Gisela Steineckert Langsame Entfernung
Langsame Entfernung
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Gisela Steineckert Langsame Entfernung

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Du hast mir das unwillig erzählt, und dann fiel uns noch die wichtige Zentralbibliothek ein, da hatte sie, scheinbar, dann auch viel zu tun. Wenn das so selbstverständlich war, warum weiß ich es bis heute und habe damals deine Gefühle und Entscheidung dankbar geteilt? Weil du so warst, immer so warst.

Man nennt das Gutmütigkeit, aber dieser Begriff passt nicht. Besonders groß und besonders stark. Aber du hast das nie gegen einen Schwächeren benutzt. Nie? Naja, aber ich war deine Frau, und manchmal ergab es sich … nein! Wenn du den Arm seitlich ausgestreckt hast, dann konnte ich drunter weglaufen, und du hast mich nie festgehalten.

Vielleicht erfindet oder findet in diesem Moment ein künftiger Nobelpreisträger den winzigen Stein, der ins Rollen gebracht werden kann. Was heute alles geheilt wird, das bedeutete früher … ja, weiß ich.

Schöner Unglaube, alles verwischen zu können, es ungenau zu machen, irgendwie lösbar.

Mach aus seiner Niederlage, seiner Erniedrigung einen häufigen Fall, mehrere ganz normale Wunder. Er ist doch nicht irgendjemand. Sein jüdischer Großonkel hat in England die Milchstraße entdeckt und außerdem war er ein weltberühmter Dirigent, der junge Herschel. Da kommt er her, und jener Urahn hatte eine Schwester, die alles für ihn getan hat. Ich kann auch eine Schwester sein.

Das war nicht gut, in solchem Ton redet man mit ihm nicht. Ja, weiß ich.

Mach eine Alltäglichkeit, erfinde sie. Du darfst ihn nicht in deine Beobachtungen ziehen, nicht in die Ängste, wiederhole nicht, was ein Schlaumeier gesagt hat. Mach einen großartigen Einfall daraus, eine Art Inszenierung für den Alltag, wir können alles ändern, unsere Zeit anders einteilen, das Überflüssige endlich mal leichten Herzens unterlassen … Ich muss doch nicht überall antanzen, nur weil ich, wie viele andere, ge­rufen werde, um am Ende eine Stimme mehr zu ergeben. Ich muss gar nichts machen, was wir eigentlich nicht ­wollen …

Er hat gesagt, so ein Urteil ist auslegbar. Mir haben sie doch schon mal Knochenkrebs unterstellt, erinnerst du dich? Du hast gleich nein gesagt, und dann war es ein Fehler im Röntgenfilm. Weißt du noch?

Ja, und ich habe das Krankenhaus mit zitternden Knien verlassen und dann so getan, als wäre meine nahe­zu erzürnte Abrede aus heimlichem Wissen gekommen und nicht aus dem Schreck.

Du hast gesagt, ich müsse mich einfach ausruhen, mich mal nur um mich kümmern.

Ich muss denken, das ist richtig. Und schlafen, einfach hinlegen und schlafen, möglichst, ohne dauernd aufzuwachen und wieder alles von vorn denken zu müssen.

»Das machst du? Warum?«

»Weil das schon immer mein Problem war und nun unser Problem ist.«

»Aber mit uns ist doch alles in Ordnung!«

»Sag ich ja!«

Es war nicht, als er im Riesengebirge lachend und pitschnass auf dem Rückweg den Berg herunterkam, nachdem er den Tagesausflug unbedingt allein machen wollte, meinen Mangel an Begeisterung für solche Unternehmungen achtend. Und dann stand ich auf einmal vor ihm, auch eingeregnet. Wenigstens einen Teil des Weges hatte ich bewältigt, da war es, wie er auf mich zukam, mich in die Arme nahm, übertrieben dankbar, und als wäre ich auf allen Vieren den ganzen Weg zu ihm gekommen; das war sehr komisch, warum sonst hätten wir so laut und irgendwie unpassend gelacht? Weil er mich da verehrt hat?

Es war in Harrachov, als er unter seinem Regencape hervorkam und auf den Steinen niederkniete, als ich ihm gefolgt war in den Platschregen, in den steilen Aufstieg, und ich sollte doch Tee trinken, lesen, ihn einfach allein gehen lassen.

Aber du hattest beides geahnt: dass ich es bewältige, und dass du am nächsten Tag krank sein würdest. Beides trat ein, deine Erkältung, harter Husten, und die ganze Welt schwarz in schwarz.

Kommt jeden Tag vor und ist einmalig

Er suchte für seine Verbundenheit, die eigentlich Hingabe war, meist Beweise, irgendwelche Belege. Dabei hatte er Einfälle, die das nicht brauchten. Es ging nicht um ein Ziel, zu dem man sich hinquälen musste. Wir hatten alles getan, alles geregelt, alles auf uns genommen, auch amtliche Urteile und unfreundliche Voraussagen, und hatten immer noch uns. Wir waren uns nicht langweilig geworden, einander nicht überdrüssig, wir konnten noch herzlich miteinander lachen, uns schön streiten, uns erinnern …

Es war so: Als wir uns das erste Mal sahen und den Blick viel zu lange hielten, fielen wir unseren damaligen Begleitern auf. Wir hatten uns zwar vorher nie gesehen, und er hatte nur unfreundliche Bemerkungen über mich in die Welt gesetzt, aber die hatten mich erreicht. Nun waren wir beide zur Arbeit erschienen, als Jury bei einem internationalen Liederfestival. Er als Chefredakteur, ich als freischaffende Autorin.

Er kam im Hotel in Begleitung einer schlanken Dame aus dem Fahrstuhl, und das war also der Mann, der mich eine rote Ziege genannt hat, die das Land mit blutigem Dilettantismus überziehen will, mit ihrer überflüssigen Förderung der Singe-Zähne. Er redete, und wir konnten den Blick nicht abwenden. Ich denke, wir haben uns, bei diesem einen Blick, ganz an die anderen Augen verloren. Es war bei ihm so und bei mir auch.

Fünf Monate später, im Juli 1973, mitten in den bunten Vorbereitungen für die Weltfestspiele, waren wir verheiratet. Mit einem Strauß aus dunkelroten Rosen gingen wir zu Fuß von der Schönhauser Allee in die Mitte von Berlin und mischten uns unter die Singenden, Redenden, Tanzenden, mir liefen dauernd die Tränen, vor Freude, und ich musste lachen, mit jedem, der gerade lachte, und wir konnten kaum atmen vor lauter guten Vorsätzen. Und wirklich, ich habe an jenem Abend gehofft, vielleicht sogar geglaubt, dass hier nicht nur Nähe, Freude, sogar eine ewige Liebe entstanden war, sondern dass wir die Weltuhr berührt haben, gerade etwas Schönes in die ­Zukunft pflanzen, etwas, das Ungutes lähmen könnte.

Es war so, wir waren so, unsere Rocker schon damals mit großen Plänen, es keimte, weit über die Erwartung hinaus würde es auch bei uns im Land zu Veränderungen kommen, also weniger behördliche Kleinlichkeit und Büro­kratie, weniger Enge in Herzen und Köpfen.

Niemals habe ich vergessen, wie die Chilenen mit unseren jungen Leuten unter Regenschirmen auf der Erde saßen, Hände drückten, sie waren so viele, so viele Umarmungen, und mit wunderbaren Liedern haben sie die Liebe erwidert, die ihnen so offen gezeigt wurde – und wir waren stolz darauf, sie für ihren Kampf zuhause zu ermutigen. Es war beinahe, als wären wir mit ihnen und Víctor Jara unterwegs. In ein besseres Leben, eins fast ohne Angst, ohne Unterdrückung, ohne Mord.

Später bin ich Víctor Jaras Frau begegnet. Sie war mit den Kindern in Berlin, um in der Volksbühne über ihn zu sprechen. Sie sagte mir, es sei nicht wahr, dass man ihm die Hände zerschlagen habe. Sie hat ihn gesucht, ohne die Kinder, und sie hat ihn gefunden. Sie sagte, sie habe die Kinder aus Chile herausgebracht, und es sei nun ihre Lebensaufgabe, über Víctor zu sprechen, denn er darf nicht vergessen werden.

Wir sprachen nicht näher über das, was in ihrer Stimme auch mitschwang: Er wollte es vorher nicht glauben, er hat trotz aller Erfahrung an Recht und Gerechtigkeit geglaubt – und »ich hatte schon lange Angst«.

Der Augenblick gehörte ganz der Trauer um diesen liebenswerten jungen Künstler, der bei seinem Besuch von den »Oktobris« zu ewiger Freundschaft und Zusammenarbeit aufgenommen wurde, durch seine Nähe eben ein Freund, mit dem zu singen reine Freude war.

Wir gingen nachhause, überladen mit Ahnung, aufgeregt, streitbar, am liebsten hätten wir gleich über alles gesprochen – und sind dann doch in unruhigen Schlaf gefallen, ohne die Rosen versorgt zu haben, ohne in den Medien nach dem Stand der Weltgeschichte zu fragen.

Ich war damals zweiundvierzig Jahre alt, nun zum dritten Mal verheiratet, er war ein Jahr jünger – mit zwei Töchtern zu den meinen, mit anderen Erfahrungen in der Kindheit, also verwöhnt, viel gebildeter, ein Studierter. Wir mussten sehen, wie es gehen könnte. Besser, als wir zunächst dachten. Erst gegen Morgen, mitten in der Hochzeitsnacht, wollten wir uns trennen – grundlos!? Er fing an, seine paar Sachen zu packen und schwieg mich an. Aber dann sprach er es doch aus: Ich hatte beim gemeinsamen Abendessen, der Empfehlung des Kellners folgend, eigenmächtig, ohne Absprache, gebratene Forellen bestellt. Die er später nie zubereitet hat, die er schon immer nicht mochte. Er hatte recht, es war ein Übergriff, aber um das zu denken, musste ich es erst einmal begreifen.

Ohne die Tränen von mir hätten wir in jener Juninacht 43 Jahre unserer Ehe wohl versäumt – zwei Leute, die von sich glaubten, sie seien vorurteilslos. Schöner lehrreicher Anfang.

Wir sind eine Großfamilie

verwandt, verflochten oder befreundet

wir leben mit unseren Erben

auch unverwandt gucken die uns unverwandt an

wiegen wollten wir sie, trösten

ansingen und auf sie hörn

unsere kleinen Erben haben aus uns

eine Großfamilie gemacht

Ich bin bloß die fast Hundertjährige

die durchs Fenster reingeklettert ist

um drinnen ja nichts zu verpassen

Als er nackt am meinem Fenster stand, statt in die Badewanne zu gehen, habe ich ihn wahrscheinlich weniger geliebt als beim Anblick des gedeckten Tisches, wenn er die Familie eingeladen hat. Ich weiß noch alles.

Das Wunder, einen denkenden

kochenden, spöttischen, grantigen

vorsichtigen, übermäßig viel erwartenden

Mann zu lieben

das ist mein Alltag

wie kann ich ihn halten

wenn die Schwäche seine Stärke

überwindet

ich werde bleiben

damit er mich wiederfindet

Wir kennen uns so gut, dass ich fast immer weiß, was er sagen würde. Neulich nachts habe ich ihn gefragt: »Sind es die alten oder ganz neue Probleme, die uns so zu schaffen machen?«

Er sagte: »Es gibt keine neuen, es sind unsere alten Probleme, die feiern Urständ’« – »Und wie haben wir es geschafft, mit denen fertig zu werden?« Er sagte: »Wir haben uns immer entschieden.«

Ja, ich kann mich erinnern. An diese und jene Lösung, aber doch auch Aufschiebung, falsche Ansätze, unnötiges Umdenken … Was sagt die Familie?

Laura sagt, dass er recht hat.

»Als ich geboren wurde, hat er mich auf den Arm genommen und gesagt: ›Du bist unser Kind.‹ War es dann nicht so? Ich bekam sein großes Zimmer mit den dicken Vorhängen und die generelle Erlaubnis, auch nach neun Uhr abends noch Appetit auf frische Pommes zu äußern – und sie zu kriegen.«

Er hat dich aber nicht wirklich verwöhnt. »Nein, nur im Tierpark, mit einer Handvoll Kärtchen für Reiten, Schaukeln, Besichtigungen, Eis und gelegentlicher tapferer Annäherung an gut bewaffnete Tiere, was eigentlich nicht erlaubt war.«

Und beim ersten Mal in der Loge, wo die Königin der Nacht ihre Tochter vom Zauberer wiederhaben wollte. Du hattest ein wunderschönes Kleid an, glaubtest aber, dass die Leute in der Loge nebenan wussten, dass es deine erste Oper ist, und sie haben über dich gelächelt, und außerdem hast du zwar kein Gesicht gemacht, aber er wollte, dass wir gehen. Hinterher meintest du, dass die Königin der Nacht bloß ihre Tochter wiederhaben will, deswegen ist sie doch kein schlechter Mensch.

Nein, er hat dich nicht zu sehr verwöhnt. Als du ausgerechnet ihn mit der Frage nach der Entstehung des Menschen ausgezeichnet hast, hat er es dir so klug erklärt, dass wir alle was davon hatten. Ja, du hast recht, wir haben gelacht, aber wir waren auch stolz auf die Eleganz und Logik seiner spontanen Darbietung, die dir völlig ausreichte. Zu diesem Thema haben nur du und ich ­später noch eingehender geredet.

Von diesen und jenen Dingen

die glücklich machen

oder misslingen

nimm deine Finger

dein Herz aus der Last

neben der Leiter

geh einfach drei Schritte weiter

Frei von Liebe

frei von Hass

einander nicht mehr begegnen

wie würde das aussehn – einander segnen

und sich freizusprechen

Man kann eine Liebe nicht leben

wie eine Liebelei

da muss es Maße geben

die machen nie wieder frei

Jeder einzelne Tag

Einfach weiter, das ist leicht gesagt. Wenn ich versuche, den heutigen, einen ganz normalen Wochentag, aufzuteilen in Notwendigkeiten und Entspannung durch einfach mal nicht mitmachen, nicht antworten, nicht zurückrufen, sich bei niemandem bedanken, nicht absagen, umbestellen, den Stift aus der Hand legen, keine Antwort suchen … die Liste ließe sich verlängern. Ein ganz normaler Tag – wie bitte? Aber dieser heutige, ganz normale Donnerstag holt mich aus der Reserve.

Da ist ein Mann gestorben, den ich nicht nur gut leiden konnte. Er war ein sehr guter Lehrer, begabt dafür, leidenschaftlich engagiert.

Wir haben uns öfter aus Anlässen getroffen, ja, etwa wenn eine neue Organisation gegründet wurde, die gefehlt hatte und Leuten nun nützen konnte: Damals, die Gesellschaft für Bürgerrechte und Menschenwürde, die hatte diesen oder einen vom Sinn her gleichen Namen. Den habe ich vergessen, aber nichts von der Arbeit, die uns dort zusammenführte. Mich hatte Wolfgang ­Harich überredet, und Professor Heinrich Fink war auch dabei.

Heiner Fink, schreibt die Zeitung, lebt nicht mehr. Ich werde diesen Freund, diesen aufrechten Menschen nie vergessen und habe meiner an dieser Stelle zu kritisierenden Zeitung gestern einen Brief geschrieben, weil ich mich gegen die kaltherzige Abfertigung seines Lebens wehre.

Kurze Zeit vor der Inbesitznahme der Humboldt-Universität hingen dort lange Stoffstreifen, beschriftete. Auf denen stand: »Unsern Heiner nimmt uns keiner.« In meiner Zeitung hatte ein einziger Bürger sich über die karge Traueranzeige geäußert. Das ohne Widerspruch zu dulden, wäre ein weiteres Mal Unrecht an einem aufrechten unschuldigen Mann gewesen.

Professor Heinrich Fink habe ich Mitte der Sechziger getroffen. Damals begab sich in Berlin eine unerwartete Kommunikation von jungen Schreibern, Sängern und Musikern, die der ziemlich dürren Atmosphäre etwas Leben einhauchen wollte. Hacks schrieb über den Oktober im siebzehner Jahr, Biermann machte sich gerade an seine damals frechen, aber schönen Lieder, gegen die erst einmal nur Perry Friedman und Manfred Krug etwas hatten. Und Hacks lehnte ab, als Biermann mit ihm die Konterrevolution in der DDR anführen wollte. In jener Zeit, also Mitte der Sechziger, gab es, nicht nur in Berlin, auch in den anderen großen Städten der DDR, ungezählte Zirkel, Klubs und sich gründende musische Gemeinschaften, mit vielen grübelnden Köpfen, noch mehr Vorschlägen, die zu oft nicht verwirklicht werden konnten oder aber durch das Wort von einem, der was zu sagen hatte und an verstopften Ohren vorbei entschied, eben doch als Beispiel ins Leben traten. Denen wurde nachgeeifert. Ich war mit meinen ersten Texten mittendrin und damit war verbunden, dass ich versuchte, auch eine Meinung zu gewinnen unter den vielen, denn eine eigene hatte ich noch nicht.

Eines Tages lud Professor Doktor Fink ein: Er wohnte damals in Weißensee, wenn ich mich recht erinnere, in einem alten großen Haus mit Dachterrasse. Er stellte sie uns zur Verfügung. Eingeladen hat er die junge Sarah Kirsch, den Biermann, Heinz Kahlau, Jens Gerlach, zwei junge Dichterinnen, deren Namen mir entfallen sind, und zwei Jungs mit besonders großer und kritischer Zunge. Fink meinte, wir sollten uns hier mal Zeit nehmen, und wir könnten ruhig laut reden, es wäre niemand im Haus.

Das haben wir getan. Ich weiß nicht mehr, als was ich mich gerade fühlte, lebte damals kurze Zeit mit dem Dichter Heinz Kahlau, dem es nicht an Talent fehlte, aber an jeglicher Toleranz – vor allem dem Gedanken einer Gleichstellung der Geschlechter gegenüber. Ich war Anfängerin, ja. Aber er erklärte mir, wie wenig das besagt, denn es gibt Stunden-Tage-Monatstalente, das sind die einen, und dann gibt es noch solche, wenige, für die Ewigkeit. Ich fragte ihn, wo er mich einstufe, er meinte, so ’ne Viertelstunde am Vormittag … Und dich selber, wie siehst du dich? Er machte eine große Handbewegung: so um ein bis zwei Jahrhunderte rum.

Er hat schöne Liebesgedichte geschrieben. Am Anfang auch für mich. Am Tag auf dem Dachboden haben alle geredet, und wenn auch aus all dem Gesagten am Ende für das Vaterland nichts rausschaute, so kann es doch im einzelnen Streiter oder Vermittler etwas bewirkt haben. Was?

Die Lieder sind geblieben, manche werden bleiben, und es gibt immer einen Sänger, der sie singen kann.

Damals gingen wir eigentlich ziemlich zufrieden davon; manche kurz danach für immer, Kahlau und ich auseinander, andere nach drüben. Wir trafen uns in diesem Kreis nie wieder, aber jeder, auch wir Anfänger, hat weiter gearbeitet und also seinen Teil eingebracht. Wenn ich es mir anschaue, ist es gar nicht so wenig. Die Verse von Kahlau haben auch überlebt, manche als Liebes­lieder. Das ist gut so. Ich kann mich nicht besonders an ihn erinnern, an einiges nicht genau. Aber er hat zu mir gesagt: »Ob du von jetzt an Tag und Nacht schreibst oder ich vormittags für ein paar Minuten, da kommt für die Welt dasselbe raus.« Nein, sie waren auch damals nicht alle so, und ich hatte nun, viel später, einen ausgeprägten Einsteher für die Gleichberechtigung der Frauen, manchmal sogar ganz für mich allein in der Wohnung.

Andererseits

Es war nicht, als er mir meine Arbeit und die Abwesenheiten ungerecht vergalt.

Es war nicht, als er unwillig wurde, weil wir einen zu langen Weg geahnt mühselig zurückgelegt hatten – warum eigentlich da? Warum?

Und wieder ließ ich es zu, gekränkt zu werden, statt Wirkung zu suchen, die ich aber auch weit überschätzte. Das mag sein. Aber ich wollte nicht Schmerz bereiten, der mich gepeinigt hätte.

Es war nicht, als wir uns in die Arme nahmen, in gleicher Trauer, wegen der Nachricht, die uns überwältigte.

Aber wir mussten sie nicht aufnehmen, sie war an den Horizont zu schieben, sie war umzudeuten, war zu verdrängen.

Es war so, und es blieb unser Rezept: Liebe verständlich machen, müde gewordene Gefühle neu wecken und erfrischen. Stärken, was nie aufgegeben werden darf. Die Hingabe, die Geduld, Umsicht für alles, was der andere braucht. Und es war Arbeit. Sie bestand aus Verzicht, Zurückstecken, aus Missachtung der eigenen spontanen Wünsche und Ansprüche, aus ständigem Verändern von Geplantem.

Zu viel Verzicht schuf ein Zuwenig an Ruhe, zu wenig Zeit – es ging immer um Aufschub, immer um demnächst.

Ich ließ keinen Vergleich zu, schob die Bilder, die sich einmischen wollten, in die Schublade. So war es aufgehoben als Erinnerung, lag wie im Schrein, zur Bewahrung.

Und ich verbreitete die vorerst tröstende Unwahrheit, man könne das Urteil … Und es käme auf uns an – nein, auf mich.

Also kümmere dich darum, dass er um siebzehn Uhr Ruhe erwarten und die Nachrichten ungestört sehen oder hören kann. Sei neben ihm, mit ihm, greif ihm voraus, schieb deine Arbeit auf, lass dir den Schlaf unterbrechen, versteh seine Peinigung durch Scham, sorge immer für frisches Obst, übernimm nötige Anrufe, teile sein bevorstehendes Dunkel.

Wenn er nicht mehr sehen kann, kann er hören. Es gibt heutzutage – ja, als wir uns darum kümmerten, stießen wir auf einen Reichtum an Hörbüchern. Etwas, das ihn interessierte und beschäftigte. Und während es ihn zurückholte in vorher normalen Umgang mit dem ­Alltag, konnte er auch anknüpfen an seine Bildung, denn er wählte aus, er ging um mit den neuen und den alten Schätzen, die er kannte, besser als ich.

Jede Veränderung hat ihre Oberfläche, aber ob Tiefe oder Untiefe, das ist schon Auswirkung, die sich von der Ursache entfernt.

Er hat mich nicht allein gelassen damit, sondern überredete mich zum Atemholen, allein an die Ostsee zur ersten Kur meines Lebens. Daraus entstanden lange Gespräche am Telefon, erstaunliche tägliche Briefe, und eine Wiederkehr von Normalität, die für beide heilsam war.

Wir sagten uns, dass ein Teil unserer Ängste nicht als Diagnose gesehen werden kann, sondern allzu dunkle Ahnung ist, vielleicht sogar falsche Deutung.

»Das Leben meint es doch eigentlich sehr gut mit uns. Und die Wissenschaft arbeitet Tag und Nacht am Stand ihrer Kenntnisse, aus denen dann alle Möglichkeiten ­erweitert werden.«

»Du schickst mir tausend Küsse? Ich gebe sie Dir zurück, damit Du sie aufteilst über eine lange Zeit … weit über dieses Jahr hinaus.«

»Ich bemerke, dass ich mit dir immer über die Zukunft rede. Was sie für uns bereithält, wissen wir so genau nicht.« Sie wollte sich uns als eine Zeit aufzwingen, für die schon eine erhebliche Anzahl von »das geht dann auch nicht mehr« gesichert schien. Einiges haben wir einfach unbeachtet gelassen; anderes nun gerade gemacht, aber es wird seinen Platz einnehmen, ohne dass wir ihn eifrig zum Mittelpunkt erklären. Ich habe Sehnsucht nach dir, das ist ein sehr lebendiges Ziel, das sich nicht woanders hinschicken lässt. Ich geh noch ein paar Schritte ans Meer, dann schreibe ich dir.

Das vergessene Meer

da liegt es, von Muscheln gerändert

atmet schwer

hat sich nicht verändert

ertrinken

versinken

die Angst pocht nicht mehr wild

gelassen weiß ich die Gefährdung

es stört meinen Schlaf kein Bild

das hier ist nur zu betrachten

es zieht keine Hand hinab

wie stark und gewiss wir uns machten

vor dem heiter gewählten Grab

Wir sind wie durch Erde verbunden

im Leben und danach

für Millionen Stunden

Ich schreibe auf, was und wie es gewesen ist. Aber eben merke ich, dass beim Aufschreiben auch ein Zeitraum erscheint, in dem Bedrohung und Reichtum der Gedanken und Gefühle sich irgendwie ausglichen. Das blieb nicht so, denn es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, mit verfrühten Hoffnungen und auslegbaren Bemerkungen der Fachleute.

Mehr als ein Jahrzehnt – von der Ahnung über die Wahrnehmung bis zum Ende.

So widersinnig es scheinen mag: Wir haben es gelebt und blieben bei allem eine sehr lebhafte Familie, in der es Respekt und Liebe gab – und die eine harte Lehre annehmen musste, eine geschichtliche, und jeder mit seinem eigenen Leben und mit der Welt.

Es kamen Menschen hinzu, die zuerst dienstlich helfen sollten, dann helfen wollten – die Freunde wurden und geblieben sind. Mir sage niemand, dass der Mensch einsam und hilflos sein muss.

Eine neue Lage

Ich bin jetzt alt. Manche machen manches anders als ich, also falsch.

Ich bin alt, ich weiß alles besser: zum Beispiel, was sich lohnt, per Video oder DVD aufgenommen zu werden, wie man etwas vervielfältigt – gab’s ja früher nicht; ich bestücke meinen Geschirrspüler vernünftig und spüle alles vorher ab, denn schon ein Teeblatt kann das Scheißding ausschalten. Ich kann mit Phone, Laptop, Internet, Kopierer und all dem Zeug umgehen. Handynachrichten versende ich nicht und will auch keine Selfies machen oder sehen.

Wahrscheinlich könnte ich heute nicht mehr in zwei abgeblätterten Emailleschüsseln ohne Fit das Geschirr handhaben, ich kann nicht mehr sticken, stricken, flicken. Vermutlich auch nicht mehr aus zwei Kartoffeln, einer halben Zwiebel und einer halben Bockwurst ein Mahl für zwei Personen zubereiten. Das konnte ich, als ich es musste.

Wenn ich mich erinnere, besaß ich als Siebzehnjährige drei Kleider, eins immer hässlicher als das andere, auf Punktkarte gekauft.

In einem davon habe ich mit siebzehn Jahren, als Jungfrau! den falschen Mann geheiratet. Das könnte ich heute auch nicht mehr.

Ich staune, wie tüchtig ich musikalische Einfälle von einem Band auf meinem Gerät abhöre, das ist mehr als vierzig Jahre alt, kann nur noch, was es für die Arbeit soll. Ein Wunder, und ich kann mir mit Ratschlägen für herrliche Veränderungen die Wände tapezieren. Eines Tages! drohen mir meine Lieben. Ja, dann wird es wohl nicht mehr funktionieren, und ich kaufe mir etwas, das ich weder blindlings bedienen kann, noch wird es mir Töne schicken, zu denen mir sofort apfelblütengleich schöne Wörter einfallen. Mein Gerät humpelt, nimmt nix mehr einfach so auf, aber es ist meins, und nächstes Mal zähle ich für Annalen mal alle Lieder auf, die mit seiner Hilfe entstanden sind. Auch für Dirk, für Vroni, Jürgen oder Maschine.

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