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Herbert Schoenenborn Der Schatz der Kürassiere
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Herbert Schoenenborn
DER SCHATZ DER KÜRASSIERE
Eine deutsch-französische Geschichte
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
www.engelsdorfer-verlag.de
Mein besonderer Dank gilt meinem Lektor Jürgen Scheele, mein Mitleid meinem Sohn Markus, den ich über Monate mit dem Rezitieren von Textpassagen genervt habe.
Herbert Schoenenborn ist Jahrgang 1946 und hat immer in seiner Heimatstadt Köln gelebt. Nach seinem Fachstudium war er als Mitarbeiter der Direktion einer namhaften europäischen Versicherung in verschiedenen Aufgabenbereichen tätig.
Seine Hauptinteressen gelten der europäischen Zeitgeschichte, insbesondere der Kölner Stadtgeschichte und dem deutsch-französischen Verhältnis.
Herbert Schoenenborn bezeichnet sich selbst als „frankophil“ …
Die Hauptpersonen (alphabetisch)
Französische Seite:
Beibel, Stefan
Inhaber einer Spedition in Metz
Duchesne, Jacques*
Lieutenant-colonel (Major), Kommandant der Festung Plappeville (Metz), später General in Indochina
Fréchencourt, Richard
Ingenieur für Waffentechnik und Fabrikbesitzer in Paris
Grau, Pierre
Agent des französischen Kriegsministeriums
Ledoux, Louis
Fuhrunternehmer
Mourai, Roger
Soldat der Festung Plappeville (Metz)
Muller, Jean
Agent des französischen Kriegsministeriums
Ouvrard, Louis-Antoine
Straßburger Kaufmann, Halbbruder Richard Fréchencourts
Pegues, Romain
Kompagnon von Ouvrard
Perçu, Philippe
Sekretär und Leibwächter Fréchencourts
Robin, Claude
Soldat von Fort Plappeville (Metz)
Deutsche Seite:
Ahren, Oskar
Wachtmeister (Feldwebel), Kürassier-Regiment (Rheinisches) Nr. 8 in Deutz
Baum, Friedebrecht
Privatdetektiv
Buschhagen, Anton von
Premier-Lieutenant (Oberleutnant) Kürassier-Regiment (Rheinisches) Nr. 8 in Deutz
Buschhagen, Anette von
Anton von Buschhagens Ehefrau
Hombach, Balthasar
Eisenbahningenieur
König, Margarethe
Leiterin der kaiserlichen Kulturbehörde der Rheinprovinz, in Wirklichkeit, Margarethe von Ziethen, deutsche Agentin
Märschau, Mathilde
Gesellschafterin von Margarethe König
Müschen, Kurt
Seconde-Lieutenant (Leutnant), Kürassier-Regiment (Rheinisches) Nr. 8 in Deutz
Müschen, Prof. Dr., Bernhard
Kunstprofessor an der Uni Bonn, Vater von Kurt Müschen
Schuster, Klara
Wirtstochter, Tochter von Paul
Schuster, Paul
Besitzer des Lokals „Prinz Karl“ in Deutz
Rebhahn, Roland
Fotograf und Sekretär von Margarethe König
Stieber, Carl Eduard*
Preußischer Spionagechef
Voigtel, Karl Eduard Richard*
Kölner Dombaumeister
Sofern zwischen den erdachten Charakteren im Buch und realen Personen Ähnlichkeiten bestehen sollten, wäre dies Zufall.
Die historischen Personen im Roman sind mit einem Stern gekennzeichnet. Die Darstellung ihres Verhaltens und ihres Charakters im Roman entspricht allerdings nicht immer den historischen Tatsachen.
Einige Personen, viele Ereignisse, Orte und Objekte im Roman sind historisch, einige nicht.
Der Anhang enthält ein Glossar und ein Literaturverzeichnis.
Der Krieg hat einen langen Arm.
Noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer.
Martin Kessel
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Dank
ZUm Autor
Die Hauptpersonen (alphabetisch)
Zitat
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Glossar (alphabetisch)
Literaturverzeichnis
Prolog
Metz, Lothringen, 21. August 1870
Es war ein herrlicher Sonntagmorgen, zumindest was das Wetter anbelangte. Nach fünf endlos scheinenden Regentagen war heute erstmals wieder die Sonne zum Vorschein gekommen. Das Straßenpflaster war schon fast getrocknet, nur die vielen verbliebenen Pfützen erinnerten noch an die großen Regenmengen, die in den letzten Tagen auf die Stadt niedergeprasselt waren.
Einige Cafe- und Bistrobesitzer, die in der Hoffnung auf ein paar Gäste Tische und Stühle vor ihre Lokale gestellt hatten, warteten aber vergebens. Denn niemand in der Stadt hatte offenbar Lust und Laune, mit Kaffee oder Tee die warme Morgensonne zu genießen. Das war verständlich, denn wer wollte sich schon eine längere Zeit dem unangenehmen Geruch aus einer Mischung von Pferdeausdünstungen, Verwesung und Fäkalien aussetzen, der sich allmählich im gesamten Stadtgebiet breit machte. So verließen die Einwohner ihre Häuser nur, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Ansonsten zogen sie sich in ihre vier Wände zurück, hielten Türen und Fenster geschlossen und warteten auf das, was da kommen würde.
Rückblick:
Gerade einmal drei Tage war es her, als der Krieg die Stadt erreichte. Nach der verlorenen Schlacht in der Nähe der Ortschaft Gravelotte, hatte sich die angeschlagene französische Rheinarmee mit 170 Tausend Mann in den Schutz der Festungen von Metz zurückgezogen. Hinzu kamen noch die 20 Tausend Flüchtlinge aus den umliegenden Ortschaften, die aufgrund der gefährlichen Lage rund um Metz mit Hab und Gut in die Festungsstadt geflohen waren. Das war ein unglaublicher Zuwachs an Menschen, denn wenn man bedenkt, dass in Friedenszeiten gerade einmal 48 Tausend Einwohner und rund 9 Tausend Festungssoldaten in Metz lebten, kann man sich leicht vorstellen, wie bedrückend eng und ungemütlich es nun im Stadtgebiet war.
Es war schon erstaunlich, wie schnell und rücksichtslos das Militär die Stadt unter ihre Kontrolle gebracht und sich alles untergeordnet hatte, mit gravierenden Auswirkungen auf das städtische Leben.
Zahlreiche Straßen waren mit abgespannten Trainfahrzeugen* so zugestellt, dass der Straßenverkehr zusammengebrochen war. In den beschlagnahmten öffentlichen Gebäuden und Schulen residierten nun die Heeresstäbe.
Die wenigen in Metz verbliebenen auswärtigen Gäste wurden aus den Gasthäusern und Hotels gewiesen und ihnen nahe gelegt, entweder bei Privatleuten Unterschlupf zu suchen oder die Stadt auf dem schnellsten Weg zu verlassen, wohl wissend, dass letzteres zu diesem Zeitpunkt kaum mehr möglich war. In die geräumten Hotels und Gasthäuser quartierten sich umgehend die ranghöheren Offiziere ein.
Weniger komfortabel hatten es da die unteren Offiziersränge und einfachen Soldaten. In einem Ring um den Stadtkern, insbesondere entlang der Moselufer, entstanden auf den vom Regen aufgeweichten und teils morastigem Böden in kurzer Zeit ausgedehnte Zeltstädte, in denen dicht gedrängt die erschöpften Soldaten aller Waffengattungen unter miserablen Bedingungen biwakieren mussten.
Die ärztliche Versorgung der Zivilbevölkerung verschlechterte sich von Tag zu Tag. Wer krank wurde, konnte kaum Hilfe erwarten, denn alle Ärzte hatte man zum Dienst in den Krankenhäusern zwangsverpflichtet. Die Hospitäler schickten die leichteren Krankheitsfälle und halbwegs genesenen Patienten nach Hause und nahmen, wenn überhaupt, nur noch Notfälle auf, denn sie waren mit der Pflege und der Versorgung der Verwundeten und Sterbenden der letzten Kämpfe bereits restlos ausgelastet.
Doch wieder zurück zum heutigen Tag:
Wie ein Lauffeuer hatte sich am Morgen die Nachricht verbreitet, dass die deutschen Truppen den Belagerungsring um die Stadt geschlossen hatten. Obwohl die Lage ausgesprochen prekär war, kam es weder zu Hamsterkäufen noch zur Panik in der Bevölkerung. Dies war einer gut funktionierenden Propaganda zu verdanken. Mit Aushängen in den Straßen und Sonderausgaben der örtlichen Zeitungen informierten die städtischen Behörden und das Militär mehrmals am Tag über die aktuelle Lage, wobei schlechte Nachrichten unter den Teppich gekehrt und die wenigen Lichtblicke in den Vordergrund gerückt wurden.
So war die Versorgung mit Lebensmitteln vorerst nicht gefährdet, denn nach den letzten Bestandsaufnahmen reichten die Lebensmittelvorräte für die Einwohner und die Besatzung der Festung für etwa drei Monate. Die Rheinarmee selbst besaß zwar nur Vorräte für ungefähr vierzig Tage, jedoch hatte sie die Möglichkeit, sich durch Requisitionen in der näheren Umgebung und schlachten ihrer Pferde noch eine längere Zeit über Wasser halten zu können.
Auch die militärische Situation schien nicht einmal so schlecht zu sein, denn den Verteidigern stand ausreichend Munition zur Verfügung, um den Feind längere Zeit auf Distanz zu halten.
Zudem hatten Kuriere gemeldet, dass Marschall Mac Mahon um Châlons Truppen zusammenzogen hatte, die sich bald zur Entlastung der Eingeschlossenen in Marsch setzen würden.
Diese Nachricht nährte in Metz das Gerücht, Marschall Bazaines Rheinarmee beabsichtige in den nächsten Tagen den Belagerungsring zu durchbrechen, um sich mit den Truppen Mac Mahons zu vereinigen und dann gemeinsam gegen den Feind vorzugehen. Das stärkte in der Bevölkerung das Vertrauen in ihre „Grande Armee“ und den Glauben, dass sich das Kriegsglück bald zu Gunsten Frankreichs wenden werde.
Dass es auch anders kommen könnte, daran glaubten nur wenige überzeugungsresistente Pessimisten. Die aber sollten leider Recht behalten.
Kapitel 1
Metz, Lothringen, 21. August 1870
Die Glocken der nahen Kathedrale hatten gerade ihr Mittagsläuten beendet, als vier Männer vor dem Haus No. 12 in der Rue des Jardins stehen blieben und die Hausglocke läuteten. Zwei von ihnen trugen die Uniform der französischen Garde, die beiden anderen Zivil.
Haus No. 12 war ein herrschaftliches Stadthaus vom Anfang des 19. Jahrhunderts, das eher in einen Villenvorort als in die Rue des Jardins gepasst hätte. Da es gut drei Meter zurückversetzt war, hatte man das Gefühl, dass sich seine gepflegte hellbeige Fassade nicht so recht in die graue Front der übrigen Häuser einfügen wollte. Das Gebäude war nicht nur erheblich breiter, sondern mit seinen drei Stockwerken auch eine Etage höher als die Nachbarhäuser. Eine vierstufige steinerne Treppe führte zu einer massiven breiten eichenen Eingangstür empor. Ein ausladendes Vordach, das von zwei klassizistischen Säulen gestützt wurde, überdachte Eingangstüre und Treppe und reichte fast bis zum Bürgersteig. Stabile schmiedeeiserne Ziergitter sicherten die Parterrefenster. Die rundbogige Hauseinfahrt konnte nicht mehr genutzt werden, denn sie war zur Straße hin mit einem, im Boden und in den Seitewänden fest verankerten, massiven Eisengitter dauerhaft verschlossen und glich entfernt einem mit einem Fallgitter verschlossenen Stadt- oder Burgtor. Am Ende der Einfahrt verwehrte eine graue Eisentüre den Blick in den Innenhof. Tor, Türe und Fenster waren mit dunkelgrauen, kunstvoll behauenen Steinelementen eingefasst und verliehen dem Haus ein vornehmes Aussehen.
Die Männer hatten sich seitlich der Eingangstüre gestellt, so dass sie durch den Türspion nicht gesehen werden konnten. Die List gelang, denn nach kurzer Zeit wurde ein schwerer Riegel auf die Seite geschoben und die Türe einen Spalt weit geöffnet. Darauf hatten die Männer spekuliert. Mit Wucht stießen die Soldaten die Haustüre weit auf und drängten den Livrierten, der nachsehen wollte, wer die Unverfrorenheit besaß die Mittagsruhe zu stören, ins Innere des Hauses. Die beiden Zivilisten folgten den Soldaten auf dem Fuße. Die Gardisten verriegelten nun von innen die Tür und postierten sich rechts und links vom Hauseingang. Das alles ging sehr schnell. Keiner der wenigen Passanten auf der Straße hatte etwas bemerkt. Nur von einem Fenster gegenüber wurde der Vorfall zufällig beobachtet. Als die vier Männer im Haus verschwunden waren, zog sich der Beobachter zurück. Er beschloss, nichts gesehen zu haben, denn in diesen unruhigen Zeiten kümmerte man sich besser nur um sich selbst, insbesondere dann, wenn Militär mit im Spiel war.
Es dauerte einige Zeit, bis sich der Überrumpelte von seinem Schrecken erholt hatte. Wut machte sich in ihm breit. Er näherte sich den beiden Männern in Zivil bis auf eine Armlänge, so dass die Uniformierten auf dem Sprung waren einzugreifen. Zum Glück hatte sich der Hausbewohner schnell wieder im Griff. Er trat einen Schritt zurück, so dass sich die Soldaten wieder entspannen konnten.
„Messieurs, was wollen Sie?“, fragte er kalt, wütend über sich selbst, weil er auf einen uralten Trick hereingefallen war und damit den ungebetenen Besuchern ihr Eindringen ins Haus so leicht gemacht hatte. Unbeeindruckt von der Gemütslage seines Gegenübers erwiderte der größere der beiden Zivilisten beschwichtigend:
„Entschuldigen Sie unser Eindringen, aber wir müssen dringend mit Monsieur Fréchencourt sprechen.“
„Monsieur Fréchencourt hat sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen und möchte nicht gestört werden“, entgegnete der Angesprochene abweisend.
„Schon gut Philippe“, sagte der Mann, der vom Treppenabsatz der ersten Etage aus das Geschehen unbemerkt beobachtet hatte und nun gemächlich die Stufen herunterkam. Die unten stehenden konnten zunächst nur seine Silhouette erkennen, die sich gegen das einfallende Licht des oberen Flurfensters abhob.
„Monsieur Gerard Fréchencourt?“, fragte der kleinere der beiden Männer höflich.
„Non Monsieur, ich bin Richard Fréchencourt. Mein Vater Gerard ist vor zwei Wochen verstorben, Sie müssen daher mit mir Vorlieb nehmen. Was kann ich für Sie tun, Messieurs?“, fragte er vorsichtig. Erst als er in das gedämpfte Sonnenlicht der Eingangshalle trat, wurde den Besuchern klar, dass der Mann schon altersmäßig nicht Gerard Fréchencourt sein konnte, denn derjenige, der ihnen gegenüberstand, war erst Anfang dreißig. Er trug den blauen Rock der französischen Freikorps, der Franctireurs. Den Abzeichen nach stand er im Range eines Captaine. Richard Fréchencourt war mittelgroß und athletisch. Sein dunkles Haar war kurz geschnitten und sein schmales Gesicht mit der geraden Nase und dem energischen Mund wurde von Backen- und Kinnbart umschlossen. Unter dichten Brauen musterten dunkle Augen abschätzend die Besucher. Was waren das für Männer, die ungebeten in sein Haus gestürmt waren und unbedingt seinen Vater sprechen wollten?
Bei einer flüchtigen Begegnung, so vermutete Fréchencourt, würde man die beiden später sicherlich nur vage beschreiben können. Vielleicht könnte man sich noch an den Größenunterschied und eventuell noch an ihr gepflegtes Äußeres erinnern. Die Kleidung der beiden ungebetenen Gäste entsprach dem Zeitgeschmack und war eher unauffällig, denn die Sakkos und eng geschnittenen Hosen in gedeckten Farben hinterließen keinen bleibenden Eindruck, und das schien Absicht zu sein.
Wenn man aber, wie Richard Fréchencourt, genauer hinsah, hatten seine Besucher einige Auffälligkeiten zu bieten. Fréchencourt entgingen weder die breiten Schultern noch die kräftigen Hände der beiden. Dem Sitz ihrer Kleidung nach waren sie bewaffnet. Ihr Alter schätzte er auf Anfang bis Mitte vierzig. Das waren auch schon die Gemeinsamkeiten. Da sie inzwischen ihre Kopfbedeckungen abgesetzt hatten, traten die Unterschiede deutlich zu Tage.
Der kleinere Mann hatte bereits eine Glatze, die von einem Haarkranz umrahmt wurde. Als wolle er das Fehlen seiner Kopfhaare ausgleichen, verdeckte unterhalb seiner knubbeligen Nase ein sorgfältig gezwirbelter Schnurrbart die Oberlippe. Aus seinem rundlichen Gesicht blickten ihn ein Paar kluge Augen forschend an.
Dichtes grau meliertes glattes, nach hinten gekämmtes Haar bedeckte hingegen den kantigen Schädel seines Begleiters. Die bereits vollständig ergrauten Augbrauen trafen sich fast über der ein wenig zu lang geratenen Nase. Ein Backenbart überwucherte die leicht hervorstehenden Wangenknochen und reichte ihm fast bis zu den Mundwinkeln. Er wirkte auf den Hausherrn leicht grimmig, aber nicht unsympathisch.
Nach seiner Einschätzung hatte er von ihnen nichts zu befürchten. Sichtbar entspannt ging Fréchencourt auf die beiden Besucher zu und verbeugte sich leicht:
„Bonjour Messieurs, willkommen in meinem Haus.“ Mit einem leicht spöttischen Unterton fügte er hinzu: „Es müssen wichtige Gründe vorliegen, dass Sie mich in diesen unruhigen Zeiten aufsuchen und dazu noch in Militärbegleitung.“ Der kleinere Besucher übernahm nun das Wort:
„Ja, in der Tat“, sagte er ernst. „Aber dürfen wir uns Ihnen zunächst einmal vorstellen, Messieurs? Mein Name ist Grau, Pierre Grau, und das ist mein Kollege Jean Muller. Wir sind Angehörige des Kriegsministeriums.“ Er überreichte dem Hausherrn eine Legitimation des Kriegsministers.
„Bevor wir Sie über den Grund unseres Besuchs in Kenntnis setzen, gibt es einen Raum, in dem wir uns ungestört unterhalten können?“
„Ja selbstverständlich, folgen Sie mir bitte in die Bibliothek, Messieurs“, antwortete der Hausherr.
„Philippe, bringen Sie uns bitte Tee, Baguette und Käse und versorgen Sie auch beiden Messieurs vom Gardecorps.“
Als sich die beiden Soldaten unsicher ansahen, nickte ihnen Grau kurz zu.
„Die Vorsichtsmaßnahmen sind nicht notwendig“, sagte er und bedeutete ihnen, ihre Posten neben der Eingangstür zu verlassen. Fréchencourt zeigte auf eine Sitzgruppe, die aus drei gepolsterten Stühlen und einem kleinen runden Eichentisch bestand.
„Wenn Sie möchten, können Sie sich gerne dort hinsetzen“, sagte er. Dankbar folgten die Gardisten der Aufforderung des Hausherrn. Sie setzten ihre Tschakos* ab und lehnten ihre bajonettbewehrten Chassepot-Gewehre* vorsichtig an die holzgetäfelte Wand. Dann ließen sie sich auf die Stühle fallen.
Die beiden Soldaten gehörten zur Besatzung von Fort Plappeville im Westen der Stadt. Seit der Mobilmachung am 15. Juli war es mit dem bis dahin doch recht geruhsamen Soldatenleben zu Ende.
Die Besatzung der Festung stand seitdem in andauernder Kampfbereitschaft, mit all ihren unangenehmen Begleiterscheinungen, wie Ausgangssperre, häufigen Alarmen und Appelle zu allen Tages- und Nachtzeiten und den alle vier Stunden stattfindenden Wachwechseln.
Seit dem Rückzug der Rheinarmee nach Metz, durften sie sich noch nicht einmal mehr außerhalb des Forts bewegen. Obwohl sie mit einem festen Dach über dem Kopf in diesen Kriegstagen zu den previligierten Armeeangehörigen gehörten, empfanden sie ihre Situation trotzdem alles andere als angenehm. Um für ein paar Stunden dem kräftezehrenden Dienstrhythmus und der Enge des Forts zu entfliehen, hatten sie sich freiwillig zur Begleitung von Grau und Muller gemeldet.
Richard Fréchencourt öffnete eine schwere Eichentür und bat die beiden Besucher einzutreten. Interessiert sahen Grau und Muller sich um. Die Größe des Raumes war imponierend. Er maß ungefähr zehn mal fünfzehn Meter. Die Stirnseite beherrschte ein Buntglasfenster mit militärischen Motiven aus der Zeit Napoleon Bonapartes, das die Bibliothek in gedämpfte Farben tauchte. In der Mitte der linken Längswand befand sich ein großer marmorner Kamin, der an kalten Tagen spielend in der Lage sein musste, die gesamte Bibliothek mit wohliger Wärme zu versorgen. An der rückwärtigen Wand, direkt neben der Türe, glorifizierte ein, vom Parkettfußboden bis zur eichenholzener Fassettendecke reichendes Bild den siegreichen Napoleon Bonaparte, offenbar nach der Schlacht von Austerlitz.
Die freien Wandflächen bedeckten Regale, die vom Boden bis zur Decke lückenlos mit Büchern gefüllt waren. Auch der obligatorische Globus in der Mitte des Raumes fehlte nicht. Komplettiert wurde die Einrichtung durch eine gemütliche Leseecke vor dem Fenster, bestehend aus vier mit dunkelrotem Samt bespannten Sesseln und einem quadratischen Tisch mit einer gekachelten Oberfläche. Fréchencourt bat die Besucher dort Platz zu nehmen. Nachdem sich auch der Hausherr gesetzt hatte, ergriff Muller sofort das Wort.
„Zunächst einmal unser Beileid zum Tode Ihres Vaters. Wir sind von seinem Tod etwas überrascht, denn wir hatten fest damit gerechnet, ihn hier in Metz anzutreffen.“ Fréchencourt entgegnete seufzend:
„Auch für mich und meine Familie kam sein Tod unvorhergesehen, denn ich wusste bis vor zwei Tagen nichts von seinen Herzbeschwerden, die erst in den letzten beiden Monaten vor seinem Tod aufgetreten sein mussten. Bei der Feier anlässlich seines sechzigsten Geburtstags im Oktober vergangenen Jahres sagte mein Vater in seiner Tischrede noch, er habe eine Menge Ideen, die er unbedingt verwirklichen wolle. Gleichzeitig ließ er durchblicken, dass er deshalb einen Ort brauche, an den er sich zurückziehen könne, um ungestört arbeiten zu können.
Um zu unterstreichen, wie ernst er es damit meinte, ersteigerte mein Vater im März aus der Erbmasse eines Kunsthändlers dieses Stadthaus hier, einschließlich des kompletten Inventars.“ Der Hausbesitzer machte eine ausladende Handbewegung. „Dazu gehören auch die gesamten Bücher dieser Bibliothek, bei denen es sich hauptsächlich um wertvolle Kunstbände handelt. Ich habe leider bis heute noch keines davon durchblättern, geschweige denn lesen können.“ Fréchencourt lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und nahm den Faden wieder auf.
„Alors, mein Vater hielt sich seit Anfang April fast ausschließlich hier in Metz auf. Er reiste ein-, zweimal im Monat für jeweils zwei, drei Tage nach Paris, um nach dem Rechten zu sehen, wie er scherzhaft zu sagen pflegte. Zuhause in Paris schien er mir immer sehr abwesend zu sein und konnte es offenbar kaum erwarten, wieder den Zug nach Metz zu besteigen. Meine Mutter und ich vermuteten daher, dass er sich mit etwas außerordentlich Bedeutsamen befasste.“