Mike Nebel Komparsen-Blues
Komparsen-Blues
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Mike Nebel Komparsen-Blues

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„Machen Sie weiter, das gefällt mir!“, wurde ich von ihm unterbrochen und zugleich ermuntert.

„Seien wir doch mal ehrlich. Was passiert denn schon, wie ist denn tatsächlich die Situation? Da liegt der Rassehund in seiner Stadtvilla im Grunewald, lässt sich an warmen Sommertagen den Hundebauch am Pool kraulen und frisst sich gedankenlos durch den Tag. Und sonst? Was ist für ihn von Bedeutung? Er hat im schlimmsten Fall von Herrchen und Frauchen gelernt, sich von den Straßenkötern abzuheben, der piekfeine Terrier oder die versnobte Pudeldame mit Söckchen aus Hermelin, die von Madame an kalten Tagen über die Pfoten gestülpt werden. Und nur so nebenbei, für den Preis einer Packung Hundefutter gehe ich dreimal Minipizza essen, so sieht es doch aus in unserer kranken Gesellschaft!“

Pause. Ich hatte mich aufgeregt und musste mich beruhigen. Ich sollte in die Politik gehen, ging mir durch den Kopf. Dann ließ ich mein abschließendes Statement folgen. Jetzt kam der finale Schlag, quasi der Knock-Out.

„Der Mensch, definiert als konsumgetriebenes Wesen, differenziert sich auch über Hundefutter und wenn es der Mensch tut, tut es zwangsläufig sein Hund auch, so ist das, basta, keine weiteren Fragen, ich muss mich beruhigen!“

Stille. Er lächelte und warf mir den nächsten geistigen Brocken zu, nach dem ich schnappen sollte.

„Sehr gut, und jetzt sage ich Ihnen ein zweites Wort, was Sie sicherlich auch schon mal gehört haben. Es lautet: Marken! Und wenn ich jetzt beides miteinander kombiniere, dann ergibt das,…na was ergibt das dann?“

Ich neigte früher dazu, wenn man mich mit bestimmten Fragen aus der Reserve locken wollte, meinen Kopf etwas zur rechten Seite kippen zu lassen, ähnlich wie es eben auch Hunde manchmal tun.

„Hundefutter-Marken!“ blökte ich erfreut in den Raum.

„Und jetzt das Ganze andersrum!“, forderte er mich freudig schreiend auf.

Ich drehte meinen Kopf hoch in Richtung Deckenstrahler und dachte kurz über das „andersrum“ nach. Ohne meine Antwort abzuwarten, riss er sich aus seinem Ledersessel empor und donnerte seinerseits in die Weiten seines nicht gerade klein geratenen Büros. „Marken-Hundefutter, oh Mann, ich rede von Marken-Hundefutter, kapiert?“ Er war sehr erregt. Ich hätte nie gedacht, was eine einfache Packung Hundefutter mit einem Menschen so alles anrichten kann. In diesem Moment war ich mir ziemlich sicher, dass ich ihn nur noch in seiner grandiosen Erkenntnis bestätigen musste, um mir diesen Job zu angeln.

„Sag ich doch, darum geht es heutzutage, Marken-Hundefutter. Ein Thema, was meiner Meinung nach maßlos unterschätzt wird, wirtschaftlich wie auch gesamtgesellschaftlich betrachtet, meine ich.“ Meine Bestätigung war ein Treffer. Ich wusste, ich werde Hundefuttermann. Ich hätte überhaupt kein Problem damit gehabt, mit ihm den ganzen Tag nur über Hundefutter zu reden, zumal ich an diesem Tag sowieso nichts Besseres vorhatte. Dann holte er erneut aus und ließ dabei seine Arme kreiseln, etwas was ich aus irgendeinem Film kannte. Während seine Arme Kreise in die Luft malten, überlegte ich, aus welchem Film ich dieses dämliche Getue kannte.

„Was ist ein Kilo Pansen ohne einen Markennamen und ohne ein Markenschild? Richtig, mein Junge, nichts außer ein dreckiger, stinkender Haufen Mist, den Hunde fressen.“ Nun unterbrach ich ihn, erhob meinen linken Zeigefinger, beugte mich zu ihm vor und fiel ihm ins Wort.

„Und ein Kilo Pansen mit einem Markennamen und einem Markenschild ist alles.“ Ich fuhr, vor Erregung fast platzend, meinen Monolog fort. „Wenn wir diese Geschichte den Leuten nur lange genug ins Hirn hämmern, den Leuten und den Tieren, dann zahlen sie den Preis von drei Minipizzen, obwohl Pansen vielleicht nur die Hälfte von einer Minipizzahälfte kostet. Die Scheiße schmeckt sowieso immer gleich, egal, ob wir über Minipizzen oder Pansen reden.“ Er gaffte mich verdutzt an, da er wohl dachte, ich würde wissen, wie Pansen schmeckt. Wir beruhigten uns wieder, ließen uns in unsere Ledersessel fallen und er begann mir zu erklären, was ich in meinen neuen Job tun müsste. Meine Aufgabe würde es sein, von Haus zu Haus, von Wohnung zu Wohnung zu laufen, um zuerst eine sogenannte Testverkostung am lebenden Objekt, sprich am Hund, durchzuführen. Dann würde mit Frauchen oder Herrchen oder auch beiden, der Teil der Fragen folgen, wobei ich die Antworten in Fragebögen kritzeln müsste. Für den Fragenteil drückte er mir Hunderte Fragebögen in die Hand, für den Fütterungsteil sollte ich Dutzende von 1,5 Kilo Packungen eines vollkommen neuen Hundefutters mit auf den Weg bekommen. Er verschwand kurz hinter seinem Schreibtisch und zog eine Packung von eben diesem noch nie dagewesen Hundefutter hervor. Beste Qualität, neu aufeinander abgestimmte Nährstoffe, neues Geschmackserlebnis. Er pries mir das Futter mit einer Inbrunst an, als ginge es um Leben und Tod. Alles war so unglaublich neu an diesem Produkt und ich als Hundefuttermann mittendrin. Ich hatte nur noch darauf gewartet, er würde hinzufügen: „….und das Zeug ist sogar weltraumgetestet. Haben Sie verstanden? Weltraumgetestet!“

„Dies ist das neue Trockenfutter, um das es geht. Damit gehen Sie auf Reise. Wie gesagt, rein in die Wohnung, Verkostung durchführen, Fragebogen ausfüllen und seien Sie immer schön nett und freundlich. Lesen sie vorher was über Hunde, es macht sich immer gut, wenn Sie ihre Kunden besser kennen und eine Dogge von einem Dackel unterscheiden können. Sie kriegen einen Ausweis, dann sind Sie offizieller Marktforscher im Feld, und los, Feuer frei!“

Danach bekam ich noch ein paar Erklärungen zum Produkt eingebläut, welche die ganze Angelegenheit aber nicht gerade einfacher machten. Das Trockenfutter war angeblich nicht für jeden Hund geeignet. Besser gesagt, die Marketingfritzen derer, die die Brocken herstellten, waren allen Ernstes der Meinung, dass nur mittelgroße Hunde ab fünfzehn Kilo Lebendgewicht auf das staubtrockene Zeugs abfahren würden. Für alle kleineren Rassen und zu kurz geratene Mischlinge sollte der Fraß angeblich einfach nichts sein. Es passe einfach nicht zu dieser Zielgruppe, erklärte mir der Typ ernsthaft. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ein hungernder Rauhaardackel den Unterschied erkennen würde, ob irgendein Trockenfutter nicht für ihn speziell gemacht worden ist, sondern nur für seine deutlich größeren Artgenossen. Nein, das würde er nicht tun. Er würde sich genauso darauf stürzen, wie auf die Kartoffelschalen, die er unter dem Küchentisch finden würde. Eines war mir klar, bei mir wird jede noch so kleine Töle das Zeug testen, also fressen dürfen. Das Einzige, was aus Sicht meines neuen Bosses noch fehlte, war das Gebiet, welches ich beackern sollte. In seinem Büro hing an einer Wand ein übergroßer Stadtplan von Berlin. Ich schätzte die Karte auf ungefähr vier Meter in der Höhe und sechs Meter in der Breite. Ein wahrhaftiges Ungetüm, welches jede noch so kleine Straße der Stadt verschlang. Von Spandau bis tief nach Ostberlin rein war alles drauf. Der Osten war nur farblich grau unterlegt, wie üblich zur damaligen Zeit. Wir standen kaum eine Armlänge von der Karte entfernt stumm nebeneinander und mein Blick blieb auf dem Grunewald kleben. Ich zeigte wortlos genau dorthin, wie ein Kind, was sich von drei Lutschern genau einen aussuchen darf. An seinem Kopfschütteln erkannte ich, dass er das wohl anders sah. Er musterte mich kurz von Kopf bis Fuß und schloss seine Kurzanalyse meines Äußeren mit einem weiteren, heftigeren Kopfschütteln ab. Er war wohl der Meinung, dass ich für dieses Gebiet nicht ausreichend adrett wirkte. Na gut, wenn schon nicht dort, dann wenigstens in meinem Heimatbezirk, im Wedding. Dort kannte ich mich bestens aus. Die Leute dort hatten zwar wenig Geld, aber es gab tausende kleiner Recken. Mir war klar, dass Stadtteile wie Kreuzberg und auch mein geliebtes Schöneberg, in dem ich zwischen Yorkstraße und Mehringdamm so gut wie jede Kneipe kannte, schon deshalb nicht in Frage kamen, weil dort Typen, die mit einem Fragebogen in der Hand an fremden Türen klingeln, um unbekannterweise persönliche Fragen stellen zu wollen, einen derartigen Tritt in den Arsch bekommen, dass sie im Sturzflug durchs Treppenhaus fliegen würden. Noch überlegte mein Boss und ließ seinen Blick quer über die Stadt wandern. Oh Mann, wo will der Typ mich bloß hinschicken? Bitte, bloß nicht nach Spandau oder Tegel, da ist doch der Hund begraben, flehte ich in meinem Kopf. Ich musste ihm mit einem guten Vorschlag zuvorkommen und tippte meinen Finger auf den Wedding. Ich sang sodann ein Loblied auf diesen Stadtteil, dort, wo Frauchen und Herrchen noch ihr letztes Hemd für ihre Teckel geben würden. Dort wäre ich richtig aufgehoben, dort muss ich hin. „Glauben Sie mir, im Wedding gibt es genauso viele Hunde wie Menschen, und ich kenn jeden Baum, an dem sie ihr Bein heben,…also, die Hunde in der Regel.“ Er überlegte kurz und sagte: „Gut, der Wedding gehört Ihnen. Durchpflügen Sie ihn tief und gründlich! Seien Sie ein Fischer! Werfen Sie ihr Netz aus und kommen Sie mit reichlich Beute zurück!“ Ein interessanter Vergleich, dachte ich mir, ich bin also auch ein Fischer. Ein Hundefuttermann und ein Fischer. Die Sache war geritzt.

Ich gab ihm jedoch auch zu bedenken, Wochen würde ich möglicherweise brauchen, um den Wedding zu durchkämmen, und dass ich viele Packungen Hundefutter mitnehmen müsste, sehr viele. Er beruhigte mich, ich könne jederzeit genug Nachschub bekommen. Und was die Zeit angeht, zwei Wochen hätte ich Zeit, keinen Tag mehr. Mein Boss gab mir meine sechs Packungen Trockenfutter und eine Broschüre mit auf den Weg, in der all die famosen Vorteile des Futters zusammengefasst waren. „Durchlesen! Merken! Machen!“ waren seine letzten Worte, dann drückte er mich aus der Tür. Ich stapelte diese äußerst unhandlichen und sperrigen Pappkartons übereinander, schleppte sie das Treppenhaus hinunter, dann in die U-Bahn, dann wieder hoch auf die Straße, dann in meine Bude, um sie schließlich in meiner Küchenspüle fallenzulassen. Dort lagen sie dann und ich starrte sie minutenlang an. Was hatte ich mir denn da für einen unsinnigen Job eingebrockt? Ein Mann läuft zu Fuß, an beiden Armen Plastiktüten, vollgestopft mit Hundefutterpackungen, quer durch Berlin, um dann das Zeug an mittelgroße Hunde zu verfüttern und sie nach dem Geschmack zu fragen, ohne zu wissen, hinter welcher Tür sie überhaupt zu finden sind? Wie war ich denn drauf? Ich versuchte etwas runterzufahren, nahm mir eine Packung und schüttelte sie ein wenig. Das Rascheln der Brocken klang beruhigend und meine Gedanken kreisten wieder um all die Hundebesitzerinnen, auf die ich treffen werde. Dies war der einzige Antrieb, den ich für diesen wirklich merkwürdigen Job hatte. Zeit mit den alleinstehenden Frauen in ihre Wohnungen verbringen zu können. Für was auch immer. Wahrscheinlich werden sie von ihrer Liebe zu ihrem Hund erzählen und von ihrem ach so eintönigen Leben, was noch eintöniger wäre, wenn ihr bester Freund nicht bei ihnen wäre. Vielleicht würden wir auch nur zusammen ein wenig das Vormittagsprogramm im TV sehen und den Hund beim Fressen beobachten. Nun ja, auch nicht schlecht, hätte schlimmer kommen können. Ich musste mir nur irgendwie überlegen, wie ich am besten in die Wohnungen gelangen könnte. Die Zeit war reif für einen Plan. Ich verzog mich in meine Stammkneipe und bastelte mir etwas zurecht, was ich, ohne dass ich in überschwängliche Übertreibung verfiel, als fast schon genial betrachtete. Mein Plan sah wie folgt aus: Zuerst verschaffe ich mir mit einem unzweifelhaft miesen, jedoch wirkungsvollen Preisausschreibentrick Zutritt. Diese Masche bedeutet nichts anderes, als dass ich in einer kleinen Eröffnungsrede von großen Gewinnen in naher Zukunft und kleineren bereits heute reden werde. Im Anschluss an meine vollmundigen Ankündigungen folgt die Präsentation einer Packung Hundefutter mit einer anschließenden ausgiebigen Fressprobe für den Vierbeiner. Zu guter Letzt werde ich mit Frauchen oder Herrchen gemeinsam den Fragebogen in gemütlicher Atmosphäre bei einem Drink und etwas Knabbergebäck ausfüllen. Jeder, der mitmacht, nimmt an meinem Preisausschreiben teil. Fernreisen und kiloweise Trockenfutter winken. Abrunden werde ich die ganze Prozedur zum Abschied mit einem Handkuss, sofern es sich um die Dame des Hauses handeln sollte. Dazu festes und ehrlich gemeintes Daumendrücken für den bestimmt kommenden Hauptgewinn. Soweit zur Theorie.

Mir ging natürlich auch durch den Kopf, und was durchaus naheliegend war, sämtliche Fragebögen ganz einfach selbst auszufüllen und die Futterbrocken im Park an die Umherstreunenden zu verteilen. Sicher, das alles hätte ich machen können, doch dann hätte ich jedoch nie erfahren, was sich hinter den Türen im tiefsten Wedding so abspielte, und genau das wollte ich wissen. Der Moment kam, in dem sich der Hundefuttermann an eine große, wuselige Kreuzung mitten im Bezirk begab. Dieser Ort sollte sozusagen mein Startpunkt meines Ausschwärmens für die kommenden zwei Wochen werden. An meinen Armen hingen Plastiktüten, die vor lauter Hundefutter bis zum Reißen gespannt waren. Ich sah, wie an jeder Ecke Gassi gegangen wurde, auf den Gehwegen, in den Parks, in den U-Bahnschächten. Meine Kundschaft lief mir ständig über den Weg und oft auch fast in mich rein. Es war überhaupt nicht notwendig, irgendwo blind an irgendwelchen Türen zu klingeln, um zu sehen, ob ein Hund Familienmitglied ist oder nicht. Etwas, was ich mir auch sehr mühsam vorstellte. Das Einzige, was ich tun musste, war, mich an ihre Fersen zu heften und ihnen bis in ihre gemütlichen Wohnstuben zu folgen. Die Krux an der Sache war nur, ich hatte keinen Schimmer, ob Herrchen oder Frauchen im Begriff waren, ihre Tour zu beenden oder ob sie sich gerade erst am Anfang ihrer Route befanden. Lief ich einem Frauchen bereits erfolglos eine viertel Stunde, in ausreichendem und sehr wohl professionellen Abstand hinterher, und ich bemerkte ein zweites interessantes Duo, welches meinen Weg kreuzte, sah ich mich oft genug gezwungen – in der Hoffnung, endlich zum Ziel zu gelangen –, von einem Pärchen zum nächsten zu wechseln. An manchen Tagen musste ich mehrere Male diesen fast zwanghaften Wechsel meiner Zielpersonen über mich ergehen lassen. Lief es ganz schlecht, wirkte es, als hinge ich in einer Zeitschleife fest, die mich hin und wieder fast schon zermürbte. Aber nur fast, denn oft genug flutschte es gut und ich hatte das richtige Timing. Waren wir erst einmal am Zuhause angekommen, schob ich einfach nur, um ein Zufallen zu verhindern, meinen Fuß in die Eingangstür des Wohnblocks und folgte mit etwas Abstand unauffällig mit tief ins Gesicht gezogener Pudelmütze und gesenktem Haupt ins Treppenhaus. Dort wartete ich ein Stockwerk tiefer einige Minuten, lauschte meinem Herzschlag, zog dann meine Pudelmützentarnung vom Kopf, versuchte mein Haar zu glätten, klemmte meinen Marktforschungsausweis zwischen die Zähne, packte mit beiden Händen nach den randvoll mit Packungen gefüllten Tüten und schob mich die letzten Stufen bis zum alles entscheidenden Ort der Kontaktaufnahme empor. Das war die ganze Prozedur der Kontaktvorbereitung. Immer wieder. Ich empfand mich fast wie eine männliche AVON-Beraterin, ich klapperte wie eine Ein-Mann-Kolonne die Türen ab. Was ich hinter all den Türen antraf, lässt sich wohl am treffendsten mit einem Querschnitt derer beschreiben, die so gut wie nie auf der Sonnenseite des Lebens standen. Es erstaunte mich schon etwas, dass viele in einem Zustand hausten, der sogar noch weit unter dem lag, den ich tagtäglich pflegte. Nicht eine lasziv rekelnde Arztgattin traf ich an. Eine kleine Analyse meinerseits zeigte immerhin, dass ich in achtzig Prozent aller Fälle mit Frauen zusammen war. Es zeigte sich nämlich, auch wenn ich mich ausschließlich an Frau mit Hund heftete, ich keineswegs nur mit ihnen die Zeit verbrachte. In einigen Fällen wurde ich nach Einlass von der Frau an den Mann übergeben, was ich innerlich mit einem enttäuschten „Nun denn, wenn es denn sein muss“ kommentierte. Doch letztlich stimmte die Quote. Ein kleiner Teilerfolg, doch Quantität ist ja bekanntermaßen nicht alles. Einen wirklich bleibenden Eindruck hinterließ eine junge Jugoslawin, die in einem Nachtclub an der Bar arbeitete. Sie erzählte mir, dass sie zur Animation der Gäste eine sogenannte Baby-Doll-Nummer abzog. Da ich keine richtige Vorstellung von einer Baby-Doll-Nummer hatte, zog sie sich rasch um und kam in ihrem Kostüm zurück in die Stube. Jetzt verstand ich. Alles an ihr, außer ihrer Haut, war nun rosafarben. Sie trug auf ihrem Kopf eine plüschartige Bommel, eine weitere an ihrem Hintern, und war in ein rosa Korsett gestopft. Untenrum blickte ich auf einen sehr dezent angedeuteten Slip. Oder so etwas. Sie stand kaum einen Meter von mir entfernt, ich saß tief auf ihrer Couch, und sie tanzte und drehte sich mehrmals für mich im Kreis. Ich applaudierte der kleinen, gelungenen Vorstellung. Was mich nicht weniger beeindruckte, war ihr Körperbau. Ich meine nicht ihren Körper, vielmehr ihren Körperbau. Sie war eine ausgesprochen muskulöse und breite Person. Ich hatte vorher noch nie eine derart bepackte Frau bestaunen dürfen. Was sie tat, war nicht so etwas wie Fitness oder Gymnastik, sie machte Kraftsport. Und genauso sah sie auch aus. Enorme Schultern und Oberarme. „Fass mal an“, sagte sie zu mir und ich wusste in diesem Moment nicht richtig, wohin ich fassen sollte. Ich dachte instinktiv an ein bestimmtes Körperteil, doch konnte ich mir nicht vorstellen, dass auch sie dieses meinte. Sie spannte ihren Oberarm an und ich fühlte an ihm. „Ufff!“ Und wieder machte ich: „Ufff!“ Es war der härteste Muskel einer Frau, den ich je berühren durfte. Sie warf sich zu mir auf die Couch und wir sprachen über das, was sie in dem Nachtclub tat. Für mich war sie eindeutig keine Prostituierte, sie war eine Bardame mit Bommeln dran. Mehr nicht. Erst spät kramte ich meinen Fragebogen heraus und wir tranken, was sie hatte. Es gab Weinbrand zum Kaffee. Danach gab es braunen Rum zum Kaffee. Wir tranken und redeten und ich ließ den Fragebogen unangetastet dahindämmern. Sowieso war erst ihr Hund dran, ein ausgewachsener Schäferhund, der währenddessen die ganz Zeit in der Küche lag. Er blieb dort, weil sie es wollte. Und wolle sie etwas anderes von ihm, dann, so ihre Worte, würde er hart drauf gehen. Auf jeden. „Er ist auch so etwas wie meine Waffe….“, sagte sie mir mit einem belanglosen Schulterzucken. Ich war der Meinung, sie war ausreichend bewaffnet, sie hatte ihren Hund und sich selbst. Um diese Frau musste sich wirklich niemand sorgen. Nur machte ich mir ganz andere Sorgen, als wir in ihre Küche zur Fütterung gingen. Der Napf des Hundes war nicht nur mit Resten irgendwelchen Nassfutters besudelt, er war voller Kakerlaken. Lebender Kakerlaken. Und es gab sie nicht nur im Napf. Überall in der Küche schleppten sich Kakerlaken über den Linoleumboden. So viel Weinbrand und braunen Rum konnte ich gar nicht trinken, um diesen Anblick ohne Ekel zu überstehen. Sie hielt mir ein Einwegglas vor die Nase, normalerweise erwartet man darin Apfelkompott, doch war das Glas gefüllt mit toten Kakerlaken. Sie sammelte die Tiere und bewahrte sie in Einweggläsern auf. Und was sie nicht sammelte, fraß ihr Hund. Ich bekam einen anderen Blick auf ihre Baby-Doll-Nummer. Baby-Doll war nicht mehr so schön wie vorher. Baby-Doll hatte einen Makel bekommen. Als wir uns verabschiedeten, sagte sie mir, sie würde sich freuen, mich mal im Club zu sehen. „Ich mache viel Baby-Doll für dich, komm doch bitte!“ Während sie das sagte, drehte sie sich in der Türschwelle ein letztes Mal für mich und wackelte gekonnt mit ihrer Oberweite. Ich versprach ihr, sie zu besuchen, bekam einen Kuss und ging. Ich blendete die Kakerlaken aus und es war rundherum ein schöner Vormittag, auch wenn mein eigentlicher Auftrag überhaupt nicht in Erscheinung trat. Nun stand mein letzter Tag als Hundefuttermann bevor. Zwei Wochen waren rum und ich hatte kiloweise Futter in die Näpfe purzeln lassen und Fragebögen beschrieben was das Zeug hielt. Meine ausgeklügelte Preisausschreibenmasche entwickelte sich schnell als Rohrkrepierer, da die Leute von mir nicht nur vollmundige Ankündigungen hören, sondern schwarz auf weiß irgendetwas sehen wollten, wie „Jedem, der bei dem Fragebogen mitmacht, garantiere ich, Ronny Luschke höchstpersönlich, eine 99,9%ige Gewinnchance auf eine Fernreise zu den Pygmäen!“ Doch so etwas gab es natürlich nicht. Ich faselte nur erfolglos davon, und schon nach kurzer Zeit verschwand dieser angebliche Trick aus meinem Kopf. Ich beließ es dabei, oft nur an den Haustüren mit den Packungen zu rascheln wie der Weihnachtsmann. Ich schob mich schon am Morgen meines letzten Arbeitstages auf eine Parkbank, um Ausschau nach Frau-Hund-Pärchen zu halten. Mein Paket bestand aus noch fünfzig Fragebögen und vier Packungen Trockenfutter. Bei normaler Arbeitsweise zu viel für einen Tag. Viel zu viel für einen Tag. Wer jedoch auf einer Parkbank mit einigen Packungen neusten Trockenfutter sitzt, braucht nicht lange zu warten, bis er von den ersten Hunden umzingelt wird. Die Köter nahmen ganz einfach Witterung auf und zerrten an den Leinen, bis sich, samt Anhang, eine große Traube um mich herum bildete. Einer von ihnen hob sich aus der Masse deutlich hervor. Ich tippte auf Bulldogge. Gedrungene Gestalt, kurze Beine und vor Kraft nur so strotzend. Er riss förmlich wie ein Berserker an der Leine, sodass Frauchen ins Schwanken geriet, sich der Kraft ihres Rüden schließlich ergab und von ihm zu mir gezogen wurde. Der Kerl war vollkommen seinem Fresstrieb erlegen und er stopfte seinen Kopf tief in jede meiner Plastiktüten. Ich entschied mich spontan für diesen triebhaften Rüden als ersten Testfresser für den letzten Tag. Hin und wieder passierte es auch mal, dass der Hund und nicht die Frau den entscheidenden Impuls für eine Verfolgung gab. An der Leine des Hundes war eine Frau von dürrer Gestalt mit krummem Rücken. Sie sah viel älter aus, als sie wahrscheinlich war. Diese Frau wirkte auf mich wie eine Hexengestalt. Ihr Haar bestand aus dünnen, spröden, langen und schwarzen Fäden, die nicht vollständig ihren Kopf abdeckten. Irgendwo fehlte immer was, wodurch man an einigen Stellen ihre Kopfhaut sehen konnte. Ihr Kopfhaar erinnerte mich an ein Bündel Fäden, die man auf der Kirmes beim Fadenziehen in die Hand bekommt. Und an ihrer Seite war ein Hund, der wie ein zu kurz geratener Schwergewichtsboxer daherkam und einfach nicht zu ihr passte. Hätte ich in diesem Moment genau darüber mal näher nachgedacht, …nun, ich tat es nicht. Sie zog so lange mit ihrer fehlenden Kraft an dem Tier, bis er schließlich ein Erbarmen mit ihr hatte und beide davontrotteten. Ich erklärte der verbleibenden Menge an Menschen und Hunden, dass die Schnüffelstunde nun vorbei wäre und musste zusehen, dass ich den Anschluss zu dem triebhaften Rüden mit der Hexenfrau mit den Fäden am Kopf nicht verlor.

Am Türschild stand „Schmidtke“, schlecht leserlich mit einem Kuli draufgekritzelt. Ich brachte mich in Position, stellte mich gerade auf und läutete. Die Haustür ging auf, Frau Schmidtke schaute durch einen kleinen Spalt, fixierte mich für einen Moment grimmig mit zusammengekniffenen Augen und schlug die Tür wieder zu. Ich war mir sicher, dass sie mich erkannt hatte. Nur wenn sie sich doch an mich erinnern konnte, warum schlug sie dann ohne zu zögern die Tür so schnell wieder zu? Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass sie das tat, weil sie mich wiedererkannte. Ich stand vor einer verschlossenen Tür und machte keinerlei Anstalten wieder meines Weges zu gehen. Ich stand einfach da und schaute mich im Treppenhaus um. Es war ein merkwürdiges Gefühl, nicht zu verschwinden, obwohl Frau Schmidtke mir die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte. Ich war zum ersten Mal in einer solchen Situation. Normalerweise öffneten die Leute und wenn sie nicht interessiert waren, wurden die üblichen Dinge wie „Ich kaufe nichts und mein Hund auch nicht.“ gesagt. So in der Art halt. Auf dem Weg nach unten, drehte ich wieder um und ging zurück an die Tür von dieser Frau Schmidtke. Mir ging so etwas wie eine FBI-Masche durch den Kopf. So nannte ich es in diesem Moment. An meinem letzten Tag wollte ich irgendwie noch einen besonderen Moment, mir war nach einer kleinen gespielten Szene. In den Hauptrollen Frau Schmidkte und ich, beide Akteure lediglich getrennt durch ihre Wohnungstür. Ich wusste zwei Dinge: Frau Schmidtke war in ihrer Wohnung und ich als Hundefuttermann war mit meinem Ausweis in offizieller Mission unterwegs. FBI- Agenten geht es nicht anders. Auch sie wissen, dass die Zielperson hinter einer Tür steckt und auch sie haben einen klaren Auftrag, den sie erfüllen müssen. Ich wollte es drauf anlegen. Es war Mut. Ich wurde wieder von Mut erfasst und dachte an den Esel, den ich vertreiben wollte, wie einen bösen Geist, läutete ein zweites Mal, wartete einen kurzen Moment und begann, anfangs etwas verhalten, gegen die verschlossene Haustür zu reden.

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