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Hans-Dietrich Reckhaus Fliegen lassen
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»Wow! Sagenhaft. Sensationell. Gekauft«, sage ich. »Aber für meine Absatzkanäle viel zu teuer! Das ist etwas für die Fensterbranche.«
Ich brauche dringend eine Pause. Ich stehe auf, gehe ein wenig durch die riklinsche Ideenschmiede und bitte Frank um einen Kaffee.
Nach wenigen Minuten, in denen wir kaum sprechen, sitzen wir uns wieder am acht Meter langen, schmalen Holztisch gegenüber.
»Euer Fensterprodukt ist super. Respekt. Das wäre etwas für die Zukunft, wenn wir mit Fensterherstellern zusammenarbeiten würden. Aber habt ihr nicht vielleicht doch eine Idee für Flippi?«
»Wenn du unbedingt eine Kunstaktion haben möchtest«, sagt Frank, »dann empfehlen wir dir, die Welt umzudrehen: Du als Insektizidhersteller rettest Fliegen!«
»Bitte? Was meinst du?«, frage ich.
»In Zusammenarbeit mit einem Handelsunternehmen veranstalten wir in dessen Verkaufsfilialen einen Wettbewerb, bei dem die Kunden uns lebende Fliegen bringen und damit die Tiere retten. Als Belohnung für die Teilnehmenden gibt es einen Flug in die Sonne nach Spanien. Natürlich mit einer Fliege, versteht sich. Die Fliege bekommt ihr eigenes Ticket und damit ihren eigenen Sitzplatz. Denn nur wenn das Insekt genauso wie ein Mensch behandelt wird, entsteht eine neue Art der Beziehung, etwas Besonderes. Das Ganze nennen wir: Flippi – die größte Fliegenrettungsaktion der Welt.«
Patrik hält ein eigens kreiertes Plakat hoch, das eine Lufthansa-Düsenmaschine zusammen mit dem Slogan zeigt:
Rette 3 Fliegen und du fliegst mit einer Fliege für 1 Woche an den Strand! FlippiAirLine – ein ausgeflippter Reisewettbewerb zwischen Mensch und Insekt.
»Wir könnten die Menschen mit der Frage konfrontieren: Wie viel Wert hat eigentlich eine Fliege? Mit der Aktion machen wir auf den ökologischen Nutzen von Insekten aufmerksam – und du wirst bekannt, weil die Polarisierung mit dir als Retter für die Medien interessant ist.«
Vier Augen schauen mich an. Ich kann meine Gedanken und Gefühle nicht verstehen und erst recht nicht kontrollieren. Mein Kopf nickt. Ihre Arbeit ist großartige Konzeptkunst. Und sie würde von mir nicht nur in Auftrag gegeben. Ich würde in dem Werk sogar eine entscheidende Rolle spielen.
Zehn Sekunden später lande ich zurück in der Realität. Meine Stimme klingt hart. Aber auch irgendwie bedrückt. »Ich verstehe eure Arbeit und bin beeindruckt. Ihr habt es tatsächlich geschafft, eine Kunstidee für Flippi zu entwickeln. Aber es ist verrückt, Fliegen zu retten, die Idee richtet sich direkt gegen meine Produkte.«
»Wir haben geahnt, dass du die Rettungsaktion nicht veranstalten möchtest und haben völliges Verständnis für dich«, sagt Frank und weist trotzdem noch einmal auf die evident notwendige Umkehr hin, Fliegen zu retten anstatt sie zu töten. Ich fühle mich als spießbürgerlicher Spielverderber und verabschiede mich.
Auf der Autofahrt nach Hause denke über Fliegenretten nach. Frank und Patrik haben mich tief getroffen, sehr tief. Und die beiden müssen in den letzten Wochen in einem Dilemma gewesen sein. Auf der einen Seite suchten sie nach einer gefälligen und leicht zugänglichen Idee, die von mir als konservativem Geschäftsmann umgesetzt werden kann. Auf der anderen Seite wollten sie sich als Künstler nicht beeinflussen lassen. Es durfte nicht darum gehen, was ein Unternehmer als schön und stimmig empfindet. Die beiden blieben sich selbst treu. Und nahmen in Kauf, dass ich ihren Vorschlag nicht realisieren würde.
Aber ist ihre Idee nicht genau das, was ich will? Will ich nicht endlich etwas Sinnvolles, das noch keiner vorher gedacht und gemacht hat? Fängt die Kunst nicht exakt dort an, wo das Wohlgefühl aufhört? Habe ich nicht von den Künstlern genau das erwartet, wozu andere keinen Mut haben? Kunst und Wirtschaft sind eben nicht zwei Welten, die sich nie begegnen dürfen. Nein, Kunst kann Wirtschaft Türen öffnen zu Veränderungsprozessen, die die Unternehmen selbst gar nicht denken, geschweige denn umsetzen können. Bis hierher.

FLIEGE INS FLUGZEUG SETZEN.
ABSURD.
Es folgt eine lange Diskussion mit meiner Frau, eine schlaflose Nacht, ein unruhiger Tag im Büro und noch eine Auseinandersetzung mit meiner Frau. Sie teilt meine Meinung. Vermutlich würde kein Mensch verstehen, dass ausgerechnet ich Fliegen retten will. Und dann noch eine Fliege ins Flugzeug setzen! Absurd! Trotzdem geht es in meinem Kopf hin und her.
Denk an die Finanzen! Die Medien werden bestimmt aufgrund der ungewohnten Polarisierung mit mir als Fliegenretter bundesweit berichten. Unser Produkt wird bekannt und daher mit großem Interesse vom Handel und später vom Konsumenten gekauft werden. Die notwendige Investition von 100 000 Franken ist ein Schnäppchen.
Denk an die Mitarbeiter! Was werden sie zu der Rettungsaktion sagen? Und was werden Kunden, Lieferanten, Banken, Behörden, Nachbarn über uns denken? Wie deuten mein Bruder und seine Familie und meine Eltern die Aktion? Ist es ein Widerspruch: Hersteller von Insektenbekämpfungsprodukten zu sein und Fliegen zu retten? Stelle ich damit nicht mein Geschäft komplett infrage?
Denk an die Insekten! Wie viele Fliegen, Mücken, Motten und Ameisen habe ich inzwischen auf dem Gewissen! Nicht ich persönlich, aber meine Produkte töten. Das ist ethisch nicht korrekt. Woher nehme ich mir das Recht dazu? Ich muss zurückgeben! Gerade ich, dessen seriell hergestellte Produkte massenweise Insekten bekämpfen, muss mich endlich für Insekten einsetzen! Wenigstens einmal?
Fliegenretten fühlt sich auf einmal so verdammt gut und richtig an.
Nach einer zweiten schlaflosen Nacht rufe ich am Morgen im Atelier an und sage nur zwei Worte:
»Wir realisieren!«
Frank und Patrik sind sprachlos.
August Ich besuche die Schweizer Oase für Sonderaufgaben, um die ersten Schritte der Aktion »Fliegen retten« zu besprechen. Patrik begrüßt mich fast schon kameradschaftlich. Als Erstes will er wissen, wie meine Mitarbeitenden auf die Idee der Rettungsaktion reagiert haben.
»Katastrophe! Ich habe eine Stunde lang alles gegeben! Eine Superpräsentation vor allen Verwaltungsmitarbeitenden, dem neuen Flippiverkäufer Herrn Paul und vor meinem Bruder. Keiner hat nur ein Wort rausbekommen. Alle finden die Idee verrückt. Leider auch mein Bruder. Er hat mir später gesagt, dass er ja vieles mitmache. Aber das gehe ihm zu weit. Und Herr Paul hat jetzt ein Problem! Als wir ihn einstellten, war eure Idee ja noch gar nicht existent. Nun macht er sich Gedanken, ob er nicht im falschen Film gelandet sei. Wir haben noch eine Menge Überzeugungsarbeit zu leisten.« »Solche Reaktionen sind wir gewohnt. Das ist ganz natürlich«, sagt Patrik gelassen und fängt an, über die Aktion zu reden.

GELEBTER
KAFKA
»Man wird dir Zynismus vorwerfen, wenn die Aktion nicht weitergeht: Wenn du nicht gleich weitere Rettungen planst und nicht das Fensterprodukt präsentierst, das keine Fliegen mehr tötet. Die Fliegenrettungsaktion darf nur als Scharnier hin zu sinnvollen Produkten und einem echten Umdenken bei euch verstanden werden. Literarisch ausgedrückt: Das alles ist gelebter Kafka. Flippi verwandelt als Gregor Samsa seine Funktion vom Töten zum Retten. Und ihr als Erfinderfirma stellt den üblichen Markt auf den Kopf und führt den Diskurs zwischen Mensch und Insekt in eine neue Dimension. Das Ergebnis ist ein Umdenken in der Kundschaft.«
»Das Fensterprodukt ist viel zu teuer. Ich schätze, es würde knapp 200 Euro kosten. Ein heutiges Fliegenprodukt kostet fünf Franken. Das geht alles überhaupt nicht auf. Ich sehe die Sinnhaftigkeit in euren Überlegungen, aber in die Fensterbranche kann ich nicht einsteigen.«
Wir vereinbaren Stillschweigen über diese freundliche Art der Insektenbekämpfung, vielleicht ist das ja etwas für die Zukunft.
»Wir brauchen trotzdem ein überzeugendes Kommunikationskonzept«, sagt Patrik. »Die Medien könnten die Rettungsaktion sonst als billige Werbeaktion abwerten.«
»Wir benötigen einen Pressesprecher! Ich habe auch schon eine sehr gute Besetzung. Meine beste Studienfreundin! Sie ist kommunikativ stark, spricht sechs Sprachen fließend und möchte sich gerade beruflich verändern. Und wir brauchen einen Biologen! Einen Insektenspezialisten, der sich kompetent mit allen Fragen der Fliegenrettung auseinandersetzen kann. Auch hier habe ich schon die ideale Besetzung: Daniel Bucher aus Herisau. Ich kenne ihn seit Jahren. Aber es gibt da einen wunden Punkt: Die Aktion nächstes Jahr macht nur Sinn, wenn wir noch in diesem Jahr die Zusage von mindestens einem Kunden erhalten. Wenn wir also einen Auftrag zur Lieferung von Flippi im nächsten Frühjahr erhalten.«
»Das ist uns klar. Aber wir können nicht erst ein paar Wochen warten, bis Herr Paul den ersten Auftrag hat. Wir müssen unmittelbar starten, es gibt sehr viel zu tun.«
Zehn Tage später treffe ich mit Verstärkung im Atelier ein. Ohne meine Pressesprecherin, ich konnte sie nicht überzeugen, ihr ist die Rettungsaktion zu verrückt. Aber immerhin sind Herr Paul und Herr Bucher mitgekommen. Auch ihnen sieht man deutlich ihr Unbehagen an, mit Kunst hatten sie bisher nichts am Hut. Sie sind sich nicht sicher, ob Frank, Patrik und ich es wirklich ernst meinen. Und falls ja, ob sie dann vielleicht als fremdgesteuerte Akteure in einer skurrilen Kunstaktion fungieren.
Patrik holt eine kleine Kamera.
»Ich hoffe, es ist für euch in Ordnung, dass ich alles filme. Die Dokumentation gehört zu jedem Prozess dazu. Da muss man sich erst dran gewöhnen, aber später merkt man es gar nicht mehr.«

DÜRFEN WIR MIT TIEREN SO UMGEHEN?
WAS SAGT DIE ETHIK?
Ich beginne die Diskussion, richtig geheuer ist auch mir die Filmerei nicht.
»In den letzten Tagen haben mich intensiv die Fragen gequält, ob wir als Unternehmen überhaupt so mit Tieren umgehen dürfen und ob wir Fliegen für unseren ökonomischen Erfolg instrumentalisieren dürfen. Wie können wir eine ökologische und ethische Berechtigung für unser Tun erlangen?«
Über eine halbe Stunde diskutieren Frank, Patrik und ich, bevor Frank unsere Gedanken zusammenfasst:
»Wir brauchen ein nachhaltiges Konzept, das sich positiv auf die Natur auswirkt und langfristig angelegt ist. Nach der Rettungsaktion müssen unbedingt weitere Aktionen folgen. Außerdem müssen wir einen Geldbetrag pro verkaufter Fliegenscheibe festlegen, der von Reckhaus für Naturschutzprojekte abgeführt wird.«
»Herr Bucher, haben Fliegen Vorteile?«, frage ich. »Gibt es Orte, die von Fliegen profitieren? Frank, Patrik und ich haben uns überlegt, die geretteten Fliegen in Naturschutzgebieten auszusetzen, damit diese nicht in die Städte zurückfliegen und wiederum von den Menschen bekämpft werden.«
Fast stotternd führt der Biologe aus, dass auch Fliegen ökologisch wertvoll sind, er aber auf diese Frage nicht vorbereitet sei. Zum nächsten Treffen werde er uns gern einige Informationen mitbringen.
»Lasst uns zum Reiseziel kommen«, gehe ich zum nächsten Thema über. »Dürfen wir Fliegen überhaupt nach Mallorca einführen? Was passiert, wenn unsere Fliegenretter am Zoll festgehalten werden?«
»Wir brauchen ein zweites Ziel«, sagt Patrik. »Ich schlage Teneriffa vor.«
»Herr Paul, darf ich Sie bitten, bezüglich der Einfuhr von Fliegen mit den spanischen Behörden auf den Flughäfen Kontakt aufzunehmen?«
»Gerne, Herr Reckhaus«, antwortet Paul trocken.
»Lasst uns doch schon über nationale Reiseziele reden, wenn die Fliegen nicht nach Spanien eingeführt werden dürfen«, sagt Frank. Auch Deutschland wäre für die Künstler in Ordnung, wichtig ist ihnen nur, dass die Fliegen im Flugzeug reisen und einen eigenen Sitzplatz haben.
»Daniel, hast du dir schon Gedanken darüber gemacht, wie die Reiseboxen aussehen können?«, fragt Patrik. »Die Fliegen müssen sich mehrere Tage darin wohlfühlen. Wichtig ist auch, dass die Boxen auf die Sitzplätze im Flugzeug passen. Ich gebe dir nachher eine Zeichnung mit, die die genauen Maße eines Flugsitzes zeigen.«
»Sind Fluggesellschaften überhaupt bereit, Insekten wie einen normalen Passagier zu transportieren?«, fragt Herr Bucher.
»Ich gehe davon aus, dass Lufthansa oder AirBerlin die Fliegen aufgrund des hoffentlich großen Medieninteresses für unser Projekt sehr gerne transportieren. Wir brauchen einen strategischen Fluglinienpartner. Herr Paul, das wäre ebenfalls eine super Aufgabe für Sie. Könnten Sie bitte mit beiden Gesellschaften erste Gespräche führen?«
Herr Paul nickt kurz und macht sich Notizen.
»Die Fliegen brauchen am Flughafen einen VIP-Service«, fordert Frank. »Und was passiert eigentlich mit den Fliegen, wenn sie zurückkommen?«
»Wir eröffnen einfach das erste Fliegenhotel Deutschlands«, sage ich. »Eine Wellnessoase, vielleicht ein Stall in einem alten Bauernhof, mit perfekten klimatischen Bedingungen und einer Webcam.«
DSeit Jahren reden wir über DOWNSIZING. Die Diskussion geht für mich am Thema vorbei.Es reicht nicht aus, das Alte lediglich zurückzufahren, effizienter, schlanker und ressourcenschonender zu gestalten. Was wir brauchen, ist schnelles, exponentielles Wachstum mit Neuem. Und damit wir dieses Neue überhaupt finden, etwas Neues, das von Grund auf nachhaltig ist, müssen wir unser ganzes unternehmerisches Potenzial und Geschick in die Waagschale werfen.Externalisierte, sinnentleerte Märkte zurückdrängen und stattdessen neue, nachhaltigkeitsorientierte Märkte aufbauen – da müssen wir jetzt ran. Bei einem ökologischen Fußabdruck von über 2,5 Erden gibt es viel zu tun! (M)»Eine sehr gute Idee, so könnte es gehen«, sagt Patrik.
»Wir haben noch nicht darüber gesprochen, wo und wann wir die Aktionen planen«, sagt Frank. »Ich bin für Großstädte wie Berlin, Hamburg und München, damit wir möglichst viele Menschen erreichen.«
»Ja, das finde ich gut«, sage ich. »Wenn wir dann pro Monat – also April, Mai, Juni, Juli und August – je eine Aktion in einer Stadt machen, dann ist Flippi die gesamte Saison lang Thema.«
»Wir müssen noch über die Medien sprechen«, fordert Patrik. »Wir sind skeptisch, ob die Medien unsere Geschichte so schnell aufgreifen. Unsere Erfahrung zeigt, dass Printmedien – wenn überhaupt – erst mit einer Zeitverzögerung reagieren. Bevor sie schreiben, recherchieren die Journalisten erst einmal im Netz und prüfen die Geschichte auf ihre Glaubwürdigkeit.«
»Entscheidend für uns ist daher, dass wir eine eigene Internetseite aufbauen und uns an den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter beteiligen«, äußert sich Frank. »Am besten stellen wir unsere Geschichte bereits jetzt online.«
»Das geht mir viel zu weit«, sage ich. »Unsere Aktion ist noch zu jung und zu fragil. Ich möchte nicht Dinge in der Öffentlichkeit ankündigen und dann nicht genau so machen. Das ist unseriös.«
»Bezüglich der Medien können wir uns aber schon einmal kritische Fragen überlegen, die sicher kommen werden. Wir machen dir eine Liste dazu.«
Nach fünf Stunden verabreden wir ein nächstes Treffen in vier Wochen. Kaum zurück im Büro ist die Mail von Frank und Patrik auch schon da:
Herr Reckhaus, sind Sie ausgeflippt? Oder leiden Sie unter einem krassen Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom?
Ist die Aktion eine Verlegenheitslösung, weil Sie nicht auf eine bessere Idee gekommen sind?
Worum geht es Ihnen? Ums Geld? Ums Tier? Ums Image?
Der CO2-Ausstoß ist bei Flugzeugen extrem hoch, wie viel Lebensraum für Insekten wird dabei zerstört?
Wie kann man diesen Aufwand rechtfertigen, wenn in Afrika Kinder verhungern und diese dort, gerade mit der Stubenfliege, echte Probleme haben?
Insgesamt 30 Fragen haben die Zwillingsbrüder formuliert. Wir alle wissen: Das ist nur die Spitze des Eisberges, auf den wir zusteuern.
September Wir treffen uns wieder im Atelier. Herr Paul hat kurzfristig per Mail abgesagt. Ich fühle mich irgendwie freier und eröffne das Treffen philosophisch:
»Unsere Aktion wird als absurd wahrgenommen werden. Ich habe deswegen das Wort absurd im Duden nachgeschlagen. Absurd steht für sinnlos und widersinnig. Diese Deutung gefällt mir nicht. Es geht ja bei unserer Idee nicht um sinnlose Dinge. Es geht darum, Dinge umzudrehen, ins Gegenteil zu verkehren. Das schafft Bewusstsein, besonders für die eigene, nächste Umgebung. Das ist ein äußerst sinnvoller Beitrag.«

ES IST NICHT MÖGLICH,
FLIEGEN ZU RETTEN
Herr Bucher berichtet zuerst, wie Fliegen gerettet werden können.
»Fliegen sind ein wichtiges Glied der Nahrungskette«, führt der Experte aus. »Das bedeutet, dass die Tiere überall Feinde haben. Überall. Es gibt in der Natur keine Wellnessoase für Fliegen, zu der wir sie bringen könnten. Es ist gar nicht möglich, Fliegen zu retten.«
Schockiert schauen Frank, Patrik und ich den Insektenversteher an. Er setzt seine Ausführungen emotionslos fort.
»Aber es gibt einen Ausweg. Wenn ihr den Fliegen etwas Gutes tun wollt, müsst ihr sie einsperren. Ihr könnt doch die Idee des Wellnesshotels weiterspinnen.«
Ich brauche eine Kaffeepause. Was für ein Irrsinn. Einsperren, um zu retten! Nachdem wir den frappanten Umkehrschluss ein wenig verdaut haben, sprechen wir über das geplante Wellnesshotel für Fliegen.
»Die Kunden bringen uns die Fliegen in die Filiale des Flippi-Händlers«, sagt Patrik. »Wir nehmen sie entgegen und müssen sie in eine Box einsperren. Abends bringen wir sie dann in eine größere Unterkunft, in der alle Fliegen sind, die wir in den vorangegangenen Tagen gerettet haben. Das Fliegenhotel müsste mobil sein und mehrere Wochen halten. Ich sehe eine große, hölzerne Box, die wir mit einem Kastenwagen transportieren.«
»In der tourfreien Zeit können wir dann die Box in eine Scheune stellen«, meint Frank weiter. »Im Wagen sind die Fliegen doch sehr der Sonne und starken Temperaturschwankungen ausgesetzt. Eine Scheune bietet ihnen besseren Schutz. Das ist dann unser Fliegenresort.«
Unser Sachverständiger erinnert uns daran, dass sich die geretteten Fliegen paaren werden und ein Weibchen im Laufe ihres Lebens unter optimalen Bedingungen bis zu 2000 Eier legen kann.
»Das ist ja wunderbar«, sagt Patrik.
»Das wird mir zu viel«, sage ich. »Herr Bucher, wie lange leben Fliegen?«
»In der Regel vier Wochen.«
ESich als Unternehmer ETHISCH korrekt zu verhalten, hat für mich bislang bedeutet: seinen Handelspartnern keine relevanten Informationen vorzuenthalten. Ihnen offen zu sagen, ob die eigenen Produkte zum Sortiment passen und ihnen gegebenenfalls davon abzuraten, weil Konkurrenten sie besser, preiswerter oder schneller liefern können. Kurz: ehrlich, transparent und verlässlich zu sein.Seit 2011 ist für mich eine neue Dimension hinzugekommen. Es geht um die simple und gleichzeitig doch so essenzielle Frage: Darf ich Insekten töten? Und welche Konsequenzen ergeben sich, wenn die Antwort lautet: Nein, nur in absoluten Ausnahmefällen, wenn es nicht anders geht.Was wir brauchen, ist einfache, ethische Logik, mit der jeder für sich sein alltägliches Tun hinterfragen kann. Aus den Antworten erwachsen die richtigen Dinge dann von selbst. (V)»Dann öffnen wir vier Wochen nach Tourende bei einem großen Abschlusshappening die Rettungsbox und lassen alle Fliegen fliegen, die noch leben«, sage ich.
»Was machen wir mit den Fliegen in Spanien?«, fragt Frank. »Es werden ja mehrere Retter mit ihren Fliegen an den Strand fliegen.«
Schnell einigen wir uns darauf, dass wir in Spanien ein weiteres Fliegenhotel errichten müssen, das wir dann zum Abschluss nach Deutschland zurückholen.
»Wir haben noch viel zu tun. Aber: Entscheidend ist der Verkauf. Wenn Herr Paul bis Mitte November keinen Kunden hat, brechen wir ab.«
Oktober »Nichts«, sagt Herr Paul. »Einfach nichts. Ich bin in den letzten drei Monaten 20 Zielkunden angegangen. 19 haben sofort am Telefon abgewunken. Und der eine, der mir immerhin einen Termin angeboten hat, hat mir dann beim persönlichen Treffen gesagt, dass die Aktion zu verrückt sei. Auch er möchte mit der Aktion nichts zu tun haben.«
Ich erzähle, dass ich nicht erfolgreicher war. Während Herr Paul neue Kunden angeht, betreue ich die bestehenden. Viele kenne ich schon seit Jahren, wie den Chefeinkäufer eines großen Drogeriemarktes, dessen Handelsmarke wir produzieren. Für ihn ist unsere Rettungsidee die originellste, die er in den letzten 20 Jahren gehört hat. Aber das Risiko, dass die Medien negativ darüber berichteten, ist ihm viel zu hoch.
»Daran haben wir nicht gedacht«, sage ich. »Eine kritische Berichterstattung könnte auch den Handel treffen. Der deswegen natürlich nicht mitmachen möchte.«
Es wird still im Atelier. Patrik bricht das Schweigen.
»Hans, es ist deine Entscheidung, ob es weitergeht.«
»Wir werden nicht warten, bis wir einen Kunden finden«, sage ich entschlossen. »Ich will Fliegen retten! Wir brauchen ein Konzept, das unabhängig vom Handel funktioniert.«
»Wie soll das gehen, Herr Reckhaus?«, fragt Herr Paul überrascht.
»Der Handel hatte für uns zwei Funktionen in diesem Projekt: Ort und Aufmerksamkeit. Diese zwei Funktionen müssen wir ersetzen.«
»Wir können mit Lokalradios zusammenarbeiten«, sagt Herr Paul. »Für die ist das eine coole Geschichte.«
»Ja, das ist eine gute Idee. Die Fliegenrettung kann dann in einen Radiowettbewerb eingebunden werden, bei dem die Zuhörer die Fliegen zur Sendestation bringen«, sagt Frank.
»Flippi wird prominent«, freut sich Patrik, »alle reden über Flippi. Flippi ist aber nirgends zu kaufen!«
An diesem Nachmittag kommen keine weiteren guten Ideen. Wir erkennen, dass eine kundenunabhängige Fliegenrettung eine Sonderaufgabe ist, die nur Frank und Patrik lösen können. Die beiden versprechen, in zwei Wochen ein neues Konzept zur größten Fliegenrettungsaktion der Welt vorzulegen.
November Frank und Patrik präsentieren Herrn Paul, Herrn Bucher und mir gleich mehrere handelsunabhängige Rettungswerke, samt akribischen Kostenaufstellungen. Die wertvollen Insekten sollen nun mit ihren glücklichen Rettern nur innerhalb Deutschlands umherschwirren. Das würde Kosten sparen. Allerdings weiterhin mit dem Flugzeug, auch wenn die geplante Partnerschaft mit einer Airline nicht zustande gekommen ist. Weder Lufthansa noch AirBerlin haben unsere telefonischen Anfragen ernst genommen. Sie glauben an einen Scherz. Außerdem haben sich die behördlichen Abklärungen mit dem Export und Import von Fliegen in den letzten Wochen als schwierig erwiesen.

SICH LOSLÖSEN
VON DER ÖKONOMIE
MACHT FREI
Wir einigen uns auf die alte Idee mit den Lokalradios, und ich gebe aufgrund des schwindenden Geldes noch einmal die Richtung vor:
»Von den budgetierten 100 000 Franken haben wir bereits 30 000 für die Arbeitsstunden von Frank, Patrik und Herrn Bucher ausgegeben. Es bleiben also 70 000 Franken oder – umgerechnet beim derzeitigen Kurs – 50 000 Euro. Das ist nicht viel für eine Aktion, die uns beim Konsumenten national so weit bekannt machen soll, dass der Handel Flippi kauft. Je weniger Geld wir haben, desto konsequenter müssen wir uns auf unsere Ziele ausrichten. Ohne den Handel können wir uns ab sofort tatsächlich auf die Fliegenrettung konzentrieren. Wir können sie genau so gestalten, wie wir sie als richtig empfinden. Es geht mit dem bestehenden Budget nicht darum, dass wir ökonomiegetrieben versuchen, möglichst bekannt zu werden. Nein, jetzt machen wir es richtig! Es geht darum, dass wir mit den vorhandenen Mitteln möglichst viele Fliegen retten. Die Loslösung von der Ökonomie macht uns frei, wir können uns auf das Wesentliche konzentrieren. Denn was nutzt uns die öffentliche Aufmerksamkeit, wenn wir nur wenige Fliegen retten? Dann könnte man die Sache auch als nur kleine Idee auslegen und uns als amateurhaft beschreiben.«