Jane Rule Desert Hearts
Desert Hearts
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Jane Rule Desert Hearts

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»Das ist sehr großzügig von Ihnen, aber ich …«

»Lehnen Sie nicht ab. Sie werden einiges zu erledigen haben.«

»Ich habe eine Menge Arbeit mit«, antwortete Evelyn, die ihre Stimme jetzt ganz unter Kontrolle hatte und mit ihren Augen Ann bewusst und stumm an die fünfzehn Jahre erinnerte, die sie trennten.

»Tut mir wiederum leid«, sagte Ann, die sich gelöst lächelnd über sich selbst mokierte. »Das ist nur Spielplatztaktik: Wenn du mir nicht böse bist, lass ich dich mit meinem Auto spielen.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihnen jemand lange böse sein kann«, sagte Evelyn, deren Stimme zwar noch erwachsen klang, aber liebevoll, als spräche sie zu einem Kind.

Frances kam mit einem Obstkuchen herein. Walter folgte mit dem Kaffee. »Du hast noch eine Menge Zeit«, sagte Frances, »du musst einfach ein Stück von diesem Kuchen essen.«

»Habe ich auch vor.«

»Sie will nie Nachtisch«, sagte Frances zu Evelyn. »Wollte sie noch nie, nicht einmal als Kind.«

Walter karikierte den Ausdruck mütterlicher Fürsorglichkeit. Ann senkte in spröder Abwehr den Blick. Frances, die nichts bemerkte, zerteilte großzügig und aufs Geratewohl den Kuchen, und sie aßen.

Nachdem Walter und Ann das Haus eilig verlassen hatte, schlug Frances eine friedliche Tasse Kaffee im Wohnzimmer vor. Evelyn sprach fast sofort die Frage der Kosten an.

»Ich nehme fünfundsechzig Dollar die Woche.«

»Gut«, sagte Evelyn ein wenig zu schnell. Sie hatte sich im Grunde zwar nicht auf einen bestimmten Betrag festgelegt, aber da sie ihre einzigen Erfahrungen mit Preisen für Unterkunft und Verpflegung im Studentenwohnheim in Berkeley gemacht hatte, war sie doch bestürzt.

»Soll ich im Voraus bezahlen?«

»Immer pro Woche. Und sollten Ihre Pläne sich ändern, geben Sie mir eine Woche vorher Bescheid.«

»Ich bin sicher, dass ich mich hier wohlfühlen werde«, sagte Evelyn.

»Das freut mich. Aber manchmal … na ja … Leute ändern ihre Meinung.«

»Ja?«, sagte Evelyn. »Nun ja, möglicherweise.«

»Ja.«

Das Schweigen lud Evelyn ein, etwas über sich, ihre Situation und ihre Absichten zu erzählen.

»Lassen Sie mich mein Scheckheft holen«, sagte sie abrupt.

»Das ist nicht nötig. Morgen ist früh genug.«

»Ich will Sie dann nicht länger aufhalten, Mrs. Packer.« Evelyn stand auf.

»Nennen Sie mich doch Frances … Natürlich, Sie wollen auspacken. Machen Sie nur. Wenn Sie irgendetwas brauchen, lassen Sie es mich wissen. Gewöhnlich mache ich gegen zehn Uhr Tee. Kommen Sie herunter, wenn Ihnen danach ist. Oder auch früher. Ich habe immer gern Gesellschaft, also denken Sie niemals, Sie müssten allein sein.«

Allein sein müssen, dachte Evelyn, als sie die Schlafzimmertür hinter sich zumachte. Hätte sie gewusst, wie viel sie würde bezahlen müssen – das kam auf fast vierhundert Dollar hinaus – für sechs Wochen hätte sie auch in ein Hotel gehen können. Drei Mahlzeiten am Tag von der Art, wie sie sie gerade überlebt hatte, würden sie in den Wahnsinn treiben. Diese Hysterie, diese Peinlichkeit, diese Neugier, diese Zudringlichkeit waren nicht zu ertragen. Als sie auf ihre noch unausgepackten Koffer blickte, überlegte sie einen Augenblick, dass sie nicht bleiben müsse – dass sie sie einfach wieder zumachen, ein Taxi rufen und verschwinden könne. Aber den Gedanken an Flucht blockte ihr Verstand ab.

»Ich kann nicht vorm Davonlaufen davonlaufen.«

Eigentlich war alles in Ordnung. Es war nur Virginia Ritchie, Karikatur einer Frau, der Unrecht getan worden war, die die anderen sich benehmen ließ, wie sie sich benahmen. Sie würde in drei Wochen gehen, vielleicht früher. Evelyn fragte sich, warum ihr nie in den Sinn gekommen war, dass eine Frau, einmal in Reno, ihre Meinung ändern könnte. Reue, ja, Entsetzen sogar; aber wie beim Sprung in den Tod kein Zurück mehr? Aber das war ja lächerlich. Evelyn selbst hatte gewartet, bis sie keine Wahl mehr hatte, aber vielleicht handelten andere Leute impulsiv. Schließlich war Virginia Ritchie nicht viel älter als Ann Childs.

»Ja, gut. Ich geb’s zu«, antwortete Evelyn leise einem Gedanken, den sie sich eigentlich zu versagen hatte.

Ann war beinahe jung genug, um ihre Tochter zu sein. Aber nur Eltern durften für ihr eigenes Abbild Zärtlichkeit empfinden. Für eine kinderlose Frau war eine solche Zärtlichkeit bestenfalls narzisstisch. Und Evelyn hatte die weit weniger schmeichelhaften Namen für die Liebe gelernt, die eine kinderlose Frau für alles Mögliche empfinden kann: ihren Hund, ihre Bücher, ihre Studenten … ja, sogar für ihren Mann. Sie fürchtete sich nicht vor den Begriffen selbst, aber sie fürchtete sich vor der Wahrheit, die in ihnen liegen könnte. Diese Ähnlichkeit, das wusste sie, war kein Streich, den ihr Bedürfnis ihr spielte; ebenso wenig war sie ein Wunder. Ann Childs war ein Zufall; das war alles. Ein Unfall, ein illegitimes Kind, »erwachsen und weiblich, entsprungen aus unseres All-Vaters gemartertem Haupt«. Evelyn lächelte.

»Und ich werde Zärtlichkeit für sie empfinden, wenn ich es möchte.«

Als sie durch den Raum ging, um die Schubladen der Kommode aufzuziehen, bemerkte sie anstelle der Gideon-Bibel, die Walter ihr versprochen hatte, eine kleine Schale mit frischen Früchten auf ihrem Nachttisch. Frances Packer war wirklich eine nette Frau. Sie hatte nicht neugierig sein wollen. Sie hatte Evelyn nur die Möglichkeit geboten, Mitgefühl zu finden. Und wenn viele ihrer Gäste wie Virginia Ritchie gewesen waren, dann ging Frances mit ihrer Freundlichkeit bewusst das Risiko einer Heiligen ein.

»Ich muss ihr sagen, dass sie mich Evelyn nennen soll«, beschloss sie, als sie Nachthemden in die zweite Schublade legte, und zu ignorieren versuchte, dass sie Vertraulichkeiten dieser Art geschmacklos fand.

Als Evelyn ihre Habseligkeiten untergebracht hatte, war es erst halb acht. Sie war es nicht gewöhnt, so früh zu Abend zu essen. Alle Abende würden lang sein. Das war auch gut so. Sie hatte sich vorgenommen, in diesen sechs Wochen eine Menge Arbeit zu erledigen. Schon vermisste sie ihre Bücher. Sie hatte in ihrem Gepäck nur für drei oder vier Platz gehabt. Hätte sie den Wagen genommen, hätte sie jetzt alles da, was sie brauchte. George würde ihn gar nicht benutzen, aber sie hatte nichts vorschlagen wollen, was ihn noch weiter verunsichern oder erzürnen würde. Es gab Bibliotheken. Vielleicht würde sie am nächsten Tag eine aufsuchen, wenn sie beim Anwalt gewesen war. Oder am Dienstag. Dann hätte sie am Dienstag etwas Konkretes zu tun.

Evelyn setzte sich an den Schreibtisch und machte sich eine Liste der Leute, denen sie schreiben müsste. Evelyns Korrespondenz war seit dem Tod ihrer Schwester zwei Jahre zuvor auf ein Nichts zusammengeschrumpft – Weihnachtskarten an ein halbes Dutzend alter Freundinnen und Freunde, mehr nicht. Von denen war Carol die Einzige, der sie wirklich schreiben wollte, aber den anderen musste sie auch ein paar Zeilen zukommen lassen. Es würde kaum möglich sein, mit der Nachricht von ihrer Scheidung hinter dem Berg zu halten, um sie dann an die Weihnachtsgrüße anzuhängen. Irgendjemand sollte einen Formbrief entwerfen oder wenigstens zivilisierte Vorschläge für eine Scheidungsanzeige machen. »Mr. und Mrs. George Hall haben das Vergnügen …« Oder »Mrs. Evelyn Hall« – das war jetzt die korrekte Form, oder nicht? – aber nicht »hat das Vergnügen«. Bedauerte sie es? »… bedauert die Scheidung von ihrem Ehemann George«? »Schämt sich«? »Lässt unglücklich zu«? Bei einseitiger Scheidung könnte der nicht einverstandene Partner die Formel »Weigert sich zuzulassen … benutzen. Evelyn legte die Hände auf die Augen, weigerte sich, die unvermittelten Tränen zuzulassen.

Sie wollte eine Zigarette. Sie hatte keine. Wunderbar. Sie würde gehen und sich welche kaufen müssen. Es war erst acht Uhr, noch früh genug, um die nähere Umgebung zu erkunden.

Draußen auf der Straße wandte Evelyn sich – es war ein schöner Abend, und die Straßen, durch die sie gekommen war, waren unerfreulich gewesen – nach Osten, um tiefer in das einzudringen, was eine Wohngegend sein musste. Es gelang ihr zunächst, langsam zu gehen, während sie die Namen der Bäume und Blumen nannte, den feinen Sprühregen der Rasensprenger gegen Gesicht und Arme wehen spürte, überall ein schwingendes Pulsieren von Tönen, wie Abendgrillen. Früher als ihr recht war, fand sie einen Laden, aber da sie fürchtete, er könnte am Sonntagabend nicht mehr lange geöffnet haben, trat sie ein. Eine schweigsame, müde Frau bediente sie unverzüglich, und Evelyn kaufte mehrere Packungen Zigaretten und eine Flasche Sherry. Als sie wieder auf die Straße trat, wollte sie noch nicht umkehren. Hinter der nächsten Kreuzung wurde die Straße, die sie gekommen war, enger und stieg steil an, so dass ihr der Ausblick versperrt war. Neugierig ging sie weiter. Oben auf dem kleinen Hügel blieb sie, seltsam atemlos, stehen. Die Straße verzweigte sich jenseits der Hauptstraße hin zu drei kurzen Reihen fahler Backsteinbungalows, kein Baum mehr. Am Ende war die Wüste, unvermittelt eben, leblose Meilenweite, bis sie sich anhob und in die Berge überging. Eine unsinnige Angst, Evelyn so wesensfremd wie ein Hitzeblitz am Sommerhimmel, durchfuhr ihren Körper. Einen Augenblick lang konnte sie sich nicht rühren. Dann drehte sie sich, das Verlangen zu laufen unterdrückend, langsam um und ging zum Haus zurück.

Frances Packer war in der Diele, doch Evelyn schlug die Tasse Tee, die sie ihr anbot, aus.

»Möchten Sie nicht die Zeitung mit nach oben nehmen?«, schlug Frances vor. »Wir sind damit durch.«

»Danke, aber …«

»Nehmen Sie sie doch.«

Es war zu geringfügig, um abzulehnen; also trug Evelyn die unerwünschte Zeitung die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Sie riskierte einen Blick auf den Reisewecker neben ihrem Bett, nahm ihn auf und hielt ihn ans Ohr. Sie hatte nicht vergessen, ihn aufzuziehen. Er tickte mit präziser Regelmäßigkeit an ihrem Ohr. Wie war das möglich, dass sie nur zwanzig Minuten fortgewesen war? Unwirsch stellte sie den Wecker wieder hin und begann sich auszuziehen.

Gebadet und bettfertig stand Evelyn am Fenster und sah durch den dichtbelaubten Baum hinaus in den Himmel, der noch transparent war vom letzten anhaltenden Abendlicht. In Sicherheit nun, den Tag wie eine Tür sorgfältig hinter sich abgeschlossen, konnte Evelyn über sich selbst lächeln. Sie konnte sich an keine Nacht der letzten Jahre erinnern, in der sie vor Mitternacht im Bett gewesen wäre. Jetzt war es noch nicht einmal neun Uhr, und sie wehrte sich gegen den Schlaf wie ein Kind im Sommer, das nicht einschlafen will, bevor es dunkel ist. Warum? Es war ihr gutes Recht, müde zu sein. Es war ein langer Tag gewesen, dieser letzte Tag der langen sechzehn Jahre, die sie hierher gebracht hatten. Sicher konnte sie jetzt schlafen. Daran war nichts Unrechtes.

2

Ann überließ Walter den Wagen und ging den Weg hinauf zum Angestellteneingang. Innen stand die schale Hitze des Tages, es stank nach Messingaschenbechern, nach Schweiß und Schuhen. Aber die Angestellten der Nachtschicht, die sich um das Schwarze Brett drängten, vor der Stechuhr Schlange standen oder in den brüchigen Ledersesseln saßen, waren nach dem Tagschlaf ausgeruht, frisch rasiert oder geschminkt, in sauberen Hemden, gebügelten Hosen und auf Hochglanz gewichsten Stiefeln. Lärmendes Stimmengewirr, Geschichten aus der vergangenen Nacht, weil Samstag gewesen war; Erleichterung wegen der kommenden Nacht, weil Sonntag war. Gemeinsam entspannten sie sich, die Wechselmädchen, die Auszahler, die Kassiererinnen, die Spielhalter und die Abteilungsleiter.

»Wir sind wieder im Corral, Schätzchen!«, rief Silver Kay vom Cola-Automaten quer durch den Raum.

»Gott sei Dank nicht bei den Dollarautomaten«, sagte Ann, als sie sich zu Silver gesellte und einen Schluck von der Cola trank, die Silver ihr anbot.

»Für dich alles gut und schön. Du bist wieder auf der Rampe. Ich bin, verdammt, wieder unten.«

»Das magst du doch«, sagte Ann.

»Ich mag das. Ich mag das. Du bist nie unten.«

»Ich bin nicht groß genug«, sagte Ann.

»Das wäre kein Problem. Du bist bemerkenswert genug, Darling.«

»Danke«, sagte Ann und sah zu Silver auf, die in ihren hochhackigen Stiefeln über eins achtzig maß, fast ohne Hüften und mit unverschämtem Busen, ihr gebleichtes Haar fast so weiß wie der Zehn-Gallonen-Hut, der wie ein aufgehender Mond über ihren Schultern schwebte, »aber ich spiele nicht in deiner Liga.«

»Warum meldest du dich nicht an?«, schlug Silver vor. »Heute Nacht zu ermäßigten Preisen.«

»Tatsächlich?«

»Hm-hm.«

»Joe ist nicht da?«

»Und ich habe eine Flasche Scotch deiner Lieblingsmarke«, sagte Silver lächelnd.

»Vielleicht bin ich zu müde«, sagte Ann, aber sie spürte Silvers Augen von ihrem Hals bis zu ihren Schenkeln wandern – eine aufreizende und erlösende Verlockung. »Ich habe letzte Nacht wenig geschlafen.«

»Schlaf mit mir.«

»Gehst du runter in den Umkleideraum?«

»War ich schon.«

»Ich seh dich dann später«, sagte Ann.

Im Kellergeschoss traf sie Janet Hearle, die schon an dem offenen Spind stand, den sie gemeinsam benutzten.

»Ich war gerade oben im Lager und habe dir einen besseren Schurz mitgebracht«, sagte Janet. »Hier.«

»Danke. Wie ist die Lage?«

»Wir haben einen Termin für die Operation bekommen. Morgen in einer Woche.«

»Das sind gute Nachrichten«, erwiderte Ann. »Hast du dir schon freigenommen?«

»Meinst du, ich sollte fragen, Ann? Die könnten doch glatt sagen, ich bräuchte gar nicht wiederzukommen.«

»Aber du musst bei dem Baby sein«, protestierte Ann. »Frag Bill. Der wird das verstehen. Er setzt sich für dich ein.«

»Ich bin letzte Woche zweimal zu spät gekommen.«

»Dann bist du eben zu spät gekommen.«

»Ich kann es mir nicht leisten, den Job zu verlieren, Ann. Ich brauche das Geld. Und Ken kann sich freinehmen. Er hat das schon mit seinem Chef geregelt. Er kann zehn Tage freinehmen.«

»Zehn Tage sind doch nicht genug, oder?«

»Nein, aber dann wissen wir Bescheid. Wenn er dann noch lebt, wird er weiterleben.«

»Er wird leben«, sagte Ann.

»Dein Namensschild sitzt schief.« Janet löste das Plastikkärtchen: FRANK’S CLUB STELLT VOR (Bild eines Planwagens) ANN. Sie steckte es ordentlich über Anns linker Hemdtasche fest. »So.«

»Du siehst Bill doch heute Nacht. Fragen kostet nichts.«

Janet nickte unentschlossen. Sie schloss den Schrank ab. »Na, dann wollen wir mal.«

Ann hätte selbst mit Bill gesprochen, wenn es einfach nur die Beurlaubung gewesen wäre, die Janet schwanken ließ, aber zehn Tage nicht zu arbeiten, das bedeutete einen Verlust von rund hundert Dollar. Sie und Ken hatten die Operation vom letzten Jahr noch nicht abbezahlt. Sie kauften das Leben ihres Kindes auf Raten und hatten nicht einmal dreißig Tage Garantie. Ja, Frances hatte recht. Ann mochte das Glücksspiel nicht, aber die Leute, die ihm in FRANK’S CLUB frönten, waren wenigstens harmlos, auch wenn sie mehr verloren, als sie sich leisten konnten. Und schließlich kannten sie hier ihre Chancen. Große Schilder in den Waschräumen verkündeten: »Vergiss nicht: Wenn du lange genug spielst, verlierst du.« Und auf Handzetteln, die den Kunden gegeben wurden, wurden sorgfältig die Nachteile des jeweiligen Spiels erklärt. Natürlich war das alles PR, mit deren Hilfe das Establishment so tat, als sei dies nicht der TEMPEL DES MAMMONS in der Stadt von Dis. Trotzdem war es ehrliche Werbung. Keine Universität veröffentlichte die Chancen gegen das Lernen, kein Krankenhaus die Chancen gegen das Überleben, keine Kirche die Chancen gegen die Errettung der Seelen. Hier wenigstens wurden die Leute nicht für dumm verkauft. Man ließ sie wissen, dass niemand intelligent genug oder stark genug oder begnadet genug sei, um errettet zu werden. Dennoch spielten sie.

Als Ann und Janet den letzten Treppenabsatz erreichten, war ihnen der Weg von einer kleinen Gruppe von Angestellten versperrt, die beobachteten, wie Silver eine neue junge Frau einwies.

»Hör zu, Kindchen, in den Stockwerken ist es höllisch. Kannst alle fragen. Stimmt’s etwa nicht?« Mehrere nickten amüsiert. »Da wird’s zum Beispiel so voll, dass eine Frau, die ohnmächtig wurde, mit der Rolltreppe zwei Stockwerke runterfahren musste, ehe sie einen Platz zum Umkippen fand. Ich verkohle dich nicht! Verkohle ich sie etwa?« Die anderen schüttelten den Kopf. »Eines Samstagnachts halfen uns einige äußerst kooperative Gäste, zehn Betrunkene rauszuschleppen. Wir haben erst eine Stunde später bemerkt, dass diese zehn Betrunkenen Spielautomaten waren, gekleidet in Hut und Mantel. Trickreich, was? Aber worauf du wirklich scharf aufpassen musst, das sind die Taschendiebe. Und weißt du, wie du gehen musst, um Taschendiebe abzuschrecken?«

Die Neue schüttelte den Kopf. Sie sah Silver an und versuchte, ihre Ängstlichkeit hinter gelinder Skepsis zu verbergen.

»Du hakst deine Daumen so ein, siehst du?« Silver machte es vor, die Daumen in den Hosentaschen, die Hände auf den Hüftknochen. »Und setz die Ellenbogen ein, um sie zu verscheuchen.« Sie ging ein paar Schritte. »Nun du. Versuch’s.« Die junge Frau zögerte. »Na los! Du musst es lernen.«

»Sie hat recht«, sagte Ann. »Niemand könnte es dir besser beibringen. Silver war Taschendiebin, bevor sie herkam.«

»Nur als Hobby«, übertönte Silver das Gelächter, »nur als Hobby.«

»Und sie ist stolz auf ihren Amateurstatus, denn nächstes Jahr geht sie zu den Olympischen Winterspielen.«

»Ann?«

Ann drehte sich um und sah Bill hinter sich stehen. »Ja, Bill.«

»Ich möchte, dass du die Neue heute Nacht mitnimmst.«

»Das habe ich gern!«, sagte Silver. »Hier stehe ich und biete freiwillig meine langjährige Erfahrung … aber du bist in guten Händen, Herzchen. Ann wird sich gut um dich kümmern.«

»Das ist Joyce, Ann«, sagte Bill. »Ihre Sachen hat sie alle. Ihre Karte ist abgestempelt. Ann zeigt dir genau, was du zu tun hast, Joyce. Und ich komme später vorbei, um zu sehen, wie’s dir geht.«

Joyce, vorerst gerettet aus der alles überragenden Burleske Silvers, wandte sich dankbar und erleichtert der schutzbietenden männlichen Stattlichkeit Bills zu. Und da sie offensichtlich nicht wollte, dass er sie verließ, begleitete er Ann und Joyce den Flur entlang.

»Du darfst dich von Silver nicht verschrecken lassen«, sagte er. »Es ist nicht schwer. Ann wird’s dir zeigen …«

Als er Anns Namen aussprach, hatte er nicht vorgehabt, seine Gefühle, wie schon so oft, öffentlich kundzutun, aber er konnte nicht anders. Ann wich ein wenig aus, um außer Reichweite seiner Zärtlichkeit zu sein, die ihr jetzt, da sie sie nicht mehr ertragen konnte, unter die Haut ging wie Schmerz oder gar wie Angst.

Als sie zur Tür kamen, blieb Bill stehen und drehte sich zu Ann um. »Ich habe mein Hauptbuch vergessen«, sagte er. »Bis später.«

»Ist er verheiratet?«, fragte Joyce.

»Nein«, erwiderte Ann.

Sie stemmte sich gegen die Tür, stieß vor in die kalte klimatisierte Luft, in das Scheppern und Schleifen der Spielautomaten, die durch Lautsprecher verstärkten Stimmen der Spielhalter, die gedämpften Menschenmassen. Sie nahm Joyce beim Arm und führte sie durch den Irrgarten von Automaten und Spieltischen zur Rolltreppe, auf der sie, neben einem halben Dutzend anderer Leute, zum ersten Stock hinauffuhren. Dort war es nicht so voll, aber der Krach war maßlos.

»Hast du schon irgendetwas davon gelesen?«, fragte Ann und deutete mit dem Kopf auf die fotokopierten Blätter und das Buch in Joyces Hand. »Ich meine nicht Wie man Freunde und Einfluss auf Menschen gewinnt. Das einzig Wichtige an diesem Buch ist, dass der alte Hiram O. Dicks meint, er sehe aus wie Dale Carnegie. Also, wenn du ihm mal zufällig über den Weg läufst – in Wirklichkeit sieht er aus wie einer der Hausmeister –, dann sag ihm, wie gern du sein Buch gelesen hast und wie sehr es dir bei deiner Arbeit geholfen hat. Aber das andere Zeug ist wichtig.«

»Ich hatte noch keine Zeit«, gestand Joyce. »Ich habe gerade mit diesem angefangen.«

Ann sah auf den ersten Absatz:

Hallo! Willkommen in FRANK’S CLUB. Vielleicht fühlst Du Dich gerade jetzt ein bisschen unwohl, wenn Du Dich umsiehst und begreifst, dass Du Mitglied der berühmten Familie von FRANK’S CLUB bist. Ja, Du bist ein Greenhorn im Corral, und Du weißt nicht GENAU, was man von Dir erwartet. Nur nicht nervös werden. Locker bleiben. Alle um Dich herum sind Mitglieder Deiner Familie, bereit, Dich einzuarbeiten. Und jeder von ihnen war selbst mal ein Greenhorn. Denk daran, sie alle haben ihren ersten Tag durchgemacht …

»Na ja«, sagte Ann, »wenn du mit dem Mist durch bist – in dem da stehen Dinge, die du wissen musst. Nun geh rauf in den nächsten Stock. Trink eine Tasse Kaffee. Und lies etwas von dem Zeug. Komm in einer halben Stunde wieder runter. Ich bin gleich da drüben. Dann checke ich dich ein.«

»Wo?«

»Gleich da drüben, bei den Wagen. Wenn du dich verläufst, kannst du jeden nach dem Corral fragen.«

Am Kassenschalter bat Ann um den Schlüssel für ihr Schließfach im ersten Stock, wo sie ihre Handtasche wegschließen konnte. Als der Schlüssel an ihrem Hemd genau unter ihrem Namensschild befestigt war, der grüne Wechselschurz hoch um ihren Brustkorb geschnallt und der Münzspender an seinem Platz eingehakt war, ging Ann zurück zum Kassenschalter, um ihr Geld zu holen. Janet war schon da.

»Fünfhundert heute Nacht«, sagte die Kassiererin und schob jeder den vorbereiteten Stapel, den Auszahlungsbeleg und eine Gratispackung Zigaretten zu. »Wie geht’s dem Kleinen?«

»In einer Woche kommt er ins Krankenhaus«, sagte Janet, die das Geld sorgfältig zählte, bevor sie den Schurz damit belud.

»San Francisco?«

»Ja.«

»Na, dort ist er bestens aufgehoben. Ich habe gehört, du hattest letzte Nacht mit meiner Mutter zu kämpfen, Ann?«

»Stimmt«, sagte Ann. »Ich hätte nicht gedacht, dass sie es von sich aus erzählen würde.«

»Sie fand es lustig. Sie sagt immer: ›Wenn ich getankt habe, bleibe ich in Anns Nähe. Sie bringt Pech wie die Hölle, aber sie hält mich aus allem Ärger raus!‹«

Ann lächelte. Sie hatte ihr Geld gezählt und unterschrieb ihren Auszahlungsbeleg. »In ungefähr einer halben Stunde bin ich wieder da, um eine Neue einzuchecken. Okay?«

»Klar.«

Silver trat an den Kassenschalter, als Ann und Janet gerade losgehen wollten.

»Na, du wirst die Zeit heute Nacht ja angenehm verbringen«, sagte sie zu Ann.

»Ich brauche die Neue nicht. Ich wünschte, Bill hätte sie dir gegeben.«

»Aber sie braucht dich, Darling. Entspann dich und genieße sie.« Silver griff nach dem Schlüssel, den die Kassiererin ihr hinhielt. »Wehe, du gibst mir das unterste Fach, dann …« Ann zog Janet außer Hörweite dessen, was sich zu einer von Silvers plastischen Verwünschungen auswachsen würde.

»Also echt«, sagte Janet, »es wundert mich nicht, dass sie sie von den Spieltischen abgezogen haben. Sie gehört gefeuert.«

»O nein. Silver ist in Ordnung.«

»Sie ist vulgär.«

»Sicher.«

»Ann, warum lässt du es zu, dass sie immer diese Bemerkungen macht?«

»Was für Bemerkungen?«

»Sie hat’s immer mit dir … macht Andeutungen.«

»Das hier ist kein kirchliches Nähkränzchen, Janet. Es ist ein Spielcasino.«

»Schon, aber es gibt auch ein paar anständige Leute hier. Dich zum Beispiel.«

»Weil ich ein begrenztes Analvokabular habe? Scheiße«, sagte Ann sanft und grinste. »Ich mag Silver.«

Janet lächelte widerwillig und schüttelte den Kopf. »In Ordnung. Ich bin eben prüde. Ich weiß. Ich mag sie nicht. Ich mag sie überhaupt nicht.«

Natürlich nicht. Janet war mit einem Dozenten eines kleinen, abgelegenen College gleich hinter der Grenze zu Kalifornien verheiratet. Nirgends wurde Anstand mehr honoriert und hochgehalten als auf diesen kleinen Außenposten der Kultur, die auf den Ruinen alter Goldgräberstädte in den rauen, wilden Bergen errichtet worden waren. Die einzige Art und Weise, wie Janet die Demütigungen dieses Jobs ertragen konnte, war zu leiden; sie erlitt nicht nur die Neunzigmeilenfahrt durch die leere Wüste, das Fünfzigpfundgewicht, das sie jede Nacht acht Stunden lang quer über dem Bauch trug, und den Mangel an Schlaf, sondern sie litt auch unter der Welt des Clubs, unter deren ganzer Korruptheit, und das mit märtyrerhafter Entrüstung. Ann war ihre einzige Freundin, aber auch unter Ann litt sie, da sie sich nicht einmal so viel von Anns Gesellschaft gönnte, wie es braucht, um an der Bar ein Glas Tomatensaft zu trinken. Natürlich hasste sie Silver, die in Virginia City ein Bordell geführt hatte und zu sagen pflegte: »Ich wurde vor lauter Verwaltung ganz krank. Ich hatte jeden Kontakt zu den Leuten verloren.« Aber Silver war gegenüber Janets Missbilligung genauso empfindlich wie Janet gegenüber Silvers Vulgarität. Dennoch, Silver bewunderte Janet, vielleicht liebte sie sie sogar mit ihrer derben Sentimentalität für alles Leiden. Alles, was Silver dachte oder fühlte oder sagte, war derb, und sie wusste es. Daher war sie sich selbst gegenüber von hilfloser Nachsichtigkeit, die wiederum auf Anns Einstellung ihr gegenüber abgefärbt hatte.

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