Ralf Sotscheck In Schlucken-zwei-Spechte
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Ralf Sotscheck In Schlucken-zwei-Spechte

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Hast du dich auch in der Schulpolitik engagiert, oder gab es so etwas zu deinen Zeiten noch gar nicht?

Doch. Johann Ulrich Siems-Weisbach und ich wech­sel­ten uns immer als Klassensprecher ab. Er war mal Vor­sit­zender der Schülermitverantwortung, also in der Schul­politik ein ausgewiesener Crack. Wir machten aus, daß wir bei der nächsten Klassensprecherwahl uns selbst wählen. Das habe ich vergessen und ihn gewählt. Mit meiner Stimme wurde er Klassen­spre­cher. Das hat meine Klasse ziemlich schnell bedau­ert und mich da­nach gleich wieder gewählt, weil ich die Gabe hatte, von einer Schülerratssitzung, die zehn Mi­nuten gedauert hatte, 45 Minuten lang zu berichten, und das möglichst, wenn eine Mathearbeit anstand. Das war ja unser Recht. Glücklicherweise hatte ich kurz vor den APO-Zeiten Abitur, denn da wurde es ziemlich grim­mig. Die­se wild gewordenen Schüler haben nämlich unseren wun­derbaren Schulleiter Herrn Brühl mehr oder weni­ger in den Tod getrieben. Der war ein wirklich an­geneh­mer Linksliberaler. Und den haben sie schlecht behan­delt. Als die Schülermitverwaltung eingeführt wurde, hat er mich sogar mal in der Pause ins Lehrer­zimmer gebeten und gesagt: »Ich möchte, daß du dich da enga­gierst. Ich will mal ein bißchen Opposition spüren.« Davon hat er dann eine Menge abbekommen. Ich war zwar nicht mehr dabei, aber ich kann mir vorstellen, wie unangenehm das war, denn es hat ja besonders die Lin­ken erwischt. Das hat man ja bei den Scheißstudenten gesehen. Die haben sich eigentlich mehr gegen Linke gewandt als gegen Leute, die die Polizei geholt hätten. Herrn Brühl hatten wir in Geschichte und Gemein­schaftskunde, und da hat er einmal wunderschön mit verteilten Rollen eine pazifistische Veranstaltung im Curiohaus in der Rothen­baumchaussee vorgespielt, die von der SA gestürmt wird. Es kamen darin verschiedene SA-Red­ner vor und der Rot-Front-Kämpferbund, der der SA einen auf die Mütze haut, und ein kommunistischer Redner. Berühmt waren auch seine Führer-Reden. »Ka­meraden, wir ha­ben vierzehn Jahre lang darum ge­kämpft, daß die deut­sche Frau wieder Mutter werden kann. UND WIR HA­BEN ES GESCHAFFT!!!!« An die­ser Stelle ging die Tür auf und ein deutscher Schäfer­hund kam herein. Der wollte sein Frauchen abholen, irrte durch die Gänge und hörte plötzlich die Stimme des Führers, und da wollte er natürlich gucken, was Herrchen will.

Blondi?

Ja. Teil des musischen Abiturs war »Biedermann und die Brandstifter«. Wir hatten zu viele Mädchen in der Klasse. Und »Biedermann und die Brandstifter« war ursprünglich – ähnlich wie »Unter dem Milchwald« von Dylan Thomas – kein Theaterstück, sondern ein Hör­spiel. Um der Mädchenschwemme zu steuern, haben wir den Chor, der im Hörspiel vorkommt, wieder einge­führt, und zwar nach dem Friedhofsgärtnerprinzip. Wenn man einen Friedhofsgärtner mit einer Schubkarre sieht, ist noch nichts. Wenn man zwei Friedhofsgärtner mit einer Schubkarre sieht, ist immer noch nichts. Aber wenn man nacheinander drei Friedhofsgärtner mit einer Schubkarre sieht, nimmt man doch an, daß die was im Schilde führen. Wir haben die Mädchen in schwarze Body-Stockings, Schuhe mit Stilett-Absätzen und echte schwarze Feuerwehrhelme gesteckt. Wenn der Chor auftrat, kam die erste rein, wapps, dann die zweite, wapps, dann die dritte, wapps, dann die vierte, wapps, dann die fünfte, wapps, dann die sechste, wapps, so daß man dachte, das hört ja überhaupt nie wieder auf. Soviel knackige weibliche Feuerwehrleute. Wenn alle auf der Bühne waren, stellten sie sich auf, sagten »WEHE!« und gingen wieder weg. Auf diese Weise waren alle versorgt.

Was hast du denn im »Biedermann« gespielt?

Na, den Biedermann, und zwar mit dem Anzug meines Vaters, einem angeklebten Schnurrbart und einer grau­en Perücke. Könnte ich mir heute alles schenken. Auch das Kissen unter dem Anzug. An der spannend­sten Stelle ging immer der Schnurrbart ab. Hinter der Bühne saß ein echter Polizist in Unterwäsche und las Illustrier­te, weil in »Biedermann« ja auch ein Polizist vor­kommt. Anstatt uns einfach eine Uniform zu leihen, sagte er: »Nee, nachher geht ihr los und verhaftet Leu­te.« Lieber saß er in Unterwäsche und in Socken hinter der Bühne, bis seine Uniform nicht mehr ge­braucht wurde.

Ich habe nur einmal Theater gespielt, und zwar im Schulland­heim Iserhadsche in der Lüne­burger Hei­de. Das Stück hieß »Betragen ungenü­gend«. Meine Mitschü­lerin, die doppelt so groß war wie ich und meine Mutter spielte, wollte die Sache etwas realistischer gestalten und ver­möbelte mich auf der Bühne, so daß ich am Ende benom­men auf den Brettern lag und meinen Text ver­gessen hatte. Bei euch ging es vermutlich friedlicher zu.

Nicht unbedingt. Nasch­ke spielte den Ringer Eisen­ring. Laut Handlung mußte ich vor ihm Angst haben. Ich hatte aber keine Angst vor ihm. Wenn ich ihn laut Re­gieanweisung freundlich gestupst habe, fiel der nach links in die Soffitten. Und dann sollte man auch noch spielen, daß man Schiß vor ihm hat, wenn er sich gerade wieder aufrappelte. Naschke war regieanweisungsresi­stent. Da wurde ein Gänsebraten aufgetragen, und Naschke sollte sich kämmen und sagen: »Mmmh, wie das schon duftet!« Mit dem Duft war natürlich der Gän­sebraten gemeint. Der hat das aber immer so gespielt, daß man den Eindruck hatte, der riecht an seinem Kamm, mit dem er sich durch die Haare fährt. »Mmmh, wie das schon duftet!« Das war ihm nicht auszutreiben. Aber wie unser Klassenlehrer Herr Glockauer, der sich gezielt professionelle Inszenierungen von »Bieder­mann und die Brandstifter« angesehen hat, zu recht sagte: »Ihr wart einfach besser.« Ich habe mal so eine abgefilm­te Inszenierung im Fernsehen gesehen, schwarz-weiß mit richtigen Schau. Herr Gloc­kauer hatte völ­lig recht. Wir waren einfach besser.


2. Tag

Lehrzeit


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