Richard Schuberth Bus nach Bingöl
Bus nach Bingöl
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Richard Schuberth Bus nach Bingöl

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Seien Sie nicht so hart gegen all die einfachen Menschen, die ungebildeten Frauen, die ihr Kopftuch tragen. Das sind keine Islamistinnen. Das Problem: Sie sind leicht manipulierbar. Ich bin ein Bauernsohn. Ich weiß, wie dumm Bauern sein können. Aber sie haben mitunter auch eine wunderbare Großzügigkeit und Herzensgüte. Und das sage ich ohne jede Spur der Idealisierung. Doch die Moderne hat sie verwirrt. Sie widerstehen den gefährlichen Ideologien, wie religiösem Eifer, Nationalismus und Faschismus schon aufgrund ihrer eigenen Unbeweglichkeit am längsten. Sobald es sie aber einmal erwischt hat, werden sie ihre willfährigsten Vollstrecker. Ich hatte mit 18 an den Leninismus wie an eine Religion geglaubt. Und musste erst lernen, ihn kritisch zu befragen. Aber stellt ihr Liberalen mehr Fragen als die Leute, denen ihr euch so überlegen fühlt?

Dilek, Schwester, ich kann dir nur sagen, bekämpfe das Wirtschaftssystem. Dort wo es sich smart und zivilisiert und ausgewogen und vernünftig gibt. Ich habe keine schönen Aussichten. Zeit meines Lebens habe ich gegen Apokalyptiker geschimpft, und das mit guten Gründen. Aber diesmal ist es anders. Ich kann in die Zukunft sehen, und was ich dort sehe, macht mir Angst. Die Türkei ist konservativer geworden, doch gleichzeitig scheint es, dass sie toleranter gegenüber Minderheiten und wirtschaftlich erfolgreicher ist. Glaub mir, das ist nur eine Phase. Die Ouvertüre zum nächsten Faschismus. Und wir werden nirgends vor ihm fliehen können. Auch nicht in Europa. Die Hölle kehrt wieder. Schwester, du musst dich jetzt schon rüsten gegen die Wiederkehr der Barbarei. Die Hüter des westlichen Lebensstils und der offenen Gesellschaft werden dir ritterlich die Hand und Schutz gegen die Barbaren anbieten. Nimm ihre Assistenz an, um das Schlimmste hinauszuzögern, aber vergiss nie, dass ihre Geschäftsgrundlagen die nie versiegende Quelle der scheußlichen Ideologien sind, gegen die wir uns zu wehren haben. Wer sie zuschüttet, macht dem Spuk ein Ende. Ich fürchte, der Faschismus des vorigen Jahrhunderts war nur ein Aperitif, ein erster Versuchslauf. Wenn ich betrachte, wie die Ökonomie ihre Diktatur festigt, welche Rattenfänger sie auf den Plan ruft und wie schwach und dumm die Linken sind, so steuern wir auf eine schreckliche Eiszeit zu. Und wenn ich realistisch wäre und nicht Berufsverbot, Irrenhaus und Ächtung fürchten müsste, dann würde ich dir raten, sofort alle Banker, Bosse und Spekulanten des freien Marktes zu töten. Würden der Papst und der Dalai-Lama und … komm hilf mir, Schwester … nenne mir noch irgendjemanden, den jeder liebt und cool findet und nicht auf der Straße verbluten lassen oder von der Polizei zusammenschlagen lassen würde wie einen rechtlosen Flüchtling.

Johnny Depp?

Ja, warum nicht. Also würden der Papst und der Dalai-Lama und Johnny Depp gemeinsam in die nahe Zukunft reisen, würden sie nach ihrer Rückkehr keine Sekunde zögern, sie alle umzubringen, wie eine Notmaßnahme, wie das Ausschalten des Zeitzünders in der letzten Sekunde. Und die Blicke des Papstes und des Dalai-Lamas und von Johnny Depp wären entschlossener als meine, weil sie vielleicht wirkliche Idealisten wären, ich mich aber nur am erlöschenden Idealismus meiner Jugend wärme. Ich wäre mit dieser Einsicht Public Enemy, und alle Mitstreiter, Liberalen, Pazifisten, selbst die Revolutionäre würden sich von mir abwenden, weil solche Gedanken ja doch nur dazu beitrügen, Linke als stalinistische Massenmörder darzustellen und die Rechten als eigentliche Humanisten. Aber Benedikt und Dalai und Johnny hätten vielleicht eine winzige Chance: Sie würden in Anbetracht ihrer schrecklichen Erfahrungen aus der Zukunft sofort Privatarmeen rekrutieren und zur gleichen Zeit in alle Chefetagen der neoliberalen Schaltzentralen eindringen und alles bis auf die mittlere Ebene niedermetzeln. Und die Sicherheitskräfte wären dann plötzlich in der unangenehmen Situation, den Papst, den Dalai-Lama und Mr. Depp zu erschießen, und bevor die das Feuer eröffnen, werden die drei ihnen zurufen: Um Himmels willen, geht nach Hause und vertraut uns, wir müssen das tun, um die Welt zu retten. Man wird sagen, dass das ein abscheulicher, bloß symbolischer Akt war, der nur einzelne Menschen geopfert hat, aber das System nicht in seinem Kern traf. Irrtum, das Räderwerk würde kurz stillstehen, lange genug, um zu enteignen und die Drähte aus den Computern zu ziehen. Und es würde Jahre dauern, bis man erkennt, dass sie einen Zug gestoppt haben, der auf den Abgrund zuraste. Aber warum würde ich mich nicht diesen drei Helden anschließen? Weil ich ein feiger Hund bin, Dilek. Und weil ich ein feiger Hund bin, werde ich weiter wählen gehen, meine Rosen gießen und ein blödes Demokratengesicht aufsetzen.

Du siehst, Schwester, ich kann dir nicht wirklich helfen und bin ebenso ratlos wie du. Und was mir soeben über die Lippen gekommen ist, entlarvt mich auch in deinen Augen als gefährlichen Irren. Verzeih mir, ich war vermutlich noch nie so ehrlich. So, und jetzt müssen wir in den Bus. Der Kaptan, der Fahrer, sucht bereits nach uns.

Während sie sich gleichzeitig erhoben, lächelte ihn Dilek an.

Nein, nein, das hat alles schon Sinn.

Und siehst du, wandte Ahmet ein, das macht mir auch Angst, dass dich meine Gewaltfantasien nicht ängstigen. Du hast zu viel Kill Bill gesehen.

Ahmet war sehr stolz, dass er mit einer kulturellen Anspielung prahlen konnte, die ihm nichts bedeutete, ihr aber einiges bedeuten könnte.

Nein, sagte Dilek, du hast mir mehr geholfen, als du ahnst. Und ich habe dich sehr gut verstanden. Ich weiß nicht, wie weit ich gehen kann. Zumindest lass ich mich von meinen reichen Verehrern nicht mehr zum Dinner einladen. Dein Massaker aber, lass dir das von einer Frau vom Fach gesagt sein, hat einen Schönheitsfehler. Es hat zu wenig gute PR. Auch deine drei Musketiere, das wäre wirklich ein amüsanter Actionfilm, bräuchten gezielte Werbestrategien, sonst wäre alles umsonst. Nach meiner Rückkehr werde ich mit den drei Herren mal Kontakt aufnehmen und ihnen vorsichtig das Projekt Save the World unterbreiten. Ich werde dich jetzt nicht länger belästigen. Ich habe gekriegt, was ich wollte. Du setzt dich an deinen Platz, ich an meinen. Und dort werde ich sehr viel nachdenken. Sag mir, falls es mir bei meinem Vater zu langweilig wird, darf ich dich in Dersim mit meinem neuen Jeep besuchen kommen? Wie heißt dein Dorf?

Natürlich darfst du. Mein Dorf heißt Holike, nördlich von Elazığ zwischen Hozat und Pertek.

Die beiden küssten einander vor der Station auf die Wangen und bestiegen den Bus. Ohne einander anzusehen. Oktay hatte woanders Platz genommen und wich Ahmets Blick aus, als dieser an ihm vorbeiging. Der Deutsche schlief.

Oktay und die Liberalen

Ahmet fragte sich nach dem Grund seiner guten Laune. War es das Interesse der jungen Frau an ihm? Oder dass ihm solch ein prägnantes Pamphlet gelungen war, an das er selbst nicht glaubte – noch dazu in einer Sprache, die er nur noch bei seinen Männerabenden in Wien pflegte? Dort redete man nicht nur aus Rücksicht gegenüber den türkischen Freunden Türkisch. Auch nicht deshalb, weil es sich bei den Muttersprachen der Kurden um Dialekte handelte, die untereinander schwer verständlich waren. Und nicht einmal der Umstand, dass die meisten von ihnen von Abstammung her Kurden waren, aber nie Kurdisch gelernt hatten. Einige holten es nach und radebrechten dann in Kurmandschi, obwohl sie aus Gegenden kamen, in denen Zaza üblich war. Die meisten aber plauderten bei ihren Treffen in von Kurden geführten Pizzerias in der Sprache, in der sie politisiert wurden, in der sie Gedichte schrieben und in der auch ihre Helden Nâzım Hikmet, Yaşar Kemal und Aziz Nesin schrieben.

In theoretischen Belangen hatte sich Ahmet Arslan stets unzulänglich gefühlt. Auch wenn er in Wien von Fachkollegen und -kolleginnen konsultiert wurde, schwärte lange noch diese Wunde in ihm. Seine Organisation damals in İstanbul war leninistisch ausgerichtet gewesen. Viele seiner Genossen aber hatten den maoistischen Weg gewählt, der von all den linken Wegen, die die wenigsten, die darauf schritten, auch wirklich verstanden, der dümmste war. Der chinesische Bauernkommunismus sprach die opferbereiten Dorfburschen am meisten an. Moderne, Industrialisierung, Urbanität und Zivilisation waren ihnen fremde Konzepte, und ihre ersten Marxtexte lasen sie wie epische Dichtungen oder Zaubersprüche, die man eingerollt in Glücksamuletten mit sich herumträgt, am liebsten hätten sie diese zur Saz gesungen, so wie sie auf Kurdisch sangen: Bîrnakim ha bîrnakim, riya Lenin bîrnakim – Vergiss nicht, vergiss nicht den Weg Lenins.

Als die Nachrichten von der Kulturrevolution, von Hungersnöten und Staatsterror auch nach Holike, Çemişgezek oder in die Vororte İstanbuls drangen, wandten sich viele von Mao ab und suchten Ersatz. Da die Leninisten und Trotzkisten zu viel umständliches Zeug redeten, fanden sie ihn in Maos europäischer Filiale, bei Albaniens Diktator Enver Hoxha. Ein Genosse hatte ihm das Verhältnis zu diesem neuen Leitstern einmal folgendermaßen erklärt: Wenn es in Tirana regnete, spannten wir in İstanbul die Regenschirme auf.

Ahmet Arslan begann ein Politologiestudium an der Istanbuler Universität und trat der Dev-Yol, einer Nachfolgeorganisation der Dev-Genc, bei. In Wien setzte er sein Studium fort. Hatte er in İstanbul die gesamte Theoriegeschichte bis zur Frankfurter Schule rezipiert (die ihm das größte Kopfzerbrechen bereitete, und das nicht nur wegen der schlechten Übersetzungen), so stürzte er sich in Wien mit Ehrgeiz auf all die neuen französischen Lehren, die bereits in der Türkei die Vorherrschaft des Neomarxismus an den Unis zu unterwandern begannen. Doch fand er in ihnen keinen Halt. In der Wiener Szene gab es zwei Intellektuelle, die er bereits in İstanbul gekannt hatte. Er und sie gehörten völlig verschiedenen Welten an, obwohl der österreichische Blick ihrer aufgeschlossenen Bekannten sie ein und derselben zuordnete. Cahir und Alparslan hatten sich in der Heimat schon die neuen Jargons zugelegt. Sie gehörten zu der Schicht, die Ahmet und die anderen anatolischen Landeier belächelte, wenn diese mit unsicherer Leidenschaft halbverstandene Slogans aus dem marxistischen Fundus predigten. Es waren Jungs aus İstanbuler Bürgerfamilien. Linksliberale – Ahmet und die seinen nannten sie etwas abfällig Liboşlar. Dabei bewunderten die Liboşlar sie, die Genossen und Genossinnen aus Dersim, Gaziantep, Erzurum, Diyarbakır, Hakkari, den Tauros- und den Pontosbergen, und suchten ihre Freundschaft. Intellektuell nahmen die Liboşlar sie nicht für voll. Sie waren deren Indianer. Edle Wilde aus dem Osten. .

Ahmet Arslan verstieg sich wieder einmal in Reflexionen über sein Verhältnis zu den liberalen Genossen, mit denen er noch die eine oder andere Rechnung offen hatte.

Die Liboşlar versuchten sowohl unsere grobschlächtige Unmittelbarkeit als auch unsere naiv-blumigen Redewendungen nachzuahmen. Wir waren ihre Reservoirs für ihr Selbstbild als Revolutionäre: Männlichkeit, Ehre, verträumte Rauheit, Brüderlichkeit, Sazspiel. Sie klaubten uns die Distelkletten von den speckigen Jacketts und steckten sie sich auf ihre bunten Pullis. Mit ihren langen Haaren und Bärten sahen sie wie Banditen aus den Bergen aus, während wir Bergbanditen lange Zeit unsere Scheitel kämmten und Schnurrbärte stutzten, bis wir selbst der Mode erlagen. Dennoch scherzten wir darüber, wie ihre Mütter ihnen vor den Demonstrationen die Mähnen und Schnauzer frisierten und sie sich diese dann, kaum außer Haus, wieder zerrupften. Ausgiebig naschten sie von unserer Entschlossenheit im Straßenkampf. Doch während wir uns mit den Grauen Wölfen Schusswechsel lieferten, warteten sie lieber mit gezückter Pistole hinter der Ecke ab, wie die Schlacht ausging. Trieben wir die Feinde in die Flucht, und meistens taten wir das, kamen sie aus ihren Deckungen hervor, umarmten uns und feierten mit uns den gemeinsamen Sieg. Der Unterschied: Sie gingen nach der Aktion, nach der Demonstration, nach der Schießerei nach Hause, weil Mamas Abendessen auf sie wartete und sie Dallas nicht versäumen wollten. Das, wie mich mein kluger Freund Erol Sentürk aufklärte, gar nicht so dumme Kapitalismuskritik sei, zumindest schön zeige, wie Macht in repressiv-imperialistischen Gesellschaften gestaffelt ist. Ich verstand nichts, ich verstand nur, dass sich wir anatolischen Helden in den Baracken am Stadtrand verstecken mussten. Doch vielleicht nehme ich den Mund zu voll. Denn ich teilte mit zwei anderen Freunden eine Wohnung in Cihangir mit Bosporusblick, und mein Vater finanzierte mein Studium mit, so gut es halt ging. Ich war so etwas wie ein Missing Link zwischen den Liboşlar und den ruhmreichen Bauernterroristen. Und dennoch lud mich Erol Sentürk nie zu sich nach Hause ein. Und die Liboşlar uns Bauern allgemein nicht. Teils weil sie sich für ihren Wohlstand genierten, teils weil sie dort unter sich sein wollten, ihren Deleuze und Guattari diskutieren und die neueste Led-Zeppelin-Scheibe hören wollten. Von uns erwarteten sie alevitische Lieder.Von den wichtigen gesellschaftlichen Fragen des sozialistischen Umbaus der Gesellschaft, der Hegemonien und der Praxen der Macht schlossen sie uns aus. Anstatt ihr Wissen mit uns zu teilen, sahen sie Analphabeten oder moskautreue Totalitäre in uns, was für sie aufs selbe rauslief. Und diese feinen Eselsöhne hatten sogar recht, doch hatten sie kein Recht, rechtzuhaben. In ihren klimatisierten Kinderstuben glaubten sie, bloß eine repressive Demokratie zu erleben, die sich eben wie die USA ihrer linken Opposition erwehren musste, und die es mit friedlichen und demokratischen Mitteln zu einer gerechten Gesellschaft zu transformieren galt. Ich wurde selbst nicht aus ihnen schlau. Für uns verhielten sie sich in ihrem Denken wie bei den Straßenkämpfen. Unsicher wankten sie zwischen linkem Kemalismus, Eurokommunismus, Sozialdemokratie oder Anarchismus hin und her, aber nicht wie wirkliche Zweifler, deren Unentschlossenheit die Ehre selbstquälerischen Denkens ist, sondern eher wie solche, die abwarten, wer angeschossen am Boden zurückbleibt, um dann die Partei des Siegers zu ergreifen. Es stimmt, wir waren totalitär. Das war unser Fehler. Sie waren feig. Das war der ihre. So kann man es belassen.

Ihre Türkei war eine andere als die unsere. Unsere war die der Bauern, Kurden, der Landlosen, Tagelöhner und Getretenen. Wir hatten nichts zu verlieren. Sie ihre Häuser, Plattenspieler und Haare. Ja, wir beteten den Moskauer Katechismus nach, aber wir taten es mit den besten Absichten. Sie wollten den Faschismus nicht wahrhaben. Wir erlebten ihn. Wenn wir uns in den Fabriken gewerkschaftlich organisieren wollten. Wenn wir uns in der Schule weigerten, die Liebesgedichte für Atatürk aufzusagen. Wenn wir einen der Grauen Wölfe abknallten, nachdem er einen der unseren umgelegt hatte, und wenn ein Polizist mal eine blutige Nase abbekam, nachdem er Dutzende unserer Nasen eingeschlagen hatte, warnten sie uns oft vor der Sinnlosigkeit gewaltvoller Eskalationen. Jahrzehnte hatte es gedauert, bis ich erkannte, dass all ihre subtilen, komplizierten Theorien der Gesellschaft auch die Funktion hatten, den einzigen klaren Unterschied zwischen Zivilisation und Barbarei auf der einen, den zwischen Kapital und Arbeit auf der anderen Seite mit interessanten Spekulationen auszupolstern, bis man ihn nicht mehr sah. Darauf bauten sie ihre akademischen und politischen Karrieren.

In Wien dann versuchte ich wie sie zu werden, weil wir dort die Annehmlichkeiten einer sozialen Demokratie genossen. Wir begegneten einander freundlich, doch ich spürte weiter ihre Herablassung. Noch immer war ich ein Indianer in ihren Augen. Und zwar ein Indianer, der den Liboş spielen konnte, das machte mich zu ihrem natürlichen Feind. Denn gegenüber den reinrassigen kurdischen Indianern konnten sie selber ein bisschen den Bruder und den gefühlvollen Anatolier raushängen lassen. Ich aber drang in ihr Revier ein, ich kannte ihre Lieder, durchschaute sie und konnte mich gut ausdrücken, obwohl ich ihnen gegenüber noch immer die alte Unsicherheit verspürte.

Auf Podien, auf die uns wohlmeinende Österreicher einluden, welche unsere unausgesprochenen Konflikte nicht kannten, entwickelten sich kultivierte Gespräche. Die Liboşlar erweckten den Eindruck, als wären wir alte Kumpels, ein Debattierclub gar, der sich wöchentlich trifft. Nach der Podiumsdiskussion wurde nicht politisiert. Wir misstrauten einander. Wir waren noch immer die dummen Radikalinskis und sie die feigen Arschkriecher, die sich mit ihrer seriösen Verbindlichkeit gewinnbringend den Weg zu ansehnlichen Positionen im akademischen und kulturellen Bereich geebnet hatten. Als ich meine Dozentur an der Uni hatte, hofierten sie mich und richteten mich hinter meinem Rücken aus. Als Sozialarbeiter war ich schließlich bedeutungslos für sie.

Ahmet Arslan legte den Kopf in die Nackenstütze und musste schmunzeln. Wie sehr ihn das noch immer bewegt. Wenn er es sich recht überlegte, handelte es sich bei der Gegnerfront der Wiener Liboşlar aus der Türkei doch bloß um eine Handvoll Menschen. Und vielleicht tat er ihnen doch unrecht, denn sie waren zumindest Linksliberale geblieben, während so mancher seiner radikaleren Freunde unpolitisch oder AKP-Sympathisant geworden war.

Noch immer war Ahmet in ihren Augen also das unkorrumpierbare Ausrufezeichen vor ihrer Anpassung. Wie sehr sie ihn überschätzten. Sie wussten offenbar nicht, dass ihm selbst der Hüftspeck der Konformität gewachsen war. Und vielleicht war er es, von dem die abweisenden Signale kamen. In Wirklichkeit wartete er auf die große letzte Aussprache, in welcher er mit ihnen souverän und gut begründet abrechnen würde. Und das wussten sie, und deshalb vermieden sie diese Option durch unverbindliche Höflichkeit, um derentwillen er ihnen einfach grollen musste. Und zeigte er seinen Groll, dann hatten sie gesiegt, weil dann er derjenige war, der die Probleme macht. Er wusste, dass sie es noch immer mit den Kemalisten hielten; es waren dieselben Leute, welche, um von den Grünen und den Multikultifeministinnen gemocht zu werden, jede Kopftuchträgerin mit liberalen Theorien verteidigten, aber beim İstanbultrip mit größter Verächtlichkeit über sie spotteten.

Genug der schlechten Gedanken, dachte sich Ahmet, er müsse noch mit Oktay ins Reine kommen. Drei Sitze vor ihm auf der rechten Seite saß der junge Reservist. Geduldig wartete Ahmet, bis sich Ali nach ihm umdrehen würde. Und als er es tat, konnte er Ahmets Blicken nicht mehr ausweichen. Dieser schlug mit der flachen Hand auf den leeren Sitz neben sich und schickte Oktayein vertrauensseliges Lächeln, das von dessen breitem Kindergesicht erwidert wurde. Oktay kam zurück. Als er sich entschuldigen wollte, wehrte Ahmet mit einer eindeutigen Handbewegung ab. Eine halbe Stunde plauderten die beiden in bester Eintracht, ehe sie bei Sonnenuntergang in Ankara einfuhren und es Zeit war, Abschied zu nehmen. Sie umarmten einander. Dann verließ der Rekrut den Bus. Er wurde draußen von einem jungen Mann und dessen Frau erwartet. Oktay blickte nicht mehr zurück. Ahmet stellte sich vor, wie man den Reißverschluss über Oktays bleichem Gesicht zuzieht, wenn er dereinst seinen Eltern überstellt wird.

Ahmet überlegte sich, ob er sich zu Dilek setzen sollte, denn eine gierige Spätnachmittagswollust hatte in ihm das Bedürfnis entfacht, ihr nah zu sein, sie zu riechen, seinen Oberschenkel an ihrem zu reiben. Er blickte zurück und sah sie mit offenem Mund schlafen. Auch recht.

Als der Bus Ankara verließ, hatte sich blaue Dunkelheit über das Land gelegt.

2.

Ertappt

Bleich war Meltem im Gesicht. Und bleich war auch die ältere Frau. Beide trugen sie Kopftuch. Meltem am Hinterkopf geknotet und einmal um die Stirn geschlagen. Das Tuch der anderen bedeckte auch Hals und Teile der Schulter, doch eine grauschwarze Tolle ragte über der Stirn heraus und verlieh ihr einen noblen Anstrich. Lächelnd fragte die Ältere die Jüngere, ob der Platz neben ihr noch frei sei. Meltem nickte, laute Musik drang aus ihren Kopfhörern. Als sie erkannte, dass noch zwei Sitzreihen im Bus nicht belegt waren, war es zu spät.

Die ältere Frau lächelte still in sich hinein, während sie Meltem aus den Augenwinkeln fixierte. Alles in Meltem krallte sich zusammen vor Schmerz. Was lächelt die so blöd? Schon draußen in der Station war ihr die schwarz gekleidete Frau mit der kleidsamen grauen Strähne im schwarzen Scheitel aufgefallen. Sie sah gut aus, aber auch unheimlich. Auf ihrem linken Nasenflügel saß wie ein bleicher Käfer, der die Kunst der Mimikry beherrscht, eine Warze. Meltems EDV-Lehrerin hatte so eine Warze gehabt, allerdings über der Lippe. Und Meltems beste Freundin Meral hatte ihr im Unterricht zugesteckt, das sei der verschiebbare Deckel eines USB-Ports, wo man sich die Fantasie dieser Lehrerin runterladen könne. Diese habe in etwa ein Datenvolumen von 2,4 Kilobyte. Dann hatte Meltem, die von Meral geliebt werden wollte und sich deshalb von ihr zu schrägen Meldungen anstacheln ließ, gesagt, wenn die Frau Lehrer vor dem Wichsen an Kenan İmirzalıoğlu denke, steige das Volumen kurz auf 2,7 und falle danach sofort auf 1,8 runter. Und Meral hatte sie zwar mit Lachen belohnt, aber, weil sie immer das letzte Wort haben musste, noch eins draufgesetzt: Vielleicht hat die ja die Klitoris im Gesicht, und unten, wo sie sein sollte, ein blinkendes Kontrolllämpchen. Die beiden hatten so gekichert, dass sie von der Lehrerin mit dem Kontrolllämpchen unter dem braunen Cordrock aus der Klasse geschmissen wurden. Siehst du es blinken?, hatte Meral sie gefragt, und das Kichern hallte noch vom Gang in die Klasse, und die Lehrerin hatte sich vergessen und ihnen hässliche Komplimente nachgeschrien.

Was waren das für schöne und lustige Tage. In welchen Abgrund fiel sie nun. Und was wollte die Alte bloß von ihr? Die Alte ging von kurzen, durchdringenden Seitenblicken zu direktem Anstarren über. Meltem presste ihre Wange fest ans Fenster, doch spürte sie, dass diese seltsame Frau nicht mehr von ihr ließ. Schließlich riss sie sich die Kopfhörer runter und fragte sie:

Warum starren Sie mich so an?

Die ältere Frau fasste nach Meltems Hand. Meltem zog sie zurück.

Wo war es?, fragte Hatice. Gülbahar Caddesi oder bei Dr. Arınç?

Meltems bleiche Wangen füllten sich mit Blut.

Woher wissen Sie …?

Die lächelnde Frau ergriff abermals Meltems Hand. Nun ließ es Meltem zu.

Nenn mich Hatice.

Das klang vertrauensvoll. Wollte diese verrückte Frau sie trösten?

Was wollen Sie?

Gerechtigkeit!

Meltem fasste sich an den Mund. Durch Anspannung der Zungenwurzel gelang es ihr, den Brechreiz zu unterdrücken. Sie war zu schwach für Diskussionen. Die Tränen schossen ihr über die Lider.

Bitte lassen Sie mich in Ruhe! Bitte!

Ich weiß, was du getan hast. Niemand von euch kommt ungestraft davon.

Da sammelte Meltem all ihre Kraft und versuchte, diese Hatice so gehässig und herablassend anzustarren, wie es ihr nur möglich war, doch das Machtspiel verlor sie nach Sekunden, denn schon hatte Hatices Hand nach ihrem Gesicht gepackt und dieses zusammengequetscht.

Wo steigst du aus?

Bingöl.

Gut. Ich auch. Wir werden beide zur Polizei gehen, und du wirst Selbstanzeige erstatten. Das mindert das Strafmaß.

Hatice ließ sie los.

Meltem sprach: Sie können mich nicht einschüchtern, ich war in der siebenten Woche. Ich kenne die Gesetze.

Da packte sie Hatice am Ohr.

So, so, sie kennt die Gesetze. Will mir einen juristischen Vortrag halten. Die Gesetze Gottes scheinst du nicht zu kennen. Was hält eigentlich dein Vater davon?

Mein Vater ist tot.

Schon spürte Meltem einen Streich auf den Kopf.

Lügen kann sie auch, das Miststück. Ich hab doch vorher gesehen, was du deinem Baba geschrieben hast. Morgen um zehn bin ich zu Hause, Baba. İstanbul war sehr schön. Tante Serap lässt dich grüßen. – Weiß Tante Serap davon, deckt sie den Mord? Eine schöne Familie.

Es hatte keinen Sinn, diese fremde Frau, ihre Nemesis, die wie aus dem Nichts erschienen war und plötzlich so viel Macht über sie gewonnen hatte, darauf hinzuweisen, dass sie kein Recht habe, in diesem Ton mit ihr zu sprechen. Meltems Kopf fiel nach vorne und kam mit der Stirn am rauen Kunststofffilz des Vordersitzes zu lehnen. Sie schluchzte.

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