Gisela Sachs Ave Maria
Ave Maria
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Gisela Sachs Ave Maria

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Das Letzte was ich höre sind die Kirchenglocken der nahegelegenen Matthäus-Kirche.

»Mamiiiiiiiiiiiiiiiiii!«

Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe, was für ein Tag heute ist.

Ist es überhaupt Tag? Ich höre einen schrillen Dauerton. Was ist mit meinen Ohren los? Tinnitus? Hält da jemand vielleicht seinen Daumen auf die Haustürglocke?

Ich gehe ins Bad, halte meinen brummenden Schädel unter eiskaltes Wasser, lausche. Der Ton in meinen Ohren ist weg. Mann, ist mir schwindelig! Ich lege mich wieder in mein Bett. Und höre wieder diesen Dauerton. Also doch Daumen auf der Klingel?

Ich ziehe das Rollo hoch, öffne das Fenster und mein Blick schweift suchend über unseren Vorgarten. Mir ist speiübel, mein Magen dreht sich wie der Schleudergang meiner Waschmaschine und ich kotze grüngelbe Brühe aus dem Fenster.

Ein Schatten springt rückwärts in den Garten.

»Da habe ich aber noch einmal Glück gehabt.«

»Was tun sie hier?«

»Wer sind sie?«

»Jetzt wird es aber Zeit zum Aufstehen junger Mann.«

Die Stimme kenne ich, kann sie aber niemanden zuordnen. Meine Brille. Verdammt noch mal, wo habe ich meine Brille abgelegt.

»Wir hätten da ein paar Fragen.«

»Ja?«

»Mach mal die Haustür auf, mein Junge!«

Jetzt erst erkenne ich Harald Meckle, den Hauptkommissar und Pressesprecher der Heilbronner Polizei. Ohne meine Brille bin ich blind wie ein Maulwurf, ich taste mich die Treppen runter bis zur Haustür.

»Guten Morgen. Ich habe dich wohl aus deinen Träumen gerissen?«

Was soll ich darauf antworten?

Ich öffne die Haustür bis zum Anschlag.

»Nach dir«, sagt Kommissar Meckle.«

»Und immer schön der Wand entlang!«

Meckle läuft hinter mir her, ins Wohnzimmer, schaut sich kritisch um, drückt mich sanft auf das Sofa zwischen den bunten Kissenberg, setzt sich mir gegenüber.

»Du siehst so richtig verratzt aus!«

»Nichts gegessen?«

»Lange nicht mehr gewaschen!«

»Du stinkst wie ein alter Ziegenbock!«

Kommissar Meckle steht auf und reißt das Fenster sperrangelweit auf.

»Dein vernebeltes Gehirn braucht Sauerstoff«, knurrt er.

»Bin gleich wieder da.«

Meckle hat eine Aktentasche unter dem Arm, als er zurückkommt.

»Iss«, befiehlt er und streckt mir seine Vesperdose entgegen.

»Leberwurst«, sagt er.

»Mit Gurkenscheiben drauf. In der Thermoskanne ist Pfefferminztee. Pass auf, der ist noch heiß!«

Ich esse gierig, trinke Pfefferminztee.

»Langsam, langsam, junger Mann, sonst kommt die Brühe wieder hoch.«

»Du wirst im Leintal-Zoo vermisst, hast deine Arbeit nicht mehr angetreten«, sagt er nach einer Weile.

»Ja.«

»Was ja?«

»Ich meine nein.«

»Was jetzt? Ja oder nein?«

»Ich war nicht mehr dort.«

»Wie lange nicht?«

»Ich weiß es nicht.«

»Aber ich.«

»Was wissen sie?«

»Die Fragen stelle ich hier.«

»Aus dem Teich im Leintal-Zoo wurde eine männliche Leiche geborgen. Hast du irgendetwas Verdächtiges bemerkt? Gesehen? Eine auffällige Frau vielleicht?«

»Nein! Ich habe keine verdächtige Frau gesehen.«

»Und gefunden hast du auch nichts? Bist du dir da sicher? Gefüllte Leinensäckchen vielleicht? Mit Anglerschnur an Gebüsche festgebunden vielleicht?

»Nein!«

»Man hat dich beobachtet, Davide.«

»Auf was wollen sie hinaus?«

»Was genau werfen Sie mir vor?«

»Wer hat was gesehen?«

»Was meinen sie zu wissen?«

Meckle streicht sich gedankenvoll über seine Stirn.

»Viele Fragen auf einmal.«

»Mir wisse, was mer wisse! Bist du satt Bub?«

»Ja.«

Kommissar Meckle packt seine Vesperdose und die Thermoskanne in seine abgeschabte braune Ledertasche.

»Der Mann war übrigens schon tot, bevor er ins Wasser fiel. Herzinfarkt. Um den geht es nicht. Es geht um die Säckchen. Nur um das Dope. Wir beide hatten erst kürzlich das Vergnügen miteinander. Da waren auch Säckchen aus Leinen im Spiel.

Ich komme wieder. Pass gut auf dich auf, Davide!«

Ich finde meine Brille auf dem Boden neben meinem Schaukelstuhl, erschrecke, als ich mich im Badezimmer-Spiegel sehe.

Das bin ich?

Ich halte das fremde Gesicht unter die Brause und hoffe auf die schnelle Wirkung eiskalten Wassers. Ich sollte mich rasieren, sehe aus wie ein Igel. Wo sind meine Rasierklingen? Ich wühle im Badezimmerschrank und Schubladen. Meine Beine sind schwer wie Blei, mir ist alles zu viel, am liebsten würde ich mich wieder ins Bett verkriechen. Endlich finde ich den Kulturbeutel. Er stand die ganze Zeit direkt vor mir und ich hatte ihn übersehen. Was ist nur los mit mir?

Ich krame wie wild in dem Beutel herum. Eine Rasierklinge findet ungeschützt den Weg zwischen meine Finger. Der unerwartete Schmerz lässt meinen Atem stocken und ich schaue ungläubig auf das viele Blut. Schaue zu, wie es von meinen Fingern tropft und lautlos in der weißen Badewannenvorlage versickert.

Ich fühle Schmerz.

Und ich spüre mich plötzlich wieder!

Kommissar Meckle hat seine Zeitung aufgeschlagen auf meinem Sofa liegen lassen, bemerke ich. Warum mischt der Polizist sich in mein Leben ein? Die Seiten mit den Stellenanzeigen springen mich förmlich an: Eine Stelle als Kellner, als Büroaushilfskraft, Verkaufsfahrer bei bofrost, Pflegehelfer im städtischen Tierheim, Schichtführer für Reinigungsund Aufräumarbeiten, Quereinsteiger für den Außendienst, Wachpersonal, Bürokraft in einer Futtermittelund Sachtransportfirma. Warum nicht?

Wo ist mein Papier? Die Umschläge?

Mein Schreibzeug?

Ich wühle wieder planlos in Schubladen und Schränke, finde nicht das, was ich suche, werfe das unnütze Zeug achtlos auf den Boden und lasse es dort liegen.

Ich bediene mich an Mamas Schreibtisch, versuche meine sieben Sinne zusammenzuhalten und schreibe bis spät in die Nacht Bewerbungen.

»Fein säuberlich!«

»Das ist deine Visitenkarte, Davie.«

»Ich weiß, Mama.«

Die Kommode im Wohnzimmer. Immer wieder schweifen meine Blicke zu den Schubladen mit den Drogen, lassen meine Gedanken nicht los, setzen sich in meinem Kopf fest, sodass ich kaum klar denken kann. Ein zerknülltes Papier nach dem anderen landet als Müllberg auf dem Fußboden. Amy Winehouse röhrt aus dem CDPlayer.

Ich mache Milch heiß, rühre drei Esslöffel Honig darunter, schreibe mit letzter Willenskraft und unter äußerster Anstrengung meine Bewerbungen nochmals. Meine Mama im Himmel soll zufrieden mit mir sein. Ich klebe grüne Briefmarken auf die braunen Umschläge. Marken der Hoffnung.

Ich werde es schaffen, will doch ein normales Leben führen.

Wie gehetzt renne ich zum nächsten Briefkasten. Er ist weit. Keuchend werfe ich die Umschläge ein.

Was wird jetzt werden?

Ich bin aufgelöst.

Wieder zuhause, setze ich mich in meinen Schaukelstuhl und versuche mich ruhig zu schaukeln, schaukele hoch und runter. Immer wieder hoch und runter. Das hatte Mama mit mir immer so gemacht, wenn ich unruhig und zappelig war.

Mein Blick verfängt sich in den Schubladen meiner Kommode. Kirschbaum.

Von Oma. Wertvoll.

Morgen kommt die Müllabfuhr.

Ich schütte entschlossen den Restbestand der Drogen in einen Müllbeutel, trage ihn nach draußen, klettere auf die Bank neben dem städtischen Behälter und erreiche so die Öffnung des Eimers. Ich stampfe den Beutel mit den Füßen in die Tiefe des stinkenden Eimers.

Ich werde es schaffen! Ich will es schaffen!

Ich werde es schaffen! Ich werde es schaffen! Ich will es schaffen!

Mama tanzt in ihrem weißen Totenhemd um mein Bett herum und lacht.

»Fang mich, Davie!« Als ich nach ihr greifen will, wird sie durchsichtig, taucht am Fußende des Bettes wieder auf. »Fang mich doch, Davie.«

Ich hüpfe aus dem Bett und renne Mama hinterher. Wir spielen Fangen durch das ganze Haus. Auf Mamas langem Gewand krabbeln unzählige weiße Würmer rauf und runter.

»Du riechst nach süßem Blut Mama.«

»Beiß nicht in mich hinein.«

Höhlenartigen Augen verschießen leuchtende Blitze. Mama wirft mit beiden Händen weiße Lilienblüten nach mir, lacht fröhlich:

»Komm, Davide, lass uns tanzen!«

Ich lege Amy Winehouse ein, strecke meine Hände nach Mama aus. Mom wird wieder durchsichtig, bleibt diesmal aber verschwunden.

»Mami?«

Weiße Lilien.

Überall weiße Lilienblütenköpfe. Flackernde Schatten an den Wänden. Weißer Rosenkranz.

Mir ist kalt. So verdammt kalt.

»Mamiiiiiiiiiiii.«

Albträume. Schüttelfrost. Kotzen. Haut wie Pergamentpapier. Violettfarbene Ringe unter den Augen. Abgemagert bis auf die Knochen. Wahnvorstellungen.

Albträume. Schüttelfrost. Kotzen. Wahn. Albträume. Schüttelfrost. Wahn.

Albträume. Schüttelfrost. Albträume.

Albträume. Ritzen.

Und ich spüre mich mehr, als ich ertragen kann.

»Gott, erhöre mein Gebet und verbirg dich nicht vor meinem Flehen. (Psalm 55)

Gib mir die Kraft diese schwere Zeit zu überstehen.

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