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Eveline Schulze Mörderisches Sachsen
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Frage: Sie sagen, Sie waren bei Ihrer Freundin. Wer war denn Ihre Freundin?
Antwort: Das war meine spätere Frau.
Frage: Wie heißt sie denn?
Antwort: Wie sie jetzt heißt?
Frage: Ist sie wieder neu verheiratet?
Antwort: Soviel ich weiß, ist sie nicht wieder verheiratet.
Frage: Wie hieß sie denn damals?
Antwort: Ursula Tzscherlich.
Frage: Und sie wohnt hier in Zittau?
Antwort: Hier in Zittau. Neusalzaer Straße 3.
Frage: Sie waren also bei Ihrer damaligen Freundin?
Antwort: War damals bei meiner Freundin zu Besuch und bin dann nach Hause gegangen. Ich wollte nach Hause, und unterwegs dann, da ist das passiert.
Frage: Von der Neusalzaer Straße kamen Sie. Wie sind Sie denn da gelaufen?
Antwort: Die Neusalzaer Straße reingelaufen über die Freudenhöhe und dann bloß auf der Äußeren Weberstraße reingegangen bis zur Weberkirche, also beim Volkshaus vorbei und dann der Frau hinterher.
Frage: Auf welcher Straßenseite sind Sie denn gelaufen? Sie sind also aus der Richtung Stadtgrenze in Richtung Stadtmitte, und auf welcher Straßenseite sind Sie da gegangen?
Antwort: Auf der linken Straßenseite. Bloß auf der linken Straßenseite.
Frage: Und welches Gebäude liegt auf der linken Straßenseite?
Antwort: Da liegen mehrere Gebäude.
Frage: Welches besondere Gebäude liegt dort?
Antwort: Das Volkshaus.
Frage: Sie sind demnach direkt am Volkshaus vorbeigelaufen?
Antwort: Da bin ich direkt vorbeigegangen.
Frage: Wie war denn der Betrieb auf der Straße?
Antwort: Es war sehr ruhig schon, weil schlechtes Wetter war. Es war trübe, und es war regnerisch. Es war nasses Wetter.
Frage: Haben Sie jemanden dort getroffen?
Antwort: Nein, gar niemanden. Keinen Bekannten und niemanden getroffen.
Frage: Waren Sie schon am Volkshaus vorüber, oder war es noch vor dem Volkshaus, wo Sie der Frau begegnet sind? Oder wo Sie die Frau das erste Mal gesehen haben. Erzählen Sie doch bitte nochmals, wie das mit der Frau gewesen ist.
Antwort: Kurz vor dem Volkshaus, wo ich kurz vor dem Volkshaus laufe, da kommt die Frau aus dem Volkshaus raus. Früher sind auch schon zwei Eingänge gewesen. Der eine Eingang oder Aufgang zum Hotel und zur Gaststätte, und zuvor der Eingang zum Saal, zum Tanzsaal. Und jetzt da ist es auch so, nur man hat jetzt gebaut, und es ist einiges verändert worden. Aber die Frau kam von der Gaststätte.
Frage: Wenn Sie also aus Richtung Freudenhöhe kamen, der wievielte Eingang: der erste oder der zweite?
Antwort: Von der Freudenhöhe gesehen: der zweite Eingang. Wenn man von der Freudenhöhe kommt, ist der erste Eingang zum Saal und der zweite zur Gaststätte.
Frage: Und die Frau ist wo rausgekommen?
Antwort: Von der Gaststätte.
Frage: Hat die Frau Sie gesehen, und haben Sie sie angesprochen? Oder wie war das?
Antwort: Ich kannte die Frau gar nicht, und sie hat mich vielleicht auch nicht gesehen. Oder ich weiß es nicht, ob sie mich bloß kurz gesehen hat, oder sie hat auch nicht dergleichen getan.
Frage: Die Frau ist also gekommen, ist rausgegangen aus dem Grundstück. In welche Richtung ist die Frau gelaufen?
Antwort: In Richtung Stadt, Stadtmitte. Vielleicht wollte sie zum Handelshof. Vielleicht wollte sie, weil sie bei der HO gearbeitet hat, vielleicht wollte sie zum Handelshof.
Frage: Woher wissen Sie denn, dass diese Frau bei der HO gearbeitet hat? Ich denke, Sie haben die Frau nicht gekannt.
Antwort: Ich hab die Frau nicht gekannt.
Frage: Sie sagten doch eben, sie hätte bei der HO gearbeitet.
Antwort: Sie kam mit dem Bauchladen.
Frage: In welcher Entfernung waren Sie denn, als die Frau aus dem Volkshaus kam?
Antwort: Bloß so kurz vorher.
Frage: Wie viele Meter mögen das gewesen sein?
Antwort: Vielleicht drei bis vier Meter ungefähr.
Frage: Können Sie anhand dieses Zimmers ungefähr andeuten, in welcher Entfernung das gewesen sein könnte? Sie waren ziemlich dicht dran an dieser Frau?
Antwort: Ich war ziemlich nahe, ja.
Frage: Wie viele Meter schätzen Sie?
Antwort: Es waren keine vier Meter. Es waren knapp drei Meter.
Frage: Haben Sie mit der Frau gesprochen?
Antwort: Nein.
Frage: Hat die Frau Sie angeschaut?
Antwort: Das weiß ich nicht.
Frage: Wo haben Sie denn dieses Eisen gefunden?
Antwort: Auch auf der Äußeren Weberstraße. Nein, auf der mittelsten Straße nicht, sondern so seitlich am Fußweg.
Frage: Wo denn da? Sie sind doch Zittauer.
Antwort: Nein, ich bin nicht Zittauer. Ich wohne bloß seit 1945 in Zittau.
Frage: Beschreiben Sie mir doch bitte einmal, wo Sie das Eisen gefunden haben.
Antwort: Ungefähr bei Karosserie Winter.
Frage: Das ist doch ein ganz schönes Stück entfernt vom Volkshaus.
Antwort: Das sind ein ganz paar Meter.
Frage: Und wo hat das Eisen denn dort gelegen?
Antwort: So seitlich am Fußweg.
Frage: Und weshalb haben Sie das Eisen überhaupt mitgenommen? Wozu brauchten Sie es?
Antwort: Ich wollte … Ich hatte mir schon vorgenommen, so etwas zu tun.
Frage: Was hatten Sie sich vorgenommen?
Antwort: Wegen meinem Cousin. Es mag etwas eigenartig klingen, aber mein Cousin ist im Krieg geblieben, und ich wollte meinen Cousin rächen.
Frage: Was hat Ihr Cousin mit dieser Frau zu tun, die Sie doch gar nicht kannten?
Antwort: Es mag eigenartig klingen, aber …
Frage: Wie heißt denn Ihr Cousin?
Antwort: Der heißt wie ich.
Frage: Morche. Und sein Vorname?
Antwort: Auch Karl.
Frage: Wo hat der denn gewohnt, Ihr Cousin?
Antwort: In Friedland, in den Sudeten.
Frage: Hat er noch Angehörige?
Antwort: Nein, der lebt nicht mehr.
Frage: Ich meine seine Verwandten. Seine Mutter zum Beispiel.
Antwort: Seine Mutter ist 1946 in Westdeutschland gestorben.
Frage: Wer kennt diesen Cousin noch? Haben Sie noch Angehörige?
Antwort: Bloß meinen Bruder.
Frage: Wo lebt denn Ihr Bruder?
Antwort: Auch in Westdeutschland.
Frage: Wen haben Sie denn noch hier wohnen, bei uns in der Republik?
Antwort: Meinen Jungen, und hier in Zittau wohnt eine Cousine von mir. Die wohnt in Zittau in der Willi-Gall-Straße. Sie hat auch erst in der Äußeren Oybiner Straße gewohnt.
Frage: Wie heißt sie denn?
Antwort: Rosl Hübner.
Frage: Frau Hübner müsste ja Ihren Cousin, der im Krieg geblieben ist, auch kennen.
Antwort: Den hat sie gekannt.
Frage: Sie sagten vorhin, Sie hätten sich das schon früher einmal vorgenommen. Was ist darunter genau zu verstehen?
Antwort: Vielleicht schon einige Wochen vorher.
Frage: Hatten Sie einen bestimmten Plan?
Antwort: Nein, keinen bestimmten Plan. Bloß vielleicht hat das mitgespielt an diesem Abend, weil bei meiner Schlechtigkeit und bei der Tat, die ich begangen habe, das Wetter günstig war, und so konnte das dann den nächsten Tag oder die nächsten Tage oder in den nächsten Wochen nach der Tat im Jahre 1949 … konnte das nicht gleich aufgeklärt werden.
Frage: Das verstehe ich nicht: Es konnte nicht gleich aufgeklärt werden. Was hat das denn mit dem Wetter zu tun?
Antwort: Mit den Fußspuren und so.
Frage: Sie haben also geglaubt, da hinterlassen Sie keine Spuren, wenn schlechtes Wetter ist? Hat es denn so kräftig geregnet?
Antwort: Es hat ganz schön geregnet.
Frage: Was haben Sie an diesem Tag angehabt?
Antwort: Das weiß ich nicht mehr so genau.
Frage: Sie haben also dieses Eisen gefunden. Warum haben Sie es mitgenommen?
Antwort: Ich hatte mir vorgenommen, so etwas zu tun.
Frage: Haben Sie das Eisen wirklich dort gefunden?
Antwort: Das war so am Zaun, und da habe ich es weggenommen.
Frage: Sie sind also der Frau hinterhergegangen. Sie sagen selbst, Sie wären ziemlich dicht hinter der Frau gelaufen, und es sei sehr wenig Betrieb auf der Straße gewesen.
Antwort: Es war sehr wenig Betrieb auf der Straße. Man kann sagen: Es war sonst niemand zu sehen. Vielleicht so im Volkshaus, da sind Leute gewesen, aber draußen ist niemand zu sehen gewesen.
Frage: Wie ist die Geschichte dann weitergegangen? Sie sind also der Frau gefolgt. Sie liefen also vom Volkshaus aus auf welcher Seite? Links oder rechts?
Antwort: Auf derselben Seite, wo das Volkshaus ist, wo jetzt die PGH Bild und Ton ist, und beim Hirsch vorbei, wo jetzt die Textilverkaufstelle ist. Da ist die Frau über die Straße der Roten Armee gegangen. Damals ist das noch etwas anders gewesen, da ist später viel gebaut worden, an der Weberkreuzung. Vor einigen Jahren ist an der Weberkreuzung so eine Insel gebaut worden, aber verkehrsmäßig wird das nicht richtig genützt. Der Ring ist Einbahnstraße, und wenn man die Äußere Weberstraße mit dem Auto fährt, da müssen die Autos halten, weil die Autos am Grünen Ring, also die von der Straße der Roten Armee runter kommen und in die Innere Weberstraße einbiegen wollen bzw. nach der Dr.-Brinitzer-Straße fahren wollen, dann müssen die Autos warten auf der Äußeren Weberstraße. Damals, 1949, da ist die Straße gleich gewesen, da war das noch nicht so gebaut, da waren noch keine Ampeln, und da konnte man und da war bloß … kam man so beim Hirsch vorbei auf dem Bürgersteig … und dann runter auf die Straße, und die Straße war glatt. Jetzt ist sie ein bissel anders gebaut.
Frage: Waren damals schon die Ketten dort?
Antwort: Sie meinen die Schutzketten? Ich glaube, da waren schon welche. Aber nicht so lange, weil das … was weiß ich … weil jetzt alles anders gebaut ist.
Frage: Die Frau ging also hinüber zur Weberkirche?
Antwort: Die Frau ist über die Straße gegangen und wollte in die Stadtmitte, in Richtung Handelshof.
Frage: Der Handelshof ist aber doch ganz hinten. Was kommt denn da zunächst erst mal, wo die Straße hochläuft?
Antwort: Hinter der Weberkirche kommt erst das jetzige Fischgeschäft. Also früher war dort auch schon ein Fischgeschäft … Die wollte auf derselben Seite laufen. Aber bei der Weberkirche habe ich zugeschlagen.
Frage: Wo denn da bei der Weberkirche?
Antwort: Bei der Frau?
Frage: Die Frau war doch immer vor Ihnen gewesen. Sie sagten vorhin: etwa vier Meter.
Antwort: Bei der Weberkirche. Da habe ich sie eingeholt.
Frage: Haben Sie mit der Frau gesprochen? Das muss sie doch bemerkt haben?
Antwort: Nein. Sie hat sich vielleicht darauf konzentriert, den Bauchladen im Handelshof abzugeben.
Frage: Wie lief die Frau? Langsam oder schnell?
Antwort: So mittelmäßig. Nicht schnell und nicht langsam. So mittleres Tempo.
Frage: Sie konnten das Tempo mithalten?
Antwort: Ich konnte das Tempo mithalten. Damals habe ich noch nicht geraucht. Damals kriegte ich noch besser Luft beim Laufen.
Frage: Sie sind also der Frau nachgelaufen und kamen dann zur Weberkirche.
Antwort: Bei der Weberkirche kommt man wieder auf den Bürgersteig, den Fußweg, und wenn man über die Straße der Roten Armee läuft, da geht es zum Haupteingang hoch, also ich weiß nicht, wie das früher war. Links geht es zum Friedhof, so in den Garten rein bei der Weberkirche. Und wenn man so über die Straße der Roten Armee kommt und man will zur Weberkirche, da geht’s die Stufen hoch, und da ist der Haupteingang, und an dem Fußweg hier vorbei, da ist dann, wenn man schon ein Stück rum ist, da ist so eine kleine Tür … Da habe ich zugeschlagen. Da sind so Bäume in der Nähe, und es war finster, nicht so eine gute Straßenbeleuchtung wie heute, und das Wetter, das trübe Wetter, und es war finster.
Frage: Zeigen Sie bitte, wie Sie zugeschlagen haben.
Antwort: Ich habe mit links zugeschlagen, weil ich Linkshänder bin. Wenn ich Holz hacke – bloß mit links. Oder wenn ich einen Ball werfe. Mit links kann ich weiter werfen als mit rechts. Mit rechts bin ich ungeschickt. Da kann ich weiter werfen, und wenn ich Holz hacke, bin ich mit links kräftiger.
Frage: Versuchen Sie mal mit diesem Bleistift zu demonstrieren, wie Sie zugeschlagen haben.
Antwort: Nur mit der einen Hand. Nur mit der linken Hand.
Frage: Wo haben Sie die Frau getroffen?
Antwort: Auf den Kopf.
Frage: Wo genau auf dem Kopf?
Antwort: Hier oben so.
Frage: Sie zeigen auf den Hinterkopf. Oder war es die Wirbelgegend, etwa hier?
Antwort: Soviel ich erkennen konnte … Da waren so zusammengenähte Rüschchen, und darunter ein Streifen.
Frage: Sie haben also zugeschlagen. Und was ist dann geschehen?
Antwort: Die Frau ist gestürzt und dann liegen geblieben. Ich habe dann …
Frage: Hat die Frau noch was gesagt?
Antwort: Gar nicht. Sie konnte auch nichts mehr sagen.
Frage: Warum konnte sie nichts mehr sagen?
Antwort: Weil sie schon tot war.
Frage: Sie war schon tot? Woher wissen Sie das so genau?
Antwort: Sie bewegte sich nicht mehr.
Frage: Was hatte die Frau an?
Antwort: Sie hatte ein Kleid an. Oder einen Rock.
Frage: Ist Ihnen noch etwas von der Kleidung der Frau in Erinnerung?
Antwort: Die Frau ist auch etwas größer gewesen als ich. Ich bin ungefähr 1,63 oder 1,64 Meter. Die Frau ist etwas größer gewesen, und sie trug längeres Haar, so einfach frisiert.
Frage: Wie war denn die Gestalt der Frau?
Antwort: Die war etwas größer als ich. Sie war nicht übermäßig dick, aber gut gewachsen und kräftig.
Frage: An Details der Bekleidung können Sie sich nicht mehr erinnern.
Antwort: Da konnte ich nicht viel erkennen, weil es finster war und so duster.
Frage: Was hat denn die Frau alles mit sich geführt? Was hatte sie bei sich?
Antwort: Hauptsächlich den Bauchladen.
Frage: Was war denn in dem Bauchladen?
Antwort: Das weiß ich nicht, was da drin war. Vielleicht … ich weiß auch nicht, wo sie verkauft hat an dem Abend. Vielleicht musste sie noch mal ins Volkshaus gehen und das Geld hinschaffen und so. Nach dem Geld habe ich gar nicht geguckt. Ich habe mich gar nicht um die Frau gekümmert. Ich habe auch nichts gesucht bei ihr. Wegen Geld und so.
Frage: Wie lange haben Sie bei der Frau verweilt? Sie haben zugeschlagen, und dann?
Antwort: Ich habe zugeschlagen und hab mich nicht mehr um die Frau gekümmert. Ich bin dann rübergegangen, in die Innere Weberstraße, wo das Hospital ist. Jetzt ist dort das Feierabendheim »Rosa Luxemburg«. Und da bin ich quer rübergegangen, wo jetzt der Springbrunnen ist, bei den Bänken vorbei, und bin ein Stück durch den Park gelaufen und dann über die nächste Kreuzung, das heißt bei Fuhrmann Hentschel vorbei, nach der Äußeren Oybiner Straße bis zur Mandaubrücke. Dort habe ich das Eisen weggeworfen. Von der Brücke in die Mandau.
Frage: Auf welcher Seite denn?
Antwort: Ich glaube auf der linken Seite. Wenn man die Äußere Oybiner Straße auf die Brücke zugeht, da kommt dann die andere Straße, also es sind beide Straßen Einbahnstraßen … Auf der linken Seite.
Frage: Ist dort nicht so ein kleines Wehr?
Antwort: So ein kleines Wehr, wo das Wasser etwas stärker läuft.
Frage: Haben Sie zugeguckt, wie das Eisen ins Wasser flog, oder woher wissen Sie das so genau?
Antwort: Ich bin noch ein Stück gegangen, dass es ins Wasser runter fällt.
Frage: Warum haben Sie das Eisen denn ins Wasser geworfen?
Antwort: Dass es nicht mehr zu sehen ist.
Frage: Warum denn?
Antwort: Es sollte niemand sehen … Das war so ein rundes Eisen.
Frage: Warum sollte niemand das Eisen sehen?
Antwort: Ich wollte es verschwinden lassen, weil ich so etwas damit getan hatte.
Frage: Was haben Sie dann weiter gemacht?
Antwort: Dann bin ich nach Hause gegangen. Ich bin wieder die Äußere Oybiner Straße zurückgegangen, bei Fuhrmann Hentschel vorbei, über die Kreuzung, und dann ist gleich das Haus Innere Oybiner Straße 28. Das ist so ein großes Eckhaus. Da haben meine Eltern gewohnt, und ich habe damals auch bei meinen Eltern gewohnt. Mein Vater hatte damals eine Maßschneiderei. Ich bin dann durchs Haus gegangen. Meine Eltern waren im Schlafzimmer. Sie schliefen bereits. Ich brauchte bloß durch die Küche zu gehen. Neben der Küche hatte ich mein eigenes kleines Zimmer. Meine Eltern haben gar nicht gemerkt, wann ich nach Haus gekommen bin.
Frage: War das damals oft der Fall, dass Sie spät in der Nacht unterwegs waren?
Antwort: Ich bin öfter mal spät abends nach Hause gekommen.
Frage: Wo sind Sie da gewesen?
Antwort: Bei meiner Freundin. Wir haben uns 1948 bei der Tanzstunde kennengelernt.
Frage: Erzählen Sie bitte weiter.
Antwort: Ich bin nach Hause gekommen und musste mich erst waschen. Und meine Kleidung musste ich aufräumen, und dann bin ich nach und nach schlafen gegangen.
Frage: Was trugen Sie in dieser Nacht für Kleidung?
Antwort: Das weiß ich jetzt auch nicht mehr so genau, ob ich jetzt lange Hosen oder Knickerbocker … Ich trug damals auch so eine Jacke mit Sattel. Das wurde damals getragen. Von zweierlei Stoff. Es war so heller Stoff, und oben so ein Sattel eingearbeitet.
Frage: War an der Kleidung Blut zurückgeblieben?
Antwort: Nein. Da war nichts zurückgeblieben.
Frage: Haben Sie sich an der Weberkirche über die Frau gebeugt?
Antwort: Nein. Ich habe mich nicht mehr nach der Frau umgesehen.
Frage: Nach dem Schlag sind Sie gleich weggelaufen?
Antwort: Ein bissel erschreckt bin ich schon. Aber ich habe mich dann nicht mehr um die Frau gekümmert. Ich bin dann über die Innere Weberstraße davongelaufen.
Frage: Nachdem Sie mit der Eisenstange zugeschlagen hatten, haben Sie sich die Frau angeschaut?
Antwort: Ich wollte bloß sehen, dass ich …
Frage: Was ist aus dem Bauchladen geworden?
Antwort: Der ist bei der Frau geblieben.
Frage: Wie lag die Frau? Wie ist sie gestürzt?
Antwort: Sie ist nach vorn gestürzt.
Frage: Erklären Sie das näher.
Antwort: Die Frau ist vor mir gegangen. Ich hatte in der linken Hand die Eisenstange. Und so habe ich sie geschlagen. Die Frau ist dann vornüber gestürzt.
Frage: Wie hat die Frau dann gelegen?
Antwort: Die hat also ein … an der Biegung an der Weberkirche hat sie gelegen. Nicht auf der Straße, sondern auf dem Fußweg, also auf dem Bürgersteig. An der Mauer an der Weberkirche.
Frage: Würden Sie die Stelle wiederfinden? Könnten Sie uns diese zeigen?
Antwort: Die könnte ich Ihnen zeigen.
Frage: Sie wissen ganz genau, wo das war?
Antwort: Hinter der Türe.
Frage: Wie hat die Frau gelegen?
Antwort: Mit dem Kopf auf die Mauer zu.
Frage: Und die Füße? In welche Richtung zeigten sie?
Antwort: So ungefähr auf die Kreuzung zu.
Frage: Und wie war die Lage der Arme?
Antwort: So an der Seite, oder beim Bauchladen. So. Ich habe ja bei der Frau nicht gewartet. Ich kann das nicht so genau sagen. Der Bauchladen ist kaputtgegangen durch den Aufprall, als sie gestürzt ist.
Frage: Wie oft haben Sie zugeschlagen?
Antwort: Zweimal. Beide Schläge auf den Kopf. Ich habe aber beide Male mit links geschlagen. Nur mit links.
Frage: Haben Sie irgendjemandem von dieser Geschichte erzählt?
Antwort: Habe niemandem etwas erzählt.
Frage: Haben Sie etwas im Kalender oder in einem Tagebuch vermerkt?
Antwort: Da habe ich auch nichts festgehalten. Ich habe mir nichts aufgeschrieben.
Frage: Es ist unwahrscheinlich, dass Sie sich so genau an alles erinnern können. Was hat Sie veranlasst, sich alles so genau zu merken?
Antwort: Mein Freund – vielleicht kennen Sie ihn auch –, der Herr Ferner, der hat mir mal die Geschichte erzählt … Wir sind darauf zu sprechen gekommen, als er mal zu Besuch bei mir war. Kollege Ferner arbeitet in der Verwaltung vom VEB Robur, in der Materialverbrauchs-Normung. Das war schon in der neuen Wohnung, also nach 1962. Mein Vater ist 1962 gestorben, ich konnte damals die große Wohnung nicht behalten. Bekam dann 1962 die Zwei-Zimmer-Wohnung in der Inneren Oybiner Straße, wo ich jetzt wohne. Da sind wir mal ins Gespräch gekommen. Ich weiß nicht, wodurch ich angeregt wurde, durch Zeitungen, Radio oder so. Wir kamen darauf zu sprechen, von der Frau, die an der Weberkirche damals erschlagen wurde. Da hat er mir erzählt, dass er den Mord entdeckt hat. Er ist später dort gewesen. Woher er gekommen ist, weiß ich nicht. Er wohnte damals auch schon in der Dr.-Friedrich-Straße. Aber sonst haben wir weiter nicht mehr davon gesprochen.
Frage: Hat die Frau geschrien, als Sie sie mit der Eisenstange schlugen?
Antwort: Hat nicht geschrien. Weil es schnell gegangen ist.
Frage: Sind Sie am nächsten Tag noch einmal dorthin gegangen? Haben Sie sich umgesehen, ob Sie eventuell etwas verloren hatten?
Antwort: Am nächsten Tag wurde von dem Mord bei uns in der Werkstatt erzählt. Mein Vater hatte eine Maßschneiderei und mehrere Gehilfen beschäftigt. Und da sind viele Leute, auch welche aus unserer Straße, dann zur Weberkirche gelaufen und haben sich das angesehen. Mittlerweile war aber der Tatort schon abgesperrt und die Frau mit einer Plane zugedeckt. Ich habe mir das nicht angesehen. Ich weiß es nur vom Erzählen her. Ich bin nicht hingegangen.
Frage: Herr Morche, wie kommt es, dass Sie heute, nach so vielen Jahren, zu uns gekommen sind und ein Geständnis abgelegt haben? Hat Sie jemand geschickt?
Antwort: Nein, es hat mich niemand geschickt.
Frage: Gab es einen Moment, einen Grund, der Sie veranlasst hat, hierherzukommen?
Antwort: Vielleicht trug dazu bei, weil ich mit nach der ČSSR fahren wollte. Aber da habe ich mir gesagt: Du musst erst mal das melden. Du musst erst mal fragen. Ich hätte das schon viel eher sagen sollen.
Frage: Mit wem wollten Sie in die Tschechoslowakei fahren?
Antwort: Mit Arbeitskollegen aus dem Betrieb. Es sollte auch in die alte Heimat gehen, nach Friedland und ins Isergebirge, nach Gablonz und Reichenberg. So hat es mir ein Kollege am Telefon gesagt. Und da ist gestern Vormittag ein Kollege bei mir gewesen und hat gesagt, ich sollte einen Tagesausweis im Kreispolizeiamt holen, das ist bis 18 Uhr geöffnet. Und er sagte auch, es sind viele Leute, da kannst du auch später gehen. Als ich zur Anmeldung kam, wo es die Formulare gibt, war schon geschlossen.
Frage: War das der Anlass, dass Sie zu uns gekommen sind? Haben Sie meine Frage verstanden?
Antwort: Ich hätte schon viel eher kommen sollen.
Frage: Und warum sind Sie nicht schon früher gekommen?
Antwort: Manchmal dachte ich, ich käme darüber hinweg. Aber da kam ich nicht drüber weg. Das kann man nicht einfach vergessen.
Frage: Sie haben bis 1952 eine sehr ansprechende Entwicklung genommen. Sie haben die Volksschule, Hauptschule, dann die Oberschule besucht, haben einen Beruf erlernt …
Antwort: Ich bin in Friedland zur Schule gegangen.
Frage: 1952 wurden Sie erstmals in die Nervenheilanstalt Großschweidnitz eingeliefert. Was war der Anlass dafür?
Antwort: Also, man kann sagen, 1952 bin ich das erste Mal hingekommen. Aber das war keine eigentliche Behandlung. Das war mehr zur Beobachtung. 1953 bin ich das erste Mal zur Behandlung hingekommen.
Frage: Was hat man denn 1952 bei Ihnen beobachtet?
Antwort: Das weiß ich nicht.
Frage: Wer hat Sie denn nach Großschweidnitz geschickt? Sind Sie von allein hingegangen?
Antwort: Nein. Herr Dr. Knoch-Weber hat mich überwiesen. Wegen meinem nervlichen Zustand. Erst bin ich depressiv gewesen, dann bin ich wieder lebhaft und unruhig gewesen. Das fing 1952 an.
Frage: Warum hat das 1952 angefangen? Gab es einen Grund?
Antwort: Vielleicht berufliche Anstrengungen. Es hat 1952 vor meiner Verlobung angefangen, da war ich beruflich überanstrengt. Da war ich niedergeschlagen. Vielleicht sollte ich mich nicht erst verloben …
Frage: Worauf ist die Nervengeschichte zurückzuführen?