Bekim Sejranović Ein schönerer Schluss
Ein schönerer Schluss
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Bekim Sejranović Ein schönerer Schluss

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2.

Oslo, vor zwei Jahren. Ich sitze seit Tagen in meinem Zimmer am Fenster und sehe auf die Straße hinaus. Jeden Tag denke ich darüber nach, was ich tun könnte. Ich habe noch etwas Erspartes. Ich kann das Zimmer für zwei Monate im Voraus bezahlen, und es bleibt mir noch genug fürs Essen und ein paar Mal Ausgehen und Besaufen. Ich kann mir zehn Gramm Haschisch kaufen und noch mindestens eine Woche am Fenster verbringen und mich einrauchen. Zwischen jedem Joint einen Porno ansehen, onanieren, dann ein Buch lesen, ein bisschen Futter einschmeißen, aus dem Fenster sehen, daran denken, dass es am einfachsten wäre zu sterben. Aber auch das hat keinen Sinn. So sinnlos einem das Leben auch erscheint, der Tod ist noch sinnloser. Dann drehe ich mir einen neuen Joint und komme, während ich im Bett liege und rauchend an die Decke starre, zum Schluss, dass mir weder das eine noch das andere, weder das Leben noch der Tod, übertrieben zusagt.

3.

Ich kaufte kein Haschisch. Am fünften Tag, nachdem ich das Zimmer bezogen hatte, war klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Stirb oder lebe, verdammt noch mal, sagte ich zu mir. Ich stand auf und fühlte mich gut. Ich duschte, rasierte mir den Fünftagebart ab und zog meine besten Klamotten an.

– Und jetzt gehen wir hinaus unter die Menschen, hinaus in den Regen, scheiß auf den Regen, soll es regnen, du bist nicht aus Zucker, du wirst nicht dahinschmelzen, wir gehen uns eine Arbeit suchen, ein Mädchen, ein bisschen leben, scheiß auf dieses transusige Geseufze, diese pathetische Trauer, diese Nostalgie, die nichts anderes ist als eine Ausrede für deine Faulheit, scheiß drauf, Mann, du bist noch nicht tot. Sterben wirst du so oder so, wozu die Eile?

So sprach die bekannte Stimme im Kopf, die Stimme, die mich oft antreibt, mich aus der Apathie zu erheben, die Stimme, die mich aus den Depressionen rettet, die mich aus dem Schlick des ungesunden Rückzugs vom Leben herauszieht, aus der Feigheit, die es mir weder erlaubt zu leben noch die Qualen zu verkürzen. Man muss allerdings ehrlich sein und sagen, dass mich dieselbe Stimme noch öfter dorthin getrieben hat, wo nicht mein Platz war, dass sie mich aus dem Orbit geworfen und dazu angestiftet hat, Blödsinn zu machen, nicht an die Folgen zu denken, zu vergessen, dass man manchmal, irgendwo und irgendwie, herunterkommen, verlangsamen und wieder landen muss. Eine Zeit lang war ich wie eine Rakete, aber im entscheidenden Moment ging mir immer der Brennstoff aus. Und deshalb fiel ich, hinter mir eine Flammenspur zurücklassend; fiel lange und schmerzlich, ohne etwas, das mich abgebremst hätte. Am Ende kam unweigerlich die harte Landung.

Ich mochte diese Stimme, dass das klar ist; ihretwegen habe ich manchmal auch gedacht, dass es sich zu leben lohnt, aber ich hasste sie, wenn sie mich verließ. Präziser, ich hasste es, dass das Missverhältnis zwischen dem Leben mit und dem Leben ohne diese Stimme so groß war; der Abstand zwischen dem höchsten und dem tiefsten Punkt der Lebenskurve war für mich einfach zu groß.

Aber an jenem Tag, an diesem Oktobermorgen vor zwei Jahren in Oslo, war es unumgänglich, mich in Bewegung zu setzen, obwohl ich schon damals wusste, dass ich über kurz oder lang stolpern würde.

IX

1.

Endlich gehe ich aus dem Haus, ich gehe die Hagegata hinunter, der Wind trägt mir den Regen ins Gesicht. Eine dicke Frau wartet am Fußgängerübergang auf Grün. Sie neigt den Regenschirm vor, um sich zu schützen. Ich gehe an ihr vorüber, ohne auf das Licht an der Ampel zu achten, und überquere die Straße. Hinter mir höre ich, wie der Wind ihr den Schirm umstülpt. Der Regen wird bald aufhören, denn die Wolken stehen tief, und der Wind treibt sie vor sich her wie ungehorsame Schafe. Dann wird sich für einen kurzen Moment die Sonne zeigen, die Menschen werden die Regenschirme zusammenklappen, die Jacken ausziehen, wie auf Befehl die Sonnenbrillen aufsetzen, den Mund zu einem Lächeln verziehen, dankbar für diese seltenen Augenblicke bleichen Lichts. Daraufhin wird aus dem Fjord ein neuer Schwall feuchter Luft kommen, die Wolken werden sich wie Kamikazeflieger auf die Sonne stürzen, wieder wird ein Teppich aus Wassertropfen die Stadt überziehen und die Menschen von den Straßen treiben.

Ich gehe nicht zur U-Bahn-Station Tøyen, sondern zu Fuß in Richtung Zentrum die Tøyengata hinunter, die gespickt ist mit kleinen Läden voller Obst und Gemüse. Die Aufschriften auf den Läden sind in Urdu, Arabisch, Somali, Kurdisch, Türkisch. Dann gehe ich durch Grønland, vor dem Eingang zur U-Bahn dealen minderjährige Somalis aggressiv Haschisch, ich gehe weiter über den Youngstorget, wo Südamerikaner Kappen und Ponchos aus Lamawolle verkaufen. Ich gehe an der Deichman-Bibliothek hinauf, die mich aus einem unerfindlichen Grund an das Berlin der Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts erinnert. Ich gehe vorüber und weiter bergauf in Richtung St. Hanshaugen, über den Vår-Frelsers-Friedhof, wo Ibsen begraben ist. Ich bleibe an seinem Grab stehen, das aus einer großen Grabplatte und einem Obelisken besteht, in den ein Hammer eingemeißelt ist. Früher bin ich oft hierhergekommen. Ich kam auch nachts, wenn die Kneipen zugemacht hatten und ich noch keine Lust hatte, nach Hause zu gehen. Ich setzte mich auf die schwarze Marmorplatte und rauchte. Manchmal brachte ich auch ein angetrunkenes Mädchen mit und erzählte ihr von Ibsen und log ihr vor, dass ich eine Bank in der Nähe kenne, auf der Knut Hamsun gesessen und geschrieben hat. Wer weiß, vielleicht stimmte das sogar. Ich glaubte es jedenfalls, und für die Mädchen war es aufregend. Einmal hätte ich eine fast gevögelt, hier auf dem Grab. Aber es war zu kalt, ich war zu betrunken, und sie zu aggressiv, also war nichts. Trotzdem erzählte ich eine Zeit lang allen, dass doch.

2.

Vom Friedhof aus gehe ich in den Park auf St. Hanshaugen. Ich gehe durch den Park und erinnere mich, dass ich hier auch einmal mit meiner Ex spazieren war. Die Leere in mir füllt sich mit Beklemmung. Vom Park aus setze ich meinen Weg fort in Richtung Universität. Ich sehe das Haus, in dem wir damals gewohnt haben. An den Fenstern sind Vorhänge von irgendwem. Ich stehe da und starre wie ein Taubstummer. Der Regen hat wieder eingesetzt und hört nach zehn Sekunden erneut auf. Ich will ein bisschen hier stehen und warten, aber es gibt niemand, auf den ich warten könnte. Ich gehe weiter, gehe an der Veterinärmedizinischen vorüber. In einem Korral, hinter einem hohen Drahtzaun, stehen fünf Pferde. Vier braune, einen weißen Fleck auf der Stirn, und ein schmutzig weißes, so eines wie in der Bibel, das der Tod reitet. Es steht am Zaun und schaut in die Luft, als würde es etwas wittern. Dann senkt es den Blick, und wir sehen uns einige Augenblicke lang an. Ich gehe weiter, die Anhöhe hinauf, die Straßenbahngleise entlang. Ich habe noch ein paar Hundert Meter bis Blindern, wo die Universität ist. Die Dächer der Gebäude sind schon zu sehen.

3.

Die Universität auf Blindern wurde in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts erbaut. Alle Gebäude sind aus dunkelroten Ziegeln. Hier habe ich gut zehn Jahre verbracht, teils studierend, teils arbeitend. Das letzte Mal war ich vor gut anderthalb Jahren hier. Als ich anfing, zuerst als studentische Hilfskraft, dann als Assistent, war ich mächtig stolz. Aber bald wurde mir das, wie alles andere auch, langweilig. Ich sah meine Zukunft vor mir. Ich sah, wie ich erfolgreich meine Dissertation verteidige, wie ich eine Stelle als Dozent, dann als außerordentlicher Professor bekomme, wie meine wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht und wie diese Bücher Pflichtlektüre werden, wie ich Stunden und Tage und Jahre und Jahrzehnte damit verbringe, die Buntheit der metaphorischen Formen und ihre Funktionen im frühen Modernismus zu untersuchen, oder das Motiv der Entfremdung in den frühen Hamsun-Romanen, oder den Einfluss russischer Schriftsteller auf die europäische Literatur in der Zeit zwischen 1928 und 1935. Ich sah, wie mein Haar schwindet, wie meine Dioptrie zunimmt, wie ich wie ein Gespenst durch die Fakultätskorridore schleiche, in vergessenen Büchern grabe und zu großen literaturgeschichtlichen Entdeckungen vorstoße, von denen ich nach zwei geleerten Flaschen Wein jeder und jedem, der das Pech hat, mir in die Quere zu kommen, ermüdend ausführlich erzähle. Ich sah, wie ich nach jungen Studentinnen geifere, die mich mitleidig zurückweisen, wie ich nach Hause in meine mit Büchern vollgestopfte Wohnung zurückkehre und meine nie veröffentlichten Verse lese und über sie weine, den Computer einschalte und ein neues Gedicht schreibe, dann einen Porno ansehe, aber zu viel über das neue Gedicht nachdenke, was zu verändern sei, dass seine Form noch gefeilter, seine Struktur noch kompakter wird, ich sah, wie ich noch einen Vers einfüge, vielleicht am Schluss, einen Ausweg vielleicht, etwas Unausgesprochenes. Alles das sah ich vor mir und begriff, dass ich das nicht konnte. Selbst wenn ich gewollt hätte.

Aber ich konnte nicht einfach so kündigen, denn wie kann man eine Arbeit kündigen, um die dich viele beneiden. Das ist nicht so leicht, sei ehrlich, du magst es, wenn dich die Menschen beneiden. Obwohl du weißt, dass es keinen Grund dafür gibt. Reichtum ist wertlos, wenn andere ihn dir nicht wegnehmen wollen.

Jetzt gehe ich doch zu Fuß in den zehnten Stock hinauf, wo sich das Büro von Professor Pettersen befindet, meinem einstigen Mentor. Ich habe Glück und treffe ihn in seinem Büro an. Er ist überrascht, mich zu sehen, aber sehr herzlich. Er sagt, er müsse dringend zu einer Sitzung, aber würde sich freuen, mich zu treffen, wenn er mehr Zeit habe. Ich sage, dass das kein Problem sei, und frage ihn ziemlich dreist, ob es an seinem Institut unter Umständen eine Stelle für mich gäbe. Er sammelt die Papiere vom Tisch zusammen, hält inne, sieht mich an und seufzt tief.

– Du weißt, dass das unmöglich ist. Nach allem.

– Ich weiß.

– Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll. Aber, wenn es etwas gibt, sage ich es dir. Jetzt muss ich wirklich gehen. Melde dich unbedingt, am besten nachmittags. Du kannst auch einen Tag herkommen, aber nicht diese Woche, gerade bin ich sehr beschäftigt. Mein neues Buch erscheint, weißt du …

– Ich weiß – sage ich. Ich verspreche ihm, mich zu melden, und gehe hinaus.

Wir kommen zusammen zum Fahrstuhl. Wir fahren hinunter ins Erdgeschoss, grüßen einander und gehen jeder in seine Richtung ab.

Ich will zurück in die Stadt, aber auf einem anderen Weg. Wieder scheint die Sonne. Neben mir marschieren Ströme von Studentinnen und Studenten. Ich sehe in ihre Gesichter, stelle mir ihre Leben vor. Ich versuche mir auch meines vorzustellen, kann es aber nicht. Mir wird etwas leichter, und befreit gehe ich in Richtung Zentrum. In Oslo kannst du dich nicht verirren. Du gehst nur bergab und kommst immer ins Zentrum.

X

1.

Der November zieht ins Land, die bewaldeten Berge sind rasch glatzköpfig geworden, wie ein Kranker nach der Chemotherapie. Auf dem felsigen Gipfel, dessen von Meeresfossilien gefurchte Wände davon zeugen, dass sich hier einmal das Südufer des Pannonischen Meeres befunden hat, wachsen Kiefern. Sie wachsen in unnatürlich regelmäßigen Formationen und erinnern an eine schlecht gemachte Perücke. Ich schließe mich in der Hütte ein, zünde die Lampe an, gehe zum Ofen und lege Buchenscheite nach. Ich verstaue die Lebensmittel im kleinen Kühlschrank und in der alten Kommode in der Ecke. Ich bereite mich darauf vor, weiter über die Ereignisse in Oslo zu schreiben, aber ich zögere noch. Anstatt in die Vergangenheit, nach Oslo, irren meine Gedanken ab in Richtung Dorf, in Richtung der grauen, wässrigen und traurig kalten Augen der jungen Verkäuferin. Solche Augen habe ich einmal gekannt. Augen, die um Hilfe flehten, sie aber verschmähten, wenn du dieser Aufforderung nachkamst. Das waren die Augen meiner Ex. Das waren die Augen von Cathrines Tochter. Augen, die ich geliebt habe, die mich verrückt gemacht haben, die unbarmherzig die Stimmen in meinem Kopf angefacht und meine namenlose Krankheit geweckt haben. Augen, die ich öffnete und schloss, küsste und missachtete. Augen, die mich in Großvaters Hütte trieben, auf öde Inseln, in die Einsamkeit.

Ich hatte nicht viel mit der Verkäuferin gesprochen. Nicht mehr, als notwendig. Ich kannte ihren Namen nicht. Sie hätte doch nur gefragt, ob ich noch etwas brauche. Ich hätte scheinbar überlegt und mich an etwas erinnert, und sie hätte es aus einer Ecke hervorgezogen oder von einem Regal genommen. Dann hätte sie mich für einige Augenblicke angesehen, und bei mir hätte sich etwas in der Nasenwurzel gesammelt, ein Druck, und ich wäre fast zersprungen. Dabei wäre sie mir unendlich unglücklich und einsam erschienen. Dann hätte ich ihr etwas sagen wollen, etwas, was unser beider Leben verändert hätte. Ich hätte sie von dort entführen wollen, hinter dem Pult hervorholen, aus diesem Dorf heraus, ich hätte sie vor der ihr beschiedenen Welt retten wollen. Und sie hätte das, so hätte es mir in diesen wenigen Augenblicken geschienen, begriffen. Sie hätte mich spöttisch angesehen und gesagt: Und ist das alles?

2.

In Oslo ist es kein Problem, eine Arbeit zu finden, wenn du nicht wählerisch bist. Mir war es völlig egal, was ich machen würde. Ich wollte nur dem Sitzen am Fenster entkommen, dem Auf-die-Straße-Starren, der Abstumpfung, die mich in eine unbewegliche Larve verwandelte. Als Student hatte ich eine Menge unterschiedlichster Arbeiten angenommen. Ich war Bäcker, Briefträger, Verkäufer, Seemann, Fischer, Kellner, Bauarbeiter und noch manches, bei dem ich mir nicht sicher bin, wie ich es nennen soll. Am schwersten war es, als „bauštelac“ zu arbeiten, aber damals war ich auch am glücklichsten. Du arbeitest den ganzen finsteren Wintertag auf dem Gerüst bei minus zwanzig Grad. Du schleppst Gipsplatten und nagelst Kiefernbretter an. Du kommst müde, ausgehungert und durchgefroren nach Hause, duschst, isst wie ein hungriges und erschöpftes Tier und schläfst ein ohne Haschisch oder Valium.

Eine Zeit lang habe ich auch als Verkäufer im 7-Eleven gearbeitet. Eines Nachmittags kamen zwei Typen mit einer Schrotflinte in den Laden gestürmt und raubten etwa zweitausend Kronen. Das war an meinem freien Tag. Das Mädchen, das da arbeitete und auf das sie die doppelläufige Flinte gerichtet hatten, musste in psychiatrische Behandlung, weil sie deshalb ein Trauma bekommen hatte. Danach hörte sie ganz auf zu arbeiten, weil sie sich sofort wieder an alles erinnerte, sobald sie den Laden betrat und die verbrannten Würste und alten Pizzastücke roch, die sich in dem Glaskäfig den lieben langen Tag drehen. Das Mädchen stammte aus Brasilien und hatte mir ein paar Sätze Portugiesisch beigebracht, die sich als sehr nützlich erwiesen, als ich später dort war.

Dieses Mal verdingte ich mich als Briefträger. Das hatte ich schon einen Sommer während der Ferien gemacht, noch als Student. Jetzt hatte ich eine Anzeige in der Zeitung gelesen, dass sie wieder Briefträger suchten, befristet, weil bald Weihnachten war, und dass es möglich sei, den Vertrag über das befristete Arbeitsverhältnis hinaus zu verlängern. Ich ging direkt in die Sentralpost und fragte den Schichtleiter. Wir unterhielten uns ein bisschen, und als er hörte, dass ich schon Erfahrung habe, Norwegisch spreche und Zahlen und Buchstaben anständig lesen kann, gab es kein Problem. Ich unterschrieb den Vertrag gleich für sechs Monate. Anlernzeit zwei Wochen, Bezahlung nach Tarif. Am Montag darauf sollte ich anfangen, die erste Woche noch im Gespann mit einem erfahrenen Briefträger, der mir meine Route zeigen sollte. Ich ging zufrieden nach Hause.

3.

Die Stelle als Briefträger war eine der besseren, die ich gehabt habe. Mir war nicht so malerisch zumute wie bei Bukowski, aber es war gut, weil du die meiste Zeit allein bist. Niemand kontrolliert dich, du kontrollierst niemand. Du kommst gegen halb sechs Uhr morgens in die Sentralpost. Dort wartet auf dich schon ein Haufen Briefe, Ansichtskarten, Reklamezettel, dieses oder jenes Paket, amtliche Umschläge im A4-Format, mittwochs und freitags die Gratiszeitung Osloposten.

Du sortierst die Sendungen, legst sie in Fächer, nach Straßen, Hauseingängen, Hofeinfahrten, Stockwerken, Wohnungen, Büros. Das dauert bis acht, spätestens bis halb neun. Dann gehst du los und hast die ganze Post spätestens bis halb zwei zu verteilen. Meine Route lag im Zentrum von Oslo, sie umfasste mehrere Straßen, sechshundert Haushalte, an die dreißig Firmen und Geschäfte, eine Kirche und ein Hospiz beziehungsweise eine Pension für Drogenabhängige. Der Typ, der mir zwei Wochen lang den Job beibringen sollte, hatte auf dieser Route zwanzig Jahre gearbeitet. Bald würde er aufhören, Post auszutragen, denn er war schon zu alt, um so große Taschen zu schleppen und dazu noch den Wagen durch den Schnee zu schieben. Er würde in die Postkontrolle wechseln und dort auf seine Pension warten. Den ersten Tag, den ich mit ihm ging, lief alles wie geschmiert. Er arbeitete und erklärte, und ich nickte.

Am zweiten Tag erschien er nicht zur Arbeit. Er hatte sich krank gemeldet. Ich fing an, die Postsendungen zu sortieren. Das ist leicht, wenn du ein und dieselbe Route zwanzig Jahre gehst und alles auswendig weißt. Wenn du es nicht weißt, musst du ein Notizbuch zu Hilfe nehmen, in das alle Personen und alle Adressen eingetragen werden, wenn jemand zuzieht oder wegzieht, stirbt oder geboren wird. Der Typ, der mich in die Arbeit einführen sollte, hatte in dieses Notizbuch in den letzten zehn Jahren keinen einzigen Buchstaben eingetragen. Ich kehrte von der Auslieferung um fünf Uhr nachmittags zurück. Die Hälfte der Sendungen hatte ich nicht ausgeliefert, weil ich den Empfänger nicht gefunden hatte.

Als ich zur Sentralpost zurückkam, war nur noch der Portier da. Er sah mich, schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge. Er war gut fünfzig Jahre alt und hatte eine Rockabilly-Frisur, die er trug, seit Elvis aus dem Leim gegangen war. Die Glatze auf dem Hinterkopf war so augenscheinlich, dass man sie auch von vorne sah. Er fragte mich, ob ich ein Problem mit dem Lesen hätte, wenn ich so langsam sei.

Ich sagte, dass ich keines hätte. Er zeigte mir, wo ich die Briefe lassen solle, für die ich keinen Empfänger gefunden hatte. Ich musste sie auseinandersortieren.

Als ich nach Hause kam, machte ich mir etwas zu essen, und nachdem ich gegessen hatte, dachte ich, dass ich mir jetzt gern einen Joint anstecken würde.

XI

1.

Nach zwei Wochen gelang es mir endlich, die Post vor halb zwei auszutragen. Um zwei war ich mit dem roten Postwagen, in dem nur noch die fast leere Posttasche und drei leere Säcke mit dem Siegel der norwegischen Post lagen, wieder zurück. Mit den neuen Kollegen ging ich auf Bier und Pizza. Stumm schielten sie auf mein Stück mit dem Schinken. Als sie sahen, dass ich die Post vor halb zwei austragen kann, dass ich Schweinefleisch esse und Bier trinke, wurde ich einer von ihnen.

Die Woche über arbeitete ich, nach der Arbeit ging ich auf ein Bier oder schlenderte durch die Stadt. Dann ging ich nach Hause, machte mir etwas zu essen, schaute zusammen mit meinen Mitbewohnern einen Film, schlief, wachte um halb fünf auf und ging wieder zur Arbeit bei der Post. Freitags betranken wir uns zu Hause, und samstags gingen wir aus und betranken uns wieder. Egil legte jeden Samstag in einem Klub auf, weshalb ich umsonst hineinkam. Im Klub waren morgens um halb eins alle betrunken oder auf Speed. Egil beschleunigte den Rhythmus, und alle hüpften wie wild. Die Jungs näherten sich den schöneren Mädchen von hinten, und die wackelten mit nach hinten gestrecktem Po und versuchten die schwarzen Girls aus den amerikanischen Musikvideos nachzumachen. Heiße und weniger attraktive Mädchen machten aufgegeilte Jungs an. Um drei endete alles wie bei einer Razzia. Alle rannten raus, um ein Taxi zu erwischen, bevor sich eine kilometerlange Schlange gebildet hatte. Das machten in der Hauptsache die, denen es geglückt war, jemanden abzuschleppen. Die weniger Glücklichen gingen zu Fuß auf Kebab und Cola und dann nach Hause, torkelnd und unzufrieden herumbrüllend.

Sonntagmorgens zwischen drei und sieben ist Oslo die traurigste Stadt auf der Welt.

2.

Es vergingen mehrere regnerische und immer dunklere Wochen. Briefträger mögen keinen Regen, aber mich störte er nicht. Ich kam nass, durchgefroren und hungrig nach Hause. Es war ein wahrer Genuss, die nassen Sachen auszuziehen, heiß zu duschen, etwas Trockenes und Warmes anzuziehen, mir eine Bakalarsuppe zu machen, sie am Fenster zu schlürfen, hinauszusehen und nicht nachdenken zu müssen. Manchmal kochte Egil für uns beide, manchmal ich. Er beklagte sich in der Zeit zunehmend, dass er viel zu lernen habe und dass ihm der Regen schon auf den Keks gehe und er es kaum erwarten könne, dass es schneit und wir langlaufen können. Ich stimmte ihm zu, dass es wirklich höchste Zeit sei, dass es schneit. Dann hatten wir einander nichts mehr zu sagen, und jeder ging auf sein Zimmer. Man konnte sagen, dass sich Egil mehr mit Musik als mit Worten ausdrückte, sodass unser Miteinander sich im Großen und Ganzen darauf reduzierte, dass er auf Partys der DJ war und ich dazu tanzte. Manchmal, wenn es Schnee gab, gingen wir langlaufen. Wenn ich nicht arbeitete, auf einer Party abhing oder langlief, verbrachte ich meine Zeit mit Lesen. Manchmal versuchte ich auch zu schreiben, aber hauptsächlich lag ich auf dem Bett, rauchte Haschisch, hörte Musik und sah aus dem Fenster.

Ich musste oft daran denken, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ich auf meine Ex stoßen würde. Ich wusste nicht, ob ich sie überhaupt sehen wollte. Vielleicht war es das Beste, sie anzurufen, ein Treffen auszumachen, sich in einem Café zu sehen und eine halbe Stunde miteinander zu reden. Länger halte ich es in einer Kneipe nicht aus, ohne etwas zu trinken. Aber wenn ich anfange zu trinken, dann ist alles gelaufen. Was ist gelaufen? Alles. Warum also sollte ich mich überhaupt mit ihr treffen? Wir würden uns früher oder später sowieso begegnen, vielleicht wäre es besser, früher. Vielleicht. Vielleicht wäre es besser, nie. Wir bräuchten uns überhaupt nicht zu unterhalten; uns gegenseitig anzusehen würde reichen, dass uns leichter wird. Vermutlich würde uns leichter werden. Du weißt, dass es das nicht wird. Ein Wort von ihr genügt, um dich wütend zu machen, oder völlig fertig. Da ist es doch besser, wenn wir uns später treffen.

3.

Wir trafen uns Mitte Dezember. Es hatte gerade angefangen zu schneien. Dicke feuchte Flocken versprachen, dass der Schnee nicht auf den Gehsteigen der Stadt liegen bleiben würde. Aber in den Wäldern oberhalb von Oslo, in Nordmarka, lag der Schnee sicher schon einen halben Meter hoch. Ich war mit der Arbeit fertig und schlenderte durch die Stadt, schwebte fast durch die Schneeflocken. Ich hatte kein Ziel, ich konnte nur nicht an einem Ort sein. Dann kam ich auf die Idee, zum Friedhof hinaufzugehen, um Ibsen zu besuchen, und dann durch Grünerløkka nach Hause. An der Straßenbahnhaltestelle bei VG, unter der vorragenden Fassade des Gebäudes, stand sie. Vor ihr ein Kinderwagen. Das Kind, genau genommen noch ein Baby, war kaum zu sehen, es wurde von der Plane des Wagens verdeckt und war in einen Wollschal gewickelt. Auf dem Kopf hatte es eine Wollmütze, sodass von ihm nur seine blauen Augen zu sehen waren. Es brüllte, offenbar vor Wut. Als ich zu ihnen trat, um sie zu begrüßen, hörte es auf, begann zu schluchzen und mit dem Kopf hin und her zu wackeln.

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