Hans-Henning Paetzke Andersfremd
Andersfremd
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Hans-Henning Paetzke Andersfremd

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Als ich mein Gewissen bereits erleichtert habe und versuche, mich aus den Verstrickungen selbstanklagender Beichte durch Themenwechsel zu lösen, entdecke ich vor dem Fenster die neugierigen Blicke unseres Spezialfreundes, des Oberwachtmeisters Fensterschreck, wie wir ihn nennen, weil er die Gabe besitzt, immer dann am Fenster aufzutauchen, wenn sich in der Baracke Dinge abspielen, die gegen die Lagerordnung verstoßen. Angst haben wir keine vor ihm, obwohl der Aufenthalt in einer anderen Wohnbaracke als der eigenen strengstens verboten ist.

Wir können uns des Verdachts nicht erwehren, dass er um die Freundschaft der ihm anvertrauten Strafgefangenen buhlt oder aber, dass ihm zumindest daran liegt, von der Knastologenaristokratie, zu der die Politischen seines Erachtens gehören, Anerkennung zu ernten. Nachdem er sich in langen Tiraden über meine laxe Haltung gegenüber der Lagerordnung ergeht, gipfeln die Vorhaltungen des Erziehers darin, dass er betont, mich, den Strafgefangenen 724 aus 3, um nichts sonst als um meine Redegabe zu beneiden. Und im Übrigen studiere nicht nur er, der Genosse Erzieher, Pädagogik, sondern auch seine Frau habe sich dem Studium der Pädagogik gewidmet. Besonders einprägsam ist seine ungewöhnliche Betonung des Wortes Pädagogik auf der letzten Silbe. Es will scheinen, als wolle er den Eindruck erwecken, dass er des Griechischen mächtig sei und dies durch die Betonung auf der letzten, der deutschen, Silbe unterstreichen wolle.

Die gute und angenehme Gesellschaft, in der ich mich hier befinde, kann dennoch nicht vergessen machen, dass ich eingesperrt bin, kann nicht die scharfen Hunde im Laufgang zwischen den beiden Zäunen vergessen machen, wovon einer unter Strom stehen soll, kann nicht die Wachtürme vergessen machen, die Tag und Nacht von Posten mit Maschinenpistolen besetzt sind, kann nicht die Wachen mit Maschinenpistolen über der Schulter und Hunden an der Leine vergessen machen, die beim Appell hinter den Strafgefangenen stehen, um die militärische Einhaltung der Ordnung zu sichern, kann nicht die vielen kleinen und größeren Unannehmlichkeiten vergessen machen, denen ich durch die Feindseligkeiten der Kriminellen ausgesetzt bin, mit denen ich Tisch und Etagenbett teile, kann nicht vergessen machen, dass, wenn auch mit geringem Erfolg, versucht wird, uns einer Gehirnwäsche zu unterziehen.

Als sich ein schlecht vorbereiteter und stotternder Redner im Speisesaal erkühnt, die Strafgefangenen in Marxismus-Leninismus zu unterweisen, verlasse ich empört und angewidert den Saal. Als Einziger. Der Redner hört auf zu stottern, starrt entsetzt in den Saal, hat Angst, dass sich weitere Strafgefangene von ihren Plätzen erheben und das Ungeheuerliche wagen, meinem Beispiel folgen könnten. Die Mitgefangenen triumphieren innerlich, dass einer von ihnen sozusagen symbolisch für alle das tut, was auch sie gern tun würden.

Draußen werde ich von einem Erzieher, der in kluger Voraussicht vor dem Saal Posten bezogen hat, nach meinen Beweggründen für das vorzeitige Verlassen der Religionsstunde befragt und ob ich nicht bereit sei zurückzugehen. Bin ich nicht. Mein aufmüpfiges Verhalten, das schon meine Mutter zu Beanstandungen veranlasst hat, verschafft mir im Lager den Ruf von Unerschrockenheit. Auch meine ungewöhnliche Eingabe, in der ich beantrage, mir das Lateinlehrbuch und die Bibel aus meinen Effekten auszuhändigen und dafür Sorge zu tragen, dass ich im Zuge der verfassungsmäßig garantierten Freiheit der Religionsausübung die Möglichkeit erhalte, einem sonntäglichen Gottesdienst beizuwohnen, nötigt den Mitgefangenen Respekt ab, auch wenn sich dem gelegentlich ein Anflug von Lächeln beimengt.

Die Lagerleitung hüllt sich in Schweigen.

Bei einer Gelegenheit, als meine Brigade am Wochenende unter scharfer Bewachung zu einem Ernteeinsatz auf ein Feld in der Umgebung gefahren wird, habe ich einen Brief bei mir, in dem ich meinem väterlichen Freund, einem Pfarrer aus Löcknitz, ausführlich über das Lagerleben Bericht erstatte. In einem Moment, da ich mich unbeobachtet fühle, drücke ich den Brief einem gutmütig wirkenden Traktoristen in die Hand. Dessen ehrlich dreinblickende Augen scheinen mir zuzuraunen, dass das beidseitig eng beschriebene Blatt Papier seinen Adressaten erreichen wird. Sprechen können wir nicht miteinander, das ist verboten.

Schmierenkomödie

Weihnachten steht vor der Tür. Die Tage werden kälter, Kohle in der DDR ist knapp, im Kohlerevier Schwarze Pumpe werden Sonderschichten gefahren, um dem Mangel abzuhelfen. Am Sonntag soll auch meine Brigade zu einer Sonderschicht herangezogen werden. Zusammen mit zwei Mithäftlingen rücke ich nicht aus, weigere mich, am Tag des Herrn zu arbeiten.

Die Bewacher wirken nervös, wir, die drei Häftlinge, werden zum Lagertor beordert, wo wir von einem Leutnant, der, wie später zu hören ist, als ruhig und besonnen gilt, aufgefordert werden, uns der Arbeitskolonne anzuschließen. Für den Fall, dass wir unsere Weigerung nicht umgehend aufgeben sollten, droht er uns Arrest und andere haftverschärfende Maßnahmen an. Die Mitgefangenen, ein Zeuge Jehovas und ein junger sympathischer Kellner aus Potsdam, der wegen RF, das heißt versuchter Republikflucht, einsitzt und, ebenso wie ich, wenig Lust verspürt, eine Sonderschicht zu fahren, weichen dem Druck. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, aber ich bleibe bei meinem Nein. Warum? Sicher nicht, weil ich so schrecklich mutig wäre. Im Gegenteil: Die Angst schnürt mir die Kehle zu. Die Energie meines Handelns erinnert an das Gesetz von der Trägheit der Masse. Einmal in Schwung geraten, lässt die sich einfach nicht bremsen.

Der besonnene Erzieher und Leutnant ist fassungslos vor Wut. Schaum tritt ihm vor den Mund. Seinen herbeieilenden Genossen schreit er zu, sie sollten die Hunde loslassen und auf mich hetzen. Der bewaffnete Leutnant packt mich, den wehrlosen Häftling, am Schlafittchen und drückt mich gegen das Lagertor, wie um den pädagogischen Ausführungen Nachdruck zu verleihen. Ich kann nicht mehr denken. Ein Rausch des Widerstands hat sich meiner bemächtigt. Klein beigeben, das kommt mir nicht in den Sinn. Es ist, als wäre eine solche Möglichkeit des Denkens und rationalen Handelns aus meinem Gedächtnis gelöscht worden. Dabei steht mir der Angstschweiß auf der Stirn. Ich muss an irgendeinem Defekt leiden: Wenn ich der Meinung bin, im Recht zu sein, kann ich keine Kehrtwende vollziehen, klammere mich an die einmal eingenommene Position. Ein böswilliger Außenstehender könnte versucht sein, von einer behandlungsbedürftigen Zwangsneurose zu sprechen und nach dem Psychiater zu rufen.

Den unangenehmen, heißen Atem des schwer keuchenden Leutnants spürend, seine Hand an meiner Gurgel, das Tor im Rücken nutze ich die Situation, nicht zuletzt aus Angst vor den Hunden, schamlos aus: knalle mit dem Kopf gegen das Tor, erwecke den Eindruck, als sei es durch Fremdeinwirkung dazu gekommen, und sinke zu Boden. Die Mitgefangenen werden später im Lager verbreiten, dass ich brutal zusammengeschlagen worden sei.

Ich spürte die einmalige Chance, mich wirkungsvoll in Szene zu setzen und mich aus der drohenden Gefahr davonzustehlen. Am Boden liegend überlege ich, was zu tun sei. Mir fällt nichts Besseres ein, als mich in Weinkrämpfen zu schütteln. Da hilft noch so gutes Zureden des inzwischen von einer in die nächste Panik geratenen Leutnants nichts, der gegenüber den herbeigeeilten Lagergewaltigen vergebens beteuert, dem am Boden liegenden Strafgefangenen 724 aus 3 nichts angetan zu haben. Auf einer Trage befördern sie mich in die Krankenbaracke, wo meine Weinkrämpfe einfach nicht aufhören wollen. Es ist mir, als würde sich all die Spannung, der ich in den letzten Jahren ausgesetzt gewesen bin, nun in einem Meer von Tränen lösen wollen. Nichts um mich her nehme ich wahr, die Augen sind geschlossen, nur der Mund, aus dem gellendes Schreien quillt, ist weit geöffnet. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Schmierenkomödie verwischen sich. Schon weiß ich selbst nicht mehr, ob ich all den Schmerz, der sich lautstark artikuliert, nicht tatsächlich spüre, ob ich nicht tatsächlich zu Boden geschlagen worden bin. Auch denke ich immer wieder, jetzt in meiner sichtbar und hörbar gemachten Schmerzintensität auf gar keinen Fall nachlassen zu dürfen, sonst könnten mir die Vopos am Ende noch Widerstand gegen die Staatsgewalt anhängen.

Vertreibung aus dem Paradies

Dass ich dem Samen meines Vaters entsprießen durfte, ist nach freundlicher Auskunft eines meiner Brüder einzig dem egoistischen Wunsch unserer rassisch verdächtigen Mutter zuzuschreiben, sich für die Zeit ihres höheren Alters eine weitere, eine dritte, Option für spätere Besuchsreisen zu sichern. Ich, der heranwachsende Fötus, verdanke mein Dasein demnach nicht nur der weihnachtlichen Heilsbotschaft, der Sehnsucht nach Frieden, Liebe und dem schier unstillbaren Verlangen nach einem flüchtigen Gefühl körperlichen und seelischen Glücks, sondern auch dem mir zugedachten Auftrag, als Mittel gegen drohende Vereinsamung zu wirken. Meine Mutter war von der fixen Idee beherrscht, ihr Ehemann könnte aus dem Krieg nicht zurückkehren, in den er hatte ziehen müssen, weil er, der anfangs selbst ein kleiner Führer in der Reichsfilmkammer gewesen war, den anderen hohen Bonzen in ihrem selbst an nationalsozialistischen Maßstäben gemessen nicht immer ehrenhaften Tun Einhalt zu gebieten versucht hatte.

Sieben Jahre alt war ich, als es meine Eltern, vermutlich um deutschen Patriotismus gegen russische Fremdherrschaft zu demonstrieren, für gut und richtig befanden, ihre drei Söhne, Jahrgang 1938, 1940 und 1943, in der Weißen Kirche zu Leipzig taufen zu lassen. Außer der Taufe, die fast nicht vollzogen worden wäre, weil uns Kinder die Wasserspritzer zum Lachen reizten, den Repräsentanten Gottes auf Erden aber angesichts solch unangebrachter Albernheit unwillig werden ließen, verbinden sich mit der Weißen Kirche auch andere Erinnerungen. Nicht zuletzt an Weihnachten 1949 oder 1950, als wir drei Jungen wegen des lauen Winterabends in Kniestrümpfen den Weg zur Krippe des Jesuskindes antraten. Und an Einbrüche meines mittleren Bruders, der heute in Vorpommern als praktizierender Arzt und Christ seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat. Im Keller der Weißen Kirche übte sich mein Bruder als Einbrecher. Von dort ließ er gemeinsam mit einem später bei seiner katholischen Jugend beliebten Priester, den das schreckliche Ende einer rasenden Fahrt in seiner Trabi-Pappkartätsche, um einem Siebenundneunzigjährigen die Letzte Ölung zu spenden, schon längst vor seinen Herrn hat treten lassen, Kirchengerät mitgehen, während ich, ein Sechsjähriger, draußen Schmiere stehen musste.

Das plötzliche Ende von meines Vaters Reichskarriere hatte diesen vor einer schmutzigen Weste und unsere Familie vor der Scham bewahrt. Nach der Einnahme Sachsens durch die Amerikaner im April 1945 logierten einige amerikanische Offiziere in unserer Villa in der Hannoverschen Straße, einem aus drei Villen bestehenden Teilstück, dem Paradies einer Kindheit. Als die Amerikaner dann, wie von den Alliierten zuvor vertraglich geregelt, aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen abgezogen waren, um diese Provinzen den Russen zu überlassen und in Berlin einzumarschieren, quartierten sich bei uns sowjetische Offiziere ein, ein Journalist und ein Arzt aus Moskau, die sich sehr menschlich verhielten, ganz im Gegensatz zu den Gräuelgeschichten, die damals zu hören waren. Gelegentlich versorgten sie unsere Familie mit Butter, Mehl, Fleisch und Brot, meine beiden Brüder mit Fasanenfleisch und mich, den Fünfjährigen, der gerade erst sprechen gelernt hatte, mit Milch und meiner ersten Papirossa, einer schrecklich stinkenden Zigarette, die sich am besten aus einem Papierfetzen der Prawda oder Iswestija drehen ließ, die linke Hand während der Autofahrt am Steuer, die rechte in der Uniformjackentasche, um die Tabakkrümel in die Zeitung zu befördern.

Meine Großmutter mütterlicherseits, eine Nichtschwimmerin, hatte die Ungewissheit über das Schicksal der Familie ihrer Tochter nicht mehr ertragen und sich in der Kleinen Luppe hinter der Klingerschen Villa ertränkt. Mich hatten Eindrücke, an die ich mich zwar nicht, zumindest nicht bewusst, erinnern kann, trotz erster Sprecherfolge für einige Jahre verstummen lassen.

Großmutters Schmuck und andere Wertsachen aus der verwaisten Wohnung befinden sich vielleicht auch heute noch in Leipzig im Besitz der Nachkommen guter Nachbarn, die der vom Familienerbe ausgehenden Versuchung nicht hatten widerstehen können. Einzig den guten alten Volksempfänger hatten die Nachbarn auf Drängen meiner Mutter zurückgegeben. Bis Ende der fünfziger Jahre leistete er mit seinen krachenden und krächzenden Sendungen aus London und dem amerikanischen Sektor von Berlin gute Dienste, bis Mitsche, mein mittlerer Bruder, das Radio an sich nahm; dank einem unbeherrschbaren Forschertrieb, der es in seine nicht wieder auffindbaren Einzelteile zerlegte, verschwand es für immer.

Das Leipzig meiner Kindheit, das Leipzig meiner Erinnerung, das sind Ruinen in der Landsberger Straße, im Viertelsweg, in denen sich angeblich Mörder verschanzt hatten, vielleicht auch nur wahnsinnig gewordene Heimkehrer, die unter den Trümmern nach Angehörigen suchten. Leipzig, das sind aus der Kriegsgefangenschaft Zurückgekehrte, die sich aus Verzweiflung darüber, dass sie ihre Wohnung und ihre Familie nicht mehr ausfindig machen konnten, von einer Brücke vor einen anrollenden Zug stürzten. Leipzig, das sind Bettler, bettelnde Nachbarskinder, vor allem eine bettelnde Frau, die ihre Lebensmittelkarten verloren (damals der sichere Hungertod), daheim sich und ihren bettlägerigen alten Mann zu versorgen hatte, weshalb sie gegen zwei karge Essensrationen uns drei Kinder und den Haushalt versorgte, sich manchmal wie ein Musikclown die Augen verband, um uns auf dem Klavier Chopin und Liszt zu Gehör zu bringen. Leipzig, das heißt Anschreibenlassen in Frau Lademanns Krämerladen in der Landsberger/Ecke Jägerstraße, um auch am kommenden Tag über die nötigsten Grundlebensmittel zu verfügen. Leipzig, das ist Böhlen, wo mein Vater als einst in Königsberg akademisch geprüfter Schwimmlehrer Kindern beibringt, sich über Wasser zu halten, ein Bombentrichter, in dem er Kürbis anbaut, den meine Mutter zu wohlschmeckendem Kompott verarbeitet, Leipzig, das heißt 1. September 1950, mein erster Schultag, Leipzig, das ist eine Schlittenpartie mit Mitsche im Wackerstadion, die an einem Betonpfosten mit einem Nasenbeinbruch endet und damit, dass mich mein Bruder auf dem Schlitten durch die schneelosen Straßen nach Hause zieht.

Leipzig bedeutet aber auch, dass ich besagten Bruder, der in seinem Tatendrang sehr zum Ärger und Leidwesen unserer Eltern in der Nachbarschaft gelegentlich materiellen Schaden größeren Ausmaßes anrichtet, dass ich also Mitsche oder Süß, so nenne ich ihn, totenblass vor Angst über die Terrasse rasen sehe, meinen Vater mit dem Rohrstock in der Hand ihm hinterher. Leipzig, das ist mein etwa gleichaltriger Freund Ralf, mein Dolmetscher in den Jahren der Stummheit, als mein verbales Vermögen darin besteht, „i-i“ zu sagen, und Ralf der Außenwelt erklärt, was I-I haben oder sagen will, denn nur sein gutes Herz ist imstande, I-I’s-Sprache in die der Erwachsenen zu übersetzen.

Dann, im Januar 1951, ziehen wir von Leipzig weg. Unser Vater unterrichtet an einem Gymnasium in einer anderen Stadt, in Querfurt. Seither habe ich an circa zwanzig verschiedenen Orten Deutschlands versucht, heimisch zu werden.

In meinen Träumen atme ich gierig den Geruch von Rübensirup ein, spiele mit den Kindern aus der Nachbarschaft Verstecken. Den Wegzug aus der Hannoverschen Straße erlebe ich in meinen allnächtlich wiederkehrenden Träumen wie eine Vertreibung aus dem Paradies. Die Hannoversche Straße ist stets die Endstation meiner Sehnsucht. Der Verlust der kindlichen Wurzeln schmerzt. Nirgendwo sonst habe ich mich so zu Hause gefühlt wie gerade dort. Erst in Budapest, wo ich zwischen 1968 und 1973 gelebt habe und wohin ich 1994 zurückgekehrt bin, ist es mir gelungen, wieder Wurzeln zu schlagen, mich heimisch zu fühlen. Überall sonst fühlte ich mich wie Ahasver.

Für kurze Zeit kehrt so etwas wie Leipzig noch einmal in mein Leben zurück, als Ralfs Mutter 1952 nach Hamburg verschwindet und deshalb den Sohn, meinen Freund, für vier Monate unserer Familie anvertraut, um in der westlichen Fremde erst einmal selbst Fuß zu fassen. Da mein Vater es nicht für nötig und ratsam hält, seine Umgebung am neuen Wohnort über die Herkunft des Jungen aufzuklären, gilt er in den Klatschgeschichten der Leute als der Kegel des alten Paukers, der damals noch nicht einmal seinen vierundvierzigsten Geburtstag gefeiert hat.

Dann aber verschwindet Ralf für immer. Erst in einer Jahrzehnte später aufgefundenen Akte, geführt von verantwortungsvollen Chronisten eines Landes, das mein Land nicht sein wollte, kommen meine nie beantworteten Briefe wieder zum Vorschein.

Heimat

Andreas, mit dem zusammen ich an der Martin-Luther-Universität in Halle in den obligatorischen Marxismusseminaren so manchen Ulk getrieben habe, ist in den siebziger Jahren als Dozent an einer Leipziger Hochschule tätig. Ein sensibel und zerbrechlich wirkender junger Mann, den vor allem sein ironisches Lächeln und seine ironischen Geschichten auszeichnen, die so gar nicht zu seinem späteren Schicksal passen wollen. Aber vielleicht war die für ihn typisch scheinende Ironie auch nur ein Überbleibsel aus der Schizophrenie seiner Kindheit, als sein Vater einen Vertrauensposten bei den Sowjets innehatte, den eines Direktors bei einer SAG, einer Sowjetischen Aktiengesellschaft, und seine Mutter vom Katholizismus nicht lassen wollte.

Andreas, die Inkarnation der Treue, heiratete gegen den Willen seiner Eltern, denen die Nazis immer ein Gräuel gewesen sind, ein Mädchen, dessen Vater, ein SS-General, nach dem Krieg zum Tode verurteilt und hingerichtet worden war. Andreas, praktizierender Katholik, hat sich in der Zeit real-sozialistischer Schikanen und unter dem Eindruck des Ausreisebazillus entschlossen, Leipzig die Treue zu wahren. Er will seine Heimat unter gar keinen Umständen verlassen; Staaten und Regime kommen und gehen, aber die Städte und Landschaften bleiben; die Menschen sollten es ebenso tun.

Er ist ein hochsensibler Romantiker; als sich seine Frau in einen anderen Mann verliebt und sich scheiden lässt, tritt er die einzige Flucht seines Lebens an. Nicht Leipzig kehrt er den Rücken, nein, dem Leben, er flüchtet sich in die geistige Umnachtung, in den Wahnsinn, worin er nun schon fast so lange wie einst Hölderlin, seit etwa zwanzig Jahren, verharrt.

Denke ich an Leipzig in der Nacht, bin ich nicht um den Schlaf gebracht, nein, aber ich denke an all meine Freunde dort, an meine Kindheit, an das verlorene Paradies, das beinahe ein Inferno geworden wäre.

Mir fällt eine Geschichte ein, die mir Andreas’ Schwester erzählt hat, aus der Zeit, als sie im Messebau tätig gewesen ist und für die Frau eines in Mexiko seiner Krebskrankheit erlegenen Führers der DDR und ehemaligen Bergmanns ein Büro eingerichtet hat. Durch einen Zufall war sie in die Leipziger Schaltzentrale der Macht gelangt, wohin ihr ein ehemaliger Kommilitone aus Prahlerei und Geltungsbedürfnis Zugang verschafft hatte. Dort zauberte der Prahlhans über die Betätigung verschiedener Knöpfe unterschiedlichste Plätze, Lokalitäten und Gebäude der Stadt auf den Bildschirm, so dass intime Einsichten in das Treiben der Leipziger Mitmenschen zu gewinnen waren.

Die Plätze, Straßen und Häuser existieren nicht mehr, zumindest nicht mehr so, wie sie in meiner Erinnerung leben. Hochhäuser haben die Gärten meiner Kindheit verdrängt, haben dem Boden, auf dem wir in einem verwunschenen Garten ein Lagerfeuer entfacht haben, um darin Kartoffeln garen zu lassen, die Unschuld geraubt. Auch die Landsberger Straße, wo ich meine Mutter nach ihren Hamstertouren an der Haltestelle Viertelsweg von der Straßenbahn abholte, erkenne ich kaum wieder. In der Erinnerung sehe ich eine junge, bildhübsche und wunderbare Frau aus der Straßenbahn steigen, zwei volle Eimer mit Kartoffeln und Gemüse in den Händen, auf dem Rücken einen schweren Rucksack. Ich spüre die Düfte aus der Waschküche in meine Nase steigen. Im Waschkessel rühren die Frauen – Verwandte, unsere auf dem Klavier Clownerien produzierende Kinderfrau und meine Mutter – abwechselnd die im eigenen Saft brodelnden Zuckerrüben um, aus denen, mit Kürbis gestreckt, wohlschmeckender Sirup entsteht. Von den ausgelaugten Rübenschnitzeln darf ich essen. Ich blicke hinüber zur Terrasse des Nachbarhauses, wo der Sohn des einstigen Chefarchitekten der Stadt, die Fotos von Tauchschern und der Einschulung geschossen hat. Das eine Bild zeigt mich in einer weißen Schürze, auf dem Kopf eine Kochmütze, Tränen in den Augen, weil ich doch so gern ein Trapper gewesen wäre. Ein anderes Bild legt Zeugnis von meiner Einschulung ab: weiße gehäkelte Kniestrümpfe aus Baumwolle und im Arm eine Zuckertüte. Auf zwei weiteren Bildern bin ich in roten Samthosen mit roten Samthosenträgern zu sehen, weißem Hemd, den beschriebenen weißen Kniestrümpfen und an den Füßen Igelit-Sandalen, deren oft reißende Riemen sich mit Hilfe eines über der Gasflamme zum Glühen gebrachten Messers wieder befestigen, anschweißen ließen, auf dem zweiten Bild in gleicher Ausstattung, diesmal aber in einer weißen kurzen Hose aus einem Baumwoll-Leinen-Gemisch, dem Stoff, der die riesengroßen Pakete umhüllte, die jährlich zweimal aus dem texanischen Brookshire von den um 1900 aus Galizien ausgewanderten und nie gesehenen Verwandten eintrafen.

Mein Fotograf darf 1963 als einer der ersten nach dem Mauerbau als Tennis-As zu einem Wettkampf in den Westen, nach Kiel, reisen und lässt, indem er das Vertrauen des ersten Arbeiter- und Bauernstaats in der deutschen Geschichte schamlos ausnutzt, die Rückfahrkarte nach Leipzig verfallen und nimmt sogar in Kauf, dass seine überempfindliche Mutter, die den Schritt des Sohnes zwar rational billigt, auf ihre letzten Tage in die Nervenheilanstalt umziehen muss, nach Dösen in die Klapsmühle, wo sie, die aus einer großbürgerlichen Familie stammt und teils in England zur Schule gegangen ist, mit ihrer Bettnachbarin französisch und englisch parliert.

In Gedanken suche ich den Südfriedhof am Fuße des Völkerschlachtdenkmals auf, das längst eingeebnete Grab meiner Großmutter Meta Pietraszewski, die mir viel von ihren Eltern hätte erzählen können und von ihren Großeltern, meinen Ururgroßeltern, die sich nach der von Hardenberg 1812 auf den Weg gebrachten Judenemanzipation nicht hatten entschließen können, sich taufen zu lassen. Und noch mehr hätte sie mir vermutlich von ihrem Mann, dem galizischen Großvater, erzählen können.

Unsere Toten leben in uns weiter. Meta Pietraszewski hat sich vor drei Jahren aus ihrer längst eingeebneten letzten Ruhestätte auf eine zweitletzte Reise nach Budapest begeben, um in ihrer Urenkelin Rachel Meta fortzuleben. Pest-Gohlis, eine Zusammensetzung aus Budapest und Leipzig, so heißt die Stadt meiner Geburt. Ihr bin ich in meinem Sein, das von der Vergangenheit über die Gegenwart zur Zukunft eine Brücke schlägt, auf der meine Fantasie hin und her wandelt, engstens verbunden, sie ist meine Heimat.

Was ist Heimat? Ist Heimat nicht auch all das an Erlebtem, was dich belastet, was du gern verdrängen würdest? Sind nicht auch all die Orte deiner Kindheit, deiner Jugend Heimat, nicht all die Menschen, an die du dich gern erinnerst, weniger gern oder eigentlich höchst ungern? Ist Heimat nicht auch das, was du abgelehnt, worunter du gelitten hast? Und die Sprache? Sie setzt sich über alle erlittene Schmach hinweg. Lässt sich nicht abschütteln, ist deine Seelenhaut. Und wenn die Risse bekommt, setzen Atemstörungen ein, die zu Krankheit und Tod führen. Oder zu Seelenlosigkeit.

Gemeinsamkeit

Hager, blond oder vielleicht doch nicht wirklich blond: Marlene. IM Paris. Ausgerechnet dieses der Chemie zu verdankende Blond war mir aufgefallen. Ich war neunzehn und kannte mich in den Raffinessen, derer das weibliche Geschlecht fähig ist, noch nicht aus. Marlene sprach deutsch mit leichtem französischem Akzent. Dabei konnte sie gar kein Französisch. Noch acht Jahre zuvor war Deutsch für sie eine Fremdsprache gewesen. Französisch war so etwas wie ihre Muttersprache, die sie aber in den letzten Jahren vergessen hatte. 1940 in Paris geboren, im Exil der Eltern, die 1933 als Zwanzigjährige Deutschland den Rücken gekehrt hatten, war sie aufgewachsen wie eine Französin. Selbst zu Hause wurde französisch gesprochen. Deutsch, die Sprache der verhassten Nazis, war verpönt. Auch ihr Charme machte einer Französin alle Ehre. Nichts an ihr schien einer Deutschen, genauer gesagt einer Ostdeutschen, zu ähneln. Mit vierzehn kehrte sie in die Heimatstadt der Eltern zurück, um Französisch zu vergessen und lediglich den Akzent beizubehalten, Deutsch allerdings nie ganz fehlerfrei zu erlernen. Mit sympathisch hilflosem Lächeln versagte ihr die Zunge den Gehorsam, wenn es niemand vermutete. Gute Voraussetzungen für eine Bühnenkarriere, könnte einer meinen.

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