Gisela Steineckert Langsame Entfernung
Langsame Entfernung
Langsame Entfernung

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Gisela Steineckert Langsame Entfernung

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Ich vergesse neuerdings vor lauter Fülle auch manches Wichtige.

Aber eines Tages, wenn ich mal viel Zeit habe, stelle ich mich mit einer Kiepe auf dem Rücken an den Wegrand und murmle meine Weisheiten. Vielleicht verkaufe ich sie auch, früher gab es an der Autobahn Pilze, die ich im Wald nie gefunden hätte. Bist du nicht Freund, hast du nicht Freund. Wer andre bescheißt, sollte hingucken, ob er dabei nicht seine eigenen Hosen anhat.

Meine Enkelin Laura benutzte zwei Sätze, die hat das Leben als Wahrheiten bestätigt. Der eine lautete:

»Schön hinsetzen.« Wir sollten den Raum nicht ohne ihr Einverständnis verlassen.

Das war doch wichtig. Der zweite Satz: »Alles muss so sein wie immer.« Klingt traditionalistisch, aber es ist eine unabdingbare Wahrheit, denn es meint, dass wir uns bleiben müssen, dass wir nie vergessen dürfen, woran wir glauben und was wir eigentlich auf dieser Erde wollen.

Und: Wer einen andern als Verräter abtut, ohne Genaues zu wissen und nur, weil jemand das gesagt hat, der verrät das Beste: eine Chance. Mehr ist beim vorsichtigen Schritt aus der Ungewissheit vielleicht nicht zu haben. Aber alles ist besser als die Einsamkeit.

Vielleicht könnte ich noch sagen: Schlag keinen Schwächeren und nie ein Kind. Dafür hält das Leben Strafen bereit, die überlebst du nicht wirklich.

Und wenn mir nichts mehr einfällt, da am Straßenrand, dann geh ich nach Hause, mit leerer Kiepe, und hoffe, dass ich nicht wieder was falsch gemacht habe. Mit dieser Angst hätte ich früher anfangen sollen.

Ach, das war ja in der DDR. Wie die war?

Eines Tages rief der König der Tiere die Affen zu sich. Er sagte: »Ihr müsst aufhören, die ganze Zeit herumzuhampeln und zu klettern. Ich verbiete es euch.«

Die Affen sagten: »Das geht nicht. Wir müssen hampeln und klettern. Wir haben immer gehampelt und sind immer geklettert. Wir müssen das tun.«

Der König der Tiere sagte: »Ich verbiete es euch trotzdem.«

Mal einfach gesagt: So war die DDR, auch so!

Also: Klettert, hampelt und springt rum. Wenn ihr müsst! Wenn nicht, dann macht, was ihr wollt. Erst mal. Nicht immer!

Die Liebe und die Lieder

Die Lieder der Welt sind ein märchenhafter Schatz, aus dem sich Sänger bedienen können. Aber das reicht nicht. Wer singt, möchte mit eigenen Bildern und Tönen umgehen, die passenden Lieder finden und sie verbreiten, das unbedingt.

Dazu muss er die eigenen Lieder lieben und ihrem Anspruch treu bleiben, ein Arbeitsleben lang.

Unsere Lieder sollen Spuren des Alltags in sich haben, auch von fremden Schicksalen. Lieder tragen die Kultur in sich, die im Laufe allen Lebens wächst und allen gehört. Ihr Interpret holt sie aus der Alltagssprache in die schönen Augenblicke auf der Bühne.

Er muss sich dort hüten vor Tonfolgen und Worten, die er selber nicht lieben kann. Von solchen Versuchen schwillt der Mülleimer der Musikwelt.

Der Anspruch an den Sänger verlangt, vor allem Lieder zu singen, die sein Publikum gern wieder hören möchte. Warum? Auch, weil sie mit ihrer Art zu leben etwas zu tun haben und, vielleicht auch, weil er nun ihre Erwartung, ihre Sehnsüchte beim Singen ausspricht, der Sänger, und sein Zuhörer darf sich entscheiden, ob er sein Herz auch mit reinhängt oder außen vor bleibt.

Er muss sein Publikum immer in einer Neugier zurücklassen, auf die er mit neuen Liedern antworten kann. Er sollte es wenigstens versuchen.

Aber wie muss jemand sein, um so zu singen, so zu erzählen.

Es scheint ein Geheimes zu wirken, eine Fähigkeit, Leben in ganz unterschiedliche Erfahrung einfließen zu lassen, damit wir Zuhörenden uns daran bereichern und mit dem Herzen antworten können.

Empfindsamkeit gehört dazu, als wäre die Menschheit eine einzige begehrte Person, ein Kind auf den Armen der Mama, ein Atemzug Geheimnis, ein Respekt vor Ängsten, die mitten in der Nacht aufbrechen zu einem hellsichtigen Moment zwischen Schlaf und Vorsicht.

Da muss jemand allein und mit anderen lachen können, aber auch manchmal die Hand vor die Augen halten, um weniger vorauszusehen. Welche Bereitschaft, sich erkennen zu lassen, gehört dazu, sich so zu öffnen.

Da denken wir beim Hören: nun weiß ich, wer du bist – vielleicht!

Was ich für dich schreibe, gibst du mir zurück – reise­fertig.

Woraus sich dieser Mensch wirklich zusammensetzt, das weiß ich nicht und werde es nie wissen wollen. Wenn es mir gelingt, und ich etwas schreiben kann, was für den Sänger oder die Sängerin etwas bis dahin nicht Gewusstes ist, wobei sie sich sogar neu entdecken, was die Seele bestärkt und was ehrliches Bekenntnis ist, zu Sehnsucht oder Trauer bei Verlust, das kriege ich zurück. Wenn es so gesungen wird, dass auch ich es glaube; wenn es den Flaum der Erfindung verliert und sich beim Singenden in der Seele und im Gedächtnis niederlässt und mir also weggenommen und geadelt wird als fremder Besitz, dann ist alles gut.

Einen Anteil an Sachlichkeit und Unerreichbarsein müssen mir die Sänger bieten, damit ich einen Weg suche, sie etwas verkünden zu lassen, was sie selber über sich vorher nicht wussten.

Sie müssen uns Zuhörer zwingen, wenigstens eine Weile zu denken: Jetzt kenne ich dich. Jetzt weiß ich, wonach du suchst und wofür du lebst. Unter­halb von ­Tränen oder Lachen passiert da bei mir kein neuer Einfall.

Geh vor mir, wir haben es beide mit der Unvollkommenheit zu tun, aber für den Moment des Schreibens oder der Wiedergabe erlösen wir uns aus der Grenze, die uns eben noch aufgehalten hat.

Alles, was du nicht in dir aus der Unvollkommenheit holen und also nicht zum Lied machen kannst, das darfst du nicht anrühren, denn mir werden nicht die ­Tränen kommen, wenn du es zum ersten Mal singst.

So haben wir es verabredet. Und so soll es uns bleiben.

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