Mathilde Schwabeneder-Hain Die Stunde der Patinnen
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Mathilde Schwabeneder-Hain Die Stunde der Patinnen

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Mathilde Schwabendeder-Hain

DIE STUNDE

DER PATINNEN

Frauen an der Spitze

der Mafia-Clans



Verhaftung von Assunta „Pupetta“ Maresca

INHALT

Cover

Titel

COSA NOSTRA

Der Dekalog Salvatore Lo Piccolo

Boss in gonnella – Boss im Rock Giusy Vitale

La donna manager del clan – die Managerin des Clans Nunzia Graviano

La ribelle – die Rebellin Carmela Iuculano

Donne d’onore – Frauen in der „Ehrenwerten Gesellschaft“ Giuseppa Salvo, Francesca Citarda, Angela Russo, Vincenza Cali, Cinzia Lipari

Madre e moglie – Ehefrau und Mutter Antonietta Bagarella

Madre coraggio – Mutter Courage Felicia Impastato

CAMORRA

„Lady Camorra“ Maria Licciardi

Pupetta – das Püppchen Assunta Maresca

La castellana – die Schlossherrin Rosetta Cutolo

Inchiesta „Cupido“ – Akte „Cupido“ Antonella Madonna

'NDRANGHETA

La postina del clan – die Postbotin des Clans Giusy Pesce

La vittima – das Opfer Maria Concetta Cacciola

COSA NOSTRA

Sola contro tutti – allein gegen alle Giovanna Galatolo

Glossar

Quellen- und Literaturverzeichnis

Danksagung

Impressum


Die Polizei schlägt am Morgen zu. Seit langem haben die Ermittler das einsame Anwesen auf dem Land in Giardinello nahe Palermo im Auge gehabt. Mehrere Versuche zuzugreifen sind in der Vergangenheit abgebrochen worden. Zu wenig aussagekräftig war das Bild, das die in Büschen und auf Bäumen versteckten Überwachungskameras in die Polizeizentrale der sizilianischen Hauptstadt übermittelten. Zu groß die Gefahr, dass die streng geheime Fahndungsaktion vorzeitig entdeckt werden könnte.

Am Morgen des 5. November 2007 scheint sich die Mühe jedoch gelohnt zu haben. Die Aufnahmen, die diesmal in Palermo zu sehen sind, zeigen die Ankunft zweier verdächtiger Autos. Der Einsatzbefehl erfolgt augenblicklich. Ein Hubschrauber startet und setzt kurz darauf die schwer bewaffneten Spezialeinheiten in der Nähe der Villa ab. Gleichzeitig wird das Landhaus mit Polizeiautos umstellt. Dann stürmen die schwarz vermummten Männer das Gelände. Schüsse fallen. Warnschüsse, heißt es später. Es dauert nicht mehr lange und Salvatore Lo Piccolo wird mit seinem Sohn Sandro und zwei weiteren Mafiosi verhaftet.

Jubel brandet bei den Ermittlern in Palermo auf. Ein Jahrhundertcoup ist gelungen. Von einem außergewöhnlichen Tag für die italienische Demokratie und den Kampf gegen die Mafia spricht später der Leiter der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission, Francesco Forgione. Niemand hatte den Cosa-Nostra-Boss in den vergangenen 24 Jahren zu Gesicht bekommen. Lange Zeit tappte die Polizei im Dunkeln. Nicht einmal das Aussehen Lo Piccolos war gesichert. Bei ihren Ermittlungen konnten sich die Polizisten nur auf ein Phantombild stützen.

Doch der 65-jährige Mann mit dem dichten weißen Haar, der jetzt mit erhobenen Händen ins Freie tritt und sich ohne Widerstand ergibt, ist tatsächlich der fieberhaft gesuchte Boss der Bosse. Sportlich gekleidet – weißes T-Shirt, hellblaues, halboffenes Hemd, ein schwarzes Blouson und Jeans – wirkt der ehemalige Bauunternehmer wie ein harmloser, distinguierter Bürger. Der Schein jedoch trügt.

Seit 1983 war Salvatore Lo Piccolo auf der Flucht. Schon 1998 wurde er in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Mord, Drogenhandel, Bauspekulationen und Geschäfte mit der USamerikanischen Mafia: Die Liste der Anschuldigungen war lang und wurde mit den Jahren noch umfangreicher. Nach der Verhaftung des gefürchteten Paten Bernardo Provenzano, der von seinen Feinden „la belva“, „die Bestie“, genannt wird, übernahm Lo Piccolo 2006 das Cosa-Nostra-Kommando. Im selben Jahr beschlagnahmte die Polizei Besitzungen und Konten im Wert von 150 Millionen Euro. Den neuen Superboss Siziliens fanden sie aber nicht. Der blieb verschwunden. Bis ihn einer seiner engsten Mitarbeiter verriet.

In der Villa, die den Mafiosi für „Arbeitsmeetings“ diente, stellen die Polizisten Waffen und das Geheimarchiv des Paten sicher. Sie finden pizzini – kleine Zettelchen, mit denen die Mafiosi untereinander kommunizieren. Sie entdecken eine Art Mafia-Rechtsbuch, das die Struktur und die damit verbundenen Funktionen beschreibt, und sie stoßen auf das libro mastro del pizzo, das Hauptbuch der Schutzgelderpressungen: Darin wurde fein säuberlich und ohne Verschlüsselung notiert, wer was wann zu bezahlen hatte.

Aus den Papierstapeln ziehen die Beamten ein besonders spektakuläres Dokument hervor: den Dekalog der Mafia. Auf Schreibmaschine in Großbuchstaben – und in teils fehlerhaftem Italienisch – getippt, enthält der zusammengefaltete Zettel die zehn Gebote, an die sich ein Mitglied der „Ehrenwerten Gesellschaft“ zu halten hat. „Rechte und Pflichten“ steht darüber. Auch die Cosa Nostra, kommt Anti-Mafia-Jäger Pietro Grasso zum Schluss, hat ihre Bibel.

Gebot Nummer eins lautet: „Man stellt sich unseren Freunden nicht allein vor. Das geht nur über Dritte.“ Damit soll der Grundcharakter der Organisation garantiert werden. Denn die Mafia ist und bleibt ein Geheimbund und niemand kann ohne eine Garantie durch bereits initiierte Mitglieder aufgenommen werden.

Einmal aufgenommen, muss sich der perfekte Mafioso als absolut gehorsam erweisen. Unterordnung wird ebenso großgeschrieben. „Man muss der Cosa Nostra jederzeit zur Verfügung stehen, auch dann, wenn die Ehefrau kurz vor der Entbindung steht“, heißt es in Regel Nummer fünf. Viel ist auch von Moral die Rede, vor allem von Sexualmoral. Ein guter Mafioso darf sich nicht betrinken – er könnte unter Alkoholeinfluss ein Geheimnis verraten –, und er darf sich auf keinen Fall, will er nicht sein Leben riskieren, den Ehefrauen anderer Clanmitglieder unsittlich nähern. Der eigenen Ehefrau gegenüber ist er hingegen verpflichtet, „Respekt zu erweisen“. Weiters muss er pünktlich und „ehrlich sein“, was übersetzt bedeutet: Er darf seinen Boss weder belügen noch ihm etwas verschweigen. „Wer sich schlecht benimmt und moralische Werte nicht einhält“, kann nicht in die Mafia aufgenommen werden, schließt Regel Nummer zehn.

Frauen kommen in diesem idealisierten Bild einer kriminellen Männergesellschaft nur in untergeordneter Stellung vor: als passive Wesen, die Avancen von fremden Männern nachgeben könnten, als respektable Mütter sowie als Hüterinnen des heimischen Herdes. Frauen sind dem Mann demnach untergeordnet und müssen schweigen. Sie leben abgeschottet in der Welt der „Ehrenwerten Gesellschaft“ und sind in erster Linie eine Stütze für ihren Ehemann, so beschreibt Tommaso Buscetta, einer der berühmtesten Kronzeugen, die Situation der Frauen in der Mafia während einer Vernehmung in den 1980ern.

Nicht hören. Nicht sehen. Nicht sprechen. Doch die Realität sieht anders aus.

Ohne Frauen würde das organisierte Verbrechen nicht funktionieren. Heißt es nun Cosa Nostra, Camorra, ’Ndrangheta oder Sacra Corona Unita.

Die zehn Gebote der Mafia

1 Man kann sich unseren Freunden nicht allein vorstellen, das geht nur über einen Dritten.

2 Schaue keine Ehefrau unserer Freunde an.

3 Man freundet sich nicht mit Bullen an.

4 Man besucht keine Tavernen und keine Clubs.

5 Man muss der Cosa Nostra jederzeit zur Verfügung stehen, auch dann, wenn die Ehefrau kurz vor der Entbindung steht.

6 Verabredungen müssen kategorisch eingehalten werden.

7 Der eigenen Ehefrau muss Respekt erwiesen werden.

8 Wenn man nach etwas gefragt wird, das man weiß, muss man die Wahrheit sagen.

9 Das Geld anderer oder anderer Familien darf man sich nicht aneignen.

10 Wer nicht aufgenommen werden kann: Wer ein enges Familienmitglied bei den Sicherheitskräften hat. Wer Fälle von Untreue in der Familie hat. Wer sich schlecht benimmt und moralische Werte nicht einhält.


Am 25. Juni 1998 klicken für Giusy Vitale die Handschellen. Unerwartet, wie sie später sagen wird. Die junge Frau hatte sich sicher gefühlt, doch Abhöraktionen der Polizei wurden ihr zum Verhängnis.

Mit ihrer Verhaftung wird ein neues Kapitel in der Geschichte der sizilianischen Mafia geschrieben. Giusy Vitale ist die erste Frau, die in Palermo wegen ihrer führenden Rolle nach dem Mafia-Paragrafen angeklagt und rechtskräftig verurteilt wird. Später beschließt sie, als Kronzeugin auszusagen, und wird ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen.

Von einem „atypischen Phänomen“ ist im Untersuchungshaftbefehl zu lesen, von „etwas, das scheinbar alle Regeln durchbricht“: Eine Frau nimmt eine außergewöhnliche Position ein, fernab der klassischen Rolle einer donna di mafia, einer Mafia-Frau.

„Ja, ich war an der Spitze der Cosa Nostra“, antwortet Giusy Vitale während des Prozesses auf die Frage von Staatsanwalt Francesco Del Bene nach ihrer Rolle in der Mafia. Die italienischen Medien bezeichnen die damals 26-Jährige spontan als „boss in gonnella“ („Boss im Rock“), als Lady Boss, als eine „Frau, die es Männern gleichtut“. Hart, unerschrocken und unerbittlich.

Das Wort Mafia hört Giusy Vitale in ihrer Kindheit nie. Es ist auch gar nicht nötig, denn sie atmet das organisierte Verbrechen mit der Luft ein, die sie umgibt. Sie nimmt Regeln und Verhaltensmuster ihrer männerdominierten Umwelt nicht nur passiv auf, sie versucht sie selbst umzusetzen. Dazu bedarf es jedoch keines mafiatheoretischen Einführungsunterrichtes, es genügt die tagtäglich gelebte Realität.

Giusy Vitale wird am 25. Februar 1972 in Partinico geboren, als Letzte in einer Reihe von fünf Geschwistern. Ihre Brüder Leonardo, Michele und Vito sind ihre wichtigsten Bezugspersonen, wichtiger sogar als die für sie bereits relativ alten Eltern. Leonardo ist 17, als Giusy geboren wird, Michele 15 und Vito 13. Anders als ihre ruhige und angepasste Schwester Nina sieht sie in ihren älteren Brüdern Helden. Idole, die vor den bösen Bullen beschützt werden müssen. Halbgötter, denen sie gefallen und nacheifern will. Vor allem Leonardo ist für Giusy die „eigentliche väterliche Figur in der Familie“.

Giusy ist erst sechs Jahre alt – erzählt sie vor Gericht –, als sie erstmals an der Hand ihrer Mutter die Brüder im Gefängnis besucht. Sie erinnert sich an die stumme Verzweiflung der Mutter, die ihren Söhnen jedoch nach jeder Straftat, ohne Fragen zu stellen, zur Seite stand. An die Angst, die selbst der eigene Vater vor seinen gewalttätigen Kindern hatte. Die Justizprobleme der Brüder – vor allem die von Leonardo und Vito – dominieren den Alltag der Familie. Gefängnisaufenthalte sind Teil dieser vermeintlichen Normalität. Einer wird entlassen, der andere verhaftet. Eine Art kriminelle Endlosschleife. Die Anklage ist jedoch immer ein und dieselbe: Zugehörigkeit zur Mafia.

Partinico ist eine kleine Stadt nahe Palermo mit heute etwas mehr als 30.000 Einwohnern. 1968 drehte Regisseur Damiano Damiani mit Claudia Cardinale und Franco Nero in den Hauptrollen hier einige Szenen seines Films „Der Tag der Eule“ („Il giorno della civetta“). Als Vorlage diente Damiani der gleichnamige Roman des sizilianischen Schriftstellers Leonardo Sciascia, in dessen Mittelpunkt ein hochmotivierter Polizist aus dem Norden steht. Hauptmann Bellodi soll den brutalen Mord an einem Bauunternehmer aufklären. Doch der Ermittler scheitert trotz hoher Professionalität und drückender Beweise an der Omertà, dem Schweigen der Bevölkerung aus Angst vor der Mafia.

Doch Partinico stand schon vor Sciascias 1961 veröffentlichtem Roman im Geruch des organisierten Verbrechens. Der italienische Sozialreformer und deklarierte Pazifist Danilo Dolci machte die Kleinstadt daher zur Basis seiner gewaltfreien Aktivitäten. Als er entdeckte, dass die Mafia sogar die Wasserversorgung des landwirtschaftlich genutzten Gebietes kontrollierte, trat Dolci in den Hungerstreik. Er forderte die Errichtung eines Staudamms am Fluss Jato, denn die Brunnen waren fest in der Hand der Bosse. Das daraus gewonnene lebensnotwendige Wasser ließen sie sich teuer abkaufen. Mit dem Damm – so die Idee Dolcis – sollte die Bevölkerung den freien Zugang zu den Wasserreserven erhalten und damit eine bessere Lebensgrundlage bekommen.

Unter dem Eindruck der Not der Menschen und ihrer Unterdrückung durch die allgegenwärtige Cosa Nostra gründete Dolci 1958 in Partinico ein Forschungsinstitut zur Entwicklung von Arbeitsplätzen, das Centro Studi e Iniziative per la piena Occupazione. Revolution, das heißt, jedem Einzelnen Verantwortung geben, war eines von Dolcis Leitmotiven. Nur so, war er überzeugt, können die Verbindungen von Politik und Mafia gekappt werden. Internationales Aufsehen hatte der „Gandhi Siziliens“ bereits zwei Jahre zuvor erregt. Sein „Umgedrehter Streik von Partinico“, "lo sciopero alla rovescia", wurde von vielen Medien aufgenommen, aber auch kontrovers diskutiert. Dolci legte den Finger auf eine offene soziale Wunde und ein bis dahin weitgehend ignoriertes Problem: Bezahlte Arbeit gab es in der meist bitterarmen und vom organisierten Verbrechen dominierten Region so gut wie keine.

Die Grundidee war die: Wenn ein Arbeiter, um zu protestieren, streikt, dann muss ein Arbeitsloser, der sein Recht auf Arbeit einfordern will, arbeiten. Gemeinsam mit hunderten Arbeitslosen begann Dolci eine völlig kaputte, für die lokale Infrastruktur jedoch unverzichtbare Landstraße zu reparieren. Die Polizei schritt ein und löste die Aktion prompt auf. Dolci wurde wegen subversiver Tätigkeit verhaftet und vor Gericht gestellt. Ein Jahr nach dem Prozess, der mit einem Freispruch endete, erhielt er den Lenin-Friedenspreis. Mit dem Preisgeld finanzierte Dolci sein Institut, das die „Selbstanalyse des Volkes“ fördern und letztlich zum Ende der Mafia beitragen sollte.

Als Giusy Vitale geboren wird, gehört der Westen Siziliens nach wie vor zu den am schlechtesten entwickelten Gebieten Europas. Der Staudamm war zwar errichtet worden, doch die gesellschaftspolitischen Ideen Danilo Dolcis sind nie umgesetzt worden. Und die von Sciascia exzellent beschriebene Omertà ist omnipräsent. Partinico ist weiter eine unbezwingbare Mafia-Hochburg.

Gesprochen wird zuhause wenig, erzählt Giusy Vitale nach ihrer Verhaftung. Geschlagen hingegen viel. Ihre Brüder setzen selbst innerhalb der Familie auf brachiale Gewalt und die Überzeugungskraft ihrer Fäuste. Sie bestimmen, was zu tun oder zu lassen ist. Widerrede ist zwecklos und bringt meist gebrochene Knochen sowie blaue Flecken. Es ist eine archaische Welt mit ungeschriebenen, menschenverachtenden Regeln, in der Giusy aufwächst. Für Bildung und Schule ist da wenig Platz. Erst recht nicht, wenn es sich um ein Mädchen handelt. Mehr als der Pflichtschulabschluss ist für sie nicht vorgesehen, obwohl sie, wie sie selbst sagt, „recht gut und auch fleißig war“. Giusys Lieblingsfächer Rechnen und Sport werden bald durch andere Interessen ersetzt. Mit 14 Jahren bleibt sie zuhause, hilft der Mutter und geht mit dem Vater auf die Felder.

Die Eltern Vitale sind – wie die meisten in und um Partinico – Bauern. Der Vater bestellt den Boden und versorgt die Kühe, seine große Liebe gehört jedoch den Pferden. Ein Pferd ist in Sizilien mehr als nur ein edles Tier. Es ist ein stolzes Symbol und untrennbar mit der Figur der gabellotti verbunden: Pächter, die die Latifundien der Barone betreuten. Sie galten als Bindeglieder zwischen dem Adel und den einfachen Bauern und hatten im Laufe der Zeit Polizeiaufgaben und Gerichtsbarkeit übernommen. In den meisten Fällen waren die gabellotti aber auch die Mafiosi des jeweiligen Ortes. Hoch zu Ross und mit einem Gewehr über der Schulter haben sie bis in die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts ihre Herrschaft im immer noch feudal geprägten Sizilien ausgeübt.

Auch Giusy liebt Pferde. Schon als Kind lernt sie reiten und sie gibt diese Leidenschaft nicht einmal dann auf, als sie hochschwanger ist. Aber Giusy liebt auch Waffen. Gewehre und Pistolen gehören zum Inventar der Familie Vitale und so lernt sie bereits in jungen Jahren „mit Waffen umzugehen“. Während andere Mädchen ihres Alters mit Puppen spielen und von einem Märchenprinzen träumen, ergründet Giusy die Unterschiede zwischen Revolvern, Pistolen und halbautomatischen Handfeuerwaffen. Sie ist fasziniert von den Details und besonders angetan von der Lieblingswaffe ihres Bruders Vito, die so klein ist, dass sie leicht versteckt werden kann. Später wird auch sie „das rauschartige Vergnügen verspüren, wenn man bewaffnet umhergeht“.

Auf die Frage des Richters, wann sie begriffen habe, dass ihre Brüder für die Mafia arbeiten, sagt die Angeklagte Giusy Vitale: „Mit rund achtzehn Jahren oder wahrscheinlich schon etwas früher.“ In dieser Zeit wird ihr auch bewusst, dass ursprünglich eine andere Familie den Ort beherrscht hat – die Familie Geraci – und dass ihre Brüder darum kämpfen, diese zu verdrängen. Je härter der Kampf um die Herrschaft wird, desto brutaler und skrupelloser werden ihre Geschwister, die nie ein wirkliches Interesse an einer Tätigkeit in der Landwirtschaft gezeigt haben. Doch Giusy ist trotz der gewalttätigen Ausbrüche ihrer Brüder immer in ihrer Nähe und immer zu ihren Diensten. Lange Zeit versteht sie nicht, was tatsächlich vorgeht. Aber auch als sie die Zusammenhänge zu begreifen beginnt, ist sie stets überzeugt, dass ihre Familie ein Opfer der Justiz ist.

Stolz und Ehrfurcht erfüllen sie, als ihr ältester Bruder Leonardo, das tatsächliche Familienoberhaupt der Vitale, zum Boss von Partinico aufsteigt. Ab diesem Zeitpunkt vertritt Leonardo nicht mehr nur die eigene Familie, sondern auch die Mafia-Familie. Als neuer lokaler Regent agiert er jedoch nicht allein, sondern ist einem der berüchtigtsten Mafiosi aller Zeiten unterstellt: Totò Riina. Die Vitale sind ab nun Teil der kriminellen Oberliga Siziliens.

Im Banne der Corleoneser

Salvatore Riina, meist Totò oder wegen seiner Körpergröße von 158 cm auch „U Curtu“, „der Kurze“, genannt, stammt aus dem Bergstädtchen Corleone, einst einer der gefährlichsten Orte Italiens und in der Nähe des sogenannten sizilianischen Todesdreiecks Bagheria, Altavilla und Casteldaccia gelegen. Die Gegend wies in den 1950er-Jahren eine der höchsten Mordraten der Welt auf. Allein von 1943 – 1961 wurden in Corleone 52 Morde verübt und zwei Dutzend Mordversuche registriert. Viele Menschen verschwanden außerdem spurlos.

1963 wurde im Todesdreieck ein grausiger Fund gemacht. In einem Felsloch entdeckten Carabinieri die Überreste Dutzender Leichen. Untersuchungen ergaben, dass es sich um Opfer von Verbrechen handelte. Die Stätte erhielt den Namen „Friedhof der Mafia“. Hier wuchs der Bauernsohn Salvatore Riina auf und hier beging er bereits als Jugendlicher seinen ersten Mord. Sein Weg war vorgezeichnet.

In den 1960ern wurde Sizilien vom Ersten Mafia-Krieg erschüttert. Der brutale Kampf um Macht und Einfluss in der Cosa Nostra forderte viele Menschenleben. Riina war als rechte Hand des damaligen Bosses Luciano Liggio einer der Hauptakteure dieser blutigen Fehde. Innerhalb kürzester Zeit machte der 1930 geborene Corleoneser eine Verbrecherkarriere, die ihresgleichen sucht. Er mordete ohne Skrupel.

Viel zitiert ist heute sein Ausspruch: „Wenn du jemanden erschießt, dauert das eine Sekunde, wenn du einen Raub begehst, dann brauchst du dafür mehr Zeit.“ „La belva“, die Bestie, nennen ihn daher später die italienischen Medien.

Bis zu seiner Verhaftung 1993 war Riina fast zweieinhalb Jahrzehnte flüchtig. Sein Leben im Untergrund hatte ihn jedoch nicht daran gehindert, die Führung der Corleoneser Familie zu übernehmen. Im Gegenteil. Riina siegte auf allen Linien. Doch der gnadenlose Boss wollte mehr. Er strebte die Vorherrschaft in der gesamten Cosa Nostra an. Es waren goldene Zeiten für die Mafia. Die Verbrecherorganisation war groß in den Drogenhandel eingestiegen und sie machte höchst lukrative Geschäfte im florierenden Bauwesen. Der Kuchen sollte daher umverteilt und die Karten neu gemischt werden.

So kam es 1981 zur mattanza, zum Zweiten Mafia-Krieg. Die zwei Jahre andauernde Fehde erwies sich als noch brutaler und noch blutiger als die erste. Rund 1000 Menschen wurden auf oft bestialische Art und Weise getötet, ganze Clans vernichtet und selbst unschuldige Verwandte ermordet. Jede nur mögliche Rache sollte von vornherein im Keim erstickt werden. Wie in einem Vernichtungsfeldzug löschten die Corleoneser die gegnerischen Familien aus. Am Ende siegte die Corleone-Fraktion mit ihren Untergruppen und sicherte sich die Vorherrschaft in Sizilien. „Sie ist stärker, vereinter, hierarchischer und undurchsichtiger denn je“ aus diesem Krieg hervorgegangen, stellte Italiens berühmtester Anti-Mafia-Richter, Giovanni Falcone, fest, der zehn Jahre später durch eine Bombe der Cosa Nostra ums Leben kommen sollte.

Das ist das Umfeld, in dem Giusy Vitale aufwächst.

„Ich war immer wie ein wilder Junge“, sagt sie über ihre Kindheit und Jugendzeit. Mit vierzehn Jahren fährt sie bereits Auto, sie schuftet mit Vergnügen in der Landwirtschaft, trägt Hosen und Stiefel wie die Arbeiter in den Ställen. Vergnügungen außerhalb der eigenen vier Wände kennt sie nicht. Erste Versuche, sich hin und wieder ein wenig zu schminken, werden von den Brüdern auf das Schärfste verurteilt. Wenn sie ohne Erlaubnis das Haus verlässt oder am Fenster hinter dem Vorhang Ausschau nach jungen Männern hält, hagelt es Prügel. Durch eine Ohrfeige reißt ihr eines Tages das Trommelfell. Giusy lernt ihre Weiblichkeit zu verdrängen. Sie rechtfertigt die Grausamkeit ihrer Brüder vor sich selbst einmal mehr im Namen ungeschriebener Mafia-Verhaltensregeln. Ihre Familie ist anders als die ihrer Freundinnen. Giusy hat noch weniger Spielraum als gleichaltrige Mädchen auf dem Land in Sizilien. Sie wächst streng bewacht auf, wie ein Soldat der Reserve in Ausbildung für das Heer des Clans.

Doch die Schwester, die ihre Brüder abgöttisch verehrt, ordnet sich nicht immer unter. Sie muckt auf und wählt den Mann, mit dem sie dieser Enge entkommen will, selbst aus. Ein Affront für die Brüder, der dadurch umso größer wird, als der zukünftige Ehemann nicht aus dem Mafia-Milieu stammt. Das Nein von Leonardo und Vito ist kategorisch und zeigt sich in Prügel für die Schwester und die Eltern.

Eines Tages – so erzählt Giusy Vitale der Schriftstellerin Camilla Costanzo – lädt ihr Bruder Leonardo sie zu einer Fahrt aufs Land ein. Die junge Frau hofft auf ein klärendes Gespräch mit dem ältesten Bruder und auf seine Zustimmung zur Hochzeit. Doch sie legen den Weg schweigend zurück, bis Leonardo vor einem großen Baum Halt macht. Kaum sind sie ausgestiegen, packt er ihren Kopf und dreht ihn brutal nach oben, wo sich ihr ein grauenhaftes Bild auftut. Von den Ästen hängen, durch Schlingen verbunden, fünfzehn inzwischen erstarrte Hundekörper. Einige seiner Schafe sind von einem Hund gerissen worden, erklärt Leonardo drohend seiner Schwester. Aus Wut habe er alle streunenden Hunde, die er fand, dafür verantwortlich gemacht und lebendig aufgehängt. „Da siehst du, wie es einem ergehen kann, wenn man mich nicht respektiert. Nur so werden sie lernen.“

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