Philipp Probst Wölfe
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Philipp Probst Wölfe

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Das würde nun ihr Anker sein.

Selma nahm das Seil aus dem Mund, versuchte es sich um den Bauch zu schlagen, was ihr aber nicht gelang. Also fädelte sie das Seil durch die Schulterschlaufe ihres Rucksacks und den Karabiner der Eisschraube. Sie zog alles fest und atmete durch. Ein leichter Schmerz durchzuckte sie. Aber sie war gesichert.

«Selma?», schrie Ole. «Bist du da?»

«Ja. Ich bin da. Und gesichert!»

«Du hast dich mit der Eisschraube gesichert?»

«Ja!»

«Fantastisch! Super!»

Selma hörte, wie die Leute auf dem Gletscher klatschten. Dann hörte sie Stimmen, verstand aber kein Wort. Irgendetwas ging da oben vor. Doch im Moment kümmerte das Selma wenig. Sie versuchte, ruhig zu atmen und sich etwas zu erholen. Sie war gesichert, das war erstmal die Hauptsache. Wie sie je wieder aus dieser Spalte hinauskommen sollte, war ihr zwar ein Rätsel, doch Ole und Lasse würden sich schon etwas einfallen lassen. Ansonsten würden ja bald die Bergretter da sein.

Dann kroste es wieder. Der Ski rutschte. Selma wurde in eine äusserst schmerzhafte Position bugsiert. Ihr Bein mit dem Ski war völlig verdreht. Sie versuchte, ihre Lage zu ändern, doch dabei geriet auch ihr Oberkörper ins Rutschen. Plötzlich klappte die Skibindung auf. Der Ski verschwand in der Tiefe und Selma rutschte: «Hilfe!»

Das Seil fing sie auf. Tatsächlich hing sie nun einzig und allein an dieser Eisschraube.

«Selma?»

«Ich bin abgerutscht. Ich hänge jetzt an diesem Haken und am Rucksack.»

«Am Rucksack?»

«Ja, am Rucksack!»

«Scheisse!»

«Ja, Scheisse, es ging nicht anders.» Die Reporterin konnte nun zwar wieder frei atmen. Aber sie wusste genau, dass es einzig und allein auf die Nähte der Rucksackschlaufe ankam, ob sie überleben würde oder nicht. Wie schwer war sie eigentlich? Wann stand sie das letzte Mal auf einer Waage? Zwischen 55 und 60 Kilo? Sie wusste es nicht genau. Aber sie blieb ruhig. Sie horchte und erwartete, jeden Moment zu hören, wie die Naht langsam riss.

Doch abgesehen vom Gletscherbach hörte sie nichts.

Sie wartete. Und sie begann zu frieren. Sie zog die Handschuhe wieder an. Trotzdem fing sie an zu zittern. Sie würde erfrieren. Es wäre nicht der schlechteste Tod. Frieren, dösen, einschlafen, Ende.

«Selma, wir lassen ein Seil hinunter.»

Endlich begann ihre Rettung. «Okay», schrie sie aus Leibeskräften. Der Gedanke an den Tod war weg.

«Damit sicherst du dich. Verstanden?»

Selma antwortete nicht, während sich das gelbe Seil langsam näherte. Mehrere Karabinerhaken hingen daran und beschwerten das Seil. Sie griff zu und schrie: «Ich habe es!»

Als sie frei in der Spalte hing und nicht mehr eingeklemmt war, konnte sie sich besser bewegen. Sie schlang sich das Seil mehrfach um den Bauch, entdeckte zudem an ihrer Jacke und an ihrem Hosengurt mehrere Schlaufen, führte das Seil hindurch und verknotete das Ganze.

«Bist du so weit?»

«Ja!»

«Hast du dich von der Schraube gelöst?»

«Nein, ich komme nicht heran. Ihr müsst mich zwei Meter hinaufziehen!»

Das gelbe Seil spannte sich. Dann spürte Selma einen Ruck. Tatsächlich wurde sie nun Zentimeter um Zentimeter hinaufgezogen. Bald konnte sie sich von der Eisschraube lösen. Sie glitt mit Händen und Füssen den Eiswänden entlang durch die schmale Spalte.

«Du schaffst es!», schrien Ole und Lasse.

Nun hörte Selma das ratternde Geräusch eines Helikopters. Doch es verstummte bald. Selma blickte nach oben und konnte das Gesicht von Debby erkennen.

«Streck die Hand aus, Selma!», rief Debby, drehte den Kopf ab und schrie: «Los, Männer, noch drei Meter!»

Selma spürte zwei, drei kräftige Rucke, dann konnte sie den Arm ausstrecken und spürte Debbys Hand. Diese ergriff Selma und zog sie energisch aus der Spalte.

Selma lag plötzlich im Schnee. Sie keuchte. Sie weinte.

Sie war gerettet.

8

Selma hatte einen Bärenhunger. Sie schöpfte sich vom Buffet im Restaurant des Powder-Inn einen grossen Salat, anschliessend verschlang sie einen veganen Burger und einen Berg Pommes. Rund um sie herum wurde geredet. Lasse, Ole und Debby erzählten Marcel und Lea, die extra von Basel gekommen waren, was passiert und wie Selma gerettet worden war. Doch davon bekam Selma nicht viel mit. Sie starrte auf die Bilder an der gegenüberliegenden Wand.

Nach ihrer Rettung aus der Gletscherspalte hatte sich Selma geweigert, mit dem Helikopter ins Spital geflogen zu werden. Obwohl sie in der Spalte eingeklemmt war, tat ihr der Brustkorb nicht mehr weh, auch die Schulter war wieder okay. Der Arzt, der sich vom Helikopter abgeseilt hatte, stellte nur eine leichte Unterkühlung bei ihr fest, wollte sie aber trotzdem in die Klinik einliefern. Selma sträubte sich so vehement dagegen, dass der Arzt schliesslich davon absah. So wurde sie zur Talstation der Titlisbahn geflogen – was Selma zuerst ebenfalls abgelehnt hatte. Nur weil Lasse, Ole und Debby ihr klarmachen konnten, dass sie ohne Skis kaum von diesem Gletscher komme, lenkte Selma ein und liess sich zusammen mit dem Arzt per Seilwinde in den Heli ziehen und ins Tal fliegen.

Im Hotel hatte sie dann kurz mit Marcel telefoniert und ihm von ihrem Abenteuer berichtet. Dass dieser kurzerhand ins Auto sass und mit Lea nach Engelberg fuhr, hatte sie nicht erwartet. Aber es freute sie sehr.

Jetzt war sie satt und müde. Und von den Gemälden an der Wand fasziniert. Von einem Bild ganz besonders. Es zeigte eine abstrakt dargestellte Landschaft mit intensiven Farben, eine goldgelbe Fläche, die Selma als Kornfeld deutete, dahinter eine dunkelgrüne bis schwarze Fläche, die sie als Wald interpretierte, und mitten drin rote Farbtupfer, typisch schwedische Häuser. Das Gemälde zeigte eindeutig eine Landschaft in Südschweden. Und der Künstler kam ihr bekannt vor. Erst vor Kurzem hatte sie viele Bilder von ihm zu Gesicht bekommen. In jener Nacht, als ihre Mutter Charlotte sie in diese Kammer im geheimnisvollen zweiten Stock ihres Hauses «Zem Syydebändel» am Basler Totentanz geführt hatte.

Selma stand auf und betrachtete das Bild von nah. Jetzt erkannte sie auch eine Figur, die vor einem der roten Häuser sass. Es musste eine Frauenfigur sein, ein Mädchen mit langen Haaren und einem angedeuteten Blumenkranz auf dem Kopf. Es gab keinen Zweifel, es musste … Sie richtete den Blick auf die Signatur unten rechts: A. B. I..

Dann wurde ihr plötzlich schwindlig. Sie verlor das Gleichgewicht.

Der erste, der aufsprang und sie festhielt, war Lasse. «Alles okay mit dir, Selma?», fragte er und legte den Arm um ihre Hüfte.

Nun stand auch Marcel auf: «Selma, komm, wir gehen an die frische Luft.» Marcel nahm Selma am Arm und schaute Lasse streng an. Dieser verstand sofort und liess sie los. Marcel ging mit Selma durch die Hell-Bar nach draussen. Selma atmete tief durch. Marcel schnappte sich von der Sitzbank eine graue Militärdecke und legte sie Selma um die Schultern. Dann schlang er seine Arme um ihren Bauch und drückte sie an sich. «Alles okay?», flüsterte er ihr ins Ohr.

«Nein …», sagte Selma leise.

«Hei. Alles wird gut.»

Selma weinte.

Sie setzten sich auf die Bank. Marcel gab Selma ein Taschentuch. Sie schnäuzte sich. Räusperte sich. Wischte die Tränen ab und legte ihre Hand auf Marcels Oberschenkel.

«Selma, du hättest vielleicht doch ins Spital …»

«Nein, Marcel, nein, es ist nicht wegen des Unfalls.»

«Ach ja?»

«Da drinnen hängt ein Bild von …» Selma zögerte. Sie konnte es nicht aussprechen.

«Ja?», versuchte es Marcel. «Du meinst das Bild, das du lange angeschaut hast? Das abstrakte Landschaftsbild?»

«Es ist …» Selma krallte sich mit ihrer linken Hand in Marcels Oberschenkel. Sie schaute ihm in die Augen und sagte entschlossen: «Dieses Bild ist von meinem Vater.»

«Bitte? Wie? Monsieur Legrand …»

«Nein, das Bild ist mit den Initialen A. B. I. unterschrieben, Arvid Bengt Ivarsson», erzählte Selma ruhig und sachlich. «Im zweiten Stock unseres Hauses in Basel lagern noch ganz viele Bilder von ihm. Dominic-Michel Legrand ist nicht mein Vater.»

«Oups», sagte Marcel leise. Tausend Gedanken schossen durch seinen Kopf. Tausend Fragen. Aber er riss sich zusammen, schwieg und starrte geradeaus. Das kleine Gartenrestaurant hatte einen Spielplatz und zwei Häuschen, die wie Weinfässer geformt waren, aber als Saunen dienten. Dahinter befanden sich eine Ebene sowie die Engelberger Umfahrungsstrasse und der bewaldete Berg, der Fuss des Titlisgebirges. Mitten im Wald die Sprungschanze, die Gross-Titlis-Schanze, auf der regelmässig internationale Wettbewerbe ausgetragen wurden. Der Himmel war bewölkt, die Luft feucht, es würde wohl bald regnen.

«Möchtest du darüber reden?», fragte Marcel vorsichtig.

«Es gibt nichts …»

In diesem Moment betrat Lea den Garten, dick eingepackt in eine silberne Daunenjacke. Sie setzte sich neben Selma, umarmte sie und sagte: «Süsse! Alles wieder okay?» Sie bemerkte, dass Selma steif dasass und ihre Umarmung nicht erwiderte. Sie stand auf und sagte: «Ich lass euch mal, entschuldigt mich.»

«Nein, Lea, bleib da. Es geht nicht um meinen Ausflug in die Gletscherspalte. Es geht um etwas anderes, das mich offensichtlich mehr belastet, als ich mir eingestehen wollte.»

«Sag nicht, dass es um Georg geht.»

«Georg?», fragte Selma erstaunt. Auch Marcel verstand nicht.

«Na ja, deine Mutter hat mir erzählt, dass er nach der Vernissage in dieser Bar dir gegenüber ziemlich aufdringlich geworden ist.» Sie sprach schnell, verhaspelte sich und verschluckte die Wörter teilweise. «Mir ist es schrecklich peinlich. Georg und ich stecken in einer Krise. Es gab eine andere Frau, aber nur kurz, wie er sagte. Dass er nun dich anbaggert, meine beste Freundin, ich …» Lea vergrub ihr Gesicht in den Händen und weinte. Dann schaute sie auf, schnappte nach Luft und sprach aufgeregt weiter. «Ich habe dir heute auf die Mailbox geredet, dass ich unbedingt mit dir reden muss. Ich konnte ja nicht ahnen, dass du in diesem Eis … in diesem Eisloch hockst. Sorry, Süsse, das ist alles so schrecklich, Georg ist ein Mistkerl, ich werde …»

«Stopp, stopp», ging Marcel dazwischen. «Das verstehe ich alles nicht wirklich.»

«Ja, Georg wurde etwas …», Selma suchte nach dem richtigen Wort. «Er wurde etwas klebrig an jenem Abend, nachdem ihr zwei gegangen seid. Er schrieb mir später noch zwei, drei WhatsApps. Aber ich habe nicht darauf reagiert. Ich wollte zuerst mit dir reden, Lea. Ich musste jedoch weg und …» Selma umarmte Lea und drückte sie fest an sich. «Aber es geht jetzt nicht um Georg.»

«Okay», machte Lea nur.

«Es geht um dieses Bild im Speisesaal. Dieses Bild ist von meinem Vater. Nur: Mein Vater ist nicht mein Vater, sondern mein Vater ist ein schwedischer Kunstmaler.»

Lea löste sich aus der Umarmung. «Um Gotteswillen, ich blöde Kuh, wow, ich habe vielleicht eine Begabung für den falschen Moment. Was sagst du da? Dein Vater ist nicht …»

«… mein Vater. Genau. Mein Vater ist irgendein schwedischer Schönling, dem meine Mutter nicht widerstehen konnte.»

«Krass!», sagte Lea und liess sich gegen die Rückenlehne der Holzbank fallen, die bedrohlich knackte.

Die drei Freunde sassen eine Weile stumm auf der Bank. Dann sagte Marcel leise: «Meine Mutter hat mir an der Party meines zwölften Geburtstags eine Ohrfeige geknallt. Habe ich euch das eigentlich schon mal erzählt?»

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