Stephan Steinbauer Exentanz
Exentanz
Exentanz

4

  • 0
Поделиться

Полная версия:

Stephan Steinbauer Exentanz

  • + Увеличить шрифт
  • - Уменьшить шрифт

Nachdem sie gegessen und für ihre Zeche bezahlt hatten, verließen sie das Lokal. Ein Junge mit schief sitzender Fischermütze zeigte ihnen noch seinen erhobenen Daumen und rief hinter ihnen her: »Ljubav, Amore!«

»Weißt du noch, aus welcher Richtung wir gekommen sind?«, fragte Joseph seine Begleiterin.

Die aber war leicht betrunken, müde und satt und schüttelte nur kichernd den Kopf. So stolperten sie durch die Dunkelheit. Die Straßenbeleuchtung war jetzt abgeschaltet. Sie bogen in eine Gasse ein, die leicht abwärts führte, also vermutlich in Richtung Hafen. Dort stand ja der Festungsturm, an dem Joseph sich orientieren konnte. Aber die Gasse endete bald an einer Mauer.Sie kehrten um, versuchten es bei einer schmalen Schlucht, die zwischen den Häusern hindurchführte. Dann standen sie am Hafen. Eine Turmuhr schlug in der Ferne. Der Mond hatte sich jetzt hinter dem Wolkenschleier verborgen, beleuchtete die Szenerie nur noch sehr matt.

»Ich will jetzt schlafen«, mauzte Josefine und lehnte sich an Josephs Schulter. »Trag mich!«

Sie wollte einen Gutenachtkuss. Daraus wurden mehrere.

»Mir wird kalt!«, sagte sie, dann ergriff Joseph ihre Hand und sie begannen, am Hafenbecken entlang zu laufen. Josefine verlor einen Schuh. Joseph suchte im Finstern, während sie nur noch kicherte.

»Zu trinken bekommst du nix mehr«, versprach er und zog ihr den verlorenen Schuh an.

»Spaßbremse!«, antwortete sie und küsste ihn wieder.

Irgendwie fanden sie dann doch zu ihrem Quartier und fielen erschöpft aufs Bett. Josefine schlief bald ein, er lag noch eine Weile wach und dachte nach. Wie einfach es doch war, dieses Mädchen, diese junge Dame aus bester Frankfurter Gesellschaft glücklich zu machen! Rücksicht, Feingefühl, zuvorkommende Aufmerksamkeit, Geduld, etwas Humor und viel Liebe. Das war alles. Ja, sie war reich, würde in 2 Jahren über ihre Millionenerbschaft verfügen können, aber sie war auch eine Frau. Ihr Geld interessierte ihn nicht. Er wollte die Frau. Diese faszinierende, so selbstsichere, lebenskluge und praktisch denkende Frau. Sie stand mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen, wenn es darauf ankam. Und hässlich war sie auch nicht, dazu eine gelehrige Schülerin in Sachen Liebe. Er war ein Träumer, fügte sich nur zwangsweise der Notwendigkeit, einen Brotberuf auszuüben. Lieber wäre er Schriftsteller geworden, aber davon hätte er nicht leben können, jedenfalls nicht ohne die Unterstützung durch seine Eltern. Aber im Hotel Mama in Wien war es ihm zu eng geworden. Er war seinem unbändigen Drang gefolgt, auf eigenen Füßen zu stehen und hatte die erstbeste Chance ergriffen, das Angebot eines Frankfurter Konzerns, um sich endlich frei zu fühlen und ein eigenständiges Leben zu führen. In dieses Leben war nun Josefine getreten. Nein, er hatte sie in dieses Leben geholt. Und sie war ihm gefolgt, in seine Welt der »normalen« Leute. Sie verzichtete für ihn auf den gewohnten Luxus ihrer wohlbehüteten Welt zwischen Nobelvilla, Golfplatz, Gourmettempel und Fünfsternehotel. Nun fühlte Joseph Verantwortung für sie. Auch wenn er ein romantischer Träumer war, er war der Mann und wollte sie beschützen.

Über diesen Gedanken schlief er schließlich ein.

Die Zweifel, die Josefine an diesem Abend geplagt hatten, ahnte er nicht.

Am nächsten Morgen wurde Joseph vom Schrillen einer Fahrradklingel vor dem Fenster geweckt. Er sah auf die Uhr – fast neun. Das Schiff nach Hvar wäre um acht Uhr gegangen. Nun war es ohne sie weggesegelt. Er drehte sich nach rechts. Josefine schlief noch. Er ließ sie schlafen. Doch der Radfahrer vor dem Fenster klingelte auf Leben und Tod. Josefine erwachte.

»Unser Schiff ist weg«, sagte Joseph.

Sie gähnte und blinzelte ihn an. »Und nun?«

»Nun kriegst du erst mal einen Morgenkuss, dann sehen wir weiter.«

Sie spitzte den Mund zu einer Herzkirsche und stupste damit gegen seinen Kussmund. Er verstand. Erst mal Zähneputzen. So angeheitert und müde, wie sie gestern Nacht waren, hatten sie darauf verzichtet.

Nach der Morgentoilette hätte er Josefine gerne noch mit Zärtlichkeiten verwöhnt, aber sie zog sich an, eine leichte Leinenhose und eine weitgeschnittene Bluse mit kurzen Ärmeln. So schlüpfte auch er in seine Jeans, stopfte sein Hemd in den Hosenbund und sie verließen das Zimmer. In der Küche, die den Gastgebern jetzt auch als Schlafraum diente, beglichen sie ihren Obolus, verabschiedeten sich dankend und zogen mit ihren Rollkoffern los zum Diokletian-Palast. Auf einem sonnigen Platz innerhalb der Mauern fanden sie ein Kaffeehaus, nahmen Platz unter einem Sonnenschirm.

Nach einem ausgiebigen Frühstück schlenderten sie zum Bahnhof, wo Joseph ein Touristikbüro wusste. Am Nachmittag um siebzehn Uhr würde noch ein Schiff nach Hvar gehen, erfuhren sie dort.

»Also wenn schon die Anreise auf deine Insel so viel Zeit kostet, wann bist du dann zu deinen amourösen Abenteuern gekommen?«, fragte sie schelmisch.

»Sag ich nicht. Das Thema ist tabu.«

»Vielleicht treffen wir ja eine von deinen Verflossenen?«

»Selbst wenn. Ich werde sie dir nicht vorstellen.«

»Schade. Hätte gerne Erfahrungen ausgetauscht.« Sie lachte über sein verlegenes Gesicht.

»Und ich würde jetzt gerne baden gehen«, sagte er, um sie abzulenken. »Vor dem Bahnhof fährt der Bus ab zur Badebucht.«

Sie brauchten nicht lange auf den Bus zu warten. Er brachte sie in eine benachbarte Bucht, in der die Badeanstalt mit aufgeschüttetem Sandstrand lag. Sie mieteten eine Kabine und schlüpften in ihre Badekleidung. Josefine zog einen einteiligen, dunkelblauen Badeanzug aus dem Koffer.

»Ich dachte, du wolltest mich mit einem süßen, knappen Bikini überraschen?«, fragte er und in seiner Stimme lag Enttäuschung.

»Den musst du dir erst verdienen«, meinte sie nur schnippisch.

»Ach ja, und womit?«

»Du musst selbst draufkommen, streng deine Fantasie an«, beschied sie ihn mit einem Funkeln in ihren Augen und ging hinunter zum Strand. Er folgte ihr nachdenklich.

Inmitten der Bucht erhob sich ein Felsenriff, auf dem sich Badegäste auf einer hölzernen Terrasse sonnten.

»Wer zuerst auf dem Riff ist!«, rief Josefine und spurtete ins Wasser. Sie war eine gute Schwimmerin und pflügte mit flottem Crawlstil durch die flachen Wellen. Joseph beherrschte nur Brustschwimmen und folgte ihr mit Mühe.

»Also bei deinen Schwimmkünsten ist noch Luft nach oben«, meinte sie lächelnd, als sie auf der Sonnenterrasse standen. »Da kannst du noch was von mir lernen.«

»Na ja, in irgendeiner Disziplin musst du ja auch mal besser sein als ich«, antwortete er und bemühte sich, kein verdrießliches Gesicht zu machen. Aber heimlich war er stolz, so eine sportliche Geliebte zu haben.

»Ach, habe ich deinen männlichen Stolz verletzt? Komm her, ich mach es wieder gut.« Sie zog ihn an sich, streichelte über sein triefnasses Haar und drückte ihm einen salzigen Kuss auf den Mund, den er leidenschaftlich erwiderte. Dann ließ sie sich wieder ins Wasser gleiten.

Joseph sprang kopfüber vom Steg hinter ihr her, tauchte mit offenen Augen und schwamm unter Wasser dem Ufer zu, ohne viel zu sehen, weil der Sand alles trüb und verschleiert erscheinen ließ. Das Wasser wurde flacher, hier konnte man schon stehen. Er sah vor sich zwei hübsche Beine, dachte, sie gehörten Josefine und zog sich daran hoch. Ein wildfremdes, recht appetitliches Mädchen sah ihn erstaunt an, ein zögerndes, vielleicht ermunterndes Lächeln auf den Lippen.

»Sorry«, murmelte er und sah sich nach Josefine um. Sie schwamm hinter ihm.

»Wenn du schon fremdgehst, dann bitte so, dass ich es nicht merke«, feixte sie.

Dann tauchte sie ab, packte seine Beine und brachte ihn zu Fall. Sie alberten und balgten eine Weile, schwammen abermals hinaus zum Riff und ließen sich auf der Terrasse von der Sonne trocknen. So verging der Vormittag. Als die Sonne am höchsten stand, fragte Josefine:

»Hast du eigentlich keinen Hunger?«

Sie aßen eine Kleinigkeit im Restaurant der Badeanstalt und legten sich dann in den Schatten einer Pinie. Sie dösten vor sich hin, tauschten träge ein paar Worte und nickten dann ein. Als sie nach fast zwei Stunden erwachten, zog sich der Himmel allmählich mit grauen Wolken zu. Es war schwül. Kein Lufthauch.

Sie kleideten sich wieder an und marschierten zur Bushaltestelle. Sie kamen an einem Denkmal vorbei, einer hohen, schwarzen Statue. Es war wohl ein Bischof mit einer reich verzierten Mitra, der mit seiner Linken ein Buch an seine Brust drückte, die Rechte schüttelte er drohend gegen unsichtbare Angreifer. Sein grimmiges Aussehen wurde noch durch einen wallenden Vollbart unterstrichen.

Joseph glaubte, die Gestalt einer jungen Frau erblickt zu haben, die Josefine und ihn beobachtet hatte und blitzartig hinter dem Denkmal verschwand, als sich ihre Blicke trafen. Ein blonder Schatten, mehr nicht. Und wieder verspürte Joseph für einen Herzschlag lang diese Angst vor einer unsichtbaren Gefahr. Er blickte sich scheu um, konnte aber nichts Auffälliges mehr erspähen. Vielleicht hatte er sich auch nur getäuscht. Josefine merkte nichts.

Der Bus rollte heran, sie stiegen ein und fuhren zurück zum Hafen. Bis zur Abfahrt des Schiffes waren noch fast zwei Stunden Zeit. Sie deponierten ihre Koffer in einem Schließfach am Bahnhof, flanierten entlang der Kaimauer und bogen wieder ein in die Altstadt. Nach einem Bummel durch die Andenken- und Modegeschäfte erfrischten sie sich mit einem Eiskaffee.

Joseph war glücklich. Ein Traum war in Erfüllung gegangen. Vor 4 Monaten noch hatte er zaghaft um Josefines Freundschaft geworben, wohl wissend, dass er für dieses millionenschwere Mädel aus der Oberschicht nichts weiter sein konnte, als eine flüchtige, eher exotische Bekanntschaft. Und nun hatte sie seinetwegen sogar auf eine luxuriöse Flugsafari durch Südafrika mit ihrer Mutter verzichtet. Auch die Aussicht, auf der Insel in Dalmatien nur sehr rustikal in einer Blockhütte zu wohnen, konnte sie nicht abschrecken. Dabei war sie doch den Komfort von Luxushotels gewohnt. Liebte sie ihn so sehr? Joseph gab sich ganz seinem wohligen Gefühl hin.

Das Klingeln seines Handys riss ihn aus seinen Gedanken. Er blickte auf das Display – seine Eltern aus Wien.

»Geh Joseph, wo steckst du denn?«, vernahm er die vorwurfsvolle Stimme seiner Mutter. Er verfiel augenblicklich in die Rolle des gehorsamen Sohnes.

»Wir sind in Split, Mama.«

»Geh, was machst denn in Split. Bist net allein?«

»Nein, mit meiner Freundin.«

»Ah, hast jetzt eine Freundin? Geh, könntest dich auch öfter melden. Der Papa macht sich schon Sorgen.«

Oh Gott, die ganze Enge und Bedrängnis kam wieder hoch, die er so gehasst hatte in den letzten Jahren. Eingesperrt hatte er sich gefühlt in der Wohnung in Wien, fürsorglich bevormundet von den Eltern. Nur raus, weg, Flucht, waren seine Gedanken gewesen. Aber die wenigen Monate, die seit seinem Auszug aus dem Elternhaus vergangen waren, reichten nicht aus, um die Atmosphäre der Unfreiheit und Unselbständigkeit ganz aus seinem Inneren zu tilgen. Schon sah er sie wieder vor sich, seine Eltern. Da war der Vater, hager, gebeugt, den Kopf raubvogelartig nach vorne gereckt. In seinen Augen der stechende, Gehorsam fordernde Blick. Da ließ der Gedanke an das asketische Wesen des alten Mannes wieder Josephs so junge Lebensfreude verdorren. Joseph durchschaute diese so demonstrativ zur Schau gestellteAblehnung aller sinnlichen Genüsse seines Vaters, der seine Befriedigung aus der Bescheidung auf Mineralwasser und Müsli bezog und sich in unbeobachtet geglaubten Momenten vor dem Spiegel an der jugendlich-schlanken Figur ergötzte. Und da war die Mutter. Hilflos den Launen des Vaters ausgesetzt, ihn aber doch mit weiblicher Hartnäckigkeit dominierend. Wieder sah Joseph sie vor sich, wie sie im letzten Jahr ihren unförmigen Persianermantel mit lästigem Raunzen und, wie man in Wien sagte, mit unablässigem Benzen durchgesetzt hatte. Er sah ihre leicht schräg nach oben gezogenen Mundwinkel, wie sie abschätzig mit »A ganz a primitive Person« über eine seiner Urlaubsbekanntschaften geurteilt hatte. Und Joseph hatte noch ihre schroffe Ermahnung »Lasst’s euch ja nicht von Weibern anreden!« im Ohr, die sie ihm und seinen Freunden mit auf den Weg gegeben hatte, als sie vor Jahren das soeben bestandene Abitur beim Heurigen feiern gingen.

Da saß er nun mit seiner geliebten Josefine im sonnendurchfluteten Dalmatien, weit weg von den Eltern. Und doch: der Anruf aus Wien schnürte ihm wieder die Luft ab.

»Geht’s euch gut?«, fragte er wie ein gehorsames Kind.

»Na jaaa, wie’s einem halt so geht, wenn der einzige Sohn sich in der Welt herumtreibt, statt dass er den Eltern a bisserl zur Hand geht. Das Einkaufen is halt schon mühsam, so ohne Auto. Der Papa holt ja immer seine Körndln vom Naschmarkt. Und zum Arzt muss ich auch wieder hin«, klagte die Mutter.

»Weißt was, Mama, in drei Wochen kommen wir euch besuchen, die Josefine und ich«, versprach er völlig entnervt. Josefine nickte ihm freundlich zu.

»Wird ja amal Zeit, dass’d dich um deine alten Eltern kümmerst«, raunzte es vorwurfsvoll aus dem Handy.

Joseph presste mit letzter Nervenkraft ein paar Abschiedsworte hervor, dann brach er die Verbindung ab. Auf die Information, dass er ihnen seine Freundin vorstellen wollte, hatte die Mutter gar nicht reagiert. Er spürte Beklemmung, wenn er sich vorstellte, wie diese Begegnung wohl ablaufen würde.

»Deine Frau Mama?«, fragte Josefine ganz arglos.

Er seufzte nur.

»Ach, meine Mutter ist auch nicht besser. Die jettet jetzt mit Herrn Thomas durch Südafrika. Ich bin sicher, sie ist sauer auf mich, weil ich nicht mitgefahren bin auf Safari. Aber ich hab keine Lust, mich mit diesem Secondhand-Mann verkuppeln zu lassen.«

Immer wieder hatte Frau Irmgard Karloff-Bardolino versucht, ihre Tochter mit diesem Kosmetikfabrikanten zusammenzubringen. Er war ein langweiliger Schwätzer, wie sie fand. Gefühle konnte sie für ihn beim besten Willen nicht aufbringen. Sie empfand höchstens Mitleid mit diesem Mittvierziger, dem die Frau mit einem jungen Musiker durchgebrannt war. Aber Mitleid war für sie keine Basis für eine Ehe.

Dennoch verspürte Josefine ein schlechtes Gewissen und bedauerte es fast, dass sie es abgelehnt hatte, ihre Mutter auf dieser Safari zu begleiten. Interessant wäre diese Reise schon gewesen. Und sicher luxuriöser als dieser Urlaub mit Joseph. Aber sie hatte sich ja selbst entschieden, mit ihm zu fahren. Ferien an jenen angesagten Orten, die sie sonst mit ihrer Mutter aufzusuchen pflegte, konnte Joseph sich nicht leisten. Ihn zog es wie in jedem Jahr auf seine Insel in Dalmatien, wo amouröse Abenteuer lockten. »Aber deine Liebesabenteuer, mein lieber Joseph, wirst du ausschließlich mit mir erleben«, dachte sie, »sonst Gnade dir Gott!«

Joseph bemühte sich, seine eingetrübte Stimmung abzuschütteln. Der Anruf seiner Mutter hatte ihm gerade noch gefehlt. Josefine merkte sein Unbehagen und wollte ihn aufmuntern.

»Willst du gar nicht wissen, womit du meinen neuen Bikini verdienen kannst?«

»Nun?«

Sie rückte näher und flüsterte ihm etwas ins Ohr, das ihn überraschte. Jedenfalls aus ihrem Mund. Hui!!

»Josefine! Erbprinzessin von und zu Karloff! Ich darf doch um Contenance bitten«, lachte er los.

Sie zwinkerte ihm nur zu und stimmte ein in sein Lachen.

Es wurde langsam Zeit, die Koffer zu holen und zum Anlegeplatz des Schiffes zu gehen. Als sie über den Kai schlenderten, fiel ihr Blick auf das graue Karstgebirge, das sich hinter der Stadt steil erhob. Schwarze Wolken quollen jetzt über den Bergkamm und drängten aufs offene Meer hinaus. Es war unglaublich schwül. Kein Windhauch. Das Hafenbecken lag schon zum Großteil im Schatten der Wolken, obwohl die Sonne noch hoch stand. Schleimiger Dunst breitete sich über dem Wasser aus. Am Horizont wurde der schwefelgelbe Streifen des Tageslichts immer schmaler. Das Meer lag dumpf und dunkel in trügerischer, angespannter Ruhe.

Bei der Schiffsanlegestelle sammelten sich schon die Passagiere. Urlaubshungrige Touristen in lichter, luftiger Sommerkleidung mit schicken Koffern, und geduldige Einheimische, zumeist in dunklen Gewändern mit Stoffbündeln und abgeschabten Taschen. Dazwischen Jugendliche mit Rucksäcken, langhaarig, lässig, cool.

Joseph beobachtete diese Jungs und Mädchen, die nur unwesentlich jünger als er waren. In den letzten Jahren war er einer von ihnen gewesen, ebenso cool und in freudiger Erwartung spannender Urlaubsflirts auf der Insel. Wobei man nie wusste, ob sich ein brauchbarer Partner finden würde. Diese Sorge war er jetzt los. Neben ihm stand die heißeste Braut, die er sich nur wünschen konnte. Und sie hatte ihm Dinge zugeflüstert, die sein Innerstes zum Beben brachten! Hoffentlich würde er ihr gewachsen sein. War Josefine schon dabei, sich von seiner Schülerin in seine Lehrerin zu verwandeln?

Eigentlich hätte man ihr Schiff schon bei der Hafeneinfahrt sehen müssen. Aber dort regte sich nichts. Unterdessen hatten die schwarzen Wolken den Himmel bis zum Horizont ausgefüllt. Immer noch kein Lufthauch.

Sie setzten sich auf ihre Koffer und beobachteten die Leute rings um sie her. Ein nervöser Tourist im Khakianzug mit Strohhut brachte sie zum Lachen, wie er seine pummelige Frau anfauchte, die ihn gar nicht beachtete. Er hätte ja die Kreuzfahrt durch die Karibik buchen wollen, aber nein, Madame hatte Angst vor dem langen Flug, das hätten sie jetzt davon – und so fort. Einer der Jungs schälte eine Gitarre aus der Stoffhülle und schlug ein paar Akkorde an. Eine Gruppe Jugendlicher scharte sich um ihn. »We are the Champions«, stimmte er an, die Umstehenden stimmten mit ein.

Endlich tauchte aus dem Wolkenschleim bei der Hafeneinfahrt ein Schiff auf und steuerte allmählich auf die Mole zu. Jetzt kam Bewegung in die Wartenden. Der nervöse Tourist im Khakianzug rief nach seiner Frau, die sich unter die Jugendlichen gemischt hatte. Ein Hafenarbeiter näherte sich aus Richtung des Bahnhofs undzog einen Handwagen hinter sich her, auf dem ein Berg Koffer gestapelt war. Ein Angestellter der Schifffahrtslinie in Uniform begleitete ihn. Er bedeutete den Wartenden, eine Schlange zu bilden.

Das Schiff legte an. Die Schrauben arbeiteten im Rückwärtsgang, schäumten das träge Wasser auf, Dieselgeruch breitete sich aus, Trossen flogen an Land, der Uniformierte legte sie über die Poller am Kai, der Anker senkte sich langsam ins Wasser und das Fallreep rasselte von Bord. Eine Gruppe Reisender verließ das Schiff. Ein Offizier postierte sich am Fallreep, kontrollierte die Karten der Einsteigenden.

Das Schiff kam von Dubrovnik und war schon gut besetzt. Joseph bahnte sich den Weg zum Vorderdeck, Josefine folgte ihm. Sie fanden einen freien Sitzplatz an der Reling, sie setzte sich, er hockte sich vor ihr auf seinen Koffer.

Und wieder erspähte Joseph das flüchtige Schattenbild jener Blondine, von der er sich bereits bei dem Denkmal beobachtet gefühlt hatte. Wieder trafen sich die Blicke für einen Wimpernschlag, dann verschwand die Erscheinung hinter einer Gruppe von Passagieren. War es eine Sinnestäuschung? Er hatte das Gesicht nicht erkennen können, nur die hellen Augen, die Silhouette und den blonden Haarschopf. Wer war das? Er wusste es nicht.

Eine Glocke schlug an, eine Dieselwolke quoll aus dem Schornstein, der Kapitän beugte sich aus der Kommandobrücke, rief dem Uniformierten an Land etwas zu. Dieser löste die Trossen, das Fallreep wurde an Bord gezogen, der Anker rasselte hoch und das Schiff legte ab.

»Sitzt du einigermaßen bequem?«, fragte Joseph seine Begleiterin.

»Geht so. Wie lange dauert die Überfahrt?« Wohl fühlte Josefine sich nicht.

»Etwas mehr als eine Stunde«, antwortete er.

»Na, das geht ja’, sagte Josefine tapfer und hielt ihr Gesicht in den langsam aufkommenden Fahrtwind. Wenigstens etwas frische Luft!

Der Himmel war jetzt schwarz und das Meer bewegungslos und unsichtbar unter dem Schiffsrumpf. Nur am Stampfen der Motoren und an den Lichtern der Stadt, die kleiner wurden hinter ihnen, und an den Positionslichtern entlang des Hafenbeckens, an denen sie sachte vorüberglitten, merkte man, dass sich das Schiff bewegte.

Joseph betrachtete seine Geliebte, die mit weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit starrte, den Kopf auf ihren Arm geschmiegt. Wie schön sie war!

Das Schiff passierte die Leuchtfeuer an der Ausfahrt des Hafenbeckens. Die nahen Küsten warfen das Geräusch der Maschinen verstärkt zurück. Sie erreichten das offene Meer.

Plötzlich zuckte ein Blitz über den schwarzen Himmel, erleuchtete für einen Augenblick den schwefelgelben Spalt zwischen zwei Wolken. Es war kein Donner zu hören. Weitere Blitze folgten, ließen den dunklen Spiegel des bleiern daliegenden Meeres aufblinken. Dann klatschten die ersten Regentropfen aufs Deck und in ihre Gesichter. Die warmen, großen Tropfen waren lautlos gekommen, nun prasselten sie schnell und dicht herab. Ein Sturm heulte los, fegte über Bord, fing sich in ihren Haaren und Gewändern und peitschte die dicken Regenschnüre auf das Deck.

Josefine zog den Kopf ein. Joseph ergriff ihre Hand, half ihr auf die Beine, dann packte er beide Koffer und schloss sich den übrigen Passagieren an, die den Weg unter Deck suchten. Josefine hielt sich dicht hinter ihm. Sie stiegen die Treppe hinab ins Innere des Schiffes und kamen vor dem Eingang des Speisesaales zum Stehen. Hier ging nichts mehr weiter.

Jetzt erst kamen die Wellen. Das nicht übermäßig große Schiff hob sich, schlingerte und senkte sich in die wuchtig anrollenden Wogen.

»Geht’s dir gut?«, fragte er Josefine. Sie war so still. Er war ja seefest, aber sie?

»Es geht«, hauchte sie und schmiegte sich an ihn. Er nahm sie schützend in den Arm, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie wollte ihm auf keinen Fall zeigen, wie sehr sie unter den Unbequemlichkeiten dieser Reise litt. War sie denn wirklich so ein verwöhntes Prinzesschen? Nein, sie wollte tapfer sein, auch wenn es ihr schwerfiel. Joseph zuliebe.

Der Tourist im Khakianzug drängelte rücksichtslos an ihnen vorbei zur Treppe nach oben ins Freie. Er war grün im Gesicht und hielt sich eine Hand vor den Mund.

»Wollte der nicht eine Kreuzfahrt ins Bermudadreieck machen?«, flüsterte Joseph ihr zu. Josefine lächelte gequält.

Allmählich beruhigte sich das Gewitter. Die schwarzen Wolken hatten ihren Inhalt verströmt, lichteten sich. Als sie in den Hafen von Hvar einliefen, blinkten auf den nassen Dächern schon wieder die Strahlen der allmählich untergehenden Sonne.

Das Schiff legte an, man ging von Bord. Und da war sie wieder, diese rätselhafte Blondine. Joseph sah jetzt nur ihren Rücken, als sie dicht vor ihnen über das Fallreep schritt. In der Hand hielt sie eine kleine Reisetasche. Die Unbekannte beachtete sie nicht. Vielleicht hatte Joseph sich ja doch geirrt, als er glaubte, von ihr beobachtet zu werden?

Auf einer Bank vor der Anlegestellte saß ein älterer, hochgewachsener, schlanker Mann, braungebranntes Gesicht mit weißer Löwenmähne. Branko, der Gastwirt von Sveta Marija, dem kleinen Fischerdorf, wo sie ihren Urlaub verbringen wollten. Er erhob sich, ging den Ankommenden ein paar Schritte entgegen und breitete die Arme aus.

»Djanna!«, rief er strahlend, schloss die Blondine in seine Arme und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Dann nahm er ihr die Reisetasche ab, und die beiden gingen ein Stück die Mole entlang.

»Unser Gastgeber«, erklärte Joseph seiner Freundin. »Branko. Er geht zu dem kleinen Motorboot da vorne, das bringt ihn nach Sveta Marija. Das ist unser Urlaubsort. Wir müssen ihn einholen. Wir wollen auch mitfahren.«

Sie beeilten sich und erreichten Branko und die Blondine. Sie war schon in ein kleines Boot geklettert, in dem ein stoppelbärtiger Seemann hockte und den Motor ankurbelte. Branko stand noch an Land.

»Branko!«, rief Joseph. »Nimm uns mit!«

Der Angesprochene drehte sich um, erkannte Joseph und breitete abermals seine Arme aus. Er setzte ein strahlendes Lächeln auf und schloss ihn in seine Arme.

»Willkommen Josip, bravo, bravo!«, rollte er im Bass hervor.

»Das istmeine Freundin Josefine«, sagte Joseph und trat zur Seite. Branko umarmte auch sie.

Dann kletterten sie in das kleine Boot. Ivo der Seemann hatte unterdessen den alten Diesel in Gang gebracht. Sie setzten sich auf eine Bank an der Reling. Branko nahm gegenüber Platz, neben ihm saß die Blondine. Sie würdigte die Fremden keines Blickes.

ВходРегистрация
Забыли пароль