Darius Tech Einfach.Nur.Tom.
Einfach.Nur.Tom.
Einfach.Nur.Tom.

3

  • 0
Поделиться

Полная версия:

Darius Tech Einfach.Nur.Tom.

  • + Увеличить шрифт
  • - Уменьшить шрифт

„Nein, glaube ich zumindest …“ Ihr Blick ist skeptisch.

„Hast du schon mal lange Fingernägel gehabt?“

„Eher selten, sind echt unpraktisch beim Schrauben …“, stellt sie schulterzuckend fest. „Ich habe eine alte Harley von meinem Dad sozusagen geerbt“, fügt sie hinzu. „Meine Mom besteht darauf, dass er zu alt geworden ist, um mit dem alten Seelenverkäufer, wie sie mein Baby nennt, herumzufahren.“ OK, das ist so ganz und gar nicht barbiehaft. Ich muss grinsen, aber ich frage mich, wie ich meine Information diplomatisch transportiere.

„… unpraktisch und schmerzhaft, bei gewissen intimen Tätigkeiten“, stelle ich schließlich unverblümt fest.

Ihre Augen werden groß, nachdem sie nur eine kurze Sekunde überlegt hat. „Oh fuck!“ Sie ist so überrascht, dass sie mich nicht fragt, woher ausgerechnet ich so etwas weiß. Ich spare mir die Information schmunzelnd auf.

„Ich denke, wir können also davon ausgehen, dass es sich nicht um einen Zufall handelt.“ Ich zeige die Straße hinunter. „Fahr da vorne links. Ich weiß jemanden, der uns vielleicht mehr über Lilly verraten kann.“

***

„Ok, wir können unser Glück hier versuchen, wenn sie zumindest privat out war, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie schon einmal in dem Laden war.“ Vor einer halben Minute sind wir hinter dem Rainbow Cats auf den Parkplatz gerollt. Der Laden von Selma ist sozusagen eine der ersten Adressen der Lesbenszene in L.A., außerdem liegt er unweit von Lillys Adresse und Arbeit. Sams Augen wandern augenblicklich zu den drei Motorrädern, die um diese Zeit als einzig andere Fahrzeuge auf dem Parkplatz stehen, motorisierte Zweiräder scheinen sie wohl wirklich sehr zu interessieren. Selmas Frau scheint also mit dem Lieferwagen unterwegs sein.

„Selma sollte zwar noch geschlossen haben, aber normalerweise ist sie um diese Zeit da und kümmert sich um ihre Bücher und Bestellungen und den ganzen Kram.“

Anscheinend hat Sam inzwischen die Information von vorhin verdaut und analysiert. „WARTE!“ Sie hält mich am Arm fest. „Ich gehe da nur mit hinein, wenn du mir verrätst, warum du SO ETWAS weißt! Und so etwas auch.“ Ihre Arme gestikulieren während des letzten Satzes zum Rainbow Cats.

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Ein Mann darf doch auch seine Geheimnisse haben.“ Aber ich habe nur vor sie auf die Folter zu spannen. „Nat, mein letzter Partner, und ich waren oft genug hier, dass ich ein paar Dinge aufgeschnappt habe. Selma ist die kleine Schwester von Nat Cunningham. Ihr gehört der Laden. Ich kenne sie und ihre Frau Louise seit fünf Jahren.“

Sam stutzt, dann prustet sie lautstark los. Ihr Lachen ist, wie vieles andere an ihr auch, alles andere als barbiehaft. Es ist unmöglich nicht mitzulachen, obwohl ein Teil von mir sich, ob unserer unerwarteten Reise in die Vergangenheit, melancholisch fühlt. „Selma und Louise?“ bringt sie schließlich unter halb erstickten Grunzlauten hervor.

„Selma und Louise, genau die.“ Ich bemühe mich ernst zu werden.

„Und sie sind lesbisch?“ Sie kichert noch. „Oh Backe! Ich glaub es nicht.“

Ich habe gerade beschlossen, dass ich meinen neuen Partner mag. „Davon ist auszugehen, ich war bei ihrer Hochzeit.“ Die beiden haben zu den ersten gleichgeschlechtlichen Paaren gehört, die in der Stadt der Engel getraut wurden. Das war lange, bevor ich Kelly kennengelernt habe. „Louise sammelt Motorräder, mindestens eines hat sie immer gerade in Einzelteile zerlegt. Ich wette, ihr würdet euch prima verstehen.“

Sam schüttelt den Kopf. „Du steckst voller Überraschungen.“

Wir gehen durch die Hintertür hinein. Selma hat sie wie immer nicht abgeschlossen und ich erinnere mich, wie oft Nat ihr deswegen Vorwürfe gemacht hat. Wie oft er ihr gesagt hat, wie gefährlich das sei… Beinahe kann ich seine Stimme in meinem Kopf hören. Aber Selma lebt schließlich und ist wohlauf.

„Hey Selma, es ist ein Einbrecher!“ Ich rufe lautstark, sobald ich den Laden betrete. Um ehrlich zu sein, tue ich es vor allem, weil ich keine Lust habe in den Lauf einer Schrotflinte zu blicken … und weil dies auch Nats Begrüßung war, wenn wir herkamen.

Sam schaut mich amüsiert an, anscheinend ist sie ebenso überrascht von Ken, wie ich von Barbie.

Selma Cunningham sitzt wie erwartet über ihren Unterlagen. Sie ist eine elegante Frau Mitte dreißig. Selbst wenn sie wie jetzt in Jeans und schlichter Bluse über eine Inventurliste gebeugt ist, verliert sie nichts von der klassischen, kühlen Ausstrahlung, die sie auszeichnet. Es ist zwar nicht so, dass sie dabei tatsächlich eine kühle Persönlichkeit hätte, aber ich könnte sie mir in einer beliebigen klassischen Hollywoodrolle vorstellen. Am besten würde sie in einen Film Noir passen. Allerdings besitzt sie so viele Schichten wie eine Zwiebel. Ihren Laden führt sie mit eiserner Hand und wird zur Not zur schwerbewaffneten Wildwest Lady. Wenn es um Louise oder ihren Bruder geht, kann sie innerhalb von Sekunden zwischen Leidenschaft und Fürsorge wechseln und sie ist eine der besten Zuhörerinnen der Stadt. In L.A. bedeutet das etwas, hier gibt es schließlich eine ganze Menge Menschen. Jeder Person, die an ihrer Bar Platz nimmt, gibt sie das Gefühl ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu besitzen. Das Faszinierende daran ist, sie bekommt tatsächlich alles mit, egal ob vor ihr fünf oder fünfzehn Menschen sitzen.

Ihre dunkelblonden Haare hat sie wie immer kunstvoll hochgesteckt. Ich erinnere mich noch gut an meine Überraschung bei unserer ersten Begegnung. Nats kleine Schwester hatte so überhaupt nicht meinem Bild entsprochen, was ich zuvor von einer Lesbe gehabt hatte. Genauso wenig entspricht sie dem gängigen Bild von einer Frau, die mit einer Schrotflinte unter der Theke aufwarten kann.

Heute sehe ich die gleiche Überraschung in Sams Augen. Mir liegt es auf der Zunge ihr zu sagen, dass wir nicht alle den Klischees entsprechen. Aber mein bisheriges Verhalten ihr gegenüber verrät mir, dass ich diese Lektion wohl selbst erst einmal verinnerlichen sollte, bevor ich sie ihr vorhalte.

„Mickey!“ Selma kommt lächelnd auf mich zu und umarmt mich. „Was treibt dich denn hierher?“ Ihr Blick wandert kurz über Sam. Natürlich, Sam ist, ebenso wie ich, in Zivil und wie Kelly sieht sie überhaupt nicht aus. Ich ziehe eine Augenbraue hoch, weil ich ahne, was sie gleich sagen wird, bevor sie spricht. Es gab eine Zeit, in der Nat und ich viel Zeit mit ihr und Louise verbracht haben. Ein Teil von mir fragt sich, warum das eigentlich aufgehört hat.

„Hey, auch eine verheiratete Frau hat Augen im Kopf“, sagt sie schließlich trocken.

Sam lächelt leicht verunsichert, und ich kann es ihr nicht übel nehmen. Dass Selma nichts weiter mit ihrem Blick verfolgt, kann sie nicht wissen. Wäre das hier nicht genau der Ort, der es ist, hätte es diesen Blick nie gegeben. Er ist Teil des Begrüßungsrituals im Rainbow Cats, nicht mehr und nicht weniger. Etwas, das Sam ebenso wenig wissen kann. Meine Gedanken wandern das erste Mal seit Stunden zu einer Zeugenbefragung in der First National Bank, zu einem schwarzen Lockenkopf mit grauen unergründlichen Augen … Ich schüttele den Kopf, mehr um ihn zu klären, als um Selmas Verhalten zu kommentieren.

„Leider der Job“, sage ich, bevor ich mich räuspere. „Das ist mein neuer Partner, Samantha Caihill.“

„Hallo Samantha!“ Sie schaut meinen neuen Partner noch einmal sehr genau an, was Sam sichtlich noch mehr verunsichert. Ich hingegen bin mir jetzt sicher, dass es ein anderer Blick ist als zuvor. Sie scheint Sam abzuschätzen und ich wüsste nur zu gerne, was sie gerade sieht. „Pass gut auf Mickey auf, er ist so etwas wie ein kleiner Bruder für mich! Und auch wenn er manchmal so tut wie der größte Macho auf Erden, er hat ein Herz aus Gold.“

Jetzt hat sie uns beide sprachlos gemacht, ich bin es nicht gerade gewohnt, mit einem Herz aus Gold beschrieben zu werden. Das ist auch nicht das Bild, was ich von mir selbst habe. Erst recht nicht, wenn man bedenkt, wie wenig ich mich seit Monaten bei ihr blicken lassen habe, besonders in den letzten zwei davon. In mir regt sich mein schlechtes Gewissen, weil ich mich nach Nats Tod so unsichtbar gemacht habe.

Sam fängt sich ein wenig schneller als ich. Sie hält Selma ein Foto unseres Opfers unter die Nase und räuspert sich. „Ist Ihnen diese Frau bekannt?“

Überraschung und Erkennen spiegeln sich in Selmas Gesicht, wir haben einen Volltreffer gelandet. „Was ist mit Lilly?“

„Sie ist tot.“ Ich habe vor langer Zeit gelernt, dass es diesbezüglich wenig effektiv ist, um den heißen Brei herumzureden. „Wir suchen ihren Mörder.“

Es ist deutlich zu sehen, wie betroffen Selma ist.

„Hast du sie gut gekannt?“, frage ich sie daher.

„Gut?“ Selma fängt sich schnell. „Ist der falsche Begriff. Sie war früher jeden Donnerstag hier mit ihrer Freundin und noch ein paar Mädels. Sie haben immer dort drüben gesessen, ihr Stammtisch.“ Sie zeigt auf eine der wirklich bequemen Sitzecken an der Fensterfront. Insgesamt orientiert sich das Rainbow Cats optisch an den sechziger Jahren. Die Pastelltöne der Möbel folgen jedoch dem Regenbogen und bei genauerem Blick sieht man, wie modern tatsächlich alles ist. Unzählige LED-Lichter erzeugen ein angenehm indirektes Licht, wenn Selma öffnet. Aber noch leuchten die hellen Lampen des „Putzlichts“, wie Selma die Deckenbeleuchtung bezeichnet. Ich bin immer wieder überrascht, wie sehr das grelle, kaltweiße Licht den Raum verändert.

An mehr als einem Abend sind Nat und ich früher hier versackt, haben noch Stunden nach Ladenschluss mit Selma und Louise dort gesessen, geredet und gelacht.

„Aber ich habe sie seit über einem Monat nicht mehr gesehen. Sie hat sich von Nance getrennt, mehr weiß ich nicht. Außerdem, sie war komisch in der Zeit davor. Kriegt man einen Blick dafür, wenn man so einen Job hat. Sie sah aus, wie ein Veteran, der gerade aus dem Krieg zurückgekehrt ist.“ Selma untertreibt. Sie durchschaut Menschen, als seien sie frisch polierte Glasscheiben. Also nehme ich dieses Urteil ernst.

Ich nicke. „Kannst du uns die Namen von ihren Freunden geben?“

„Nicht ganz.“ Sie reißt jedoch einen Zettel von ihrem Schreibblock ab und notiert fünf Namen darauf. „Das war ihre Freundin, Nancy Reddigan. Von den anderen kenne ich nur die Vornamen.“ Selma schaut betreten. „Glaubt ihr, Nance hat etwas damit zu tun? Ich meine … Ich denke nicht, dass sie einer Fliege etwas zuleide tun könnte.“

Nein, das glauben wir nicht. Wäre es so, würde Selmas Urteil den Verdacht für mich nahezu ausräumen, weil … Glasscheiben eben. Aber ich möchte nichts sagen, das irgendetwas über den Stand unserer Ermittlungen verrät, auch wenn ich Selma vertraue, als wäre sie tatsächlich meine eigene Schwester. Zum Glück für meine nicht vorhandenen Geschwister musste jedoch niemand sonst in meiner Familie aufwachsen.

„Wir wissen noch nichts, unsere Ermittlungen stehen noch ganz am Anfang. Aber vielleicht kann sie uns wenigstens helfen zu rekonstruieren, wo Lilly ihren Mörder getroffen hat.“

„Ok“, sie runzelt die Stirn. „Kannst du mich auf dem Laufenden halten? Ich weiß, laufender Fall und so … aber die Kleine hat mir irgendwie leidgetan. Auch wenn ich nicht weiß, was ihr widerfahren ist.“

„Soweit es die Ermittlungen nicht gefährdet. Aber ich kann dir nichts versprechen.“

***

Unser nächster Weg führt uns zu Nancy Reddigan. Zum Glück gibt es den Namen nicht allzu häufig in Los Angeles. Eine der so benannten Frauen lebt in einem Seniorenheim, die zweite ist eine konservative Politikerin. Der Gedanke liegt also nahe, dass die dritte mögliche Nancy die Exfreundin unseres Opfers ist.

Der blonde Sidecut, der uns die Tür öffnet, unterscheidet sich allerdings deutlich von Lilly Ann Parsons. Nancy Reddigan strahlt Punk aus. Gegensätze ziehen sich anscheinend an. Außerdem strahlt sie über das ganze Gesicht. „Hallo?!“

Sam und ich wechseln einen Blick. Offensichtlich ist keiner von uns begeistert von der Idee, dieses Lächeln zu zerstören. „Nächstes Mal bist du an der Reihe“, murmele ich Sam schließlich, höchstens halb verständlich zu und räuspere mich, bevor ich Nancy anspreche. „Detectives Simmons und Caihill, LAPD.“ Während ich rede, zücke ich meine Marke. „Dürfen wir eintreten? Wir möchten mit ihnen über Lilly Ann Parsons sprechen.“

Ihre Augen werden groß, aber sie behält die Fassung, als sie uns die Tür frei macht. „Was ist denn los? Geht es um diese zwei Arschlöcher, die sie vergewaltigt haben? Haben sie da endlich eine neue Spur?“ Innerhalb von drei Sätzen hat der Fall eine weitere unangenehme Dimension gewonnen, großartig! Während wir die Wohnung betreten, die völlig chaotisch wirkt, und genauso wie Nance selbst das genaue Gegenteil von Lilly Ann und ihrer Wohnung zu sein scheint, fügt sie entschuldigend hinzu: „Verzeihung für dieses Chaos, ich hatte gestern Geburtstag, ich habe gehofft, Lilly kommt auch … Ich bin wohl eine Närrin, ich hoffe immer noch, dass sie uns noch eine Chance gibt.“

Oh Fuck! Ich habe wirklich keine Lust, dieses Gespräch zu führen.

***

Nancy klammert sich an eine Tasse Tee, ihre Hände zittern, aber sie scheint ansonsten gefasst zu sein. Nur ihre Augen und ihre Hände verraten den Schock, unter dem sie steht.

„Haben Sie jemanden, der nach Ihnen sehen kann? Ich denke nicht, dass Sie allein sein sollten.“ Sams Stimme klingt warm. Sie scheint genauso besorgt zu sein, wie ich es bin.

Als Nancy nickt, läuft ihr eine einzelne Träne die Wange hinunter. Wenn wir nicht von vornherein sicher gewesen wären, dass sie nichts mit Lillys Tod zu tun hat, dann wären wir es spätestens jetzt. Ihre Reaktion ist sicherlich nicht aufgesetzt. „Ich kann eine Freundin anrufen. Ich glaube, ich möchte auch nicht allein sein.“ Ihr Blick fällt auf ein Foto auf der Kommode, es zeigt sie und unser Opfer, fröhlich lachend vor einem Hintergrund aus Bäumen. Es muss beim Wandern entstanden sein, vielleicht auch in einem Park.

„Sie klang wie eine Country Sängerin.“ Nancy beginnt zu erzählen und ich habe nicht vor, sie zu unterbrechen. Vielleicht fällt dabei etwas Nützliches ab. „Ich meine nicht nur ihren Namen, sie hatte auch eine so tolle Stimme … Aber sie hat sich nie getraut, sie zu benutzen. Nur für mich …“ Sie unterdrückt ein Schluchzen. „Zumindest bis … bis zu dieser Sache.“

Diese Sache, die Typen, die sie in einem Park überfallen und vergewaltigt haben. Etwas in meinem Magen läuft nicht ganz rund.

„Die Vergewaltigung?“ Sam hakt nach.

Verdammte Scheiße! Als ob ich das erste Mal mit diesen Abgründen konfrontiert würde … Der kleine Michael Simmons ist doch auch sonst so tief in mir begraben, dass es mir nichts ausmacht. Ich konzentriere mich auf meine Atmung und bemühe mich, ruhig zu bleiben, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Die Geister meiner Vergangenheit kann ich gerade überhaupt nicht gebrauchen.

Wenn Sam bemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmt, dann lässt sie es sich nicht anmerken. Dankbar für zumindest diese Gnade des Schicksals überlasse ich ihr wieder einmal die Regie über das Gespräch. Ich habe gerade auch so genug Probleme, meinen Körper wieder unter Kontrolle zu bringen.

„Ja, die Vergewaltigung … Wissen Sie eigentlich, wie schwierig es ist, psychologische Hilfe zu bekommen in diesem System? Wenn man nicht zu den oberen Zehntausend gehört, meine ich. Lilly ist zu einer Selbsthilfegruppe gegangen. Soweit ich weiß, hat sie noch immer keinen Therapieplatz gehabt. Und dann hat sie vor zwei Monaten gesagt, sie müsse das erst einmal mit sich selbst klären. Ich war am Boden zerstört, diese Kerle haben sie mir weggenommen, langsam, Stück für Stück … Und jetzt das!“ Sie seufzt lautstark, bevor sie an ihrem Tee nippt, den sie anscheinend bis gerade vergessen hatte. „Eigentlich wollten wir im Herbst zusammen nach Paris fliegen … Lilly und ich, wir wären dann seit fünf Jahren ein Paar. Ohne sie, da wüsste ich nicht einmal, dass ich auf Frauen stehe … verdammt! Sie … sie hat mich damals angesehen, und ich hatte das Gefühl, sie blickt mir direkt bis in die Seele. Ich konnte mich einfach nicht dagegen wehren, was zwischen uns war … Was mache ich jetzt nur?“

Aus welchem Grund auch immer, während des letzten Teils ihres Monologs hat sie mich direkt angesehen. So als wüsste ich die Antwort auf ihre Frage oder sie die Antwort auf das Chaos in meinem Inneren. Ich schlucke und senke die Augen. „Ich weiß es nicht“, sage ich schließlich hilflos. „Aber wir werden herausfinden, wer ihr das angetan hat.“ Ich hoffe nur, dass wir dieses Versprechen auch einhalten können.

Sie nickt nur stumm.

Sam lenkt die Aufmerksamkeit mit einem dezenten Räuspern auf sich. „Wir müssen das leider fragen, können Sie uns sagen, wo Sie am letzten Dienstag waren?“ Offiziell kennen wir den genauen Todestag noch nicht, Sam verzieht das Gesicht, anscheinend ist ihr auch aufgefallen, dass sie uns ein Stück weit verplappert hat. „Seitdem ist sie nicht zur Arbeit erschienen“, setzt sie nach.

„Bei meinen Eltern in San Diego, sie haben ihren Hochzeitstag groß gefeiert. Ich bin am Samstag dorthin geflogen und bin bis letzten Freitag dort geblieben, um Zeit mit meiner Familie zu verbringen.“ Praktischerweise deckt ihr Alibi einen geraumen Zeitraum ab, wir müssen also nicht erklären, woher wir das Datum kennen. „Soll das heißen … ich war nicht einmal in der Stadt, als …?“

Sam drückt ihre Hand. „Es hätte nichts geändert, da bin ich mir ganz sicher.“

„Können Sie uns sagen, wann und wo sich diese Selbsthilfegruppe trifft?“ Anscheinend führt das zu der einzigen sinnvollen Spur, die wir haben.

Nancy nickt erneut, bevor sie in einem Papierstapel unter dem Sofatisch kramt. Sie reicht mir einen Flyer. „Da steht alles drin.“

Wir bleiben bei ihr, bis die besagte Freundin erscheint. Carol steht auf Selmas Liste, sie sagt aus, dass sie Lilly seit Wochen nicht gesehen hat und hat ein Alibi, das den Rest der Clique umfasst. Wir werden es natürlich trotzdem überprüfen müssen, ebenso wie jenes von Nancy Reddigan.

„Dyke Tuesday im Mantles. Wir gehen nur noch mit der ganzen Gruppe dorthin, die Gegend ist gefährlich in der letzten Zeit.“ Sie wirft Nancy einen wissenden Blick zu und streicht ihr beruhigend über die Arme. Diese behält anscheinend nur noch mühsam die Fassung, deshalb ziehen wir uns zurück, um den beiden ihre Privatsphäre zu lassen.

***

„Puh!“ Sam atmet lautstark aus, sobald wir im Auto angekommen sind. „Das war nicht gerade angenehm.“

„Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass es leichter wird.“ Ich bin zumindest froh, den Aufruhr in meinen Eingeweiden wieder unter Kontrolle zu haben. „Aber das wird es nicht!“

„Armleuchter! Dafür sollte es einen Dollar ins Phrasenschwein geben …“ Ihr Gesichtsausdruck ist todernst, aber ich kann ein Grinsen in ihrer Stimme hören.

Ich zucke mit den Schultern, Phrase hin oder her, es ist die Wahrheit. „Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeden Dienstag. Das heißt, sie ist möglicherweise dort zuletzt gesehen worden. Vielleicht hat sie dort sogar ihren Mörder getroffen.“

„Das heißt also, wir müssen morgen dort hin.“

Anscheinend, ich FREUE mich schon riesig darauf, mit einem ganzen Haufen Leute zu reden, die alle die Geister aus meiner eigenen beschissenen Vergangenheit ausgraben werden. Wir sollten den Fall möglichst schnell an die Feds abgeben. Zum Teufel mit den blöden Sprüchen! Aber Mickey Simmons kneift nicht, er bringt das Monster zur Strecke, beziehungsweise hinter Gitter. Und ich habe Nancy gesagt, wir finden dieses Monster.

***

Habe ich mich an diesem Tag auf den Feierabend gefreut? Nein, aber ich bin erleichtert, dass ich vor dem Albtraum, der mich morgen erwartet, noch eine Galgenfrist bekommen habe. Bis ich vor Kellys Wohnung stehe. Anscheinend hat mir meine Verlobte zumindest eine meiner vielen Fragen beantwortet. Sie ist mit ihrer Geduld am Ende angelangt.

Meine bescheidene persönliche Habe steht in Kisten, Taschen und Koffern vor der Tür. Auf den ersten Blick dürfte sie nichts vergessen haben. Aber ich reise schließlich auch mit leichtem Gepäck. Seit ich bei ihr wohne, ist es eher mehr geworden … Der rote Pulli, der ihrer Mutter so gut gefallen würde, ich müsse schließlich einen guten Eindruck machen … Die schwarze Lederjacke, die so modern ist, sie wolle schließlich ihren coolen Freund vorzeigen können … Ich kann ihre Stimme in meinem Kopf hören. Ich mochte die Farbe Rot noch nie und die Lederjacke war schrecklich unbequem.

Während ich den Stapel, der den Flur halb blockiert, betrachte, frage ich mich, ob ich jemals wirklich bei ihr zu Hause war, oder einfach nur aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit geblieben bin. Obenauf steht ein Karton mit persönlichen Erinnerungsstücken, den ich niemals ausgepackt habe. Ich habe hier über ein Jahr gewohnt.

Ich sollte wütend, enttäuscht oder verletzt sein … Vielleicht sollte ich mich weigern, einfach zu gehen. Ich sollte an ihre Tür klopfen oder meinen Schlüssel benutzen, zum Teufel! Eine Erklärung sollte ich verlangen, irgendetwas tun jedenfalls. Aber ich grüble nur darüber, wo ich kurzfristig und mitten in einem Fall unterkommen soll.

Als ich schließlich seufze und mit dem oberen Ende der Pyramide beginne, meine Klamotten in meinen Kofferraum zu verfrachten, fällt ein Stück Karton hinunter. Kelly hat ihren Verlobungsring ganz unzeremoniell mit Klebestreifen darauf befestigt. Daneben steht:

Viel Spaß mit Deiner neuen „Partnerin“!

What the Fuck?!

***

Louie ist das Klischee eines Schankwirts einer Cop-Kneipe. Sein Laden liegt stilistisch irgendwo zwischen Sportsbar und Irish Pub. Da es Montagabend ist, herrscht wenig Betrieb. Somit habe ich Louies ganze Aufmerksamkeit. Er ist selber ein Ex-Cop, aufbrausend und sarkastisch und das Motiv vieler urbaner Legenden. Einer Geschichte zufolge hat er sich die Kneipe von seinen reichhaltigen Bestechungsgeldern bei der Sitte gekauft, oder hatte gar selber ein paar Mädels laufen. Der nächste Kollege glaubt zu wissen, dass er das Geld als Belohnung für die Ergreifung des Mörders eines Millionärs kassiert hat, von der Witwe. Vielleicht aber auch für den Mord. Wiederum die nächste Geschichte besagt, er habe sie beim Pokern gewonnen … Ob eine dieser Geschichten stimmt, weiß ich nicht, ebenso wahrscheinlich ist, dass er sie alle selbst verbreitet hat, um sich über den Rest der Welt zu amüsieren.

Gerade könnte mich seine Vergangenheit auch kaum weniger interessieren. Das Chaos in meinem Kopf beschäftigt mich mehr als ausreichend.

„Es reicht, Mickey, du gehst jetzt nach Hause zu deiner Frau. Du hast definitiv genug für heute!“

Ich lache prustend los, als hätte er etwas Komisches gesagt. „Die hab’sch … ni’mehr! Sowohl, als … Ausch, auch!“

„Wie auch immer, Junge, du bist blauer als die Uniform von einem Streifenpolizisten!“

Louie ist heute wirklich zum Schreien komisch. „Hi, hi, hi … Isss’ schwa’z … die Uniform!“

„Gott sei Dank, farbenblind bist du noch nicht“, trotzdem schiebt er mich von meinem Barhocker und mit Nachdruck aus seinem Laden. „Geh und schlaf deinen Rausch aus, Kleiner!“

Bevor ich mich darüber aufregen kann, dass er mich so genannt hat, ist er wieder in seiner Kneipe verschwunden. „Arschloch!“ Meine Stimme prallt von der geschlossenen Eingangstüre ab.

Auf dem Parkplatz schaue ich auf mein vollgeladenes Auto, ich habe meinen alten Ford erfolgreich in ein dreidimensionales Tetris-Spiel verwandelt … OK, ans Steuer gehöre ich nun wirklich nicht mehr. Gibt es hier irgendwo ein Hotel? Oder besser eine Bar, wo man einem verwirrten, obdachlosen Mann etwas zu trinken gibt? Nachdem ich ein paar Atemzüge der kühlen Nachtluft genommen habe, fühle ich mich nüchtern genug, um die Straße entlang zu marschieren, mehr oder weniger geradeaus.

Als ich nach ein paar Minuten Musik und Stimmengewirr höre, scheint mir das ein Zeichen zu sein. Ich gehe wie magnetisch angezogen den Geräuschen entgegen und betrete eine Bar, über deren Tür eine leuchtende Regenbogenfahne blinkt. Auf einer winzigen Bühne steht eine über zwei Meter große Lady Gaga in einem bizarren roboterartigen Metalloutfit. Sie „singt“ ihren aktuellen Hit, den Titel habe ich mir erst gar nicht gemerkt. Ist nicht meine Musik. Country und Rock sind eher mein Geschmack.

Unbeeindruckt von der Show und der Tatsache, dass ich anscheinend in ein real gewordenes Klischee geraten bin, laufe ich zur Bar. Vielleicht kann ich genug trinken, um diese beschissenen Träume für eine Nacht zu vergessen. Und meinen Onkel. Und den kleinen Michael Simmons. Und meinen toten Partner und Freund … Und die Frau, die behauptet, ich würde mit meinem neuen Partner schlafen. Scheiße Mann, ich habe eine Menge Fehler gemacht, bestimmt! Aber das ist ein Tiefschlag!

Другие книги автора

ВходРегистрация
Забыли пароль