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Морган Райс Herrscher, Rivale, Verbannte
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Stephanias Schreie wurden einen Moment lang noch greller. Sie schienen sich zu einem Crescendo zu steigern, das sich mit den Gesängen der Priester in perfekter Weise ergänzte. Es folgte ein Wimmern. Irrien bezweifelte, dass sie das überleben würde. Doch das war ihm gerade egal. Sie erfüllte ihren Zweck, indem sie der Welt zeigte, wer hier der Herrscher war. Alles andere war unnötig. Beinahe geschmacklos.
Irgendwo inmitten dieses Lärms mischte sich ein neues Geschrei, das des Neugeborenen, unter das von Delos’ schönster Adliger. Irrien trat wieder an den Altar und breitete seine Arme aus, um so die Aufmerksamkeit der Zuschauenden zu gewinnen.
„Wir sind hergekommen und das Reich war schwach. Also haben wir es eingenommen. Ich habe es eingenommen. Die Schwachen sollen dienen oder sterben und ich bestimme, welches Schicksal ihnen gehört.“
Er wandte sich dem Altar zu, auf dem Stephania lag. Ihr Kleid war zerschnitten worden und so kleidete sie jetzt zu gleichen Teilen Blut und Gedärme wie Samt und Seide. Sie atmete noch immer, doch unregelmäßig. Solch eine Wunde würde eine schwache Person wie sie es war nicht einfach wegstecken können.
Irrien blickte die Priester an und nickte in Richtung von Stephanias ausgestrecktem Leib.
„Schafft das weg.“
Sie beeilten sich, ihm zu gehorchen und trugen sie davon, nachdem einer der Priester ihm das Kind wie ein Geschenk von größtem Wert überreicht hatte. Irrien starrte es an. Es kam ihm komisch vor, dass ein solch kleines und schwaches Ding eine Gefahr für jemanden wie ihn darstellte, doch Irrien war kein Dummkopf, ein solches Risiko einzugehen. Eines Tages würde der Junge zu einem Mann herangewachsen sein, und Irrien hatte mehrfach erfahren müssen, was geschah, wenn ein Mann nicht das bekam, was er glaubte zu verdienen. In seiner Zeit als Erster Stein hatte er mehrere Male töten müssen.
Er legte das Kind auf den Altar und wandte sich erneut an das Publikum während er sein Messer zog.
„Seht alle her“, befahl er. „Seht her und vergesst nie, was ihr gesehen habt. Die anderen Steine sind nicht hier, um diesen Sieg zu vollziehen. Ich aber bin es.“
Er drehte sich wieder zum Altar und wusste in der selben Sekunde, dass etwas nicht stimmte.
Dort stand eine Gestalt, ein jungaussehender Mann mit knochenweißer Haut, hellem Haar und Augen von einem dunklen Bernsteinton, der Irrien an den von Katzen erinnerte. Er trug ein Gewand, das an den Stellen hell war, wo das der Priester dunkel war. Er zog ohne Ekel sondern eher mit einem gewissen Interesse seinen Finger durch das Blut auf dem Altar.
„Ah, Lady Stephania“, sagte er mit einer Stimme, die ausgeglichen und angenehm und wahrscheinlich falsch war. „Ich habe ihr angeboten, meine Schülerin zu werden. Sie hätte mein Angebot annehmen sollen.“
„Wer bist du?“ fragte Irrien. Er veränderte seinen Griff um das Messer von einem zum Hinrichten zu einem zum Kämpfen geeigneten. „Wie kannst du es wagen, meinen Sieg zu stören?“
Der andere Mann breitete seine Hände aus. „Ich will dich nicht stören, Erster Stein, aber du wolltest gerade etwas zerstören, das mir gehört.“
„Etwas...“ Irrien erkannte erstaunt, was der Fremde meinte. „Nein, du bist nicht der Vater des Kindes. Der ist ein Prinz dieses Landes.“
„Das habe ich auch nicht behauptet“, sagte der andere Mann. „Aber mir wurde das Kind als Bezahlung angeboten, und ich bin gekommen, um diese Schuld einzutreiben.“
Irrien konnte spüren, wie er wütend wurde. Er umklammerte den Griff seines Messers noch stärker. Er drehte sich zu seinen Wachen, um ihnen zu befehlen, den Narren festzunehmen. Erst jetzt bemerkte er, dass die Anderen sich nicht mehr bewegten. Sie standen wie hypnotisiert da.
„Ich sollte dir wohl meinen Glückwunsch aussprechen, Erster Stein“, sagte der Fremde. „Wie ich feststellen musste, haben die meisten Männer, die von sich behaupten, mächtig zu sein, eigentlich einen schwachen Willen, aber du scheinst nicht einmal meinen... kleinen Trick bemerkt zu haben.“
Irrien drehte sich erneut zu ihm. Er hielt jetzt Stephanias Kind in seinen Armen und wiegte es in einer erstaunlich fürsorglich anmutenden Weise.
„Wer bist du?“ fragte Irrien. „Sag es mir, damit ich es auf deinen Grabstein schreiben lassen kann.“
Der andere Mann hob nicht einmal seinen Blick. „Er hat die Augen seiner Mutter, oder was meinst du? Bei den Eltern wird er zu einem starken und gutaussehenden Mann heranwachsen. Ich werde ihn natürlich ausbilden. Er wird ein gefürchteter und todbringender Kämpfer werden.“
Irrien machte ein wütendes Geräusch, das tief aus seiner Kehle zu kommen schien. „Wer bist du? Was bist du?“
Jetzt blickte der andere Mann zu ihm auf, und dieses Mal schienen seine Augen voll von Feuer und Hitze zu sein.
„Es gibt jene, die mich Daskalos nennen“, sagte er. „Aber es gibt auch jene, die mir viele andere Namen gegeben haben. Zauberer, natürlich. Mörder der Uralten. Schattenweber. Gerade bin ich ein Mann, der seine Schulden eintreibt. Gewähre mir das und ich werde dich in Frieden lassen.“
„Die Mutter dieses Kinds ist meine Sklavin“, sagte Irrien. „Sie hat nicht das Recht, ihr Kind zu verschenken.“
Daraufhin hörte er den anderen Mann lachen.
„Es ist dir wichtig, nicht wahr?“ sagte Daskalos. „Du musst gewinnen, weil du der Stärkste sein musst. Vielleicht ist das meine Lektion an dich, Irrien: es gibt immer jemanden, der stärker ist.“
Irrien hatte genug von ihm Zauberer hin oder her. Er hatte schon zuvor Männer und Frauen getroffen, die behauptet hatten, magische Kräfte zu besitzen. Einige von ihnen waren sogar fähig gewesen, Dinge zu tun, die Irrien nicht erklären konnte. Doch nichts davon hatte ihnen im Kampf gegen ihn genützt. Wenn man es mit Magie zu tun hatte, musste man einfach so schnell und brutal angreifen wie man konnte.
Er sprang nach vorne und stieß dem jungen Mann das Messer in seiner Hand in die Brust. Daskalos blickte an sich hinab. Dann trat er so ruhig und gelassen einen Schritt zurück, als hätte Irrien nichts weiter getan als sein Gewand zu streifen.
„Lady Stephania hat etwas ähnliches versucht, nachdem ich ihr vorgeschlagen hatte, ihr Kind zu nehmen“, sagte Daskalos leicht amüsiert. „Ich werde dir jetzt sagen, was ich ihr gesagt habe: es gibt einen Preis den man zahlt, wenn man versucht, mich anzugreifen. Vielleicht werde ich sogar den Jungen auf dich ansetzten.“
Irrien warf sich ein zweites Mal auf ihn und versuchte sich dieses Mal an dem Hals des Fremden, um diesen zum Schweigen zu bringen. Er stolperte an dem Altar vorbei und verlor beinahe das Gleichgewicht. Der Zauberer war verschwunden. Irrien blinzelte und blickte sich um. Er konnte kein Anzeichen von ihm mehr entdecken.
„Nein!“ brüllte Irrien. „Ich werde dich dafür töten. Ich werde dich jagen!“
„Erster Stein?“ sagte einer der Priester. „Geht es euch gut?“
Irrien schlug ihm mit der Rückseite seiner Hand ins Gesicht, sodass der Mann krachend zu Boden ging. Er hörte, wie die Menge erschrocken die Luft anhielt. Anscheinend lag der Bann des Zauberers nicht länger auf ihnen.
„Lord Irrien“, sagte der höchste der Priester. „Ich muss protestieren. Einen Priester zu schlagen, wird Euch den Zorn der Götter zuziehen.“
„Den Zorn der Götter?“ wiederholte Irrien. Er baute sich vor ihm auf, doch das schien dem alten Narren vor lauter Selbstgerechtigkeit gar nicht aufzufallen.
„Ihr solltet das ernst nehmen, Erster Stein“, sagte der Mann. „Und wo ist die Opfergabe?“
„Verschwunden“, sagte Irrien. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie einige der dortigen Zuschauer sich unruhig hin und her bewegten. Wenigstens sie schienen die Gefahr, die von seiner Wut ausging, zu erkennen.
Der Priester schien zu sehr von sich eingenommen, als es zu bemerken. „Den Göttern muss für diesen Sieg gedankt werden oder ihr lauft Gefahr, dass es keine weiteren Siege mehr geben wird. Vielleicht seid ihr der mächtigste Mann von allen, aber die Götter – “
Irrien zog den Mann zu sich heran und bohrte ein Messer in sein Herz. Der Zauberer hatte ihn schwach aussehen lassen. Er durfte nicht zulassen, dass der Priester das Gleiche tat. Irrien verlagerte das Gewicht des alten Mannes nach hinten bis er auf dem Altar lag, beinahe auf derselben Stelle wie zuvor Stephania.
„Ich habe diesen Sieg errungen, weil ich es wollte“, sagte Irrien. „Glaubt hier irgendjemand stärker als ich zu sein? Glaubt hier irgendjemand, dass ihm die Götter die Kraft geben können, sich das zu nehmen, was mir gehört? Gibt es irgendjemanden?“
Er blickte sich still und herausfordernd um, blickte in Augenpaare, merkte sich, wer den Blick abwandte, und wenn sie es taten, wie schnell und wie ängstlich. Er wählte einen anderen unter den Priestern aus. Er war jünger als der tote.
„Du, wie heißt du?“
„Antillion, Erster Stein.“ Irrien konnte die Furcht in seiner Stimme hören. Gut. Ein Mann sollte wissen, wer ihm sein Leben nehmen kann.
„Du bist nun der höchste Priester von Delos. Du unterstehst mir. Verstehen wir uns?“
Der junge Mann verbeugte sich. „Ja, Erster Stein. Was kann ich für Euch tun?“
Irrien blickte sich um und versuchte seine üble Laune wieder unter Kontrolle zu bringen. Wut konnte in der richtigen Dosierung jenen Angst einflössen, die man in die Knie zu zwingen suchte, doch unkontrollierte Wut war nichts weiter als eine Schwäche. Sie bestärkte Dissens und ermutigte diejenigen, die sie als Dummheit missverstanden.
„Kümmere dich um das, so wie du dich um die erste Opferung gekümmert hast“, antwortete Irrien und deutete auf den toten Priester. „Später wirst du zu mir in die königlichen Gemächer kommen.“
Er lief zu den knienden Sklaven und erwählte unter ihnen zwei von Stephanias ehemaligen Zofen. Sie waren beinahe von ebenso großer Schönheit wie ihre verstorbene Herrin, besaßen jedoch ein weitaus angemesseneres Maß an Ehrfurcht. Er zog sie auf die Füße.
„Später“, sagte Irrien. Wie zufällig stieß er eine der beiden in Richtung des Priesters. „Ich werde mir nicht nachsagen lassen, dass ich die Götter nicht respektieren würde. Aber mir erteilt niemand irgendwelche Befehle. Nimm die hier und opfere sie. Ich nehme an, dass das ihnen gefallen wird?“
Der Priester verbeugte sich erneut tief. „Was immer Euch gefällt, Erster Stein, wird auch den Göttern gefallen.“
Das war eine gute Antwort. Sie war beinahe gut genug, Irrien wieder aufzuheitern. Seine Hand umschloss den Unterarm der zweiten Frau. Sie blickte erschrocken ins Leere, da sie offenbar erkannte, wie knapp sie dem Tod von der Schippe gesprungen war.
Die andere begann zu schreien, als sie sie zum Altar zerrten.
Irrien kümmerte sich nicht darum. Er scherte sich fast genauso wenig um die Sklavin, die er nun hinter sich her zog. Die Schwachen hatten keinerlei Bedeutung. Von Bedeutung war hingegen der Zauberer, der sich in seine Angelegenheiten eingemischt hatte. Irrien wusste nicht, was das zu bedeuten hatte, und es störte ihn, dass er nicht absehen konnte, was dieser Daskalos vorhatte.
Er brauchte fast den gesamten Weg bis zu den königlichen Gemächern, um sich selbst davon zu überzeugen, dass es keine Rolle spielte. Wer würde schon verstehen können, was in dem Kopf eines solch stümperhaften Magiers vor sich ging? Es zählte nur, dass Irrien seine eigenen Pläne für das Reich hatte und soweit lief alles genau nach Plan.
Was ihm jetzt bevorstand, würde sogar alles Bisherige übertreffen, auch wenn ein Wermutstropfen dabei war. Was wollte der Zauberer mit dem Jungen? Was hatte er gemeint, als er sagte, dass er ihn in eine Waffe verwandeln würde? Allein der Gedanke daran ließ Irrien erschaudern und das war etwas, das Irrien verabscheute. Er behauptete, niemanden zu fürchten, doch dieser Daskalos...
Vor ihm hatte er mächtige Angst.
KAPITEL VIER
Thanos wusste, dass er besser den Horizont hätte beobachten sollen, doch er konnte nichts, als Ceres mit einer Mischung aus Stolz, Liebe und Faszination anzublicken. Sie stand am Bug ihres kleinen Bootes und hielt ihre Hand in das Wasser, während sie vom Hafen aus auf das offene Wasser zusteuerten. Die Luft um sie schwirrte noch immer während der Dunst, der sie in Unsichtbarkeit hüllte, das Licht, das durch ihn drang, zu brechen schien.
Thanos wusste, dass er sie eines Tages heiraten würde.
„Ich denke, das reicht“, sagte Thanos sanft. Er konnte die Anstrengung in ihrem Gesicht sehen. Ihre Kräfte forderten offensichtlich ihren Tribut.
„Nur... noch ein bisschen... weiter.“
Thanos legte eine Hand auf ihre Schulter. Irgendwo hinter ihm hörte er Jeva keuchen, so als würde die Frau aus dem Knochenvolk erwarten, dass ihre Kräfte ihn zurückschleudern würden. Thanos wusste, dass Ceres ihm das niemals antun würde.
„Wir sind in Sicherheit“, sagte er. „Niemand folgt uns.“
Er sah Ceres’ überraschten Blick, als diese sich erstaunt umblickend erkannte, dass sie sich bereits in tieferen Gewässern befanden. Hatte es sie so viel Konzentration gekostet, ihre Kräfte zu benutzen? Wie dem auch war, niemand war jetzt mehr hinter ihnen, nur ein leerer Ozean.
Ceres zog ihre Hand aus dem Wasser. Sie wankte leicht. Thanos fing sie auf und hielt sie aufrecht. Nach allem, was sie durchgestanden hatte, konnte er kaum glauben, dass sie noch einmal diese Kraft hatte aufbringen können. Er wollte jetzt für sie da sein. Nicht nur ab und zu sondern immer.
„Es geht mir gut“, sagte Ceres.
„Nicht nur das“, versicherte ihr Thanos. „Du bist unglaublich.“
So unglaublich wie er niemals für möglich gehalten hatte. Ceres war nicht einfach nur schön, klug und stark. Sie besaß nicht nur diese Kräfte und dachte zuerst immer an die anderen und dann an sich selbst. Es waren alle diese Dinge zusammen, und doch hatte sie auch noch etwas Besonderes, das sich diesen Beschreibungen entzog.
Sie war die Frau, die er liebte und nach allem, was in der Stadt geschehen war, war sie die einzige Frau, die er liebte. Thanos dachte darüber nach, was das bedeutete. Jetzt konnten sie endlich zusammen sein. Sie würden zusammen sein.
Sie blickt zu ihm auf und zog ihn zu sich hinab, um ihn zu küssen. Es war ein sanfter, liebevoller Augenblick voll von Zärtlichkeit. Thanos wünschte, dass dieser Moment von der gesamten Welt Besitz ergriffe und dass es nichts anderes mehr gäbe, um das sie sich kümmern mussten.
„Du hast dich für mich entschieden“, sagte Ceres und berührte sein Gesicht, als er sich wieder aufrichtete.
„Ich würde mich immer wieder für dich entscheiden“, sagte Thanos. „Ich werde jetzt immer für dich da sein.“
Diese Worte zauberten ein Lächeln auf Ceres’ Lippen. Doch konnte Thanos auch die latente Unsicherheit in ihrem Ausdruck sehen. Wie hätte es auch anders sein können und doch wünschte er sich, dass es diesen Zweifel nicht geben würde. Er hätte ihn ihr gerne ausgetrieben, sodass zwischen ihnen alles wieder gut gewesen wäre. Er wollte sie noch andere Dinge fragen, doch er wusste auch, dass er nichts überstürzen sollte.
„Ich würde mich auch immer wieder für dich entscheiden“, versicherte Ceres ihm und lehnte sich zurück. „Ich sollte mich jetzt mal mit meinem Vater und meinem Bruder kurzschließen.“
Sie trat zu Berin, der neben Sartes und Leyana stand. Eine glücklich aussehende Familie. Ein Teil von Thanos sehnte sich danach, sich zu ihnen zu gesellen, um ein Teil dieser Familie zu werden. Er wollte zu Ceres’ Leben dazugehören, und er vermutete, dass auch sie das wollte, doch Thanos wusste, dass die Dinge zwischen ihnen Zeit brauchen würden, um zu heilen.
Aus diesem Grunde blieb er, wo er war und widmete sich den übrigen Mitreisenden ihres Bootes. Für die Größe des Bootes waren es recht viele. Die drei Kampfherren, die Ceres gerettet hatte, übernahmen den Großteil der Ruderarbeit. Jetzt, da sie den Hafen hinter sich gelassen hatten, würden sie auch das kleine Segel setzen können. Akila lag auf der Seite, ein Rekrut, den Sartes befreit hatte, kümmert sich um seine Wunde.
Jeva stellte sich zu ihm.
„Du bist ein Schwachkopf, wenn du sie gehen lässt“, sagte Jeva.
„Ein Schwachkopf?“ konterte Thanos. „Ist das der Dank dafür, dass ich dir gerade das Leben gerettet habe?“
Er sah, wie die Frau aus dem Knochenvolk mit den Schultern zuckte. „Auch das war schwachsinnig. Sein Leben für ein anderes aufs Spiel zu setzen, ist dumm.“
Thanos legte seinen Kopf auf die Seite. Er würde sie wohl nie ganz verstehen können. Mit einem Blick auf Ceres gestand er sich ein, dass sich dies wohl nicht nur auf die Frau aus dem Knochenvolk beschränkte.
„Für seine Freunde setzt man auch sein Leben aufs Spiel“, sagte Thanos.
Jeva schüttelte den Kopf. „Ich hätte mein Leben nicht für dich riskiert. Wenn die Zeit gekommen ist, sich mit den Geistern der Urahnen zu vereinen, dann ist die Zeit eben gekommen. Das ist vielmehr eine Ehre.“
Thanos wusste nicht, wie er das verstehen sollte. Meinte sie das ernst? Wenn das so war, dann kam es ihm ein wenig undankbar vor angesichts dessen, was Ceres und er bereit gewesen waren, für ihre Rettung zu riskieren.
„Wenn ich geahnt hätte, welche Ehre es ist, als Galionsfigur an einem der Schiffe des Ersten Steins zu baumeln, dann hätte ich dich natürlich deinem Schicksal überlassen“, sagte Thanos.
Jeva blickte ihn leicht verärgert an. Jetzt war sie an der Reihe, herauszufinden, wie ernst er diese Aussage gemeint hatte.
„Du machst Witze“, sagte sie, „und trotzdem hättest du mich nicht retten sollen. Ich hab dir doch gesagt, nur ein Narr riskiert sein Leben für andere.“
Diese Einstellung konnte Thanos nicht teilen.
„Nun“, sagte er. „Ich bin zumindest froh, dass du noch am Leben bist.“
Jeva schien einen Moment lang nachzudenken. „Ich bin auch froh, was komisch ist. Den Toten wird das nicht gefallen. Vielleicht habe ich noch immer etwas zu tun. Ich werde dir folgen, bis ich herausgefunden habe, was das sein könnte.“
Sie sagte es so als wäre es schon beschlossene Sache, ohne dass Thanos ein Wörtchen hätte mitreden können. Er frage sich, wie es sein musste, wenn man mit der Gewissheit, dass die Toten über alles bestimmten, durch die Welt ging.
„Ist es nicht seltsam?“ fragte er sie.
„Was ist seltsam?“ antwortete Jeva.
„Anzunehmen, dass alle Entscheidungen im Leben von den Toten gemacht werden.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nicht alle Entscheidungen. Sie wissen nur mehr als wir. Sie sind viel mehr als wir hier. Wenn sie sprechen, sollten wir ihnen zuhören. Sieh dich doch mal an.“
Thanos musste die Stirn runzeln. Er gehörte nicht zum Knochenvolk und würde auch keine Anweisungen von einem Stellvertreter der Toten entgegennehmen.
„Mich?“
„Wärst du jetzt etwa hier, wenn deine Eltern und deren Eltern nicht bestimmte Entscheidungen getroffen hätten?“ fragte Jeva. „Du bist ein Prinz. Deine gesamte Macht basiert auf den Toten.“
Da hatte sie Recht, doch Thanos war sich unsicher, ob das das Gleiche war.
„Ich entscheide über die Lebenden nicht die Toten“, sagte er.
Jeva lachte als wäre es ein besonders lustiger Scherz. Dann verengte sie ihre Augen zu Schlitzen. „Oh, du meinst das ernst. Auch unter uns gibt es Menschen, die das behaupten. Meistens sind sie verrückt. Naja, letztlich leben wir in einer verrückten Welt, also warum sollte ich dich verurteilen? Wohin werden wir als nächstes fahren?
Darauf hatte Thanos keine Antwort.
„Ich bin mir nicht sicher“, gab er zu. „Mein Vater hat mir gesagt, wo ich meine wahre Mutter finden kann, und dann hat die Königin mir etwas anderes erzählt.“
„Na dann“, sagte Jeva. „Wir sollten dorthin fahren. Nachrichten von Toten sollten niemals ignoriert werden. Oder wir kehren in das Land meiner Leute zurück. Wir müssen ihnen noch berichten, was aus unserer Flotte geworden ist.“
Die Aussicht ihrem Volk die Nachricht so vieler Tode zu überbringen, schien sie nicht zu bekümmern. Auch schien sie Ceres immer wieder ehrfurchtsvolle Blicke zuzuwerfen.
„Sie ist genau so, wie du sie beschrieben hast. Was auch immer zwischen euch steht, räum’ es aus dem Weg.“
Aus ihrem Mund klang das so einfach als wäre es eine Leichtigkeit, diesen Worten Taten folgen zu lassen. Thanos bezweifelte, dass die Dinge so einfach waren.
„Ich versuche es.“
„Dann gib dir mehr Mühe“, sagte sie.
Nichts lieber wollte Thanos. Er wollte Ceres seine Liebe gestehen. Mehr noch, er wollte sie fragen, ob sie sein werden wollte. Es schien als warteten sie schon eine Ewigkeit darauf.
Sie winkte ab. „Geh, geh zu ihr.“
Thanos war sich nicht sicher, ob es ihm gefiel, so sehr gedrängt zu werden, und doch musste er zugeben, dass Jeva Recht hatte, wenn es darum ging, an Ceres dran zu bleiben. Er ging zu ihr und den anderen hinüber. Ihr Gesichtsausdruck war ernster, als er erwartet hatte.
Ihr Vater drehte sich um und griff Thanos’ Hand.
„Schön dich wieder hier zu haben, Junge“, sagte er. „Die Dinge wären ohne dich weitaus komplizierter.“
„Ihr hättet schon einen Weg gefunden“, wehrte Thanos ab.
„Jetzt müssen wir unseren Weg erst einmal finden“, antwortete Berin. „Ich habe den Eindruck, dass jeder irgendwo anders hin will.“
Thanos sah Ceres nicken.
„Die Kampfherren meinen, wir sollten uns dort draußen als Söldner anbieten“, sagte sie. „Sartes zieht es auf das Land in der Nähe des Reichs, und ich habe darüber nachgedacht, zur Insel jenseits des Nebels zurückzufahren.“
„Jeva will zu ihrem Volk zurückfahren“, sagte Thanos.
„Und du?“ fragte Ceres.
Er wollte ihr über die Lande der Wolkenberge erzählen, über seine vermisste Mutter und die Möglichkeit, sie dort zu finden. Mit Ceres hätte er überall leben können. Doch dann blickte er zu Akila.
„Ich gehe dorthin, wo du hingehst“, sagte er, „allerdings glaube ich nicht, dass Akila eine lange Reise überleben würde.“
„Das glaube ich auch nicht“, sagte Ceres.
Thanos kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie sich bereits ein Ziel in den Kopf gesetzt hatte. Thanos war überrascht, dass sie noch nicht das Ruder übernommen hatte. Er konnte sich jedoch vorstellen, warum das so war. Als sie das letzte Mal das Kommando übernommen hatte, war Delos erst Stephania und dann den Besatzern in die Hände gefallen.
„Keine Sorge“, sagte Thanos und ergriff ihren Arm. „Ich vertraue dir. Was immer du entscheidest, ich werde dir folgen.“
Er vermutete, dass er damit nicht allein sein würde. Auch Ceres’ Familie würde ihr nicht von der Seite weichen und die Kampfherren hatten ihr ihre Treue geschworen, auch wenn sie davon sprachen, zu neuen Abenteuern aufbrechen zu wollen. Was Jeva anging... nun, Thanos hätte nicht von sich behauptet, dass er sie gut genug kannte, um zu wissen, was sie tun wollte, doch konnten sie sie immer noch irgendwo absetzen, wenn es das war, was sie wollte.
„Das Schmugglerboot das dich nach Delos gebracht hat, werden wir nicht einholen können“, sagte Ceres. „Selbst wenn wir wüssten, wo es sich gerade befindet, werden wir mit diesem kleinen Boot nicht schnell genug sein. Und wenn wir uns zu viel vornehmen... dann, denke ich, wird Akila es nicht schaffen.“
Thanos nickte. Er hatte die Wunde, die der Erste Stein ihrem Freund zugefügt hatte, gesehen. Dass Akila überhaupt noch lebte, war vor allem seiner Willenskraft geschuldet. Jetzt würde er jedoch einen echten Heiler brauchen.
„Wohin dann?“ fragte Thanos.
Ceres blickte erst ihn und dann die anderen an. Sie schien beinahe ängstlich das auszusprechen, was ihr in den Sinn gekommen war.
„Dann gibt es nur noch einen Ort“, sagte Ceres. Sie hob ihre Stimme so, dass das ganze Schiff sie vernehmen konnte. „Wir müssen nach Haylon fahren.“





