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Dorothea Renckhoff Verfallen
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Es fiel mir nicht leicht, Anna zu versöhnen. Ich schämte mich, und sie schämte sich für mich. Ich brauchte einige Tage, bis ich sie anzurufen wagte; noch mehr Zeit verging, bis wir einander wiedersahen. Meine Mutter hoffte schon, es wäre ganz vorbei mit uns. Aber Anna liebte mich, und wenige Tage vor Weihnachten versöhnten wir uns, ohne ein Geschenk von mir, denn ich hatte noch immer kein Geld. Eine leise Verstimmung aber blieb zurück, auch wenn wir so taten, als wäre alles wie vorher.
Die Einladung zum Heiligen Abend blieb bestehen, Annas Mutter mochte sie nicht zurücknehmen, auch wenn sie ihr sicherlich lästig war. Damit stand ich vor einem noch größeren Problem als am Nikolausabend: Woher sollte ich nehmen, was von mir erwartet wurde? Eine passende Aufmerksamkeit für die Gastgeberin? Ein Weihnachtsgeschenk für Anna? Noch einmal versuchte ich es bei meiner Mutter. Doch sie war schon so erbost, weil ich diesen Tag nicht mit ihr, sondern mit Annas Familie feiern wollte, dass sie mir ihren abgenutzten Handfeger für die Mutter und den verfärbten, alten Plastikmülleimer aus der Küche für die Tochter anbot.
Am vorletzten Schultag kam frühmorgens ein Anruf von einem Warenhaus, wo ich wiederholt nach einer Arbeit als Aushilfe gefragt hatte. Jemand war ausgefallen, ob ich bis Heiligabend am Packtisch einspringen könnte. Ich sagte sofort zu. Es bestand keinerlei Aussicht, in der kurzen Zeit auch nur annähernd das zu verdienen, was ich gebraucht hätte, aber für einen Strauß, ein paar besondere Kerzen, ein Buch würde es vielleicht reichen. Ich brauchte nicht mit völlig leeren Händen zur Bescherung in das schöne Haus zu gehen. Am Weihnachtsabend würde man, so hoffte ich, über die Bescheidenheit der Gabe hinwegsehen.
Auf Schulbesuch musste verzichtet werden. In diesen Tagen beschränkte der Unterricht sich ohnehin auf gemeinsames Frühstück und Weihnachtsfeiern, das reine Stunden Absitzen, während man unlustig Essen in sich hineinstopfte. So stand ich an meinem Platz im Warenhaus, ohne Frühstück, und verpackte mit fliegenden Fingern Rasierapparate und Computerspiele in goldbedrucktes Papier, und während ich Päckchen für Päckchen mit Schweineschwänzchen aus glänzendem Ringelband versah, überlegte ich fieberhaft, wo ich am Heiligen Abend nach Geschäftsschluss noch etwas würde kaufen können, und was das sein sollte.
Schließlich fiel mir nur der Weihnachtsmarkt ein, und als die Tür des Personaleingangs am 24. Dezember hinter mir zufiel, hastete ich so schnell ich konnte, mit steifen Beinen vom langen Stehen, auf den großen Platz vor der Kirche zu, wo ich die Verkaufsstände aufgebaut wusste. Ich zitterte vor Angst, es könnte auch dafür schon zu spät sein.
Schon von Weitem sah ich, dass ich auf die merkwürdigen Funde nicht mehr hoffen konnte, die auf solchen Märkten zuweilen zu machen sind; viele der Buden waren schon geschlossen, manche Verkäufer packten gerade ein, und die Weihnachtslieder aus den Lautsprechern wehten über menschenleere Gänge zwischen den Ständen. Das Kinderkarussell drehte sich noch; ein einsamer Vater stand neben einem Schimmel und hielt mit frierenden Händen ein kleines Mädchen im Sattel fest; die hölzernen Pferdeaugen um ihn her sahen ihn so vorwurfsvoll an, als hielte er sie von der Weihnachtswiese zurück, wo sie einmal im Jahr springen und galoppieren durften, wie sie selbst es wollten, und Gras fressen und süße rote Äpfel.
Ein Karussellpferd, das wäre das Richtige, aber freiwillig würde wohl keines mit mir kommen, und so eilte ich über den Platz, gebrannte Mandeln gab es noch zu kaufen, wollene Mützen und Räuchermännchen, aber das war es auch schon fast, und mit wachsender Verzweiflung schaute ich mich um und versuchte mir vorzustellen, wie sich ein solcher qualmender, kleiner Gnom in Annas erlesene Umgebung einfügen würde. Ich sah das höfliche Lächeln ihrer Mutter über ein so kindisches Geschenk, und begann zu rennen, denn vielleicht gab es ja doch noch etwas anderes, etwas, das nicht ganz so schrecklich war… Und dann sah ich sie. Das Mädchen mit dem goldenen Ring in den Augen, sie, die für die schrecklichste Stunde meines Lebens verantwortlich war.
Sie trug wieder den grünlichen Mantel, aber diesmal hatte sie keinen Gurkeneimer und keine Blumen. Etwas Schimmerndes lag vor ihr auf dem Verkaufstisch, aber ich achtete gar nicht darauf, ich stürzte nur auf sie zu und fing an zu schreien, stammelnd, ich weiß nicht, was, ich war so außer mir, dass ich nichts Sinnvolles mehr von mir geben konnte. Sie sah mich erschrocken an und streckte mir die Hände entgegen, und dann packte sie mich bei den Armen und schüttelte den Kopf, und hielt mich fest und sah mich an mit diesen merkwürdigen Augen, und wieder glänzte das Laternenlicht auf dem goldenen Ring.
Ich versuchte einzuatmen; ich bekam kaum Luft. Die Musik brach ab, ein lautes Knacken kam aus den Lautsprechern, und plötzlich war es ganz still. Ich sah, dass das Mädchen die Lippen bewegte, und dann hörte ich auch, dass sie etwas sagte, sehr leise, ‚… mir leid,’ verstand ich, ‚… ein Kleid… dafür,’ und sie drückte mir etwas Seidiges, Weiches in die Hände. Im nächsten Augenblick stieß sie mich mit großer Kraft zurück, raffte die schimmernden Sachen vor sich zusammen und verschwand zwischen den Ständen.
Ich wollte ihr nach, aber ich kam nicht schnell genug an den Tischen vorbei, und dann sahen zwei Männer von ihrer Arbeit auf und musterten mich unfreundlich, und ich gab die sinnlose Verfolgung auf. Wie ein Idiot stand ich vor dem leergefegten Stand und riss und zerrte an dem Stoff, den sie mir zurück gelassen hatte, ich sehnte mich danach, das Krachen der Fäden in dem billigen Gewebe zu hören, als könnte ich der Fremden damit Schmerzen zufügen. Ich bohrte die Finger hinein, kratzte mit den Nägeln, scheuerte das Tuch über die schartigen Bretter des Tisches; fast hätte ich noch die Zähne zu Hilfe genommen. Aber dann wurde mir bewusst, dass es meiner Wut schon zu lange widerstand, um eines dieser dünnen Gewänder zu sein, deren kostbarer Glanz mit den Lichtern des Weihnachtsmarktes erlischt.
Ich breitete es auseinander und fand keine Risse, keine Löcher, nicht einmal Brüche oder Knitterfalten, und als ich es genauer betrachtete, wurde mir bewusst, was für einen kostbaren Stoff ich hatte zerfetzen wollen. Es war ein Seidensamt, das erkannte ich, Anna hatte einmal im Konzert meine Hand von ihrem Schenkel geschoben, weil, wie sie mir später lächelnd erklärt hatte, der warme Druck auf die Dauer Spuren auf dem kostbaren Gewebe hätte hinterlassen können, denn, hatte sie hinzugefügt, es sei ein Samt, der, aus Seide gefertigt, deren Reißfestigkeit, aber auch ihre freudige Empfänglichkeit für Flecken besäße.
Doch Annas schöner Rock von jenem Abend war ein Lappen im Vergleich zu dem Kleid, das mir das fremde Mädchen zugesteckt hatte. Dieser Stoff war dichter und fester und dabei viel weicher und zarter; er glühte aus sich heraus in dunkel leuchtenden Farben und changierte im Spiel des Lichts, als sei er aus schimmernden Federn gewebt.
Ich zögerte nur einen Augenblick. Kein Zweifel, das war das richtige Geschenk für Anna, und was sollte auch geschehen? Stoffe welken ja nicht.
Dieses Mal sahen keine fremden Gäste meinen Triumph. Und doch war mein Glück noch größer als am Nikolausabend, als ich den wunderbaren Stoff an Annas schönem Körper sah, im Licht der vielen Bienenwachskerzen zwischen den Zweigen des riesigen Baums. Als Anna mich nach der Feier ganz selbstverständlich mit in ihr Zimmer nahm, unter den Augen der Familie, und am Weihnachtsabend. Als ich den wunderbaren Stoff über einen Stuhl am Bett gebreitet sah.
Im Einschlafen schaute ich noch einmal hin. Noch im Dunkeln schien er Licht zu atmen.
Im Erwachen traf mein Blick wieder auf den Stuhl am Bett. Stoffe können welken. Dieser jedenfalls hatte es getan. Von dem Wunder des Weihnachtsabends war nichts geblieben als eben das billige, dünne Ding mit den Glitzerfäden, das ich anfänglich in Händen zu halten geglaubt hatte. Genau an den Stellen, wo meine Finger es zerfetzt hatten, war es zerrissen und hatte Löcher, und zerzauste Federchen quollen daraus hervor wie aus einem alten Kissen.
Anna stand in ihrem seidenen Morgenmantel am Fenster und beobachtete mich. Sie hielt die Lippen mit einer Strenge aufeinander gepresst, die ich nicht an ihr kannte, aber ihre Augen sahen nur traurig aus. Vielleicht wartete sie darauf, dass ich etwas sagte, vielleicht gab sie mir eine Chance zu erklären, um Verzeihung zu bitten. Aber wie sollte ich erklären, was ich selber nicht verstand? Wir sahen einander an; der Augenblick dehnte sich, und dann war er vorbei.
‚Kaufst du deine Geschenke für mich auf dem Weihnachtsmarkt?’ fragte Anna.
Zuerst bekam ich keine Luft. ‚Ja,’ sagte ich dann, ‚ich weiß nicht. Vielleicht.’ Während ich aufstand und mich anzog, fiel kein weiteres Wort, und ohne Abschied verließ ich das Haus.
Ich weiß nicht, wie mir nach alldem noch einmal eine Versöhnung mit Anna gelang. Sie muss mich wirklich geliebt haben, und wenn ich ihr bei dieser Gelegenheit offen gesagt hätte, wie sehr all die Einladungen und Geschenke mich belasteten, vielleicht wären mir dann die Wege verschlossen geblieben, die Lucilles Stimme mich geführt hat. Aber meine Angst, Anna zu verlieren, war viel zu groß für ein derartiges Geständnis. Vielleicht handelte ich auch im Bann einer dumpfen Überzeugung, dass ich sie unweigerlich bald verlieren würde; anders lässt sich der Fatalismus kaum erklären, mit dem ich Silvester wieder in unsinniger Suche nach einem Geschenk durch die Straßen irrte und dann tatsächlich zum dritten Mal mit einem Wunderding aus den Händen des merkwürdigen, fremden Mädchens zu Anna aufbrach.
Dieses Mal hatte ich sie hinter den hohen Schaufenstern eines eleganten Ladens erspäht. Sie stand in einem dichten Wald aus Topfpflanzen und grünen Ranken und hütete eine Schar von großen, bunten Vögeln in goldfarbenen Käfigen. Als ich das Geschäft betrat, umfing mich zugleich mit der warmen Luft ein jubelnder Gesang, fremdartig und schön und von einer Kraft, dass er nicht aus Vogelkehlen zu kommen schien. Das Mädchen sah mich sofort und wartete meinen Wutausbruch nicht ab; ohne ein Wort löste sie einen der Käfige von dem Zweig, an dem er gehangen hatte, und reichte ihn mir. Ich wollte etwas sagen, aber der Vogel begann so betörend zu singen, dass ich mit beiden Händen nach den Messingstäben der kleinen Volière griff und mich widerspruchslos zum Gehen wandte. Ich weiß nicht, was ich erwartete und ob ich wirklich die Hoffnung hatte, dass es diesmal kein Blendwerk wäre, was mir die merkwürdige Fremde anbot, aber ich fühlte mich völlig besänftigt.
Auf dem Rückweg zur Tür sah ich Lucille zum ersten Mal, sie, die jetzt allein in ihrem Hotelzimmer auf einem blauen Sofa sitzt, allein und winzig klein in sich zusammengefallen. Ich sah sie, aber ihre Stimme habe ich damals noch nicht gehört, und auch, als ich sie später hörte, war es noch nicht diese Stimme, für die ich dann über den brüchigen Gletscher gegangen bin, in dessen Eis tief unter mir eine brennende Quelle sprang. Ich wusste ja auch in diesem Augenblick im Laden noch gar nicht, dass es Lucille war, die da stand, ein bisschen unscheinbar und sehr jung, und völlig selbstvergessen. Sie schien ganz in den Anblick der Vögel versunken; ihr Blick wanderte vom einen zum andern und saugte sich fest an den federbedeckten Brüsten, an den vibrierenden Kehlen, und ihre ganze Gestalt war hingegebenes Lauschen. Ich wich auf meinem Weg ein wenig zur Seite, um sie nicht zu stören, und dann schlug mir beim Öffnen der Tür die eisige Luft von draußen entgegen; ich knöpfte schnell den Mantel auf, um das schöne Tier damit wenigstens ein bisschen zu schützen, und im nächsten Augenblick hatte ich die lauschende Lucille auch schon vergessen.
Ich dachte nur an Anna, und ich ging zu ihr wie unter Zwang. Das Haus war voller Gäste, in fast allen Räumen wurde gefeiert, und nur ganz wenige unter den Anwesenden hatten meine elende Blamage mit der verwelkten Wunderblume miterlebt. Ich spürte eine Welle von Bewunderung durch den Raum gehen, als das Licht auf dem Gefieder meines Vogels spielte und er zu singen begann. Aber ich achtete kaum darauf und wüsste nicht zu sagen, wer die Menschen waren, die um uns herumstanden. Ich erinnere mich vage an die Zurückhaltung im Gesicht von Annas Mutter, als sie den Käfig entgegennahm; offensichtlich sah sie mich und meine Geschenke inzwischen endgültig mit Skepsis und Vorbehalt. Aber auch das blieb, so wichtig es hätte sein müssen, ein schwacher und flüchtiger Eindruck.
Das Einzige, woran ich mich deutlich erinnere, ist Annas Gesicht. Sie strahlte mich an; ihre Augen leuchteten, als sie den Vogel sah; sie hatte noch immer Zutrauen zu mir, trotz allem. Meine Ängste schienen sich aufzulösen im Glück dieses Abends. Nur einmal fiel ein Schatten in mein Bewusstsein; das war, als Anna dem Vogel die Käfigtür öffnete und ihm eine große Schale mit warmem Wasser hinstellte, damit er sich baden konnte, und wirklich hörte er auf zu singen und kam herausgeflattert; es sah aus, als betrachtete er voller Staunen sein eigenes Bild auf dem Wasserspiegel, ehe er hineintauchte und mit den Flügeln funkelnde Tropfen nach allen Seiten spritzte. Da glaubte ich einen Moment lang, fließende Farben in der klaren Flüssigkeit und das Gefieder erblassen zu sehen, aber im nächsten Augenblick war der Spuk vorbei, das Wasser war durchsichtig und das Federkleid leuchtend wie zuvor, und ich drängte die Angst in mir zurück.
Kurz vor Mitternacht erinnerte sich Anna an einen Kanarienvogel, den sie einmal besessen hatte, ‚er geriet immer in Panik,’ sagte sie, ‚wenn draußen die Raketen explodierten,’ und sie reichte mir den Käfig und führte mich in den Keller, ‚bringen wir ihn dahin, wo er das Krachen nicht hört,’ fügte sie hinzu, und dann ging es noch eine Treppe tiefer, und sie zeigte mir mehrere gepanzerte Räume, wo ihr Vater seine Gemäldesammlung aufbewahrte, ‚klimatisiert,’ erklärte sie, ‚wegen der Bilder.’ Sie schloss eine der Tresorkammern auf und machte Licht, und der Vogel erhielt einen Platz auf einem kleinen Tisch in der Mitte.
‚Wir dürfen ihn nur nicht vergessen,’ sagte Anna, als sie den Raum wieder verschloss, ‚der arme Trilltrall hat manche Silvesternacht hier gesessen und war ganz glücklich, aber einmal bin ich am Neujahrsmorgen krank geworden, ich bekam hohes Fieber, keiner dachte mehr an den kleinen Vogel, und als ich wieder klar denken konnte und nach ihm fragte, da fanden sie ihn tot in seinem Käfig, verdurstet, es hatte ihm ja niemand Wasser gebracht.’
Wir gaben uns die Hand darauf, dass dieses Mal nichts Derartiges passieren sollte, und ich frage mich, ob alles anders gekommen wäre, wenn wir am Neujahrstag nicht in den Tresorraum gegangen wären, aus welchem Grund auch immer, und auch an den nächsten Tagen nicht, so lange, wie es eben dauert, bis ein Vogel verhungert und verdurstet ist. Vielleicht hätte man sich ein Tier nicht so genau angesehen, an dessen Tod man sich schuldig fühlte, oder es wäre, wenn genug Zeit vergangen wäre, überhaupt nur noch ein zierliches, kleines Gerippe übrig gewesen, etwas kleiner, als vermutet, möglicherweise, aber darüber hätte dann wohl niemand mehr nachgedacht.
Aber wir hatten uns die Hand darauf gegeben, und so stiegen wir am Neujahrsmorgen noch vor dem Frühstück hinunter, und der Anblick blieb mir nicht erspart. Ich weiß nicht, ob ich wirklich überrascht war, oder ob ich es erwartet hatte; ich weiß nicht einmal, ob Anna wirklich überrascht war, obwohl sie doch am Abend zuvor an mich und den Wert meines Geschenks geglaubt hatte. Ich weiß nur, dass mit einem Schlag eine rasende Wut aus ihr hervorbrach, kaum dass sie einen Blick auf das unscheinbare, graue Tierchen geworfen hatte, das da in dem immer noch goldfarbenen Käfig saß, auf dem Boden, wie man es von kranken Vögeln kennt, in dem nach Anis duftenden Sand, zu kraftlos, um sich auf einer der Stangen zu halten, aufgeplustert und zerzaust, und nur schwächliche Piepstöne kamen aus dem kleinen Schnabel.
Ihr Ausbruch zeigte, wie sehr die schmähliche Verwandlung der ersten beiden Prunkstücke sie verletzt und welche Kraft es sie gekostet hatte, mir zweimal zu verzeihen und noch immer Zutrauen zu mir zu haben, aber jetzt, schrie sie, sei es für immer genug, genug mit meinen Tricks, sie wisse nicht, wie sie funktionierten, und es interessiere sie auch nicht, und wie geschickt ich mich auch dabei anstelle, sie habe keinen Sinn für diese Art von Humor, der immer nur auf ihre Kosten gehe, und dass ich es nach dem ersten Mal nicht habe gut sein lassen, zeige nicht nur, dass ich sie nicht liebe, nein, der Spaß an solchen kindischen Scherzen mache deutlich, dass ich eben doch noch so unreif sei, wie es meinem Alter entspreche und wie sie es nicht habe glauben wollen, und dabei stieß und puffte sie mich mit dem Käfig und trieb mich die Treppen hinauf und aus dem Haus, und als ich die Stufen in die Auffahrt hinunterstolperte, warf sie den Käfig hinter mir her und knallte die Tür zu.
Ich bückte mich und hob ihn auf; die Messingstäbe waren verbeult; der kleine Vogel piepste erschrocken, aber er schien unverletzt zu sein. Ich blickte stumpfsinnig auf ihn nieder, und dann öffnete sich die Haustür noch einmal, aber es war nur die Haushälterin, die mit steifen Schritten hinter mir her kam und mir meinen Mantel brachte. Ich zog ihn an und sagte nicht einmal danke.
Es war ein trüber Tag. Die eisigen Temperaturen vom Jahresende waren einer feuchten Kälte gewichen; das Licht sickerte schmutzig aus tief hängenden Wolken, und der drohende Regen musste den noch immer gefrorenen Boden innerhalb weniger Sekunden mit einer Eisschicht überziehen. Mir war das gleich. Ich schleppte mich zur Straße, fort von Annas Haus, so weit fort wie möglich, ohne zu wissen, wohin. Ich wollte nicht nach Hause, ich fürchtete den Spott meiner Mutter, aber noch mehr ihr Mitleid, und so schlich ich ohne festes Ziel vorwärts, fröstelnd vor Müdigkeit, und der Vogelkäfig hing wie ein Bleiklumpen an meinem Arm. Unter meinen Füßen knirschten die Scherben von zerbrochenen Flaschen, knackte das Holz abgebrannter Raketen, spürte ich die aufgeweichten Reste von Papierschlangen und Feuerwerkskörpern. Aus Goldregen, leuchtenden Wasserfällen und bunt strahlenden Sternen war Unrat geworden, noch schneller als aus Blume, Kleid und Vogel.
Ich trottete vor mich hin, ohne auf den Weg zu achten. Außer mir war kaum jemand unterwegs, nur vor den Schaufenstern eines Geschäfts sah ich eine kleine Gruppe von Menschen. Ich versuchte, auf dem Bürgersteig an ihnen vorbei zu kommen, doch da bemerkte ich Lucille unter ihnen, deren Namen ich an diesem Neujahrsmorgen noch nicht kannte, von der ich noch gar nichts wusste, nur dass sie am Tag zuvor lauschend und dem Lauschen hingegeben zwischen den Bäumen und wuchernden Pflanzen des Vogelladens gestanden hatte, und erst, als ich sie erkannt hatte, wurde mir bewusst, dass wir uns vor eben diesem Laden befanden. Dass ich das nicht gleich bemerkt hatte, lag nicht nur an meiner Geistesabwesenheit, und eigentlich wundere ich mich heute, dass es mir überhaupt auffiel, denn Vögel, Käfige und das gesamte grüne Rankenwerk waren aus den Fenstern verschwunden; der ganze Laden war vollkommen leer, und natürlich war auch das merkwürdige Mädchen mit dem grünlichen Mantel nicht mehr da, das wohl uns allen die falschen Prunkvögel verkauft oder gegeben hatte.
Die Überraschung riss mich ein wenig aus meiner Apathie. Wie hatte man diese große Dekoration mit den reich blühenden Bäumen von gestern Nachmittag bis heute früh so vollständig beseitigen können, und warum war das geschehen, ausgerechnet am Silvesterabend, oder vielleicht auch in der Nacht? Die Gruppe um mich schien von derselben Frage, mehr aber noch von Zorn bewegt, denn offensichtlich war allen Ähnliches geschehen wie mir. Die meisten hatten, wie ich, einen prächtigen Käfig bei sich mit einem schäbigen, kleinen Vogel darin. Einige der Tierchen piepsten so matt wie der meine; andere lagen tot zwischen den Gitterstäben auf dem Boden, in dem weißen Sand, der noch immer schwach nach Anis duftete.
Ein sehr kleiner Mann hatte sich im Kommandoton zum Wortführer gemacht; so ähnlich hatte ich mir immer einen Blockwart vorgestellt. Sein Gesicht färbte sich zinnoberrot, während er immer lauter schimpfte und schrie und schließlich in seinen Käfig griff und das zitternde Vögelchen darin in die Hand nahm, um es dem leeren Geschäft anklagend entgegenzustrecken. Ich hörte nicht auf ihn; ich sah nur Lucille an. Sie sagte kein Wort, sie stand nur da und starrte wie betäubt in den kahlen Laden. Der Vogel in ihrem Bauer war tot. Ich berührte sie vorsichtig am Ärmel, aber sie reagierte nicht.
Der Mann ging jetzt offensichtlich zu Drohungen über; er hatte die Finger um seinen Vogel geschlossen und skandierte jedes seiner Worte mit der geballten Faust wie ein politischer Agitator. Einige der Umstehenden nickten zustimmend; andere lachten ein bisschen.
Ich streckte noch einmal die Hand nach Lucille aus; dieses Mal strich ich ihr über den Arm, aber auch jetzt kam keine Reaktion. Ich versuchte es weiter, geduldig und immer behutsamer, als wäre auch mir geholfen, wenn sie aus ihrer Erstarrung erlöst würde. Schließlich tupfte ich mit meinem Zeigefinger ganz sachte gegen den Rücken der Hand, mit der sie den Vogelkäfig hielt. Da schaute sie mich an, und ich hatte das Gefühl, ich blickte in einen Spiegel, denn ich sah meine eigene Verzweiflung auf ihrem Gesicht. Die Umstehenden wirkten verärgert, zornig, vielleicht ein bisschen traurig, aber keiner von ihnen schien so bis ins Innerste erschüttert wie Lucille und ich.
‚Ich wollte wissen, wie sie singen,’ sagte sie. ‚Ich dachte, ich erfahre das Geheimnis.’
‚Geheimnis?’ fragte ich, ‚welches?’ Aber sie gab keine Antwort, sondern wandte den Blick dem wütenden Mann zu, der noch immer die fest geschlossene Faust gegen den Laden schwenkte. Plötzlich griff sie nach dieser Faust und hielt sie fest, und dann öffnete sie vorsichtig die zusammengepressten Finger. Sie waren voll Blut. Ein paar Federchen flatterten zur Erde.
‚Sie haben es tot gequetscht,’ sagte sie leise. Sie nahm ihm das Vögelchen ab und legte es zu dem ihren in den Käfig. Der Mann gab eine wütende Antwort, so ein dreckiger, kleiner Piepmatz sei ja ohnehin nichts mehr wert, oder so ähnlich. Den meisten Umstehenden gefiel das nicht, sie wichen ein Stück von ihm zurück, manche wandten sich zum Gehen. Einer schlug vor, an einem Werktag wiederzukommen und in den benachbarten Geschäften nach dem Vermieter zu fragen, um der Fremden mit den merkwürdigen Vögeln auf die Spur zu kommen. Es schien das einzig Sinnvolle zu sein, und nach und nach zogen sich die Betrogenen zurück. Der wütende Mann sah seinen fliehenden Truppen missmutig nach, dann warf er einen letzten Blick auf seinen zerdrückten Vogel in dem fremden Bauer, überlegte offensichtlich, ob er ihn zurückfordern sollte, nur aus Prinzip, entschied sich aber dann dagegen und verließ uns mit zackigem Schritt.
Lucille hielt den Blick stumm auf die beiden Häufchen aus Federn gerichtet. Sie wirkte immer noch wie betäubt. ‚Ich wollte wissen, wie sie singen,’ sagte sie jetzt wieder. Sie war so verstört, dass sie mir leidtat, obwohl ich selbst mich fühlte, als hätte jemand die ganze Nacht mit dem Hammer auf mir herum geschlagen. ‚Lass uns ein paar Schritte gehen,’ schlug ich vor, vielleicht, dachte ich, würde das ihre Erstarrung lösen und meine Schmerzen beruhigen.
Sie setzte sich gehorsam in Bewegung, aber nach ein paar Metern blieb sie stehen, ‚dein Vogel lebt noch,’ sagte sie, ‚wir müssen ihn wärmen, er ist schon so lange in der Kälte,’ und sie schob ihren Schal am Hals ein wenig auseinander und setzte das Tierchen hinein, ganz vorsichtig; dann schlug sie den Kragen an beiden Seiten hoch und hielt ihn unter dem Kinn zusammen, und ich wusste nicht, ob sie das zitternde Federknäuel vor der Kälte schützen wollte oder ihren Hals. Sie hatte das Bauer mit den kleinen Leichen zu Boden gesetzt, und jetzt bückte ich mich, um es für sie zu tragen; ich kam mir ziemlich lächerlich vor mit meinen zwei Vogelkäfigen, einer leer und einer mit zwei leblosen Insassen, und neben mir eine junge Person mit einem dritten Vogel im Kragen. Aber es war mir ganz gleichgültig.
‚Ich wollte wissen, wie sie singen,’ sagte sie wieder, als wir weiter gingen. ‚Ich wollte so gerne wissen, wie sie singen.’ Ich fragte, warum, nicht, weil es mich interessierte, es interessierte mich überhaupt nicht, nichts interessierte mich, sondern nur, damit sie weiter sprach, und als sie nicht antwortete, fragte ich noch einmal nach dem Geheimnis, von dem sie gesprochen hatte.