Alexander Pelkim Schwarzfahrt
Schwarzfahrt
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Alexander Pelkim Schwarzfahrt

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»Sie meinen Peter?«

»Ja genau, Peter Lackner, ihren Ex-Freund.«

»Nicht wirklich«, verneinte Valerie Rissek. »Er war zwei oder drei Mal dabei, als wir zusammen ausgegangen sind, aber damals hat sich Tanja sowieso mit dem Ausgehen ein bisschen zurückgehalten. Gut, sie war noch in Ausbildung, musste viel lernen und das Geld war knapp. Ich denke aber, es lag auch an Peter …«

»Warum?«

»Meiner Ansicht nach war er schwer eifersüchtig und hat es nicht gerne gesehen, wenn Tanja ausging. Er wollte sie nicht alleine weglassen und gemeinsam sind sie nicht oft weggegangen, weil er nebenbei am Wochenende noch gejobbt hat. Tanja war jung und wollte etwas erleben und da ist es immer wieder zu Reibereien gekommen. Erst später hat sich Tanja mir anvertraut und darüber gesprochen. Sie hat Knall auf Fall mit Lackner Schluss gemacht und ihn zum Teufel gejagt. Er hat ihr eine ganze Zeitlang noch nachgestellt.«

»Wie hat sich das bemerkbar gemacht?«

»Na ja, er ist öfters mal dort aufgetaucht, wo wir auch waren. Es sollte zufällig wirken, das war es aber nicht.« Sie machte eine abfällige Handbewegung. »Er sah zwar gut aus, war aber charakterlich ein Arsch, wenn Sie meine Meinung hören wollen.«

»Wie lange ging das mit dem Nachstellen oder Stalken, wie man heute sagt?«

»Das war meines Wissens zu Ende, als Tanja mit ihrem neuen Freund zusammen war. Der hat Peter mal zur Rede gestellt und ein ernstes Wörtchen mit ihm gesprochen. Zumindest habe ich Lackner danach so gut wie nicht mehr gesehen.«

Nach dieser Auskunft verabschiedete sich Habich endgültig von der jungen Frau und machte sich auf den Weg zurück zur Dienststelle.

Rautners Mission war nur zum Teil von Erfolg gekrönt. Der Gesuchte blieb verschwunden. Weder in dessen Wohnung noch auf der Arbeitsstelle hatte er sich sehen lassen, aber die Kollegen konnten ihm einiges erzählen. Durch die Bank weg schilderten sie Lackner als arrogant und aggressiv.

»Wenn etwas nicht funktionierte, so wie er wollte, wurde er schnell impulsiv und hatte sich nicht mehr im Griff. Mit Alkohol ging es noch schneller«, wurde dem Kommissar berichtet.

»Wo könnte er jetzt sein?«, hatte sich Rautner bei Lackners Arbeitskameraden erkundigt. Die Antwort war einstimmiges Achselzucken.

»Peter hat privat nicht viel über sich verraten. Keiner von uns war näher mit ihm befreundet. Wir sind alle nicht so richtig mit ihm warm geworden. Er war ein bisschen ein Sonderling.«

Beide Kommissare kehrten am Nachmittag von ihren Nachforschungen zurück und erstatteten entsprechend Bericht.

Jasmin hatte aufmerksam zugehört, und gerade bei Habichs Ausführungen über die Aussage von Valerie Rissek wurde sie hellhörig.

»Moment mal! Taxi, Taxi, Taxi …«, murmelte sie und holte die Akten der beiden Altfälle hervor.

»Was hat dein Gemurmel zu bedeuten?«, fragte Habich.

Ohne sofort zu antworten, blätterte sie die erste Akte durch und überflog im Schnellverfahren Protokolle von Aussagen. Gespannt schauten ihr die beiden Kollegen zu. »Hier«, sagte sie plötzlich, fuhr mit dem Zeigefinger über einen Satz und nickte. Gleich darauf hatte sie die zweite alte Akte in der Hand und nahm die gleiche Prozedur vor. Wieder wurde sie fündig und quittierte es erneut mit dem Ausruf: »Hier!«

»Klärst du uns mal auf?«, erkundigte sich Rautner.

»Ich glaube, ich habe Parallelen bei den Fällen gefunden. Als Theo von einem Taxi sprach, mit dem unser letztes Opfer heimfahren wollte, ist mir eine Gemeinsamkeit aufgefallen.«

»Dann lass mal deine Theorie hören«, forderte der Hauptkommissar seine junge Kollegin auf.

»Erstens war es jedes Mal ein Wochenende, an dem die Opfer verschwanden. Zweitens waren alle mit Freunden unterwegs und wollten alleine nachhause. Drittens hatten alle drei Frauen vor, mit einem Taxi zu fahren. Was uns fehlt, ist die jeweilige Bestätigung, dass sie auch wirklich in ein Taxi eingestiegen sind. Dafür gibt es leider keine Zeugen oder es haben sich keine gefunden. »Aber …«, sagte Jasmin bedeutungsvoll und machte eine kurze Pause, »… was wäre denn, wenn die drei Opfer in ein Taxi eingestiegen wären.«

Chris runzelte die Stirn. »Ja und, was soll dann sein?«, fragte er etwas begriffsstutzig.

»Dann hätte sie das Taxi doch sicherlich bis zur Haustür gefahren und sie wären wohlbehalten angekommen.«

»Also sind sie nicht in ein Taxi eingestiegen.«

Jasmin zögerte kurz. »Und wenn doch?«

»Jetzt verstehe ich gar nichts mehr«, gestand Rautner. »Wenn sie in ein Taxi gestiegen wären, dann wären sie doch jetzt nicht tot.«

»Und was, wenn alle drei in dasselbe Taxi gestiegen wären?«

Wieder entstand eine Pause, in der man merkte, wie es in den Köpfen der beiden Männer arbeitete.

»Ach, jetzt verstehe ich.« Chris schien es zu dämmern, was Jasmin meinte.

Auch der Hauptkommissar hatte Jasmins Schlussfolgerung verstanden. »Ich weiß, was du damit sagen willst. Dann müssten wir den Täter unter den Taxifahrern suchen.« Er nickte anerkennend. »Der Gedanke ist gar nicht so verkehrt. Darauf scheint noch keiner gekommen zu sein. Obwohl wir im aktuellen Fall dazu noch keine Aussagen haben, ob unser Opfer nicht doch ein Taxi genommen hat. Das herauszufinden, sollte unsere nächste Aufgabe sein.«

Die junge Kommissarin wirkte überzeugt, als sie sagte: »Ich wette mit euch, dass wir auch dieses Mal niemand finden, der Tanja Böhmert gefahren hat. Sollte sich das bewahrheiten, wie wahrscheinlich ist dann ein Zufall, dass in allen drei Fällen jeweils ein Taxi benutzt werden sollte und sich keines findet, das die Fahrt gemacht hat? Es wäre ein neuer Ansatz, dem wir unbedingt nachgehen sollten.«

»Wie detailliert sind dazu unsere vorhandenen Zeugenaussagen?«, wollte Habich wissen.

Chris half mit und schnappte sich eine Akte. Beide blätterten und lasen, bis sie etwas gefunden hatten. Jasmin war schneller. »Da habe ich etwas. Im Falle von Monika Starke, dem ersten Opfer. Sie war mit zwei Freundinnen in einer Diskothek im Mainfrankenpark. Die Freundinnen haben ausgesagt, dass sie früher gegangen ist und ein Taxi nehmen wollte, weil sie am nächsten Tag zeitig aufstehen wollte. Sie musste scheinbar noch Arbeiten für die Uni fertig machen. Die beiden Begleiterinnen sind noch geblieben. Für die Zeit danach haben wir keine Zeugen.«

»Okay! Auch ich habe etwas gefunden. Unser zweites Opfer war mit ihrem Partner und mehreren Bekannten in Sulzfeld auf Weinfest. Sie hatte Stress mit ihrem Freund und hat Hals über Kopf das Fest verlassen. Nur zwei der Bekannten hatten mitbekommen, dass sie geäußert habe, mit einem Taxi heimzufahren. Das war das letzte Lebenszeichen von Sylvia Harms.«

»Warum ist das damals niemand aufgefallen? … Ich meine das mit dem Taxi«, wunderte sich Jasmin.

Ihr Chef hob hilflos die Schultern und ließ sie mit einem tiefen Seufzer wieder fallen. »Wie ich euch schon erklärt habe, gab es zu der Zeit drastische Personalprobleme. Auch eine Sonderkommission stand nicht zur Debatte, da beide Mordfälle als Einzeltaten gesehen wurden. Aber woran ich mich erinnere, waren in beiden Fällen öffentliche Zeugenaufrufe mit Schwerpunkt Taxifahrer. Es meldete sich niemand. Auf den Aufwand einer Einzelbefragung der Taxifahrer wurde trotzdem verzichtet.«

»Es könnte ein fallrelevantes Versäumnis gewesen sein«, bemerkte Chris.

»So weit würde ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gehen, aber gut. Ihr wisst ja nun, was ihr zu tun habt«, sagte Habich und blickte dabei abwechselnd auf Jasmin und auf Rautner. »Ich möchte eine Liste aller Taxifahrer, die dafür in Frage kommen könnten.«

»Wie sollen wir das denn anstellen?«, überlegte Rautner laut. »Weißt du, wie viele Fahrer es alleine im Landkreis Würzburg und Kitzingen gibt? Und es ist nicht gesagt, dass er hier aus der Region kommt.«

»Gerade hast du von Fallrelevanz gesprochen und nun jammerst du. Auf, auf, wir müssen Versäumnisse aufarbeiten. Außerdem glaube ich kaum, dass jemand aus einer fremden Gegend mit einem Taxi hierherkommt, um ab und zu mal zu morden«, gab Jasmin zu bedenken. »Bei einem solchen Fahrzeug mit auswärtiger Nummer wäre die Gefahr groß aufzufallen und wer steigt schon in ein ortsfremdes Taxi.«

Chris winkte ab. »Du glaubst doch nicht, dass jemand zu solch später Stunde auf das Nummernschild schaut. Da ist jeder froh, wenn er ein Taxi bekommt. Nachts ist das leider immer etwas schwierig und an den Wochenenden erst recht.«

»Sprichst du aus Erfahrung?«

»Ja! Ab und zu nutze ich so etwas auch.«

Der Hauptkommissar wiegte den Kopf hin und her. »Glauben können wir viel, solange wir es nicht wissen, nützt es uns nichts. Den Einwand von Chris, dass der Fahrer nicht von hier stammt, sollten wir nicht ganz von der Hand weisen, da wir im Dunkeln tappen und alles möglich sein kann. Denkt an die Anweisung von Kriminaloberrat Schössler, in alle Richtungen zu ermitteln. Noch ist die Theorie mit dem Taxi eben nur eine Theorie. Warum soll es kein Urlauber sein, der ab und zu mal hierherkommt, oder ein Monteur, der hier zeitlich begrenzte Arbeitseinsätze hat und dann wieder für Jahre verschwindet? Daher vielleicht die großen Zeitabstände zwischen den Morden.« Habich traf eine Entscheidung. »Aber wir konzentrieren uns jetzt zuerst mal auf die Taxis und dabei auf die Bereiche Würzburg und Kitzingen. Sucht die Unternehmer auf, fragt bei den Verbänden nach. Die Behörden wissen, wer alles Taxikonzessionen hat und wer einen Taxischein besitzt. Also ran an die Arbeit.«

In der Güllegrube

Das Haus sowie das gesamte bäuerliche Anwesen in Repperndorf standen seit über zwanzig Jahren leer. Die Alten waren verstorben, die Kinder in alle Winde zerstreut und nicht mehr daran interessiert. Potenzielle Käufer oder Kaufinteressenten hatte es bisher keine gegeben. Jetzt endlich hatte sich ein finanzkräftiger Privatmann gefunden, der das marode Bauernhaus samt Nebengebäude gekauft hatte und sanieren lassen wollte. Noch viel länger als das Anwesen selbst war die Güllegrube nicht mehr in Gebrauch gewesen, nachdem die alten Bauersleute ihre Tiere abgeschafft hatten. Nun sollte sie unter den neuen Besitzern als Wasserzisterne genutzt werden. Ein Spezialunternehmen war beauftragt, die alte, unter dem Hof liegende, etwa 80 Kubikmeter große betonierte Grube zu säubern. Der neue Besitzer wollte damit das Regenwasser von den umliegenden Dachflächen auffangen und als Brauchwasser nutzen. Dazu mussten zuerst die jahrzehntealten Hinterlassenschaften von Mensch und Tier sowie der angeschwemmte Schlick, der sich durch Regen angesammelt hatte, entfernt werden. Das Ganze sollte mit Wasser aufgeweicht und abgesaugt werden. Dazu stieg einer der Arbeiter hinab in die Grube, um das Saugrohr zu bedienen. Wegen des Drecks und möglicher lebensgefährlicher Gase ging dies nur mit entsprechender Schutzausrüstung.

Die Arbeiten hatten kaum begonnen, als man den Mann aus der Grube rufen hörte.

»Schaltet die Pumpe ab! Stoppt die Maschine!«, klang es dumpf unter seiner Atemschutzmaske hervor.

»Was gibt es denn? Warum schreist du so?«, kam die besorgte Nachfrage eines Arbeitskollegen von oben, als der Motor schwieg.

»Verdammt! Oh Scheiße, ich habe was entdeckt.«

»Scheiße!« Der Mann oben lachte. »Natürlich hast du Scheiße entdeckt. Ist ja auch massenweise da unten. Stehst schließlich knietief drin. Du bist mir ein Witzbold.«

»Blödsinn! So meine ich das nicht«, hörte man die aufgeregte Stimme aus der Grube. »Ich … Ich habe etwas anderes …«

»Etwa einen versteckten Schatz?«, rief einer der Arbeiter nach unten.

»Ich glaube … Verflucht, ich glaube … Das ist ein … ein menschlicher Schädel«, hörte man eine aufgeregte und stockende Stimme von unten.

»Was? Bist du sicher? Ist es nicht eher ein Tierkadaver?«

»Nein, nein! Bin mir ziemlich sicher, dass es keiner ist. Da sind noch Haare an dem Schädel.«

»Und wo ist der Rest?«

»Weiß ich nicht. Wahrscheinlich noch im Schlick. Ich bleibe keine Sekunde länger hier unten. Holt mich sofort rauf«, rief er hysterisch.

In Windeseile hatte man das Saugrohr aus der Öffnung entfernt und hievte den Arbeitskollegen wieder ans Tageslicht. Es erschien eine vermummte Gestalt mit Gummistiefeln, wasserdichtem Anzug, Handschuhen und einer Maske auf dem Gesicht. Seine Kleidung war bis zu den Oberschenkeln mit Dreck und Kot verschmiert. Der aufgeweichte Inhalt der Grube stank fürchterlich.

»Wer mag das da unten wohl sein?«

»Keine Ahnung! Ist mir auch ziemlich egal. Puh! Was für ein Schock, ich brauch einen Schnaps.«

»Was machen wir jetzt?«

»Es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Polizei zu rufen.«

Zuerst tauchte eine Streifenwagenbesatzung auf. Als man den beiden Gesetzeshütern den Sachverhalt erklärte, informierten sie ihren Vorgesetzten und der wiederum die Staatsanwaltschaft. Diese ordnete die Bergung und gerichtsmedizinische Untersuchung des Leichnams an. Eigentlich war es ja gar keine Leiche mehr, sondern nur noch die Überreste in Form eines Skeletts. Mit Hilfe der Gerätschaft der Firma, die die Reinigung vornehmen sollte, versuchte man die menschlichen Knochen freizulegen. Es dauerte bis zum nächsten Tag, bis alle gefunden waren. Der Fund landete auf dem Tisch von Frau Doktor Wollner.

Hauptkommissar Habich traf die Rechtsmedizinerin am Seziertisch an, auf dem das Skelett aus der Güllegrube lag. Inzwischen hatte Doktor Wollner die Knochen vom Schmutz befreit und so sortiert, dass sie wieder die Form eines menschlichen Körpers darstellten. Mit einer an einem Schwenkarm befestigten großen beleuchteten Lupe begutachtete sie jeden einzelnen der Knochen ganz genau. Habich trat vorsichtig näher, um sie nicht von ihrer Arbeit abzulenken. Trotzdem spürte sie seine Anwesenheit und schaute auf.

»Ach, Sie sind es«, sagte sie locker und richtete sich auf. Die Augen auf die Akten in seiner Hand gerichtet meinte sie schelmisch: »Oh, bringen Sie mir eine ganze Mappe voller gastronomischer Empfehlungen?«

Verlegen lächelnd schüttelte er den Kopf. »Nein, das leider nicht. Es ist eher etwas Arbeit. Aber ich habe Sie nicht vergessen«, beeilte er sich hinzuzufügen, »und wollte Sie für heute Abend einladen.«

Ein warmer, gnädiger Blick trieb ihm den Schweiß aus den Poren. Fieberhaft überlegte er, wohin er die Pathologin einladen sollte, dann stand sein Entschluss fest. »Darf ich Sie um 19 Uhr abholen oder ist das zu spät?«

»Nein, durchaus nicht. Ich lass mich überraschen, wohin es geht.« Sie nannte ihm ihre Wohnadresse. »So, nun aber zu Ihrem dienstlichen Anliegen.«, Sie zeigte auf die Unterlagen, die Habich immer noch in den Händen hielt. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ach ja, ich habe hier zwei alte Fälle und möchte Sie bitten von der medizinischen Seite her noch mal einen Blick darauf zu werfen. Außerdem möchte ich, dass Sie diese Fälle mit dem aktuellen Fall der toten Tanja Böhmert vergleichen.«

»Vermuten Sie da Zusammenhänge?«

»Genau das möchte ich von Ihnen wissen.«

»Gut, dann werde ich mir die Unterlagen und die Obduktionsberichte in Ruhe anschauen.«

»Was haben Sie denn da?«, fragte Habich, den Blick auf die Knochen gerichtet.

»Womöglich noch mehr Arbeit für Sie und Ihr Team. Der Bericht dazu geht heute Abend noch an die Staatsanwaltschaft und die entscheidet dann, ob ermittelt wird.« Als Habich weiterfragen wollte, kam sie ihm zuvor. »Vielleicht erzähle ich Ihnen beim Essen Details, aber jetzt muss ich weitermachen, sonst wird es nichts mit unserer Verabredung«, meinte sie freundlich, aber rigoros. Wortlos verschwand der Hauptkommissar auf der Stelle. Den abendlichen Termin mit der hübschen Pathologin wollte er nicht gefährden. Erneut schalt er sich einen Narren hinsichtlich seiner Hoffnungen, die in ihm aufkeimten.

»So, was haben wir bis jetzt?«, begann der Hauptkommissar die Besprechung mit seinem Team. »Lasst mal eure Ergebnisse hören.«

Rautner erinnerte noch mal an das, was er von Lackners Arbeitskollegen erfahren hatte, und das war wenig ergiebig. Sein abschließendes Urteil lautete: »Ausschließen können wir ihn nicht, solange wir kein Alibi von ihm haben. Wir sollten ihn jetzt endlich mal auf die Fahndungsliste setzen.«

» Okay, mach das«, gab der Hauptkommissar seine Zustimmung. »Er wird aber nur als Zeuge gesucht, nicht als Verdächtiger.«

»Apropos Alibi«, mischte sich Jasmin ein, »Dieter Ranko, der letzte Ex von Tanja, ist außen vor. Er hat ein wasserdichtes Alibi. Ranko war mit seinem Chef und einem weiteren Kollegen im Auftrag eines Großunternehmens auf Messebau in Paris. Sie haben genau an dem Wochenende dort die Elektrik installiert, als unser Opfer verschwand, und am Wochenende darauf, als sie gefunden wurde, ist er erst am Sonntag von Paris zurückgekommen.«

»Gut«, nickte Habich, »einer weniger. Was macht die Fahrerliste?«

»Die Kollegen und ich haben alles telefonisch in die Wege geleitet. Was an Unterlagen und Namenslisten zu bekommen war, trifft spätestens morgen per Fax oder Mail hier ein«, antwortete Jasmin.

Schössler hatte dem Team mehrere uniformierte Beamte zur Seite gestellt, die mithelfen sollten, die zu erwartende große Anzahl der Taxifahrer zu befragen.

»Dann nehmt ihr euch noch einmal die Zeugen der alten Fälle vor. Stellt Fragen wegen der Taxis, quetscht sie ein weiteres Mal über den Abend und das Umfeld der Toten aus. Vielleicht fällt ihnen etwas ein, was sie bisher übersehen oder vergessen hatten. Ich nehme mir die drei Freunde vor, die in Tanjas und Valeries Begleitung waren.«

Es wurde ein Tag mit vielen Telefonaten und Gesprächen.

»Nix, einfach gar nix Neues in Erfahrung zu bringen«, stöhnte Jasmin. Sie hatte den ältesten Mordfall übernommen. »Zwei der ehemaligen Zeugen konnte ich gar nicht ausfindig machen, bei allen anderen waren die Erinnerungen verblasst. Meistens hieß es: schon zu lange her. Ich befürchte die Bemühungen waren umsonst.«

»Bei mir ähnlich«, gestand Rautner. »Die, mit denen ich gesprochen habe, konnten mir keine neuen Details berichten. Sie verwiesen mich auf ihre damaligen Aussagen, mehr konnte ich nicht herausholen.«

»Auch ich bin nicht weitergekommen. Es gibt keine neuen Anhaltspunkte.« Etwas resigniert ließ Habich den Kugelschreiber auf seinen Schreibtisch fallen und lehnte sich zurück. »Tanjas Freunde haben nichts gesehen, nichts gehört und keine Vorstellung, wer das Tanja Böhmert angetan haben könnte.«

»Übrigens, ich wollte noch etwas wegen Lackner …« Jasmin wurde durch das anspringende Faxgerät unterbrochen. Sie stand auf, vergaß den Satz zu vollenden, holte sich die Blätter und überflog sie.

»Was sind das für Faxe?«, fragte Habich.

»Die ersten Fahrerlisten«, antwortete sie und las weiter.

»Wolltest du nicht eben etwas über Lackner erzählen.«

»Ach nee!«, hörten sie Jasmin unbeirrt sagen. »Ihr glaubt nicht, wer auf dieser Liste steht.«

»Ich hoffe, du wirst es uns gleich verraten«, sagte Chris mit ironischem Unterton, »ansonsten müssen wir …« Jasmins Blick ließ ihn verstummen und er schluckte das Wort »raten« hinunter.

»Hier taucht der Name Peter Lackner auf …«

»Unser Gesuchter?«

»Wenn es nicht ein Namensvetter ist, dann …«

»Warte mal! Der ist Taxi gefahren? Wann und wo?«, stoppte Habich Jasmins Ausführungen.

»Er hat den Taxischein seit …, seit acht Jahren.«

»Also etwa ab der Zeit, als der erste Mord passierte. Wo ist er gefahren?«

»In Würzburg. Mehr weiß ich nicht. Den Unternehmer, bei dem er fährt oder gefahren ist, kenne ich nicht. Deren Meldungen fehlen noch. Diese Unterlagen sind von der Behörde und sie listen die aktuellen Inhaber eines Taxischeines auf.«

»Das wiederum bedeutet, er hat noch einen Schein und könnte noch aktiv sein.«

»Laut diesen Daten hier, ja. Aber genau erfahren wir es, wenn die Taxiunternehmer uns ihre derzeitigen Fahrer benannt haben.«

»Na, das ist doch schon mal ein Anfang. Dann hoffe ich, wir bekommen alle notwendigen Informationen bis morgen. Mach noch mal Dampf bei den Unternehmern.« Er erhob sich. »Und jetzt ist für heute Schluss.«

Jasmin und Chris schauten sich an. Es war für sie absolut neu, dass ihr Chef pünktlich Feierabend machte. Rautner grinste und bemerkte: »Du wirst doch nicht irgendetwas vorhaben?«

»Und wenn, dann ginge es dich nichts an«, maßregelte Habich seinen jungen Kollegen. »Auch wenn es dich überrascht, ich habe ein Privatleben.«

»Kaum vorstellbar.« Rautner schüttelte amüsiert den Kopf. Er ließ sich von dem Ton seines Chefs nicht irritieren. »Du wirkst so … so …«

»Bemüh dich nicht, die richtigen Worte zu finden«, winkte Habich ab und verschwand durch die Tür.

Pünktlich um 19 Uhr stand Hauptkommissar Habich mit seinem Wagen bei der angegebenen Adresse in der Kettelerstraße. Genauso pünktlich trat Dorothea Wollner aus dem Haus und stieg zu ihm ins Auto. Sie sah umwerfend aus in ihrem lässigen Look aus Jeans, leichtem Pullover und Lederjacke. Selbst im Jogginganzug würde sie manche Frau im Abendkleid ausstechen, fand Habich. Diese Beurteilung war natürlich eher seiner Gefühlslage zuzuordnen. Er hatte kein Auge von ihr lassen können auf dem Weg vom Haus zu seinem X3. Sie hatte es bemerkt und fragte nun, als sie auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte: »Nehmen Sie mich so mit? Ich fühle mich in legerer Kleidung am wohlsten.«

»Ich würde mit Ihnen sogar so zum Wiener Opernball gehen«, versuchte er ein Kompliment. Dorothea Wollner quittierte es lächelnd.

»Der Weg dorthin wäre mir etwas zu weit, da ich ganz schön hungrig bin«, gestand sie.

»Dann will ich Sie schnellstens von Ihrem Leiden erlösen«, bemerkte Habich und gab Gas.

Der Weg vom Frauenland hinunter in die Stadt war zu der abendlichen Stunde keine langwierige Angelegenheit. So langsam beruhigte sich der Feierabendverkehr, denn die meisten Berufstätigen und die, die einkaufen waren, strömten aus der Stadt hinaus. In der Ludwigstraße fand der Hauptkommissar einen freien Parkplatz. Von dort aus waren es nur noch ein paar Schritte bis zum Ziel. Die Tatsache, dass Habich im Restaurant mit Namen begrüßt wurde, zeigte seiner Begleitung, dass er hier öfters verkehrte. An einem kleinen Seitentisch mit zwei bequemen Sitzbänken nahmen sie Platz. Ohne Umschweife widmeten sie sich der Speisekarte, die ihnen der Kellner gleich nach der Ankunft vorgelegt hatte.

Beide nahmen als Vorspeise Kürbis-Ingwer-Suppe. Die Rechtsmedizinerin wählte Rinderfiletspitzen auf Wokgemüse in Sojasauce mit Kartoffelspalten für den Hauptgang, der Hauptkommissar bevorzugte die Viertel Bauernente mit Kartoffelklößen und Wirsinggemüse. Dazu bestellte Habich für sich und seine Begleitung eines seiner Lieblingsgetränke, einen feinherben fruchtigen Bacchus.

»Trinken wir darauf, dass Ihnen meine erste Empfehlung zusagt«, meinte Habich, nachdem die Getränke vor ihnen standen, und hob sein Glas.

»Mir gefällt schon mal das Ambiente«, nickte Frau Doktor Wollner mit einem Blick in die Runde. »Wenn jetzt das Essen noch so gut schmeckt, wie es sich auf der Karte gelesen hat, bin ich höchst zufrieden.«

»Lassen Sie sich überraschen.«

Nachdem sie angestoßen hatten, probierte Habichs Begleitung vorsichtig den Frankenwein. Aus der Lippenbefeuchtung wurde ein zweites Nippen und schließlich ein kräftiger Schluck.

»Habe ich Ihren Geschmack getroffen?«, fragte ihr Gegenüber und deutete auf das Getränk.

»Ja, durchaus! Der Wein ist sehr köstlich«, sagte sie, während sie das Glas abstellte. Sie stützte die Ellenbogen auf, verschränkte die Hände und legte ihr Kinn darauf. »Sie scheinen hier Stammgast zu sein.«

»Sagen wir, ich gönne mir hier hin und wieder ein Essen und einen guten Wein.«

»Erzählen Sie mir etwas über sich. Sie sind doch der Sprache nach auch kein Franke.«

Nur zögernd begann er zu erzählen, aber das Lächeln der Pathologin war entwaffnend, man konnte ihr nichts abschlagen. Nach der Kürbis-Ingwer-Suppe wusste sie so viel über den Privatmenschen Habich, soviel dieser bereit war offenzulegen. Als sie sich dem Hauptgang zuwendeten, erfuhr Dorothea Wollner mehr über Habichs beruflichen Werdegang. Dass er als junger Kommissar über den Boxsport vor über zwanzig Jahren in Würzburg seine neue Heimat gefunden hatte. Ab der Nachspeise – Frau Doktor Wollner hatte Crème brûlée mit marinierten Beeren und Vanilleeis gewählt, Habich entschied sich für die Käsevariation mit Feigensenf – war es an der Rechtsmedizinerin, von ihrer Vergangenheit zu plaudern. Sie stammte aus Niedersachsen, hatte in Hamburg Medizin studiert und sich in Berlin zur Fachärztin für Rechts- oder Gerichtsmedizin in den Bereichen Pathologie, Psychiatrie, Psychotherapie und forensische Psychiatrie weitergebildet.

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