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Gisela Sachs Schwiegermutteralarm
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Meine Süße zeigt sich hocherfreut über die Sternenhimmelschlummerlichter, freut sich darüber noch mehr wie über die Blümchen. Sie sieht mich verheißungsvoll an, knabbert an meinem linken Ohr und flüstert:
»Vielleicht brauchen wir die Nachtlichter bald für uns selbst, Schatz«
Sie streichelt meine Wangen, wuschelt durch meine Haare, murmelt.
»Es ist besser, nachts nicht so viel Licht zu machen, sonst kommen die Babys ganz aus der Reihe, Schlummerlichter reichen da völlig aus«
Sie strahlt wie die Sonnengöttin: »Ich werde ganz entspannt bei gedämpftem Licht stillen können …
Wir gehen früh zu Bett. Ich krieg aber, verdammt noch mal, keinen hoch, wenn ich weiß, dass die Schwiegermutter im Zimmer nebenan schläft. Da kann Dania noch solange an meinen Ohren knabbern. Da wird nix draus. Es funktioniert einfach nicht.
8. Kapitel
Meine Schwiegermutter überrascht mich immer wieder mit neuen Ideen. Dieses Mal geht es um einen Mutter-Tochter-Urlaub. Gisela will doch tatsächlich mit Dania in Urlaub fliegen, stell sich das einmal einer vor. Nach Dubai! Auf die Palmeninsel. Ins Luxushotel »Atlantis The Palm Hotel & Resort.« Ohne mich! Hat sich dafür ihre Lebensversicherung auszahlen lassen. Stell sich das mal einer vor!
»Wer weiß, wie lange die Mama noch reisen kann, Schatz« sagte meine Ehefrau. Und wenn mir jetzt einer sagt, das wäre noch normal, dann hat er schlichtweg einen an der Klatsche. Schließlich sind Dania und ich frisch verheiratet. Fast noch frisch, jedenfalls. Und wir waren noch keinen einzigen Tag unserer Ehe zu zweit allein in unserem Haus.
»Warum sollte meine Mama allein in der Erdgeschosswohnung herumhocken, Ollischatz? Wer weiß, wie lange wir sie noch haben werden«
Nach ihrem Reisevorschlag fängt meine Schwiegermutter an zu kochen. Gisela kocht nicht irgendein Essen. Nein! Sie kocht mein Lieblingsessen: Rostbraten mit knusprig gebratenen Zwiebeln und megadunkler Soße. Genauso, wie ich die Soße besonders gerne mag. Dazu schabt sie schüsselweise goldgelbe Spätzle, macht schwäbischen Kartoffelsalat. Eine Hochzeitssuppe mit Marklößchen, Eierstich und Flädle vorneweg.
Die Brühe ordentlich angesetzt mit Suppenfleisch und viel Gemüse aus unserem Vorgarten. An die Suppe meiner Schwiegermutter kommt niemand ran. Die schmeckt einfach himmlisch. Da könnte ich glatt darin baden. Der Rostbraten, butterzart, die Soße mit einem Schuss Samtrot geküsst. Göttlich! Kochen kann sie, meine Schwiegermutter. Das muss man ihr lassen. Aber mich mit Rostbraten, Spätzle und Kartoffelsalat zu erpressen, das ist schon eine Sauerei!
Dania stellt drei Flaschen Stuttgarter Hofbräu Pilsner auf den Tisch:
»Wie geht es uns doch gut! Es ist doch ein Segen, dass wir die Mama bei uns im Haus haben dürfen, gell Schatz«
Manchmal ist es besser zu schweigen.
Meine Ehefrau und meine Schwiegermutter setzen ihre Pilsgläser ab, wischen sich den Bierschaum mit den Handrücken von den Mündern und lächeln mich an. Ihre Bewegungen sind so was von identisch, das gibt es gar nicht. Mutter und Tochter haben so ziemlich die gleiche Stimme, in etwa die gleiche Figur, denselben Kleidergeschmack, die gleiche Frisur. Meine Schwiegermutter trägt den gleichen Goldton im blond gefärbten Haar wie meine Dania im echten. Kein Wunder, dass ich neulich versehentlich »Schatz« zu ihr gesagt habe.
9. Kapitel
»Nicht jeder hat das Glück, seine persönliche Friseurin im Haus zu haben« lacht meine Oma, während Gisela an meinen Haaren herumschnippelt. Mehr Kürze bringe mehr Fülle, meint sie. Als ich mich dann im Spiegel betrachte, erschrecke ich. »Ich sehe aus wie ein Hamster unter Stromschlag«
»Boris-Becker-Frisur« lacht Oma.
»Das trägt man heute so, Ollischatz« sagt Dania.
»Und mit diesem Stoppelfeldschnitt soll ich bei unserem Betriebsfest erscheinen?«
»Halt still, Olli! Da muss noch Gel eingearbeitet werden. Die Frisur ist top aktuell, ich habe sie schon bei mehreren prominenten Männern gesehen. In Hollywood ist sie gerade der letzte Schrei«
»Ich bin doch nicht ihre Frisurenpuppe, verdammt noch mal. Was bildet sie sich überhaupt ein. Aber wenn ich jetzt noch mehr aufbegehre, habe ich noch mehr Stress. So sage ich nur: »Wir sind aber in Stuttgart«
Es ist eine Selbstverständlichkeit für meine Schwiegermutter, dass sie Dania und mich auf das Betriebsfest begleitet. Für meine Ehefrau und meine Oma übrigens auch.
Gisela brezelt sich für den Abend auf wie zu einem Staatsbankett. Enges, schwarzes, viel zu kurzes Kleid für ihr Alter, wie ich meine. Mit viel zu tief geschnittenem Ausschnitt und viel zu hohen Schuhen. Sie trägt tomatenroten Lippenstift. Apfelduftparfüm. Goldenen Lidschatten. Hat sich ihre Krallen rot lackiert …
Demonstrativ setze ich meine Army Cap auf.
»Aber Olli, deine Frisur. Du machst ja meine ganze Arbeit kaputt. So kannst du doch nicht mit mir beim Betriebsfest erscheinen«
»Du kannst ja daheim bleiben« brumme ich.
Sie schnappt nach Luft wie ein Krokodil, reißt ihr Maul auf bis zum Anschlag und japst: »Undank ist der Welt Lohn«
Auf dem Betriebsfest. Schwiegermutter steuert geradewegs den Tisch in der ersten Reihe an. Sie streckt meinem Chef ihre rechte Hand hin.
»Und sie sind Herr Kallenberger. Ich habe ja schon so viel von Ihnen gehört«
Sie lacht aufreizend, schüttelt seine Hand wie ihren Schüttelmixer von Tupper.
»Natürlich nur Gutes, Herr Kallenberger«
Der fragende Blick meines Chefs trifft mich. Am liebsten würde ich im Fußboden versinken.
»Darf ich Ihnen meine Schwiegermutter vorstellen« sage ich leise.
»Frau Gisela Kammerberger«
»Aha«
»Wir sind ja fast namensverwandt, Herr Kallenberger« flötet Gisela. Als hätte sie das eben erst festgestellt. Ich suche den Blick meiner Ehefrau. Dania sieht sich im Saal um.
Meine Schwiegermutter plappert munter weiter. Der Blick meines Chefs bleibt in ihrem Ausschnitt hängen.
»Äh« murmelt er, dann nochmals »Äh«
Er räuspert sich. »Dann nehmen sie doch mal Platz, Frau Kammerberger«
Gisela lässt sich das nicht zweimal sagen. Sie platziert sich ungeniert auf den Stuhl rechts neben meinem Chef, steckt die Karte, auf der »Reserviert« steht, kurzerhand in ihre neu erstandene goldene Handtasche:
»Das hat sich ja jetzt erledigt«
»Setzen sie sich doch, Herr Nägele, Frau Nägele«
Dania und ich setzen uns. Schweigend. Mein Chef fragt uns, was wir gerne trinken möchten. »Champagner« antwortet Gisela wie aus der Pistole geschossen.
»Champagner?« fragt Kallenberger erstaunt. »Champagner gibt es bei uns nicht, gnädige Frau«
Und jetzt ist meine Schwiegermutter erstaunt: »Ach?«
»Wir trinken Rilling Sekt«
»Ach? Auch an so besondern Tagen wie heute?«
»Gerade an so besonderen Tagen wie heute« kontert Kallenberger.
»Gewöhnlich trinken wir hier Bier«
Ich schaue meiner Schwiegermutter stumm in die Augen, hoffe, dass sie endlich ruhig ist. Sie kapiert meinen Blick, sagt nur: »Aha«
Und ist still, bis die Kapelle anfängt zu spielen.
Sie wippt immer heftiger mit ihren Füßen, hält es kaum mehr aus auf ihrem Platz. Mein Chef hat zur Betriebsfeier die Band »Münchner Freiheit« engagiert.
Meine Schwiegermutter liebt diese Gruppe über alles, kennt sämtliche Lieder auswendig. Sie singt leise mit. »So lange man Träume noch leben kann«
»Wollen wir tanzen, Frau Kammerberger?« fragt mein Chef freundlich lächelnd.
»Gerne« lächelt meine Schwiegermutter zurück. Sie springt auf, nimmt Kallenberger an der Hand, zieht ihn zur Tanzfläche und schlingt ihre Hände um seinen Nacken. Sie drückt sich an ihn. Viel zu eng, wie ich meine.
»Mein Gott, wie peinlich« sage ich.
»Was ist daran peinlich, wenn meine Mama mit deinem Chef tanzt?«
»Daran, dass sie tanzt, ist nichts Peinliches, aber wie sie tanzt. Guck dir das doch mal an. Das ist nicht nur peinlich, das ist megapeinlich! Die Kollegen schauen schon zu uns rüber, Dania, merkst du das denn nicht?«
Suchende Blicke aus blau-grau-grünen Katzenaugen wandern über die festlich gedeckten Tische: »Na und, dann sollen sie halt gucken«
Mein Chef und meine Schwiegermutter tanzen fast den ganzen Abend miteinander. Bei »Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein« sieht sie ihm vielsagend in die Augen, legt für einen kurzen Moment ihren Kopf an seine Schultern. Dann sagt sie: »Zeit, nach Hause zu gehen«
Und lässt ihn mitten auf der Tanzfläche stehen.
»Mein Gott, wie peinlich ist das denn?«
»Die Mama wird schon wissen, was sie tut«
Ein paar Tage nach dem Betriebsfest kann ich kaum glauben, was ich lese. Ich halte meine Gehaltsabrechnung direkt unter das Neonlicht im Flur. »500 Euro mehr« flüstere ich. »Satte 500 Euro mehr« Ich schüttle meinen Kopf: »Das gibt‘s doch nicht«
Und just in diesem Moment geht die Tür zum Allerheiligsten auf.
»Stimmt etwas mit ihrer Gehaltsabrechnung nicht, Herr Kammerberger?«
»Ich habe 500 Euro mehr als sonst auf meiner Gehaltsabrechnung«
»Die Gehaltserhöhung war wohl schon längst überfällig, mein Lieber« Kallenberger tätschelt wohlwollend meinen Rücken.
»Mein Name ist Nägele. Oliver Sven Nägele. Ich arbeite seit zehn Jahren in ihrem Betrieb. Ich bin verheiratet. Meine Schwiegermutter heißt Kammerberger«
»Sie wollen doch eine Familie gründen, Herr Kammerberger«
»Nägele«
»Und kein Geld für die Kinderchen zu haben, das schafft Konflikte« Kallenberger zwinkert mir vertraulich zu. Viel zu vertraulich, wie ich meine. »Ab dem dritten Kind gibt‘s noch mal einen Aufschlag« sagt er. Dann steuert er die Toilettentür an, drückt die Klinke nach unten, dreht sich in der halb offenen Tür noch einmal zu mir um: »Und grüßen sie doch bitte ihre reizende Schwiegermama recht herzlich von mir«
10. Kapitel
»Ich weiß nicht, wie ich den Tag rumkriegen soll, Olli« jammert meine Schwiegermutter, die seit ein paar Wochen in Rente ist. Dania ist schon in der Arbeit. Ich bin gerade auf dem Sprung in die Firma.
Die heiß ersehnte Freiheit ist ihr zur Last geworden. Sie vermisst den täglichen Kontakt mit ihren Kolleginnen, der Kundschaft. Sie braucht das Gefühl, etwas geleistet zu haben, wenn der Tag zu Ende ist, meint sie. Was ich meinerseits sehr gut verstehen kann. Ich möchte auch nicht den lieben langen Tag sinnlos vor mich hindümpeln. Aber ich bin auch nicht für ihre Unterhaltung zuständig, wie ich meine.
»Dann koch doch, Gisela. Putze. Wasche. Nähe etwas. Wie andere Frauen auch« schlage ich vor.
»Wenn es Enkelkinderchen gäbe, dann wäre einiges anders« brummt sie missmutig.
Sie stürzt sie sich in die Hausarbeit, wischt jeden Tag das ganze Haus nass heraus, überzieht jeden zweiten Tag die Betten, backt, kocht Mengen, die für eine ganze Fußballmannschaft reichen würde.
»Seit sie in Rente ist, sieht es bei uns steriler aus als in einer Klinik. So richtig ungemütlich« beschwere ich mich bei meiner Ehefrau.
»Du hast es so gewollt, Olli«
»So nicht, Dani«
»Dir kann man es nicht Recht machen, Olli«
»Sprich bitte mit ihr. Mach ihr Vorschläge, Dani, die außer Haus stattfinden, sonst kriege ich den Vogel hier«
Am nächsten Tag spricht Dania mit ihrer Mutter. Aber wie so oft kommt es anders als man denkt.
»Die Einsamkeit und das Nichtgebrauchtwerden, das ist kaum auszuhalten, Dani«
»Und wie wäre es mit einem Kurs an der Volkshochschule, Mami?«
»Das sind doch nur alte Leute, Dani«
Dania schlägt ihrer Mutter vor, sich ehrenamtlich zu betätigen, was sie aber strikt ablehnt.
»Wenn es Enkelkinderchen gäbe, dann …
Nach langem Zögern meldet Gisela sich doch für diverse Kurse an. Sie lernt backen ohne Mehl, kochen ohne Fleisch, Reifen wechseln, Wasserhähne reparieren. Sie erlernt den orientalischen Tanz, näht PatchworkDecken, töpfert Blumenvasen, erlernt Power-Yoga und absolviert einen Einsteigerkurs in die PC-Welt. Aber keiner der Kurse ist so wirklich ihr Ding.
»Wenn es Enkelkinderchen gäbe, dann wäre so …
Ich will mich gerade zu meinem Sonntagnachmittagsnickerchen zurückziehen, da macht Dania den Vorschlag aller Vorschläge. »Nimm die Mama doch mal mit auf den Fußballplatz, Ollischatz«
Und das war es dann. Meiner Schwiegermutter gefällt es auf dem Sportplatz. Sehr sogar! Sie begleitet mich jetzt jeden Sonntag, während meine Oma mit meiner Ehefrau daheim auf dem Sofa sitzt und strickt. Meine Oma bringt meiner Süßen gerade bei, wie man Zopfmuster strickt. Und das kann dauern, wie meine Oma mir versicherte. Bei ihr hat es auch nicht auf Anhieb geklappt.
11. Kapitel
Europameisterqualifikation 2014/15. Heute spielt Deutschland gegen Polen und ich habe meine Fußballkumpels zu mir nach Hause eingeladen: Alex, Domi, Thomas, Adrian, Hebbe, Lutze, Martin, Mike, Bernd, Dennis und Dalibor, unseren Trainer. »Geschickt, dass das Spiel an einem Samstagabend stattfindet. Sehr geschickt sogar« meint meine Schwiegermutter. »Dann mache ich halt zwei, drei Schüsselchen Kartoffelsalat mehr«
Bei uns gibt es jeden Samstagabend Kartoffelsalat und Würstchen, dazu Besenbrot. Gisela liebt Traditionen. Und Samstagabende sind für sie schon immer besondere Abende gewesen. »Der Abschluss für eine Arbeitswoche. Das Sich-Los-Lösen der Wochenpflicht. Raus aus dem Stress und Erfüllung der Muße. Familie genießen« meint sie.
Ich hole unsere Festzeltgarnitur aus dem Keller, stelle sie im Wohnzimmer auf. Gisela poliert die Biergläser und Schnapsgläser, legt Deckchen auf den Tisch, verteilt Blümchen, brennt Lavendel-Duft-Teelichter an.
»Treib‘s mal halb lang, Gisela. Wir sind doch nicht beim Kaffeeklatsch im Altenheim«
Meine Schwiegermutter lacht laut auf: »Scherzkeks« Sie zündet ein Kerzchen nach dem anderen an.
»Ich meine das ernst, Gisela. Räume deine albernen Deckchen und Blümchen ab«
Ich werde laut. »Es ist mein Besuch. Männerbesuch«
Ich reiße die Fenster auf: »Hier riecht es wie in einer Leichenhalle«
»Lavendelduft beruhigt die Nerven, lässt die Seele aufatmen und das Herz frei werden! Aber wenn du lieber Orangenduftoder ApfelduftTeelichter haben willst, Olli? Ich habe auch noch Rosenduft-Teelichter und …
Mein Hals wird eng und enger. »Deckchen weg, Gisela!« sage ich heiser.
»Das wird ein Megasieg heute, Bub«
»Wenn du da nur mal Recht hast« sage ich entnervt.
»Du zweifelst doch nicht etwa an unserer Mannschaft, Olli?«
»Die Polen spielen super, wie du weißt«
»Deutschland hat noch nie gegen Polen verloren, das solltest du eigentlich wissen, Olli«
Sie hockt den ganzen Abend lang bei uns, trinkt ein Pils nach dem anderen, dazwischen immer wieder ein Schnäpschen. Sie fiebert mit, feuert die Spieler an, schreit während des Spiels lauter als meine Kumpels. Dann springt sie auf, reißt ihren Stuhl mit um, klatscht sich mit der flachen Hand an die Stirn. »Mein Gott, was war das doch wieder für eine Chancenverschwendung. Das ist doch nicht zu fassen! Ich frage mich nur, für was die lahmen Burschen so viel Geld einstreichen«
Sie klopft dermaßen wütend mit der Faust auf den Tisch, als der Ball neben das Netz trifft, dass die Schnapsgläser hüpfen, grabscht nach ihrem Glas und kippt den Zwetschgenschnaps in einem Zug runter. Dann schnappt sie nach dem Glas von Hebbe, der neben ihr sitzt.
»Wie man auch so mit seinen Chancen umgehen kann. Die spielen ja schlechter als die Feuerbacher F-Jugend«
»Jetzt reg dich doch mal wieder ab«
»Ist doch auch wahr, Olli«
Urplötzlich fängt sie zu singen an, fuchtelt dabei wild mit den Armen, reißt sie in erschreckender Geschwindigkeit in die Höhe und lässt sie wieder fallen. »Auf geht‘s Deutschland, schieß ein Tor, schieß ein Tor«
»Gisela« mahne ich. Die Jungs werfen sich belustigte Blicke zu.
»Lang lebe König Fußball. Oheo, Oheo!« grölt Gisela. Sie schwebt mit der anmutigen Bewegung einer orientalischen Bauchtänzerin in die Küche, kocht Kaffee, serviert ihren schwäbischen Hefezopf mit Nussfüllung und Mandelsplittern obenauf. »Greift zu, Jungs«
Und meine Fußballfreunde langen so zu, als hätten sie die ganze Woche über noch kein Krümele in ihre Mägen gebracht.
»Gut, gell? Der Zopf muss einen Tag durchziehen, dann schmeckt er am besten. Deswegen backe ich ihn ja auch schon freitags. Wenn ihr das Rezept haben wollt? Also ihr nehmt 500 Gramm Mehl, am besten Type
550. Einen Würfel Hefe, Trockenhefe geht aber auch, da müsst ihr dann aber zwei Päckchen nehmen, sonst wird das nichts und …
»Gisela« mahne ich.
»Is was, Olli?«
Sie tobt. »2:0 für Polen. Das ist doch unglaublich! Ein torloses Spiel! So eine Schande aber auch! Ausgerechnet gegen Polen zu verlieren. Dieser Lewandowski, da war doch mal was mit der Vereinsführung von Borussia Dortmund? Und dieser Szozesny, der hat doch mal …
»Jetzt gönn« den Polen doch mal einen Sieg gegen Deutschland, Gisela«
Sie stürmt kopfschüttelnd vorbei an mir. »Gönnen. Gönnen. Wenn ich das Wort schon höre. Ich gönne jedem wirklich alles, aber hier geht es um Fußball, Olli«
Sie verschwindet in der Küche, klappert mit Geschirr. Laut, wie alles, was sie tut.
»Es gibt eine Mitternachtssuppe. Was Feuriges. Mit Riebele. Das mögt ihr Jungs doch so gerne« flötet Gisela.
Sie frohlockt in die Runde: »Es gibt Netzbrot dazu. Selbstgebackenes natürlich«
»Ahhh« rufen meine Kumpels gleichzeitig, wie aus einem Mund. Sie stellt den Brotkorb auf den Tisch: »Ich habe es gestern schon gebacken, damit es heute schnittfest ist. Frisches Brot lässt sich nicht gut schneiden, müsst ihr wissen. Zudem bekommt man davon Magenkrämpfe. Und das wollen wir ja auf keinen Fall, gell«
Sie sieht auf die Mattscheibe und verdreht die Augen wie ein geisteskranker Hund, brüllt auf wie ein verletzter Stier. »2:0 für Polen. So eine Schande aber auch«
Sie eilt in die Küche zurück und rührt wie eine Wilde mit dem Holzkochlöffel in dem Aluminium-Kochtopf: »Das gibt‘s doch nicht«
Alex, Domi, Thomas, Adrian, Hebbe, Lutze, Martin, Mike, Bernd, Dennis und Dalibor klatschen mir beim Abschied auf die Schultern.
»Wenn ihr das Rezept für das Brot noch haben wollt? Also ihr nehmt 800 Gramm Mehl, Type 1050«
Ich sehe meine Kumpels hilfesuchend an. Sie beachten mich nicht.
»10 Gramm frische Hefe, Trockenhefe geht auch, da müsst ihr aber …
»Du hast eine tolle Schwiegermutter« sagt jeder einzelne. Beneidenswert«
»Bis Dienstag dann, Jungs« verabschiedet meine Schwiegermutter meine Freunde. »Ich bin gespannt, was die Holländer so drauf haben«
12. Kapitel.
»Drei Wochen lang einen Mutter-Tochter-Urlaub machen zu wollen, ist wirklich ein Unding, wie ich meine. Ein Wochenende in einem WellnessHotel hätte auch gereicht. In Baden-Baden vielleicht, oder im Allgäu. Ihr hättet in den Schwarzwald reisen können, Dani. An den Chiemsee. Oder ins Elsass«
Ich klopfe mit der Faust auf den Küchentisch. »Aber nein, meine verehrte Frau Schwiegermutter muss in die Vereinigten Arabischen Emirate«
»Sie hat noch nie eine Flugreise gemacht, Olli« sagt Dania mit trotzigem Gesicht.
»Ich auch nicht«
»Meine Mama hat ihr ganzes Leben lang nur gespart«
»Ich auch«
»Und sie hat schon immer davon geträumt, einmal eine Wüstensafari zu machen, Olli«
»Na dann«
»Mit Delphinen zu schwimmen«
»Ach, Dania«
»Luxus zu genießen«
»Und dann muss es gleich Dubai sein?«
»Ach, Olli«
»Und eines der teuersten Hotels der Welt?«
»Es ist ihr Traumurlaub«
»Wie wäre es mit der Türkei? 0der Tunesien vielleicht? Ägypten? Da ist es erheblich billiger«
»Meine Mama will aber nach Dubai«
»Jetzt streiten wir uns schon wieder wegen deiner Mutter. Die Frau macht mich echt ganz meschugge mit ihren blöden Ideen. Und wenn ich an das viele Geld denke …
»Es ist ja nicht dein Geld, Oliver Sven«
»Nein, das ist es nicht, aber …
»Du gönnst meiner Mama die Reise nicht« sagt Dania leise. Und sie sieht mich so unendlich traurig an, dass ich es kaum ertragen kann.
»Du hast ihr auch die goldene Handtasche nicht gegönnt«
»Du meine Güte, Dania. Für was braucht deine Mutter eine goldene Handtasche? Kannst du mir das einmal erklären, bitteschön?«
»Weil sie Freude daran hat. So einfach ist das! Wer weiß, wie lange wir die Mama noch haben werden«
Dania verlässt das Schlachtfeld, kurz darauf das Haus. Und meine Schwiegermutter fängt zu kochen an. »Es gibt Rostbraten, Spätzle und Kartoffelsalat, Bub«
Noch in der gleichen Stunde bestelle ich bei Ebay die passende Geldbörse für ihre goldene Handtasche.
Gisela kreischt auf wie eine kaputte Kreissäge, als sie mein Geschenk auspackt.
»Echtes Rindsleder« murmelt sie dann.
»139 Euro« murmele ich.
»Auch von Michael Kors. Wie mein Handdäschle. Ach, Olli. Mein Schwiegersohn, mein Guter«
Auch Dania freut sich. Ihr Blick sieht wie eine Belohnung aus. Sie fällt mir um den Hals, knabbert an meinem linken Ohrläppchen, flüstert:
»Mein Schatz«
12. Kapitel
Meine Schwiegermutter und meine Oma werden heute miteinander ins Kino gehen. Sie werden »Monsieur Claude und seine Töchter« ansehen, danach im Restaurant Brunnerz ein Hackfleischsteak mit Pommes essen. Ein Pilschen dazu trinken. Aller Wahrscheinlichkeit nach ein zweites. Ein Schnäpschen trinken. Vielleicht auch zwei. Und da die beiden ohnehin am nächsten Tag bei »Oma Schmitts Masche« vorbeischauen wollen, um Wollenachschub zu kaufen, wird Gisela der Einfachheit halber bei Oma Klärchen in der Innenstadt übernachten. Ich bin aufgeregt. Zum ersten Mal in unserer Ehe werde ich mit Dania allein sein.
Ich habe noch einige Überstunden zum Abbauen, arbeite nur bis mittags um 12.30 Uhr, um Zeit zum Einkaufen zu haben. Ich erstehe zwei Flaschen Stuttgarter Riesling Sekt und eine Packung Schokoladenherzen. Dania liebt diese Schokoladenherzen sehr. Den Sekt stelle ich kalt, die Schokoherzen fülle ich in die guten Glasschüsselchen mit Goldrand, die wir gefüllt mit kunstvoll gefalteten Geldscheinchen von Oma Klärchen zu unserer Hochzeit geschenkt bekommen hatten.
Ich poliere zwei der wertvollen Kristall-Sektgläser auf Hochglanz, auch ein Geschenk von Oma, denke an den Tag, als wir die Gläser geschenkt bekommen hatten.
»Bist du des Wahnsinns, Olli. Du kannst die guten Gläser doch nicht in die Spülmaschine stellen, da geht ja der ganze Schliff kaputt, Bub« Danach hatte meine Schwiegermutter die »guten Gläser« im Spülbecken abgewaschen, sie sorgfältig abgetrocknet und unter die Küchenlampe gehalten. »Da ist noch eine Fluse …
Ich stelle die »guten« Gläser umgedreht auf den Tisch. Das habe ich von meiner Schwiegermutter abgeguckt. Sie macht das immer so. Aus welchen Gründen aber, das weiß ich nicht mehr, obwohl Gisela es mir langatmig erklärt hatte. Ich lege ihre selbst gehäkelten Deckchen auf den Tisch, stelle Duft-Teelichter darauf: Lavendel-, Orange-, Apfel- und Rosen-Duft. Dania wird sich darüber freuen, denke ich.
Zufrieden betrachte ich mein Werk. Es fehlen nur noch die Blumen.
Ich mache mich auf den Weg in den Garten, stehe ratlos vor den Beeten. Sind das jetzt Blumen oder Kräuter? Ich weiß es schlichtweg nicht. Ich stecke meine Hände in die Hosentaschen, überlege.
Welch ein Segen, dass es Mobiltelefone gibt. Zielsicher gibt meine Oma Anweisungen, welche Blümchen ich wie zusammenbinden und in welche Vase ich den Strauß stellen soll. Es ist mir ziemlich nützlich, dass sie sich in unserem Haus so gut auskennt, freue ich mich.
Ich sehe die Plattensammlung meiner Schwiegermutter durch. Hanne Haller? Kenne ich nicht! Engelbert Humperdinck? Auch nicht. Aber der Mann mit dem Zahnpasta-Werbung-Lächeln, den glutvollen Augen und den schwarz gewellten Haaren gefällt mir.
Ich lege die Platte auf den Plattenteller und lächle zufrieden, als seine Stimme den Raum erfüllt.
