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Ilse Tielsch Heimatsuchen
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Auf alten Postkarten schieben sich Hausdächer zu einem in einen Talkessel gedrängten Häuflein zusammen, Baumkronen füllen vorhandene Zwischenräume, ein spitzer, kupfergedeckter Kirchturm mit Turmknauf und Kreuz, gotisch gewölbten Fenstern und überdachtem Laubengang ragt hoch über dem gotischen Presbyterium und dem darangeschobenen niedrigeren Dach des Kirchenschiffes, das mit glasierten Ziegeln in bunter Musterung gedeckt ist, die hellen römischen Zahlen auf den schwarzen Zifferblättern der Uhr sind deutlich erkennbar. Gegen diesen Kirchturm wirkt der ihm gegenüberliegende Turm des neugotischen Rathauses zierlich und klein.
(Auf älteren Ansichten fehlt dieser Rathausturm, die Kirchturmspitze ragt hoch über ein zwiebelförmiges Dach empor.)
B., in einem nach Südosten geöffneten Tal, nur 193 Meter über dem Meer, von Hügeln mäßiger Höhe umgeben, freundliches Schachbrettmuster vielfarbiger Felder, Weingärten, Obstbaumkronen.
Die Erinnerung nennt einige der Hügel mit Namen, Sonnberg, Altenberg, Stroßberg, Wechselberg, Kreuzberg, fügt die seltsamen Namen BETTLER UND LAUSER hinzu, läßt die Hügel wellig auslaufen, hat noch einen Namen für das niedrige Gebirge bewahrt, das hier in sanften Erhebungen und Mulden endet, nennt diesen Namen: DER STEINITZER WALD. Der Steinitzer Wald gehört zum Massiv des Marsgebirges, das Marsgebirge zieht sich westlich der mährischen Karpaten hin und ist durch die Furche der March von diesem getrennt.
Ein träge strömender Bach durchfließt das Tal, die Stadt, schlängelt sich zwischen Getreide-, Mais- und Rübenfeldern dem bräunlichen Gewässer des Flusses Thaya entgegen, der sich wiederum, nachdem er bei dem Dorf Muschau die vereinigten Flüsse Schwarzach oder Schwarzawa, Zwittach oder Zwittawa, Česava und Iglawa oder Igel aufgenommen hat, in Höhe des österreichischen Städtchens Hohenau in die March ergießt. Es kommt vor, daß der unscheinbare, sonst kaum beachtete Bach, nach starken Gewittern oder Wolkenbrüchen, die in der Gegend häufig sind, anschwillt, den Graben, zwischen dessen Böschungen er an heißen Sommertagen beinahe gänzlich versickert, plötzlich ausfüllt, aus seinen Ufern tritt, die Stadt überschwemmt, Brücken vernichtet, geschichtetes Holz und Ackergerät wegspült, Schweine, Rinder, Pferde, ja sogar Menschen mitreißt, die dann in seinen Fluten umkommen, ertrinken, Keller unbenützbar macht, Weinfässer wegschwemmt, Haus- und Stallmauern unterwäscht und zum Einsturz bringt. Es ist vorgekommen, daß sich die Bewohner von B. vor den Wassermassen auf Hausdächer retten mußten, daß sie gezwungen waren, ihre hölzernen Waschtröge als Fortbewegungsmittel zu benutzen. 1935 ist der Bach zum letztenmal aus den Ufern getreten, Heinrichs Tochter Anni, damals sechs Jahre alt, hat es erlebt.
Nach Brünn, nach Göding, nach Lundenburg, weiter nach Wien führten die Straßen, die B. mit der restlichen Welt verbanden, nicht immer zum Vorteil der Bewohner, die sich vor Schweden, Türken, Ungarn, vor Mongolen und Tataren, vor Preußen und vor den Söldnern der eigenen Kaiser, Könige, Herzoge, aber auch vor furchtbar hausenden Räuberbanden innerhalb ihrer Stadtmauern verstecken mußten. Sie beschossen die verschiedensten Feinde aus den Schießscharten ihrer Wehrmauern, mußten dann aber doch in den meisten Fällen nachgeben und die Tore öffnen, wurden ausgeraubt, geplündert, vergewaltigt, in Sklaverei abgeführt, Männer, Frauen, Kinder, gleich welchen Alters und welchen Geschlechts, mußten zusehen, wie ihre Häuser niedergebrannt, ihre Felder zertrampelt, ihr Hab und Gut gestohlen, ihre Ställe und Scheunen geplündert wurden, konnten sich nur selten und unter größten Opfern loskaufen, vor dem Allerärgsten retten.
Prokop der Kahle mit seinen taboritischen Horden, ungarische Kumanen nach der Schlacht bei Dürnkrut und Jedenspeigen, die Anhänger des gegen Rudolf den Zweiten rebellierenden Stephan Boczkay unter einem Fürsten namens Patschowsky, die Truppen Kaiser Rudolfs und seines Nachfolgers Matthias, Bethlen von Gabors plündernde, mordende, brandschatzende Haufen, Kaiser Ferdinands spanische Söldner, nach deren Abzug es hieß, in Mähren sei »an etlichen Orten weder Hund noch Katz zu finden, es sei alles aufgefressen«, sie alle sind diese Straßen entlanggezogen. Dreimal überfielen die Schweden unter Torstenson die kleine Stadt B., nach ihnen die Türken unter ihrem Großwesir Achmed Kiuprili. Auch jener Postmeister von Brünn, Johann Georg von Metzburg, der sich, weil er der türkischen Sprache mächtig war, als Türke verkleidet, durch die feindlichen Lager schlich, um in Wien Hilfe für seine bedrängte Stadt zu erbitten, wird durch B. gekommen sein, auch die den Türken folgenden kaiserlichen Generäle mit ihren Truppen, die einen so üblen Ruf hatten, daß sich die Einwohner der Dörfer und Städte bei ihrem Herannahen in die Wälder verkrochen, aus denen sie sich lange nicht wieder hervorwagten und von wo aus sie jenen Kometen beobachten konnten, der zu Beginn des Jahres 1664 am Himmel erschien, »in Gestalt eines gehörnten Mondes, einen langen, dreygespitzten Schweif gegen Mitternacht, zwei kleinere gegen Mittag ausstrahlend«, worauf sie das Nahen des Antichrist und den Untergang der Welt erwarteten.
Wer hat behauptet, die Schrecken vergangener Jahrhunderte seien mit jenen unserer Zeit nicht zu vergleichen? In der sehr kleinen Stadt B. erschlugen allein die Soldaten des türkischen Großwesirs mit ihren Krummsäbeln zweihundertvierundsechzig Menschen. Dreihundert Männer, Frauen und Kinder wurden als Sklaven mitgenommen, unter ihnen sollen der Bürgermeister, der Richter, mehrere Ratsherren gewesen sein. Preußische Dragoner unter Friedrich dem Zweiten, österreichische Kürassiere, Spanier, Franzosen, Napoleon. Rote Husaren während der österreichisch-preußischen Kriege, von den 1866 in B. stationierten sechstausend Soldaten der preußischen Armee sollen die Rheinländer und die Westfalen die humansten, bescheidensten und freundlichsten gewesen sein, vor den Brandenburgern, den Pommern und den Schlesiern dagegen habe man sich, wie berichtet wird, zu hüten gehabt.
(Ein von der Obrigkeit ausgesandter Zeichner ist, wie der Chronist festhält, dem Zorn der Bürger von B. nur mit knapper Not entkommen. Er hatte seine Bitte, die Stadt ABREISSEN zu dürfen, auftragsgemäß vorgebracht und war in seiner Absicht mißverstanden worden. Die dennoch im Jahre 1727 angefertigte Zeichnung dürfte von einem der Hügel aus heimlich und ohne Zustimmung des Stadtrates entstanden sein. Sie stellt die von Mauern und Friedhof umgebene Pfarrkirche mit von einer großen und einer darübergesetzten kleineren Zwiebel gekröntem Turm, die große Zwiebel von vier Türmchen gesäumt, in den weiten, von Bürgerhäusern umrandeten Marktplatz hinein, umgibt den Kranz der Häuser mit Mauern, Türmen und Toren, setzt kleinere Häusergruppen vor die Mauern der Stadt in die Felder, zieht zwei Häuserreihen einen steil ansteigenden Hügel aufwärts, weist mit zierlicher Schrift darauf hin, man habe diese, außerhalb der Mauern gelegene Siedlung DAS BÖHMENDORF genannt.
Der Schluß liegt nahe, daß die Stadt selbst zu jener Zeit ausschließlich von Deutschen bewohnt gewesen ist.)
B., ein Ort, zu dem die Gedanken immer wieder zurückkehren, den sie umkreisen. Früher als in anderen Gegenden erntete man das Getreide, die Obstbäume blühten schon im April, auf den Südhängen reifte die Mandel, die Nachtigall schlug IN TAUSEND AKKORDEN.
Der Zwang, diesen Ort nachzuzeichnen, sein sich im Lauf der Jahrhunderte änderndes Bild anhand der Aufzeichnungen von Chronisten zu verfolgen, sich mit seiner Geschichte vertraut zu machen. Lange Vergangenes mit erlebter Gegenwart, die ebenfalls schon längst Vergangenheit geworden ist, in Verbindung zu bringen, ein Ganzes entstehen zu lassen, ein möglichst vollständiges Bild des Ortes zu malen, den man schon einmal verlassen hat, dem man sich noch einmal nähern will, um sich dann endlich für immer von ihm zu entfernen.
DIESE STADT IST ALT, DENN SIE WAR SCHON IM JAHR 893 EIN HALTBARER ORT, schreibt Franz Joseph Schwoy in seiner 1793 publizierten Topographie vom Markgrafthum Mähren, das VOR DEN HUNGARN FLÜCHTIGE HEER DES MÄHRISCHEN KÖNIGS SWATOPLUK habe sich in ihre Mauern gerettet.
Die Chronik hält die erste urkundliche Erwähnung in einem von König Wenzel I. 1240 gefertigten Schreiben fest, die Erhebung zur Stadt durch Kaiser Maximilian II. 1572, erwähnt in Verbindung mit diesem Ereignis das verliehene Recht, MIT ROTEM WACHS ZU SIEGELN, was anderen Städten gegenüber, denen nur MIT GRÜNEM WACHS ZU SIEGELN erlaubt war, eine Erhöhung des Ansehens bedeutet hat. Sie beschreibt, nach Kriegs- und Notzeiten, nach Pest und Cholera, einen aufblühenden, durch große Jahr- und Wochenmärkte, vor allem durch Viehmärkte weithin berühmten Ort, Umschlagplatz für allerlei in Gewerbe und schließlich sich entwickelnder Industrie gefertigte Waren, nennt als wesentlichsten Fehler, der weiterer günstiger Aufwärtsentwicklung hinderlich gewesen sei, den Beschluß, die 1839 von Wien nach Brünn gelegte Bahnlinie nicht durch die Stadt zu führen. Man habe, heißt es, eine Beeinträchtigung der Fuhrwerksunternehmen gefürchtet, kurzsichtig auf die Chance, einen Bahnhof an der Hauptbahnlinie zu besitzen, verzichtet, ein Schaden, der durch die später gebaute Lokalbahn nicht zu beheben gewesen ist.
Denkbar, daß damals, durch diesen Mangel an Weitblick, das Schicksal von B., zur VERTRÄUMTEN KLEINEN LANDSTADT abzusinken, besiegelt worden ist, denn obwohl es noch Höhepunkte in der Entwicklung gab, Zeiten, die zur Hoffnung berechtigten, obwohl B. zum Beispiel frühzeitig eine Poststation erhielt, vorübergehend Sitz eines Divisionskommandos war, sich sogar zur Bezirksstadt emporschwang, war der Abstieg zur Bedeutungslosigkeit der verschlafenen Kleinstadt nicht aufzuhalten. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Herbst 1938 und dem darauf folgenden Anschluß an Deutschland wurden alle wichtigen Ämter in eine Stadt verlegt, die einen Bahnhof im Stadtgebiet besaß.
Ich rufe mir schon Gesagtes ins Gedächtnis zurück, hole es herüber in diese von mir weiterzuerzählende Geschichte, erinnere an die Enttäuschung, die Heinrich, damals neunundzwanzigjährig, erfaßte, als er, aus Wien kommend, an einem vor Hitze flirrenden Junimittag des Jahres 1924, den vor dem gelb gestrichenen, einsam zwischen Mais-, Rüben- und Getreidefeldern träumenden Bahnhofsgebäude haltenden Zug verließ, endlich, nach längerem Zögern, den Wunsch, auf den aus Brünn kommenden Gegenzug zu warten und in die Großstadt zurückzukehren, unterdrückte, sein altes, im Gepäckwagen des Zuges mitgebrachtes Fahrrad bestieg, schließlich in B. eintraf. Ich erinnere daran, daß er, der von einem Leben in Wien geträumt hatte, sich unter dem Zwang der Not, dieser Hungerzeit zwischen den Kriegen, entschlossen hatte, die freigewordene Stelle eines Landarztes anzunehmen, daß ihn, als er auf seinem Fahrrad in die Stadt B. einfuhr, beinahe der Mut verließ, ja daß ihn, angesichts der sich dehnenden, vor allem der mit Rüben bewachsenen Felder, der menschenleeren Gassen, des ebenso leeren Marktplatzes mit Dreifaltigkeitssäule, Sparkasse, Pfarrkirche und neugotischem Rathaus, den gegen die Sonne mit Tüchern verhängten Schaufenstern einer Bata-Filiale eine in Worten schwer zu beschreibende Melancholie überkam. Der Ausspruch eines Mannes, der von ihm damals nach dem Weg gefragt worden ist, wurde von ihm später häufig wiederholt: HIER WERDEN SIE ES NICHT AUSHALTEN, HIER IST DAS ENDE DER WELT.
(Die Erinnerung hält jedoch fest, daß Heinrich in der zweiten Hälfte seines Lebens, die mit dem Durchwaten des Grenzbaches im Juni 1945 begann, der kleinen, in die Hügel gedrängten Stadt B. immer mit Zärtlichkeit, ja mit HEIMWEH gedachte.)
Eine große Anzahl von Fotografien, im Lauf der Jahrzehnte gesammelt, von Freunden, Verwandten, Bekannten geschenkt, überlassen, in Kopien zugeschickt, zeigen, nebeneinandergelegt, die kleine Landstadt B. mit allen wichtigen Gassen, Gebäuden, Wegen, Wegkreuzen, Kapellen, mit Pfarrkirche, Rathaus, Dreifaltigkeitssäule, mit dem Trinkwasserbrunnen im unteren Teil des großen, annähernd quadratischen Platzes. Ein steinerner Poseidon hält eine Amphore auf den Schultern, Wasser plätschert in dünnem Strahl in das steingefaßte Becken, Lindenbäume umgeben ein Steinkreuz neben der Kirche, Johannes von Nepomuk steht auf seinem Postament, die Sparkasse leuchtet mit blinkenden Scheiben, hohe Baumkronen umgeben die alte Schule, Brücken überwölben den Bach, zum kleinen Lokalbahnhof führt eine von hohen Akazien und Kastanienbäumen gesäumte Allee.
Zwischen den schönen Bürgerhäusern, auf den weißen Kopfsteinen aus den Pollauer Bergen, läuft das Kind Anni hin und her, es lehnt sich aus einem Fenster, sieht die Kette der Pollauer Berge sich bläulich vom Himmel abzeichnen, das Gipfelkreuz ist deutlich erkennbar, das Kind drängt sich auf dem in eine Budenstadt verwandelten Stadtplatz zwischen feilschenden Hausfrauen und Händlern durch, steht staunend, mit offenem Mund, vor den Buden mit den Puppen, Stofftieren, Trompeten, sieht ein Äffchen an der Leine tanzen, läuft eine lange Straße entlang, die zum Böhmendorf führt, betritt den Hof der Großeltern Josef und Anna durch ein breites hölzernes Tor. Schneeweiße Gänse schnattern, Milchkannen klappern, Pferde wiehern, die Großmutter, zierlich und klein, rührt im blau gekachelten Herd in großen Kasserollen, der Großvater putzt sein Jagdgewehr, hantiert beim Bienenhaus, das Kind sitzt auf seinem Lieblingsplatz unter dem Maulbeerbaum, hält ein Stückchen blaues Glas vor sein rechtes Auge, kneift das linke Auge zu, träumt, was Kinder aus wasserarmen Gegenden manchmal träumen: DAS MEER. Nur wenig von jenen immer stärker werdenden Spannungen, die damals sogar in der stillen kleinen Landstadt B. zwischen den Einwohnern verschiedener Muttersprache bestanden haben, ist dem Kind Anni zu Bewußtsein gekommen.
(Der Chronist berichtet, daß die vorwiegend deutsche Bevölkerung zu Anfang des Jahrhunderts mit einer tschechischen Minderheit so lange in Frieden zusammenlebte, bis EINIGE HITZKÖPFE PROVOZIEREND DAS FRIEDLICHE ZUSAMMENLEBEN STÖRTEN.
Es habe für die wenigen tschechischen Familien einen Volksrat, eine Sparkasse, ein Vereinshaus gegeben. Erst anläßlich der Eröffnung einer tschechischen Schule im Jahre 1909 sei es zu Reibereien gekommen. Die Regierung habe der Minderheit Schutz gewährt, den Ausnahmezustand verhängt und verstärkten Polizeischutz geboten. Fünfunddreißig Gendarmen hätten eine Art Besatzung gebildet. Die Lage habe sich jedoch in den folgenden Jahren IMMER MEHR ANGESPANNT. Im November 1918 sei B. von einer slowakischen Brigade mit zwei Maschinengewehren besetzt worden, die Besetzung habe sich jedoch IN ALLER RUHE vollzogen. Die Bezirkshauptmannschaft, die Post, die Eisenbahnstation und das Rathaus seien besetzt, das Verbot, andere Farben als die tschechischen zu tragen, sei erlassen worden. Zum erstenmal in der Geschichte der Stadt habe es nacheinander zwei tschechische Bürgermeister gegeben. Zahlreiche tschechische Beamte und Lehrer seien in die Stadt gekommen, die Zahl der Tschechen in der Stadt habe ständig zugenommen. Die deutschen Beamten seien ihrer Posten enthoben, durch tschechische Beamte ersetzt worden.
Wirtschaftlich habe sich die Abtrennung von den ehemaligen Absatzgebieten für landwirtschaftliche Produkte, aber auch für im Gewerbe und in der Industrie hergestellte Waren, bemerkbar gemacht. Die Ziegelwerke seien geschlossen worden. Die drei Mühlen hätten mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Die kleinen Handwerksbetriebe hätten sich zwar als Bedarfsträger des dichtbesiedelten bäuerlichen Umlandes schlecht und recht durchbringen können, die Konkurrenz sei jedoch groß und ungesund gewesen. Die für landwirtschaftliche Produkte gezahlten Preise hätten kaum noch das Notwendigste eingebracht. Ganz besonders hätte der Weinbau unter den herrschenden Verhältnissen gelitten, die Zahl der Weingärten habe sich ständig verringert. Allerdings hätten nicht nur die deutschen, sondern auch die tschechischen Bauern unter der herrschenden Not zu leiden gehabt, unter der furchtbaren Arbeitslosigkeit hätten in südmährischen Industriestädten tschechische und deutsche Einwohner in gleichem Maß gelitten.
Wegen der hohen Kosten habe man erst spät mit der Elektrifizierung der Stadt beginnen können, der Bau einer Wasserleitung stellte sich als finanziell untragbar heraus, an eine Kanalisation war nicht zu denken. Einzig das Baugewerbe blühte, Schulen und Häuser für die neuen tschechischen Beamten wurden gebaut. Für das neu errichtete tschechische Gymnasium habe es zu wenige Schüler gegeben, man habe die Schüler von weither holen müssen.
Die nationalen Spannungen hätten SIEDEHITZE erreicht. Die deutschen Truppen im Herbst 1938 seien deshalb mit Jubel empfangen worden.
Sei bis dahin, seit 1918, von tschechischer Seite eine falsche, die Deutschen benachteiligende Politik betrieben worden, habe in der folgenden Zeit Hitlers Politik, die IN JEDEM SLAWEN EINEN MENSCHEN ZWEITER KLASSE gesehen habe, alle Hoffnungen zunichte gemacht.)
Heinrich, der von einem Leben in der Musik- und Theaterstadt Wien geträumt hatte, blieb in B., eröffnete eine Praxis, nahm zwei Jahre später die Bauerntochter Valerie zur Frau. Er versah seinen Dienst als praktischer Arzt mit immer gleichbleibender Geduld, machte bei seinen Patienten keinen Unterschied, was Sprache oder Religion betraf. Über die Geburt der Tochter soll er sich gefreut haben. Söhne, soll er gesagt haben, seien immer und zu allen Zeiten KANONENFUTTER gewesen.
Am 15. April 1945 wurde die kleine, in die südmährischen Hügel gedrängte Stadt B. vom Krieg überrollt.
SEI FROH, DASS DU ES NICHT ERLEBT HAST, sagt die heute alt gewordene Mutter Valerie.
Sei froh, daß du nicht dabeigewesen bist, sagen Schulfreundinnen der Tochter Anni, die es erlebt haben. ES, DAS FURCHTBARE, DAS UNBESCHREIBLICHE, das auch heute, nach dreieinhalb Jahrzehnten, immer noch nicht erzählbar geworden ist.
Diesmal war die Not mit dem Ende des Krieges nicht vorüber, wie dies in früheren Jahrhunderten meist der Fall gewesen war.
Ich möchte den Weg genau kennen, den Heinrich und Valerie, Vater und Mutter, damals am 16. Juni 1945 hinter Wundrascheks klapprigem Wägelchen gegangen sind, bitte die Mutter, ihn mir zu beschreiben, lege die alte Landkarte auf den Tisch. Auf dieser Karte sind nicht nur die Straßen, es sind auch die allerkleinsten Wege, Feldwege, Hohlwege eingezeichnet, auch die Namen der Hügel, die Bäche, die Wegkreuze, die Obstbaumalleen. Es ist eine Karte, wie man sie heute nicht mehr bekommen kann.
Die Mutter hat eine alte Freundin eingeladen, weil sie nicht sicher ist, ob sie sich noch an Einzelheiten erinnert. Zwei Stunden nach Mitternacht sind sie damals aufgebrochen, der Vater und sie, im Hof ihres Elternhauses haben noch jene drei Erwachsenen und die zwei Kinder gewartet, von denen in diesem Zusammenhang schon die Rede gewesen ist, auf Wundrascheks Wagen sind schon Gepäckstücke gelegen, sie haben ihre beiden Rucksäcke und den Koffer dazugelegt.
(Mehr haben wir nicht mehr gehabt, sagt die Mutter, mehr hat uns nicht mehr gehört.)
Sie haben sich von Valeries Eltern, Josef und Anna, und von Hedwig verabschiedet, sie haben ABSCHIED GENOMMEN, es ist ihnen sehr schwer gefallen, denn, sagt die Mutter, sie haben ja nicht gewußt, ob sie einander noch einmal wiedersehen würden.
Dann sind sie losgezogen, auf jener Straße, über die Heinrich zwanzig Jahre vorher auf seinem alten Fahrrad gekommen war.
Ein Stück vor dem Bahnhof sind sie rechts auf die Straße, die nach dem Ort Tracht führt, abgebogen.
Ja, sagt die Freundin, das stimmt, nur so könnt ihr gegangen sein, verfolgt mit dem Finger den Weg auf der Landkarte, nennt weitere Ortsnamen: Unter-Wisternitz, Ober-Wisternitz, Bergen. Nein, sagt die Mutter, wir sind ÜBER DIE FELDER gegangen. IN TRACHT IST EIN POSTEN GEWESEN. (Vor diesem Posten hätten sie Angst gehabt.) Sei seien nicht bei Unter-Wisternitz über die Thaya gegangen, sie könne sich, sagt die Mutter, überhaupt nicht daran erinnern, die Thaya überquert zu haben.
Man muss über die Thaya, sagt die Freundin, ein längerer Wortwechsel folgt. IHR KÖNNT JA NICHT ÜBER DIE THAYA GESPRUNGEN SEIN! (Auf der Landkarte ist deutlich zu sehen, daß man den Fluß überqueren muß, wenn man zur Grenze will.)
DAS NEUE WIRTSHAUS haben wir nicht gesehen.
(Auch der Feldweg, der nach dem Dorf Unter-Tannowitz führt, ist auf der alten Karte eingezeichnet.)
Von dort weg ist Gertrud, die Arzttochter, die mit Anni das Gymnasium besucht hat, mit ihnen gegangen und hat ihnen den Weg zur Grenze gezeigt.
(Ob sie Angst gehabt hat? Nein, sagt Gertrud heute, damals sei so etwas selbstverständlich gewesen. Sie habe diesen Weg sehr gut gekannt, mehrfach Leute zur Grenze gebracht, auch Soldaten, die sich versteckt hatten. Sie habe Heinrich, Valerie und die anderen, so weit es nötig gewesen sei, begleitet, ihnen dann gezeigt, wo sie den Bahndamm zu überqueren hätten, sei dann wieder umgekehrt. HINTER DEM BAHNDAMM IST DER GRENZBACH GEWESEN.)
2
Hü! rief Wundraschek, und sein Pferd setzte sich in Bewegung.
Die fünf Erwachsenen und die beiden Kinder standen wie verloren neben den Gepäckstücken und blickten dem Wagen nach, der, eine Staubwolke hinter sich herziehend, langsam davonrumpelte, dann bückten sie sich nach ihren Rucksäcken und Koffern und kletterten über den Bahndamm und die Eisenbahnschienen.
Bis zum Bach waren es nur wenige Schritte. Sie durchwateten ihn, die Rucksäcke auf dem Rücken, einer der Männer, der von Valerie R. genannt worden ist, trug die Kinder und das restliche Gepäck ans andere Ufer, sie fanden eine trockene schattige Stelle zwischen den Weidenbüschen, fielen müde ins Gras, redeten nicht, die Kinder weinten leise vor sich hin.
Valerie war es, die sich schließlich bewegte, die Hand ausstreckte, nach Heinrichs Hand griff, nicht nur, weil sie das Gefühl seiner Nähe brauchte, das Gefühl, nicht allein zu sein mit all diesem Jammer, sondern auch, um ihm dieses Gefühl zu vermitteln. Wir leben, wollte sie ihm auf diese Weise sagen, wir sind davongekommen, wir sind nicht verlassen, solange wir einander haben.
Heinrich wandte ihr sein Gesicht zu, nickte zum Zeichen, daß er sie verstanden habe, und sagte leise: Ich habe heute Geburtstag.
Er war an diesem Tag genau fünfzig Jahre alt geworden.
Der Schmerz war beinahe erstickt gewesen von der Müdigkeit des Körpers, jetzt erwachte er, Valerie fühlte, wie er in ihr hochkroch, sie würgte, sie hatte das Gefühl, erbrechen zu müssen, aber es war ihr nicht möglich, aufzustehen, sich aufzuraffen, von diesem Krampf, der ihr den Hals zuschnürte, zu befreien. Sie ließ Heinrichs Hand los, drückte das Gesicht ins Gras, wartete auf das Nachlassen des Krampfes, auf das Abklingen der durch den wiedererwachten Schmerz hervorgerufenen Übelkeit, wartete auf Tränen, die nicht kamen. So muß sie längere Zeit gelegen sein, beinahe bewußtlos vor Erschöpfung, vielleicht sind es die Stimmen der Kinder gewesen, die sie schließlich zurückholten, vielleicht war es auch nur der Durst, den sie beim Nachlassen der Verkrampfung, des Ekels, zu spüren begann, der sie dazu brachte, sich aufzurichten. Sie griff nach ihrer Handtasche, holte die kleine Sliwowitzflasche hervor, die Wundraschek zur Hälfte leergetrunken hatte (sogar das bißchen Sliwowitz hat er uns weggetrunken), wandte sich an Heinrich und sagte leise: Gib mir den Becher.
Heinrich hatte seit seiner Gymnasialzeit eine Vorliebe für Becher gehabt, die man in der Tasche tragen konnte. Er griff in seine Rocktasche, holte eine kleine, flache Aluminiumschachtel hervor, Valerie öffnete sie, faßte von den darin konzentrisch ineinandergelegten Ringen aus dünnem Aluminium den größten, hob ihn aus der Schachtel, die übrigen, ineinanderpassenden Teile und der in der Mitte liegende kleine Boden formten sich zum Trinkgefäß. Sie ging damit zum Bach, füllte es zu zwei Dritteln mit Wasser, goß etwas von dem Schnaps hinein und trank. Dann füllte sie den Becher wieder, kam damit zu den auf dem Grasplatz Liegenden, reichte ihn der Frau.
Sie tranken alle von dem mit dem Schnaps gemischten Bachwasser, auch die Kinder tranken davon. (Wir sind nicht krank davon geworden, sagt die Mutter, es ist ein sehr starker Schnaps gewesen, er hat das Wasser wahrscheinlich desinfiziert.)
Nachdem sie getrunken hatten, kramten sie hervor, was sie an Eßbarem hatten. Ein Stück Brot, ein Stückchen Speck, dann suchte jeder für sich eine Stelle am Bach, wo er sich, ungesehen von den anderen seiner Kleidung entledigen und waschen konnte.
