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Gisela Sachs Ave Maria
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»Dich krieg ich wieder«, sagt er beim langsamen Hochgehen und fasst mir in den Schritt. Ich bekomme sofort einen Steifen und werde wütend über die Macht, die Pat immer noch über mich hat. Wenn ich ihm jetzt eine in die Fresse haue, verliere ich meinen Job. Verrate ich ihn bei meinen Arbeitgebern, verrate ich mich selbst. Ich zähle bis 100, um mich zu beruhigen.
Pat wohnt im Zimmer neben mir und ich sehe und höre diesen Mistkerl bei Tag und bei Nacht. Sein Fernseher läuft so laut, dass ich die Nachrichten durch die Wände hören kann.
Das Phantom von Heilbronn ist eine Packerin aus Bayern, höre ich erstaunt. Ganz Deutschland war auf der Suche nach dem Phantom von Heilbronn. Es hätte Flügel haben müssen, um an 40 verschiedenen, weit auseinanderliegenden Orten in Baden Württemberg, Rheinland Pfalz, dem Saarland und Österreich präsent gewesen zu sein. 32 Verbrechen, darunter drei Morde, verteilt auf drei Staaten ließ Deutschland zittern. Wie man jetzt erst herausgefunden hat, stammen die DNA-Spuren von einer Fabrikarbeiterin eines Wattestäbchenherstellers, der die Polizei beliefert.
Manchmal klopft Pat nachts an meine Tür, will zu mir ins Bett. Ich habe Angst vor ihm und schließe mich ein.
Pat und ich müssen gemeinsam Zimtsterne backen. Er stellt sich geschickter an, als ich beim ersten Mal, werkelt und werkelt den Teig mit Begeisterung hin und her, rollt ihn in seinen Händen zu einer dicken Wurst und schaut mir dabei provokant in die Augen.
Mein Herz klopft wie wild, mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen, ich spüre einen Kloß im Hals und schäme mich über die Beule in meiner Hose.
Vollmond. Ein lautes Rumsen schreckt mich aus dem Schlaf. Erschrocken hüpfe ich aus dem Bett und schaue in den Gang vor meinem Zimmer, sehe Pat, der nackt umherwandelt, zielsicher die Küche anpeilt, mit einer Hand voll Zimtsternen zurückkommt und wieder schlafen geht. Es fühlt sich an wie früher.
Ich bin jetzt hellwach, mache einen Spaziergang rund um das Rentamt, laufe unruhig das ganze Gelände des Grafen Neipperg ab. Es ist weitläufig, dicht mit Büschen bepflanzt und mit Eisenstäben umzäumt, die wie Lanzen aussehen. Nur vereinzelt kann man einen winzigen Blick in den riesengroßen Park werfen. Ich höre eine Nachtigall singen.
Hinter der Holzklappe finde ich wieder diese Säckchen aus grobem Leinen. Ich schneide das Anglergarn durch, und sie verschwinden in die dunkle Tiefe des Kellers. Ich höre Ratten davonhuschen. Auf unserem Gang ist es ruhig. Pat scheint zu schlafen.
Aufgeregtes Hin und Her, geschäftiges Treiben, dann Türen schlagen, laute Stimmen und Geklapper aus der Küche haben unsanft viel zu früh meine Träume beendet. Verschlafen schaue ich aus dem Fenster, sehe zwei Polizeiautos auf dem Parkplatz davor. Dann klopft es auch schon heftig an meiner Zimmertür. Ich soll herunterkommen, befiehlt die Chefin.
Was ich heute Nacht in der Küche gemacht habe, fragt sie mich kalt. Die örtlichen Polizisten durchsuchen das Haus und werden in meinem Zimmer fündig. Die Süßwasserperlenkette der Chefin, auf die sie ganz stolz ist, steckt in einem meiner Frotteesocken. Daneben, unter dem Stapel bunter Boxershorts, liegen drei benutzte Spritzen, ein paar Leinensäckchen mit Dope und die fehlenden Scheine aus der Küchenkaffeekasse.
Unter meinem Bett finden sich zahllose andere Gegenstände, die in letzter Zeit auf mysteriöse Weise verschwunden waren und ich mache große Augen, als ein benutzter String meines Chefs zum Vorschein kommt. Die Finger des Polizisten bleiben daran kleben und der Beamte verzieht angeekelt sein Gesicht, rennt ans Waschbecken und schrubbt seine Finger, bis sie rotblau leuchten. Mir stockt der Atem. Pat und die Chefin tauschen Blicke, die ich nicht einordnen kann.
Ich werde fristlos entlassen, darf noch im Rentamt wohnen bleiben, bis ich ein neues Zuhause gefunden habe. Zum Essen gibt es aber hier nichts mehr für mich.
»Haben Sie eine Ahnung, was hier vorgeht?«, fragt meine Chefin einen der Polizisten.
»Ich darf ihnen leider keine Antwort auf ihre Frage geben, dafür ist Hauptkommissar Meckle zuständig.«
»Können sie sich das hier erklären Herr Meckle?«, fragt Frau Wolf süffisant.
»Ahnen oder wissen sie etwas?«
Ich lausche gespannt einer Antwort. Von Harald Meckle, dem Hauptkommissar und Pressesprecher der Polizei von Heilbronn habe ich schon einiges gelesen und gehört. Er leitet die Soko der ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter, sucht verzweifelt nach dem ‚Phantom von Heilbronn’.
»Wissen sie«, sagt Kommissar Merkle und reibt sich nachdenklich die Stirn.
»Mir wisse, was mer wisse!«
Es ist verdammt schwer eine Wohnung zu finden, wenn man keine Arbeit hat.
Meine unausgefüllten Tage verbringe ich meist bis zum Sonnenuntergang auf der weißen Bank vor dem Grab meiner Mutter.
Kleiner Prinz, so nach und nach verstehe ich dein schwermütiges Leben, das du hattest. Ich habe auch nur die Lieblichkeit der Sonnenuntergänge.
»Gute Nacht Mama, bis Morgen.«
Der volle Mond hängt milchweiß über mir, als ich vor dem alten Rentamt in Schwaigern ankomme, scheint grell in mein Zimmer. Ich lege mich samt meiner Klamotten aufs Bett und lausche angespannt nach draußen auf den Gang, muss nicht lange warten, bis ich das Knarren von Pats Zimmertüre höre. Er stolpert den Gang entlang, haut sich an allen Ecken und Kanten an, sieht mich nicht, als ich das Fenster, auf das er zusteuert, öffne. Ich gehe zitternd zurück in mein Bett.
Pat war schon kalt, als ihn die Zeitungsausträgerin in den frühen Morgenstunden auf dem grauen Steinpflaster fand. Über seinen weit aufgerissenen Augen hängt ein gefrorener Blutschleier, der wie ein filigranes Kunstwerk aussieht. Sein herausgequollenes Hirn umrahmt seinen Kopf wie ein Heiligenschein. Die Pflastersteine in der Gegend seines Unterleibs sind braun gesprenkelt. Der Geruch von Kot schwebt durch die Luft. Pats nackte Beine sind grotesk verdreht. Sein kleiner schlaffer Pippimann liegt mit den Beinen auf gleicher Höhe, umrahmt von Thujazweigen aus der Weihnachtsdekoration des viereckigen Pflanzkübels davor. Es sieht so aus, als hätte sein kleiner Freund einen Siegeskranz umgelegt bekommen und ich lache hysterisch, als ich mit meinen paar Habseligkeiten im Rucksack an ihm vorbeilaufe.
»Lieber Gott, ich wollte doch nicht, dass Pat stirbt.«
»Ich bin ein Mörder!«
»Mama, ich bin ein Mörder. Ich habe Pat umgebracht. Es ist so viel geschehen, seit du tot bist, Mom. Mein Leben ist verwirrt. Mir kommt alles so unwirklich vor. Du bist wegen mir gestorben, Mami! Weil ich das Müsli nicht ohne Haselnüsse essen wollte! Mein Zuckerwattegehirn spielt mir oft Streiche. Ich höre dich reden, singen, lachen, kann dich sogar riechen und fühlen. Ich habe mein Studium geschmissen, Mom!
Du bist wirklich tot, Mami?«
Damals.
»Verdammte Scheiße! Keine Haselnüsse für mein Müsli im Haus. Du bist schuld, wenn ich durch meine Matheklausur rassele. Wo ist mein grünes T-Shirt verdammt noch mal? Immer noch in der Wäsche?«
Wütend knalle ich die Küchentüre zu, setze einen Tritt mit dem Fuß nach. Es reißt ein Ei großes Loch in die Tür. »Keine Qualität! Wie so vieles in diesem Haus«, brülle ich.
Mama sieht mich traurig an, nimmt ihren Autoschlüssel von dem Haken rechts neben der Haustür, sagt: »Bin gleich wieder da. Ich gehe Haselnüsse holen.«
Schuldbewusst spähe ich aus dem Küchenfenster, weiß, dass ich gerade mal wieder übel mit Mama umgesprungen bin, und sehe, wie sie sich mit dem Handrücken die Tränen vom Gesicht wischt.
Verdammte Scheiße!
Ich gehe ohne Frühstück aus dem Haus, Mama ist immer noch nicht zurück. Ich fahre wie immer mit dem Fahrrad zur Hochschule. Mein Weg ist nicht weit, aber ich hätte trotzdem gerne, wie die meisten meiner Kumpels ein Auto gehabt, mache meinem Ärger darüber auch immer wieder lautstark Luft.
Ein Krankenwagen fährt mit rasender Geschwindigkeit knapp an mir vorbei, der Fahrer hat sein Fenster geöffnet, ich höre den Soundtrack von ‚Spiel mir das Lied vom Tod’. Die wehenden Haare des Mannes verdecken sein halbes Gesicht. Ich sehe einen kauenden Mund, spüre den Lufthauch des Wagens in meiner rechten Gesichtshälfte und im Nacken, falle fast vom Rad.
»Arschloch!«
Es folgt ein Polizeiauto mit kreisendem Blaulicht.
»X hoch 2 plus PX plus Q gleich 0. Mitternachtsformel?
X hoch 2 plus PX plus Q ist wie viel?« Zwei Feuerwehrautos.
Nichts Außergewöhnliches. Die städtische Feuerwehr hat ihren Sitz in unmittelbarer Nähe der Hochschule, trotzdem erschrecke ich tierisch. Das Sirenengeheul tut mir in den Ohren weh.
»X hoch 2 plus PX plus Q gleich 0. X hoch 2 plus PX gleich 0.
Wie lautet verflixt noch mal die Mitternachtsformel? Mathe kotzt mich an!«
Ich stelle mein Rad auf dem überfüllten Parkplatz am Campus ab, kette es sorgfältig an einem Baum fest, (es ist schon mein Drittes), und sehe aus den Augenwinkeln einen weiteren Einsatzwagen des Rettungsdienstes die Straße entlang rasen.
»X hoch 2 plus PX plus Q gleich 0. X 2 plus Q plus PX gleich 0.
X hoch 2 plus PX plus Q ist dadada. Scheiße!
Ich werde mir diese verdammten Formeln nie merken können!«
»Sprichst du immer mit dir selbst?«, lacht Maren, die plötzlich hinter mir steht. Ihr Atem geht stoßweise, als sie ihr Rad ankettet.
»Zu schnell in die Pedale getreten«, japst sie.
»Schönen Tag noch Davide. Und ganz viel Daumen-Drück für deine Matheklausur. Meine habe ich letzte Woche gründlich verhauen. Mir ist die Zauberformel abhanden gekommen.« Maren lacht.
Ich treffe die Schweinebacke Hohlmeier vor der Eingangstür. Dieser Fiesling von Prof freut sich immer diebisch, wenn ein Student eine Klausur verhaut.
»Heute ist deine letzte Chance«, grinst er mich an, als ich ihm die Tür aufhalte. »Blöde Sau!«
»X2 plus PX plus was ist gleich wie viel? X hoch 2 plus was ist gleich was?«
»Scheiße!«
»Ich wecke dich heute Nacht aus dem Tiefschlaf, will die Mitternachtsformel von dir wissen. Das mache ich so lange, mein Sohn, bis sie dir in Fleisch und Blut übergegangen ist.«
»Das tust du nicht Mama!«
Und natürlich hat mich meine verrückte Mom aus dem Schlaf gerissen. Drei Nächte hintereinander. Um Mitternacht.
Ich grinse und löse meine Aufgaben rasch.
Es klopft, Hohlmeier schüttelt unwillig seinen Kopf, schleicht sich zur Klassenzimmertür, öffnet diese nur einen Spaltbreit, ich sehe schwarze Schuhe und eine grüne Uniform.
»Sie können hier nicht rein«, sagt Hohlmeier zu dem Polizisten und geht vor die Tür. Die Gelegenheit nutze ich und hole die heroische Formel zur Berechnung des Drachen aus meiner Socke raus.
»Davide«, sagt Hohlmeier plötzlich leise hinter mir. Ich hatte ihn nicht hereinkommen hören und zucke erschreckt zusammen. Jetzt flieg ich raus, er hat mich beim Spicken erwischt, denke ich.
»Davide«, flüstert die Schweinebacke heiser. »Komm doch mal mit vor die Tür.«
Die Mama war gleich tot, musste nicht leiden …
2. Kapitel
Time to say good-bye.
Andrea Boccelis und Sarah Brightmanns Stimmen erfüllen den Raum. Mama liegt im Sarg als würde sie schlafen. Ich streichele ihr sanft über das kalte Gesicht, mit schweißnasser, zitternder Hand über ihre Haare. Die Altarkerzen links und rechts des Sarges werfen Schatten an die Wände. Weiße Lilien. Überall weiße Lilien.
Zeit ‚Auf Wiedersehen’ zu sagen. Orte, die ich nie mit dir gesehen und besucht habe. Jetzt, ja werde ich dort leben mit dir, werde ich abreisen auf Schiffen und Meere. Ich weiß. Nein, nein ich existiere nicht mehr. Es ist Zeit ‚Auf Wiedersehen’ zu sagen.
Scheiß Müsli!
Am Ausgang der Aussegnungshalle wartet Papa auf mich. Er schaut mich fragend an, will mich umarmen. Ich schleudere seine tastende Hand von mir weg und renne aus dem Friedhof.
In unserem Haus schwebt mir eine Wolke von Mamas Parfüm entgegen. Der Duft von All about Eve ist nachhaltig, Mamas Kleider an der Garderobe verbreiten diesen fruchtig frischen Duft durch das ganze Haus.
»Du riechst wie ein Apfel Mom.«
»Beiß nicht in mich hinein.«
Danach rennt sie spielerisch um den Wohnzimmertisch herum.
»Pass auf die Glasvase auf Mom!«
»Klar doch. Bin doch nicht von gestern.«
Wir spielen Fangen durch das ganze Haus und kichern dabei wie Grundschulkinder.
Die Küche sieht aus, wie vor meiner Matheklausur. Mein Frühstücksgedeck steht noch so auf dem Tisch, wie Mom es für mich hingestellt hatte. Ich will es abräumen, und entdecke einen zusammengefalteten Zettel unter dem Teller mit dem Obst für mein Müsli. Obenauf ein Lippenstiftküsschen von Mum.
‚Hot Paprika’ – von Lorèal. Den Lippenstift hatte sie sich zum Geburtstag gewünscht.
Ich drücke dir die Daumen, Davie, und denke ganz fest an dich. Deine Matheklausur wird schon hinhauen. Halte einfach deine sieben Sinne zusammen. Wenn du heimkommst, wartet eine Überraschung auf dich.
Hdl. Mama.
Es ist so, als ob Mom direkt neben mir spricht, ich kann sie förmlich spüren. Eine Überraschung hat sie für mich.
»Was hast du dir jetzt schon wieder einfallen lassen Mom? Wo soll ich denn die Überraschung dieses Mal suchen?«
Grinsend schaue ich auf die Küchenuhr. Es dauert noch ein Weilchen, bis Mom von der Arbeit heimkommt.
Mama ist tot. Die Erkenntnis trifft mich wie ein eiskalter Guss Wasser. Ich lasse die Rollos herunter und verkrieche mich in meinem Bett. Das Telefon läutet, ich reiße das Kabel aus der Steckdose. Es klingelt, ich stelle die Haustürglocke ab. Im Wohnzimmer fällt mein Blick auf die vielen bunten Sofakissen auf der Couch. Die sind, wie immer, fein säuberlich nach Farben und Größen aufgereiht. Grün, gelb, orange, blau, violett. Mit perfektem Schlitz in der Mitte. Mama hat da immer mit der flachen Hand hinein gehauen.
‚My home is my Castle’ hatte Mama immer gesagt, wenn ich sie dieser Pedanterie wegen ausgelacht habe.
»Was ist heute eigentlich für ein Tag Mom?«
»Wann muss ich den Orchideen ein Schnapsglas voll Wasser geben?«
»Wir machen das immer sonntags, dann vergessen wir es auch nicht mein Kleiner«, hatte Mama vor vielen Jahren mir den Orchideengießauftrag übergeben. Das war an dem Tag, als Papa uns wegen einer anderen Frau verlassen hatte.
Nach dem Blumengießen wollten wir Eis essen gehen. Zu ‚Dellarte’ – unserem Lieblings-Eiscafé.
»Die haben das beste Joghurt-Eis der Stadt, Davide.«
»Von der ganzen Welt, Mami!«
Das scheinen viele andere Leute auch zu wissen, das Café ist hoffnungslos überfüllt. An einem der Tische entdecke ich meine Patentante Hanna, Mamas beste Freundin. Ich freue mich sie zu sehen und winke ihr wild zu.
»Tante Hanna«, schreie ich aufgeregt und will an ihren Tisch laufen.
»Bleib hier«, sagt Mama, packt mich an meinem Arm und zieht mich aus dem Café hinaus auf die Straße. Mama schnauft ganz laut und zittert.
»Ist dir schlecht geworden Mami?«, frage ich ängstlich. Ich sehe Tante Hanna durch die Glasscheibe, sie lacht mit den Frauen an ihrem Tisch. Ich klopfe an die Scheibe und winke. Tante Hanna sieht mich, winkt aber nicht zurück.
»Komm Davie«, flüstert Mama und wir gehen, ohne Eis zu essen, setzen uns an eine Bank am Neckar und füttern schweigend die Enten mit der verkrümelten Brezel, die ich noch in meinem Rucksack hatte. Ich sehe, dass Mama weint und bleibe ganz brav sitzen.
Manche Dinge erledigen sich von selbst, hatte Mama immer gesagt.
In meinem überfüllten Postfach in der Heilbronner Hauptpost finde ich einen Brief meiner Mieter. Neugierig reiße ich ihn auf, lese ihn im Laufen. Ich muss mich beeilen, meine Überraschung steht im Halteverbot. Es gab wieder einmal weit und breit keinen freien Parkplatz.
Familie Braune fragt an, ob sie früher aus dem Mietvertrag aussteigen könne, sie haben auch schon einen Nachmieter parat. Berufliche Veränderung sei angesagt. In vier Wochen schon. Ich solle mich doch bitte melden.
»Manche Dinge erledigen sich von alleine Mom. Da hast du recht wie immer! Ich wohne wieder in unserem Haus, Mama. Es ist fast wie früher. Unsere Möbel habe ich wieder so hingestellt, wie wir sie stehen hatten. Die Kommode, unsere Bilder, das Geschirr und die Bettwäsche habe ich vom Dachboden heruntergeholt, den Rest lasse ich vorerst noch oben.
Der Karton mit der Bettwäsche war angeknabbert wahrscheinlich von einer Maus. Ich habe vorsorglich drei Fallen mit Leberwurst eingestrichen und auf dem Dachboden verteilt, hatte gerade nichts anderes da. Mäuse mögen doch Leberwurst, Mom, oder?
Unsere Kissen auf dem Sofa habe ich so aufgereiht, wie du es immer gemacht hast. Farblich sortiert. Grün. Gelb. Orange. Blau. Violett. Ich schlage auch immer mit der flachen Hand in die Kissen. Mein Schlitz sitzt perfekter in der Mitte als deiner, Mom.
‚My home is my Castle’. Jetzt lachst du über mich Mom, gell?!
Die Familie Braune hat gut auf unser Haus aufgepasst, es ist nichts beschädigt und der Garten sieht fast so gepflegt aus wie bei dir. Die Braunes haben ihre restlichen Lebensmittel bei mir stehen lassen. Sie scheinen sich von Fertigprodukten zu ernähren. Ich habe eine dieser Dosen geöffnet. Linsensuppe mit gerauchtem Schweinefleisch stand da drauf. Ausgesehen und gerochen hat die Pampe aber wie Katzenfutter und geschmeckt, wie schon einmal gegessen.
Mein Fiat ist gerade mal wieder in Reparatur, Mom. Diesmal sind es die Zündkerzen. Hoffentlich bleibt es dabei. Ich bin fast pleite.
»Im Leintal-Zoo in Schwaigern werden ehrenamtliche Helfer zur Pflege eines alten Pferdes gesucht, da werde ich mich melden. Ich will mich sinnvoll beschäftigen, bis ich eine feste Arbeitsstelle habe. Meine Bachelornoten sind nicht gerade der Burner. Vielleicht ist das der Grund, warum mich niemand einstellen will. Eher aber, weil ich schwul bin, denke ich. Die Arbeitgeber haben reichlich Auswahl. Von meinem Studiengang haben nur drei Studenten eine Anstellung bekommen. Die meisten haben sich notgedrungen dafür entschieden, den Master zu machen. Das kann ich mit meinen Noten aber kicken, habe auch kein Geld für die Studiengebühren.
Ich muss dir etwas erzählen Mom. Nicht heute, irgendwann einmal.«
Am Eingangstor zum Leintal-Zoo begrüßt mich lautes Tiergeschrei. Ich melde mich als ehrenamtlicher Helfer am Kassenhaus, die Dame freut sich, ich darf mich im Park umschauen, der Chef kommt erst in einer Stunde. Sie drückt mir eine Tüte säuberlich geschnittener Karotten, Apfelschnitze und eine Wegbeschreibung in die Hand.
Nach ein paar Metern Fußweg stehe ich Auge in Auge mit einem Kranich.
Hiiilfe! Ich habe gar nicht gewusst, dass diese Viecher so groß sind. Ich peile als erstes den ‚Lebensbereich Teich’ an, danach den Naturlehrpfad und den ‚Lebensraum Steinhaufen’. Die Schreie der Kraniche, Pfauen und Affen verfolgen mich. Ein grauseliges Orchester!
Zwei Stunden später habe ich statt einer ehrenamtlichen Tätigkeit einen Vertrag für einen Minijob in der Tasche. Ich soll nach Parkschluss mit dem Rad das Zoo-Gelände abfahren, nachschauen, ob sich niemand darin versteckt hat, bei den Tieren alles in Ordnung ist, die Wege säubern und die Mülleimer leeren.
An meinem dritten Arbeitstag werde ich fündig. Der ‚Lebensbereich Teich’ ist mit Holz überdacht, links und rechts sind Betonwände, zum Teich hin eine Glaswand. Da hat es sich einer bequem gemacht, sehe ich.
»Sie müssen den Park jetzt bitte verlassen.«
»Warum?«
»Weil wir jetzt schließen.«
»Ist doch mir egal.«
»Uns aber nicht. Bitte gehen sie.«
»Arschloch!«
»Gehen sie endlich!«
»Lass mich in Ruhe.«
Der verwahrloste Mann will sein behagliches Bett aus alten Zeitungen nicht aufgeben, nimmt immer wieder einen tiefen Schluck aus seiner Pulle mit dem Meckstädter Doppelkorn und ich versuche noch einmal den Eindringling höflich daran zu erinnern, dass wir jetzt Feierabend haben und er hier unerwünscht ist.
Der grauselig riechende Mensch wird wütend, schmeißt mir voller Wut die halb volle Flasche ins Gesicht, meine Nase knackt laut, mein Blut spritzt wie eine Fontäne in alle Richtungen, ich sehe Sterne. Viele. Sternenhimmel!
»Volltreffer«, grölt der Penner begeistert.
Ich ziehe den Kerl an seinen Haaren hoch, schüttle ihn, knalle ihn gegen das Holzgeländer an der Brücke, mein Blut läuft über sein Gesicht und ich schlage wütend auf ihn ein. Schlage immer wieder ein in seine blöd grinsende Fresse.
»Verschwinde endlich.«
»Halt’s Maul du Arsch-Ficker.«
Ich versetze dem besoffenen Typen einen kräftigen Stoß mit meiner Faust, schubse ihn vor mir her, wie einen bockigen Esel. Ein Schubser. Er bleibt stehen. Ein Schubser. Er bleibt wieder stehen.
»Lauf endlich!«
»Halt dei Gosch.«
Ich schubse ihn kräftiger, setze einen Fußtritt hinterher, trommle mit meinen Fäusten auf seinen Rücken ein, da fällt der Kerl in den Teich, gibt keinen Mucks mehr von sich und säuft so schnell zwischen Seerosen und Sumpfdotterblumen ab, dass ich staune.
Ich setze meinen Rundgang fort und finde eine leere Spritze im
‚Lebensraum Hecke’. Als ich sie aufheben will, huscht eine Spitzmaus erschreckt vor mir davon.
‚Lebensraum Hecke’ zerkratzt meine Beine, meine Hände, meine Sinne. Durch Spinnwebenkunstwerke sehe ich schemenhaft Säckchen aus Leinen baumeln. Ich schneide wieder einmal das Anglergarn durch, stecke die Leinensäckchen in meine Hosentasche, verschweige meinen Arbeitgebern den Fund.
Sorgfältig überprüfe ich den Spielplatz, laufe über das Klettergerüst, krabble suchend über das gelb rot blaue Trampolin. Ich bin erleichtert, als meine Suche ergebnislos verläuft. Die Kinder sollen Kinder bleiben dürfen.
Hinter dem alten Holunderbaum nahe dem Holzsteg beim ‚Lebensbereich Teich’ werde ich abermals fündig. Ich verstaue die Leinenbeutel vorerst in meiner Hosentasche, dann bei mir zuhause in der Kommode im Wohnzimmer.
»Im Teich des Affen-Zoos in Schwaigern liegt eine Leiche«, melde ich der zuständigen Polizeidienststelle in Lauffen und lege den Hörer auf, bevor man mich etwas fragen kann. Erschöpft sinke ich in meinen Schaukelstuhl vor dem Wohnzimmerfenster.
Ich schaukele hoch und runter und immer wieder hoch und runter. Mein Blick fällt auf die Kommode. Da sind sie drin meine Freunde – die Spritzen und die Pillen. Ich öffne die Schublade und sie lachen mich an. Da fällt mir Amy Winehouse ein und schnell mache ich die Schublade wieder zu. So enden, wie die Rockröhre will ich nicht!
Ich werde mir Badewasser einlassen. Mit Lavendelduft. Oder Orange-Melisse-Duft vielleicht? Mama hat immer in diesen Düften gebadet, wenn sie überdreht, nervös und aufgeregt war.
»Ein warmes Bad und eine Tasse heiße Milch mit Honig, dann sieht die Welt schon wieder bunter aus.«
Ich mache Milch heiß, rühre drei Esslöffel Lindenblütenhonig darunter, verbrenne mir die Zunge beim ersten Schluck, lasse das Badewasser einlaufen, und während ich mich ausziehe, fällt mein Blick auf das gelbe Büchlein auf dem Badewannenrand.
Mom hat den kleinen Kerl geliebt. Sehr sogar. Obwohl sie den
‚Kleinen Prinzen’ von Saint-Exupèry auswendig herunterbeten konnte, hatte sie ihn immer wieder in der Badewanne nachgelesen.
»Es muss feste Bräuche geben.«
In Schwermut eingetaucht, weine ich um Mama, steige aus der Wanne, haste zu der Kommode im Wohnzimmer, reiße die Schublade auf, meine Freunde und Amy lachen mir voller Vorfreude zu.
‚Back to Black.’
Ich lache zurück, greife mit gierig zitternden Händen nach einer Einwegspritze und schicke mich in das Land der Träume.
Zurück in Trauer. Ich hau mich hin.
Ich war zu lange (weg), bin froh zurück zu sein (ich wette du weißt, ich bin …).
Ja, ich bin frei gelassen worden
Aus der Schlinge, die mich herum hängen ließ.
Ich habe den Himmel angeschaut, weil es mich glücklich macht. Vergiss den Leichenwagen, weil ich niemals sterbe.
Ich besitze neun Leben. Katzenaugen.
Beschimpfe jeden von ihnen und tobe herum. Weil ich zurück bin.
Ja, ich bin zurück. Gut, ich bin zurück.
Ja, ich bin zurück, zurück, zurück, zurück, zurück.
