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Anthony J. Quinn Auslöschung
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Daly konnte gerade noch den Poststempel auf dem Umschlag lesen, als es unten wieder klingelte. Es klang, als würde etwas tief in den Mauern des Cottage Verborgenes vibrieren.
»Das kommt ungefähr alle zehn Minuten«, sagte er.
Daly ging in den Trockenraum mit den Wasserrohren und klopfte gegen die Leitungen. In der Küche überprüfte er den Kühlschrank und den Wasserkessel. Beide waren abgeschaltet. Dann stellte er sich ins Wohnzimmer und wartete. Irwin lief unruhig durch das Haus und jagte eingebildeten Geräuschen nach. Auch das Haus selbst schien beunruhigt zu sein und knarrte und scheuerte an seinem Fundament.
Genau zehn Minuten später begann das Papstfoto zu wackeln, und eine weitere Staubwolke schwebte von der Anrichte auf. Das Klingeln war jetzt lauter und vorwurfsvoll, drängend. Daly nahm den Fotorahmen in die Hand. Dahinter lag ein rundes schwarzes Gerät, das mit jedem Vibrieren über die Anrichte rutschte. Daly schnappte es sich, noch bevor es verstummte. Es war ein Pager. Daly drückte auf Empfang, und eine Nachricht erschien: SICHTKONTAKT ZU ZIEL A VON HAUS 1 ZU HECKE C3. SPRICHT MIT EVT UNBEK. IN HAND METALLOBJ. Die Nachricht war vor zwei Tagen gesendet, aber nicht beantwortet worden.
Irwin sah erst den Text, dann Daly fragend an.
»Wer schaut denn da wohin?«
»Möglicherweise ein Entenjäger? Keine Ahnung.«
Beim Nachdenken zwickte Irwin die Augenbrauen zusammen, was ihm das Aussehen eines grübelnden Schuljungen verlieh. »Vielleicht war Devine das Ziel. In diesem Fall wäre es nicht beim Sichtkontakt geblieben.«
Daly sah den Nachrichteneingang des Pagers durch. Er fand eine Reihe weiterer, ähnlich kryptischer Botschaften. Zwei davon waren in der vergangenen Woche gekommen, beide in einem offenbar sehr sorgfältig chiffrierten Code verfasst. Darin schien es um einen Mann in einem Haus zu gehen, in dem er womöglich wohnte. SICHTKONTAKT ZU ZIEL A VON C4 BEWEGUNGSLOS AN GIEBELWAND, und dann A TRÄGT PAPIER ZU HECKE C3. KEIN SICHTKONTAKT. ERSCHEINT BEI C2 BEWEGUNGSLOS. DANN ZURÜCK ZU HAUS 1.
Daly fragte sich, warum diese Nachrichten geschickt worden waren. Um Devines Verfolgungswahn neue Nahrung zu geben oder um ihn zu warnen, dass er beobachtet wurde? Er starrte durch das kleine Fenster auf die Hecke kahler, im Wind wogender Schlehdornsträucher, die den Garten einfassten. Dabei dachte er an Eliza Hughes und ihren herumirrenden Bruder, huschende nächtliche Schatten und ein Augenpaar, das offenbar niemals den Blick von dieser geheimnisvollen Landschaft nahm.
Sie wollten das Cottage gerade verlassen, als ein teuer aussehender Mercedes heranfuhr und ein kleiner, grauhaariger älterer Mann ausstieg. Er hatte das zufrieden-selbstgerechte Auftreten, das zu reichen Männern gehörte wie Zigarrengeruch und das Zischen von Golfschlägern.
»Inspector Daly«, rief er, »wieder führen uns widrige Umstände zusammen. Selten kreuzen sich unsere Wege bei eitel Sonnenschein.«
Der Mercedes-Fahrer war der Anwalt Malachy O’Hare, einer der mächtigsten Vertreter der örtlichen Zunft.
»Was bringt Sie denn hierher?«, fragte Daly.
»Reine Neugier. Ich wollte sehen, wo sich Joseph versteckt hatte.« Die volltönende, melodiöse Stimme des Anwalts erklang in letzter Zeit allerdings öfter, um Lokalrunden zu schmeißen, als Verbrechern die Haut zu retten. Er schien auch nicht mehr richtig vertraut mit polizeilichen Ermittlungsmethoden.
»Das ist ein Tatort, Mr. O’Hare.« Daly deutete auf das gelbe Absperrband. »Weiter dürfen Sie nicht.«
»Einer Ihrer Männer hat mich heute Morgen angerufen. Joseph war früher bei uns angestellt, vierzig Jahre war er in der Kanzlei als Gehilfe tätig.« O’Hare sah Daly offen und gewinnend an. »Wir vermuten, dass er noch etwas hat, das uns gehört.« Er sprach freundlich, aber mit Nachdruck.
»Na, genau solche Informationen will ich doch hören.« Daly setzte ein professionelles Lächeln auf. »Um was handelt es sich denn?«
»Ach, nur ein paar Akten zu alten Fällen. Keine laufenden Verfahren. Aber zum Schutz unserer Mandanten müssen wir natürlich Vertraulichkeit wahren.«
»Dann kommen Sie doch mal mit«, sagte Daly. »Und währenddessen erzählen Sie mir alles, was Sie über Mr. Devine wissen.«
»Was soll ich groß berichten, außer dass er ein guter Kanzleigehilfe war? Über sein Privatleben hat er kaum etwas erzählt.«
»Aber Sie glauben, dass er wichtige Akten mitgenommen hat?«
Vor dem ersten Schritt ins Cottage trat sich O’Hare auf der abgewetzten Türmatte seine teuren Schuhe ab. »Sagen wir, man hatte da so einen Verdacht.«
Trotz des Zwielichts im Haus erkannte Daly, dass aus den Augen des Rechtsanwalts Unruhe sprach. Er wartete geduldig in der Hoffnung, dass sich während ihres Gesprächs zeigen würde, warum der Anwalt den ungewöhnlichen Schritt unternommen hatte, so eilig an einem Tatort aufzutauchen.
Mit gerunzelter Stirn blickte O’Hare auf die Lockenten-Sammlung. Er zog die Augenbrauen hoch, als wären sie Geschworene, die gleich ein Urteil verkündeten.
»Man staunt immer wieder, was die Mitarbeiter privat so treiben. Ich wusste gar nicht, dass er sich für Enten interessiert. Vielleicht war er zwanghaft? Man soll ja über Tote nichts Schlechtes sagen, aber ich habe ihn immer für einen geistlosen, langweiligen Menschen gehalten.«
»Wir sind nicht hier, um den Stab über ihn zu brechen«, entgegnete Daly.
»Devine war bei uns fast so lange Kanzleigehilfe, wie ich Rechtsanwalt bin«, fuhr O’Hare mit der unaufgeregten Exaktheit eines Staatsanwalts fort, der darlegt, was gegen den Beklagten vorgebracht wird. »Und eins können Sie mir glauben: Er war geistlos. Diese Lockenten haben sich seit unserem Eintreten kein Jota bewegt, aber trotzdem steckt in ihnen mehr Leben, als je in dem Mann war, Gott sei seiner Seele gnädig. Ich würde mir lieber eine Glatze rasieren lassen, als mit ihm plaudern zu müssen. Er war der größte Langweiler in der Kanzlei. Aber vermutlich ist in der Juristerei eine gewisse Bräsigkeit keine schlechte Eigenschaft. Wer keine Langeweile aushält, hat als Anwalt auf Dauer keinen Erfolg.«
»Fällt Ihnen jemand ein, der ihn gerne tot gesehen hätte? Vielleicht ein unzufriedener Mandant?«
»Unsere Kanzlei befasst sich fast ausschließlich mit den Alltagsgeschäften des menschlichen Miteinanders: Verträge, Auflassungserklärungen, Testamente … Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass sich ein Mandant so über Joseph aufregen könnte, dass er ihn umbringen möchte. Allerdings gab es einmal einen Fall, bei dem er mitten auf einer Beerdigung einen Schriftsatz überbracht hat. In dem Moment, als Joseph dem Mann die Papiere aushändigte, wurde dessen Vater ins Grab hinabgelassen. Ich glaube, dass er sich über die emotionalen Auswirkungen nicht im Klaren war. Aber das ist lange her, das war in den Siebzigern. Abgesehen davon fällt mir kein Grund ein, warum ihn jemand hätte umbringen wollen.«
O’Hare erlag seiner Neugier und nahm eine Lockente in die Hand.
»Wir sollten den Wert dieser Stücke taxieren lassen«, sagte er, ohne sich allzu sehr für die Enten zu interessieren. Vielmehr blickte er forschend im Zimmer umher.
»Vielleicht sollte ich einen Mitarbeiter schicken, der sich ein bisschen Zeit nimmt und Josephs Hinterlassenschaften durchgeht. Es gibt auch bei Lockenten Antiquitäten, für die es Sammler gibt. Man müsste eine Vermögensaufstellung machen. Sie könnten unseren Mann ja im Haus einsperren und durchsuchen, wenn er rauskommt. Die Wertgegenstände lassen sich sicher in ein, zwei Stunden erfassen.«
»Und ihn durch eventuelle Beweisstücke wühlen lassen? Sie sollten eigentlich besser Bescheid wissen, als mir so was vorzuschlagen.«
»Ja, ja, natürlich, Sie haben recht.«
O’Hare warf Daly erneut einen Blick zu, um festzustellen, wie sehr sich der im Raum stehende Verdacht verdichtet hatte. Er musste es auf andere Art versuchen.
»Wurde die Leiche denn zweifelsfrei identifiziert?« Um einen persönlicheren Ton bemüht, neigte er sich bei der Frage zu Daly.
»Wenn nicht, dann haben Sie sich unbefugt Zutritt in das Haus eines Vermissten verschafft, und wir haben zwei Straftatbestände zu klären, nicht bloß einen. Halten Sie es denn für ausgeschlossen, dass er durch fremde Hand zu Tode kam?«
»Seltsam finde ich es schon.«
»Was ich seltsam finde, ist, dass Sie, nur weil ein Officer heute Vormittag anruft, alles stehen und liegen lassen und hierherkommen. Das ist wirklich seltsam. Devine war nur ein kleiner Angestellter Ihrer Kanzlei, und er war seit längerer Zeit nicht mehr für Sie tätig.«
»Ojemine«, seufzte O’Hare. »Alles an dieser Situation – die Umgebung, der verwahrloste Zustand des Hauses – wirkt auf mich höchst ungewöhnlich. Ich verstehe überhaupt nicht, warum er hierhergezogen ist.«
»Wenn man an einen solchen Ort zieht, tut man das, weil man vor irgendwas flieht. Verkehrsstaus, die Hektik des Alltags, Langeweile, die Vergangenheit«, meinte Daly. »Die langen verregneten Nachmittage und der gelegentliche Sonnenuntergang allein machen’s wohl nicht aus.«
O’Hare machte ein ernstes Gesicht. »Ich fürchte, uns stehen noch mehr unangenehme Überraschungen bevor. Sie müssen mich informieren, wenn Sie vertrauliche Unterlagen von uns finden. Andernfalls könnte der Ruf der Kanzlei schweren Schaden nehmen.« Ein schiefes Lächeln huschte über O’Hares Mund, dann flüsterte er, fast als redete er mit sich selbst: »Die Vergangenheit ist ein vollgeschissener Nachttopf, und Devine hat darin mit einem großen Stock herumgerührt.«
»Die einzige unangenehme Überraschung für mich ist der Mord an diesem Mann. Wir werden alles dransetzen, die Mörder zu fangen. Aber wenn irgendwelche Unterlagen auftauchen, geb ich Ihnen Bescheid.«
Zum Abschied ließ O’Hare noch einen besorgten Blick durch das Zimmer schweifen. Devines Tod schien ihn ernsthaft zu beunruhigen. Seine Nervosität rief Daly ins Gedächtnis, dass der Anwalt bereits während der Troubles tätig gewesen war und zur Selbstverteidigung wohl auch eine Waffe getragen hatte. Es war eine Zeit voller Gewalt gewesen, und Anwälte waren eine Spezies, die nicht darauf hoffen konnte, sich viele neue Freunde zu machen.
»Sie sehen nicht gut aus«, sagte Daly.
O’Hare massierte seinen Arm. »Zu hoher Blutdruck. Der Arzt sagt, ich soll mehr Zeit auf dem Golfplatz verbringen. Und wenn mich Devine nicht am Donnerstag angerufen hätte, wäre ich jetzt auch dort.«
»Das erklärt vielleicht Ihre Besorgnis«, sagte Daly. »Warum hat er Sie denn angerufen?«
»Es war ein eigenartiges Gespräch.« Bei diesen Worten wurde der Ausdruck auf O’Hares blassem Gesicht verkniffen. »Er sagte, er wolle mit mir reden, aber nicht am Telefon. Als ich wissen wollte, wo, sagte er nur: ›Ich geb Ihnen Bescheid.‹ Er sagte, er wolle Informationen über einen alten Fall. Er gab auch zu, wichtige Akten mitgenommen zu haben. Aber mehr habe ich nicht aus ihm herausbekommen. Ich habe angefangen, mit ihm über dies und das zu plaudern, das Wetter, die Gesundheit, wo er jetzt lebt. Da hat er erzählt, er habe ein wunderbares Plätzchen am Lough gefunden. ›Ein schöner Ort zum Sterben‹, hat er gesagt. Ich dachte, dass er wohl schön langsam verrückt wird.«
Im nächsten Moment lenkten Irwins Rufe ihre Aufmerksamkeit nach draußen. Ein Officer hatte in einer Ecke des Gartens die Überreste eines Feuers entdeckt. Der Anwalt folgte Daly ins Freie.
Unter der grauen Asche befand sich ein Karton mit halb verbrannten Papieren. O’Hare erkannte den Karton und begann zu strahlen. Sein Selbstvertrauen kehrte zurück, und mit einem siegessicheren Lächeln streckte er die Hand nach den angekohlten Akten aus.
»Augenblick. Der Brandstelle darf nichts entnommen werden«, sagte Daly drohend. »Nicht mal von unseren Leuten. Auch wir müssen uns an die Regeln halten.«
»Warum?«
»In der Asche befinden sich Gegenstände aus dem Haus. Wir können nicht ausschließen, dass Baumaterial mit Asbest dabei ist. Daher darf niemand diese Asche berühren, bis ein Team mit entsprechender Schutzausrüstung da ist. Und ich weiß nicht, wie lang das dauert.«
»Diese Akten sind möglicherweise eine tickende Zeitbombe. Wer weiß, welche vertraulichen Informationen sie enthalten«, sagte O’Hare schrill.
»Lungenkrebs ist eine schreckliche Krankheit. Ich selbst hab zwar noch nicht erlebt, wie jemand daran gestorben ist, aber ich habe gehört, dass die Erkrankten am Ende an ihrem eigenen Blut und Speichel ersticken.«
O’Hare zog ein großes Taschentuch aus der Hosentasche und legte es sich über den Mund. Für einen Moment starrten er und der Detective die tickende Zeitbombe an. Kurz blitzte in den Augen des Anwalts Enttäuschung auf, dann fasste er sich und fand zu seiner charmanten Unverbindlichkeit zurück.
»Also gut, Inspector. Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe. Ich würde gerne informiert werden, sobald die Überreste des Feuers untersucht wurden. Diese Akten sind weiterhin Eigentum der Kanzlei.«
Nachdem O’Hare abgefahren war, kehrte Daly zu der Feuerstelle zurück. Die spontane Reaktion des Anwalts hatte gereicht, ihn zu der kleinen Lügengeschichte zu veranlassen. Er schob die Asche beiseite und zog die Akten heraus. Justitias Waage würde durch einen hinters Licht geführten Anwalt nicht groß aus dem Gleichgewicht kommen.
7
Oliver Jordan. Der Name sagte Celcius Daly weiterhin nichts, aber es war der einzige, den er bei der Durchsicht der angekohlten Kanzleiakten entziffern konnte. Mehrmals stand er da, in einer akkuraten, aber so winzigen Handschrift, dass er beinahe unlesbar war, in einem Postskriptum nachträglich eingefügt in etwas, das nach einem Aktenvermerk über einen Polizeigewahrsam aussah. Derselbe Name hatte auch auf einem der Kreuze auf Hughes’ Spielzeugfriedhof gestanden. Das andere Detail, das ihm ins Auge sprang, war das Datum auf den Akten. Sie waren alle zwischen August und November 1989 datiert.
Er entschied, dass die Akten warten mussten, bis er Zeit hatte, sich eingehender damit zu beschäftigen. Es war früher Nachmittag, und er war spät dran für sein Treffen mit einem Lokalpolitiker. Er steckte die Papiere zusammen mit Devines Pager in eine Asservatentüte und warf alles auf den Beifahrersitz. Dann sagte er Irwin, er müsse zu einem Termin, und fuhr zurück zur Polizeistation.
Den ganzen Vormittag hatte er keine einzige Tasse Kaffee getrunken, und mittlerweile lechzte er nach dem Koffein-Kick. Weil er befürchtete einzunicken, ließ er das Fenster einen Spaltbreit herunter. Vom Ufersaum rieselte Vogelgesang in den Wagen. Überall in den Bäumen erklang das perlende Zwitschern von Amseln und Drosseln.
Daly war auf dem Weg zu dem republikanischen Politiker Owen Sweeney. Er kannte Owen bereits aus Kindertagen und hatte ihn öfter mal auf dem Gepäckträger in die Schule mitfahren lassen, wenn er seine Runde mit den Morgenzeitungen drehte, aber vor vielen Jahren hatten sich ihre Wege getrennt. Jetzt hatte Sweeney ihn wegen der Hubschraubersuche nach David Hughes wutentbrannt angerufen. Der Hubschrauber war am Sonntagnachmittag kurz über einer Schar Gaelic-Football-Fans gekreist, die von einem Match zurückkehrten, und man hatte sie über den Bordlautsprecher gebeten, bei der Suche nach einem Vermissten zu helfen. In dem Glauben, ein gefährlicher Irrer sei auf freiem Fuß, war unter den Fans Panik ausgebrochen. Nun behauptete Sweeney, der Hubschrauberpilot habe die Gaelic-Football-Fans auf dem Nachhauseweg absichtlich belästigt.
Das sei ein gefundenes Fressen für die Presse, hatte er Daly gedroht. Im Geiste sah der Detective die Schlagzeile vor sich: ALZHEIMER-PATIENT IN PYJAMA UND PUSCHEN TERRORISIERT EINE HORDE HOOLIGANS. Er verabscheute die melodramatische Übertreibung und die politischen Erpressungsversuche, denen man seit dem Waffenstillstandsabkommen beinahe täglich ausgesetzt war, wenn man als Polizist in Nordirland mit der Öffentlichkeitspflege befasst war.
An einer Brücke fuhr Daly an einem schlammbespritzten Kastenwagen vorbei, der offenbar liegen geblieben war. Er verringerte das Tempo und sah zum Fahrer – ein dürrer junger Mann mit käsigem Gesicht stand neben dem Fahrzeug und hielt ein Handy an sein Ohr.
Der Transporter hatte einen Platten. Obwohl er es eilig hatte, bremste Daly und stellte den Warnblinker an. Sein Instinkt sagte ihm, dass hier etwas faul war.
Sobald der junge Mann Daly erblickte, sprintete er los und rannte auf einen von Brombeerranken und Gestrüpp überwucherten Feldweg. Die Hecktüren des Kastenwagens standen offen. Als Daly näher kam, roch er sofort den Dieselgeruch. Er sah sich die Fracht genauer an: eine mit schmuddeligen Decken halb abgedeckte Doppelreihe Benzinkanister. Er war zufällig auf eine schiefgelaufene Schmuggelfahrt gestoßen.
Schon mehrmals war Daly in brandgefährliche Katz-und-Maus-Spiele mit solchen Fahrzeugen verwickelt gewesen, die über die M1 rasten und dann auf engen Landstraßen entschwanden. Die Fahrer waren stets junge Männer, die noch vor zehn Jahren den lieben langen Tag fröhlich auf einem tuckernden Traktor gesessen und ein schlammiges Feld gepflügt hätten. Jetzt konnten sie mit einer Spritztour von der inneririschen Grenze zu den Schottland-Fähren in Larne oder zu den loyalistischen Paramilitärs in Belfast mehrere Tausend Pfund verdienen. Der Schmuggel, an sich so alt wie die Grenze selbst, überschritt auch eine Vielzahl politischer Trennlinien. Agrardiesel, der ursprünglich aus der Republik Irland stammte, wurde von ehemaligen IRA-Männern über die Grenze geschmuggelt, in versteckten Schuppen entfärbt und dann in die loyalistischen Hochburgen in der Hauptstadt transportiert. Selbst für Todfeinde war Geld wichtiger geworden als die Politik oder der Papst. Für einen Zehnpfundschein galt eben keine Religion.
Allerdings war die Sache nicht nur illegal, sondern auch hochgefährlich. Der Laderaum eines Kastenwagens war kein sicherer Ort für Tausende Liter entflammbaren Kraftstoff. Daly berührte die Motorhaube des Wagens, um festzustellen, ob der Motor noch warm war. Er war kalt. Als Behelfstanker war der Transporter eine Zeitbombe auf Rädern.
Aus dem Augenwinkel sah er den Trainingsanzug des Jungen. Er schien langsamer zu werden und sich im Gestrüpp ein Versteck zu suchen. Hinterher wusste Daly, dass er an diesem Punkt den Jungen hätte laufen lassen sollen und per Funk Verstärkung anfordern. In seinem Auto lagen wichtige Beweisstücke, und er hatte einen dringenden Termin. Doch stattdessen machte er sich an die Verfolgung. Nicht weil er so furchtlos war, sondern weil der Fliehende nichts weiter als ein aufblitzender Trainingsanzug war, ein flüchtiger Schatten, eine herausgerissene Seite aus einem Buch, das er noch lesen musste.
Knapp hundert Meter den Feldweg runter blieb der Junge stehen. Anscheinend glaubte er, dass ihn ein zufällig vorbeikommender Autofahrer mittleren Alters nicht verfolgen würde. Als Daly ihn am Ende eines Tunnels aus Gestrüpp entdeckte, war seine Miene so starr und ausdruckslos wie eine Eisplatte. Einzig seine Atemwölkchen, die im Schatten verschwanden, regten sich. Doch im nächsten Moment flitzte der Junge wieder los, schlängelte sich mit schnellen, flüssigen Bewegungen zwischen ausgreifenden Ranken hindurch, sprang über bröckelnde Mauern und verschwand erneut im buschigen Dickicht. Hinterdreinhechelnd blieb Daly mehr als einmal an ausgestreckten Ästen hängen.
Der Feldweg, der parallel zur Hauptstraße und einer Reihe neuer, strahlend weißer Bungalows verlief und von Schlehdorn, Weißdorn und Holunder gesäumt war, führte an den krummen und schiefen Mauern eingestürzter Cottages und Schuppen vorbei. In dieser Gegend riss man Häuser gar nicht erst ab. Man baute einfach größere, während die Behausungen früherer Generationen an langsam zuwuchernden alten Feldwegen wie diesem ihrem Schicksal überlassen wurden. Der County Armagh verwandelte sich in ein Labyrinth dunkler, vergessener Pfade und Wege, düster und verschlungen wie die Vergangenheit.
Das Gestrüpp wurde immer dichter, sodass Daly nur noch ein paar Meter weit sah. Er blieb stehen, hörte den Regen auf Blätter fallen und Äste im Wind knarren. Etwas weiter voraus entdeckte er einen bewegungslosen Fetzen des glänzenden Trainingsanzugs, als ob er an einem Ast hängen geblieben wäre. Hatte der Junge angehalten, damit Daly ihn wiederfand? Als er sich näherte, empfand er Neugier und Furcht zugleich und fragte sich, ob es bei dem Jungen genauso war. Immerhin waren das zwei elementare Empfindungen, die alle Spezies miteinander teilten, sogar Polizisten und Verbrecher.
Er rief: »Polizei! Gehen Sie bitte mit mir zurück zu Ihrem Wagen.«
Durch das Unterholz sah er das Jungengesicht genauer. Schmal, blass und mit feuchten Ponyfransen. Der Blick eines störrischen Schuljungen. Keine Anzeichen von Furcht oder Neugier. In den republikanischen Teilen des County Armagh brachte man Kindern früh bei, der Staatsgewalt gegenüber keine Gefühle zu zeigen. Daly ahnte, dass der Junge nicht kooperieren würde. Die Benzinschmuggler ähnelten dem Republikanismus der Grenze. Sie waren unabhängig und schlau, aber leicht zu verführen von den mächtigen Kräften des Gelds und der Politik.
Seine letzte Hoffnung auf eine Festnahme wurde durch den Lärm eines heranrasenden Quads zunichtegemacht. Der Junge winkte ihm kurz spöttisch zu, ehe er auf den Rücksitz sprang. Schlingernd setzte der Fahrer das Gefährt wieder in Bewegung und hielt auf Daly zu. In der Hand des Beifahrers erschien plötzlich ein Stock, den er im Vorbeifahren ausstreckte. Daly spürte einen Schlag gegen seine Knie und stürzte wie gefällt zu Boden.
»Up the hoods, Scheißbulle!«, rief der Junge und reckte den Stock in die Höhe. Dann war das Quad verschwunden. Daly hatte gerade noch erkannt, dass der Stock ein Hurling-Schläger gewesen war. Es war aber leider kein Trost für ihn, dass der Junge sich wohl mehr für gälischen Sport interessierte als für Messer oder Schusswaffen, denn er hatte den Schläger mit der Präzision eines Scharfschützen eingesetzt und ihn schmerzhaft getroffen.
Mittlerweile hatte es heftig zu regnen begonnen, und bis Daly zum Pannenauto zurückgehumpelt war, war er nass bis auf die Haut. Als er einen letzten Blick in den Laderaum des Transporters warf, strahlten die Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Lasters hinein. Im Licht sah er, dass die Kanister leer waren. Müde schlug er die Hecktüren zu. Warum war der Junge geflohen, wenn er nicht mal Schmuggelware hatte? Als er sein eingeschlagenes Beifahrerfenster sah, hatte er die Antwort. Sofort sah er nach der Asservatentüte mit den Kanzleiakten und suchte sogar unter dem Sitz, aber sie war weg. Ein weiterer schwarzer, nasser Lastwagen, dessen Scheibenwischer mit dem schweren Regen kämpften, rumpelte an ihm vorbei. Der kalte Luftzug schien direkt durch ihn durchzuwehen, als wäre er nicht vorhanden.
Mittlerweile dämmerte es, und es war zu spät geworden, um Sweeney anzurufen und sich für das geplatzte Treffen zu entschuldigen. Der Tag ging zu Ende, und zwei wichtige Beweisstücke waren ihm gestohlen worden, allem Anschein nach in einem geplanten Überfall. Da war Daly als junger Zeitungsausträger erfolgreicher gewesen.
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