Manfred Steinert Vom Salz in der Suppe
Vom Salz in der Suppe
Vom Salz in der Suppe

4

  • 0
Поделиться

Полная версия:

Manfred Steinert Vom Salz in der Suppe

  • + Увеличить шрифт
  • - Уменьшить шрифт

Unnötig zu betonen, dass besonders von den Eltern, die um die Gesundheit ihres gerade einigermaßen genesenden Sprösslings besorgt waren, von solcher Tour abgeraten wurde.

Unnötig zu betonen, dass derartige Ratschläge bei dem jungen Mann, der gerade vom Leben einen gehörigen Dämpfer bekommen hatte und der sich auch mit Hilfe dieser Tour moralisch wieder aufrappeln wollte, dass die gut gemeinten Ratschläge auf taube Ohren stießen.

Die Ausrüstung: Faltboot besorgen (RZ 85, gebraucht – auch DDR-Studenten hatten kaum Geld), dazu minimale Ausrüstungen wie Zelt, Kocher, Benzinkanister, Schlafsack (Von den Eltern »gesponsert«. Motto: »Wenn er sich die Tour schon nicht ausreden lässt, soll er wenigstens nicht frieren!«), Kartenmaterial, Informationen zur Binnenschifffahrt und anderes besorgen.

Dann im Hof, fernab von jedem Wasser, Bootsaufbau ausprobieren. Schien erstaunlicherweise zu klappen, nichts blieb übrig und alles sah hernach tatsächlich wie ein Boot aus. Als nächstes eine kleine Probefahrt auf »richtigem« Wasser. Klappte auch, das Boot war dicht und ließ sich auch mit den Paddeln bewegen, folgte einigermaßen erwartungsgemäß den Steuerausschlägen. Gewiss alles noch etwas unbeholfen, dilettantisch und auch über die Gebühr spritzend. Doch das würde man schon »irgendwie« hinkriegen.

Die »Mannschaften«: Zwei Kumpels waren in den ersten beiden Jahren deshalb nötig, weil nicht jeder der infrage Kommenden volle sechs Wochen unterwegs sein wollte oder konnte. Somit wurde für die erste Hälfte des ersten Jahres mein langjähriger Jugendfreund Heinz aus dem Nachbarhaus in Leipzig, für die zweite Hälfte mein Berliner Studienkollege Klaus erkoren. Im zweiten Jahr folgten zwei andere aus der Seminargruppe, wozu an geeigneter Stelle noch etwas kommt.

Mannschaftswechsel (im ersten Jahr) sollte in Genthin sein. Diese Stadt, die keiner von uns vorher kannte, war auf der Karte nur nach zwei Kriterien ausgesucht worden: Erstens, wie weit die erste Halbmannnschaft bis zum geplanten Wechsel etwa gekommen sein könnte, wozu dieser Ort natürlich Wasseranschluss haben musste (In diesem Fall, am Elbe-Havel-Kanal gelegen). Zum anderen musste zwecks Anreise von Klaus, beziehungsweise Abreise von Heinz Bahnanschluss gegeben sein. Somit konnte es nun also tatsächlich (und endlich!) losgehen. Exakt an meinem Geburtstag.

Und so ging es an diesem Tag in aller Früh und noch im Dunkeln in Leipzig los. Zunächst sollte es mit dem Zug nach Schöna als der letzten deutschen Station vor der tschechische Grenze gehen, dort so zeitig wie möglich der Bootsaufbau erfolgen und dann … ab die Post!

Das Boot hatte ich rechtzeitig vorher per Bahn nach Schöna geschickt.

Der Start schien jedoch zunächst ein gewaltiger Fehlstart zu werden.

Denn der erwähnte Freund Heinz, der gerade bei der Armee war – und man lebte ja in politisch sehr unruhigen Zeiten – dem wurde plötzlich sein (lange beantragter und auch genehmigter) Urlaub gestrichen. Plötzlich eine außerplanmäßige Großübung, hieß die Begründung. Nein, keine Ausnahme sei da möglich! Ende der Durchsage!

Was nun? Eigentlich kein Problem, möchte man meinen. Das Boot einfach zurückgeholt und drei Wochen später eben mit dem Klaus gestartet. Natürlich wäre dann in diesem Jahr nur die zweite Hälfte der geplanten Strecke möglich gewesen. Oder doch nicht? Sollte ich vielleicht die erste Hälfte gar allein fahren und alles beim geplanten Treffpunkt mit Klaus in Genthin belassen? Mutterseelenallein? Und als blutiger Wasserwanderanfänger und mit (damals noch) angeschlagener Gesundheit obendrein?

Doch gegen die geballte Kraft von Vorfreude und Spannung hatten alle die mehr als berechtigten Bedenken keine rechte Chance.

Und so ging es nun tatsächlich los. Allein!

Übersichtsskizze aus dem Original der sechziger Jahre

Der Start: Selbst hierbei begann zunächst alles etwas holperig, obwohl völlig harmlos im Vergleich zur Urlaubssperre des Freundes Heinz. Denn als ich frühmorgens, es war immer noch dunkel, mein Boot in Schöna von der Gepäckaufbewahrung holen wollte, machte mich der freundliche Beamte darauf aufmerksam, dass ich hier noch nicht aufs Wasser könne, weil das andere Ufer noch tschechisch sei. Ich müsse wieder eine Haltestelle zurück nach Schmilka-Hirschmühle fahren, da würde es gehen und der Zug in der Gegenrichtung würde glücklicherweise in wenigen Minuten kommen. Heute frage ich mich, wieso ich dem Hinweis gefolgt war. Denn das hieß ja Boot und alles Gepäck in den Zug reingehievt, eine Haltestelle gefahren und alles wieder raus. Und wenn ich im Morgengrauen die zwei, drei Kilometer dicht am deutschen Ufer entlang gepaddelt wäre, hätte doch kein Hahn nach mir gekräht. Schließlich war es nicht die Westgrenze, sondern die zur befreundeten Tschechei. Aber so war eben der junge, naive Durchschnitts-Ossi damals, und außerdem wollte ich nichts tun, was meine Pläne in irgendeiner Form gefährden könnte.

Jedenfalls, nach Ankunft in Schmilka – und immer noch im Morgengrauen – baute ich schließlich das Boot am Elbeufer zusammen, schob es ins Wasser, verstaute Zelt und alle andere Utensilien, nahm schließlich auf dem Hintersitz Platz und … tat die ersten Paddelschläge im braunen, damals merkwürdig duftenden und mit irgendwelchen Schnitzeln durchsetztem Elbewasser.

Das Gefühl dabei: Unbeschreiblich! So ähnlich musste wohl Neil Armstrong rund fünf Jahre später seinen ersten Schritt auf dem Mond empfunden haben.

Bei der Beschreibung der einzelnen Touren wird es kompliziert. Denn was war aus der Fülle von Einzeleindrücken und Erlebnissen besonders wichtig? Was würde in dieser stark gekürzten Form halbwegs die damalige Situation realistisch wiedergeben? Was dem »Expeditionscharakter« der Fahrten am besten entsprechen?

Zunächst wäre das Alleinsein auf der ersten Hälfte zu nennen. Nicht schlechthin allein zu sein, niemanden zum Austausch zu haben. Das war für mich, der ich vom Naturell her eher ein Individualist als ein Herdentier bin, nicht das Hauptproblem. Zudem die Eindrücke so stark waren, die Konzentration so gefordert wurde, da blieb nicht viel Platz für anderes. Auch die Grundregeln zum Befahren schiffbarer Gewässer, zuvor aus Büchern angelesen und in Form eines kleinen Handbuches mit an Bord, galt es nun umzusetzen. Das Verhalten beim Begegnen großer Frachtschiffe und anderer Sportboote, samt der dafür geltenden Vorfahrtsregeln, spezieller optischer und akustischer Signale, Zeichen an Brücken sowie das Verhalten bei (der damals noch häufigen) Gierfähren und anderes.

Das alles war kein wirkliches Problem. Das Problem begann erst abends oder wenn ich irgendwo zwecks Nachschub an Lebensmitteln oder Benzin für den Kocher in irgendein Dorf musste.

Dann musste ich alles allein lassen, hastete ins Dorf oder in das jeweilige Städtchen und hatte keine Ruhe bis ich wieder auf dem Elbedamm war und von fern erkannte, dass alles noch da war. Am Anfang war das wirklicher Stress, der sich glücklicherweise nach ein paar Tagen etwas legte. Doch als Risiko nahm ich es immer wahr, wenn ich einkaufen musste. Und falls es sich um Benzin für den Kocher handelte, reichte auch kein kleiner Dorfladen (die es heute gar nicht mehr gibt), sondern musste es dann eine kleine Stadt mit Tankstelle sein, auch wenn es sich bloß um einen 2-Liter-Kanister handelte. (Das erste Mal passierte das gleich am Nachmittag des ersten Tages in Pirna, denn ich hatte natürlich kein Benzin aus Leipzig mitgenommen.)

War das ausgestanden, kam die Nacht. Allein. Da wurde das Boot aus dem Wasser gezogen und ein Stück den Hang hochgebuckelt, man wusste ja als Anfänger nicht, wie schnell sich an einem Fluss die Wasserstände ändern könnten. Nach dem Zeltbau und nach dem Essen wurde dann – sicher ist sicher – zumindest während der ersten Tage, noch die Bootsleine durch den Zelteingang geführt und am … Fußknöchel festgebunden. Und ein Hirschfänger lag beim Schlafen immer in Griffweite. Nach ein paar Tagen ließ der nächtliche Stress allerdings nach und ich wurde gelassener. Und allgemein war das Alleinsein des Nachts beim »wilden« Zelten (damals) im Inland kein ernstes Problem. (Heute muss man das wohl anders sehen.) Zugegeben, anfangs war mir ein paar Mal mulmig zumute, als ich gegen den Nachthimmel ein paar Gestalten auf dem Elbedamm auf mich zukommen sah. Obwohl es sich wahrscheinlich dabei auch nur um Spaziergänger gehandelt hatte, für die mein Zelt wohl gar nicht interessant war, wenn sie es überhaupt bemerkt hatten.

Im Ostseeraum freilich galten ganz andere Regeln, über die noch zu sprechen sein wird.

Dass ich oft ungewollt und unwissentlich auf Kuhkoppeln oder gar auf Truppenübungsplätzen gelandet war, das war später eher die Regel als die Ausnahme. Im Gegenteil, mit Kühen wurde ich immer vertrauter und wusste bald, wie ich mit den teilweise neugierigen Tieren umzugehen hatte.

Nur einmal, viel später und bereits an der Ostsee, als wir bereits zu zweit waren, da wurde es ernster, obwohl wir noch mit einem blauen Auge davonkamen und wovon noch die Rede sein wird. Auch mit Truppenübungsplätzen hatte ich im Prinzip nur gute Erfahrungen. Einmal, ich war gerade an Land gegangen, um die Lage wegen eines Platzes für die Nacht zu peilen, da bemerkte ich hinter dem Deich erst in der Ferne eine Sturmbahn und dann unmittelbar vor mir einen sowjetischen Soldaten faul in der Sonne liegend. Es ist fraglich, wer von uns beiden mehr überrascht war? Wir rauchten eine Papirossa zusammen und ich konnte mein bescheidenes Russisch ausprobieren. Trotz beidseitiger Sympathie, dort gleich zu zelten, das hatte ich mir in Unkenntnis möglicher Reaktionen seiner Vorgesetzten dann doch verkniffen.

Dass es bei solchen, größtenteils positiv oder wenigstens glimpflich abgelaufenen Ereignissen auch Ausnahmen gab, wird sich zeigen. Ausnahmen, die das Potenzial eines worst case bargen und die wohl nur durch ein bisschen Glück zum dennoch guten Ausgang geführt hatten.

Soviel zum Thema Alleinsein auf der Elbe. Ein Thema, das zwar immer mehr an Bedeutung verlor, später sich sogar mitunter ein gewisser Leichtsinn einschlich.

Zur Streckenführung: Für jene, die entweder die durchfahrenen Gebiete kennen oder sich aus Interesse die Mühe machen wollen, alles anhand einer Karte zu verfolgen, seien nun ein paar Bemerkungen zur gesamten Streckenführung gemacht. Insbesondere, weil die beigefügte Übersichtsskizze (S. 20) hierfür kaum ausreichen dürfte. Und die anderen, denen diese Details nicht so liegen? Die müssen da eben durch, wofür sie jedoch mit besonderen Einlagen auf der Strecke entschädigt werden.

Vom beschriebenen Start in Schmilka/​Sächsiche Schweiz ging es zunächst rund 440 Kilometer bis zur Havelmündung auf meiner »Jugendliebe«, der Elbe, entlang. Dresden, Meißen, Torgau, Wittenberg, Dessau, Schönebeck, Magdeburg, Tangermünde, Arneburg hießen die Städte die dabei eine gewisse Rolle spielten. Bei den Nebenflüssen, an deren Mündungen teilweise gezeltet wurde, waren es die Schwarze Elster beim Dorf Elster, die Mulde bei Dessau und die Saale bei Barby. Kleine und kleinste Flüsschen oder Bäche, die weiter keine Rolle spielten, bleiben außen vor.

Eine Besonderheit dieses Abschnittes scheint mir erwähnenswert:

Die Landschaft an der Elbe wird nach dem malerischen Weinanbaugebiet zwischen Dresden und Meißen etwas eintönig. Die Elbe fließt dort, an Riesa vorbei, mehr oder weniger zwischen zwei Dämmen, die man, im kleinen Boot sitzend, nicht überblicken kann. Jedoch etwa ab Wittenberg/​Dessau wird die Landschaft richtig schön. Da fließt sie durch einen wunderschönen Auwald, bildet etwas weiter nördlich mit ein paar Altarmen ein bedeutsames Naturschutzgebiet. (Steckby-Lödderitzer Forst) Dort genehmigte ich mir sogar an einem wunderschönen Sandstrand an einem der Altarme eine Nacht und konnte da sogar das Wirken der letzten Elbebiber (damals fast ausgestorben) in Augenschein nehmen. Die »Hausherren« selbst allerdings nicht. Doch vorher hatte ich das erwähnte, weniger attraktive Stück hinter mich zu bringen. Wenn dazu noch »Kilometerfressen« angesagt ist, weil man bestimmte Ziele in bestimmter Zeit erreichen musste, (Stichpunkt: Treffpunkt mit Klaus in Genthin) da kam mir in der Höhe von Torgau, als der Tag zur Neige ging und ich mich hätte langsam nach einem Platz zum Zelten umsehen sollen, der Gedanke einer Nachtfahrt. Insbesondere hier die Ufer weitflächig mit großen Bruchsteinen stabilisiert worden waren und somit alles andere als zum Zelten einluden:

Also wurde noch mal richtig gegessen, die Spritzdecken festgezurrt und ab ging die Post. Eine helle Sternen- und Mondnacht verhieß einigermaßen gute Sicht und als einziges Risiko dachte ich an die Möglichkeit der Kollision mit Ketten von Gierfähren, die sich aber des Nachts ohnehin nicht in Flussmitte befinden würden. Dass es nach ein paar Stunden Fahrt plötzlich stockdunkel wurde und sich ein heftiges Gewitter entlud, das hatte ich nicht auf der Rechnung gehabt. Da das Gewitter urplötzlich losbrach und dazu von heftigem Sturm begleitet wurde, hatte ich nun die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder zu versuchen an Land zu kommen, mit dem Risiko, bei Dunkelheit, Sturm und Wellengang das Boot auf den spitzen Ufersteinen ernsthaft zu beschädigen – oder zu versuchen, das Gewitter im Boot so gut es ging »auszusitzen«, mit dem Risiko, zu kentern. Und das mulmige Gefühl der Blitze wegen, das versuchte ich (erfolgreich) zu verdrängen. Trotzdem, obwohl ein nächtliches Kentern im großen Fluss auch nicht einladend wirkte, es außerdem inzwischen bereits in Strömen goss, entschied ich mich für Letzteres, der Weiterfahrt.

Und – es ging einigermaßen gut. Das »einigermaßen« bezieht sich dabei nur darauf, dass ich zwar nicht kenterte und mich auch kein Blitz erschlug. Alles andere war jedoch kein Spaß. Denn trotz festgezurrter Spritzdecken saß ich nun bis zum Morgengrauen etliche Zentimeter hoch im Wasser, fror wie ein junger Hund, alle Sachen, einschließlich Ausweis, Geld etc. waren völlig nass. Frierend und hungrig baute ich an der Mündung der Schwarzen Elster nach insgesamt etwa 90 Tageskilometern (sonst auf der Elbe allein im Zweier etwa 30 Kilometer) das nasse Zelt auf, spannte Leinen zum Trocknen meiner Utensilien (für die Geldscheine hatte ich Klammern dabei) – und legte einen Ruhetag ein. Wobei das Wort »Ruhe« auch relativ zu sehen ist, denn ich war, wie später noch so viele Male, auf einer Kuhkoppel gestrandet. Dabei konnte ich feststellen, dass diese eher gemütlich wirkenden Milch- und Fleischlieferanten auch recht neugierig sein können. Doch, nachdem man sich gegenseitig soweit »kennengelernt« hat, dass man vom jeweils anderen nichts Böses zu erwarten hat, kann man sich arrangieren.

Nach dem erwähnten schönen Auwald ab Wittenberg, irgendwo nach Dessau, ereignete sich eine weitere, der weiter oben erwähnten Ausnahmen. Und war die Nachtfahrt noch auf eigene Entscheidung zurückzuführen, kam die folgende Ausnahme völlig unverhofft:

Da war ich zwischen zwei Buhnen an einem aus meiner Sicht schönem Strand an Land gegangen, ohne dem aufgewühlten Sand neben mir besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Das wäre fast ins Auge gegangen. War ich doch (wieder mal) auf einem Truppenübungsplatz gelandet und gerade in dieser Nacht war wohl eine Elbüberquerung mit Schwimmpanzern angesagt gewesen. Wie groß war mein Schreck als ich des Nachts durch mächtiges Gebrumm geweckt wurde, schlaftrunken aus dem Zelt schaute und nur ein paar Meter neben mir die dunklen Ungetüme, aus der Elbe kommend, die Böschuung hinauf brummten. Die Soldaten in den Panzern, egal ob NVA oder Sowjetarmee – das hab ich in der Dunkelheit nicht erkennen können – die hätten in der Nacht niemals mein kleines olivgrünes Zelt bemerken können. Das wärs dann gewesen und es hätte nicht mal für eine Schlagzeile in der Zeitung gereicht, weil derartige Unfälle geflissentlich unter der Decke gehalten wurden. Die Nacht war somit natürlich gelaufen. Nachdem der Pulsschlag sich wieder normalisiert hatte, blieb ich nicht nur solange neben dem Zelt sitzen, bis sich das Panzergedröhn verzogen hatte, sondern bis es begann hell zu werden. Auch dann war nichts mehr mit Schlafen, sondern es wurde gepackt, noch mal die Panzerspuren im Hellen »begutachtet« und dann ging es, nachdenklicher als die Tage zuvor, weiter.

Noch vor Barby und Schönebeck mündet links die Saale in die Elbe. Ich fuhr die Saale gleich »bergauf« ein paar hundert Meter, um dort auf einer Apfelplantage zu zelten. (Das nächste Frischobst gab’s dann erst wieder in Mecklenburg). Nach Magdeburg mit seinem gewaltigen Dom und dem recht hübschen Tangermünde2 kommt bald jene Stelle, wo es damals als DDR-Paddler absolut nicht mehr weiterging: Die innerdeutsche Grenze, die wohl damals am schärfsten bewachte Grenze in der Welt. Natürlich wäre ich die Elbe gerne weiter gefahren, doch das lag außerhalb jeglichen Vorstellungsvermögens.

Also würde es nun bald von der Elbe in die Havel gehen.

Welche »Abschiedszeremonien« da die Elbe mit meinem Boot zelebrierte, das zählte zweifellos zum Thema Ausnahmen, obgleich es dabei nicht ums Leben, jedoch um das jähe Ende der Fahrt gegangen war. Etwa in Höhe der Havelmündung, wo ich ja bald in diesen Fluss abbiegen würde, wollte mir die Elbe offenbar zeigen, dass auch ihr der Abschied von mir schwerfiel:

Beim morgendlichen Packen am letzten Platz an der Elbe in einer idyllischen Buhnennische (etwa gegenüber des Dorfes Werben) und ohne spürbare Strömung und Wind, hatte ich die Bootsleine des bereits im Wasser liegenden und schon weitgehend beladenen Bootes nicht extra festgebunden. Vor dem Start wollte ich hinter dem Damm noch etwas erledigen, was sich später im engen Boot weniger gut machen würde. Warum eigentlich hinter dem Damm? Niemand weit und breit. Seit dem letzten Großeinkauf vor Tagen hatte ich keinen Menschen gesehen. Na gut, so ist der einigermaßen zivilisierte Mensch eben. Jedenfalls, als ich wieder über den Damm kam, … war kein Boot mehr da. Das trieb in der Ferne auf dem Fluss und war gerade im Begriff hinter einer Kurve zu verschwinden. Da gab es nicht viele Möglichkeiten, außer alles stehen und liegen zu lassen und am Ufer elbeabwärts zu sprinten, was das Zeug hielt. Bis plötzlich … ein toter Wasserarm den weiteren Weg versperrte. Ohne groß zu überlegen, ob das vielleicht auch gefährlich sein könnte oder sinnvoll war, sprang ich somit ins Wasser und schwamm nun meinem Boot hinterher. Dass ich mit der Strömung schwamm, nützte mir dabei gar nichts, denn mein Abstand zum Boot wurde nur um soviel geringer als ich schneller schwamm als das Boot mit der Strömung trieb. Erst später kamen mir Zweifel. Denn klüger wäre gewesen, erstmal nur den toten Arm zu durchschwimmen und an dessen anderem Ufer dann an der Elbe weiterzurennen und so viel schneller wieder in Bootsnähe zu gelangen. So aber, längst war mein Startplatz hinter der Kurve verschwunden, hatte ich den Ausreißer nach geschätzten zwei, drei Kilometer angestrengten Schwimmens endlich ein, ging erst einmal an Land (was zudem noch das gegenüberliegende Ufer war) um mich von meinem »Langstreckenschwimmen« etwas zu erholen. Zum Glück war nicht nur das Gepäck schon im Boot gewesen, sondern auch das Paddel. (Was ich hätte machen können, wenn das Paddel noch nicht im Boot gewesen wäre – dazu fällt mir auch bis heute nichts Gescheites ein). Mühsam, weil nun gegen die Strömung, ging es dann zurück. Schließlich an meinem Startplatz angekommen, um dort die restlichen Utensilien einzusammeln, war der Vormittag gelaufen, mein Tagesplan nicht mehr zu schaffen. Noch ein paar Kilometer stromaufwärts in die Havel, bis wieder eine Kuhkoppel zum Zelten einlud. Na egal, noch mal gut gegangen!

Und das mit der nicht festgezurrten Bootsleine? Das passierte mir wirklich nicht wieder.

Und jener überraschende Wasserarm, der das weitere Rennen am Elbufer verhindert hatte?

Das war die frühere Havelmündung, nun nur ein toter Arm. Denn die Mündung hatte man aus Hochwasserschutzgründen in den fünfziger Jahren künstlich um etwa neun Kilometer elbabwärts (Gnevsdorf) verlegt, so dass Elbe und Havel nun dieses Stück, nur durch einen Damm getrennt, fast parallel nebeneinander flossen. Auch dieser zusätzlichen neun Kilometer wegen (für mich natürlich 18), konnte ich, zusammen mit der verlorenen Zeit meines »Schwimmwettkampfes« in der Elbe, mein ursprüngliches Ziel, das etwa in der Gegend von Rathenow hätte sein sollen, an diesem Tag nicht mehr erreichen. Und anstatt dann am Tag darauf schon in Genthin landen zu können, machte ich notgedrungen bereits am Rand von Havelberg Station. Die Stadt an der Havel wählte ich nur deshalb, weil ich dort einen Bahnhof vermutete, von dem aus ich sicher würde Genthin erreichen können.

Die Havel, eigentlich ein idealer Wanderfluss, wegen geringer Strömung auch flussaufwärts, hatte (damals) für mich nur den einen Haken, dass sie auch durch (das damalige) Westberlin führte. Womit wir wieder beim Thema Westgrenze wären.

Es gab da zwar einen Umgehungskanal um Westberlin und ich hatte mir sogar vorher von der Behörde eine schriftliche Genehmigung geholt, um diesen Kanal befahren zu dürfen. (Havel-Kanal, etwa Ketzin bis Hennigsdorf) Ursprünglich – deswegen die Genehmigung – war diese Route ja sogar geplant gewesen. Obwohl, ein paar Tage lang auf schnurgeraden Kanälen zwischen zwei Dämmen zu paddeln, das war gewiss nicht die erste Wahl. Doch gab es eben noch einen anderen, viel wichtigeren Grund, diese Möglichkeit nun zu ignorieren und nach einer anderen zu suchen.

Dieser andere Grund war, nach bisher fast drei Wochen Alleinseins, meinen Studienfreund Klaus auf dem Bahnhof Genthin abzuholen. So wie wir es Wochen zuvor, über Landkarten und Zugfahrpläne gebeugt, abgestimmt hatten: Samstag, den 15. 08. 1964, gegen 16 Uhr! Und Handys gab es damals noch lange nicht, da war schon ein normales Telefon nur etwas für Privilegierte. Da musste man noch klug und vorausschauend planen.

Und eine Gewalttour mit Nachtfahrt, wie schon mal bei Torgau, die wäre theoretisch noch möglich gewesen, um Genthin zu erreichen. Doch hier auf der Havel mit ihren vielen Nebenarmen, Ausbuchtungen und Seen – bei Nacht für einen einsamen Paddler ein aussichtsloses Unterfangen.

Also musste ich wieder Zelt, Boot und Ausrüstung, diesmal jedoch ganztags, alleine lassen und versuchen, irgendwie nach Genthin zu kommen. Wie sich herausstellte gab es von Havelberg aus diese vermutete Bahnverbindung gar nicht, die gab es erst vom etwa fünf Kilometer südlich gelegenen Sandau aus.

In Kürze: Irgendwie und etwas abenteuerlich (teilweise per Anhalter mit drei Nonnen im Auto) gelangte ich gerade noch so zur Zeit nach Genthin, traf Klaus, wir kamen auch am gleichen Tag gegen Abend wieder zurück nach Havelberg und – freudiger Schreck lass nach! – alles war unversehrt. Nicht mal die Kühe auf dem (natürlich wieder) wilden Zeltplatz hatten Interesse gezeigt.

Nun ging es zu zweit weiter, was manches einfacher und unkomplizierter machte sowie – besonders auf künftig stehendem oder nur schwach fließendem Wasser – größere Fortschritte beim »Kilometerfressen« versprach.

Aus genannten Gründen – das Boot lag ja nun nicht wie früher geplant in Genthin, sondern in Havelberg – musste eine notwendigerweise veränderte Streckenführung ausbaldowert werden. Das hieß, nun nicht ab Genthin über Elbe-Havel-Kanal und dem erwähnten Umgehungskanal um Westberlin wieder in die Havel, sondern weiter nördlich »irgendwie« auf Schleichwegen in Richtung märkische Seen.

Da bot sich, zumindest auf der Karte, als Möglichkeit der Abzweig von der Havel zum Gülper See und der Rhin-Kanal nach Wustrau am Neuruppiner See an.

Im Nachhinein keine empfehlenswerte Idee, doch das wussten wir zum Glück vorher nicht. Nicht der eintönigen Landschaft durch das Rhiner Luch (Rhinow, Fehrbellin) wegen, sondern dort warteten sage und schreibe auf nur etwa 30 Kilometer 11 Wehre (in Worten: Elf!) darauf, umtragen zu werden. Eine schweißtreibendes, nicht problemfreies, vor allem ein zeitraubendes Unterfangen. Und die Stimmung killte es obendrein. Statt des geplanten einen Tages brauchten wir bis Wustrau zwei volle Tage.

Irgendwie war es dann doch geschafft und wir befanden uns am Beginn eines wahren Wassersportparadieses.

Другие книги автора

ВходРегистрация
Забыли пароль