Otfried Schröck Die Kleinen sind die Feinen
Die Kleinen sind die Feinen
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Otfried Schröck Die Kleinen sind die Feinen

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Die ersten jagdlichen Leistungen meines Rüden lernte ich nicht auf der Schweißfährte, sondern im Naturbau kennen. Ich hatte nun einen voll ausgebildeten Hund, mit dem ich auch gern und häufig zur Jagd ging. Er begleitete mich auf allen meinen Jagdgängen, selbstverständlich angeleint, so, wie er es in der Ausbildung gelernt hatte. Nur gegen Ende eines Pirschganges schnallte ich ihn hin und wieder in offenem Gelände und sobald meine Aufmerksamkeit nachließ - war er verschwunden. Nicht allzu weit entfernt befand sich ein alter, weitverzweigter Mutterbau, der meist vom Fuchs, manchmal aber auch vom Dachs, bewohnt wurde. Ich hätte es wissen müssen! Utz hatte zwar bei der Arbeit am Fuchs keine Höchstnote erreicht, die Füchse beeindruckten ihn jedoch anscheinend sehr. Bei einem Besuch einer langjährigen Freundin der Familie in Berlin lieferte er einige Wochen vorher einen ersten Beweis seiner starken Prägung auf den roten Freibeuter ab. Im Gespräch erwähnten wir stolz seine Prüfungsergebnisse und meine Frau kam auf die geniale Idee, sich im Nebenzimmer die alte, aber noch gut erhaltene Fuchspelzjacke ihrer Freundin anzuziehen. Als sie in das Wohnzimmer zurückkam und die Tür noch nicht richtig geschlossen hatte, fand sie sich auch schon auf einem Sessel und dann auf dem Tisch wieder. Der Rüde attackierte sofort den Fuchspelz, an dem er ja wohl nur die Farbe erkannt hatte. Er sprang immer wieder an meiner Frau hoch und wir hatten alle Mühe, die Jacke vor ihm in Sicherheit zu bringen.

Hier seien einige Bemerkungen zur Ausbildung und Prüfung von Erdhunden am lebenden Raubwild zum besseren Verständnis für meine Leser aus der nichtjagenden Bevölkerung eingefügt.

Die Raubwildschärfe von Erdhunden (Teckel, Terrier) wird bei der Anlagenprüfung am künstlichen Fuchsbau beurteilt. Diese Überprüfung ist notwendig, um das Verhalten eines Hundes am Raubwild zu beurteilen. Eine forsche Arbeit am Fuchs oder Dachs lässt meist auf eine gute Schärfe an gesundem oder auch krankem Wild schließen. Ein Hund, der am Raubwild großen Schneid zeigt, hat zumindest beste Voraussetzungen dafür, diese Schärfe auch zu vererben. Wir haben das während der 30 Jahre, in denen wir Teckel gezüchtet haben, immer wieder feststellen können. Dabei soll darauf hingewiesen werden, dass kein Jagdhund, auch kein großer, wehrhaftes Wild fassen und halten muss oder soll. Es genügt vollauf, wenn er Wild so stellt und beschäftigt, dass der Jäger unbemerkt an das Stück herankommen kann, um es weidgerecht zu erlegen. Andererseits ist ein Hund, der hinter seinem Herrn Schutz vor wehrhaftem Wild sucht, für die Jagd nicht zu gebrauchen.

Der Kunstbau besteht aus einer nach oben offenen ebenerdig eingebauten Betonröhre, die mit Holzbohlen abgedeckt ist. Diese Röhre ist in Form eines „U“ mit etwa 10 Meter langen Röhren auf jeder der drei Seiten ausgeführt. Der ganze Kunstbau ist also rund 30 Meter lang. Am Ende der Röhre befindet sich der sogenannte Kessel, in die sich der Fuchs oder auch der Dachs, die in einer Schliefanlage gehalten werden, bei Annäherung des Hundes zurückziehen kann. Als wir Mitte der 1970-er Jahre mit der Haltung eines Jagdhundes begannen, konnte der Hund, wenn er denn scharf genug war, in den Kessel einschliefen und den Fuchs fassen oder sprengen5. Nach einem kurzen Gerangel im Kessel verließ der Fuchs vor dem Hund den Bau, sprang in einen hinter dem Kessel befindlichen Käfig und der Hund wurde durch einen schnell geschlossenen Schieber an der weiteren Verfolgung des Fuchses gehindert. Oder der Hund fasste den Fuchs im Bau, manchmal auch der Fuchs den Hund und dann begann der Stress um beide Tiere. Wenn sie nicht selbst voneinander abließen, wurden die beiden Kämpen aus dem Kunstbau herausgehoben und in eine bereitstehende Wassertonne getaucht. Das Fassen war für die Tiere eine meist sehr unschöne und sicher auch schmerzhafte Angelegenheit. Eine tierschutzgerechtere Gestaltung des Kunstbaues war daher nur eine Frage der Zeit.

Heute verfügt der Endkessel über einen Drehschieber. Dieser Schieber kann über einen Hebel von außen so eingestellt und arretiert werden, dass der Hund nur dem sichtigen Fuchs oder Dachs vorliegen und ihn verbellen kann, ohne ihn fassen zu können. Dabei haben die Füchse keinen Stress. Durch ihre jahrelange Erfahrung, dass der Hund ihnen nichts mehr tun kann, sind sie dem jungen Hund, und nur mit dem wird am Kunstbau gearbeitet, erfahrungsgemäß weit überlegen. Im Verlaufe des Kunstbaues gibt es den sogenannten Kamin, eine für den Hund steil ansteigende Strecke von 30 Zentimetern Höhe. Kommt ein scharfer Hund in den Bau, hinter dem die Holzbohlen auf den Röhren nur so poltern, weiß der Fuchs, jetzt wird’s ernst, läuft dem Hund entgegen und bringt sich oberhalb des Kamins an der für ihn günstigsten Stelle in Position. Hier muss der Hund von unten angreifen, während der Fuchs seinen Platz von oben verteidigen kann. Nur ausreichend scharfe Hunde schaffen es, den Fuchs von dieser Stelle aus in den Endkessel zu drücken. Schlieft hingegen ein Hund langsam und vorsichtig, an jeder Ecke ängstlich verhoffend, in den Bau ein, verzieht sich der Fuchs alsbald in den Endkessel, wo er sich hinter dem Drehschieber festsetzen lässt. Beobachtet man die Füchse bei der Arbeit im Kunstbau, ist man fast geneigt anzunehmen, dass sie sich auf die Abwechslung freuen. Ähnlich ist es bei der Arbeit mit dem Hund im Schwarzwildgatter. An einem solchen Gatter mit meinem Hund stehend konnte ich beobachten, dass eine Sau innerhalb des Zaunes auf uns zukam und freudig den Pürzel schwenkte. Das „Pürzeln“ ist auch in der Natur zu beobachten und ist immer ein Zeichen dafür, dass Sauen sich wohl und unbedroht fühlen.

Doch zurück zur ersten ungewollten Arbeit von Utz im Naturbau. Ich pirsche morgens in der sogenannten Bergschäferei am Rande des Roten Luchs entlang und Utz, den ich frei bei Fuß führe, macht sich auf einmal selbstständig. Wie oft habe ich mir vorgenommen, den Hund erst auf den letzten Metern vor dem Auto zu schnallen, um ihm die Möglichkeit zu geben, sich unter meiner Kontrolle noch einmal auszulaufen. Aber der Hund geht ja so sicher frei bei Fuß! Das tut er im Allgemeinen auch, aber bei jeder Unaufmerksamkeit von mir „sucht er das Loch im Zaun“. So auch jetzt, als er einem alten Mutterbau zustrebt, an dem ich einige Male bei Schneelage zur Ranzzeit des Fuchses auf dem Abendansitz Beute gemacht habe. Ich ahne Böses und laufe, so schnell es geht, zu dem Bau. Natürlich ist er schon darin verschwunden und gibt unter mir wütend Laut. Ich rufe in die Röhre hinein, aber Utz denkt gar nicht daran, herauszukommen. Nach einer Stunde Wartezeit und mehreren vergeblichen Versuchen, den Hund aus dem Bau herauszulocken, gebe ich zunächst auf und fahre nach Hause, um Hilfe zu holen. Die Hilfe besteht aus meiner Frau, den beiden Söhnen und einem Weidgenossen, den wir unterwegs treffen. Wir haben Spaten, Schaufeln und eine Spitzhacke mitgenommen, um erforderlichenfalls nach dem Hund zu graben. Aber wir haben noch nie einen Hund oder Fuchs gegraben!

Meine Frau verschwindet kopfüber fast völlig in der Einfahrt des Baues, um wieder und wieder nach dem Hund zu rufen. Ohne Erfolg. Wir versuchen, die Einfahrt zu erweitern, um dichter an den Hund zu kommen, der immer noch wütend Laut gibt. Inzwischen sind fast drei Stunden vergangen, seit er eingeschlieft ist. In einer Pause, die wir notwendigerweise einlegen, kommt mir der erlösende Gedanke: „Was ist, wenn wir den Hund durch unser ständiges Rufen nur dazu ermuntern, weiter am Fuchs zu arbeiten, anstatt herauszukommen.“ Bei der Einarbeitung des Hundes am Kunstbau feuert man den Hund bei den ersten Übungen an, wenn er keinen oder wenig Laut gibt, um ihm Mut zu machen und ihn zu unterstützen.

Widerwillig lässt sich meine Familie wegschicken, nur mein Weidgenosse bleibt mit mir zurück. Wir legen meinen Rucksack neben die Einfahrt und setzen uns einige Meter entfernt davon hin, um eine Zigarette zu rauchen. Es dauert keine fünf Minuten und Utz erscheint an der Einfahrt, nicht dunkelsaufarben, wie man seine Fellfarbe nennt, sondern gelbbraun vom Sand im Bau. Völlig fertig und mit verklebten Augen, nimmt er den Rucksack an und bewegt sich nicht mehr von der Stelle. Glücklich fahren wir mit meinem Hund nach diesem Erlebnis nach Hause.

Aber damit sollte es noch nicht genug sein mit dem Fuchsgraben. Erfahrung macht nicht immer klug! Einige Wochen später nähere ich mich meinem Auto, das ich in der Nähe eines alten Eichenbestandes abgestellt habe. Utz ist bereits von der Leine und verschwindet wenige Meter von mir entfernt im Bestand – und taucht nicht wieder auf. Als ich ihm nachgehe, stehe ich kurz darauf vor der Einfahrt eines Fuchsbaues, den ich nicht kenne. Dem Laut nach zu urteilen liegt der Hund in einer Notröhre oder einem Sommerbau nur wenige Meter von der Einfahrt entfernt und nicht allzu tief dem Fuchs vor. Der Laut bewegt sich lange nicht vor der Stelle, also kann der Fuchs wohl nicht nach hinten ausweichen. Deshalb entschließe ich mich, zu graben und meinen Hund für die qualvollen Stunden im alten Mutterbau vor einigen Wochen zu entschädigen. Ich fahre nach Hause, um Hilfe und einen Spaten zu holen. Die Röhre ist ja nicht tief, das wird für mich ein Kinderspiel. Hilfe bekomme ich nicht, es ist ein Arbeitstag und keiner meiner Weidgenossen steht zur Verfügung. Am Bau wieder angekommen, verhöre ich noch einmal den Standort des Lautes. Der hat sich weder in der Tiefe noch in der Entfernung von der Einfahrt verändert. Also los, graben, aber immer schön aufpassen, dass ich keinen Sand an die Hände bekomme, denn falls der Fuchs springen sollte, möchte ich ihn natürlich auch erlegen. Es macht sich nämlich nicht so gut, die bereitstehende Flinte mit sandigen Händen anfassen zu müssen. Ich bin bald einen halben Meter tief gekommen, als es unter mir laut und anhaltend poltert. Ich greife zur Flinte und schon ist der Fuchs raus aus dem Bau. Ich habe nicht viel Platz und donnere leider vorbei. Fuchs weg, Hund zwar da, aber der Fuchs hat ihm noch einen tiefen Schmiss quer über den Fang beigebracht. Ich bin glücklich, dass die Sache noch gut ausgegangen ist, aber das dicke Ende kommt nach. Sicherheitshalber gehe ich zum Tierarzt und der verschreibt meinem Hund eine vierwöchige Quarantäne im Keller und mir eine Tollwutimpfung im Krankenhaus.

Ich möchte nach diesen Erlebnissen nicht, das Utz noch einmal einen Bau annimmt und halte ihn zukünftig von allen diesbezüglichen Gelegenheiten fern. Das ist jedoch nur bedingt möglich, denn wenn ich ihn schnallen muss, kann ich das Annehmen eines Baues nicht mehr verhindern.

Kein Hase, keine Sau, kein Hund

Es ist Winter, es liegt Schnee und nach den ruhigen und genussvollen Feiertagen drängt es mich an einem sonnigen Wintertag ins Revier. Im Luch angekommen stelle ich das Auto am Eichendreieck, einer langgestreckten Baumgruppe, die sich rechtwinklig in das Luch erstreckt, ab. Ich pirsche am Bach unterhalb der Aschehalde entlang und hoffe, dass Fuchs oder Sau ebenfalls noch bei Tageslicht das Bedürfnis haben, sich die Läufe zu vertreten. Lange tut sich nichts, aber am Bahndamm angekommen, geht vor uns im Gebüsch plötzlich Meister Lampe hoch. Ich kann trotz der Überraschung einen Schuss loswerden, etwas Wolle fliegt tatsächlich, aber am überwiegenden Teil der Wolle ist der Hase noch dran. Trotzdem schnalle ich Utz in der Hoffnung, dass der Hase doch etwas abbekommen hat und der saust sofort hinter Meister Lampe her, den Bahndamm hinauf und darüber hinweg. Inzwischen habe auch ich die Gleise erreicht und verfolge von hoher Warte meinen Hund erst sichtig, dann, als er in den Weiden der Asche verschwindet, vernehme ich nur noch den Spurlaut. Sein helles „Jiff, Jiff“ schlägt plötzlich in wütenden tiefen Hetzlaut um und ich weiß sofort, jetzt ist er an Sauen gekommen. Auch das noch: kein Hase, Hund weg und der im fremden Revier an Sauen jagend. Bald ist von ihm nichts mehr zu hören und ich beginne, mir ernstlich Sorgen zu machen.

Es vergeht eine Stunde, dann noch eine zweite und bald wird es dunkel. An der Stelle, an welcher der Hund den Bahndamm verlassen hat, lege ich meinen Lodenmantel auf die Erde. Ich will verhindern, dass er über die Gleise wechseln muss, wenn er auf seiner Spur zurückkommt. Trotzdem wird mir bei dem Gedanken an den Zugverkehr auf der Bahnstrecke nicht gerade wohler. Anschließend geht es zurück zum Auto. Dort lasse ich meinen Rucksack zurück. Zwar habe ich mit dem Hund bisher nicht geübt, am abgelegten Gegenstand auf mich zu warten, aber ich vertraue darauf, dass ihn die enge Bindung zu mir instinktiv das Richtige tun lässt. Es ist bereits dunkel geworden und ich muss nach Hause, um meiner Frau das Geschehen zu beichten. Utz ist von Anfang an nicht nur mein Hund, sondern auch ihrer. Wir sorgen uns beide und es hält mich nicht lange zu Hause. So bin ich gegen 19:00 Uhr wieder im Revier und kontrolliere Mantel und Rucksack. Nichts! Auch auf das Signal „Hunderuf“, das ich mit dem Jagdhorn blase und auch auf mein Pfeifen und Rufen lässt sich Utz nicht sehen.

Voller Sorge informiere ich alle möglichen Ansiedlungen, bei denen er anlaufen könnte, den Reichsbahnangestellten am Haltepunkt, den Wachhabenden der nahegelegenen Kaserne und den Leiter der am Bahnübergang gelegenen landwirtschaftlichen Untersuchungseinrichtung. Der ist auch Jäger und ich bin seit Jahren mit ihm befreundet. Nochmals fahre ich zum Mantel am Bahndamm und danach zum Rucksack am Eichendreieck und stelle zwei Stöcke aufrecht in den Rucksack, damit Utz bequemer einschliefen kann - wenn er denn zurückkommt. Wieder zu Hause, mache ich mir das Bett im Wohnzimmer auf dem Sofa zurecht, um das Telefon nicht zu überhören. Handys oder das Mobilteil eines Festnetz-Telefons gab es damals noch nicht. Das wir überhaupt ein Telefon im Hause hatten, war nur einer glücklichen Fügung zu verdanken.

Nach einer kurzen, unruhigen Nacht weckt mich gegen sechs Uhr morgens das Telefon. Mein Weidgenosse ist mit den Worten: „Dein Hund war gerade auf unserem Betriebsgelände, hat sich aber nicht anfassen lassen. Dann ist er sehr zielstrebig in Richtung Bergschäferei gelaufen“ am Apparat. Mir fällt ein Stein vom Herzen, denn in der angegebenen Richtung befindet sich das Eichendreieck, das mein Hund schon von vielen Jagdgängen her kennt.

Wir, meine Frau ist selbstverständlich mit dabei, fahren quer durch das Luch direkt auf das Eichendreieck zu. Noch ist es stockdunkel, aber wir sehen schon von weitem dicht nebeneinander zwei grüne Leuchtpunkte. Utz hat den Rucksack angenommen. Die Freude auf allen Seiten ist riesengroß und wir schließen unser „Miststück“ in die Arme. Er ist über und über mit rötlichem Staub von der „Asche“ bedeckt. Möglicherweise hat er, nach dem er die Verfolgung der Sauen aufgegeben hat, noch einen Fuchsbau besucht, denn das dauert bei ihm ja erfahrungsgemäß immer etwas länger. Wir fragen uns, wie er zurück gefunden hat. Auf seiner Spur vom Hinweg zurück zum Rucksack bestimmt nicht, denn da wäre er zuerst am Mantel angelangt. Der Weg über den Betriebshof des Untersuchungsdienstes ist der kürzeste vom letzten Laut bis zum Rucksack. Es bleibt eigentlich in diesem Fall wohl nur die Vermutung, dass er sich großräumig an dem Geruch der Eichen und anderen Gerüchen orientiert hat. Dabei spielt sicher die Windrichtung auch eine Rolle; das haben wir damals aber nicht überprüft. Wir sind so froh, dass wir unseren Hund wieder haben, und dieser ist es wohl auch. Als wir mit dem Auto die Gleise auf dem Bahnübergang kurz vor unserem Haus überqueren, hebt er seinen Kopf aus der warmen Jacke, in die wir ihn eingepackt haben, heraus und ein freudiger Jauler kommt aus seinem Fang. Er ist wieder zu Hause. Wer mag wohl glücklicher sein in diesen Minuten – Frauchen, Herrchen oder unser Hund.

Die erste Schweißarbeit

In meinem Heimatort wird nun schon seit vielen Jahren ein Volksfest, welches Jägerfest genannt wird, gefeiert. Während das Programm dieses Festes ursprünglich mit vielen jagdlichen Aktivitäten ausgefüllt war, ist es heute nur noch ein Volksfest wie viele andere auch. Geblieben ist der Name, das Engagement der Jäger hält sich, auch durch die veränderten Bedingungen nach der Wende, in Grenzen. Heute wird kaum eine der aufwendigen jagdlichen Programmpunkte mehr durchgeführt, weil die Akteure dafür nicht mehr durch ihre Arbeitgeber freigestellt werden. So haben wir in den ersten Jahren mit Erfolg und unter großem Applaus u. a. die Arbeit der Teckel in einem künstlichen Bau vorgestellt. Dazu hatte ich mir ein Plastikrohr mit einem Durchmesser von 20 Zentimetern in drei Teile schräg zerschneiden lassen, so dass ich sie in zwei Kurven auslegen konnte. Allein die Vorbereitung des Aufbauens nahm mehr als zwei Stunden in Anspruch. Zunächst holten wir von einer Wiese Rasensoden, um damit die Plastikrohre zu überdecken und so zu kaschieren. Mit einem sorgfältig lange vorher ausgewählten alten Wurzelstock und mehreren Farnen wurde die Einfahrt verblendet. Das Beste der ganzen Angelegenheit aber war ein speziell dafür angefertigter Kasten, einen Meter lang, 50 Zentimeter breit und ebenfalls 50 Zentimeter hoch, in dem sich drei Abteile befanden. Auch dieser Kasten wurde mit mehreren Farnen verblendet. In das erste Abteil am Ende des Rohres konnte der Hund einschliefen und ein im zweiten Abteil befindliches Kaninchen verbellen. Beide Abteile waren durch ein kräftiges Gitter getrennt, so dass dem Kaninchen nichts passieren konnte. Neben dem ersten Abteil befand sich ein weiteres schmales drittes Abteil, das durch einen Schieber abgetrennt war. Darin war vorher ein Hasenfell deponiert worden. Wie an einem Naturbau wurde der Hund nun an der Einfahrt angesetzt, nahm den Bau an und verbellte, wie erwartet, das Kaninchen. Das funktionierte immer, nach einigen Übungen auch dann, wenn gar kein Kaninchen drin war. Hatte der Hund zur Freude der Zuschauer lange genug gebellt, wurde der Schieber gezogen und der Hund kam rückwärts mit dem Hasenbalg wieder aus dem Bau heraus. Nur einmal brachte eine meiner Hündinnen das Fell nicht. Aber wozu hat man denn als Züchter meist mehrere Hunde zur Verfügung. Mein Sohn Ronald leinte die erste Hündin an und ich schickte die zweite in den Bau und unter großem Applaus brachte diese nun den Balg heraus.

Nicht immer waren sich alle jagdlichen Akteure bei der Vorbereitung einig, so auch einmal Anfang der 1980-er Jahre, als das Fest auf der Kippe stand. Ich verabrede mich mit meinen Weidgenossen Rolf und Wilfried, um ein neues Programm auf die Beine zu stellen. Dazu treffen wir uns in meiner Jagdhütte, um einen von mir entworfenen Ablaufplan zu beraten. Diese Jagdhütte stand damals am Rande des Roten Luches auf der Hofstelle eines der beiden Torfhäuser. Vier Wände, ein Dach, ein Fenster, eine Bettstelle, ein kleiner Ofen und eine Kochgelegenheit reichen aus, um das zuvor beschriebene Revier in den Torfstichen problemlos zu bejagen, ohne jedes Mal abends nach Hause fahren zu müssen.


Der künstliche Fuchsbau zum Jägerfest in Waldsieversdorf

Nach unserer Beratung wollen wir uns in meinem Pirschbezirk ansetzen, danach grillen, etwas trinken und uns dann verabschieden. Als ich eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit an der Hütte ankomme, sind meine Weidgenossen bereits da und haben schon eine halbe Pulle Schlehenlikör intus. Die Programmpunkte für das nächste Jägerfest sind schnell durchgesprochen, alle meine Vorschläge werden einstimmig angenommen. Mit dem vorgesehenen gemeinsamen Ansitz wird es jedoch zunächst nichts. Wir wollen erst grillen und etwas trinken und uns dann ansetzen. Die Einigung ist ja sehr schnell gegangen und bis zur Dämmerung ist es noch eine Weile hin. Als wir dann doch aufbrechen, fährt einer meiner Freunde gleich mit seinem Moped nach Hause, mit dem anderen setze ich mich an. Er auf meiner Eichenkanzel, ich 200 Meter davon entfernt auf einer Leiter. Während das Büchsenlicht langsam zu schwinden beginnt, knallt es bei ihm. Als er mich einweist, erkenne ich, dass er die aus den Torfstichen auswechselnde Sau erst im allerletzten Moment gesehen und beschossen hat. Wir finden keinen Schweiß und auch keine weiteren Pirschzeichen. Mit meinem Utz suchen wir noch bis an den Rand des Torfstiches und tragen dann den Hund ab. Der wehrt sich zwar dagegen, aber ich schlage vor, wegen der fortgeschrittenen Dunkelheit die Nachsuche für heute abzubrechen. Wilfried fährt nach Hause und ich verspreche ihm, dass ich am nächsten Morgen vor Dienstbeginn noch einmal nachsuchen werde.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker gegen 5:00 Uhr. Ich wache mit dröhnendem Kopf auf und „Lassmann“ flüstert mir ins Ohr: „Warum willst Du jetzt schon aufstehen. Ihr habt doch gestern Abend schon nach-gesucht und nichts gefunden. Was soll schon passieren. Und außerdem sind die Torfstiche fast undurchdringlich, ein verludertes Schwein findet dort eh’ keiner und Du musst erst um 7:00 Uhr im Dienst sein.“ „Lassmann“ und „Fassmann“ hat Ehm Welk in seinem Buch „Die Lebensuhr des Gottlieb Grambauer“ sehr anschaulich beschrieben. Wenn der eine in ihm sagte: „Fass man zu!“, so antwortete der andere: „Lass man lieber!“

Es vergehen mehrere Minuten und ich bin fast wieder am Einschlafen, da meldet sich „Fassmann“ zu Wort: „Wenn die Sau aber doch liegt! Du wirst darüber nicht sehr froh sein! Du, der bei jeder Gelegenheit den Weidgenossen ins Stammbuch schreibt: „Nach jedem Schuss eine Kontrollsuche!“. Außerdem bist Du im Vorstand der Jagdgesellschaft für das jagdliche Brauchtum und das Hundewesen verantwortlich. Stell Dir die Blamage vor, wenn das Stück durch einen unglücklichen Zufall gefunden wird. Denke daran: Der Wald hat tausend Augen.“ Das wirkt auf mich so nachhaltig, dass ich sofort hellwach bin. Nach einem erfrischenden Kaffee mache ich mich mit „Utz“ auf den Weg. Es ist inzwischen hell geworden und ich setze den Hund nochmals am Anschuss an. Er führt mich wie am Vorabend an die gleiche Stelle, an der wir abends abgebrochen haben. Dann in den Torfstich hinein und nach wenigen Metern wird der Schweißriemen schlapp und ich stehe vor der schon am Abend verendeten Sau. Was bin ich froh, dass ich mich durch die mahnenden Worte von „Fassmann“ trotz meines schweren Kopfes doch aufgerafft und die Nachsuche durchgeführt habe. Und wieder einmal muss ich erkennen: Der Hund hat immer recht!

„Schweiß Natur“ unter Vorbehalt

Es ist einer dieser heißen Spätsommertage, an denen sich das Wild gern in schattige, kühle Refugien zurückzieht. Aber gegen Abend zieht ein Gewitter herauf und ich bin beizeiten im schönsten und erfolgversprechendsten Teil meines Revieres, den beiden Torfstichen. Ungezählte Jagdfreuden habe ich hier allein, oft auch gemeinsam mit meiner Frau, vor allem aber mit meinen Rauhaarteckeln erleben dürfen. Die beiden Torfstiche liegen nebeneinander in der Wiese und enden etwa 80 Meter von der Waldkante entfernt. Zwischen ihnen blieb bei der Austorfung ein 20 bis 30 Meter breiter Streifen stehen, so dass nach der „Renaturierung“ zwei Einstände entstanden sind. Das Wild muss, wenn es von einem Einstand in den anderen ziehen will, den Wiesenstreifen dazwischen überqueren. Eine hohe Leiter, die ich auf Höhe dieses Streifens an der Waldkante errichtet habe, gibt mir die Möglichkeit, das Wild meist vor dem Austreten zu „verhören“. Aus Erfahrung ahne ich, wohin die Reise der Rotte oder des Rudels gehen könnte. So kann ich rechtzeitig abbaumen und dem Wild im Schutze eines Pirschweges, den ich parallel zur Waldkante im Bestand angelegt habe, den Weg abschneiden. Als wir noch mit Doppelflinte und Flintenlaufgeschoss jagten, war das eine ausgezeichnete Möglichkeit, durch welche sich die Aussichten auf einen jagdlichen Erfolg sehr verbesserten. So geschieht es auch an diesem Abend. Nach dem Gewitter am Nachmittag bin ich beizeiten vor Ort, weil ich aus Erfahrung weiß, dass das Wild dann meist früher als gewöhnlich auswechselt. Der Einstand im Schilf ist sicher pitschnass und ich hoffe auf einen guten Anblick und die Chance auf einen sicheren Schuss. Kaum bin ich angekommen und habe es mir auf meiner Leiter bequem gemacht, steckt ein Alttier Äser und Lauscher6 aus dem Schilf. Wo ein Alttier ist, da ist auch entweder ein Kalb oder ein Hirsch, denke ich. Im nächsten Moment stehen Alttier und Kalb in der Wiese, überqueren den Wiesenstreifen und ziehen in den anderen Torfstich. Ich ahne den Wechsel, den die beiden nehmen wollen und bin im Nu von meiner Leiter herunter, um das Wild auf dem Pirschsteig zu erwarten. Kurz vor dem Wald werde ich gerade noch auf das Kalb fertig, jedoch beide Stücke flüchten weiter.

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