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Christian Möller Umsatzsteuerrecht
Umsatzsteuerrecht
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Christian Möller Umsatzsteuerrecht

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281

§ 1 Abs. 1a S. 1 UStG schließt (schon) die Steuerbarkeit aus, regelt also keine Steuerbefreiung. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil Rechtsfolge einer Steuerbefreiung regelmäßig ist, dass der Unternehmer die Vorsteuer auf Eingangsleistungen nicht abziehen kann (kein Vorsteuerabzug, § 15 Abs. 2 S. 1 Nr 1 UStG, s. dazu noch im Einzelnen Rn 753 ff). Die fehlende Steuerbarkeit löst diese Rechtsfolge nicht aus. Das ist von Bedeutung im Hinblick auf die Transaktionskosten, die der Veräußerer aufwendet, etwa Beraterhonorare (für Rechtsanwälte, Steuerberater oder Investmentbanken), Makler- oder Beurkundungskosten. Der Vorsteuerabzug für diese Aufwendungen wäre ausgeschlossen, wenn die GiG steuerfrei wäre. Weil sie schon nicht steuerbar ist, ist der Vorsteuerabzug dagegen grundsätzlich möglich.

282

Nach § 1 Abs. 1a S. 3 UStG tritt im Falle der GiG der erwerbende Unternehmer umsatzsteuerrechtlich an die Stelle des Veräußerers. Er führt insbesondere etwaige Vorsteuerberichtigungszeiträume nach § 15a UStG fort, kann also verpflichtet sein, nach dieser Vorschrift vom Veräußerer abgezogene Vorsteuerbeträge (anteilig) zurückzuzahlen (s. dazu noch Rn 825 f, insb. das dortige Beispiel).[52] Dagegen bedeutet der Eintritt in die Rechtsstellung des Veräußerers nach zutreffender Auffassung nicht, dass der Erwerber für Umsatzsteuerschulden des Veräußerers haftet; eine solche Haftung kann sich nur aus § 75 AO und in den dort geregelten Grenzen ergeben.[53]

§ 5 Lieferung und sonstige Leistung › E. Mehrpersonenverhältnisse

E. Mehrpersonenverhältnisse

283

Bei einem Sachverhalt mit mehr als zwei Beteiligten kann sich die Frage stellen, wer genau Leistender und Leistungsempfänger (im Sinne der Umsatzsteuer) sind. Hier gilt: Leistender ist grundsätzlich derjenige, der im eigenen Namen Lieferungen oder sonstige Leistungen gegenüber einem anderen selbst oder durch einen Beauftragten ausführt. Wer dies ist, ist regelmäßig den zivilrechtlichen Rechtsbeziehungen zu entnehmen. Selbstständige oder unselbstständige Hilfspersonen (etwa Arbeitnehmer, Frachtführer oder Spediteure), die von den Parteien eines Kaufvertrages in dessen Vollzug eingeschaltet werden, werden dadurch nicht Lieferer oder Erwerber im umsatzsteuerrechtlichen Sinne.

284

Beispiel:

Ein Einzelhändler lässt sich beim Abschluss und Vollzug von Kaufverträgen durch sein Personal vertreten (§§ 164 ff BGB).

Lösung: Partei der geschlossenen Verträge ist (als Verkäufer) der Einzelhändler, nicht die jeweils an der Kasse arbeitende Person. Leistungen im Sinne der Umsatzsteuer sind nur zwischen dem Einzelhändler und dessen Kunden zu bejahen.

285

Wegen der Maßgeblichkeit der zivilrechtlichen Rechtsbeziehungen ist derjenige, der als Verkäufer Partei eines Kaufvertrages ist, selbst dann Leistender i. S. d. Umsatzsteuerrechts, wenn er aufgrund einer Vereinbarung mit einem Dritten im Innenverhältnis für dessen Rechnung handelt.[54]

286

Beispiel:

Eine Dame, die über zwei eBay-Konten 140 Pelzmäntel verkauft hatte, verteidigte sich gegen ihre Heranziehung zur USt, indem sie behauptete, „im Auftrag“ ihres Ehegatten tätig geworden zu sein.

Lösung: Der BFH hielt diese Behauptung für unerheblich, da es für die Frage, wer umsatzsteuerrechtlich Leistender sei, ausschließlich darauf ankomme, wer im Außenverhältnis als Vertragspartner auftrete. Die klagende Ehegattin sei gegenüber den Käufern nicht als Vertreterin ihres Gatten aufgetreten, sondern in eigenem Namen. Sie – nicht der Gatte – sei daher Leistende.[55] Umstritten war im entschiedenen Fall übrigens auch die Unternehmereigenschaft der Ehegattin; s. dazu Rn 113 f.

287

Von einem Reihengeschäft ist die Rede, wenn mehrere Unternehmer über denselben Gegenstand Umsatzgeschäfte abschließen und dieser Gegenstand bei der Beförderung oder Versendung unmittelbar vom ersten Unternehmer zum letzten Abnehmer gelangt. In diesen Fällen kann vor allem die Frage des Lieferortes Schwierigkeiten bereiten. Die darauf bezogenen Regelungen (§ 3 Abs. 6 S. 5 sowie Abs. 7 S. 2 UStG) werden unten behandelt (Rn 314 ff). An dieser Stelle genügt es festzuhalten, dass jedem zivilrechtlichen Umsatzgeschäft eine Lieferung im umsatzsteuerrechtlichen Sinne entspricht. Der Umstand, dass es tatsächlich nur eine Warenbewegung gibt, spricht also nicht gegen die Annahme von zwei Lieferungen.

288

Beispiel:

Ein Einzelhändler verkauft nicht vorrätige Ware an eine Kundin. Der Einzelhändler bestellt die Ware beim Großhändler. Dieser liefert die Ware auf die Bitte des Einzelhändlers direkt an die Kundin aus. Hier gibt es zwar nur einen Transport der Ware (im Umsatzsteuerrecht wird von der „Warenbewegung“ gesprochen). Dennoch liegen zwei steuerbare Lieferungen vor. Die Zahl der Lieferungen entspricht damit der Zahl der zivilrechtlichen Umsatzgeschäfte (Kaufverträge).

Anmerkungen

[1]

UStAE Abschn. 3.1 Abs. 1 S. 2.

[2]

UStAE Abschn. 3.1 Abs. 1 S. 3.

[3]

UStAE Abschn. 3.1 Abs. 1 S. 5; Stadie, UStG, 3. Aufl. 2015, § 3 Rn 6.

[4]

UStAE Abschn. 3.5 Abs. 8 S. 1, 3.

[5]

Dazu Vatter, in: Spindler/Stilz, AktG, 3. Aufl. 2015, § 10 Rn 54 ff.

[6]

UStAE Abschn. 3.5 Abs. 8 S. 2.

[7]

BFH, Urt. v. 18.2.2016 – V R 53/14, BeckRS 2016, 94504 = Möller, SteuK 2016, 236.

[8]

EuGH, Urt. v. 18.7.2013 – C-78/12, BeckRS 2013, 81527, Rn 33; UStAE Abschn. 3.1 Abs. 2 S. 4; Stadie, UStG, 3. Aufl. 2015, § 3 Rn 22 ff.

[9]

UStAE Abschn. 3.1 Abs. 3 S. 4.

[10]

BFH, Urt. v. 6.12.2007 – V R 24/05, BeckRS 2007, 24003206.

[11]

So überzeugend Stadie, UStG, 3. Aufl. 2015, § 3 Rn 120.

[12]

So differenzierend Stadie, UStG, 3. Aufl. 2015, § 3 Rn 39, 120.

[13]

BFH, Urt. v. 24.2.2005 – V R 1/03, BeckRS 2005, 25007863.

[14]

UStAE Abschn. 3.1 Abs. 3 S. 1.

[15]

Veräußert der Sicherungsnehmer im eigenen Namen, kommt es zu einem Doppelumsatz. Veräußert der Sicherungsgeber in eigenem Namen oder veräußert der Sicherungsnehmer im Namen des Sicherungsgebers, ist sogar ein Dreifachumsatz zu bejahen, BFH, Urt. v. 6.10.2005 – V R 20/04, BeckRS 2005, 24002377; BFH, Urt. v. 30.3.2006 – V R 9/03, BeckRS 2006, 24002530; UStAE Abschn. 1.2 Abs. 1, 1a.

[16]

S. die Nachweise in BFH, Urt. v. 6.4.2016 – V R 12/15, BeckRS 2015, 94622 = MwStR 2016, 757 ff. m. Anm. Möller. Eine Kreditgewährung wurde im entschiedenen Fall verneint, weil der Leasinggeber seinerseits vom Leasingnehmer einen Kredit erhalten hatte, um das Leasinggut zu finanzieren.

[17]

Häuser, in: Münchener Kommentar zum HGB, 3. Aufl. 2013, § 383 Rn 65 ff.

[18]

BFH, Urt. v. 25.11.1986 – V R 102/78, BeckRS 1986, 22007890; UStAE Abschn. 3.1 Abs. 3 S. 7.

[19]

UStAE Abschn. 1a.2 Abs. 7 S. 2, 3 und Abschn. 3.1 Abs. 3 S. 8.

[20]

UStAE, a.a.O. (Fn 14).

[21]

UStAE Abschn. 1a.2 Abs. 3 S. 1.

[22]

UStAE Abschn. 1a.2 Abs. 4 S. 1.

[23]

BFH, Urt. v. 21.5.2014 – V R 34/13; BeckRS 2014, 95812. Ebenso Robisch, in: Bunjes, UStG, 15. Aufl. 2016, § 1a Rn 47.

[24]

UStAE Abschn. 1a.2 Abs. 9 S. 2.

[25]

UStAE Abschn. 1a.2 Abs. 10 Nr 1 Bsp. 1.

[26]

EuGH, Urt. v. 6.3.2014 – C-606/12, C-607/12, MwStR 2014, 237 ff m. Anm. Grube. S. dazu Huschens, SteuK 2014, 247 ff, der davon ausgeht, dass die Auffassung der Finanzverwaltung nicht im Einklang mit dem Richtlinienrecht stehe.

[27]

UStAE Abschn. 1a.2 Abs. 4.

[28]

UStAE Abschn. 1a.2 Abs. 10 Nr 1.

[29]

UStAE Abschn. 3.8 Abs. 1 S. 3.

[30]

EuGH, Urt. v. 29.3.2007 – C-111/05, IStR 2007, 401 ff m. Anm. Korf, Rn 36 ff; UStAE Abschn. 3.8 Abs. 6 S. 4, 5.

[31]

UStAE Abschn. 3.8 Abs. 6 S. 6, 7.

[32]

EuGH, a.a.O. (Fn 30); BFH, Urt. v. 9.6.2005 – V R 50/02, DStR 2005, 1567 ff; UStAE Abschn. 3.8 Abs. 1 S. 4, Abs. 6 S. 3; Leonard, in: Bunjes, UStG, 15. Aufl. 2016, § 3 Rn 183.

[33]

UStAE Abschn. 3.8 Abs. 1 S. 4, Abs. 6 S. 6.

[34]

Leonard, in: Bunjes, UStG, 15. Aufl. 2016, § 3 Rn 181.

[35]

BFH, a.a.O. (Fn 32).

[36]

UStAE Abschn. 3.5 Abs. 2 Nr 1.

[37]

UStAE Abschn. 3.5 Abs. 3 Nr 8.

[38]

UStAE Abschn. 3.5 Abs. 3 Nr 8.

[39]

UStAE Abschn. 3.5 Abs. 5 S. 2.

[40]

BFH, Urt. v. 1.10.1970 – V R 49/70, BeckRS 1970, 22000716; UStAE Abschn. 3.5 Abs. 5 S. 3; Leonard, in: Bunjes, UStG, 15. Aufl. 2016, § 3 Rn 77.

[41]

Durchführungsverordnung (EU) Nr 282/2011 v. 15.3.2011, ABl. Nr L 77 S. 1.

[42]

S. zum Ganzen UStAE Abschn. 3.6 m. w. N.

[43]

BFH, Urt. v. 8.6.2011 – XI R 37/08, BeckRS 2011, 96298; BFH, Urt. v. 30.6.2011 – V R 35/08, BeckRS 2011, 96086; UStAE Abschn. 3.6 Abs. 2, Abs. 6 Bsp. 1.

[44]

UStAE Abschn. 3.6 Abs. 3, Abs. 6 Bsp. 2.

[45]

UStAE Abschn. 3.6 Abs. 4 S. 11, Abs. 6 Bsp. 2 S. 6.

[46]

UStAE Abschn. 3.6 Abs. 6 S. 1, Abs. 6 Bsp. 3, 4, 9 und 10.

[47]

BFH, Urt. v. 30.6.2011 – V R 3/07, BeckRS 2011, 96086.

[48]

BFH, Urt. v. 3.12.2015 – V R 36/13, DStR 2016, 236 (237 f) = Möller, GWR 2016, 131.

[49]

BFH, Urt. v. 11.10.2007 – V R 57/06, DStR 2008, 292 ff. Bei Veräußerung eines zur Vermietung bestimmten Ferienhauses kommt es für den Übergang des Vermietungsunternehmens – und damit das Vorliegen einer GiG – aber nicht auf den (eher zufälligen) Umstand an, ob das Haus gerade im Zeitpunkt der Veräußerung vermietet ist, s. BFH, Urt. v. 5.6.2014 – V R 10/13, DStR 2014, 1823 f.

[50]

BFH, Urt. v. 12.8.2015 – XI R 16/14, BeckRS 2015, 96114 m. w. N.

[51]

BFH, Urt. v. 25.11.2015 – V R 66/14, DStR 2016, 311 ff. BFH, Urt. v. 12.8.2015 – XI R 16/14; BeckRS 2015, 96114.

[52]

Robisch, in: Bunjes, UStG, 15. Aufl. 2016, § 1 Rn 140 f.

[53]

So zutreffend Stadie, in: Rau/Dürrwächter, UStG, 168. Lief. 07.2016, § 2 Rn 753 ff m. w. N., auch zur Gegenauffassung.

[54]

BFH, Urt. v. 12.8.2015 – XI R 43/13, BeckRS 2015, 95594 = Möller, SteuK 2015, 473; s. auch UStAE Abschn. 2.1 Abs. 3 (Unternehmer ist danach auch der „Strohmann“, der im eigenen Namen für Rechnung eines anderen handelt.

[55]

BFH, a.a.O. (Fn 54).

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