Bekim Sejranović Ein schönerer Schluss
Ein schönerer Schluss
Ein schönerer Schluss

5

  • 0
  • 0
  • 0
Поделиться

Полная версия:

Bekim Sejranović Ein schönerer Schluss

  • + Увеличить шрифт
  • - Уменьшить шрифт

Der Polizist, daran gewöhnt, dass es den Leuten unangenehm ist, versucht ein Gespräch anzuknüpfen. Während er meine Jacke, Hose, Strümpfe, Schuhe untersucht, fragt er höflich, wohin ich gereist bin, was ich dort getan habe, was ich von Beruf bin und solche Sachen. Ich ziehe die Unterhose aus, halte sie ihm hin, ich bin völlig nackt. Ich sage, dass ich überhaupt keine Lust habe zu erzählen, und dass er seine Arbeit machen soll.

– Okay? – setze ich von oben herab hinzu.

– Okay – gibt er ruhig zur Antwort.

Er sieht mir in den Mund, unter die Achseln, und am Schluss bleibt nur noch, dass er mir den Finger in den Anus schiebt. Aber ich sehe, dass er es sich im letzten Moment anders überlegt und es sein lässt.

– Auch besser für dich – denke ich boshaft. – Da würde ich auch nicht reinsehen wollen.

2.

Die Tür öffnet sich mit einem grellen elektronischen Ton, ich gehe hindurch. Ich überschreite die grüne Linie auf dem Boden und betrete Norwegen. Da vorn ist ein Haufen Menschen, die auf jemanden warten. Ein Mädchen überholt mich, ein junger Mann kommt mit einem Blumenstrauß an, sie läuft ihm in die Arme, sie küssen sich nicht. Sie stehen nur lange umarmt da, er flüstert ihr etwas ins Ohr. Ich stehe da, den einen Rucksack auf dem Rücken, den anderen in der linken Hand, spähe umher, als würde ich jemanden suchen, der auf mich wartet.

– Norwegen … – denke ich und gehe langsam weiter. Ein kleinerer schnauzbärtiger Mann hält ein Stück Papier in der Hand, auf dem „Helena“ steht. In der anderen Hand hält er ein norwegisches Fähnchen.

Ich gehe ganz langsam, ich erwarte etwas, einen Ansturm von Gefühlen, Erinnerungen, ich erwarte, dass jemand meinen Namen ruft, mich an die Schulter fasst … Ich bleibe stehen und drehe mich um … Nichts. Sogar die Stimmen in meinem Kopf sind verstummt. Ich sehe die Menschen um mich herum, wie sie gehen, wie sie ihr Gepäck ziehen, wie andere sie freudig erwarten, ich sehe, wie sie reden, den Mund zu einem Lächeln verziehen, glückstrahlend mit den Armen winken. Alles wird langsamer, die Stimmen werden tiefer, ich drehe mich um mich selbst, ich merke, wie die Stimmen zum entfernten Nachhall werden, wie sie irgendwo im Hinterkopf verschwinden, meine Beine werden weich, der schwarze Marmorboden scheint sich in den Save-Schlick zu verwandeln, ich fange an, mich ganz verloren um mich selbst zu drehen, wie ein Wels in der Reuse, ich höre, wie eine der Stimmen irgendwo aus dem Rückenmark kommt, wie sie voller Hohn von den in Norwegen vergeudeten Jahren spricht, wie sie lacht und ein Zigeunerlied singt, höhnisch und provokant. Ich versuche sie zu ersticken, aber sie singt und macht sich nichts draus, ich würde am liebsten in Ohnmacht fallen, ich drehe mich langsam weiter, ein älteres Paar geht vorüber und sieht mir in die Augen, das sehe ich deutlich, die Knie beginnen zu wanken, ich sehe den Schnauzbart mit dem Fähnchen, eine große Blondine geht auf ihn zu, eine Russin vielleicht, er reicht ihr das Fähnchen, sie nimmt es und weiß offenbar nicht, was sie damit soll, aber auch nicht, was mit ihm, vielleicht sollte ich selbst auch ein Stück Papier nehmen und „Helena“ draufschreiben und warten. Ich denke: Norwegen …

Ich spüre kaltes Wasser im Gesicht, jemand besprengt meine Wangen, langsam komme ich zu mir. Über mir nicken ein paar Köpfe bedeutungsvoll, zufrieden, dass sie Zeuge eines „nicht alltäglichen“ Ereignisses sind, glücklich, endlich etwas erlebt zu haben. Ich ergreife die Hand, die mich besprengt, sie gehört der älteren Verkäuferin in dem Kiosk, vor dem ich zusammengebrochen bin. Auf ihrer linken Brust hat sie ein Namensschild, auf dem steht: Cathrine. Cathrine ist eine Blondine, sie hat die Frisur von Ljupka Dimitrovska und murmelt besorgt etwas im südnorwegischen Dialekt. Zuerst denke ich, dass sie mir etwas sagen will, aber dann beugt sie sich vor, schlenzt ihre Brüste über meine Nase, besprengt meine Wangen, und ich kapiere, dass sie mit sich selbst spricht. Ich schiebe ihre Hand weg, und das Einzige, was ich herausbringe, ist:

– Zucker, geben Sie mir etwas Zucker …

Sie erhebt sich, geht zu ihrem Kiosk und nimmt eine Cola aus dem Kühlschrank.

Nachdem ich etwas von dem gezuckerten Sprudelwasser getrunken habe, stehe ich auf, und die Menschen um mich herum gehen auseinander. Die Vorstellung ist zu Ende. Cathrine kehrt hinter das Pult in ihrem Kiosk zurück, ein Mann wartet schon ungeduldig, er will seine Zeitung bezahlen.

Nach ihm gehe ich zu ihr, bedanke mich für ihre Hilfe, ich möchte die Cola bezahlen, sie winkt sofort ab, sagt, das sei nichts, sie habe sich Sorgen gemacht, sie habe mich schon von Weitem taumeln gesehen. Ich nehme endlich den Blick von ihren Brüsten und sehe ihr in die Augen. Unter der gut fünfzigjährigen gestylten Maske sieht mich ein trauriges Mädchen an. Ich kenne solche Blicke und, um ehrlich zu sein, ich habe immer Angst vor ihnen gehabt.

Ich bedanke mich, nehme den Rucksack auf den Rücken, drehe mich um und gehe ins Freie.

Als ich draußen bin, fällt mein Blick auf die Titelseiten der Zeitungen.

„Prinzessin Mette-Marit die Eleganteste auf dem Ball“, „Sparen Sie 1.000 Kronen beim Strom“, „Vierzig Tote im Irak“, „Big Brother – Kristine hat sich die Brust operieren lassen“ …

3.

Ich setze mich in den Zug und fahre in die Stadt, steige in Oslo Sentralstasjon aus, verlasse das Bahnhofsgebäude und bleibe erst einmal stehen. Es ist Abend, die Neonreklamen gehen an und aus, die Straßenbahnen surren und klingeln, an den Ampeln wechseln Rot, Gelb und Grün, wie auf Kommando gehen die Menschen los und bleiben stehen, treffen aufeinander und gehen wieder auseinander, sie kommen von ihren langweiligen Geschäften, streben ihrem Zuhause entgegen, gehen die Kinder vom Kindergarten abholen, setzen sich mit auf die Schnelle zubereitetem Essen an Tische, sprechen über ihren Tag, bringen die Kinder ins Bett, schalten die Fernseher ein, warten auf ihre Lieblingsserie, schlafen.

Links vom Hauptbahnhof erstreckt sich die Plata, eine weitläufige Wiese, auf der sich die Fixer versammeln. Sie hängen in kleinen Gruppen herum, bilden größere, gehen wieder auseinander, organisieren Ware, wechseln Flüche und für sie wichtige Informationen, fordern aggressiv Geld von den Vorübergehenden, zoffen sich mit der Polizei, die sie von Zeit zu Zeit auseinandertreibt.

Ich begebe mich in die dunkle U-Bahn-Station und erwische den Zug in den Osten Oslos, nach Tøyen.

V

1.

Damals, vor zwei Jahren, als ich mit der Metro nach Tøyen fuhr, presste ich die letzten Tropfen Optimismus aus mir heraus. Ich versuchte zu denken, dass alles noch gut werden könne, dass man von vorne anfangen müsse, dass die Menschen alles Mögliche erleben, dass sie fallen und wieder aufstehen, dass man nicht aus allem ein Drama oder eine Tragödie machen muss. Was zum Teufel bildest du dir ein? Glaubst du, dass es nur dir schlecht geht, dass sich die ganze Welt nur deinetwegen dreht? Das glaubst du? Genau wie dein Alter immer gesagt hat.

2.

In Tøyen steige ich aus und gehe die Hagegata hinauf. Drei junge Somalierinnen kommen mir entgegen. Eine ist verhüllt und trägt einen Schleier vor dem Gesicht, die anderen beiden sind in Jeans gezwängt und stechen ihre hohen Stöckel in den Gehsteig. Sie lachen und wedeln mit den Armen in der Luft. Auf dem Tøyen-Platz sitzen zwei unnatürlich magere, junge Männer auf einer Bank. Einem fällt der Kopf auf die Brust, der andere starrt auf etwas, das er in der halb offenen Faust hält. Der erste hebt den Kopf für einen Moment, flucht, dann fällt sein Kopf wieder nach vorn.

Ich komme zu Nummer 52. Neben einer der Klingeln finde ich Egils Nachnamen: Johansen. Ich läute. Eine Stimme antwortet, ich sage meinen Namen, und die Tür wird geöffnet. Ich gehe hinein und steige die Holztreppe in den zweiten Stock hinauf. In der offenen Tür steht Egil und begrüßt mich herzlich. Es gibt kein Küssen und Umarmen wie auf dem Balkan.

Da unten musst du dich mit Leuten küssen, die du jeden zweiten Tag siehst. Mit Mädchen könnte ich das noch irgendwie ertragen, aber mit Männern geht mir das echt auf den Keks. Am schlimmsten sind die, die noch beleidigt sind, wenn du sie ihrer Meinung nach nicht leidenschaftlich genug abknutschst. Und dann musst du auch noch genau darauf achten, ob du jemanden zwei oder drei Mal küsst, und es gibt auch solche, die empfindlich darauf reagieren, auf welche Wange du ihnen den ersten Kuss gibst. Ich habe wegen dieser Küsserei mehrere Menschen verloren, von denen ich geglaubt hatte, dass sie meine Freunde sein könnten.

Egil ist hager und groß gewachsen. Er redet weder viel, noch zeigt er Gefühle auf laute Art und Weise. Würde er einen Hut aufsetzen, könnte er einen sehr hageren Clint Eastwood abgeben. Er ist zehn Jahre jünger als ich, vor ein paar Jahren hat er bei mir an der Universität in Oslo Jugoslawische Literaturen gehört. So haben wir uns kennengelernt. Manchmal haben wir uns zusammen einen Joint angesteckt oder sind nach der Vorlesung auf ein Bier gegangen. Ich machte ihn mit Zigeunermusik bekannt, die gefiel ihm sehr. Jetzt, erzählt er, studiere er Arabisch und arbeite als DJ in verschiedenen Klubs in Oslo. Er spielt arabische, afrikanische und zigeunerische Sachen, angereichert mit elektronischen Beats.

Er sagt, dass eines der Zimmer in einer Woche frei sein werde und dass ich, wenn ich wolle, einziehen könne. Bis dahin könne ich im Wohnzimmer auf dem Sofa schlafen. In der Wohnung gebe es, außer ihm, noch zwei junge Männer. Einer der beiden ziehe nächste Woche aus.

Ich bin einverstanden, und danach gibt es nichts mehr, worüber wir reden könnten. Nach ein paar Minuten der Stille sagt Egil, er gehe jetzt in sein Zimmer, denn er müsse lernen, und ich gehe duschen.

3.

Nach dem Duschen mache ich mir das Bett auf dem Sofa vor dem Fernseher. Egil und die beiden Mitbewohner kommen und gehen abwechselnd ins Bad und ziehen sich dann in ihre Zimmer zurück.

Morgen ist ein neuer Arbeitstag, da muss man früh in die Klappe, um ausgeschlafen zu sein. Ich lege mich aufs Sofa, decke mich mit dem Schlafsack zu und schalte den Fernseher ein. Fünfzig Programme, aber kein einziges halte ich länger als fünf Sekunden aus, ich mache den Fernseher aus und versuche zu schlafen. Aber bevor ich einschlafe, gehen mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Zuerst überlege ich, was ich jetzt anfangen werde. Mir einen Job suchen, von 8 bis 16 Uhr arbeiten, allein in meinem Zimmer von 17 bis 24 Uhr Haschisch rauchen, mich am Wochenende betrinken, versuchen, eine flachzulegen, sonntags meinen Rausch ausschlafen, mir einen Porno reinziehen oder vor dem Fernseher liegen und durch die fünfzig Programme zappen, auf Montag warten, auf Dienstag warten, auf Mittwoch warten, auf … Oder mich in ein Mädchen verlieben, die Wochenenden mit ihr verbringen, auf Ausflüge gehen, ihr kleine Geschenke machen, an ungewöhnlichen Plätzen Liebe machen, sie betrügen, darauf warten, dass sie mich betrügt, die Beziehung beenden, sich wieder versöhnen, sie trösten und ihr die Tränen abwischen, die Beziehung in die Länge ziehen, bis einer von uns jemand anderen findet oder sie schwanger wird. Das stelle ich mir vor und muss fast lachen, denn ich erinnere mich natürlich an meine Ex. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob sie real ist oder nur ein Dämon, dazu da, meine Seele zu quälen.

Nach solchen Gedanken kann ich nicht einschlafen. Ich habe kein Haschisch und kriege allmählich die Krise. Ich nehme ein Valium, schlucke es und drehe den Kopf zur Rückenlehne.

VI

1.

Als ich aufwache, ist es still in der Wohnung, es scheint, als wäre ich allein. Alle sind schon zur Uni oder zur Arbeit. In der Wohnung lebt, außer Egil, noch ein Norweger, ein Student, den ich gestern Abend, als ich ankam, kaum zu Gesicht bekommen habe. Er ist es, der demnächst auszieht und dessen Zimmer ich in einer Woche übernehmen kann. Im letzten Zimmer, gleich neben der Küche, wohnt ein Franzose, Korrespondent mehrerer französischer Zeitungen. Ihn habe ich gestern Abend kennengelernt. Er ist groß und kräftig, mit seinen roten Bäckchen erinnert er an ein wohlgenährtes verwöhntes Kind.

Ich stehe auf und rolle den Schlafsack zusammen. Ich gehe ins Badezimmer und dusche lange und heiß. Ich rasiere mich, putze mir die Zähne, nehme frische Wäsche, ziehe Hose, T-Shirt, das Oberteil des Trainingsanzugs an, sehe mich im Spiegel an, denke an nichts.

Ich setze mich im Wohnzimmer aufs Sofa und weiß nicht, was ich tun soll. Ich sehe durchs Fenster auf die Straße hinaus. Es ist bewölkt und die Straßen sind nass. Der Regen hat mit Sicherheit schon mehrere Male angefangen und wieder aufgehört. Ein kleiner, kalter, vorhersehbarer Regen. Autos fahren vorüber und halten vor der Ampel an der Kreuzung gleich vor dem Haus. Ein paar eilige Passanten klammern sich an ihre Schirme.

2.

Fünf Tage sind vergangen. Ich stehe auf, sobald Egil, der Franzose und der Dritte, der ausziehen soll und dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe, weggegangen sind, um ihren täglichen Verpflichtungen nachzukommen. Ich dusche, rasiere mich, ziehe mich an, als würde ich rausgehen, setze mich aufs Sofa am Fenster und sehe auf die Straße hinunter. Draußen hat sich nichts geändert. Derselbe graue Himmel, dieselbe nasse Straße, dieselbe Kreuzung, die Ampel, an der die Lichter wechseln, eilige Silhouetten, die mit großen Schritten zu ihren Bestimmungsorten eilen. Zu einer bestimmten Zeit, kurz nach Mittag, gehe ich zum Laden, kaufe eine Zeitung, Brot und eine Dose Makrelen in Tomatensoße, kehre nach Hause zurück, lese die Zeitungsüberschriften, kaue den Fisch. In einer Dose Makrelen in Tomatensoße ist alles, was der Mensch für einen Tag braucht.

Wenn meine Mitbewohner nach Hause zurückkehren, nachmittags gegen fünf, grüßen sie mich flüchtig und gehen sich in der Gemeinschaftsküche etwas zu essen machen. Ich warte ab, bis sie ihre Speisen angerichtet haben, dann gehe ich hinaus, um sie beim Essen nicht zu stören. Sie essen im Wohnzimmer und sehen dabei fern. Egil lädt mich ein, mit ihnen zusammen zu essen, aber ich bedanke mich höflich und lehne ab. Ich sage, dass ich Makrele in Tomatensoße gegessen habe und dass das alles ist, was ich für einen Tag brauche. Er antwortet nicht, sondern isst ruhig weiter. Auch der Franzose hat mir angeboten mitzuessen. Er spricht verhältnismäßig schlecht Norwegisch, und so verständigen wir uns auf Englisch. Er spricht wie René aus der britischen Sitcom ’Allo ’Allo!. Der dritte Mitbewohner hat mir weder Essen angeboten noch etwas gesagt. Am sechsten Tag meines Aufenthalts in der Wohnung, am Samstag, ist er aus dem Zimmer ausgezogen, und ich ziehe ein.

3.

Ich habe meine zwei Rucksäcke hineingetragen und sie in die Ecke gestellt. Das Zimmer ist geräumig, mit einem Bett, einem Arbeitstisch, zwei Stühlen und einem Schrank. Die Fenster sehen auf dieselbe Straße hinaus wie die im Wohnzimmer. Ich stehe da und sehe auf die ursprünglich weißen Wände, die eine schmutzig gelbe Farbe angenommen haben. Hier und da sind kleine Löcher oder abgerissene Stückchen Tapete zu sehen. Ich gehe zum Bett und setze mich. Ich sehe aus dem Fenster und sehe die gleiche Szenerie, die ich die letzten paar Tage gesehen habe.

Mir kommt der Gedanke, dass sich doch etwas bewegt hat. Jetzt hast du dein Zimmer und kannst es dir einrichten, wie es dir gefällt. Du kannst auf dem Bett sitzen und den ganzen Tag auf die Straße hinaussehen. Du brauchst ihnen nicht mehr aus dem Weg zu gehen, wenn sie zum Essen nach Hause kommen. Du brauchst nicht mehr hinauszugehen und auf das Dach des Hauses zu steigen, von wo sich der Blick auf Oslo öffnet. Vom Dach aus ist auch die Moschee zu sehen, die die Muslime vor ein paar Jahren gebaut haben. Im Ostteil von Oslo gibt es genügend Zuwanderer aus muslimischen Ländern. Die Moschee ist aus Steinen gebaut, die aus dem Nahen Osten gebracht wurden. Sie hat zwei schlanke Minarette, aber die norwegischen Behörden erlauben nicht, dass der Gebetsruf erschallt, denn sie nehmen an, dass das die Mitbürger, die keine Muslime sind, beunruhigen könnte.

Ich erhebe mich vom Bett und gehe zu meinen Rucksäcken. Den großen Rucksack schiebe ich zum Schrank und fange an, meine Kleidung herauszunehmen und sie auf den Regalen zu verteilen. Als ich fertig bin, ist der kleine Rucksack dran, ich nehme den Laptop, die paar Bücher und meine Schreibhefte heraus und lege alles auf den Arbeitstisch. Ich schalte den Laptop ein, lasse einen kurzen Porno laufen und onaniere. Als ich fertig bin, setze ich mich wieder aufs Bett und sehe aus dem Fenster hinaus auf die Straße.

VII

1.

Als die Pflaumen um Großvaters Hütte endlich abgefallen waren und verfaulten, kam der Herbst. Es setzten Regen ein, die in Bosnien „heftenjaće“, also „Sieben-Tage-Regen“ genannt werden, was bedeutet, dass es eine Woche lang durchregnet. Die Stimmen in meinem Kopf begannen allmählich leiser zu werden, und es gab Tage, an denen sie überhaupt nicht mehr sprachen, weder mit mir noch miteinander. Die Bilder, die mich im Schlaf ansprangen, aber auch wenn ich wach war, verblassten immer mehr. Vielleicht war der Grund auch, dass ich angefangen hatte, über das, was in Oslo geschehen war, zu schreiben. In dem rosafarbenen Schreibheft hatte ich zunächst damit begonnen, darüber zu schreiben, was in der Hütte war, aber da gab es nicht viel zu erzählen. Nach einiger Zeit hatte ich angefangen, neurotisch einzelne Wörter, die Geschehnisse aus Oslo betrafen, von der Rückseite her ins Schreibheft zu kritzeln. Mit der Zeit fügten sich die Wörter zu Formen, die Ähnlichkeit mit Geschichten hatten. Es schien, als wäre es mir gelungen, die Stimmen aus dem Kopf auf das Papier zu bannen.

Als der Dauerregen einsetzte, setzte ich auch mal einen Fuß vor die Tür und begann meine Wanderungen über die umliegenden Berge. Es war schlammig und mühsam zu gehen. An manchen Stellen sank ich bis zu den Knöcheln in die klebrige Erde ein, aber es gibt nichts Schöneres, als bei Regen im Wald zu wandern. Du hörst, wie es rieselt und wie die Tropfen auf die schon welken Blätter fallen und langsam herabrinnen und auf dem weichen Waldboden aufschlagen, und du siehst, wie hier und da ein Blatt fällt und wie dünne Rinnsale die Kerben in der Eichenrinde hinunterfließen. Alles andere ist verstummt, kein Käfer summt, kein Vogel zwitschert, kein unsichtbares Tier raschelt. Alle haben sich in ihre Verstecke, Nester und Höhlen zurückgezogen, gemeinsam mit dem Wald haben sie sich dem Herbstregen überlassen.

2.

Ich ging auch deshalb gern im Regen spazieren, weil ich mir sicher war, auf den umliegenden Äckern und Lichtungen keinem Bauern oder Hirten zu begegnen. Früher konnte man sie den ganzen Tag einander von Berg zu Berg zurufen hören. Dann versuchte ich zu enträtseln, was sie einander zu sagen hatten, aber ohne Erfolg. Alles, was ich hörte, war ein lang gezogenes, unartikuliertes eeeooooo, das zuerst vom einen Berg zu hören war, und dann ein oooooeee vom anderen. Vielleicht bedeutete das viel mehr, als ich erahnen konnte. Aber vielleicht bedeutete es auch nichts.

Die Hütte liegt acht Kilometer vom Dorf entfernt. Ein staubiger, ausgewaschener Schotterweg führt am Flüsschen entlang, das irgendwo oben in den Bergen entspringt. Zum Dorf runter fuhr ich, wenn ich Lebensmittel brauchte, etwa einmal die Woche. Ich habe einen 37 Jahre alten, klapprigen Käfer, der diesen Weg problemlos schafft. Als ich das erste Mal mit dem Käfer durchs Dorf fuhr, sprangen die Jungs, die auf der Straße Fußball spielten, flink zur Seite und fingen an zu glotzen und zu grinsen und mit dem Finger auf das Auto zu zeigen. Einer schrie: – Daaa, sieh mal, ein Fićo! – Die anderen griffen das auf: – Fićo, Fićo! – machten sie sich lustig und schnitten Grimassen. Ich parkte vor dem kleinen Laden gegenüber der Moschee und ging hinein. Hinter dem Pult stand ein Mädchen, das nicht mehr als achtzehn oder neunzehn sein konnte. Sie war dunkelhäutig und hatte hellgraue Augen. Ihr Haar war schwarz, lang und dicht, nach hinten gekämmt. Sie hatte eine hohe Stirn. Für einen Augenblick blieb ich stehen und sah ihr zu, wie sie eine alte Frau in Pluderhosen bediente. Dann nahm ich das Notwendigste: Mehl, Öl, Eier, Paprika, Tomaten, Nudeln, Reis und noch was. Sie sah mich kurz an, während sie sagte, was alles zusammen kostet.

Ich ging hinaus, und um den Käfer drängten sich die Kinder. Gegenüber, auf der Bank vor der Moschee, saßen die Alten, fünf an der Zahl. Sie blinzelten in die Sonne und sahen mir wortlos nach. Drei von ihnen hatten dunkelblaue Barette auf dem Kopf.

3.

Als ich zur Hütte zurückfahre, beginnen die Stimmen und Bilder im Kopf wie Mühlsteine zu rotieren. Ich sehe meine Ex und ihren Sohn, wie sie zusammen weinen, der Kleine sieht mich mit seinen blauen Augen an. Da sind auch Cathrine mit ihren vollen Lippen und ihrem besorgten Beschützerinnenlächeln und ihre Tochter, die kichernd und ungeschickt, aber frech, mit Zeigefinger und Daumen ihre Brustwarzen zwirbelt.

Ich gebe Gas, das Auto macht auf dem holprigen Weg einen Satz. Mir kommt vor, als würden mich die Dorfkinder jagen und drohend grinsen und schreien: – Fićo, Fićo! – Die Alten sitzen auf der Bank und nicken zustimmend, verziehen die trockenen Münder und entblößen die zahnlosen Unterkiefer. So dahinrasend stoße ich fast mit einem alten weißen Mercedes zusammen, der um die Kurve kommt. Beide bremsen wir abrupt. Wir können nicht aneinander vorbei, weil der Weg zu schmal ist. Der Mercedes zeigt nicht den geringsten Willen zurückzustoßen, also tue ich es. Als mich das Auto passiert, sehe ich auf dem Fahrersitz einen finster blickenden Mann von gut vierzig Jahren mit brustlangem Bart. Der Bart ist unordentlich und ungestutzt. Ich zucke kurz zusammen. Ich winke ihm, wie es ja üblich ist, wenn zwei Autos einander auf einem schmalen Weg begegnen, aber er sieht mich nicht an. Auf dem Rücksitz sitzen zwei verhüllte Frauengestalten. Der Bärtige gibt Gas und verschwindet die schlammige Straße hinunter.

Nachdem ich schon einige Tage in der Hütte verbracht habe, sehe ich denselben Mercedes und dieselbe bärtige Gestalt mehrere Male von der Veranda aus. Später kommen andere Autos vorbei, auch Kombis, und alle Fahrer haben lange Bärte.

VIII

1.

Der Herbst zog sich in die Länge und tränkte die Erde unbarmherzig mit Regen, die Bäche tosten zu Tal und ergossen sich in den Fluss, der mächtig angeschwollen und trübe geworden war und alles mit sich trug. Ich wanderte in Großvaters alten Bergmannsstiefeln durch die umliegenden Wälder und horchte auf den Wind, wie er das welke Laub von den Zweigen riss. Nachts schlief ich schlecht, sodass ich las oder, seltener, schrieb. Da das elektrische Licht die ganze Zeit über an- und ausging, benutzte ich eine Paraffinlampe. Wenn ich die anzündete, wurde es in der Hütte auch wärmer. Alles nahm eine dunkle, rötliche Farbe an, jeder Gegenstand bekam einen länglichen Schatten. Ich warf ein paar Buchenscheite in den alten Bullerofen und schloss die Ofenklappe. Zuerst war es still. Dann hatte die Flamme das Holz erfasst, und der Ofen begann zu bullern.

Es brauchte nicht viel Verstand, um zu wissen, dass nach einem solchen Regen der Schnee kommen und es unmöglich sein würde, das Dorf mit dem Auto zu erreichen, und zu Fuß nur sehr schwer. Ich brauchte Tourenskier. Eines Tages setzte ich mich ins Auto, bereit, wenn nötig, bis Sarajevo zu fahren und mir welche zu besorgen. Nach vier Tagen kehrte ich mit neuen Tourenskiern, Marke Fischer, zur Hütte zurück. In Sarajevo hatte ich zwei Tage warten müssen, bis die Bindung montiert war. Ich hatte auch ein Paar ganz solide Skischuhe ergattert.

ВходРегистрация
Забыли пароль