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Dorothea Renckhoff Verfallen
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‚Du hast doch sicher gemerkt,’ sagte sie, nach einer Weile, als ich schon dachte, sie würde wieder nichts sagen, ‚dass sie eigentlich keine Vogelstimmen hatten, oder dass in ihrem Gesang noch etwas anderes war als selbst in dem der begnadetsten Sänger ihrer Rasse. Es war nicht nur, dass ihre Stimmen viel zu groß waren für einen solchen Körper, auch wenn es große Vögel waren. Es war diese Kraft in ihrem Gesang, dies Betörende, dieses Leuchten, als sei alles Leben in ihrer Kehle zusammengedrängt und bräche mit Gewalt daraus hervor.’ Sie sah mich an, ob ich verstand, was sie meinte, und ich nickte. ‚Ich wollte erfahren, wie man so singen kann,’ fügte sie dann hinzu. ‚Und nun weiß ich nicht, was ich tun soll.’
Wir gingen schweigend weiter, und dann fing sie an zu weinen. Ich hielt das zuerst für ein gutes Zeichen, aber dann merkte ich, dass sie auf eine hilflose und zugleich wütende Art weinte, die nichts Erlösendes hatte. In meinem elenden Gemütszustand fiel mir nichts Tröstliches ein, was ich ihr hätte sagen können; ich verstand auch gar nicht, warum diese Gesangsfrage sie so in Verzweiflung stürzen konnte. Ich überlegte, ob ich ihr von meinem ganz andersartigen und wirklich furchtbaren Kummer erzählen sollte, um ihr klar zu machen, dass der ihre im Vergleich dazu ein Nichts war, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie mich ebenso wenig verstehen würde wie ich sie. Dann fiel mir ein, ganz plötzlich, was mich im ersten großen Schmerz in meinem Leben getröstet hatte, an den ich mich erinnerte, wie lange er auch zurücklag, der Schmerz, als unser alter Hund gestorben war.
‚Sollten wir die kleinen Vögel nicht begraben?’ fragte ich. ‚Vielleicht im Park unter der Trauerweide?’ Es war wohl ein kindlicher Vorschlag, aber sie hörte auf zu weinen und nickte mir zu. Damit hatten wir ein Ziel, und irgendwie schien alles etwas leichter geworden zu sein. Ich empfand mit einem Mal fast so etwas wie Freude darüber, dass ich in meinem Jammer nicht allein war, und ihr schien es ähnlich zu gehen.
Es war noch immer nicht richtig hell geworden, aber bis jetzt war es trocken geblieben, und wir beeilten uns, um den nahen Park zu erreichen und unser Vorhaben auszuführen, ehe das Wetter noch schlechter wurde. Meine Füße fühlten sich an wie Halbgefrorenes, ich trug meine besten schwarzen Schuhe mit dünnen Ledersohlen, gut zum Tanzen, und wie hatte ich getanzt in der letzten Nacht des alten Jahres mit Anna im Arm, aber jetzt spürte ich bei jedem Schritt die kalte Erde unter mir, so deutlich, als liefe ich auf Strümpfen. ‚Wir sind gleich da,’ sagte Lucille, in dem aufmunternden Ton, in dem man zu müden Kindern spricht, ich weiß nicht, wem sie Mut machen wollte, sich selbst oder mir.
Doch wirklich öffnete sich der breite Weg schon vor uns, der hineinführte unter die hohen, alten Bäume, vorbei an dem weißen Gebäude des Restaurants auf seiner Terrasse, zu den geschwungenen Rasenflächen und dem flachen Teich. Ich warf einen sehnsüchtigen Blick zu der Gaststätte hinüber, vielleicht konnte man sich vor der Begräbnisaktion ein wenig aufwärmen, aber die Fenster waren dunkel, das Haus geschlossen, zerrissene Girlanden und ein spärlicher Rest von Ballons erzählten von der Feier der vergangenen Nacht. Kellner und Köche waren todmüde schlafen gegangen, wer sollte jetzt noch etwas Heißes zubereiten für den Leichenschmaus von zwei toten, kleinen Vögeln.
‚Wir hätten vielleicht eine Schaufel holen sollen,’ sagte Lucille plötzlich. ‚Wir nehmen einen Ast,’ gab ich zur Antwort, doch es klang zuversichtlicher, als ich mich fühlte.
Die Eisfläche auf dem Teich war noch fast unversehrt, festgefroren die Ruderboote, nur am Rand gab es eine dunkle Stelle, wo das Wasser schwarz am kahlen Ufer stand. Dicht daneben lag die kleine Wiese mit der alten Trauerweide. Es war ein schöner Platz für zwei Vogelgräber, aber ich wusste es schon, während ich noch nach einem passenden Stock suchte, auch der Boden war noch gefroren, selbst mit einem Spaten hätte ich nichts ausrichten können, und das hätte ich mir auch selbst sagen können, ehe wir diesen nutzlosen Gang antraten. Lucille dachte wohl dasselbe. Wir machten einander keine Vorwürfe; wir standen nur da, ohne richtig zu denken, und sahen stumpf auf das abgestorbene Gras hinunter.
Dann klappte Lucille mit einem Mal ihren Kragen auf. ‚Ich glaube, er ist auch tot,’ sagte sie; sie zog den kleinen Vogel hervor und schaute ihn an, doch ehe sie ihn anhauchte und mit den Fingern vorsichtig berührte, schloss sie den Mantel rasch wieder unter dem Kinn, so sorgsam, als müsse noch immer ein kleines Tier darunter gewärmt werden. Wir legten das dritte Opfer zu den andern in den Käfig, und mit einem Mal wusste ich, dass ich die Kälte in meinen Füßen keinen Augenblick länger ertragen konnte. Plötzlich war mir alles andere gleich. ‚Ich nehme sie mit nach Hause,’ sagte ich zu Lucille, ‚ich lege sie in den Gefrierschrank, in einer durchsichtigen Frischhaltedose, das ist wie ein Schneewittchensarg, darin bleiben sie unversehrt bis zum Frühjahr. Und wenn das Gras wieder grün ist, nehmen wir sie heraus und gehen noch einmal her, wenn die Blumen blühen, dann machen wir es richtig.’ Lucille stimmte mir zu. Plötzlich hatten wir es beide eilig fortzukommen, als schämten wir uns voreinander für unser kindisches Unternehmen, oder vielleicht auch für die Verzweiflung, die wir einander so offen gezeigt hatten.
Und doch gaben wir uns die Hand, als wir uns trennten, und verabredeten für den nächsten Morgen ein Treffen vor dem leeren Laden. Vielleicht war ja doch noch auf die Spur der Fremden und ihrer wundersamen Vögel zu kommen.
Unsere Nachforschungen führten zu nichts.
In den benachbarten Geschäften und Cafés wusste niemand etwas über das fremde Mädchen und die geheimnisvolle Vogelhandlung. Der Laden stehe seit Wochen leer, sagten sie alle. Keiner hatte mehr irgendwelche Vorgänge in den großen Schaufenstern wahrgenommen, keiner hatte etwas von den wuchernden Pflanzen und blühenden Bäumen gesehen oder von den Kunden, die zumindest am letzten Tag des Jahres mit goldglänzenden Käfigen an der Hand aus der Tür getreten waren. Vielleicht, vermutete der Inhaber einer kleinen Vinothek, die dem leeren Geschäft direkt gegenüber lag, sei das eine dieser Kunstaktionen gewesen, die Leben in tote Winkel bringen sollen, aber zu Silvester sei bei ihm so viel zu tun, dass er auch nicht einen Augenblick Zeit habe, um über die Straße zu schauen, und bedauernd hob er die Schultern. Wir seien nicht die einzigen, die heute solche Fragen stellten, fügte er hinzu, und tatsächlich hatten wir von ferne ein paar unserer Leidensgenossen vom Vortag gesehen, aber zu einer gemeinsamen Aktion hatte offensichtlich niemand von uns Lust.
Lucille, die mir mit einem Hoffnungsschimmer in den Augen entgegengetreten war, sank bei jeder enttäuschenden Antwort wieder etwas mehr in sich zusammen, und als wir in einer Apotheke unseren letzten Versuch machten, sah sie schon aus wie ein bettelndes Flüchtlingskind, sie sagte auch nichts mehr, alle Fragen musste ich stellen. Doch auch hier schüttelte eine junge Dame im weißen Kittel den Kopf, sie sei die meiste Zeit in der Offizin mit der Zubereitung von Mixturen befasst gewesen, von da habe man keinen Ausblick auf die Straße, und eifrig begann sie von den Salben zu erzählen, die sie auf Rezept habe mischen müssen, eilig und außer der Reihe, für Notfälle, die von einem der Hautärzte im ersten Stock am Silvestermorgen noch behandelt worden seien, sie habe alles darangesetzt, um es bis Geschäftsschluss zu schaffen, denn wenn Dr. Jaeckli sich am letzten Tag des Jahres die Zeit nahm und sich in die Praxis bemühte, dann musste es wohl dringend sein, und schon hatte sie sich in eine engagierte Beschreibung der beiden Mediziner gestürzt, die sehr zum Nachteil von Herrn Haider und zum Vorteil seines Partners ausfiel. Während ich ungeduldig auf eine Atempause wartete, um zu fragen, wer denn, wenn nicht sie, an diesem Vormittag im Verkaufsraum gewesen sei, fiel mir ein Zucken in Lucilles Gesicht auf, und als ich ihrem Blick folgte, sah ich draußen auf der Straße den wütenden Mann vom Tag zuvor; er stand vor dem Schaufenster und starrte zu uns herein, zwischen den strahlenden Gesichtern einer vitamingestärkten Pappfamilie hindurch, aber kaum hatten wir einander erkannt, wandte er den Blick ab und schlenderte weiter.
‚Der war auch schon bei mir,’ sagte die junge Dame, ‚er hat dasselbe gefragt wie Sie, aber er glaubt mir wohl nicht, die ganze Zeit schleicht er um die Apotheke herum, ich weiß nicht, was er auf diese Art in Erfahrung bringen will,’ und endlich konnte ich meine Frage loswerden. Ihr Chef sei vorn gewesen, lautete die Antwort, aber der werde frühestens in zwei Stunden hereinkommen.
Seinetwegen noch einmal hierher zu gehen, erschien mir völlig sinnlos. Auch er würde nichts gesehen haben, aber selbst wenn er etwas wüsste, wozu sollten all die Nachforschungen führen? Wenn wir wirklich dem Mädchen auf die Spur kämen, wenn wir sie fänden und vielleicht sogar die Taschenspielertricks hinter alldem entschlüsselten, so änderte das alles doch nichts an dem, was zwischen Anna und mir vorgegangen war, an ihrer Enttäuschung, an der Kränkung, die ich ihr angetan hatte. Der Bruch zwischen uns war unwiderruflich, und wenn ich auch in allen Einzelheiten erführe, wie es dazu gekommen war, so würde mir das doch nicht im Geringsten weiterhelfen. In diesem Augenblick, als Lucille und ich durch die Tür der Apotheke auf die Straße traten, wurde mir klar, dass all die Suche und die Fragerei der vergangenen Stunden nichts gewesen war als blinder Aktionismus, als das Strampeln eines verlorenen kleinen Tieres, das sich vergeblich gegen das Ertrinken wehrt.
Es war, als bräche ich durch morsche Bohlen in meinem Innern in eine noch dunklere Verzweiflung als am Tag zuvor. Ich blieb einfach mitten auf dem Bürgersteig stehen, ohne auf Lucille zu achten, ohne mich um die Passanten um uns her zu kümmern, ohne überhaupt einen Kontakt zur äußeren Welt, in einen dumpfen, schwarzen Raum geworfen, wo ich zwischen dicken Lagen nasser Watte nach Luft rang und Glassplitter atmete.
Nur Lucille habe ich es zu verdanken, dass ich diesen Raum noch einmal verlassen konnte. Irgendwann spürte ich ihre Fingerspitzen, sie strichen über die Innenseiten meiner Handgelenke, unermüdlich, und unermüdlich lebendig, als wollten sie das Blut in meinen Pulsadern fließen fühlen, und dann malten sie Zeichen in meine Handflächen, einen Kringel um den Punkt, wo bei Stigmatisierten die Wundmale liegen, eine Schleife zum Ansatz des Mittelfingers, dann eine schwungvolle Linie zur Handwurzel hinunter, und zum Schluss noch einen kleineren Bogen aufwärts Richtung Daumen, immer wieder dasselbe. Langsam begann ich auch die Luft auf meiner Haut wieder zu spüren, sie war warm, und noch bevor ich wieder etwas sah, roch ich den Duft von Kaffee; dann nahm ich ein Stimmengewirr um mich herum wahr und merkte, dass meine Ellbogen sich auf etwas Festes stützten. Schließlich fand ich mich über ein Stehtischchen gelehnt wieder, in einer Kaffeerösterei, und Lucille dicht neben mir streichelte mir die Pulse und zeichnete Notenschlüssel in meine Handflächen. Als sie merkte, dass ich sie wieder sah, huschte sie fort und kam mit zwei Kaffeetassen zurück, und ungefragt warf sie vier Stücke Zucker hinein. Ich trank, ohne zu widersprechen. Dann versuchte ich ihr zu erklären, dass die Suche nach dem Vogelmädchen für mich zu Ende war und dass nichts von alledem mehr einen Sinn für mich ergab.
Sie sah mich an und trank aus ihrer Tasse, wollte sprechen und nahm dann wieder einen Schluck, als seien die Worte ihr im Mund vertrocknet, und wie verdorrt klang auch ihre Stimme, als sie dann doch etwas sagte, ein armes Stängelchen von einer Stimme, ohne Kraft und ohne Halt, ‚lass mich nicht allein,’ sagte sie, ‚hilf mir, hilf mir suchen, ich muss sie finden, ich muss sie nach diesen Vögeln fragen, ich muss wissen, wie sie so singen konnten,’ und sie setzte die leere Tasse ab. ‚Ich muss singen lernen wie sie,’ sagte sie.
Tatsächlich kam sie selbst mir in diesem Augenblick wie eines der zitternden Vögelchen nach der schmachvollen Verwandlung vor, allzu sehr glich ihre kleine Stimme dem schwächlichen Piepsen, es war unvorstellbar, dass sie mit diesem Glanz und dieser Kraft sollte singen lernen können, die jenen Vögeln am letzten Tag des Jahres eigen gewesen waren.
Und doch war in diesem Stimmchen etwas, das mich nicht in meine Dunkelheit zurückgleiten ließ, und der brennende Wunsch in ihrem Innern hielt mich wach und gebannt.
Sie begann nun leise von sich zu erzählen, sie wollte Sängerin werden, in den nächsten Tagen standen die Aufnahmeprüfungen für die Musikhochschule bevor, die musste sie bestehen, um ihren Weg zu gehen, aber sie zweifelte an sich und fürchtete die Konkurrenz anderer, größerer und schönerer Stimmen, ‚es gibt ja nur eine bestimmte Zahl von Ausbildungsplätzen an der Hochschule,’ sagte sie, ‚wie überall, aber wenn sie mich abweisen, ist alles aus,’ und sie sagte das so schlicht wie eine ganz alltägliche Feststellung, so wie man sagt, wenn ich mir nasse Füße hole, kriege ich Schnupfen, aber es hatte etwas so Endgültiges, als wäre ihr Leben wirklich mit einer Absage zu Ende.
Ich wunderte mich über diese Unbedingtheit, ich interessierte mich nicht besonders für Musik und verstand nichts von Gesang, was für eine Art von Sängerin sie denn werden wolle, fragte ich sie, und sie sagte, sie wolle zur Oper, und als sie das Wort Oper aussprach, wurden ihre Augen groß und strahlend, und ich hörte ihr staunend zu, wie sie von etwas erzählte, mit dem ich nur eine vage Vorstellung von monströs dicken Frauen und fetten, kleinen Männern verband, die mit hölzernen Bewegungen die Arme ausbreiteten und einander in den höchsten Tönen sinnlos anschrien. Sie aber erklärte mir, nur dort sei das wahre Leben zu finden, und sie beschrieb mir, wie man mit der Musik in eine andere Wirklichkeit hinaufgelange, wo alles Dumpfe und Gepresste abfalle wie eine Hülle und wo jedes Gefühl, wie übergroß oder quälend es im alltäglichen Leben auch scheine, jedes Glück, alle Sehnsucht und auch der größte Schmerz, sich im Gesang löse und zur Glückseligkeit werde.
Ich hörte mir das verblüfft an. Die Vorstellung, meine Verzweiflung lasse sich durch Gesang auf eine höhere Ebene heben und in Glückseligkeit verwandeln, schien mir absurd und zugleich unglaublich verlockend. ‚Daneben,’ sagte sie, ‚ist jedes normale Leben eine enge, bleierne Zeit, und wenn du diese Weite einmal empfunden hast, willst du nie mehr zurück in die flache, graue Welt der andern,’ und dann schaute sie mich an und sah, dass ich sie zu verstehen begann, und als sie mich fragte, ob ich ihr helfen würde, dem Geheimnis der jubelnden Vögel auf die Spur zu kommen, nickte ich nur.
Und so stand ich neben ihr, als sie zum zweiten Mal an diesem Tag zu der großen, goldenen Brombeere über der Apothekentür aufsah. Doch kaum waren wir wieder vor den Verkaufstisch getreten, war mit einem Schlag alles anders.
Der Apotheker war offensichtlich auf unser Erscheinen vorbereitet, denn er fragte sofort, in welchem Zusammenhang wir unsere Nachforschungen anstellten. Lucille nahm mir die Antwort ab; sie wirkte, als hätte unser Gespräch über die Oper sie gestärkt zurückgelassen, oder vielleicht war es auch meine Zusage, die ihr Zuversicht gab. Während sie Erwerb und Verwandlung der schönen Vögel schilderte, ließ ich meinen Blick durch den Raum wandern und fand überall die namengebende Brombeere der Apotheke; ich sah sieben Sorten Bonbons, fünf verschiedene Tees und eine ganze Regalwand mit Medikamenten, deren Zusammensetzung Bestandteile dieser Pflanze enthielt. Ich spürte auch ein Aroma in der Luft, so zurückhaltend, dass es mir beim ersten Besuch gar nicht bewusst geworden war, jetzt aber fiel mir auf, dass man an verschiedenen Stellen Schalen aus böhmischem Glas aufgestellt hatte, in denen sich getrocknete Blätter häuften, vermutlich ebenfalls von der Brombeere. Die Ahnung des Duftes im Raum verstärkte sich ein wenig, als der Apotheker eine breite Hand in eins der tiefroten Gefäße sinken ließ und mit den Fingern in dem Geraschel spielte, während er Lucille zuhörte, aufmerksam und mit großem Interesse.
Denn er hatte, als Einziger in der ganzen Straße, Mädchen und Vogelhandlung gesehen. Tatsächlich hatte das Geschäft nur an diesem Silvestertag existiert; er hatte sich schon gewundert, dass man für den letzten Tag des Jahres die Eröffnung eines so pompösen Ladens ansetzte, doch wirklich gestaunt hatte er am darauffolgenden Morgen, als er die leeren Schaufenster sah. Mit der ersten Helligkeit des Neujahrstages war eine aufgeregte Mutter vor seiner Tür erschienen und hatte um Fieberzäpfchen gebeten, und während er ihr das Verlangte durch das Fensterchen reichte, kam ihm irgendetwas im Hintergrund seines Bewusstseins merkwürdig vor. Doch erst, als er langsam in die Offizin zurückkehrte und überlegte, ob er sich noch einmal auf sein Feldbett legen sollte, wurde ihm klar, dass das am Vortag erst eröffnete Geschäft mit seinen prächtig ausgestatteten Räumen über Nacht völlig leer geräumt worden war.
Genauer gesagt, zwischen vier Uhr und dem Zeitpunkt der winterlichen Morgendämmerung. Denn Apotheker Brombeer hatte vom Silvesternachmittag bis zum Neujahrsmorgen, acht Uhr, Dienst gehabt. Mehrfach war er von der Nachtglocke geweckt worden; jedes Mal hatte er einen Blick zu den begrünten Schaufenstern hinübergeworfen, wo die großen Vögel sich noch immer im Licht unsichtbarer Lampen in ihren schimmernden Käfigen wiegten. Das letzte Läuten war um vier Uhr ertönt, und das war merkwürdig, denn gerade in den ersten Stunden des neuen Jahres gaben sonst Kunden einander den Glockenzug in die Hand, die nicht von Schmerz und Krankheit zu ihm getrieben wurden, sondern von dem brennenden Wunsch nach einer neuen Zahnbürste oder einer Flasche Mineralwasser.
Als er um vier Uhr den Scheinwerfer über dem Eingang einschaltete, funkelte vor ihm der goldene Ring in den Augen des Mädchens aus der Vogelhandlung auf. Er erkannte sie sofort, denn immer wieder hatte er sie tagsüber gesehen in ihrem grünlichen Mantel, mit den eigenartig raschen Bewegungen und dem plötzlichen Innehalten und Verharren zwischendurch, als wenn sie auf etwas lauere. Sie präsentierte ihm ein Rezept für eine Salbe, das einer der Hautärzte von oben am Vormittag ausgestellt hatte. Er fragte sie, ziemlich fassungslos, warum sie damit nicht während der regulären Öffnungszeiten zu ihm gekommen sei, anstatt ihn aus dem Schlaf zu wecken, und sie sah ihn aus ihren merkwürdigen Augen an, ohne zu sprechen, und zeigte nur achselzuckend auf den Laden, als wolle sie sagen, sie sei zu sehr mit der Eröffnung beschäftigt gewesen, und dann hatte er ihr das Verlangte gegeben und ihr nachgesehen, wie sie über die Straße wechselte und zu ihren blühenden Bäumen zurückkehrte. Und nun ließ ihm die Frage keine Ruhe, wie sie allein das große Geschäft mit seiner reichen und lebendigen Dekoration sollte leer geräumt haben, oder wer ihr dabei geholfen haben konnte, und was dieses kurze Auftauchen und plötzliche Verschwinden zu bedeuten haben mochte. Und nachdenklich zerrieb er ein paar Brombeerblätter zwischen den weißen Fingern.
Lucille schlug vor, die Hautärzte zu befragen, und der Apotheker nickte ihr lächelnd zu, ‚haben Sie schon einmal von ärztlicher Schweigepflicht gehört?’ fragte er, aber jetzt mischte sich die Helferin ein, die sich mit einem Mörser in der Hand aus den hinteren Räumen hervorgemogelt hatte, es komme ganz darauf an, wer von beiden das Mädchen behandelt habe, sagte sie, Dr. Jaeckli, ja, der schweige wie ein Grab, aber von Haider wisse sie, dass er es nicht so genau nehme, und ohne auf die warnenden Blicke ihres Chefs zu achten, fügte sie hinzu, dieser Haider erzähle zuweilen auf die boshafteste Weise Dinge herum, die den Patienten wirklich schaden könnten, wenn sie bekannt würden, doch jetzt wurde sie durch den Apotheker unterbrochen, ‚wir leben von dieser Praxis’, sagte er, ganz leise, und sie verstummte.
‚Dürfen Sie mir denn sagen, wer das Rezept ausgestellt hat?’ fragte Lucille. Für mich klang es ironisch, aber er antwortete ganz ernsthaft, jawohl, das dürfe er, denn sämtliche Rezepte von dort oben würden von Dr. Jaeckli unterschrieben, aus welchem Grund auch immer, und so wisse er nie, wer von beiden behandelt habe, so eigenartig das auch sei.
Ich fand, wir könnten nun gehen, aber Lucille blieb stehen und sah den Apotheker unverwandt an. Es wurde ganz still, man hörte nichts als das leise Knistern, mit dem die zerriebenen Brombeerblätter in die Schale rieselten. Plötzlich ließ er den Rest, den er noch zwischen den Fingern hielt, fallen und sagte, er dürfe es ja eigentlich nicht weitergeben, aber das Ganze sei so ungemein merkwürdig, dass er sich wie entbunden von den üblichen Regeln fühle. Dann schwieg er wieder und erwiderte Lucilles Blick.
‚Das Mädchen hatte einen sonderbaren Namen,’ sagte er schließlich. ‚Nur einen einzigen, ich weiß nicht, ob Vor- oder Nachname. Sie hieß Ighuana.’
Das genügte, um ohne erneute umständliche Beschreibung bei den Ärzten nachzufragen, und ich widersprach nicht, als Lucille entschieden in den ersten Stock hinaufstieg, obwohl ich nicht auf irgendwelche Auskünfte zu hoffen wagte. Eine Frau putzte gerade die Treppe; ich ging auf Zehenspitzen, um ihre Arbeit nicht gleich wieder zunichte zu machen, aber sie schien uns gar nicht zu beachten.
In der Tür zur Praxis drängelte uns ein Mann beiseite; er kam von drinnen und warf uns aus dem Augenwinkel abscheuliche Blicke zu, während er an uns vorbei hastete. Ich sah nur einen dunklen Mantel, der ihm irgendwie zu groß zu sein schien, und diesen stechenden Blick, und dann trat er mit dem Fuß gegen den Putzeimer der Frau, vielleicht in der Eile, aber mir kam es doch so vor, als hätte er es mit Absicht getan, ehe er die Treppe hinunter lief. Der Eimer kippte natürlich um, das Wasser rann über die frisch gewischten Stufen, und die Frau kam heraufgerannt, um eine noch größere Überschwemmung zu verhindern, aber ich stand näher und hob ihn auf, ehe er völlig auslaufen konnte.
In der Praxis erfuhren wir gar nichts. Silvester hatte es keine reguläre Sprechstunde gegeben, natürlich nicht, das wäre ja noch schöner, keine der Damen war also hier gewesen, nur die beiden Ärzte hatten wohl einige Notfälle behandelt, und nein, sie seien nicht zu sprechen, Dr. Jaeckli habe am Neujahrstag eine Reise angetreten, und Herr Haider sei soeben fort gegangen, wir müssten ihm eigentlich auf der Treppe begegnet sein. Lucille nickte und sagte, wir kämen übermorgen wieder.
Warum übermorgen, fragte ich, schon in der Tür. Wie ein Schlag traf mich der Gedanke, dass an diesem Tag wieder die Schule beginnen würde. Ich hatte das völlig vergessen, als gehörte es zum Leben eines andern; ich hatte mich auf einer ganz anderen Ebene bewegt, in einer leuchtenden Sphäre starker Emotionen und Erlebnisse, als hätte ich Zugang zu der Welt meiner geliebten Bücher gefunden; aber nun war mir der Weg unter den Füßen abgebrochen, ich war heruntergefallen, und vor meinen Augen erstreckte sich eine endlose Kette gleichförmiger Tage ohne Glanz und Glück, ein ewiger Alltag ohne Unterbrechung, ohne Festlichkeiten und Höhepunkte, denn Anna, von deren Person die Welt erst ihre schimmernden Lichttupfer empfangen hatte, Anna gab es nicht mehr.
Doch da sprach die Frau uns an, sie hatte durch die angelehnte Tür unsere Fragen gehört, und sie hatte das Mädchen Ighuana gesehen, als sie Silvester die Praxis geputzt hatte, ‚es war merkwürdig,’ sagte sie, ‚sie hatte grüne Beine. Nein, es waren keine Strümpfe, die Strümpfe hatte sie ausgezogen, um dem Doktor ihre schuppige, verhornte Haut zu zeigen, sie wartete auf ihn, ich habe die Tür aufgemacht, weil ich dachte, der Behandlungsraum sei leer, und da saß sie auf der Liege und baumelte mit den Beinen, und diese Beine waren grünlich, genau wie ihr Mantel,’ und damit nickte sie uns zu und ließ uns stehen.
‚Wir müssen einfach wiederkommen und diesen Haider fragen,’ sagte Lucille nach einem längeren Schweigen, schon auf der Straße, ‚übermorgen… es geht nicht anders, morgen ist schon das erste Vorsingen.’ Langsam gingen wir noch einmal zu dem leeren Geschäft hinüber. Nichts hatte sich verändert. Wir standen eine Weile und sahen hinein, ‚du kommst doch zum Vorsingen?’ fragte sie plötzlich. Ich versprach es, und dann gestand ich ihr, dass ich übermorgen wieder zur Schule musste, aber sie reagierte so gelassen wie noch niemand unter den Vielen, die mich für so viel älter gehalten hatten, als ich in Wirklichkeit war, auch sie sei jünger, als sie dürfe, sagte sie, ihren Ausweis habe sie gefälscht, um überhaupt zur Aufnahmeprüfung zugelassen zu werden, ‚sie begreifen es nicht,’ sagte sie, ‚dass es uns zerreißen kann, die Sehnsucht, oder was uns umtreibt, sie glauben, wir spielten nur, und das, worauf es ankommt, geschehe später.’ Sie malte noch einen Notenschlüssel in meine Hand, und ich spürte den Blick des Brombeer-Apothekers im Rücken.