist die konkrete Gefahrenlage anders. Wir haben ein kleines, überschaubares Handlungsfeld. Jeder Dschihadist, den wir im Umfeld der Geiseln antreffen, ist eine potenzielle Gefahr. Es wird natürlich keiner vorläufig festgenommen. Das heißt wie bei den anderen Spezialkräften: Überraschung, kompromissloser Angriff und Rückzug.«
»Können Sie das bitte mal übersetzen?«
»Keine Verwundeten, keine Gefangenen, Rückkehr mit zwei lebenden Geiseln.«
»Und wenn Zivilisten als Schutzschild im Einsatzgebiet sind?«
»Davon gehe ich nicht aus, und letztlich – ein Restrisiko bleibt.«
»Über welche Kräfte reden wir?«
»In der Befreiungsoperation sieben Elitesoldaten. Dazu zwei Hubschrauber, zwei weitere als Back-up, und eine 120 Mann starke Logistik- und Einsatzzentrale auf türkischer Seite unter meiner Führung. Die türkische Seite wird unser Vorhaben nach meiner Einschätzung auch genehmigen. Ich erinnere an den Einsatz meiner Soldaten an der türkisch-syrischen Grenze, die bei der erfolgreichen Befreiung von zwanzig türkischen Soldaten maßgeblich beteiligt waren. Wir haben bei unserem NATO-Partner Türkei noch etwas gut, und das hat man uns danach auch klar gesagt.«
»Na ja, dann hoffen wir das mal. Sind unsere Kräfte denn in dieser schwierigen Lage ausreichend?«
»Angesichts der sehr überschaubaren Lage denken wir – ja.«
»Haben wir Ausrüstungslücken?«
»Dieses Kommando hat das Beste, was auf dem Markt ist. Wir setzen den neuen Hubschrauber H145M für die Spezialkräfte ein. Gepanzert, bewaffnet, Nachtsichtfähigkeit. Ein Prototyp, extra für solche Aufgaben vorbereitet.«
»Ich sehe, da wurden schon vorsorglich einige Hausaufgaben gemacht. Wann haben Sie denn vor, die Operation zu starten?«
»Am ersten Weihnachtstag. Zeit über dem Ziel zwei Uhr nachts Irak-Zeit. Also Mitternacht unserer Zeit. Bis zum 23. Dezember hätten wir auf dem Flugplatz Diyarbakir in der Nähe der türkisch-irakischen Grenze alles fertig, wenn wir heute loslegen.«
Die Runde spürt, dass man angesichts des Ultimatums und des Vorbereitungsdrucks vor einer Go-No-Go-Entscheidung steht.
»Sind wir sicher, dass die Geiseln beim Zugriff vor Ort sind?«, fragt die Kanzlerin.
»Wir werden das vorher noch einmal verifizieren.«
Henriette analysiert die Situation: Die Geiseln in Lebensgefahr, Verhandeln nicht möglich, Lösegeldzahlung keine Option, militärische Spezialkräfte einsatzbereit, die Chancen für eine Rettungsaktion hoch, rechtlich vertretbar. Habe ich eine sinnvolle Alternative, die dem Ziel der Rettung gerecht wird? Nein.
»Sie haben doch immer Decknamen, Herr Wolf. Wie soll denn Ihre Operation heißen?
»Operation Eagle.«
»Warum Eagle?«
»Unsere Kräfte kommen wie ein Adler blitzartig aus der Luft, greifen sich die Geiseln und sind wieder weg. Wir rechnen mit drei bis fünf Minuten. Dann ist der Spuk vorbei und wir sind mit den beiden Geiseln wieder auf dem Heimflug.«
»Und das klappt wie bei der Navy Seals-Operation gegen Bin Laden in Pakistan?«
»Jede Situation ist anders, Frau Bundeskanzlerin, wir haben alle Optionen gedanklich durchgespielt. Meine Männer werden in der Lage eigenständig entscheiden. Selbst ich habe in der Phase des Zugriffs keine Einwirkungsmöglichkeiten mehr. Es wird alles rasend schnell gehen, keineswegs einfach, aber es ist machbar.«
Henriette denkt noch einmal nach. Worauf werde ich mich hier einlassen? Kann ich den Informationen vertrauen? Was sagt mein Bauch?
Der Brigadegeneral Spezialkräfte spürt die Zweifel der Kanzlerin. Er führt ein Kommando, das weltweit zu den besten dieser Art gehört, und ist völlig überzeugt, dass diese Geiselbefreiung eine klassische Aufgabe für seine Elitesoldaten ist. Mit hoher Aussicht auf Erfolg. Es gab schon gefährlichere Szenarien.
»Das Ziel meines Kommandos ist es, die beiden Deutschen, Helmut Weier und Josef Fischer, und unsere Männer in einer perfekt geplanten Überraschungssituation unbeschadet zurückzubringen. Unser Plan ist die einzige und letzte Chance für die Geiseln. Wir setzen modernste Technik und Aufklärung ein und gehen von der Vorbereitung bis zur Durchführung mit höchster Präzision vor. Wir sind sicher, dass wir das stemmen. Failure is not an option, Frau Bundeskanzlerin!«
Rudi grinst innerlich. Hier steht ein Apollo 13-Kollege. Die Lagebeurteilung ist durch die Dynamik der Kanzlerin zwar etwas anders gelaufen als geplant, aber sie war umfassend und folgerichtig. Bis zum fundierten Entschluss, und der steht kurz bevor. Der Brigadegeneral hat das Ding wirklich perfekt gedreht.
Henriette schaut sich um.
»Meine Herren, irgendwelche Kommentare oder Einwände?« Die drei anwesenden Minister nicken zustimmend. Keine Einwände.
»Die langfristige Wettervorhersage ist gut, Frau Bundeskanzlerin«, sagt Bloedorn.
»Ihr Wort in Gottes Gehörgang, Herr …«, sie schaut auf sein Namensschild, »Herr Bloedorn.«
Rudi grinst in seine Hand hinein.
»Frau Bundeskanzlerin«, sagt Harry Busch, »es gibt einen taktischen Vorschlag.«
»Welchen?«
»Anders als eben besprochen: Geben wir dem IS doch ein Signal, dass wir zu politischen Verhandlungen bereit sind, aber mehr Zeit brauchen. Bieten wir an, dass wir mit dem Irak und Syrien über eine Kontaktaufnahme mit dem IS reden wollen. Das könnte vor Ort die Lage für die Geiseln entschärfen. Natürlich ist das ein Scheinangebot. Und die Verbündeten werden soweit möglich vorab informiert.« Henriette schaut zu den Ministern. Man nickt zustimmend. Auch der Außenminister, der zuvor noch anderer Auffassung war.
»Einverstanden, fädeln Sie das ein.«
Henriette betritt wieder einmal Neuland in ihrem Amt. Aber diesmal lastet die Verantwortung schwer. Sie fühlt sich, als hätte sie nach dem festgestellten Eintritt des Verteidigungsfalles jetzt als oberster Dienstherr die Befehls- und Kommandogewalt inne. Und irgendwie ist es ja auch so in dieser Lage. Sie muss das Leben von zwei deutschen Geiseln schützen. Das geht nur militärisch.
Die Bundeskanzlerin holt tief Luft. Dann spricht sie langsam und bestimmt:
»Befehl für die Operation Eagle ist erteilt! Ich werde mir heute noch die politische Genehmigung aus der Türkei einholen. Sie, Herr General Wolf, sind mir für die Vorbereitung und Durchführung persönlich verantwortlich. Sollten sich inakzeptable Unsicherheiten ergeben, blasen wir ab! Wann ist dafür der letztmögliche Zeitpunkt?«
»Bis eine Minute vor der Landung am Objekt, also 25. Dezember, 01:59 Uhr. Bis dahin kann ich noch einen Rückzug befehlen.«
»Können wir die Operation über Video in das Lagezentrum übertragen?«
Die Teilnehmer der Lage sind verblüfft. Eine Videoübertragung von einem Einsatz deutscher Spezialkräfte auf dem Territorium eines anderen Staates, das ist Neuland im Krisenkeller.
»Das kriegen wir hin, auch nachts um zwei Uhr. Die Bilder werden grün sein, aber erkennbar«, bestätigt Wolf. Er hat das für sich bereits mehrmals praktiziert, warum soll es nicht auch mit Schaltung nach Berlin funktionieren. Seine Leute brauchen dafür nur einen sicheren Datenweg.
»… und wir werden dafür sorgen, dass die Bilder hier ankommen, Frau Bundeskanzlerin«, ergänzt geflissentlich Bloedorn.
»Gut, meine Herren, sofern nichts dazwischen kommt, sehen wir uns hier im kleinen Kreis am 24. Dezember, 23:30 Uhr, wieder. Ich weiß, was ich Ihnen hier zumute. Doch ich meine, dass wir unsere Elitesoldaten Heiligabend und über die Weihnachtstage nicht allein lassen sollten. Wenn jemand nicht hier sein kann, habe ich dafür volles Verständnis. Sprachregelung nach außen weiterhin: Die Bundesregierung ist in ihrer Politik nicht erpressbar. Ich danke Ihnen für die hervorragende Unterrichtung. Viel Glück bei der Vorbereitung!«
19:00 Uhr. Die Sitzung ist beendet. Rudi geht sofort in sein Zimmer, er hat eine schwierige seelsorgerische Mission vor sich. Er muss mit den Ehefrauen der Geiseln reden, so reden, dass nichts verraten wird, aber sie dennoch beruhigt sind. Die Quadratur des Kreises.
Bevor die Bundeskanzlerin abfährt, winkt sie den Verteidigungsminister zu sich.
»Wirst du das schaffen, Paul?«
»Wir kriegen das hin, Henriette. Es gibt bei diesen Aktionen keine Garantien. Du weißt das, aber wir sind zuversichtlich, dass wir die beiden Geiseln rausbekommen!«
»Ich hoffe das, sonst Gnade dir Gott. Dann bis nachher. Ich versuche 20:00 Uhr.«
»Bis nachher.«

Als der gepanzerte schwarze Audi A8 mit der Bundeskanzlerin auf dem Rücksitz auf das kleine Hexenhaus mit Walmdach und Butzenscheiben in Berlin-Dahlem zurollt, ist es längst dunkel. Die skandinavische Kaltfront hat Berlin erreicht. Der erste Schnee in diesem Jahr bleibt wie feine, zarte Watte auf den Ästen der Bäume liegen und verwandelt Stadt und Land in eine Märchenlandschaft funkelnder Weihnachtslichter.
Die vorausfahrenden Personenschützer geben über Funk das Okay an den Fahrer. Die Strecke ist »sauber«, die Lage ist ruhig, keine Besonderheiten. Noch haben die Personenschützer keine Weisung für die höchste Sicherheitsstufe 1+ erhalten. Henriette hatte die Termine des restlichen Tages so kurz wie möglich gehalten, sie möchte nach diesem Höllenarbeitstag endlich für sich sein – oder besser gesagt, bei ihm.
Dieser Mann war das Unglaublichste, was ihr nach drei Jahren Ehe und einer unkomplizierten Scheidung widerfahren war. Es war diese eine Besprechung in ihrem Kanzler-Büro, als er auf eine Frage nicht antwortete. Er sah sie einfach mit seinen stahlblauen Augen an. Seine rechte Augenbraue bewegte sich leicht nach oben, und bei ihr brannte sich sein jungenhaftes Lächeln geradezu ein. Der Kerl antwortet einfach nicht, was bildet der sich ein? Nach zehn Sekunden hatte sie ihre Frage vergessen. So etwas kam bei Henriette, der Klugen und Beherrschten, so gut wie nie vor. Sie wusste nicht genau, was passiert war. Aber das Ergebnis war eine innere Vibration verbunden mit großer Neugierde. Noch am selben Abend gingen sie zusammen essen und dann zu ihm.
Danach wollten beide diese Treffen nicht mehr missen, wissend, dass es ein Spiel mit ungewissem Ausgang war. Warum, denkt sie, fasziniert mich dieser Mann unverändert … mit Paul in seinem Hexenhaus zusammen zu sein, bedeutet sprechen, sich fallen lassen dürfen, in der absoluten Gewissheit, dass er sich als Minister keine Rechte herausnehmen wird … grenzenloses Vertrauen, etwas, was im politischen Berlin verloren gegangen ist … vielleicht nie da war …