Bekim Sejranović Ein schönerer Schluss
Ein schönerer Schluss
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Bekim Sejranović Ein schönerer Schluss

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Sie stand währenddessen ruhig da und sah nachdenklich vor sich hin. Als ich sie begrüßte, drehte sie den Kopf zu mir, lachte herzlich, kam näher und umarmte mich freundschaftlich.

Wir wechselten ein paar Sätze. Das Kind fing wieder an zu weinen, aber nicht mehr so laut, weil es sich schon etwas beruhigt hatte. Ich hatte so viele Fragen und wusste, dass ich die Antworten nicht würde ertragen können. Ich wollte sie fragen, wo sie wohnt, was sie tut, wie es ihr geht. Ich wollte sie fragen, wessen Kind das ist. Aber diese Frage konnte ich ihr jetzt und hier nicht stellen, nicht an der Straßenbahnhaltestelle vor dem VG-Gebäude, während der erste Schnee fällt und ihr und wer weiß wessen Kind im Wagen liegt und greint. Diese Fragen werde ich ihr nie und nirgends stellen können, denn wenn die Antworten nicht wehtäten, würde ich ihnen nicht glauben. Und wenn sie wehtäten, weiß ich nicht, ob ich mit ihnen leben könnte.

Sie fragte mich, ob ich es eilig hätte. Vielleicht könnten wir irgendwohin auf einen Kaffee oder Tee gehen? Ich hatte es nicht eilig. Ich stellte mir uns beide in einem Café vor, das weinende Kind neben uns, und das Gespräch, das wir führen würden, und die Fragen, die ich gern stellen würde, ihre Fragen, auf die ich nicht gern antworten würde, und den wahrscheinlichen Streit, den wir anzetteln würden. Und noch schlimmer, ich stellte mir vor, dass wir im Bett landen, dass wir uns wieder in ein vergiftetes Knäuel aus Liebe, Hass, Misstrauen, Leidenschaft und Eifersucht verstricken würden. Alles das sah ich vor mir. Ich sah alle unsere Möglichkeiten vor mir. Das war mein Problem. Ich glaubte, die Zukunft vorherzusehen, vor allem dann, wenn sie nicht glänzend zu sein versprach.

Ich sagte, ich hätte keine Zeit. Sie wandte sich dem Kind im Wagen zu und stellte mich vor, als würde sie zu einem erwachsenen Menschen sprechen. Die Kinderaugen waren rot vom Weinen, sahen mich aber an. Sie wickelte den Schal ab, damit ich sein Gesicht sehen konnte. Sie sagte, es sei ein Junge, sagte aber weder seinen Namen noch wie alt. Sie beugte sich hinunter, wischte sein verweintes Gesicht ab und hob ihn heraus. Sie hielt ihn mir hin, damit ich ihn besser sehe. Ich reichte ihm die Hand, und er ergriff meinen Finger. Sie lächelte von einem Ohr zum anderen und sagte:

– Ist er nicht süß?

Ich zog den Finger schnell zurück, und der kleine Junge fing wieder an zu weinen. Er sah mich an, und mir schien, als hätte er diese großen, glänzenden Augen vor gut dreißig Jahren von mir gestohlen und wollte sie mir jetzt zurückgeben. Sie versuchte, ihn mir in den Arm zu legen, aber ich wich erschrocken zurück. Ich sagte, sie solle damit aufhören. Sie sah mich an, kam wieder näher und fragte mich ganz verwundert:

– Aufhören? Womit … aufhören?

Ich rückte von ihr weg, wütend, aber ich konnte den Blick nicht von dem Jungen wenden, der nicht aufhörte zu weinen. Dann sah ich, dass sie lächelte, ich wandte mich ab und ging hastig die Straße hinunter, überall um mich herum waren Schneeflocken. Ich hörte sie etwas rufen, drehte mich noch einmal um und sah, wie sie dastand, das Kind in den Armen, wie sie rief, aber ich hörte es nicht mehr. Wieder wandte ich mich um und lief in die Dunkelheit hinein, in den Schnee.

Ich lief zum Friedhof, weil ich wusste, dass ich nur dort Ruhe finden würde.

XII

1.

Großvaters Hütte steht auf einer Anhöhe oberhalb einer schmalen Schotterstraße. Würde man diese Straße bergab in Richtung Norden gehen, dem Lauf des kleinen Flüsschens folgend, käme man zum Dorf M., wo ich mich mit dem Nötigsten versorge, dann zu noch einem Dorf und zu noch einem, um am Ende in die Save-Niederung zu gelangen, zu der Stadt, die auf der bosnischen Seite der Save liegt. Und würde man von der Hütte aus demselben Weg in die Gegenrichtung folgen, käme man zu einem Weiler, dessen unglückliches Schicksal es verdient, wenigstens flüchtig erwähnt zu werden. Hier endet die Straße.

Man weiß nicht genau, wann, aber die Bewohner des Dorfes M. sagen, es sei vor urlangen Zeiten gewesen, „zu Kulin Bans Zeiten“, da sei ein rumänisch-walachischer Stamm, oder zumindest ein Teil davon, an den Fuß des Majevica-Gebirges in Nordostbosnien gelangt. Dort seien sie geblieben und hätten ein kleines Dorf gegründet. Die Leute hätten sie Karawlachen genannt, was so viel wie Schwarze Wlachen bedeutet, und viele Unwissende hätten sie als Roma angesehen. Aber mit den bosnischen Roma, die sich ebenfalls in mehrere Stämme aufteilen, hatten die Karawlachen nicht viel gemein. Sie sprachen eine andere Sprache, sie bettelten nicht, sie gaben sich mit keiner Art Schmuggel ab. Was sie unterschied, war zudem die Tatsache, dass sie Ackerbau und Viehzucht trieben, wohingegen für die Roma Ackerbau der Sklaverei gleichkommt. Man muss auch erwähnen, dass die Karawlachen Orthodoxe waren, im Unterschied zur Mehrzahl der bosnischen Roma, die Muslime sind. In ihrem Dorf erbauten sie eine kleine Kirche, und hinter ihr wuchs nach und nach ein Friedhof. Ende der Siebzigerjahre bekamen sie auch eine Schule. Zdravko Čolić gab ein Benefizkonzert, von dessen Erlös Schulsachen und Bücher angeschafft wurden. Den Karawlachen half das aber nicht dabei, sich ihre Herdplätze zu erhalten, nach Hunderten von Jahren verließen sie sie in den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts für immer.

2.

Als Junge kam ich mit Großvater und Mutter oft auf unsere „Ranch“, wir blieben dort immer für mehrere Tage. Die Karawlachinnen konnte man oft sehen, wie sie in ihren bis auf den Boden reichenden bunten Plisseeröcken zum Einkaufen stramm den Weg ins Dorf hinunter marschierten. Sie trugen in Schnecken gelegte Zöpfe an beiden Seiten des Kopfes. Darüber trugen sie Tücher in grellen Farben, Gelb, Orange und Rot, die sie im Nacken banden, wie Piraten. Sie hatten stets dicke Knotenstöcke über ihrer Schulter, an deren hinterem Ende ein dickes Bündel baumelte. Darin trugen sie ihre Erzeugnisse ins Dorf, und zurück kehrten sie mit Lebensmitteln beladen, die sie dort gekauft hatten. Manchmal führten sie auch Pferde mit. Die waren zwar klein, fast kleiner als Esel, aber doch Pferde. Die Mähne, dicht und schwarz glänzend, tadellos gestriegelt, reichte ihnen fast bis zu den Knien. Gewöhnlich trugen sie Saumsättel, die mit allen möglichen Dingen beladen waren, und manchmal konnte man sehen, wie die Karawlachinnen sie im Damensitz ritten, so wie Frauen reiten.

Die Männer sah man seltener, weil sie fast alle, wie man das damals nannte, „saisonal“ auf Arbeit in Deutschland waren. Sie trugen Hüte mit schmaler Krempe, hatten gezwirbelte Schnurrbärte und lange, spitz zulaufende Koteletten. Gewöhnlich trugen sie Anzüge, aber ohne Krawatten.

Wenn in Deutschland Feiertage waren, zu Weihnachten oder Ostern, wurde der Weg, der an der Hütte vorbeiführt, zu einer belebten Autostraße. Den ganzen Tag über, aber auch nachts, dröhnte ein Mercedes, Ford Taunus, Opel Rekord und Volkswagenkombi nach dem anderen vorbei, vollgepackt mit allen möglichen Waren aus Germanien. Die Karawlachen lebten so: Die Männer arbeiteten im Ausland und die Frauen hüteten das Haus und zogen die Kinder auf. Alle sprachen mindestens drei Sprachen: das muttersprachliche Karawlachische, Serbokroatisch, wie man damals unsere Sprache nannte, und Germanski, wie die Karawlachen es nannten. Aber in der praktischen Anwendung waren sie nicht konsequent und beschränkten sich nicht auf eine Sprache. In ein und demselben Satz wechselten sie, wenn sie es brauchten, alle drei Sprachen, und das mehrere Male, oft ohne selbst zu wissen, welcher sie sich bedienten.

3.

Unsere „Ranch“, diesen zerfurchten Acker von siebeneinhalb dulum, hatte mein Großvater von einem gewissen Ibrahim gekauft, einem Trunkenbold, dem Bruder von Onkel Mujo, Großvaters Kriegskamerad bei den Partisanen. Ibrahim hatte das Geld rasch vertrunken und war kurz darauf gestorben. Großvaters Kriegskamerad Mujo, der Bruder dieses Ibrahim, hatte seine Äcker und Lichtungen oberhalb unserer „Ranch“. Er war ein großer, kräftiger und gesunder alter Mann, immer heiter und zu einem Scherz aufgelegt. Er erzählte, wie es eines Sommers haufenweise Schlangen und alles mögliche Ungeziefer gegeben und er in dem Jahr siebzehn Hornvipern erschlagen habe. Ein paar Mal brachte er eine tote Schlange mit und zeigte sie uns. Einmal erzählte er, wie er ein Bündel Ruten geschultert und es bergauf getragen und dabei geschwitzt habe, wie er aber plötzlich im Nacken etwas Eisiges verspürt habe. Als er das Rutenbündel abgeworfen hatte, war eine Hornviper herausgekrochen gekommen.

– Ich ziehe sofort meine Axt, um sie mit dem flachen Stück zu erschlagen, aber ich konnte nicht. Du hast mir nichts getan, also tue ich dir auch nichts.

Er passte auf unser Anwesen auf, wenn wir nicht da waren, und oft half er Großvater und beriet ihn in vielen Dingen: wann die Pflaumen spritzen, wie sie gegen die Nager schützen, wann sie düngen, wann sie pflücken und wie Sliwowitz brennen.

Von den Karawlachen sagte er, das seien gute und ehrliche Leute, die er immer höflich grüße, und sie wünschten ihm einen „guten Tag“ oder ein „merhaba, Hausvater“, und er ihnen genauso zurück.

– Aber – gab er Großvater noch den Rat – ladet sie nicht zu euch ein, auf einen Kaffee oder zum Essen, sie könnten sich daran gewöhnen, und ihr hättet keine Ruhe mehr vor ihnen. Den ganzen Tag werden sie bei euch um die Hütte herum sitzen, sage ich euch.

Die Karawlachinnen saßen wirklich oft unterhalb der Hütte, wo der Bach fließt. Dieses Bächlein fließt durch unseren Acker und mündet in den Fluss, der sich zum Dorf hin schlängelt. Im Sommer, wenn Dürre herrschte, konnte sogar der Fluss trockenfallen, aber unser kleiner Bach führte immer Wasser. Er hieß bei uns „lebendiges Wasser“ und man konnte davon ohne Abkochen trinken. Großvater hatte ein Metallrohr angebracht, und so sah es aus wie ein Brunnen. Deshalb setzten sich die Karawlachinnen oft her zu einer Rast, labten sich am Wasser und setzten ihren Weg fort. Großvater störte das nicht, aber Mujo runzelte die Stirn. Er sagte, er habe einmal eine Karawlachin dabei erwischt, wie sie direkt neben dem Bach geschissen habe. Der Dreck habe noch gedampft, sagte er. Dann habe er sie gezwungen, ihren Dreck aufzusammeln, egal wie und womit. Sie habe mit weinerlicher Stimme gesagt: – Wie, Hausvater? Ich habe nichts, womit.

– Wie?! Was weiß ich, wie? Mit den Händen, da hast du, wie! – Und sie habe den Dreck auf den Händen weggetragen.

Es stimmte nicht, dass sie sich daran gewöhnt hätten wiederzukommen, wenn man sie nur einmal auf einen Kaffee einlud. Manchmal wollten sie gar nicht kommen, sie redeten sich heraus, dass sie es eilig hätten, obwohl sie es genau genommen nirgendwohin eilig hatten.

Die Karawlachinnen gingen langsam, gebeugt von der Last, ohne Kraft zu verschwenden, denn bis zum Dorf und zurück ist es weit, an die fünfzehn Kilometer. Wenn sie sich unserer Hütte näherten, grüßten sie schon von Weitem:

– Oh, Hausvater, einen guten Tag, merhaba, seid Ihr gesund?

Zu Majka sagten sie: – Wie geht es dir, hanuma, bist du früh auf den Beinen? Hört dein Kleiner auf dich?

Dann sagte Majka jedes Mal, dass ich ihr Enkel sei.

Großvater und Majka luden sie manchmal auf einen Kaffee ein, und meistens kamen sie auch, aber nicht immer. Sie setzten sich ein wenig hin, unterhielten sich darüber, wie die Pflaumenbäume trugen oder wie der Mais stand oder ob eine Dürre zu erwarten sei oder Überschwemmungen. Am Ende, beim Verabschieden, kamen dann alle einträchtig zu dem Schluss, dass die Gesundheit das Wichtigste sei.

Ich stand meistens daneben, hörte zu, was sie sagten, und nahm meinen ganzen Mut zusammen, um eine der Karawlachinnen zu fragen, ob ich auf ihrem Pferdchen reiten dürfe.

XIII

1.

Über das Pogrom, das im Verlauf des Zweiten Weltkriegs über die Karawlachen hereinbrach, weiß ich so viel, wie mir mein Großvater erzählt hat. Schon unmittelbar nach Kriegsbeginn haben die Deutschen, wie er erzählte, auf dem Weg, der vom Dorf M. zu den Karawlachen führt, ungefähr hundert Meter unterhalb unserer Hütte, zwölf Karawlachen in unterschiedlichem Alter abgefangen, sie am Wegrand aufgereiht und erschossen. Dann sind sie bis zum Dorf gegangen, haben es umstellt, alle Bewohner, Alt und Jung, zusammengetrieben, sie in die Häuser gesperrt und lebendig verbrannt. Mir ist nicht bekannt, wie viele sich und auf welche Weise gerettet haben und wie es ihnen gelungen ist, bis zum Kriegsende zu überleben. Großvater erzählte auch verwundert, dass viele der Karawlachen nicht einmal wussten, was ihren Vorfahren im Zweiten Weltkrieg widerfahren war. Sie wussten, dass Schreckliches und Unerklärliches geschehen war und dass über dieses Grauen die unterschiedlichsten Geschichten im Umlauf waren, aber die Details kannte keiner von ihnen. Sie lasen keine Bücher, und wenn sie es taten, hätten sie kaum etwas über sich selbst erfahren.

Den Krieg, der in Bosnien Anfang der Neunziger ausbrach, wollten sie nicht auf der Schwelle ihres Hauses erwarten. Die komplette Bevölkerung stieg in ihre Caravans und Kombis mit deutschen Kennzeichen und fuhr für immer weg. Zurück blieben nur zwei, drei Alte, die wegstarben, noch bevor der Krieg zu Ende war. Während des Kriegs drängten Flüchtlinge in das Dorf, das bis dahin bei allen einfach Karawlachi geheißen hatte, Bosniaken aus der Stadt, die unmittelbar zu Beginn des Kriegs in die Hände der serbischen Armee gefallen war. Die Flüchtlinge blieben während des Kriegs hier, und als der Friede kam, kehrten einige von ihnen in die Stadt zurück, während sich andere im Dorf M. ein Haus bauten oder ein anderes Unterkommen fanden. Das Dorf, das einmal Karawlachi geheißen hatte, blieb völlig verlassen und hatte keinen Namen mehr, sodass man sich seiner auch nicht erinnern konnte.

2.

Eines Tages, zwei Jahre nach Kriegsende, kam eine Kolonne von mehreren alten, staubigen Pkws und Kombis durch das Dorf M. und fuhr weiter zu dem Dorf, an dessen Namen sich niemand mehr erinnerte. Die Dorfbewohner versuchten durch die verdunkelten Scheiben zu spähen, in der Meinung, in den Autos säßen Karawlachen, die vielleicht an ihre Herdstellen zurückkehrten, und es waren nicht wenige, die sich darüber aufrichtig freuten. Denn wenn sogar die Karawlachen an ihren Ort zurückkehrten, war das ein Zeichen, dass bessere Zeiten kamen. Aber durch die Scheiben konnten sie nur Männer mit langen ungestutzten Bärten erkennen.

3.

Und so zogen in das verlassene karawlachische Dorf, das jetzt von allen Ober-M. genannt wurde, Wahhabiten ein. Sie setzten für den Anfang mehrere Häuser instand, so viele, wie sie benötigten, und blieben hier, um nach ihren eigenen Gesetzen zu leben. Durch das Dorf M. fuhren jetzt immer öfter Autos mit bärtigen Männern, beladen mit allem Möglichen, und jeder wusste, da kommt ein „Bruder“ oder eine „Schwester“, wie sich die Wahhabiten untereinander nennen. Die Bewohner des Dorfes M. nahmen am Anfang gar nicht so viel Kenntnis von ihnen, denn sie kamen ausgesprochen selten ins Dorf herunter und kauften nur die allernotwendigsten Dinge. Ihre Kinder schickten sie nicht zur Schule, sondern unterrichteten sie selbst, den strengen Prinzipien ihres Glaubens entsprechend. Die Frauen verließen das Dorf nicht. Zuerst dachte man, es handele sich um ehemalige Mudschahedin aus den arabischen Ländern, aber das waren nur zwei, und die waren bald wieder irgendwohin verschwunden. Die Muslime aus dem Dorf M. wurden von den Wahhabiten tadelnd angesehen, denn nur wenige von ihnen verneigten sich fünf Mal am Tag zum Stundengebet, ihre Frauen waren nicht verhüllt, die Mädchen trugen enge Jeans und Minis, sie stöckelten mit hohen Absätzen übers Pflaster, und die meisten Männer tranken nicht nur Sliwowitz, sondern brannten ihn sogar, denn die Gegend ist bekannt für ihre Pflaumen und den guten „weichen“ Sliwowitz. Zwar hielten nach dem Krieg viele Bewohner den ganzen Ramadan ein und kamen auch freitags viel mehr Menschen zum Mittagsgebet zusammen als in den Jahren vor dem Krieg, aber die Wahhabiten sahen in ihnen trotzdem schlechte Gläubige.

XIV

1.

Es war Dezember, als der Regen endlich aufhörte. Es hatte sich abgekühlt, und die Luft roch nach Schnee. An diesem Morgen startete ich den Käfer und wollte ins Dorf zum Einkaufen, bevor der Schnee die Straße zuwehen würde. Der Schlamm auf dem Weg war gefroren, die dünne Eisschicht unter den Rädern zersprang hörbar. Als ich ankam, stand vor dem Laden ein blauer Kleintransporter. Von dem einachsigen Hänger luden zwei Burschen in Blaumännern Kartons ab. Ich parkte hinter dem Transporter und ging zum Laden. Auf der Hauptstraße des Dorfes war niemand. Auf dem Bänkchen vor der Moschee saßen keine alten Männer. An der Moschee war eine grüne Fahne mit weißem Halbmond und Stern aufgezogen. Aus den Schornsteinen auf den Hausdächern wand sich weißer Rauch.

Noch bevor ich hineingehen konnte, kam einer der Blaumänner aus dem Laden heraus. Er hatte einen weißen Verband über dem rechten Auge, mit einem Pflaster befestigt. Er blieb kurz stehen, als er mich sah, und machte eine Geste, als wolle er mich vorbeilassen. Dann sah er den Käfer und fragte, ob das mein Auto sei. Ich sagte, ja. Stört es Sie vielleicht? Er fragte, ob ich der und der sei. Mit einem unbehaglichen Gefühl wand ich mich, trat von einem Fuß auf den anderen wie ein Verdächtiger, wenn ihn die Polizisten nach dem Personalausweis fragen. Ich sagte, ja: – Der bin ich.

– Ja, wo kommst du denn her, Cousin? – sagte er. Dann gab er mir die Hand und schüttelte sie. Kräftig. Er umarmte mich und küsste mich nach Männerart.

Als er mich nach meinem Namen fragte, wusste ich, wer er war. Ich hatte befürchtet, dass ich früher oder später entdeckt werden würde. Sein Großvater und mein Großvater waren Halbbrüder gewesen, sodass er und ich Cousins zweiten Grades waren. Ich kenne die richtige Bezeichnung für dieses Verwandtschaftsverhältnis nicht, aber verwandt sind wir. Und nachdem sein Großvater fünf Söhne und zwei Töchter hatte und die wiederum ich weiß nicht wie viele Söhne und Töchter, war ich genau genommen mit mindestens dem halben Dorf M. verwandt.

Ihn freute es aufrichtig, mich zu sehen, mir hingegen war es unangenehm. – Wir haben uns ja wohl an die zwanzig Jahre nicht gesehen.

– Oder auch mehr – sagte ich.

Dann schob er mich durch die Tür und rief der Verkäuferin zu, die gerade jemandem eine SMS schickte:

– Almasa, kennst du den hier? Erinnerst du dich nicht? Ach ja, du warst noch zu klein. Oder du warst vielleicht noch gar nicht geboren, als unser Cousin das letzte Mal bei uns war.

Dann sagte er, dass das seine jüngste Schwester sei. Ich gab ihr die Hand, sie nahm sie schlaff. Sie lächelte, und in ihren Augen war diesmal kein Spott.

– Ich habe sofort gesehen, dass er von uns abstammt – sagte sie. Das klang ironisch, aber ich war mir nicht sicher.

2.

Ich wollte Salih auf einen Kaffee einladen, aber er sagte, dass vor zwei Tagen der Ramadan begonnen habe und dass er faste.

– Das ganze Dorf fastet, du kannst nirgends auf einen Kaffee gehen. Du kannst dir nicht einmal eine Zigarette anstecken, alle schauen nur, dass keiner sich eine anzündet oder um Gottes willen etwas in den Mund steckt. Wie die CIA und der KGB zusammen. Da fehlt nur noch Tito. Alle reden irgendeinen Scheiß, ob nun so oder anders. Damals haben sie uns wegen der Religion verfolgt, mal durftest du nicht in die Moschee, mal durftest du nicht in die Kirche, mal dies, mal das. Ich fick ihnen die Mutter, den einen genauso wie den anderen.

Hinter der Kasse rief seine Schwester, er solle still sein oder seinen Unsinn draußen verzapfen und nicht bei ihr im Laden.

Ich fühlte mich in einen Fluss fallen, aus dem ich nicht mehr herauskommen würde.

Salih ging für einen Augenblick hinaus. Er rief dem anderen jungen Mann im Blaumann etwas zu, der stieg in den Transporter, startete ihn und fuhr weg.

– Lass uns nach hinten ins Magazin gehen und ein Bier trinken – sagte Salih, als er in den Laden zurückkam.

Seine Schwester murmelte etwas vor sich hin, als wir durch den Laden zu einer Tür gingen, die zu einem kleineren, mit Schachteln, Tüten und Kisten vollgestellten Raum führte. Wir setzten uns jeder auf einen Kasten Bier. Er zog unter sich zwei „Tuzlanske“ hervor, öffnete eins mit dem Feuerzeug und reichte es mir, dann öffnete er das zweite, der Kronenkorken flog ans andere Ende des Lagers, er steckte den Mittelfinger in den Flaschenhals und zog ihn mit einem lautem „Plopp“ heraus. Er prostete mir zu und leerte die halbe Flasche auf einen Zug. Bier schmeckt mir nicht. Bier trinke ich nur im Sommer, wenn es heiß ist und das Bier kalt und man den Geschmack nicht spürt. Aber weder ich noch Salih tranken es wegen des Geschmacks.

3.

Wir rauchten. Wir tranken ein Bier nach dem anderen und gingen alle fünf Minuten auf die Toilette. Schon lange hatte ich mich nicht mehr betrunken, und es tat mir gut. Salih musste ich nichts fragen und ihm auf Fragen auch nicht antworten. Er erzählte von den Kriegsjahren, davon, wie er Hunger gelitten, wie er geschossen und wie er Angst gehabt hatte. Wie sie gemeinsam, er, die drei Brüder und der Vater, an die Front gegangen waren. Zu Hause die Mutter und zwei Schwestern. Und wie man ihnen nicht erlaubt hatte, zusammen an ein und dieselbe Stellung einzurücken, damit sie nicht alle auf einmal umkommen.

– Aber, scheiß drauf, wenn die angreifen, wer fragt dich da, ob neben dir im Graben dein Bruder oder dein Vater oder sonst ein Arsch liegt.

Und so habe er ein Auge verloren, sagte er und zeigte darauf. Auch ein kleines Stückchen vom Stirnknochen, aber das sähe niemand, weil alle nur auf das Auge sähen. Ich sah auf die mit einem dünnen, weißen Stück Gaze bedeckte Einbuchtung. Das weiße Gewebe war mit hautfarbenem Heftpflaster abgeklebt, damit es möglichst wenig auffiel. Aber man konnte genau sehen, dass darunter kein Auge war. Darunter gähnte ein Loch, vermutlich bedeckt von einer dünnen Hautschicht. Ich wollte ihn fragen, ob er es mir zeigt, aber ich hatte Angst. Später würde ich jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, dieses Bild vor mir haben. Etwas anderes machte mir aber noch mehr Angst. Was, wenn er die Gaze abnahm, mir das Loch zeigte und ich aufschrie, meine Augen zuhielte oder mich übergäbe. Oder noch schlimmer: Was sollte ich ihm sagen, wenn der Anblick in mir gar keine Gefühle auslöste? Ist echt cool, das Loch, steht dir ausgezeichnet. Jemand anders hätte vielleicht gesagt, er solle sich doch ein Glasauge einsetzen, aber ich wusste, dass er das nicht tun würde. Wer immer mit ihm spräche, würde nicht in sein gesundes, grünes Auge sehen, sondern in die starre Glaskugel.

– Aber scheiß auf das Auge, du hast ein zweites – sagte Salih und fügte hinzu, dass dieselbe Granate seinen jüngeren Bruder umgebracht habe.

– Erinnerst du dich an ihn? – fragte er.

– Ich erinnere mich an ihn, wie sollte ich nicht – log ich.

– Aber ja, wie solltest du nicht – sagte er und nahm einen großen Schluck.

Salih erzählte, dass es vor ein paar Tagen zu einem unangenehmen Zwischenfall vor der Moschee gekommen sei. Es war der letzte Tag vor Beginn des Ramadan gewesen. Vor der Moschee hatte sich alles versammelt, was im Dorf kriechen kann, als plötzlich zwei Autos voller Bärtiger aus Karawlachi kamen. Ich fragte Salih, wer diese Bärtigen seien, er sagte, das sind Wahhabiten. Die leben jetzt in dem Dorf, wo früher die Karawlachen waren.

– Auch sie waren zum Gebet gekommen. Die Leute ließen sie herein und sich verneigen, die Moschee gehört allen. Aber die fingen an sich zu verneigen, wie das bis dahin noch keiner gesehen hat. Ich weiß jetzt weder, wie sie sich verneigen, noch weiß ich, wie man sich verneigt, noch kümmert es mich, wie man sich verneigt. Aber jedenfalls haben die angefangen, die Beine irgendwie anders zu spreizen und sich auf den Boden zu werfen, als wären sie toll geworden. Am Schluss wollte ihr Oberbartträger auch noch eine Rede halten und fing davon an, dass sich alle wie sie verneigen und wahre Muslime sein müssten, ohne zu trinken und Sliwowitz zu brennen und dass die Frauen sich verhüllen müssten und solche Sachen. Na gut, soll sein … Aber da werden unsere Hornochsen wütend und werfen sie aus der Moschee, die Bartträger kommen gerade noch mit heiler Haut davon.

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