Книга Black Tales of Rock читать онлайн бесплатно, автор C. A. Raaven – Fictionbook, cтраница 2
C. A. Raaven Black Tales of Rock
Black Tales of Rock
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C. A. Raaven Black Tales of Rock

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In diesem Moment gab es einen Knall in der Küche und er fuhr zusammen.

Adam stand auf und ging nachschauen.

Es war der Joghurt, den er aus dem Kühlschrank genommen hatte, damit er sich etwas aufwärmen konnte. Der gesamte Becher war explodiert und hatte seinen Inhalt auf Wänden und Boden verteilt.

Adam stöhnte und blickte zur Decke, wie, um ein höheres Wesen um Beistand zu bitten. Dann machte er sich daran, die Schweinerei zu beseitigen.

***

Wieder zurück im Arbeitszimmer, nahm er das geöffnete Kuvert in die Hand und schüttelte den Inhalt heraus.

Weiße Blätter.

Verwirrt schaute Adam zuerst auf das vollkommen leere Papier und dann noch einmal in den Umschlag hinein.

Die Innenseite war noch eigenartiger, denn sie hatte einen metallischen Glanz. Und kräuselte sich von drinnen nicht sogar etwas wie eine Rauchfahne heraus?

Quatsch. Was du schon wieder siehst. Jetzt male mal nicht den Teufel an die Wand.

Mit gerunzelter Stirn betrachtete Adam erneut den Stapel weißer Blätter, der auf seinem Schreibtisch lag. Er drehte das Kuvert in seinen Händen hin und her und versuchte, darauf irgendeinen Anhaltspunkt dafür zu erkennen, wer ihm diesen Brief geschickt haben könnte und warum.

Wie er den Umschlag so betrachtete, da hatte es den Anschein, als wäre der Inhalt luftdicht verschlossen gewesen. Das würde den Öffnungsmechanismus erklären. Und vielleicht auch den Rauch, der dann wohl eher Dampf gewesen war.

Nun nahm er noch einmal die Aufschrift genau in Augenschein. Die Buchstaben waren gleichmäßig und ohne jegliche Abweichung in der Linienführung, obwohl es sich eindeutig um eine Handschrift handelte. Niemand würde sich die Arbeit machen, derart kompliziert verschlungene Buchstaben als Zeichensatz für einen Computer zu erstellen. Von ganz nah betrachtet, sah die Schrift sogar so aus, als wäre sie nicht auf das Kuvert geschrieben, sondern hineingebrannt worden.

Na immer noch besser als mit Blut geschrieben, sagte Adam zu sich selbst und legte es lächelnd beiseite.

Er wollte auch die leeren Blätter dazulegen, hielt dann aber inne, weil ihm auffiel, dass eines der Blätter anders war, als die anderen. Adam zog es zwischen den zwei normalen Blättern hervor und stutzte, als ihm ein Gedanke aus seinen Kindertagen kam.

Konnte das sein?

Gab es so etwas überhaupt noch?

Er hob das Blatt an seine Nase und roch vorsichtig daran. Sofort breitete sich ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht aus, als er das altbekannte Aroma wahrnahm.

Esspapier. Wie hatte er es als kleines Kind geliebt, auch wenn damals niemand seine Leidenschaft teilte.

Bevor er es sich versah, hatte er die Hälfte des Blattes in kleinen Stücken in den Mund geschoben und kaute zufrieden darauf herum. Der Geschmack war sogar noch besser als er es in Erinnerung hatte. Auch die zweite Hälfte des Blattes fand kurz darauf den Weg in seinen Magen.

Zufrieden vor sich hin pfeifend machte Adam sich einen Kaffee und begab sich damit zurück in sein Arbeitszimmer. Er hatte heute einen anstrengenden Tag vor sich, vor dem er sich eigentlich gefürchtet hatte, aber nach dem unerwarteten Frühstücksersatz fühlte er sich beschwingt und voller Tatendrang.

Tatsächlich ging ihm die Arbeit leicht von der Hand, und er konnte mehr als doppelt so viele Telefonate erledigen wie sonst. Wie immer kritzelte er dabei mit seinem Stift auf allem herum, was sich gerade in seiner Reichweite befand. Als Adam bemerkte, dass er auch auf eines der beiden Blätter aus dem geheimnisvollen Umschlag etwas gemalt hatte, bekam er zunächst einen Schreck.

Aber dann sagte er sich: Sei nicht albern. Wen soll es denn stören, dass du auf ein leeres Blatt, das dir irgend so ein Spaßvogel geschickt hat, was draufmalst?

Ein Blick auf das Papier ließ Adam schmunzeln und entgegen seiner sonstigen Angewohnheit, das Gekritzel in den Papierkorb zu werfen, hob er das Blatt auf, um es später seiner Frau zu zeigen. Sie kannte diesen niederträchtigen Hausverwalter, mit dem er gerade telefoniert hatte, und der Teufel, den er nebenbei samt einer flammenden Peitsche und Bocksbeinen gedankenverloren aufgemalt hatte, traf ihn wirklich gut.

***

Nach dem Mittagessen gönnte Adam sich einen kurzen Spaziergang an der frischen Luft, denn obwohl es erst April war, und sich das Wetter dementsprechend unbeständig und kühl zeigte, hatte er doch eine innere Hitze, die er dringend abkühlen wollte.

Da er alle anstehenden Telefonate bereits am Vormittag erledigt hatte, konnte Adam nach der Pause das Radio anschalten, um sich bei der Erledigung des Schreibkrams etwas abzulenken, denn er hasste es, in völliger Stille zu arbeiten. Dieses Mal probierte er einen neuen Sender aus, der ihm von einem Bekannten empfohlen worden war. Dieser spielte angeblich – anders als die meisten Sender – wirklich abwechslungsreiche Musik, die von Schlagern aus den 70er Jahren, über Pop bis hin zu Rock und Electro reichen sollte.

Und wirklich: Nach einem Song von Daliah Lavi, den Adam noch von seinen Eltern kannte, kam fast direkt einer seiner eigenen Lieblingssongs von Richard Marx. Entsprechend leicht ging ihm auch das Schreiben seiner Berichte von der Hand – selbst wenn er sich hin und wieder dabei ertappte, dass er in die Luft starrte und sich nicht wirklich daran erinnern konnte, was er in den letzten Minuten getan hatte. Dann jedoch kam ein Klassiker von den Stones, und Adam sang begeistert mit, während seine Hand den Stift führte.

***

Als sich der Tag langsam dem Ende zuneigte, hatte er einen riesigen Berg Arbeit erledigt und fühlte sich gut. Trotzdem machte sich wieder eine innere Hitze in ihm breit, sodass er sich sagte, dass er es für heute besser sein lassen sollte. Vielleicht hatte er sich ja auf dem Spaziergang heute Mittag eine Erkältung geholt.

Adam wollte gerade das Radio abschalten, als dort sein aktueller Favorit von Marteria gespielt wurde. Sofort setzte er sich wieder hin und starrte das Radio an, während sich in ihm ein undeutbares Gefühl aufbaute. Als der erste Refrain ertönte, bemerkte Adam, dass seine rechte Hand dabei war, etwas zu schreiben.

Mit immer stärker werdendem Entsetzen blickte er auf das letzte ehemals leere Blatt und las, was in immer undeutlicher werdender Schrift quer darauf geschrieben stand:

oh-oh-oh-oh wann kommst du?

whatever it takes or how my heart breaks I will be right here waiting for you

just as every cop is a criminal and all the sinners saints as heads is tails just call me lucifer cause i’m in need of some restraint

ich will, dass alle lichter angehn

das licht in deiner hand sehn

auch alle die am rand stehn

lasst uns zusamm zähln

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1

FEUER


Track 3


eon schritt der Gruppe von eifrig miteinander schwatzenden Studenten hinterher, während sie alle zusammen den steilen Pfad hinaufstiegen, der sie zu ihrem ersten Rastpunkt führen würde. Zum wiederholten Mal fragte er sich, warum er am Vorabend das Angebot angenommen hatte, sie zu diesem ominösen Fluss zu begleiten.

Natürlich hatte er gerade nichts Besseres zu tun gehabt. Seine Kommilitonen waren bereits auf dem Rückweg nach Deutschland. Nur er hatte in dem völlig überfüllten Bus keinen Platz mehr bekommen, sodass er noch drei weitere Tage in diesem Nest irgendwo in Peru verbringen musste, bevor der nächste Bus ging. Da war ihm die Möglichkeit, nicht einfach nur in irgendwelchen Bars herumsitzen zu müssen, ganz gelegen gekommen.

Und dann war da ja auch noch Dani.

Das kesse kleine Energiebündel mit den erdbeerblonden Haaren, Sommersprossen und der Stupsnase hatte es ihm sofort angetan, als er sie in dem Restaurant zum ersten Mal gesehen hatte. Als sie ihn dann sogar angesprochen hatte, war er sich vorgekommen, als hätte er in einer Lotterie den Hauptgewinn gezogen. Zwar stellte sich im Laufe des Gesprächs heraus, dass sie hauptsächlich nach einem Ersatzteilnehmer für ihre Exkursion gesucht hatte, weil in ihrer Reisegruppe jemand krank geworden war und der Ausflug eine Mindest-Teilnehmerzahl hatte. Aber er wusste inzwischen, dass sie zwar mit der Gruppe, aber trotzdem allein hier war. Da konnte sich ja noch etwas entwickeln.

Die anderen waren ihm im Grunde genommen egal. Tom und Tina schienen ein frisches Pärchen zu sein, denn sie wirkten wie zusammengeschweißt. Man sah sie immer nur im Doppelpack. Ralf und Hannes waren ebenfalls ein Paar, aber sie wirkten, als wären sie schon ewig zusammen. Sie waren ganz in Ordnung, hatten aber keinerlei Interessen, die Leon geteilt hätte, sodass er bisher kaum ein Wort mit ihnen gewechselt hatte. Die Letzte im Bunde war Henriette, eine total verpeilte Kunststudentin, mit einer Frisur wie ein aufgeplatztes Sofakissen und einem Esoterikfimmel.

Sie alle verband nur die Tatsache, dass sie an einer Last-Minute Mystery Tour für Abenteuerlustige teilnahmen, die sie bis in dieses Nest in einem Ausläufer der Anden geführt hatte. Und sie hatten dort von diesem seltsamen Fluss gehört, in dem türkisfarbenes Wasser fließen sollte und der an manchen Stellen angeblich sogar bergauf floss.

Leon hielt zwar ein Großteil der Geschichten, die ihm, vor allem von Henriette, erzählt worden waren, für blanken Schwachsinn, aber trotzdem hatte er sich dazu überreden lassen, mit der Gruppe aufzubrechen. Die ersten paar Kilometer waren in Ordnung gewesen. Eine nette Wanderung in grandioser Umgebung bei schönem Wetter. Aber dann war ihr Führer von dem recht komfortablen Wanderweg abgebogen und sie mussten fast zwei Stunden lang einen felsigen Pfad hinaufkraxeln.

Was hast du dir denn gedacht, Idiot? Hier geht es doch früher oder später immer einen Berg hoch, schalt er sich selbst. Und jetzt hab dich nicht so. Selbst wenn der Fluss letztendlich ne Pleite ist, dann kannst du immer noch mit Dani was starten.

Immerhin waren die Signale, die sie ihm mit Blicken von Zeit zu Zeit sandte, ermutigend. Er atmete auf und beeilte sich, um nicht den Anschluss zur Gruppe zu verlieren.

***

Nach einer weiteren halben Stunde kamen sie an einem Punkt an, von dem eine Hängebrücke, die nur aus Seilen und Planken bestand, über eine tiefe Schlucht zu einer noch etwas höher gelegenen Klippe führte. Von dort aus mussten sie nur noch etwas hochklettern, das wie eine für Riesen konzipierte Treppe wirkte. Dann bedeutete ihnen der Führer, dass sie ihre Zelte auf dem kleinen Plateau, das sie nun erreicht hatten, aufschlagen sollten.

Leon ließ seinen Blick umherschweifen. Zu allen Seiten waren nur Berge und Himmel zu sehen. Alles wirkte so unendlich weit, dass er das Gefühl bekam, auf dem Dach der Welt zu stehen. Zu seiner Linken senkte sich der gelbe Sonnenball langsam in Richtung Horizont und verwandelte das tiefe Blau des Himmels mehr und mehr in Orange.

Okay, selbst wenn das mit Dani doch nix wird, war der Ausblick schon mal die Anstrengung wert.

Mit neu erwachtem Elan machte er sich daran, sein Zelt aufzustellen und sah dabei zu, es möglichst nah zu dem seiner Angebeteten zu platzieren. Die anderen verteilten ihre Behausungen auf der Fläche des Plateaus. Tom und Tina gingen sogar so weit, ihres hinter einer Felsnase zu positionieren, die die Ebene in zwei Bereiche aufteilte. Dort befand sich, ein wenig tiefer gelegen, ein Bereich, der an zwei Seiten von Fels umschlossen war. Daneben führte ein Pfad weg vom Plateau und in die Tiefe.

»Ach, das ist ja allerliebst«, rief Hannes, als er die beiden entdeckte. »Ein Traumschloss in den Wolken für das junge Glück.«

»Stimmt«, bemerkte Leon, der, durch den Ausruf aufmerksam geworden, dazugetreten war. »Das sieht ja wirklich fast so aus, als würde es in den Wolken stehen.«

»Krass«, kam es von Ralf, der neben seinem Freund stand. »Eben war noch viel mehr von dem Weg zu sehen.«

Fasziniert standen die fünf vor dem Zelt und beobachteten die weißen Schwaden dabei, wie sie langsam über den Pfad und auf sie zu krochen, bis dieser komplett vom wabernden Weiß verschluckt wurde und es, wie die Wellen eines Nebelmeers, an einer Stufe, direkt neben dem aufgebauten Zelt leckte.

»Kommt mal her. Das müsst ihr euch anschauen. Ist das zauberhaft.«

Dieser Ausruf kam von Henriette, die weiter oben auf der eigentlichen Hochebene stand.

Als die anderen zu ihr getreten waren, wurde ihnen klar, was sie meinte.

Um die gesamte Ebene herum quollen dichte Wolken aus der Tiefe hinauf und verwandelten sie in kurzer Zeit in eine Insel mitten im Himmel.

»Ähm, sagt mal, fällt euch was auf?«, unterbrach Danis Stimme das atemlose Schweigen, das sie alle ergriffen hatte.

»Was denn?«, fragten sie alle im Chor und mussten kichern.

»Wo ist denn eigentlich … wie heißt er noch?«

»Yurak«, beeilte sich Tina zu antworten. »Das ist Quechua und bedeutet ‘weiß’.«

»Na, wie auch immer«, sagte Dani ungerührt. »Aber wo ist er denn nun?«

Alle schauten sich um. Sie teilten sich auf und sahen in jedem Winkel des Plateaus nach, jedoch ohne Erfolg. Schließlich standen sie sich mit ratlosen Gesichtern wieder gegenüber.

»Wer war denn der Letzte, der den Typen gesehen hat?«

»Ich hab fast das Gefühl, dass ich das war«, warf Leon ein. »Nachdem wir diese komische Treppe hoch sind, ist der, glaub ich, am Zugang zum Plateau stehen geblieben und hat uns aufbauen lassen. Vielleicht ist er abgehauen, während wir beschäftigt waren.«

»Warum sollte er denn das machen?«, fragte Henriette mit großen Augen.

»Ist doch egal, er ist weg«, kam es von Tom. »Vielleicht wollte er von der anderen Seite der Brücke noch was holen und ist von den Wolken überrascht worden.«

Die eine Hälfte der Gruppe nickte, die andere schien nicht überzeugt.

»Was soll’s«, fasste Leon die Situation zusammen. »Durch die Wolken will bestimmt keiner von uns wieder nach unten steigen. Hier oben ist es eigentlich ganz schön und auch trocken. Machen wir einfach das Beste draus und übernachten hier. Morgen wird er schon wieder auftauchen.«

Er genoss die grundsätzlich zufrieden wirkenden Blicke der anderen, besonders den von Dani, die ihm sogar zuzwinkerte.

***

Während die Sonne in einem atemberaubenden Farbspiel hinter den Kuppen der Berge in der Ferne versank, suchten sie sich alle Utensilien für das Abendessen zusammen. Dann saßen sie zusammen um den Spirituskocher herum, über dem der ehemalige Inhalt einiger Dosen in einem Topf köchelte. Nachdem sie alle satt waren, unterhielten sie sich noch eine Weile über das, was sie am folgenden Tag zu erleben hofften.

Tom und Tina waren die Ersten, die sich in ihr Zelt zurückzogen. Hannes warf seinem Freund einen glühenden Blick zu, dann verschwanden auch sie in Richtung ihres Zelts. Leon blieb sitzen, denn er hoffte, dass auch Henriette bald den Drang verspüren würde, in ihren Schlafsack zu kriechen.

Aber dann war es doch Dani, der die Augen im Sitzen zufielen, während Henriette noch in einer Tour plapperte. Leon versuchte, an ihren Blicken abzulesen, ob eine Einladung erfolgen würde, sie später in ihrer Behausung besuchen zu kommen. Aber die sonst so energiegeladene Studentin wirkte so müde, dass ihm klar wurde, dass er heute niemanden haben würde, um für zusätzliche Wärme im Schlafsack zu sorgen. Schließlich unterbrach auch die unermüdliche Kunststudentin ihren Redefluss und teilte Leon mit, dass sie sich nun zur Ruhe begeben würde. Also räumte er noch ein wenig auf, bevor er sich ebenfalls hinlegte.

***

Er musste sein Zelt wohl unbewusst nach der Sonne ausgerichtet haben, denn Leon wurde durch einen hartnäckigen Lichtstrahl geweckt, den der sich über den Horizont erhebende gelbe Ball durch die halb geöffnete Klappe seines Zelts direkt in sein Gesicht schickte. Er wollte sich umdrehen, merkte dabei aber, dass sich seine Blase meldete.

»Hilft ja nix«, grummelte er und schälte sich aus dem Schlafsack. Dann tappte er verschlafen aus dem Zelt und sah sich um. Im Westen war der Himmel noch tiefdunkelblau und teilweise von Sternen gesprenkelt. Im Osten brannte der Himmel geradezu. Und rundherum war immer noch alles in die wattige Schicht aus Wolken gehüllt.

Leon ging in Richtung der Treppe, wo keines der Zelte stand, und erleichterte sich. Als er wieder zu seinem Schlafplatz zurückging, war ihm, als ob er leise Geräusche hörte. Intensiv lauschend schlich er in die Richtung, aus der sie zu kommen schienen. Schließlich war er an der Felsnase angekommen. Noch bevor er seinen Kopf um sie herum streckte, war ihm bereits klar, was er dort hörte. Es war Tina, die leise gurrte und stöhnte, begleitet von Rascheln und Quietschen.

Schmunzelnd wollte Leon sich umdrehen, um sich wieder hinzulegen, aber die Töne, die Tina in ihrer Lust von sich gab, hatten auch ihn genügend in Wallung gebracht, dass er nicht mehr so einfach in den Schlaf finden würde.

Ob ich einfach mal schaue? Merkt ja keiner. Die anderen pennen und die beiden sind genug beschäftigt.

Mit einem diebischen Grinsen schlich Leon um den Felsen herum und legte sich dann so auf den Boden, dass er durch das Netz der Entlüftungsöffnung hindurchspähen konnte.

Innen drin ging es ordentlich zur Sache. Tom und Tina hatten offensichtlich bereits genug Reibungswärme erzeugt, dass sie, fast unbekleidet, auf den geöffneten Schlafsäcken lagen und sich einander hingaben. Tina lag unten und hatte ihre Beine weit gespreizt, zwischen denen ihr Freund unermüdlich daran arbeitete, sie beide zum Höhepunkt zu bringen.

Leon beobachtete sie schweigend. Bald musste es so weit sein. Und wenn sie fertig waren, dann würden sie vielleicht auch wieder etwas von dem mitbekommen, was um sie herum vorging. Er wollte nicht als Spanner entlarvt werden und war drauf und dran, sich vorsichtig zurückzuziehen, als er mit einem Mal etwas erblickte, das überhaupt nichts mit dem Pärchen zu tun hatte.

Durch einen schmalen Spalt in der Zeltklappe schien sich eine Schlange zu winden.

Leon schüttelte ungläubig den Kopf und riss die Augen weit auf.

Nein, es war keine Schlange. Aber das war noch viel unglaublicher.

Es schien ein Wolkenfetzen zu sein, der sich wie ein langer dünner Finger immer weiter ins Zeltinnere schob. Ehe Leon es sich versah, berührte das weiße nebulöse Etwas den großen Zeh von Tinas nacktem Fuß.

Als dies geschah, fing der Fuß leicht an zu zucken. Von dort aus breitete sich das Zucken durch ihren ganzen Körper aus.

Tom schien das alles nicht zu bemerken. Er arbeitete weiter fleißig an ihrer beider Ekstase.

Dann begann Tina zu kichern.

Erst kaum merklich.

Dann immer lauter, bis sogar der unermüdliche Tom es bemerkte und den Kopf, den er in Tinas Haaren vergraben hatte, hob, um in ihr Gesicht zu sehen.

Das, was er dort erblickte, veranlasste Tom dazu, ein angsterfülltes Quieken von sich zu geben und sich von Tina wegzuschieben.

Aber er kam nicht von seiner immer irrer kichernden Freundin los, so sehr er sich auch bemühte.

Leon sah all dies mit wachsender Verwirrung an, ohne sich jedoch von dem Anblick lösen zu können.

Plötzlich fingen die beiden an, sich zu bewegen.

Sie standen nicht etwa auf. Sie glitten liegend über den Boden.

Leon blinzelte und sah erneut hin.

Sie bewegten sich nicht von selbst. Sie wurden gezogen. Das weiße Ding, das mit seinem Fühler Tinas Fuß berührt hatte, hatte sich nun um ihren Knöchel gewickelt und zog Tina und den sich verzweifelt wehrenden Tom auf den Zelteingang zu. Der junge Mann blickte sich hektisch um. Sein Blick traf den von Leon und er versuchte, ihm etwas zuzurufen.

Da wickelte sich ein armdicker weißer Strang um seinen Hals und alles, was Tom herausbrachte, war ein ersticktes Gurgeln, bevor er zusammen mit der immer noch hysterisch kichernden Tina aus dem Zelt ins wabernde Wolkenmeer gezogen wurde, das sich bis zum Zelt ausgebreitet hatte.

In diesem Moment löste sich die Paralyse, die Leon befallen hatte. Er stolperte zurück. Dann richtete er sich auf und starrte ungläubig in die flauschig weiß und friedlich wirkende Wolkenmasse, aus der man noch gedämpftes Kichern hören konnte, das sich immer weiter entfernte.

»Scheiße«, entfuhr es seiner Kehle in einer Lautstärke, von der er meinte, dass sie seine eigenen Trommelfelle zum Platzen bringen müsste. Dann rannte er und schrie immer weiter unartikulierte Laute, bis er an den Zelten der anderen angelangt war.

Diese krochen verschlafen heraus und sahen Leon verdutzt und ein wenig ärgerlich an.

»Wenn das ein Scherz sein soll, dann ist er echt gelungen. Haha, ich lach mich tot«, grunzte Ralf mit saurer Miene.

»Nein, nein«, rief Leon mit sich überschlagender Stimme. »Ihr versteht nicht. Tom und Tina. Sie sind … sind … weg.«

»Hat den kleinen Schlingeln ihr einsames Wolkenschloss nicht gereicht? Ist doch egal. Die kommen schon wieder.«

»Kommen?«, krächzte Leon heiser. »Nein, die kommen nicht mehr wieder. Da war was in den Wolken. Das hat sie aus dem Zelt gezerrt.«

»Du hast die in ihrem Zelt beobachtet?«, gluckste Hannes. »Hey, da haben wir also nen kleinen Spanner, wie?«

Röte schoss Leon in die Wangen.

»Du hast echt zugesehen?«, kam es von Dani. »Und? Wie hat er sich so gemacht? War’s heiß?«

Wenigstens klang sie nicht angeekelt, sondern eher interessiert.

Das bringt mich nicht weiter. Verdammt, sie müssen doch verstehen, schoss es Leon durch den Kopf.

»Kommt mit. Ich zeig’s euch«, rief er, drehte sich um und lief zurück zum Zelt des Pärchens. Dort angekommen, legte er sich wieder in die Position, die er vor Kurzem eingenommen hatte. »Ich bin aufgewacht und als ich draußen vorm Zelt war, hör ich Geräusche. Denen bin ich hinterher und hab dann kurz hier reingeschaut. Na ja, ich geb ja zu, dass ich mal schauen wollte, was da abgeht. Aber plötzlich wickelt sich etwas Weißes, das wie ein Teil der Wolken wirkt und durch die Klappe reingekrochen war, um ihren Fuß und zieht die beiden in die Wolken rein.«

Ralf bedeutete Leon, zur Seite zu rutschen, und legte sich selbst an seinen Platz.

»Joa, von hier aus hattest du sicher nen prima Blick auf die beiden.«

Damit drehte er seinen Kopf zu Leon herum und bedachte ihn mit einem dreckigen Grinsen.

»Wenn ich gewusst hätte, dass du so tolle Schauergeschichten erzählen kannst, dann hätte ich dich gestern Abend schon drum gebeten«, bemerkte Henriette begeistert. »Aber nun ist es langsam gut. Und auch Tom und Tina können jetzt wieder rauskommen.«

Sie hüpfte eine der Stufen hinunter. Direkt bis an den Rand der wogenden weißen Masse.

»Tu das nicht«, schrie Leon. »Nicht in die Wolken!«

»Ach, komm schon«, gab sie zurück. »Was soll schon passieren?«

Mit einer übertrieben vorsichtigen Miene tauchte sie ihren rechten Zeh in das Weiß. Dann sah sie triumphierend in die Runde.

Die anderen blickten Leon, der mit schreckgeweiteten Augen aufgesprungen war, belustigt an.

»Siehst du«, sagte Henriette und breitete beide Arme aus, mit ihrem Fuß immer wieder in die Wolke fahrend.

»Komm da schnell wieder …«, begann Leon und ging mit zitternden Schritten auf die Kunststudentin zu.

In diesem Moment begann sie zu kichern.

Leon sprang vor, aber zu spät.

Mit einem Ruck wurde Henriette das rechte Bein unter dem Körper weggezogen. Sie kippte um und knallte mit dem Gesicht auf den Fels zu seinen Füßen. Ein hässliches Knirschen war zu hören, als ihre Nase auf dem harten Untergrund brach.

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